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Zu vermieten

John Galsworthy: Zu vermieten - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleZu vermieten
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year1925
translatorLuise Wolf
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150313
projectide6cc6f7a
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Drittes Kapitel

In Robin Hill

Jolyon Forsyte hatte in Robin Hill den neunzehnten Geburtstag seines Jungen verlebt, war aber dabei ruhig seiner Beschäftigung nachgegangen. Er tat jetzt alles sehr ruhig, weil sein Herz angegriffen war und ihm, wie seiner ganzen Familie, der Gedanke an den Tod zuwider war. Er hatte sich nie klargemacht wie sehr, bis er eines Tages vor zwei Jahren gewisser Symptome wegen zum Arzt gegangen war und erfahren hatte:

»Jeden Augenblick, bei jeder Überanstrengung!«

Er hatte es mit einem Lächeln aufgenommen – bei einem Forsyte die natürliche Rückwirkung einer unangenehmen Wahrheit gegenüber. Allein, als die Symptome sich im Zuge auf dem Heimweg verschlimmerten, war er zu voller Klarheit über den Urteilsspruch gekommen, der über ihm schwebte. Irene verlassen, seinen Jungen, sein Haus, seine Arbeit – wenn er jetzt auch wenig genug arbeitete! Sie um eines unbekannten Dunkels willen verlassen, um eines so undenkbaren Zustands, eines solchen Nichts willen, daß er nicht einmal etwas von dem Wind wissen würde, der die Blätter über seinem Grab bewegte, noch den Geruch von Gras und Erde. Um solchen Nichts willen, das er nie würde begreifen können, mochte er auch noch so sehr versuchen, es zu tun. Daher durfte er die Hoffnung nicht aufgeben, sie, die er liebte, einst wiederzusehen! Sich dies vorzustellen, war eine stechende innere Qual. Bevor er an jenem Tage zu Hause anlangte, hatte er beschlossen, es Irene zu verschweigen.

Er würde vorsichtiger sein müssen, als je ein Mann gewesen, denn die geringste Kleinigkeit konnte es verraten und sie – beinah ebenso unglücklich machen wie ihn selbst. Sein Arzt hatte ihn in anderer Hinsicht für gesund erklärt, und siebzig Jahre waren kein Alter – er würde noch lange standhalten, wenn er konnte!

Dieser Beschluß, den er vor nahezu zwei Jahren gefaßt, entwickelte in vollem Maße die zartere Seite seines Charakters. Von Natur nicht aufbrausend, außer wenn er sich in nervöser Erregung befand, war er die verkörperte Selbstbeherrschung geworden. Die traurige Geduld alter Leute, die zum Müßiggang verurteilt sind, war durch ein Lächeln verhüllt, das sogar, wenn er allein war, auf seinen Lippen blieb. Und er ersann fortgesetzt allerlei Vorwände, um den erzwungenen Müßiggang zu verbergen.

Obwohl er sich selbst deswegen verspottete, heuchelte er eine Bekehrung zu einfacherem Leben, gab Wein und Zigarren auf und trank eine besondere Art von Kaffee ohne Kaffee darin. Kurz, er sicherte sich, wie ein Forsyte in seiner Lage es mit Hilfe seiner milden Ironie vermochte. Sicher vor Entdeckung, da seine Frau und sein Sohn in die Stadt gefahren waren, hatte er den schönen Maitag damit zugebracht, in Ruhe seine Papiere zu ordnen, damit er morgen sterben könnte, ohne irgend jemand zu belästigen, und somit seinem irdischen Sein tatsächlich den letzten Stempel aufzudrücken. Nachdem er sie in seines Vaters chinesischem Schrank verstaut und eingeschlossen hatte, legte er den Schlüssel in ein Kuvert, schrieb außen darauf die Worte: »Schlüssel zum chinesischen Schrank, worin die genaue Aufstellung meines Vermögens zu finden ist. J.F.« und steckte es in seine Brusttasche, um es für den Fall, daß ihm etwas zustoßen sollte, immer bei sich zu haben. Dann klingelte er nach Tee und ging hinaus, um ihn unter der Eiche einzunehmen.

Allen Menschen droht der Tod, und Jolyon, dem er nur ein wenig deutlicher und ernster drohte, hatte sich so daran gewöhnt, daß er, wie andere Leute, meist an andere Dinge dachte. Jetzt dachte er an seinen Sohn.

