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Zu Tempeln und Pyramiden

Rudolf von Habsburg: Zu Tempeln und Pyramiden - Kapitel 8
Quellenangabe
typereport
authorKronprinz Rudolf von Österreich
titleZu Tempeln und Pyramiden
publisherEdition Erdmann GmbH
editorHeinrich Pleticha
year2005
isbn3865030238
firstpub1881
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080523
projectidca9b9311
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8. Kapitel

Am Rande der Vegetationsgrenze, wo dichtes Buschwerk in scharf gezogener Linie dem steinigen Gebirge weicht, sprudelt eine Quelle in üppiger Fülle aus dem Boden hervor und läuft in ein altes, steinernes Becken. Wo Quellen der Erde entspringen oder Gießbäche aus dem Gebirge Segen spendend herabsinken, findet man Vegetation, Wald, Busch und Feld. Längs der Wasserader ziehen sich diese glücklichen Strecken vom Fuße der kahlen Berge bis an den Jordan mit seinen breiten Auen. Neben diesem blühenden Streif Landes folgt ein Stück echte Steppe bis zur nächsten Wasserader; auf diese Weise ist die Jordan-Ebene der Länge nach durchzogen vom heiligen Fluß mit seinen grünen Ufern, der Quere aber eingeteilt in sich abwechselnde Steppengebiete und üppige, wilde Gartenlandschaft.

Die schönste unter allen diesen Oasen ist jene, welche, bei der Sultans-Quelle beginnend, als ein breites Band sich bis an den Jordan längs der Ufer eines Gießbaches hinabzieht. Unser Lager war nahe von der Quelle, am Fuße des Berges an der Vegetationsgrenze aufgeschlagen; von nun an begann eine Reise von Quelle zu Quelle, denn an diese ist die Karawane, welche jene vollkommen wilden Landstriche durchwandert, gebunden.

Hinter dem Lagerplatz erhob sich ein kahler, felsiger Berg, der eigentlich aus der Reihe der Randgebirge als vorspringender Kegel hervortrat und von denselben durch eine Schlucht getrennt war. In den Wänden dieses verlassenen Tales hausen in Höhlen griechische Eremiten; seit den Anfängen des Christentumes bis zum heutigen Tage besteht diese Ansiedelung frommer Anachoreten.

Als wir an der Quelle vorbeiritten, genossen wir ein herrliches Bild; das Lager freier Beduinen des linken Jordan-Ufers war da aufgeschlagen; wundervolle Hengste, meist Schimmel, weideten im saftigen Grase; eine Fuchsstute, ein feines Tier, stand neben einem Baume an dessen Zweige angebunden, es war das Streitroß des Herrn und Gebieters, des greisen Schêch-Ali. Beduinen in langen, weißen Gewändern, mit Turbanen am Kopfe, Gewehren, Dolchen und Säbeln saßen um ein Feuer, an dem sie ihre Mahlzeit kochten. Die langen Lanzen, das Kennzeichen der großen unbotmäßigen Stämme, das Höchste, was man sich nur unter dem Begriff Lanze vorstellen kann, aus leichtem feinen Holz gearbeitet, standen eine neben der anderen im Boden befestigt. Vor unseren Zelten erwartete mich Schêch-Ali, umgeben von seinen Söhnen und Begleitern.

Der greise Nomadenkönig mit edlen, feinen Gesichtszügen, zugespitztem weißen Bart, eine hohe, noch sehnige, ungebeugte Männergestalt im langen, blendend weißen Gewand, einen reich verzierten türkischen Säbel um die Hüften geschnallt, mit gelben Schuhen und breitem Turban am Kopfe, reichte mir die mit echt orientalischen Ringen geschmückte Hand freundlich zum Gruße. Ehrfurchtsvoll umstanden ihn seine Söhne und vornehmsten Führer der Stämme; aus allen ihren Bewegungen sprach unbedingter Gehorsam, Liebe und Verehrung zum weisen, vielerfahrenen Patriarchen.

Den echten Nomadenkönig des alten Testamentes, den greisen Abraham und später jener Weisen, die dem Heiland an der Krippe ihre Gaben darbrachten, kann man sich nicht anders ausmalen, als wie Schêch-Ali vor uns in Fleisch und Blut erschien, eine lebende Fortsetzung jahrtausendalten Stillstandes.

Schêch-Ali

In jenen Gebieten ist alles gleich geblieben. Frei und ungebunden zieht der alte Stammvater, der Weise, der Sterndeuter und, wenn es gilt, ritterliche Anführer in den Steppen und Gebirgen umher. Edle Rosse, schöne Weiber, große Herden sowie tausende mutiger Kämpfer auf flinken Rennern sind sein Besitz, seine Macht; unbegrenzt sind die weiten Strecken, die er durchzieht; die Weideplätze bestimmen die Orte, wo die reichen Zelte sich entfalten zu luftigen Schlössern.

Ich war froh, den in seiner Art unleugbar mächtigen Herrscher zu sehen, und zufrieden, daraus zu erkennen, daß die türkischen Behörden, statt das Kalifentum herauszukehren, uns mit freundlichem Ansuchen unter seinen Schutz gestellt haben. Und dieser Schutz ist für eine Jordanreise absolut notwendig, denn der Fluß bildet die Grenze, von da bis Bagdad ist freies Gebiet unbotmäßiger Stämme. Kein Kalife wird anerkannt, sie fühlen sich Mekka näher als die Osmanen; niemand könnte es wagen, in diese Steppen und Wüsten, in denen nur der wahre Nomade leben kann, mit bewaffneter Hand einzudringen. Bis zum Jordan reicht das Gebiet, welches die Türken beherrschen, doch die Garnisonen in Palästina sind schwach und auf die größeren Städte beschränkt; in den Randgebirgen hausen schon, wie wir früher erwähnten, arme, doch mutige Beduinen-Stämme, die ebenfalls der Regierung nicht hold gesinnt sind. Das Jordangebiet ist daher den großen Stämmen des linken Ufers in jedem Augenblick bloßgelegt und die Geschichte selbst dieses Jahrhunderts weist viele derartige Raubzüge auf.

Die Kavallerie-Escadron, welche unsere Karawane begleitete, hätte ebenso wenig als alle Drohungen und Machtworte der Behörden geholfen, wenn eines schönen Abends hunderte dieser flinken Lanzenreiter über den Fluß schwimmend uns umschwärmt hätten. Daher können wir den Paschas sehr dankbar sein, unsere Reise und Marschrichtung dem greisen Schêch in aller Form gemeldet und uns seinem Schutz anempfohlen zu haben.

Eitel, wie jeder Orientale, fühlte sich der Nomadenkönig durch die höfliche Behandlung geschmeichelt und kam selbst mit einer Schar herrlicher Reiter aus weiter Ferne – denn er treibt sich für seine Person sonst entfernt von seiner Grenze herum – nach den Ufern des Jordans, durchschwamm den Fluß und erwartete uns bei unseren Zelten. In kurzen Worten, aus denen Macht und Wahrheit klangen, erklärte er, wir seien sicher längs des ganzen Jordans, und alles, was wir für die Jagden brauchen, stünde zu unserer Verfügung; und in der Tat, in jeder Station fanden wir ortskundige Stämme, die uns gute Jagden verschafften und unermüdlich bedienten.

Die Waran-Eidechse

Wenn Schêch-Ali volle Sicherheit verspricht, ist man in jenen Gebieten sicherer wie inmitten Europas, denn sein Wort gilt alles bei den wilden Stämmen; früher war dies anders, da lagen die Beduinen untereinander in unaufhörlichem Streit und blutigem Kampf; die Freundschaft des einen Stammes war genug, um den Wanderer der Wut des anderen preiszugeben. Jetzt hat sie fast alle der weise Greis unter seine Herrschaft vereinigt und unendlich groß ist das Gebiet, dessen Nomadenvölker ihm blindlings gehorchen. Tausende von Reitern, kampfeskühne Wüstensöhne, folgen seinen Winken und eine Art Chalifat hat sich da herausgebildet. Nach kurzer Unterredung verließ uns Schêch-Ali unter zeremoniösen Abschiedsgrüßen; eine vornehme Ruhe kennzeichnet das Benehmen dieser Leute und ein stolzes Selbstbewußtsein, die man in Europa selten in diesem Maße findet. Die edlen Rosse wurden bestiegen und umgeben von einem treuen Lanzenwald ritt der Nomadenkönig heim in seine endlosen Steppen.

Der Gouverneur von Nablus, ein echter Turkmene, ein angenehmer, recht gebildeter Mann, stets beflissen, unseren Wünschen nachzukommen, erwartete uns desgleichen bei den Zelten. Er trug das Pascha-Gewand, aber über den Fez, der Hitze halber, weiße Tücher gespannt.

Ein kurzes Frühstück wurde eingenommen, doch niemand konnte viel Speise zu sich nehmen; die drückende schwere Luft steigerte sich in den Mittagsstunden in unerhörtem Maße und ewiger, unstillbarer Durst verdrängte in diesen unter dem Meeresspiegel liegenden Gegenden jeden Appetit. Nach einstündiger Rast brach ein Teil der Reisegesellschaft abermals auf, um die Nachmittags- und Abendstunden zur Jagd zu benützen.

Salim, der Führer einer Bande Jagd-Beduinen, sollte uns wildreiche Plätze zeigen. Er war ein tüchtiger, braver Geselle, den ich bald liebgewann und als Jäger achten lernte. Am Pferd, auf der Jagd und im Kampf aufgewachsen, konnte er als Typus eines echten, unbedingt freien Arabers gelten. Seine Gestalt war klein aber sehnig, das Gesicht, durch energische Züge, einen kurzen Vollbart und ein Paar echter Falkenaugen geziert, hatte eine für diese Landstriche auffallend dunkle Farbe, ähnlich jener afrikanischer Araber. Die Kleidung bestand in einem weißen, hochaufgeschürzten Burnus, einem kleinen Turban und gelben Schuhen, in denen die mageren Beine steckten; als Bewaffnung trug er nur ein kurzes Messer im Gürtel und eine Peitsche in der Hand.

Seine Begleiter, es waren deren beiläufig fünfzehn an der Zahl, lange, hagere Burschen, die meisten, bärtig, von braungelblicher Gesichtsfarbe, zerfetzten Kleidern und Turbane am Kopf, aus teils weißen, teils braun und weiß gestreiften Stoffen erzeugt, mit langen Gewehren, alten Pistolen und kurzen Messern bewaffnet, Stöcke oder Peitschen schwingend, waren seelengute, aber ungemein jagdlustige Gesellen. Hunde folgten; rasselose, wolfartige Köter, die wir aber dann achten lernten. Einige der Beduinen hatten gekraustes Haar und auffallend dunkle Haut; deutlich konnte man an ihnen die Spuren von Negerblut erkennen.

