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Zu Tempeln und Pyramiden

Rudolf von Habsburg: Zu Tempeln und Pyramiden - Kapitel 1
Quellenangabe
typereport
authorKronprinz Rudolf von Österreich
titleZu Tempeln und Pyramiden
publisherEdition Erdmann GmbH
editorHeinrich Pleticha
year2005
isbn3865030238
firstpub1881
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080523
projectidca9b9311
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1. Kapitel

Ägyptens Küste bietet den Anblick flacher, gelber Dünen dar, die sich nur hie und da zu wellenförmigen Sandhügeln erheben. Zuerst gewahrt man einige hochragende Minaretts, den Leuchtturm, mehrere außerhalb der Stadt befindliche Windmühlen; bald darauf taucht das vizekönigliche Schloß Mustapha-Pascha, in phantastisch orientalischem Stil erbaut, aus den Wogen empor.

Nun wird es ernst, die Ankunft naht heran; ein Boot schaukelt leicht über die Wellen unserem Schiffe entgegen, die Lotsenflagge läßt dessen Zweck erkennen. Orientalen, keine reinen Araber, Leute der Hafenstädte, Mischvolk, wie es nur das Morgenland hervorbringen kann, rudern das Fahrzeug mit nervigen Armen. Braune Gesellen, in mehr kleinasiatischer Tracht, den Turban am Kopf, schreien und gestikulieren der »Miramar« zu; in ihrer Mitte steht ein brauner Mann in feiner, echt orientalischer Kleidung, eine farbige Binde um den dicken Bauch gewickelt, ein krauser schwarzer Bart umrahmt das ausdrucksvolle, ziemlich echt arabische Gesicht, die gelblich-braunen Hände sind geziert durch silberne Ringe.

Wir stoppen; langsam und würdevoll steigt der Lotse über die Fallreeps-Treppe empor, um nach kurzem Gruß auf der Kommando-Brücke den Platz einzunehmen; sein Boot schleppen wir nun nach. Einem engen und klippenreichen Einfahrtskanal fahren wir entgegen, durch den man zum Port-Bieux gelangt. Rechts fesselt das halb zerfallene, aber in interessantem Stil erbaute Schloß Said Paschas (El-Meks) unsere Aufmerksamkeit, an dasselbe reihen sich einige Batterien und ziemlich ausgedehnte Palmenwälder; um den gut gebauten Wellenbrecher in den Hafen einbiegend eröffnet sich eine reizende Aussicht auf die ganze Stadt. Würden nicht die Minaretts und einige in arabischem Stile erbaute, größere Gebäude den orientalischen Charakter wahren, könnte man sich leicht in eine südeuropäische Hafenstadt versetzt denken. Der Haupt-Typus Alexandriens von außen ist unleugbar europäisch.

Als wir den Wellenbrecher passiert hatten, entrollte sich vor uns ein sehr eigentümliches Bild.

Die Batterien salutierten, desgleichen die türkischen Kriegsschiffe »Mehmet-Ali«, »Makkarosa« und die Yacht des Khedive; in den Takelagen standen die Matrosen in landarmeeartigen Waffenröcken, den Fez am Kopfe, von einem der Schiffe erklangen die schönen, echt orientalischen, an einen ungarischen Csárdás erinnernden Weisen des türkischen Sultansliedes, während von der Yacht herüber die modernen Töne der neuen Khedivial-Hymne erschollen. Mehrere österreichische Lloyddampfer prangten in der vollen Flaggengala. Der Hafen war dicht gefüllt mit Schiffen, alle geschmückt; die große Flagge des türkischen Kaiserreiches, der weiße Halbmond mit dem Sterne im blutig roten Feld, neigte sich zum Gruße. Der Wasserspiegel wimmelte von Booten, in denselben saßen Araber aller Klassen, Arme und Reiche, doch ohne Unterschied malerisch drapiert, schöne charakteristische Gestalten, auch viele Leute in Zivilkleidung konnte man bemerken: Levantiner, Griechen, Italiener und Juden, mit oder ohne Fez am Kopfe.