Jon war an diesem Tage neunzehn Jahre alt und hatte kürzlich einen Entschluß gefaßt. Er war weder in Eton erzogen worden wie sein Vater, noch in Harrow, wie sein verstorbener Halbbruder, sondern in einer der Anstalten, die bestimmt waren, das Schlechte des öffentlichen Schulsystems zu vermeiden und das Gute darin zu pflegen, aber vielleicht das Schlimme pflegten und das Gute vermieden. Jon hatte die Schule im April verlassen, ohne die geringste Ahnung zu haben, was er eigentlich werden wolle. Der Krieg, der ewig zu dauern versprach, war gerade zu Ende, als er im Begriff war, sechs Monate vor seiner Zeit ins Heer einzutreten. Seitdem hatte er sich allmählich an den Gedanken zu gewöhnen gehabt, daß es ihm jetzt freistand, selbst eine Wahl für sich zu treffen. Er hatte mit seinem Vater verschiedentliche Diskussionen gehabt, und als er munter erklärte, daß er zu allem bereit sei – ausgenommen natürlich Kirche, Heer, Rechtswissenschaft, Bühne, Medizin, Börse, Geschäft und die Technik –, war Jolyon ziemlich im klaren darüber, daß Jon eigentlich zu nichts Lust hatte. Er selbst hatte in dem Alter genau so gefühlt. Bei ihm hatte eine frühe Heirat und deren unglückliche Folgen dieser angenehmen Leere bald ein Ende gemacht. Ihn hatte die Not gezwungen, als Agent bei Lloyds einzutreten, und er war wieder zu Wohlstand gekommen, bevor sein künstlerisches Talent sich entpuppt hatte. Doch nachdem er seinen Jungen »gelernt« hatte, wie einfache Leute es nennen, Schweine und andere Tiere zu zeichnen, wußte er, daß Jon niemals Maler werden würde, und schloß aus seiner Abneigung gegen alles sonst, daß er wohl dazu bestimmt war, Schriftsteller zu werden. Da seiner Ansicht nach jedoch selbst für diesen Beruf Erfahrung notwendig war, fand Jolyon, daß für Jon nichts anderes übrigblieb als die Universität, Reisen und vielleicht das Studium der Rechte. Danach würde man sehen, oder vielmehr wahrscheinlich nicht sehen. Indessen war Jon diesen Anregungen gegenüber unentschieden geblieben. Solche Auseinandersetzungen mit seinem Sohn hatten Jolyon in dem Zweifel daran bestärkt, daß die Welt sich wirklich verändert hatte. Die Leute sagten, es sei ein neues Zeitalter. Aber mit seinem Scharfblick erkannte Jolyon, daß die Zeit unter einer leichten Veränderung der Oberfläche genau dieselbe war, die sie gewesen. Die Menschheit war noch in zwei Arten geteilt: die wenigen, die Phantasie hatten, und die vielen, die sie nicht hatten, mit einem Gürtel von Bastardwesen, wie er, in der Mitte. Jon schien Phantasie zu besitzen; sein Vater betrachtete das als schlechte Aussicht.

Mit einem tieferen Gefühl, als sein gewohntes Lächeln erkennen ließ, hatte er den Jungen daher vor vierzehn Tagen sagen hören: »Ich möchte es gern mit der Landwirtschaft versuchen, Papa, wenn es nicht zuviel kostet. Es scheint die einzige Art von Leben zu sein, die niemand schadet, ausgenommen die Kunst, und davon kann bei mir keine Rede sein.«

Jolyon hatte sein Lächeln unterdrückt und geantwortet:

»Gut, du sollst dahin zurückkehren, wo wir im Jahre 1760 unter dem ersten Jolyon waren. Es wird die Theorie des Kreises beweisen, und wenn der Zufall es will, wirst du vielleicht bessere Rüben ziehen, als er es getan.«

Ein wenig verdutzt hatte Jon erwidert:

»Aber hältst du es nicht für einen guten Plan, Papa?«

»Er ist nicht schlecht, mein Lieber, und wenn du dich wirklich dafür entscheidest, wirst du mehr Gutes tun als die meisten Menschen, was wenig genug ist.«

Zu sich selbst jedoch hatte er gesagt: »Aber er wird sich nicht dafür entscheiden. Ich gebe ihm vier Jahre. Schließlich ist es gesund und harmlos.«

Nachdem er die Sache nach allen Seiten hin überlegt und sich mit Irene beraten hatte, schrieb er an seine Tochter, Mrs. Val Dartie, und fragte sie, ob sie einen Landwirt in ihrer Nähe wüßten, der Jon als Eleven annehmen würde. Hollys Antwort war enthusiastisch. Sie wüßten einen vortrefflichen Mann ganz nahe bei ihnen, sie und Val wären glücklich, mit Jon leben zu können.