Mit dieser Gesellschaft verließen wir das Lager, ein ziemlich langer Fußmarsch stand bevor; Reiten war leider unmöglich, denn die Pferde waren seit Sonnenaufgang in scharfer Bewegung gewesen und wir benötigten sie in voller Kraft und Gesundheit für die nächsten Tage. Anfänglich führte uns Salim durch die so genannten Wälder; es sind dies eigentlich üppig grüne Wiesen und wilde Haferfelder, mit Gebüschen und niederen, verkümmerten Bäumen bald mehr bald weniger überdeckt. Alles hat im Jordan-Tale Dornen, das hohe Gras im Frühling lange Stacheln mit Widerhaken, die sich in das Fleisch der Tiere und Menschen festsetzen, jeder Busch, jeder Baum ist mit Spitzen bewehrt; man kann sich denken, wie Kleider und Haut aussehen, und wahre bittere Leiden muß der jagdlustige Wanderer in diesen Gegenden mit Resignation erdulden.

Auf den Bäumen und Sträuchern regte sich alles von vielartiger Vogelwelt; in jene gesegneten Landstriche sind die Tiere eng zusammengedrängt, und so fand man allerlei schöne, für uns neue Exemplare. Die echt asiatische Girrtaube ließ allenthalben ihre Stimme erschallen und die liebenden Tauber führten Flugkünste in den Lüften aus; der große Hesperidenwürger sowie viele Singvögel schmetterten ihre Lieder aus den dunklen Gebüschen heraus, und auf Schritt und Tritt entflogen Wachteln dem wilden Hafer. Auch an Raubvögeln, Adlern, Milanen und Falken war kein Mangel. Das Kleingetier schien desgleichen in großen Mengen vertreten zu sein; schlanke Eidechsen, plumpe Frösche und große und kleine Insekten in Hülle und Fülle machten die Gegend unsicher. Nach einiger Zeit verließen wir diese Gartenlandschaft und gelangten in die Steppe; gelber Graswuchs bedeckte den Boden, der mich lebhaft an die Heimat, an die ungarischen Puszten erinnerte. Unzählige Heuschrecken schwirrten da vor unseren Füßen auf und man konnte einen Begriff davon erhalten, wie dieses Tier in Asien zu gewissen Zeiten zu einer wahren Landplage sich gestaltet. Plötzlich hielt Salim inne und erklärte, wir seien am Ziele unserer Reise. Ein Gießbach, vom Gebirge kommend, in gerader Linie durch die Ebene zum Jordan fließend lag zwischen steilen Lehmwänden vor uns da.

Interessant geformt sind diese Wasserläufe; auf beiden Seiten von senkrechten, einige Klafter tiefen, brüchigen Wänden eingeschlossen, bieten sie in ihrem Inneren das Bild eines wilden Durcheinanders. In der Mitte fließt ein um diese trockene Jahreszeit nur schmaler Bach, um ihn herum ist ein Gewirre von Felsblöcken, lehmigen Stellen, dichten, in der Tat undurchdringlichen Gebüschen, Bäumen, morschen Stämmen, Moder und Schutt aller Art, ein Urwald auf engem Raum; an den breitesten Stellen beträgt die Entfernung von einem Ufer zum anderen höchstens 200 Schritte.

Einige Schützen sollten nun an der rechten, andere an der linken Seite am oberen Rande der Lehmwände gehen, während die Beduinen, mit ihren Hunden auf gleicher Höhe bleibend, die Gesträuche und Steine in Form eines Streifens durchstöberten. Salim blieb neben mir und leitete die ganze Jagd.

Unter ununterbrochenem Geheul und Schleudern von Steinen gingen und sprangen die Treiber im Bache umher; bald krachten lustig die Schüsse, denn ein Huhn nach dem andern flog auf, um bald wieder in den Gebüschen einzufallen. Stein- und Klippenhühner sowie Wachteln und Singvögel verschiedener Art entflogen den Verstecken; in den brüchigen Ufern nisteten Mandelkrähen und Bienenfresser. An lehmigen Stellen fanden wir Spuren von Wild- und Stachelschweinen, von Letzteren auch Stacheln und ihre Baue; leider verkriecht sich dieses scheue Tier beim geringsten Geräusch unter die Erde und wird daher bei Tage fast niemals erlegt.

Wir hatten schon einige Zeit gejagt und ein großes Stück längs der Ufer zurückgelegt, als plötzlich die Hunde in einem fast undurchdringlichen Gebüsch Laut gaben. Ich suchte ein geflügeltes Klippenhuhn und war daher glücklicherweise in der Talsohle. Da fiel ein Schuß von der anderen Lehne und einer der Herren rief mir zu, ein Gürteltier sei eben gefehlt worden und laufe vor den Hunden.

Achmed in Gefahr

Die Beduinen und ich folgten in großen Sprüngen der Jagd, die plötzlich verstummte. Bei einem Baum fanden wir, um dessen Stamm und Wurzeln herumgebaut, einen mehrere Schuh hohen, aus Ästen verfertigten, biberbauähnlichen Turm; man kann diese Konstruktion vorzüglicher Tier-Architektur nicht anders bezeichnen; auf zwei Seiten waren runde Eingänge. Als die Beduinen diese Behausung erblickten, wichen sie ängstlich zurück.

Salim postierte mich nun neben dem einen Ausgang, während er seinen Leuten befahl, bei dem anderen ein Feuer anzulegen. Als die Flammen hell aufloderten und das Gebäude schon zu prasseln begann, kroch ein eigentümliches lindwurmartiges Tier von gelb rötlicher Färbung, wohl über vier Schuh lang, behutsam hervor und wollte sich eben in einen höchst komischen Zotteltrab versetzen, als ein wohlgezielter Schuß seinem Leben ein Ende machte. Meine interessante Beute war eine Eidechse. Ich kenne mich unter den Reptilien nicht gut aus, doch so viel ich glaube, lag eine jener großen Waran-Eidechsen vor uns da. Nun hieß es, das seltene Exemplar unversehrt nach dem Lager zurückzusenden und da die Araber sich energisch weigerten, das kalte Tier mit den Händen zu berühren, mußten wir eine kleine Tragbahre aus Stäben konstruieren, den großen Toten darauflegen und nun durch einen Beduinen heimwärts schicken. Wir setzten die Jagd indessen fort; doch bald bemerkten wir, die Hühner seien durch die vielen Schüsse verscheucht, und mit Wildschweinen schien uns diesmal kein Glück beschieden zu sein; daher suchte die ganze Jagdgesellschaft unter einem großen Baume eine schattige Stelle, wo sich alles, durch die drückende Hitze ermattet, im Grase niederlegte; die Beduinen sogar und ihre stämmigen Hunde keuchten nach Wasser lechzend. Im Bach war nur wenig und eben kein sehr reines vorhanden, doch der treffliche Achmed hatte wie immer einige Flaschen Limonade bereit, die er in einem Hochgebirgs-Rucksack am Rücken schleppte.

Nach halbstündiger Rast forderte uns Salim zu einem neuen Jagdzug auf. Der Großherzog mit Hoyos, Eschenbacher und Rath beschlossen, jagend nach dem Lager zurückzukehren. Chorinsky und ich waren noch tatendurstig und folgten den Beduinen in die Steppe hinaus. Nach langem Marsch kamen wir zu einigen kleinen Gebüschen, denen bald eine feuchte Stelle und ein runder, nur einige hundert Gänge langer Rohrkomplex folgte. Salim postierte uns auf der einen Seite, während er auf der anderen die Treiber anstellte; was in diesem Verstecke lag, mußte, sobald es dasselbe verließ, zu Schuße kommen.

Achmed ist ein braver Mann, doch wilde Kämpfe mit wehrhaften Tieren liebt er nicht und als er die Situation überblickt hatte, bat er mich, sich in einer gewissen Entfernung hinter einem Busch ausruhen zu dürfen, und eine Antwort nicht abwartend, verschwand er eiligen Schrittes. Ich hatte mich bei einem stark ausgetretenen Schwarzwildwechsel aufgestellt.

Kaum waren die Hunde in das Rohr eingedrungen, als auch schon eine wilde Hatz begann. Jagd- und Standlaut wechselten in rascher Folge und das Gebell der Hunde vermengte sich mit dem infernalischen Geschrei der Treiber; endlich nach einer langen, aufregenden Viertelstunde brach ein starkes Wildschwein aus dem Dickicht hervor und nahm in voller Flucht den Wechsel an, an dem ich stand. Hohlgeschossen mit einer Kugel unter dem Kreuz brach es auf meinen Schuß im Feuer zusammen, erhob sich gleich wieder und setzte wutschnaubend den Weg fort.

Der gute Achmed, die Tragweite eines Wildwechsels nicht erkennend, hatte sich quer über denselben niedergelegt; nun kam das angeschossene Tier dahergebraust und griff in blinder Wut den armen Mann an. Zum Glück war ich, so schnell ich nur laufen konnte, gefolgt; ich fand auch Achmed schreiend, mit hochgeschwungenem Taschenmesser nur mehr auf einem Beine stehend, das andere streckte er wie zur Wehr dem bösen Tiere entgegen. Das Schwein rüstete sich zum entscheidenden Angriff, doch ehe es noch unseren Helden erreicht hatte, lag er schon flach am Boden. Die große Gefahr erkennend, sandte ich der starken Bachin, die eben die weiten Beinkleider Achmeds mit dem Wurf untersuchte, eine glücklicherweise momentan tödliche Kugel. Nun lagen Schwein und Ägypter friedlich nebeneinander, Letzterer grün vor Angst und an allen Gliedern schlotternd; für einige Minuten hatte er die Sprache verloren. Bald erschienen auch die Beduinen mit vor Freude funkelnden Augen am Platze. Das Wildschwein, den unseren, besonders jenen mächtigen Exemplaren aus den ungarischen Wäldern sehr ähnlich, ist grundverschieden vom nordafrikanischen, viel kleineren und feiner gebauten pechschwarzen Eber. Mein Jäger weidete das Tier regelrecht aus, worauf die Araber es auf ihre zusammengebundenen Stöcke legten, und vier Mann trugen nun die schwere Beute zurück. Ein weiter Weg stand uns noch bevor.