In mehreren kleinen, aufs Schönste dekorierten Dampf-Mouchen kamen uns die Mitglieder der österreichisch-ungarischen Kolonie entgegen; eine Musikbande intonierte die Klänge des »Gott erhalte«; viele Dalmatiner, in den weißen und grünen schönen Trachten der Täler der Bocche di Cattaro, den waffenstrotzenden Pas um die schlanke Gestalt gewickelt, schwangen unter Zivio-Rufen ihre Mützen; sie bildeten einen merkwürdigen Kontrast, als christliche Orientalen neben den ebenfalls farbenprächtigen Orientalen des Islams. Kaleidoskopartig bewegte sich das Gemenge von Flaggen, Farben, Kostümen und Uniformen auf unzähligen Fahrzeugen um uns herum; schon lange lagen wir an der Boje, als die Leute uns noch neugierig umschwirrten.

Gar bald erschien Generalkonsul Baron Schäffer mit den Beamten des österreichischen Konsulates an Bord der »Miramar«; nach kurzer Begrüßung mußten wir die auf schönen Galabooten heranfahrenden Würdenträger empfangen. An ihrer Spitze stand Mustapha-Pascha, der Minister des Äußern, den sein Herr von Kairo zu unserer Begrüßung hierher gesandt hatte; ferner kamen noch mehrere Generäle und der Hafen-Kapitän, auch Abd-el-Kader-Pascha war schon anwesend, in der blauen Uniform eines ägyptischen Divisions-Generals. Der Khedive hatte die Güte, diesen angenehmen gebildeten Mann von halb türkischer, halb arabischer Abstammung uns für die ganze Reise in Ägypten zuzuteilen. Wir lernten ihn alle ohne Ausnahme schätzen und achten und schieden nach langem täglichen Verkehr in wahrer Freundschaft von ihm. Als die ägyptischen Honoratioren sich wieder entfernt hatten, kam die österreichische Kolonie. Nebst mehreren Dalmatinern, die bei den großen Bankhäusern angestellt sind, waren auch auffallend viele Österreicher aus allen Teilen der Monarchie anwesend, doch weitaus den größten Teil der Kolonie bilden Nicht-Österreicher von Geburt, Levantiner aller Art, die sich der Sicherheit der Geschäfte wegen und besonders, dank dem Ansehen und der hervorragenden Tätigkeit unseres im Inlande nur viel zu wenig geschätzten Lloyd, unter unseren Schutz stellen lassen.

Nachdem wir einige Zeit hindurch mit den einzelnen Landsleuten von Geburt und auch jenen, die es nur dem Namen nach sind, gesprochen hatten, verließen sie wieder alle die »Miramar« und wir zogen uns in die Kabinen zurück, um die Uniformen mit Zivilkleidern zu vertauschen. Bald darauf ließ sich die ganze Reisegesellschaft an die Hafenstiege hinüberrudern; dort erwartete uns Baron Schäffer und mit ihm schritten wir zu den bereitgehaltenen Wagen. Viele Gepäckträger, Hammál auch Scheyyál genannt, eine eigene Kaste des ärmsten arabischen Volkes, in blauen hochgeschürzten Hemden, mit mageren braunen, sehnigen Beinen und nackten Armen, europäisch uniformierte Douaniers (Gumruktschi), türkische Matrosen, Hafenarbeiter, darunter höchst merkwürdige Typen, umlagerten uns neugierig gaffend.

Der Khedive hatte die Güte, uns schon hier seine Equipagen zur Verfügung zu stellen; es waren echt englische Wagen und Pferde, die Dienerschaft durchwegs Franzosen in moderner europäischer Livree, als einziges Markmal des Orients den Fez am Kopfe. Vorläufer fehlten auch nicht, jene leichtfüßigen, mageren Gesellen in phantastischen Kostümen, mit fliegenden weißen Ärmeln, lange Stäbe schwingend. In jedem Tempo laufen sie den Equipagen voraus, ununterbrochen schreiend. In den engen arabischen Vierteln der Städte lernt man sie schätzen, denn nur mit Mühe und vielen Stockungen könnte man ohne sie dieses Gewühl von Menschen und Tieren passieren. Kaum hatten wir durch ein weites Tor die Hafengebäude verlassen, als uns auch schon das echt orientalische Leben begrüßte. In einer engen Gasse, gebildet von Häusern in arabischem Stile, wimmelte es von Menschen aller Art; laut schreiende Eseltreiber, die obligaten Wasserträger, Verkäufer, blaue Fellachen-Hemden neben rein weißen Burnusen, Weiber im faltenreichen Gewande, altertümliche Krüge am Kopfe tragend, blinde Bettler mit langen Stäben, Gassenjungen, lärmend und ungezogen, wie sie nur der Orient erzeugen kann.