Der Junge sollte morgen fort.

Jolyon schlürfte seinen schwachen Tee mit Zitrone und betrachtete durch die Blätter der alten Eiche die Aussicht, die ihm zweiunddreißig Jahre so lieb gewesen. Der Baum, unter dem er saß, schien nicht einen Tag älter. So jung die kleinen, bräunlichen goldenen Blätter, so alt das weißliche Grüngrau des dicken rauhen Stammes. Ein Baum der Erinnerungen, der noch Hunderte von Jahren leben würde, wenn nicht irgendein Barbar ihn fällte. – Er erinnerte sich einer Nacht vor drei Jahren, als er, den Arm fest um Irene geschlungen, aus dem Fenster gesehen und ein deutsches Flugzeug beobachtet hatte, das gerade über dem alten Baum zu schweben schien. Am nächsten Tage hatten sie auf dem Felde des Nachbargutes ein Bombenloch gefunden. Das war, bevor er wußte, daß er zum Tode verurteilt war. Er wünschte beinah, daß die Bombe ihn getötet hätte. Es hätte ihm viel Ungewißheit erspart, viele Stunden kalter Furcht im Herzen. Er hatte damit gerechnet, bis zu dem normalen Forsytealter von fünfundachtzig oder mehr zu leben, wo Irene siebzig sein würde. Sie würde ihn wohl vermissen. Allein sie hatte ja Jon, der wichtiger für ihr Leben als er war. Jon, der seine Mutter anbetete.

Unter diesem Baum, wo der alte Jolyon, während er Irene erwartete, sein Leben ausgehaucht hatte, überlegte Jolyon, ob er, wo er alles so vollkommen in Ordnung gebracht, jetzt nicht lieber auch die Augen schließen und von ihnen gehen sollte. Es lag etwas Unwürdiges darin, so parasitenhaft an dem zwecklosen Ende eines Lebens zu hängen, in dem er nur zweierlei bedauerte – die lange Trennung zwischen seinem Vater und ihm, als er jung war, und daß er so spät zu der Verbindung mit Irene gekommen war.

Von seinem Platz aus konnte er eine Gruppe blühender Apfelbäume sehen. Nichts in der Natur bewegte ihn so, wie Obstbäume in der Blüte; und sein Herz tat ihm plötzlich weh, weil er sie vielleicht nie wieder blühen sehen würde. Frühling! Wahrlich, niemand sollte sterben müssen, solang das Herz noch jung genug war, Schönheit zu lieben! Amseln sangen sorglos in den Büschen, die Schwalben flogen hoch, die Blätter über ihm glänzten; und über den Feldern brannte in der Sonne junges Laubwerk jeder Schattierung, bis zu dem fernen Blau des »Rauchbusches«, das sich am Horizonte hinzog. Irenens Blumen, auf ihren schmalen Beeten, wirkten an diesem Abend erstaunlich individuell, fast wie eine Verheißung heiterer Lebenslust. Nur chinesische und japanische Maler, und vielleicht Leonardo, hatten jenes kleine erstaunliche Ego in jede gemalte Blume, jeden Vogel und jedes Tier zu bringen gewußt – das Ego und doch dabei das Eigentümliche der Art, das Leben in seiner Gesamtheit. Sie hatten es verstanden! »Ich habe nichts gemacht, das bleiben wird!« dachte Jolyon; »ich war ein Dilettant – ein bloßer Liebhaber, kein Schöpfer. Schließlich aber hinterlasse ich doch Jon, wenn ich gehe.« Welch ein Glück, daß der Junge nicht dem grausigen Krieg zum Opfer fiel! Er hätte so leicht getötet werden können wie der arme Jolly vor zwanzig Jahren, draußen in Transvaal. Jon würde dereinst etwas zuwege bringen – wenn die Zeit ihn nicht verdarb – er war ein phantasievoller Bursche! Sein Einfall, es mit der Landwirtschaft zu versuchen, war nur Gefühlssache bei ihm und würde wohl nicht von Dauer sein. Und gerade jetzt sah er sie über das Feld heraufkommen: Irene und der Junge kamen Arm in Arm vom Bahnhof. Er stand auf und schlenderte durch den neuen Rosengarten, um ihnen entgegenzugehen ...