Zwischen den Gebüschen fehlte Chorinsky einen echten Wüstenhasen, jenes kleine gelbe Tier, das wir in Afrika kennen gelernt hatten. Der Marsch durch die Steppe bei sengenden Sonnenstrahlen war eben nicht allzu angenehm. Als die Sonne zwischen rötlich gelben Dünsten hinter den Randgebirgen unterging, hatten wir die Wälder und Gebüsche erreicht, wo uns noch ein einstündiger Weg erblühte. Wachteln flogen auf Schritt und Tritt auf, doch wir waren zu müde, um zu schießen, und dachten nur an das Lager; ein lustig plätschernder Bach mit ziemlich reinem Wasser gewährte momentane Labung, dann ging es wieder weiter. Die Nacht war vollkommen hereingebrochen, einige Feuer funkelten zwischen den Gebüschen, es war das Lager der uns zugeteilten Beduinen; gespenstisch nahmen sich die hohen Gestalten in ihren langen, weißen Burnusen im matten Schein verglimmender Feuer aus, hoch ragten die Lanzen, rauhe arabische Kehllaute und schwermütiger Gesang klangen durch die Nacht, die Pferde wälzten sich im Grase und kläffend sprangen uns die Hunde entgegen. Chorinsky und ich gingen mitten durch die uns freundlich begrüßenden und frischen Trunk reichenden Wüstensöhne hindurch. Noch eine Viertelstunde und wir kamen zu unseren bunten Drusen, den Dienern Howards und den Mauleseln; daneben lagerte die türkische Kavallerie. Hundert Schritte und wir hatten unsere Zelte erreicht.

Das Diner wurde gleich eingenommen; nach Sonnenuntergang nahm die schwere Hitze dermaßen zu, daß selbst des Nachts jeder von uns wie im Schweiß gebadet lag; auch waren einige der Herren und Diener durch die dicke ungewohnte Luft unwohl geworden.

Trotz der höchst interessanten Erlebnisse des Tages und der schönen Jagderfolge herrschte eine unleugbar gedrückte Stimmung in der Reisegesellschaft, die in den nächsten Tagen noch zunehmen sollte. Das Klima der Jordan-Niederung wirkt beängstigend auf jeden Europäer ein.

Am 6. früh nach dem Frühstück beschlossen wir uns jagend zu verteilen, mehrere der Herren gingen nach derselben Richtung, wo wir tags zuvor waren, der Großherzog und ich ritten, begleitet von Salim und seinen Leuten, durch die üppige Gartenlandschaft gegen Jericho. In der Nähe des Ortes fließt ein Gießbach vom Gebirge durch die Ebene zum Jordan. Abermals steile Lehmufer, große Feldblöcke, plätscherndes Wasser und noch viel dichtere Vegetation als an jenem Bach, den wir gestern durchstöbert hatten.

Der Großherzog blieb am linken, ich stieg an das rechte Ufer. Die Beduinen drangen in die Dickichte ein und ein lustiges Jagen begann. Nach wenigen Minuten hatten wir schon einige Hühner erlegt, doch bald gaben wir die niedere Jagd auf, da die Beduinen viele frische Wildschweinspuren fanden. Kurz darauf schlagen die Hunde an, ein starkes Stück Schwarzwild poltert durch die Gebüsche weg, doch nur auf einen Blick sichtbar, kein Schuß kann angebracht werden. Ihm folgt bald ein zweites, wie ein Hase im hohen Gras vor den Treibern aufspringend; der Großherzog streckt es mit einer Kugel nieder. Eine mittelstarke Bachin wird aus dem Bach herausgezerrt und auf einem Esel in das Lager zurückgesendet. Wir setzen die Jagd fort, noch einige Wildschweine entkommen uns, entweder im dichten Unterwuchs zwischen den Treibern zurückbrechend oder zu weit vorauseilend. Der Großherzog fehlte eines inmitten des Baches.

Bald darauf geben die Hunde wieder Laut. Mit lautem Poltern und Brechen erklimmt ein sehr starker Becker, geschmückt durch lange blendend weiße Waffen, die Lehne zwischen mir und den Treibern und versucht in die Steppe zu entwischen; ein glücklicher Blattschuß streckt ihn zu Boden. Hocherfreut sende ich die herrliche Beute nach dem Lager zurück.

Nun begannen wir wieder auf das in großer Menge vertretene niedere Wild zu schießen. Rot- und Klippenhühner, Purpur- und Nachtreiher sowie auch Wachteln und Bekassinen wurden erlegt, einige Adler in zu großer Entfernung gefehlt. Da die Mittagshitze sich recht fühlbar zu machen begann, beschlossen wir die Jagd zu unterbrechen; in den Bach hinabsteigend, entdeckte ich allsogleich auf lehmigen Stellen Hyänen-, Wolfs- und Schakalfährten, auch jene von Luchsen und kleineren Katzen. Die hundeartigen Tiere kommen nach Ausspruch der Beduinen nur des Nachts aus den Gebirgen zum Wasser, während die katzenartigen in den dichten Gebüschen und hohlen Bäumen hausen, doch niemals, selbst durch Hunde nicht aus ihren Verstecken zu jagen sind.

Die Fährten der Stachelschweins waren auch in bedeutender Zahl vertreten, einmal jagten sogar die Hunde bis zu einem Bau, vor welchem wir die frische Spur dieses komischen Tieres und einige Stacheln fanden.

Nun beschlossen wir das Stachelschwein in seiner Wohnung aufzusuchen und schickten daher meinen Jäger auf einem guten Pferde mit dem Auftrage, die Dachshunde und einige Schaufeln zu bringen, in das Lager zurück. Indessen lagerte sich die Jagdgesellschaft im Schatten einiger Bäume nieder, wo Limonade getrunken und Zigaretten geraucht wurden. Der Großherzog hatte an diesem Morgen ein eigentümliches Tier, nämlich die känguruhartige Springmaus erlegt. Als die Dackel kamen, ließen wir sie gleich in den Bau.

Alsbald vernahm man Knurren and Bellen, doch leider eilten die sonst so tapferen Hunde mit eingeklemmter Rute ängstlich an das Tageslicht hervor, wollten auch nicht wieder in die Röhre hinein. Nun befahlen wir den Beduinen zu graben, was aber bei der sengenden Hitze nicht eben allzu rasch vonstatten ging; freie wilde Jagd ist mehr ihrem Geschmack angemessen als knechtische Erdarbeit.

Die Erfolglosigkeit unserer Bestrebungen erkennend, brachen wir diese Unterhaltung ab, nachdem wir denn doch einen interessanten Fund gemacht hatten. In der Röhre des Baues wurde ein wahrscheinlich vom Tier, nach Art vieler Höhlenbewohner, hineingeschlepptes protestantisches Psalmbuch aufgedeckt. Die echten evangelischen Lieder und Psalmen: »Eine feste Burg« und ein Gebet für den Kaiser Wilhelm standen darinnen; im Ganzen war alles, Einband sowie Text, gut erhalten, nur klebten einige rote, blutige Flecken am Papier. Weiß Gott, wie dieses europäische Werk in jene öden Gebiete gekommen war und wie es dessen Besitzer verloren hatte; vielleicht dörren seine Gebeine auch wo in der Nähe in undurchdringlichen Gebüschen.

Auf unseren Pferden traten wir die Heimreise an, voran ritt Salim im gestreckten Galopp; ohne Sattel und Decke saß er am nackten Rücken eines kleinen Braunen, das lustige Tier nur durch einen einseitig angebrachten Strick leitend.

Unmittelbar neben Jericho bemerkte ich einen Schlangenadler, der sich im Bache badete; durch die überhängenden Ufer gedeckt war ein glückliches Anschleichen ermöglicht, was ich auch allsogleich tat und das prächtige Exemplar nach wenigen Minuten erbeutete. Nach diesem kurzen Intermezzo setzte ich den Ritt fort und erreichte, dank der großen Geschwindigkeit meines Schimmels, gar bald unser Lager.

Jordan-Beduinen

Die anderen Herren hatten auch eine ansehnliche Zahl, doch nur niederen Wildes erlegt; eine regelrechte Strecke wurde hergerichtet und hierauf das Frühstück eingenommen, leider bestand dies mehr im Wegjagen der Fliegen als im Essen; von dieser Masse der gegen unsere Speisen einstürmenden Insekten kann man sich keine Vorstellung machen. Die heißesten Stunden brachten wir im Lager zu, der Ruhe pflegend; leider gestaltete sich dies bei der schrecklichen Hitze zu einer unausgesetzten Qual und nur mit Mühe konnte man insoweit seine Gedanken sammeln, um die notwendigen Notizen zu Papier zu bringen und einige Briefe in die Heimat zu schreiben. In den Mittagsstunden genossen wir alltäglich im Jordan-Tale die angenehme Temperatur von 40 Grad Réaumur.

Gegen 5 Uhr nachmittags brach ich wieder auf, diesmal allein in Gesellschaft Salims und einiger Beduinen; anfänglich jagte ich zwischen den Bäumen auf Girrtauben, dann durchstreiften wir einige wilde Haferfelder, wobei ich eine ausgiebige Portion Wachteln für die Küche erlegte, was schon recht notwendig war, da die Vorräte bereits ziemlich übel rochen und besonders die vielgepriesenen Konserven eine perfide Ausdünstung im Lager verbreiteten. Durch Gebüsch und Haag streifend hatte ich Gelegenheit, die herrliche Vegetation dieses Landstriches zu beobachten. Am meisten fielen mir auf die Arten: Zizyphus Lotos und Spina Christi, aus deren Früchten unsere, jedem zu Katarrhen neigenden Europäer wohlbekannten Jujuben gemacht werden, ferner der Zakkûm- oder Balsambaum und Solanum Sanctum; die berühmten Jerichorosen Anastatica Hierochuntica findet man nur knapp an den Ufern des Toten Meeres. Mit Sonnenuntergang kehrte ich in das Lager zurück, wo bald gespeist und dann zur Ruhe gegangen wurde.

Des anderen Morgens vor Sonnenaufgang brach die große Karawane auf, die Zelte wurden verladen und unter dem üblichen Lärm und Geschrei setzte sich die Karawane in Bewegung.

Kurz nach dem Frühstück folgten auch wir, geführt von einem Beduinen mit langer Lanze und fliegendem Mantel; auf einem schönen Fuchshengste reitend, konnte er als Muster eines echten Arabers gelten. Jener Schêch, der von Bethlehem bis hierher als Wegweiser gedient hatte, war vom Pascha weggejagt worden; die Gründe, weshalb dies geschah, sind mir nicht bekannt.

Anfänglich ritten wir am Fuße des Randgebirges an der Vegetationsgrenze; zwischen dichten Gebüschen kamen wir hindurch und unter niederen Bäumen, die alle förmlich bedeckt waren mit eben erst vom Schlummer erwachenden Störchen. Nach einiger Zeit verschwanden die Sträucher und die wilde Gartenlandschaft des Quellengebietes von Sultan-Aîn und die echte Steppe nahm uns wieder auf. Im Ganzen war der Reitboden gut und man konnte fast immer galoppieren, nur hie und da mußten steinige Stellen und alte Wasserrisse in der Nähe des Gebirges passiert werden. Nach zweistündigem Ritt eröffnete sich zu unserer Linken der Eingang in ein ziemlich breites Gebirgstal; im Inneren, weit am Beginn desselben, liegt die Quelle von El-Andje. Ein Bach, fruchtbares Land spendend und erhaltend, fließt im Tale und aus demselben heraus durch die Ebene nach dem Jordan.