Viele Türken und Kleinasiaten in ihren farbenreichen Kostümen fielen uns auf. Schon der Gesichtsausdruck ist ein von jenem der Araber ganz verschiedener, auch die Hautfarbe ist eine lichtere. Der echte Araber ist dunkel, die Züge sind schön und edel, die Gestalt mager, aber sehnig; in jeder Beziehung zwar besser, doch unverkennbar ähnlich den Israeliten. Der Fellache des kultivierten Nillandes ist kein reiner Araber, er ist ein Typus, den man auf den Bildnissen der alten Ägypter regelmäßig findet; ich betrachte ihn als das Urvolk dieses Landes und behalte mir vor, an anderer Stelle eingehender über dieses Thema zu sprechen.

Nachdem wir diese kurze orientalische Straße passiert hatten, gelangten wir in den europäischen Teil der Stadt. Breite Gassen mit schönen, echt abendländischen Häusern und Gewölben bilden jenes Stadtviertel, in dessen Mitte die »Place Mehmet-Ali« als Glanzpunkt erscheint. Es wäre uninteressant, eine typuslose europäische Hafenstadt zu schildern. Alexandrien hat in vollem Maße diesen Charakter. So elegant und regelmäßig auch die Straßen gebaut sind, haftet doch ein gewisses Wesen an der Stadt, das uns befremdet. Der orientalische Schmutz und die Verwahrlosung, welche arabischen Städten sogar einen genialen, malerischen Reiz verleihen, passen schlecht zu den geraden, schablonenhaften Bauwerken des Abendlandes; man erkennt auf Schritt und Tritt den Eindringling, der mit Mühe einem fremden Weltteil seinen Typus aufprägen will; nur ungern trägt der freie Wüstensand europäische Städte und noch weniger das gewinnsüchtige Wesen der Bleichgesichter.

Durch einige Hauptstraßen fahrend, gelangten wir auf die Place Mehmet-Ali, in deren Mitte das Reiterstandbild des großen, tatkräftigen Kriegers Mehmet-Ali, des emporgekommenen Sohnes eines mazedonischen Straßenwächters aus Kawala, steht. Nicht ohne Grund schenkte dieser Mann seine volle Zuneigung der Stadt Alexandrien und verstand es, dieselbe in jeder Beziehung zu heben; er tat dies nur, um sich von der Welt mit seinem Vorbilde Alexander dem Großen vergleichen zu lassen.

Der Reisende steht in Alexandrien auf historischem Boden; nie wird mehr diese Stadt jenen Glanz und jene Blüte erreichen, wie in den Tagen der großen alexandrinischen Bibliothek, als hier für Verkehr, Kunst und Wissenschaft ein Zentrum der damaligen gebildeten Welt zu finden war.

In den europäischen Straßen herrschte reges Leben. Die Leute, die man sah, trugen jenen undefinierbaren Typus einer Mischrasse an sich, den man mit dem Namen »Levantiner« bezeichnet. Es ist dies ein Gemenge von italienischem, griechischem, armenischem und jüdischem Charakter. Fast alle sind europäisch gekleidet, die meisten aber mit dem Fez am Kopfe; außer ihnen bemerkte ich noch Dalmatiner und Albanesen in Kostüm, auch Türken und Kleinasiaten; viele griechische Popen und einiger Franziskaner repräsentierten das Christentum. Araber als Eseltreiber, Last- und Wasserträger durcheilen gleichfalls die europäische Stadt, die große Masse derselben bleibt aber doch in den arabischen Vierteln. Mohren und Nubier stehen vor den Häusern der reichen Bankiers, bei denen sie mehr als Prunkgegenstände als zum eigentlichen Nutzen dienen.