An diesem Abend kam Irene in sein Zimmer und setzte sich ans Fenster. Sie saß dort ohne zu sprechen, bis er sagte:

»Was ist dir, meine Liebe?«

»Wir hatten heute eine Begegnung.«

»Mit wem?«

»Soames.«

Soames! Seit zwei Jahren hatte er vermieden, an diesen Namen zu denken, denn er wußte, daß es ihm schaden könnte. Und jetzt brachte das Pochen seines Herzens ihn beinah aus der Fassung, als drohe es, ihm die Brust zu sprengen.

Irene fuhr ruhig fort:

»Er und seine Tochter waren in der Galerie, und nachher in der Konditorei, wo wir Tee tranken.«

Jolyon ging zu ihr und legte die Hand auf ihre Schulter.

»Wie sah er aus?«

»Grau; sonst aber ganz der alte.«

»Und die Tochter?«

»Hübsch. Wenigstens fand Jon es.«

Jolyons Herz fing wieder an zu pochen. Das Antlitz seiner Frau hatte einen gespannten, bestürzten Ausdruck.

»Du hast nicht –?« begann er.

»Nein; aber Jon kennt ihren Namen. Das Mädchen ließ das Taschentuch fallen, und Jon hob es auf.«

Jolyon setzte sich auf sein Bett. Ein böser Zufall!

»June war mit dir. Hat sie sich eingemischt?«

»Nein; aber es war alles sehr sonderbar und gezwungen, und Jon konnte sehen, daß es so war.«

Jolyon holte tief Atem und sagte:

»Ich habe mich oft gefragt, ob es recht war, daß wir es ihm verschwiegen. Er wird eines Tages doch dahinterkommen.«

»Je später, desto bester, Jolyon; die Jugend hat ein so schnelles, hartes Urteil. Was hättest du mit neunzehn Jahren von deiner Mutter gedacht, wenn sie getan hätte, was ich getan?«

Ja! Das war es! Jon verehrte seine Mutter und wußte nichts von den Tragödien, den unerbittlichen Notwendigkeiten des Lebens, nichts von dem geheimen Kummer einer unglücklichen Ehe, nichts von Eifersucht oder Leidenschaft – wußte von alledem noch nichts!

»Was hast du ihm gesagt?« fragte er schließlich.

»Daß es Verwandte seien, wir sie aber nicht kennten; daß du dir nie viel aus deiner Familie gemacht hättest und sie sich nichts aus dir. Ich vermute, daß er dich danach fragen wird.«

Jolyon lächelte. »Das verspricht die Stelle der Luftangriffe einzunehmen«, sagte er. »Schließlich vermißt man sie.«

Irene blickte zu ihm auf.

»Wir haben gewußt, daß es eines Tages kommen würde.«

Er antwortete mit plötzlicher Energie:

»Ich könnte es nicht ertragen, dich von Jon getadelt zu sehen. Er wird es nicht tun, nicht einmal in Gedanken. Er hat Phantasie und wird es verstehen, wenn es ihm richtig erklärt wird. Ich glaube, ich täte besser, es ihm zu sagen, bevor er es von andern erfährt.«

»Noch nicht, Jolyon.«

Das sah ihr ähnlich – sie hatte keine Voraussicht und ging allem Kummer aus dem Wege. Doch – wer konnte wissen? – sie hatte vielleicht recht. Es war eine böse Sache, dem Instinkt einer Mutter zuwider zu handeln. Vielleicht wäre es richtig, den Jungen in Ruhe zu lassen, bis er an der Erfahrung einen Prüfstein hatte, nach dem er den Wert der alten Tragödie beurteilen konnte; bis Liebe, Eifersucht, Sehnsucht sein Mitempfinden vertieft hatten. Aber einerlei, man mußte vorsichtig sein – so vorsichtig wie möglich! Und lange, nachdem Irene ihn verlassen hatte, hielten die Gedanken über diese Vorsichtsmaßregeln ihn wach. Er mußte an Holly schreiben, ihr sagen, daß Jon noch nichts von den Familiengeschichten wußte. Holly war verschwiegen, sie würde sich ihres Mannes versichern, würde achtgeben! Jon konnte den Brief mitnehmen, wenn er morgen hinfuhr.