Der Kamm des Höhenzuges war bald erstiegen; ein herrlicher Blick in ein eben nicht breites, aber an Vegetation aller Art, an Büschen, Wiesen und hohen Bäumen reiches Tal bot sich mir dar. Auf der gegenüberliegenden Seite erhoben sich ebenfalls steile Erdwände als Abschluß des Bildes. Die Fortsetzung desselben Wechsels verfolgend, eilte ich sehr steil bergab, die Rotfährte einhaltend, nach der Talsohle; daselbst angelangt, führte mich die Spur über eine Wiese zwischen Gebüschen einem steinigen Bach und lehmigen Stellen hindurch an den Rand dichter Gestrüppe.

Dort wartete ich die Ankunft meiner beiden Begleiter und der Beduinen ab. Die Hunde wurden nun gleich auf der Fährte gelöst und wenige Augenblicke darauf vernahm ich den erfreulichen Klang eines sicheren Standlautes und eifrigen Gefechtes. Durch den dichten Unterwuchs eilend erreichte ich eine kleine, von Wald und Gesträuchen eingeschlossene Wiese, inmitten derselben tobte ein heißer Kampf. Die Hunde hielten sich wacker, zerrten und bissen unter wütendem Geheul den sich tapfer und noch recht frisch wehrenden Eber. Einen günstigen Augenblick erhaschend sandte ich dem starken und durch schöne Waffen geschmückten Wildschwein den tödlichen Fangschuß.

Erst jetzt hatte ich Gelegenheit, die nächste Umgebung zu betrachten; zwischen hohen Bäumen und dichtem Gesträuch hindurch glänzte in unmittelbarer Nähe vor mir ein blinkender Wasserspiegel und das Rauschen eines Flusses drang an mein Ohr. Schnell rief ich meine Gefährten, um ihnen die freudige Entdeckung mitzuteilen. Dank der Verfolgung des kranken Ebers war unser Wunsch in Erfüllung gegangen und wir hatten den noch in weiter Ferne geglaubten heiligen Fluß, den vielgepriesenen Jordan erreicht.

Durch die üppige Vegetation hindurch, ein brüchiges Ufer hinab, eilten wir an eine Sandbank, um von nächster Nähe das Wasser und die hübsche Umgebung betrachten zu können. An beiden Gestaden blühen dichte Auen mit hohen Laubgängen, Weidengebüschen, blumenreichem Unterwuchs und einer im Ganzen an die Auwälder Europas erinnernden Flora. Der Fluß selbst trägt den Charakter eines echten Gebirgsgewässers, reißend, schnell, zwischen Felsblöcken und Steinen lustig plätschernd; man hätte sich an die Ufer der Enns oder Traun, in unsere schönen Alpen versetzt denken können. Während die Beduinen tranken und dann das Wildschwein auf den Rücken eines Esels luden, den sie zu diesem Zwecke mitgeführt hatten, ruhten wir im Schatten der Bäume aus, allmählich eine Hülle nach der anderen ablegend. Das Wasser des Jordans ist, im Vergleiche zur heißen Temperatur der Luft, sehr frisch und so wird ein vorsichtiges Auskühlen vor dem Bade absolut notwendig. Nach einer halben Stunde beiläufig gingen wir in die herrlichen Fluten, bis weit in die Mitte des Flusses hinein. Es war nicht nur eine außerordentlich wohltätige Labung, sondern auch zugleich eine interessante Reise-Episode.

Hier setzte das Volk der Israeliten, durch ein Wunder geschützt, über den reißenden Strom; David kehrte mit Barsillai in einem Boot in sein Gebiet zurück und Elia schlug mit seinem Mantel die Fluten, sodaß sie sich zerteilten.

Später trug der große Christoph das Jesuskind durch dasselbe Gewässer; und was dem Christen am nächsten steht, ist die Taufe des Heilandes durch Johannes, der im härenen Gewande in diesen Wüsten von Heuschrecken und wildem Honig lebte, den Jesus von Nazareth besuchen kam, sich von dem frommen Einsiedler und Vorläufer des neuen Glaubens taufen zu lassen. Und in diesen Auwäldern erscholl die Stimme des Herrn: »Du bist mein vielgeliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe.« Alljährlich kommen große Züge gläubiger Pilger, um im Jordan zu baden, dessen Wasser in die Heimat zu bringen, um ihre Kinder damit taufen zu lassen. Die orthodoxen Griechen tauchen in demselben Hemde in die heiligen Fluten unter, das sie in ihrer Todesstunde wieder anlegen.

Nach dem Bade eilten wir gestärkt und erfrischt, von den Beduinen gefolgt, denselben Weg über den Wildschweinwechsel, dann durch den Talkessel und hinauf an den Rand des Plateaus, den wir früher herabgekommen waren.

Die Pferde wurden bestiegen und unter Salims Führung ritten wir querfeldein in gestrecktem Galopp über die Steppe. Nahe vom Eingange in das enge Tal von El-Andje kam uns der Gouverneur mit einigen Gendarmen entgegen; das lange Ausbleiben und die Richtung, die wir nach dem Jordan eingeschlagen hatten, ängstigten ihn sehr und so war er auf die Suche ausgezogen. Die Stelle, an der wir des Morgens zu jagen begannen, mußte passiert werden, worauf wir bald in das Innere des Tales eindrangen.

Die Sohle ist mit üppiger Gartenlandschaft bedeckt, die einschließenden Höhen tragen den stets gleichbleibenden Charakter jener Randgebirge, lange, steile, nur spärlich mit Gras bewachsene Lehnen. Durch dichte dornige Gebüsche und mehrmals über einen steinigen Bach Ufer wechselnd, führte unser schmaler Weg endlos lange im Tale fort. An den Hängen standen Störche in ganz unglaublichen Mengen. Ich habe noch niemals solche Massen dieser Vögel in einer Gegend vereinigt gesehen, wie besonders hier in dem Tale von El-Andje und überhaupt in der ganzen Jordan-Ebene.

Nach weitem Ritt erreichten wir endlich unseren Lagerplatz; die Zelte standen am Fuß der Berge, doch noch am Steppengras und wildem, stachligem Hafer, dicht neben dem Rande der üppigen Vegetation und an den Ufern eines kleinen Baches. Wir waren schon nahe vom Schluß des Tales, das in Form eines von hohen Lehnen eingeschlossenen malerischen Kessels endete. Mit Heißhunger fielen wir über ein Gabelfrühstück her; es war 3 Uhr und seit 5 Uhr früh hatten wir keinen Bissen mehr gegessen, dabei aber recht ausgiebige Bewegung gemacht.

Die Nachmittagsstunden wurden im Lager zugebracht; das Leben mit der Karawane im Freien und unter Zelten hat seine großen Reize und einen vom Einerlei des schablonenhaften europäischen Lebens abweichenden Charakter.

Leider bescherte uns der Lagerplatz von El-Andje einige Unannehmlichkeiten. Die Zelte standen nämlich auf dem dürren, höchst feuergefährlichen Haidegras und eine weggeworfene Zigarette entwickelte im Zeitraum weniger Augenblicke einen Brand, der nur durch rasches Eingreifen gelöscht werden konnte. Bei dem großen Reichtum an Munition mußte dieser Frage doppelte Aufmerksamkeit geschenkt werden und so blieb nichts anderes übrig, als das Rauchen sehr einzuschränken. Ferner versiegte der für die Karawane so unentbehrliche Bach gleich nach ihrer Ankunft; man forschte nach und fand dessen Lauf durch Böswilligkeit gehemmt und abgelenkt. Erst gegen Abend konnte er wieder in seine alte Bahn geführt werden und den nach Trank lechzenden Maultieren und Pferden Labung gewähren.

Nicht ohne Grund hegten die Paschas den Verdacht, der am vorigen Tage aus unserer Karawane verstoßene Beduinen-Schech sei der Urheber dieses Racheplanes gewesen. Des Abends gingen mehrere der Herren hinaus, um noch einen kurzen bewaffneten Spaziergang zu unternehmen. Mir gelang es, einen balzenden Steinhuhn-Hahn und einen nach den Schlafplätzen ziehenden Storch zu erlegen. Tausende dieser Langschnäbel kamen an unserem Lagerplatz vorbeigezogen, so viele als Platz fanden, schwangen sich auf den niederen Bäumen ein, um da der Ruhe zu pflegen. Mit Sonnenuntergang kehrten wir alle zum Speisen zurück und bald herrschte Ruhe im Lager; einschlafend vernahm ich noch dicht neben den Zelten das Geheul hungriger Schakale.

Am 8. April in früher Stunde brachen die Diener die Zelte ab und bald darauf setzte sich die Karawane in Bewegung. Anfänglich mußte der langweilige Weg durch das Seitental zurückgelegt werden; im Haupttal ging es dann besser, und über guten Steppenboden, stets am Fuße der Gebirge galoppierend, erreichten wir nach zweistündigem Ritt eine sumpfige Niederung. Einzelne Gebüschparzellen und ein leider nur allzu großer Rohrbruch kennzeichneten diese Gegend als Jagdterrain. Salim und seine schnellfüßigen Leute waren schon zur Stelle, da aber hier sein Bezirk zu Ende ging, harrte auch ein anderer Trupp Beduinen, gefolgt von großen Hunden und unter Führung eines sehr schönen Schêchs unserer Ankunft.

Das Fußvolk war ebenso gekleidet wie Salims Leute, doch der Anführer schien vermögender zu sein; dafür sprachen ein guter Fuchshengst, geschmückt mit reichem Sattelzeug, bunter Gewänder, ein großer, farbiger Turban, hohe gelbe, aus Saffianleder erzeugte Stiefel und ein schöner krummer Türkensäbel. Der ganze Mann hatte mehr den Typus der innerasiatischen Volksstämme an sich und nicht mehr jenen der echten Araber. Mit großer Höflichkeit geleitete er den Großherzog, Hoyos und mich zu unseren Ständen an der entgegengesetzten Seite des Schilfdickichtes; die anderen Herren sowie die ganze Karawane setzten einstweilen den weiten Marsch fort.