Gar bald waren wir der geraden Straßen müde und fuhren nach dem arabischen Viertel, durch einige enge Gassen, in orientalischem Stile erbaut, die Häuser mit Erker- und vergitterten Haremsfenstern geziert, gelangten wir in das Zentrum des morgenländischen Lebens; immer langsamer mußten wir fahren und endlich den Wagen ganz verlassen. Zu Fuß durchschritten wir den Bazar. Alexandrien spielt als arabische Stadt keine Rolle und dennoch wirkt der kleine, unbedeutende Bazar mit seinem eigentümlichen Leben und Treiben geradezu überwältigend auf den Europäer, der direkt aus dem Abendlande kommend, sich noch niemals von orientalischem Wesen umgeben sah.

Die Massen von Neugierigen, von Käufern und Verkäufern, die herumlungernden Kinder und Hunde, die rücksichtslosen Eseltreiber, die merkwürdigen Kostüme und Typen waren auch hier schon vertreten, doch in weit geringerem Maße als in Kairo; darum werde ich mich darauf beschränken, die arabischen Viertel und den im ganzen Oriente berühmten Bazar der alten Kalifenstadt zu schildern, so gut es eben geht, denn ein spezielles Studium erfordert die volle Kenntnis jenes höchst interessanten Lebens.

Nur langsam und mit vieler Mühe gelangten wir durch den ganzen Bazar; am entgegengesetzten Ende erwarteten uns die Wagen und wir fuhren nach dem Bahnhof an der Südseite der Stadt, dessen Einrichtung sowie der Charakter der Waggons mich lebhaft an England erinnerten, nur schien alles etwas verwahrlost zu sein. Ein Eisenbahnzug führte uns längs der Dünen, welche die Seen vom Meere trennen, nach dem Sommeraufenthalte und Seebade der reichen Ägypter, Ramléh genannt; nur hie und da, besonders nahe der Stadt, sieht man die Dünen mit ihrem gelben Wüstensande, darauf Zigeuner- und Beduinenzelte, schwermütige Kamele und schreiende Esel, arabische Hütten und verfallene Gräber; das meiste ist in Gärten mit reizenden Villen umgewandelt.

Mit Früchten schwer beladene Orangen- und Zitronenbäume neben schlanken Palmen verwandeln die ganze Strecke in einen Park. In Ramléh angelangt warteten wir nur zehn Minuten auf den nächsten Zug, der uns nach Alexandrien zurückbrachte. Dieser kurze Ausflug bietet dem Fremden den Anblick eines Paradieses, das menschlicher Fleiß aus dem sterilsten Boden hervorzuzaubern verstand. Nach Alexandrien zurückgekehrt, fuhren wir zu Wagen längs dem Mahmûdiyé-Kanal nach dem großen öffentlichen Garten von Ginênet-en-Nusha. Der Weg längs des Kanales hat viel Interessantes. Die Straße war belebt; außer allerlei Landvolk fuhren auch Wagen, Lohnkutschen und Equipagen die elegante Welt Alexandriens durch die herrlichen Baumreihen nach jenen schönen Gärten, in denen die kühlen Abende Labung gewähren. In den Fluten des Kanales nahmen Männer und Frauen der armen Volksklassen ihre vorgeschriebenen Waschungen vor und an den Ufern knieten fromme Muselmänner, ihr eigentümliches Gebet, das Gesicht gegen Mekka gewendet, halblaut lallend. Unter der eleganten Welt sah man viele auffallend schreiende Toiletten und einen falschen Chic, doch unleugbar schöne Gesichter; auch eine bedeutende Zahl Demimonde waren vertreten, im Typus sehr ähnlich jener Wiens und Pests; wie man mir sagte, rekrutiert sich dieses leichte Volk in Ägypten größtenteils aus Österreich.