Und so verklang der Tag, an dem Jolyon die letzten Verfügungen über seinen materiellen Besitz getroffen, mit dem Läuten der Stallglocke, und es begann ein anderer für ihn im Schatten seelischer Bedrängnis, die nicht so abzutun und zu glätten war ...

Aber Jon, dessen Zimmer einst seine Kinderstube gewesen war, lag ebenfalls wach da als Beute eines Gefühls, über das die Menschen immer disputierten, die niemals »Liebe auf den ersten Blick« gekannt. Er hatte sie bei dem Leuchten der dunkeln Augen kommen gefühlt, die über die Juno hinweg in die seinen schauten – er war überzeugt davon, daß dies sein »Traum« war, so daß, was folgte, ihm natürlich und wunderbar zugleich erschienen war. Fleur! Ihr Name allein schon genügte beinah für ihn, der so empfänglich für den Reiz der Worte war. In einem homöopathischen Zeitalter, wo Knaben und Mädchen zusammen erzogen wurden und sich früh vermischten, bis das Geschlecht beinah aufgehoben schien, war Jon sonderbar altmodisch geblieben. Seine moderne Schule nahm nur Knaben auf, und seine Ferien hatte er immer in Robin Hill mit Schulkameraden oder den Eltern allein verlebt. Ihm war das Gift gegen die Keime der Liebe daher nie in kleinen Dosen eingeimpft worden. Und jetzt in der Dunkelheit stieg seine Temperatur sehr schnell. Er lag wach, Fleurs Bild vor Augen, und rief sich ihre Worte, namentlich das » Au revoir!« zurück, das so sanft und heiter geklungen hatte.

Er war noch in der Morgendämmerung so völlig wach, daß er aufstand und in Tennisschuhen, Beinkleidern und einem Sweater leise die Treppe hinunter und durch das Fenster des Lesezimmers hinausschlüpfte. Es wurde eben hell, und es roch nach Gras. »Fleur!« dachte er, »Fleur!« Es war geheimnisvoll weiß draußen, und nichts war wach als die Vögel, die gerade zu zwitschern begannen. »Ich will ins Wäldchen hinuntergehen«, dachte er. Er lief durch die Felder, erreichte den Teich gerade, als die Sonne aufging, und ging weiter in das Wäldchen hinein. Blaue Glockenblumen bedeckten den Boden wie einen Teppich, unter den Lärchenbäumen wisperte es geheimnisvoll – die Luft hatte gleichsam etwas Romantisches. Jon atmete die Frische ein und staunte die blauen Glockenblumen in dem heller werdenden Lichte an. Fleur! Ein Gedicht wie sie! Und sie wohnte in Mapledurham – auch ein hübscher Name, irgendwo am Fluß. Er konnte es gleich im Atlas auffinden. Er wollte an sie schreiben. Aber würde sie antworten? Oh! Sie mußte. Sie hatte gesagt: » Au revoir!« Nicht: »Leben Sie wohl!« Welch ein Glück, daß sie ihr Taschentuch halte fallen lassen! Sonst hätte er sie nie kennengelernt. Und je mehr er an das Taschentuch dachte, desto merkwürdiger schien ihm sein Glück. Fleur! Es war wirklich wie ein Gedicht! Rhythmen drängten sich in seinem Kopf. Worte strebten, miteinander verbunden zu werden, er war nahe daran, zu dichten.

Jon blieb mehr als eine halbe Stunde in dieser Gemütsverfassung, ging dann zum Haus zurück, nahm eine Leiter und kletterte vor lauter Seligkeit in sein Schlafzimmerfenster. Dann erinnerte er sich, daß das Fenster im Lesezimmer offen stand, ging hinunter und schloß es, nachdem er erst die Leiter weggestellt hatte, wie um die Spuren seiner Gefühle zu verwischen. Die Sache war zu tief, um sie sterblichen Seelen – selbst seiner Mutter – zu offenbaren.

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