Auf das hin bestiegen wir unsere Pferde und folgten den anderen nach; ein vorspringender Höhenrücken mit steinigem schlechten Boden mußte überritten werden; vom Nordabhange genossen wir einen herrlichen Blick über die weite Ebene, die graugrünen westlichen Randgebirge und die hohen Felsenberge des östlichen Jordan-Ufers. Vor uns lag auch schon die Ausmündung des Tales und Quellengebietes von Abd-el-Kader, dem nächsten Ziel unserer heutigen Reise; man sieht weit in jenen Ebenen und erreicht langsam die heiß ersehnte Station, das mußten wir an diesem Tage gründlich kennen lernen. Unaufhörlich führte uns der Weg über die Steppe, stets am Fuß der Berge bleibend. Wohin man blickte, nichts als Störche; auf wenige Schritte ließen sie die Reiter vorbei, ohne sie nur eines Blickes zu würdigen. In den Lüften gaukelten auch einige Raubvögel und ein Pärchen jener großen, echt asiatischen Steppenadler strich mir niedrig über den Kopf; rasch riß ich das Gewehr von der Schulter, doch nur Kugelpatronen, keine Schrote waren in meinem Sack zu finden. Die Sonne brannte fürchterlich; die graue Wolkendecke, welche in den Morgenstunden das Firmament verdunkelte, war leider vollkommen gewichen. Die Karawane hatte ich bald eingeholt. Sie bot ein jämmerliches Bild; einige hundert Gänge trennten ein Maultier vom anderen, nur mühsam schleppten sie sich, von ihren Führern weiter geprügelt, von der Stelle; die große Hitze, die angestrengten Märsche seit Latrun noch vor Jerusalem und der Wassermangel des letzten Tages ließen sich deutlich erkennen; fast alle hatten wunde, vom schweren Gepäck aufgedrückte Rücken und zerschlagene Knie.

Nach mehrstündigem Ritt erreichte ich den Eingang des sich zwischen hohen Bergen in nordwestlicher Richtung erstreckenden Tales von Abd-el-Kader; wie gewöhnlich rieselte ein Bach in dessen Mitte, an den Ufern wucherte eine ganz besonders üppige Vegetation, die sich längs des Wasserlaufes von da durch die Ebene wie ein grünes Band bis zum Jordan hinabzog. Da der Bach nur an einer Stelle durchritten werden konnte, mußten wir am Südrand des Tales weit in das Innere desselben hineinwandern, um dann die nämliche Distanz am Nordrande bis zur Ausmündung in die große Ebene zurückzureiten, wo unter einem eigentümlich geformten Felskegel an der Vegetationsgrenze das Lager aufgeschlagen werden sollte.

Die Herren waren schon zur Stelle, doch die Karawane noch lange nicht und so hatten wir das Vergnügen, in einer kleinen, etwas Schatten gewährenden Höhle die Ankunft der Tragtiere abzuwarten. Einige von uns benützten diese Zeit, um einen Badeplatz zu suchen. Der große Bach war dermaßen von saftigem Pflanzenwuchs, weit über mannshohen, aromatisch riechenden Oleanderbäumen mit großen, roten Blumen überwuchert, daß man kaum bis zum Wasserspiegel gelangen konnte. Auch trug diese ganze theaterdekorationsartige Staffage den Typus einer südländischen Schlangengegend an sich, und vor den giftigen Reptilien jener Zonen habe ich großen Respekt; ich zog es daher vor, in einem engen, etwas schmutzigen Seitenbach, wo ich aber früher die Umgebung gut visitieren konnte, in Gesellschaft einiger unschuldiger Kröten und Frösche zu baden.

Aus den Fluten zurückkehrend fanden wir bereits ein Zelt und die Küche an Ort und Stelle, konnten daher bald darauf ein Frühstück bei fürchterlicher Hitze und umschwärmt von ekelhaften, dicken Fliegen einnehmen. Die Nachmittagsstunden beschlossen wir der Jagd zu widmen; ein Teil der Herren sollte längs des Baches hinaus in die große Ebene, während der Großherzog und ich gegen das Innere des Tales vordringen wollten. Unter Salims und des anderen Schechs Führung versuchten wir die dichten Ufergebüsche zu durchstöbern; einige Wildschweinfährten bestärkten uns noch in diesem Vorhaben.

Baisân

Von Salim und seinen Leuten nahmen wir herzlich Abschied, die braven Gesellen kehrten in ihre Heimat zurück. Nach dem Speisen ergötzte ich mich am malerischen Anblick unseres Lagers; die Feuer warfen schöne Reflexe auf die Felswände und die daneben sich umhertreibenden bunten Gestalten der Diener und Beduinen. Für den nächsten Tag stand eine große Marschleistung bevor, denn wir beabsichtigten, zwei Stationen in einem Zuge zurückzulegen.

Vor Sonnenaufgang, noch bei vollkommener Dunkelheit, herrschte schon reges Leben im Lager. Die Zelte wurden abgebrochen, alles verpackt und die große Karawane setzte sich in Bewegung. Bald folgten auch wir nach und gelangten, um den Felskegel reitend, in das Steppengebiet. Das Tal verengt sich in dieser Gegend, die westlichen Randgebirge treten in die Ebene hinein und steile Lehnen, tiefe Schluchten und steinige Stellen mußten überritten werden.

Wir genossen schöne Überblicke auf die hier durch Racheln und Gebirgsbäche stark durchschnittene Jordan-Niederung und die herrlichen Gebirge des anderen Ufers mit ihren hohen, grauen Felswänden und malerischen Konturen. Auf einem dieser Berge steht ein alter Turm; ich konnte nicht erfahren, aus welcher Zeit derselbe stammt und wer dieses Bauwerk in jener nur von wilden Stämmen bewohnten Gegend errichtete. Nirgends im Jordan-Tale fanden wir eine so kupierte und zugleich vegetationsarme Strecke als in den ersten Reisestunden dieses Tages. Sehr viele große Raubvögel kreisten in den Lüften; ein Steppenadler zog mir nahe über den Kopf; durch einen glücklichen Schuß holte ich ihn herunter, so daß er zwischen die Pferde mit schwerem Schlage herabfiel. Ein schmaler, aus den Randgebirgen hervorreichender Höhenrücken mußte mühsam erklommen werden. Am Kamm angelangt, lag ein herrliches Bild vor uns ausgebreitet.

Das Jordan-Tal erweitert sich von da an immer mehr und man sah die grüne Ebene bis zu dem Hügellande an den Ufern des Tiberias-Sees, rechts und links die schön geformten Randgebirge und im Norden, als Abschluß, die hohen Spitzen des Libanon und die weiten Schneefelder des Hermon; ein in der Tat merkwürdiger Kontrast; wir schmachteten in der fürchterlichsten Hitze, wie sie nur das Jordan-Tal bieten kann, und vor uns in weiter Ferne glänzte der Schnee kristallhell auf den Gebirgen.

An diesem interessanten Aussichtspunkte wurde gehalten und etwas gerastet. Wir beschlossen, während die Karawane den langen, beschwerlichen Weg fortsetzt, hinab nach dem Jordan zu reiten, um einige Stunden an den Ufern des heiligen Flusses zuzubringen. Der Beduine im fliegenden Mantel, den langen Speer in der Hand, hatte uns bisher gut geführt, doch den nächsten Weg zum Jordan hinab konnte er nicht, erklärte dies auch ganz offen, und so verteilten wir uns, die kürzeste Richtung suchend, gegen Osten. Ich galoppierte über die Steppe, mußte einige Racheln durchklettern, kam dann an eine Stelle, wo zwischen kleinen Felswänden und einem wahren Garten üppiger Büsche und Blumen eine kleine Quelle lustig hervorsprudelte; am oberen Rande der Felsen, dem Wasserlaufe folgend, erreichte ich den Rand des Plateaus; eine steile Lehne fiel vor mir ab. Unter derselben gewahrte ich zu meiner großen Freude grünende Wiesen, dichte Auen und zwischen denselben das Silberband des Jordans.

Gar bald war ich am Ufer des Flusses angelangt. Die Herren kamen nun nacheinander alle an und wir suchten einen günstigen Bade- und Rastplatz. Der Jordan bildet an dieser Stelle ein ziemlich bedeutendes Knie; die dadurch entstandene Halbinsel ist mit einem Auwald ausgefüllt, der so dicht und üppig emporwuchert, wie ich bisher etwas ähnliches noch niemals gesehen habe.

Am Rande dieser Au, im Schatten der letzten Bäume und Büsche, doch schon auf Wiesenboden ruhten wir uns aus, ließen die Pferde grasen, packten ein bescheidenes Frühstück, bestehend in Brot und kaltem Fleisch, aus und badeten noch früher in den rauschenden kühlen Wogen. Wie überall, so auch hier, trägt der Jordan den vollen Charakter eines Gebirgsflusses an sich und schäumt zwischen Felsen und großen Steinen brausend hindurch.

Nach der frugalen Mahlzeit beschloß ich den Auwald zu untersuchen, um vielleicht eine kleine Treibjagd zu inszenieren.

Die erste Hälfte dieser Halbinsel ist bedeckt mit etwas über mannshohen Gebüschen; der Boden von großblätterigen Pflanzen aller Art wild überwuchert, die Gestrüppe durch Schlingpflanzen eng verbunden, und dieses ganze Gemenge so dicht und üppig, daß man kaum durchdringen kann und jeder Schritt nach vorwärts die Anspannung aller Kräfte erfordert.

Ist dieser erste Teil der Au glücklich passiert, dann gelangt man auf eine den Wald in zwei Hälften teilende Lichtung; daselbst fand ich im Lehmboden eine unglaubliche Menge frischer Fährten; die Spuren des Panters, des Luchses, der Wildkatze, des Wild- und Stachelschweines, des Wolfes, des Schakales und zweier Hirscharten waren da vertreten; die Fährte eines kleinen, rehartigen und eines größeren damwildartigen Tieres interessierten uns sehr, insbesondere, da Herr Rath beim Herabreiten zum Jordan in einer jener Racheln mit einem, wie er sagte, kleinen Hirsch, geschmückt durch kurze Geweihe, zusammengetroffen war.

Der zweite Teil der Au bestand aus einem echten hochstämmigen Laubwald von ganz tropischem Charakter und ebenfalls fast undurchdringlichem Unterwuchs. Den vielen Fährten zulieb drängte es mich, einen Trieb aufs Geratewohl versuchen zu lassen; die Herren stellte ich in der Lichtung an den am meisten abgetretenen Wildwechseln an und ließ nun die türkischen Gendarmen und einige Diener, unter Führung meines Jägers, durch den Wald gehen. Von einer geordneten Treiberkette war in jenem Unterwuchs keine Rede und gar bald mußten wir einsehen, daß hier alle Versuche, ein Wild aus den Dickungen herauszujagen, vergebliche Mühe seien. Von Vogelwelt bemerkte ich in dieser Au nur einige Pärchen des Triel und mehrere Milane.