Der Garten von Ginênet-en-Nusha hat den vollen üppigen, fast tropischen Charakter aller ägyptischen Gärten; gewürzte Düfte durchschwellen die Luft und blühende Vegetation erfreut das Auge des Fremden. Eine Militär-Kapelle spielte fröhliche Weisen und viele europäisch gekleidete Leute ergingen sich in den schattigen Lauben. Wir fuhren nur rasch durch alle Anlagen und statteten dann noch dem schönsten Landhause der Umgebung Alexandriens, der Villa des reichen Griechen Antoniadis, einen Besuch ab. Der Garten, auffallend gut gepflegt und von dem verschwenderischen Klima Afrikas unterstützt, bietet ein schönes Gemenge von Kunst und Natur. Das Landhaus selbst, reizend eingerichtet, erzielt mit allem Raffinement die Erhaltung einer kühlen Temperatur. Der Hausherr zeigte uns mit vieler Aufmerksamkeit seinen schönen Besitz. Durch die Allee längs des Kanals fuhren wir nach der Stadt zurück, bogen dann ein und gelangten außerhalb derselben zur berühmten Pompejus-Säule.

Der Weg, den wir einschlugen, unterhielt mich sehr, denn ich fand manch Anheimelndes. Die Ränder der orientalischen Städte, selbst jene der östlichen Länder Europas, tragen in den Hauptzügen stets denselben Charakter an sich. Die Häuser werden immer kleiner; in verwahrlosten Gärten, zwischen undefinierbaren Schutt- und Schmutzhaufen, neben ruinenartigen Gebäuden und wüsten Friedhöfen endet die eleganteste Stadt. Hier kennzeichneten diesen Typus noch deutlicher die verfallenen Grabstätten, jene eigentümlichen runden Bauten und Kuppeln, kleine Palmenwälder, ausruhende, schwer beladene Kamelherden, halbwilde Hunde, Büffel und Esel und ein die ganze Atmosphäre durchdringender gelber Staub. Zwischen den letzten Häusern der Stadt erhebt sich ein runder künstlicher Hügel, auf demselben steht die alte Pompejus-Säule aus einem 63 Fuß hohen Monolith, von rotem Assuaner-Syenit gebildet, geschmückt durch ein roh gearbeitetes korinthisches Kapital. Vor Zeiten soll darauf die Statue des Kaisers Diocletian gestanden haben. Wir waren in einem günstigen Augenblick gekommen; vom Hügel aus genossen wir einen herrlichen Anblick, in der schönsten Beleuchtung lag die Stadt vor uns ausgebreitet: in nördlicher Richtung der weite Meeresspiegel, südöstlich die gelben Dünen und der große Maryut-See. Die Sonne ging eben unter; im warmen Dunste und Staub erschien ihre Scheibe wie bei uns an manchen Nebeltagen; der westliche Himmel war übergossen von den farbigsten Tinten, orangegelbe, rötliche und bläuliche Töne herrschten scharf abgegrenzt nebeneinander und übergossen alles mit goldigem Licht, während der östliche Himmel in die blauen Schatten der Nacht gehüllt war, nur hie und da unterbrochen durch helle Sterne. Solche Effekte kann nur der Orient, aber vor allem das durch seine Beleuchtungen berühmte Ägypten, hervorzaubern.

Während wir noch voll des schönen Natureindruckes die Fernsicht genossen, zogen auf der Straße am Fuße des Hügels lärmende Scharen vorbei. Zuerst kamen Herden von schwarzen Ziegen mit herabhängenden Ohren, dann Kamele, eines hinter dem anderen; sie schritten, von ihren schreienden Führern umgeben, abends nach ihren Behausungen; bald darauf folgte ein Begräbnis. Einige Männer trugen den Sarg, eigentlich eine Holzkiste ohne Deckel, überhängt mit einem Tuche; an der Kopfseite bewies ein aus Holz geschnitzter Turban, daß ein Mann zur ewigen Ruhe wandere. Viele Klageweiber umringten tänzelnd, händeringend und laut jammernd den Sarg; eine lange Reihe Menschen, Gebete sprechend, folgte langsam nach; das Ganze bot ein höchst eigentümliches Bild dar.