Nun eilten wir zu unseren Pferden zurück, ließen sie satteln und ritten denselben Weg, den wir gekommen waren, nach dem Rande des Plateaus empor. Schon von unten hatten wir eigentümliche, dunkle Nebel beobachtet, die in den Lüften emporwirbelten, doch konnten wir uns die Ursache davon nicht erklären.

Als wir oben anlangten, genossen wir den Anblick eines sehr merkwürdigen Schauspieles. Die ganze Steppe, vom Jordan bis an den Fuß der östlichen Randgebirge, war in eine Rauchwolke gehüllt, aus deren schwarzem Qualm hie und da helle Flammen aufloderten; das Gebiet, welches wir des Morgens durchritten hatten, war nun ein Rauch- und Feuermeer. Das Steppengras brennt ganz unglaublich rasch und wir konnten von Minute zu Minute die Fortschritte des Brandes wahrnehmen, wie die Rauchsäulen sich uns verfolgend näherten. Jussuf, ein türkischer Kavallerie-Offizier, aus Turkestan gebürtig, ein rüstiger alter Mann mit grauem Bart, die Lederknute als Zeichen der Gewalt um die Hand geschlungen, ritt voraus, den kürzesten Weg weisend; es war ein schöner Galopp durch die Steppe, querfeldein gefolgt vom großen Brande, ein Schauspiel, das nur die Großartigkeit der anderen Weltteile bieten kann. Ein ebenfalls vor den Flammen fliehendes Wildschwein lief nur auf wenige Schritte neben meinem Pferde vorbei.

Ein langer, ausgiebiger Galopp brachte uns rasch über die Steppe und durch ein Gebiet, bewachsen mit hohen, langstacheligen Disteln, welche uns und die Pferde arg peinigten. Nach zwei Stunden begann der Charakter der Gegend sich zu ändern. Das Tal wurde immer breiter und in dessen Mitte erhoben sich niedere grüne Hügel mit Gebüschen und Zwergeichen bedeckt.

Im Norden war das Bild durch schöne Gebirge abgeschlossen; die Ausläufer des Carmel, die Berge um Nazareth, der hohe Tabor mit seiner eigentümlichen Form, der Anti-Libanon, der schneebedeckte Hermon, die Randgebirge des Sees Genezareth, dem Tabarîye der Araber, und in nordöstlicher Richtung die Höhen des Djebel-Adjlûn konnten, alle in effektvollen Beleuchtungen prangend, beobachtet werden. Unser Weg führte uns an einem kleinen Beduinen-Friedhof vorbei; zwei uralte wundervolle Sikomoren verliehen dem düsteren Ort einen noch schwermütigeren Anstrich. Allmählich näherten wir uns dem Ziel der heutigen Reise, dem Dorfe Baisân. In weitem Kreise um diesen Ort erstreckt sich dessen berühmtes Quellengebiet; allenthalben rieseln kleine Wasserläufe vom Plateau herab und dichte, niedere Gebüsche, hohes Riedgras, Rohrbrüche und sumpfige Stellen bedecken die ganze Umgebung. Überall erschallt der Ruf der hier massenhaft hausenden schwarzen Hühner.

Alte behauene Steine und Trümmer inmitten der jetzt wild wuchernden Sumpfvegetation zeugen in unmittelbarer Nähe des jetzt elenden, aus einigen Steinhütten bestehenden Dorfes, für eine längst vergangene Kultur und Größe dieses Ortes. In altbiblischer Zeit hausten hier die Kanaaniter, später wurde die Stadt von David erobert; von den Skythen dann unterworfen, erhielt sie bei den Griechen den Namen Scythopolis. In den Tagen der Römer war es ein blühender reicher Platz und Cleopatra hatte hier ihre Zusammenkunft mit Alexander Jannaeus; Pompejus rückte durch Baisân nach Judäa. In altchristlicher Zeit war es der Sitz eines Bischofes und berühmt als Geburtsort von Basilides und Cyrillus. Saladin eroberte die Stadt, und den Flammen preisgegeben verlor sie für immer ihre Größe und frühere Macht. Die letzten Überreste eines alten Theaters, einiger Tempel und viele, von Gebüschen und Sumpfgras fast verdeckte Basalt-Säulen sind noch übrig geblieben.

Es ist ein eigentümlich düsterer, morastiger Platz; feucht und ungesund, vom unaufhörlichen Geschrei der Kröten und Unken erfüllt. Im erbärmlich schmutzigen Dorfe lungerten verkommen aussehende Leute an den naßkalten Steinmauern und Kinder und Hunde wälzten sich am sumpfdurchtränkten Boden umher. Unser Lager fanden wir bereits aufgeschlagen und in bester Ordnung auf einer grasigen Fläche am Nordrande des Dorfes; gleich daneben fiel eine Schlucht steil ab, in deren Innerem eine Quelle zwischen Felsplatten, dichten Gebüschen und breitästigen Sikomoren lustig plätscherte. Daselbst sahen wir die Spuren in den Fels gehauener römischer Bäder. Über dem Lager, westlich vom Dorfe, befindet sich das Plateau und Quellengebiet.

Gleich nach unserer Ankunft ging ich mit einem Jagd-Beduinen, der mich schon bei meinem Zelte erwartet hatte, nach den versumpften feuchten Strecken. Überall rieselte Wasser, der Boden glich einem Schwamm; Rohr, Schilf und Gesträuche entsprossten morastiger Erde. Viele Wildschweinfährten und vollkommen ausgetretene Wechsel bewiesen den jagdlichen Reichtum der Gegend; eine alte römische Säule war ganz abgewetzt vom Schwarzwild; allabendlich kamen sie hin, um sich da in Ermangelung von Bäumen nach ihrer Art zu reiben.

Der Beduine forderte mich auf, hinter einem Gebüsch versteckt die Ankunft der Tiere abzuwarten; doch ich verspürte nicht die geringste Lust, inmitten jener mephitischen Sumpfatmosphäre den gefährlichen Moment des Sonnenunterganges zuzubringen, und kehrte rasch nach dem Lager zurück.

Die große Karawane bot einen traurigen Anblick dar; Pferde und Maulesel lagen todmüde herum und auch die Menschen waren eben nicht in gehobener Stimmung, wozu der in der Tat ungemein lange Marsch und die beängstigend wirkende Luft dieses sumpfigen Ortes beitrugen. Nach dem Speisen zogen sich bald alle schlaftrunken in ihre Zelte zurück.

Am 10. April, dem Palmsonntag, waren wir mit Sonnenaufgang munter; das größte Zelt hatten wir als Kapelle hergerichtet und so gut es ging geschmückt; der Burgpfarrer las die Messe und weihte hierauf die Palmzweige, welche an alle christlichen Mitglieder der Karawane verteilt wurden. Nach dem Frühstück beschlossen wir einen Jagdzug. Ein Teil der Herren beabsichtigte nördlich des Lagerplatzes die Gegend zu durchstöbern, während der Großherzog und ich mit einem Trupp hiesiger Jagdbeduinen, schönen, wild aussehenden Gesellen, gegen den Jordan zu auf Wildschweine jagen wollten. Durch das Dorf gelangten wir an die Osthänge des Plateaus; zwischen dicht bebuschten, sumpfigen Stellen erreichten wir einen Bach, dessen üppig grüne Sohle und steile Ufer eine Jagd in der Art, wie wir sie in den unteren Jordangegenden mit Salim unternommen hatten, erhoffen ließen; doch leider merkten wir nach langen vergeblichen Versuchen, daß weder die Beduinen, noch ihre Hunde in die dichten Gestrüppe eindringen wollten, und so unternahmen wir eine lange Streifung über die Steppe bis zu einem von dem Schêch als ausgezeichneten Platz geschilderten Rohrbruch.

Im Steppengras jagten wir anfänglich nur einige Wachteln auf, später einen Flug Triel; je näher wir dem schon in weiter Ferne sichtbaren Rohre kamen, desto häufiger wurden die Gebüsche; zwischen denselben sprangen zwei höchst merkwürdige kleine Tiere auf, kleiner als Rehe, von gelblicher Färbung, mit rehartigen Gehörnen, den hüpfenden Bewegungen und langen Wedeln des Damwildes; leider waren sie zu weit, um einen sicheren Schuß anbringen zu können. Die Ränder des Rohrbruches sind mit sumpfigen Stellen und hohem, saftig grünem Riedgras bedeckt; wir erlegten in diesem feuchten Terrain einige schön gefärbte Frankolin-Hähne und eine Henne im schlichten braunen Kleid, ähnlich der Fasan-Henne.

Nun wurde der Großherzog an den entgegengesetzten Rand des lichtgelben Rohrwaldes geschickt, während ich mit den Beduinen in das Innere desselben eindringen sollte. Übermannshohes Schilf und Rohr schloß sich über unseren Köpfen; bis an die Waden wateten wir im Moor, Sumpf und Kot, im Moder verwesender Pflanzensubstanzen. Nach langem Marsch durch dieses ekelhafte Terrain, das von Kröten wimmelte, erreichte ich eine Lichtung, wo ich auf Wunsch der Beduinen, im Wasser stehend, den weiteren Verlauf der Jagd abwarten sollte. Massen von ekelhaften Sumpfinsekten umschwirrten mich und es war ein in der Tat höchst unangenehmer Platz, den ich nicht so bald vergessen werde. Die Araber versuchten nun das Rohr nach allen Richtungen durchzutreiben, doch blieb alle Mühe vergeblich; wir hörten die Wildschweine durch das Dickicht brechen, doch keines verließ das schützende Versteck, nur einige Purpurreiher umflatterten uns matten Fluges. Ich trachtete so bald als möglich diesen schrecklichen Platz zu verlassen, denn ich fühlte, wie sehr ich schon das Sumpfmiasma und den Geruch verwesender Stoffe eingeatmet hatte; abends sollte ich auch die bösen Folgen davon kennen lernen.

Auch der Großherzog kam bald, von der schlechten Luft vertrieben, vom anderen Rande des Rohres zurück und so bestiegen wir die vom trefflichen Ferdinand nachgebrachten Pferde und schlugen den Heimweg ein. Mehrmals scheuchten wir im dichten Riedgras Frankoline auf und erlegten noch einige derselben. Über Steppengras reitend wollte ich versuchen, wie schnell ein Brand entstehen könne und warf brennende Streichhölzchen vom Pferde herab; nach einigen Sekunden schlug eine hohe Flamme empor, sich so rasch verbreitend, daß wir gezwungen waren, in Galopp einzusprengen.

Den nächsten Morgen sahen wir noch aus der Ferne jene Teile der Steppe weithin in Rauchwolken gehüllt. Bald hatten wir Baisân wieder erreicht, wohin auch die anderen Herren mit einiger Beute zurückkehrten. Ein Gabelfrühstück wurde eingenommen und nach demselben produzierte sich eine halb verhungerte ägyptische Seiltänzerfamilie, die eben am Durchzuge war. Unter vielen mehr oder weniger mißglückten Kunststücken bekamen wir auch den von Ägypten her wohlbekannten Bienentanz, von einer Frau am Seil ausgeführt, zu sehen.

In den Nachmittagsstunden verließen wir alle wieder das Lager und verteilten uns in den mit hohem Riedgras bewachsenen Stellen, neben dem Dorfe, in denen die Frankoline den ganzen Tag über ihre Stimme erschallen ließen. Dieses schöne große Huhn ist leicht zu jagen und zugleich ein außerordentlicher Braten, daher für den wandernden Waidmann in doppelter Hinsicht ein recht erwünschtes Wild. Jeder von uns nahm einige Beduinen oder Diener mit, um einen bestimmten Raum abzujagen. Wir hatten die besten Plätze in der Nähe des Dorfes in vollkommene Rayons eingeteilt, damit nicht einer den anderen störe. Ich war eben im besten Jagen, als mich plötzlich ein heftiger Schwindel befiel; ein Gefühl ähnlich einer Lähmung erschlaffte die Füße, heftige Kopfschmerzen und trotz der Hitze eisige Kälte am ganzen Körper zwangen mich, so gut es ging nach Hause zu schleichen. Ein Fieberanfall, wie er so rasch im Zeitraum weniger Minuten nur in jenen Klimaten auftreten kann, hatte mich aus dem besten Wohlbefinden plötzlich recht krank gemacht. Alle Muskeln schmerzten, jeder Schritt war eine Pein. Im Lager angelangt, mußte ich viel Chinin schlucken, worauf ich in jämmerlichem Zustand in mein Bett kroch. Die anderen Herren kehrten mit Frankolin-Hühnern recht reich beladen zurück. Während der Nacht wurde der arme Chorinsky und später auch Sachs von ein und demselben großen Skorpion gebissen; Ersterer erhielt noch die volle, ungeschwächte Giftdosis von dem ekelhaften Tiere und mußte darauf unter echten Vergiftungserscheinungen die besorgniserregendsten Zustände erdulden.

Am nächsten Morgen herrschte eine trübe Stimmung im Lager; niemand fühlte sich wohl; alle hatten etwas an den Folgen der schlechten Luft zu leiden. Chorinsky und ich, noch matt und elend, mußten in die Rubrik der Kranken gezählt werden; auch unter der Dienerschaft waren Opfer des Klimas; jede Stunde konnte neue Fieberanfälle bringen und besonders die Erfahrungen mit den asiatischen Skorpionen brachten eine gewisse Panik in die Karawane.

Der ursprüngliche Plan war, diesen Tag noch in Baisân zuzubringen, hierauf eine Expedition an den See Genezareth zu unternehmen, von dort aber nach Nazareth zu wandern, um daselbst an den Feiertagen der Karwoche bis zum Ostermontag teilzunehmen. Um nun dem Fieber zu enteilen beschlossen wir, die nächste Nacht schon in der Gebirgsluft des Berges Tabor, auf dessen Spitze zuzubringen und tags darauf nach Haifa zu reisen, wohin wir augenblicklich die in Beiruth vor Anker liegende »Miramar« bestellen wollten. Ein langer Weg stand daher bevor und gleich nach dem Frühstück brach alles auf. Ich konnte mich vor Mattigkeit kaum noch auf dem Pferde erhalten und werde diesen Ritt lange nicht vergessen; bei sengender Hitze mußte eine höchst langweilige Gegend passiert werden.

Der Steppen-Charakter der Jordan-Niederung ist gewichen; lang gestreckte flache Rücken, endlose Täler sind an dessen Stelle getreten. Steinige, mit wenig Gebüsch bedeckte Flächen wechseln mit schlecht kultiviertem Land, an Kamel- und Ziegenherden kamen wir vorbei. Das Beduinen-Gebiet liegt hinter uns; die Menschen sind hier noch bunter und ich möchte sagen nördlicher und asiatischer gekleidet als in Jaffa. Große Turbane, bunte Burnuse, pelzverbrämte Jacken, ganz eigentümliche rote Schuhe fallen uns auf. Die Reise zieht sich sehr in die Länge, da die Kranken nur Schritt reiten können, das einzig Erfreuliche ist der Blick über die nächste trostlose Umgebung hinaus, nach den schönen Hochgebirgen.

Endlich haben wir den Fuß des kegelförmigen, überall gleich steilen und nirgends mit anderen Höhen zusammenhängenden Tabor-Berges erreicht, dessen Lehnen bis hinauf mit Steinplatten, Geröll und verkümmerten Eichen bedeckt sind. Durch ein elendes kleines Dorf, aus steinernen Hütten bestehend, schlängelt sich der Weg empor; nichts als blanker Fels und steile Platten; man begreift es kaum, wie die armen Pferde da hinaufkommen können; zwischen den Felsen wachsen immergrüne Gebüsche und die niederen knorrigen Eichen bieten auch keinen schönen Anblick dar. Der Typus der Flora ist ganz und gar jener der Mittelmeer-Küsten; die weitaus interessantere asiatische Flora lag schon hinter uns.

Nach langer Reise ist als Schluß in den Nachmittagsstunden der Ritt auf den hohen Tabor-Berg hinauf ein sehr fragliches Vergnügen; rutschend und stolpernd langten wir endlich auf den todmüden Pferden an der äußeren Umfassungsmauer des kleinen Klosters an; ich konnte vor Mattigkeit kaum mehr die Augen offen halten und litt noch sehr an den Folgen des Fiebers. Der Großherzog war während des langen Rittes unwohl geworden und in den Abendstunden stellte sich auch bei ihm dasselbe Leiden, aber noch in ärgerem Maße, als ich es den Tag zuvor erdulden mußte, ein. Ein Zelt war auf den Tabor vorausgeschickt worden; die ganze andere Karawane blieb in Nazareth, da man die wenigsten der vielgeprüften Maultiere lebend hinaufgebracht hätte. In dieses Zelt legten wir uns hinein, um bis zum Speisen abends zu schlafen. Wie mit einem Male hatten wir die drückend schwere Jordanluft, die Atmosphäre der unter dem Meeresspiegel liegenden Gegenden verlassen. Frische Gebirgsluft, ein empfindlich kühler Abend und scharfer Luftzug folgten der Hitze des Tages.

Eine herrliche Fernsicht genießt man von der Spitze des Tabor-Berges. In südöstlicher Richtung breitet sich die weite Jordan-Ebene, in Dünste der heißen Luft gehüllt, aus; zu beiden Seiten die Randgebirge, die westlichen graugrünen, mit ihren unzähligen Kuppen und Kegeln, die östlichen hoch, kahl und ernst, das Gebiet der freien, edlen Beduinenstämme; im Nordosten erglänzt der Spiegel des großen Genezareth-Sees von freundlichem Hügelland umschlossen, im Norden erheben sich die schneebedeckten Häupter des Libanon und Hermon. Dicht unter uns, am Fuß des Tabor beginnend, zieht sich ein hügeliges Land, von Tälern und Schluchten durchzogen, bis zu den Hochgebirgen, alles ist mit Steinen und Eichenwäldern bedeckt; im Westen reicht eine wellige, eigentlich unschöne Gegend bis zu dem freistehenden hohen Gebirgsstock des Djebel-Mar-Eliâs- oder Carmel-Gebirges.

In den Abendstunden genossen wir dieses schöne Bild. Über den ruhigen, waldreichen Tälern kreisten einige Kaiseradler und Kuttengeier schwebenden Fluges; vollkommene Stille herrschte, nur die hellen Glocken des kleinen Klosters trugen das Ave-Maria in die einsame Gegend.

Nun erst war ich imstande, langsam auf der Spitze des Berges herumzuschleichen, um die interessanten Bauten und Ruinen zu betrachten. Ein griechisches Kloster steht gegenüber dem lateinischen, in dessen Hofe wir unser Zelt aufgeschlagen hatten. Zwischen diesen beiden Gebäuden und um dieselben herum liegen halb verschüttete Mauern, Steinhaufen und die Reste eines alten, jetzt von Pflanzen wild überwucherten Schloßgrabens. Ein spitzer, noch recht gut erhaltener Torbogen fesselte meine Aufmerksamkeit; neben demselben werden Trümmer aller Art als Überreste einer aus dem arabischen Mittelalter stammenden Burg gezeigt.

Im alten Testament schon spielt der Berg Tabor eine Rolle als Grenzpunkt zwischen den Stämmen Issaschar und Sebulon. Debora ließ hier ein Heer sammeln; von da aus zogen auch die Hebräer in die Ebene und schlugen Sisera, den Feldhauptmann des Königs Jabin von Hazor.

Unter Antiochus dem Großen stand eine Stadt namens Itabyrion auf dem Gipfel des Berges. Im Jahre 53 nach Chr. Geb. wurde unter Gambinius den Juden hier eine Schlacht geliefert. Josephus ließ später den Tabor befestigen und unter Vespasian erschlug dessen Feldherr Placidus daselbst viele Israeliten. Seit den ältesten Zeiten des Christentums wird dieser Berg als die Stelle der Verklärung bezeichnet und verehrt. Schon Origenes und Hieronymus schildern ihn in dieser Weise. Die Kreuzfahrer bauten die ersten Klöster auf dem Tabor, welche aber dann von den Muslimen wieder zerstört wurden. Im Jahre 1212 errichtete daselbst Melik-el-Adil, der Bruder Saladins, eine Festung, die später von den Christen vergeblich belagert wurde, aber dann im Laufe der Zeiten, als sie ihren Wert verloren hatte, von den Muslimen selbst wieder geschleift ward. Die jetzigen Klöster stammen aus keiner alten Epoche und sind nur auf den Überresten der ersten hier gestandenen errichtet worden.

Die ganze Gegend ist voll historischer Reminiszenzen und daher doppelt interessant. In der Nähe des Tabors erhebt sich aus den grünen Tälern ein runder Felshügel, unter welchem Saladin am 3. und 4. Juli 1187 seinen größten Sieg errang. Die Macht der Kreuzfahrer wurde da für immer gebrochen, König Guido von Lusignan mit vielen anderen gefangen, die Ritter als Sklaven verkauft, die Templer und Hospitaliter alle hingerichtet. Den Großmeister der Templer erschlug Saladin mit eigener Hand. Derselbe Hügel wird auch als der Platz der Bergpredigt und der wunderbaren Speisung der fünftausend Menschen bezeichnet. In den Abendstunden speisten wir im größten Gemach des Klosters und gingen dann bald zur Ruhe. Der Großherzog war recht leidend am Fieber und mußte, so wie ich tags zuvor, viel Chinin zu sich nehmen.