Mit einigen Umwegen und durch das Tor »Porte de Moharrem-Bey«, der alten, jetzt schon ganz zwecklosen Festungsmauer, gelangten wir wieder in das Innere der Stadt. In den Abendstunden herrscht auf allen Gassen ein noch viel regeres Leben als tagsüber, und der Lärm, das endlose Geschrei, bildet einen auffallenden Kontrast gegen die Ruhe der Nacht, die über die Natur ausgegossen ist. Die großen Gewölbe waren noch alle beleuchtet und die Kaffeehäuser offen. Die Aufschriften sind im europäischen Viertel entweder griechisch, französisch oder italienisch. Die Nacht war schon vollkommen hereingebrochen, als wir an Bord der »Miramar« eintrafen. Zum Diner kam der deutsche Generalkonsul Baron Saurma, der sich von nun an viel unserer Reisegesellschaft anschloß und dem wir große Gefälligkeiten, besonders in jagdlicher Beziehung, zu danken haben.

Am 19. früh verließen wir die »Miramar« und nahmen Abschied von ihr für recht lange Zeit; ein ägyptisches Galaboot des Vizekönigs führte uns an das Land. Dieses höchst eigentümliche Fahrzeug war ganz orientalisch ausgestattet; alles in roter Farbe, sowohl die auffallend gekleideten Matrosen als auch die gepolsterten Sitze, die reich drapierten Bordwände und das baldachinartige Dach. Die orientalischen Seeleute rudern ganz anders als die europäischen, doch unleugbar macht der vollkommen im Takt geführte Ruderschlag, stets von merkwürdig summendem Gesang begleitet, einen günstigen Eindruck. In Wagen gelangten wir vom Hafen zum Bahnhofe, wo sich eine große Menge Menschen versammelt hatte, fast durchgehend Österreicher oder doch Mitglieder unserer Kolonie; eine Musik spielte das »Gott erhalte« und Dalmatiner in farbenprächtigen Kostümen schwangen unter Zivio-Rufen ihre Mützen. Nach wenigen Minuten verließ der Zug die Bahnhofshalle. Der Vizekönig hatte uns seinen eigenen Hofzug zur Verfügung gestellt, große geräumige Waggons, in der Mitte ein reizender offener Aussichtswagen. Gute Übergänge ermöglichten das freie Zirkulieren durch alle Räume des Zuges. Außer uns allen waren noch Baron Schäffer mit den Beamten des österreichischen Generalkonsulates, dann Baron Saurma, Abd-el-Kader Pascha, der Minister des Äußern Mustapha Pascha, einige Ägypter und die Herren der Eisenbahndirektion, an ihrer Spitze Herr Zimmermann, ein äußerst angenehmer und gebildeter Franzose, der sich in Liebenswürdigkeiten überbot, anwesend.

Der Zug ging sehr rasch und nur im Fluge glitten interessante Bilder an uns vorüber. Anfänglich führt die Bahn auf einem niederen Landrücken, welcher die großen Sumpf-Seen – den Maryuti'schen rechts, denjenigen von Abukir links – voneinander trennt. Die weiten Wasserflächen waren bedeckt von Wasserwild aller Art und auf gelben Sandhügeln standen düstere Reiher mit weit vorgestrecktem Halse. Nach einiger Zeit verschwinden die Sumpf- und Wasserstrecken des nördlichen Delta, um dem reichen Kulturlande zu weichen. Überall Anbau, weite Saatfelder, wahre Wälder von Baumwollstauden, tiefe Kanäle, hohe Dämme; dazwischen hie und da schlanke Palmengehölze, dunkle Gärten, ruinenartige braune, aus Lehm erbaute Dörfer mit hohen Minaretts. Das ist der stets gleichmäßige Typus des kultivierten Unterägypten.