Am 12. April erwachten wir mit Sonnenaufgang. Die letzte Nacht im Zelte lag hinter uns und nicht ohne wehmütige Gefühle verließ ich meine luftige Behausung. Vom Kloster aus stiegen wir zu Fuß den Berg hinab, da das Reiten hier kaum durchführbar wäre. Nur langsam bewegte sich die Kolonne mit den Kranken und kaum Genesenen über all die Steinplatten, das Gerölle und durch die Eichenwälder hinunter. Die Luft war kühl und angenehm und von den Strahlen der Morgensonne vergoldet, erglänzten die umliegenden Hochgebirge in den schönsten Tinten.

Nach einem mühsamen Fußmarsch hatten wir endlich das Tal erreicht, wo die Pferde bestiegen wurden. Eine zweite Hügelkette mit Steinplatten, Gebüschen und Eichenwäldern konnte überschritten werden und von der entgegengesetzten Lehne genossen wir den ersten Blick auf das tief in einem steinigen, öden Tale liegende Nazareth. Durch einige sehr schlecht gepflasterte enge Gassen gelangten wir an das andere Ende der kleinen Stadt. Wegen des Fiebers hatte mir der Arzt verboten, in kühle kellerartige Räume zu gehen, daher konnte ich auch die Kirchen, die berühmte Verkündigungskapelle und die anderen heiligen Stätten nicht besuchen. Die Bauart des Ortes erinnerte mich an Bethlehem; die aus sehr vielen verschiedenen Religionssekten zusammengesetzte Bevölkerung trägt einen anderen Gesichtstypus als im südlichen Palästina. Die Hautfarbe ist noch lichter, die Kostüme der Männer und Frauen sehr bunt und malerisch. Auf einem freien Platz stand unser Speisezimmer-Zelt aufgeschlagen und ein Teil der Karawane lungerte am Grase umher; die größere Hälfte der Maultiere war mit unserem Gepäck bereits voraus nach Haifa marschiert. Ein kurzes Frühstück wurde eingenommen und hierauf bestiegen wir einige bereitgehaltene niedere Wagen, von kleinen Pferden gezogen. Ein Schweizer Unternehmer gründete vor mehreren Jahren die Wagenverbindung zwischen Haifa und Nazareth.

Der Weg, wenn man dies so nennen darf, den wir fahren mußten, spottet jeder Beschreibung. Über Geröll, Felsplatten, an steilen Berglehnen hinauf und hinab, wurden wir ganz erbärmlich durchgerüttelt. Einige Hügelketten, mit verkümmerten Eichenwäldern und immergrünen Büschen bedeckt, passierte der Wagen. In den dazwischen liegenden Tälern breiteten sich sumpfige Wiesen aus, in denen die Kutschen stecken zu bleiben drohten. Das Wetter war zum Glück schön, aber nicht allzu heiß und die Gegend hat einen freundlichen Charakter, manche der Wälder sind sogar ziemlich üppig und blumenreich.

Nach langer Fahrt gelangten wir in eine weite Ebene, die sich längs der Bucht erstreckt, deren Nordkap durch die bekannte Stadt Akka oder Ptolemaîs, hingegen das Südkap mit dem hohen, in das Meer steil abfallenden Carmel-Gebirge durch Haifa begrenzt ist. Die Fläche selbst ist recht gut bebaut und längs der Ufer des Flüßchens Nahr-el-Mukatta sogar ziemlich fruchtbar. Ein schrecklicher Weg mit tiefen Geleisen quälte uns noch in der letzten Stunde, die wir in Asien zubringen sollten. Schwere Wolken stiegen am Horizont auf, die Sonne verfinsterte sich und eine recht kühle Brise vom Meere her erschien wie der erste Gruß aus dem kalten Europa, dem wir nun bald wieder zuwandern sollten.

Die letzten Kamelherden, die langohrigen Ziegen, arabischen Pferde, die schönen Männergestalten in ihren Burnusen, den bunten Gewändern und großen Turbanen, die orientalischen Häuser und Friedhöfe, das ganze so eigentümlich anziehende Getriebe des morgenländischen Lebens, welches uns durch lange Zeit so sehr interessierte und freute, an das wir uns gewöhnt und es liebgewonnen hatten, wird noch einmal mit Gier betrachtet, jeder will es durch den letzten Blick ins Gedächtnis eingraben, damit später, in kalten grauen Wintertagen, wenn die Nordstürme den armen Europäer martern und peinigen, jene Bilder wie im Traume am geistigen Auge vorbeiziehen und man sich versetzt denkt in die Wiege des Menschengeschlechtes, dorthin, wo das Paradies stand, in den heiligen, goldenen, farbenprächtigen Orient.

Durch eine enge Gasse der kleinen Stadt Haifa, die staffelförmig an den steilen Hängen des Carmel-Gebirges angebaut ist, gelangten wir rasch zur Uferstiege. Noch ein Schritt auf morgenländischem Boden, der letzte Blick in das farbige Menschengewühl, und der harte Abschied vom Orient, den wir bewundern und lieben lernten, lag hinter uns. Ein Boot der »Miramar« trug die Reisegesellschaft über die schaukelnden Wellen zu dem verankerten Schiff.

Vor Einbruch der Nacht setzten wir uns in Bewegung. In nebelhaften Konturen verschlang die Abenddämmerung die hochragenden Gebirge der asiatischen Küste. Die Wogen schlugen mächtig empor und unruhige Stunden begannen.

Der ganze 13. wurde auf offenem Meere zugebracht; die Witterung war kühl und die See nicht hold gestimmt. Schwere Wolken hingen am Firmament und Ruhe herrschte am Verdeck der »Miramar«. Viele waren recht leidend und die wenigen Gesunden beobachteten das Spiel der Wellen, in Gedanken im herrlichen Orient weilend. Nach einem so interessanten, an wechselvollen Bildern reichen Leben tritt eine gewisse Abspannung ein und lange noch zehrt man an der Erinnerung der schönen Tage.

Der 14. April glich in allem und jedem seinem Vorgänger.

Der 15. brachte uns ruhigere See und den Anblick der an landschaftlichen Reizen so reichen Insel Candia. Nahe der Küste fuhren wir vorbei, die herrlichen Hochgebirge, den schneebedeckten Mons Ida bewundernd.

Am 16. sahen wir Cap Matapan, die griechischen Berge und nachmittags Zante. Zwischen der im vollen Frühlingsschmuck prangenden Insel und dem griechischen Festland nahmen wir den Kurs an dem ernsten Gebirgseiland Kephalonia vorbei, passierten im prächtigen Mondschein den berühmten Kanal von Ithaka, die Heimat des Odysseus, sahen den Sappho-Felsen und all die hochragenden Inselberge, geweiht durch althellenische Göttersagen.

Am 17. früh lief die »Miramar« im Hafen von Korfu ein. Lautes Glockengeklingel begrüßte uns, es war Palmsonntag der Griechen und eine Prozession mit Fahnen und reich gekleideten Popen, gefolgt von buntem Landvolk in den malerischen Kostümen der Inselbewohner, zog am Strande vorbei.

Der Kohlenvorrat mußte ergänzt werden und so benützten wir diese Zeit, um einen Ausflug nach der Bucht von Ipsa zu unternehmen. Bei einem kleinen Landhause legte das Boot an und durch blühende Gärten und üppig grünende Eichenhaine stiegen wir empor auf eine Anhöhe, von da die Fernsicht über die schöne Insel und die gegenüberliegenden albanesischen Hochgebirge genießend.

Nach kurzem Aufenthalte kehrten wir zur »Miramar« zurück und setzten die Reise fort. Der Nachmittag war ruhig, die Luft warm und schöne Küstenbilder glitten an uns vorüber.

Am 18. erwachten wir vor Punta d'Ostro. Da die meisten meiner Reisegefährten die Bocche di Cattaro noch nicht kannten, fuhr die »Miramar« zwischen all den hohen, grauen Felswänden hindurch nach dem traurig, aber großartig schön gelegenen Städtchen Cattaro. Auf einem kurzen Gang durch die Stadt betrachteten wir die bunten und so malerischen Trachten der Landbevölkerung. Ein eigentümlicher Reiz ruht auf diesem rauhen, felsigen Hochgebirgsland, bewohnt von einem ritterlichen, starken Bergvolk. Nach einer Stunde beiläufig wurde die Fahrt fortgesetzt. Nachmittags langten wir vor Lacroma an und gingen gleich auf meine kleine, ganz zaubervoll schöne Insel. Alles grünte und blühte und zum letzten Mal konnten wir eine wahrhaft südländische Luft, erwärmende Sonnenstrahlen eines echten Frühlingstages genießen. Im Boote wurden wir nach Ragusa, dem alten Dubrownik der Slaven, hinübergerudert und unternahmen einen Rundgang durch die an Palästen und schönen Bauten so reiche Stadt. Im Hafen von Gravosa brachten wir die Nacht auf der »Miramar« zu.

Der 19. bescherte uns bewegte See, trüben, düsteren Himmel, Regenschauer und empfindlich kühle Luft; die sonst so schöne Fahrt durch die dalmatinischen Inseln bot demzufolge wenig Genuß. In Zara wurde der Abend und die Nacht über geblieben.

Am 20. reisten wir in sehr früher Stunde von der Hauptstadt Dalmatiens weg und trafen bei Regen und dicht umwölktem Himmel nachmittags in Triest ein. Nach einem daselbst angenehm zugebrachten Tage verließen wir am 21. nachmittags diese Stadt, nachdem vom Kommandanten, den Offizieren und der treuen »Miramar« ein rührender Abschied genommen wurde. Vom Karst winkten wir den letzten Gruß dem schönen Meere zu, um für lange wieder dem Festlande anzugehören. Die Nacht verging schnell, wir träumten von Beduinen auf arabischen Hengsten, von schlanken Minaretts, von hochragend Gebirgen, endlosen Wüsten, vom heiligen Nil, von rauschenden Palmen- und Sikomoren-Wäldern und geheimnisvollen Isis-Tempeln! Bald kam die nackte Wirklichkeit; am Semmering erwachend, begrüßten uns eine leichte Schneedecke, Eis und rauher Nordsturm.

Auch in Wien war es nicht viel besser; schwere Wolken hingen am Himmel und naßkalte Luft durchfröstelte die an die Sonne des Südens gewöhnten Wanderer.

Die Expedition war zu Ende, die Reisegesellschaft trennte sich und unwillkürlich schwebten die Gedanken zurück nach dem fernen Osten.

Sei gegrüßt, du goldener, farbenprächtiger, sonnendurchglühter Orient!

Anhang A

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