Reges Leben herrscht auf den Dämmen, die zugleich als Wege dienen, und in den Feldern. Fellachen arbeiten und pflügen, halbnackte Gestalten sind an den Schöpfrädern beschäftigt. Braune Fellachen, Weiber im engen blauen Hemde, bloße Kinder führend, schreiten neben stolzen Kamel-Karawanen; Beduinen-Stämme auf der Wanderung durch das Kulturland von einer Wüste zur anderen zu Fuß und zu Pferd, die Frauen auf Kamelen, ein kleines Volk für sich, unabhängig und stolz; Vollblut-Araber, weiße Burnuse, schöne Rosse, lange Gewehre, krumme Säbel, Turban und schlichte Fellachenkappe; langbehängte Ziegen neben wolfartigen Hunden, graue verkümmerte Bauernesel neben wohlgepflegten weißen oder schwarzen Reiteseln der Reichen. Ein Zug wohlhabender Leute, die Männer in bunten Gewändern zu Pferd, die Frauen in farbigen turmähnlichen Behältnissen am Rücken der Kamele, den Augen der Unwürdigen verborgen. Die Felder wimmeln von weißen Kuhreihern, die dem pflügenden Landmanne folgen, und hurtigen Spornkiebitzen; zwischen den Ufergebüschen girren rötliche Palmtauben und rütteln langschnabelige Graufischer, echt ägyptische Tiere; vor dem Eisenbahnzuge flieht ein Wolf über die Äcker, und Milane in Unmassen, Falken und Geier umkreisen die Ortschaften.

Unterägypten

Bunt und farbenprächtig, belebt, reich an interessantem menschlichen Treiben und merkwürdiger Tierwelt, in graublaue Dünste der Mittagshitze gehüllt, tritt dem Wanderer das alte Unterägypten entgegen.

Damanhúr, ein kleines, echt arabisches Städtchen, ist längst schon passiert; fortwährend schauend, neue Eindrücke auffangend, durchfliegen wir die Ebene. Der Nil ist erreicht; über die eiserne Brücke rasselt der Zug und zum ersten Male begrüßen wir die braunen, majestätischen Fluten dieses ältesten historischen Stromes. Am rechten Ufer durchbrausen wir den Bahnhof von Kafr-ez-Zayat, einem kleinen, nahe gelegenen Orte. Nach kurzer Fahrt erreichen wir die berühmte alte Stadt Tanta. Von weitem einem Schutthaufen ähnlich, von blühenden Gärten, Palmen und düsteren Sikomoren umgeben, bietet erst der nähere Anblick das bunte stets bewegte Leben des Orients und die in grauem Lehm ausgeführten Häusermassen in wilder Unordnung, fast aufeinander gehäuft, durch arabischen Stil dennoch malerisch geschmückt dar.

Tanta ist durch die daselbst dreimal im Jahre stattfindenden Märkte berüchtigt. Schon zu den Zeiten Herodots gab es in Unterägypten, damals im östlichen Delta, jene das ganze Land in Bewegung versetzenden Messen, die zu den ärgsten Orgien und Bacchanalien entarteten. Im Altertum zu Ehren der Göttin Bubastis, jetzt zur Feier des Said von Tanta (Sejd-Achmed-el Bedawi), der daselbst um das Jahr 1200 als Heiliger starb, blieben sich diese Feste bis heutzutage in ihrem unzüchtigen Wesen gleich.

Nur wenige Minuten hielt der Zug in Tanta, dann ging es weiter, immer durch gleiche Gegenden, stets dieselben Bilder. Bei Ben-ha-el-Asl passiert man den Nilarm von Damiette. Zwischen Gärten steht ein großes Schloß, berühmt durch eine gräßliche Geschichte, die sich darin abspielte. Im Jahre 1854 wurde nämlich daselbst Abbas-Pascha, Sohn Tussums, der schon zu Zeiten Mehmet-Alis regierte, von zwei Mameluken ermordet; wie es heißt, soll er dieses Endes nicht ganz unwürdig gewesen sein.

Gar bald erfreut uns ein herrlicher Moment, das Einerlei der unterägyptischen Landschaft findet allmählich sein Ende. Über dem Kulturland hinweg taucht hie und da der gelbe Horizont der libyschen Wüste in südwestlicher Richtung empor, gerade vor uns erheben sich die in die Mittagsdünste wie in einen gelbgrauen Schleier gehüllten Pyramiden von Gizeh; es ist ein feierlicher Moment und unwillkürlich bemächtigen sich ernste Gedanken des Reisenden, der zum ersten Male das Wahrzeichen der vor Jahrtausenden blühenden Kultur des ewigen Pharaonenlandes, die unverwüstlichen Ecksteine der Weltgeschichte mit eigenen Augen erblickt.

Südöstlich türmen sich die tafelförmigen Wüstengebirge des Mokattam, darunter die Mauern der Zitadelle und die hohen Minaretts der Moschee Mehemet-Alis empor. Zwischen alledem im Dämmer der Mittagshitze das Häusermeer der afrikanischen Weltstadt. Je mehr wir uns der alten vielgepriesenen Kalifenstadt nähern, desto üppiger erscheinen die Gärten neben der Bahn; Palmen- und Sikomoren-Wälder umgeben einzeln stehende Häuser, und endlich taucht die schöne dunkelgrüne Schubra-Allee vor uns auf. Noch einige Minuten und der Zug rollt in die Bahnhofshalle ein.

Der Vizekönig, umgeben von hohen Würdenträgern, steht am Perron, uns auf das Freundlichste begrüßend. Die zahlreichen Mitglieder der österreichisch-ungarischen Kolonie empfangen die Landsleute mit einer stürmischen Ovation. Wir gehen zu den bereitstehenden Wagen, schönen, echt europäischen D'Aumont-Equipagen, ein Bataillon Infanterie leistet unter den Klängen unserer Volkshymne die Ehrenbezeugung. Bezaubernd wirkt der erste Blick in das bunt bewegte Kairenser Leben. Durch eine kurze Gasse fahren wir zur Brücke, über den Kanal, in die üppig grüne schattige Schubra-Allee. Ein Bild folgt dem anderen und wie im Traume gleiten die interessantesten Eindrücke am Auge vorüber. Dichte Menschenmengen wogen auf und nieder; schwer beladene Kamele, kleine Esel, lärmende Orientalen in farbigen Gewändern, halb offene Kaufläden und Kaffeehäuser, davorhockende Leute; Kinder wälzen sich im Staube herum, alles lärmt, stößt an, weicht nicht aus; erschreckte Fellachen-Weiber im blauen Hemde, Säuglinge oder Wasserkrüge am Kopfe tragend, fliehen schreiend vor dem dahereilenden Wagen. Die Vorläufer bahnen durch Hiebe mit ihren Stöcken den Weg für die Equipagen. Rechts und links bemerke ich hübsche Häuser inmitten herrlicher Gärten. Nach wenigen Minuten biegen wir durch ein Gittertor links ein, zwischen Gebüschen und dichten Anpflanzungen steht das Schloß Kasr-en-Nusha. Eine Infanterie-Abteilung begrüßt uns mit lauten Hornsignalen.

Das hübsche äußerst gemütliche Absteigequartier, welches uns der Vizekönig in der liebenswürdigsten Weise zur Verfügung gestellt hatte, ist ein aus zwei viereckigen Gebäuden bestehendes Schloß; eine durch große Fensterscheiben gezierte Galerie, unter der sich die Einfahrt für die Wagen befindet, verbindet die beiden Trakte. Von außen wie von innen ist alles europäisch, doch sind wie überall bunte Verzierungen, hübsche Teppiche, ganz orientalisch eingerichtete Badezimmer und verschiedene kleine Details, die an das Morgenland mahnen.

Bald hatten wir uns häuslich eingerichtet und genossen in vollen Zügen den ersten Eindruck des orientalischen Lebens. Sowohl die Einrichtung der Behausungen als auch die vielen reizenden Terrassen, der Duft des blühenden Gartens und die milde wonnevolle Luft erinnerten an all jene Herrlichkeiten, die uns die morgenländische Phantasie in ihren Märchen vorführt.

Nach einem kurzen Gabelfrühstück fuhren einige von uns mit Baron Saurma auf die Jagd. Die Stadt mußte passiert werden, und so kamen wir abermals über den Kanal und durch die europäischen Stadtteile mit ihren breiten Gassen, den hübschen Häusern und üppigen Gärten der reichen Leute vorbei; von weitem sahen wir den Eingang nach den arabischen Vierteln und auf den Straßen unterhielt uns das wilde Durcheinander von europäischen Equipagen, elenden Droschken, Reit- und Lasteseln, Maultieren, Kamelen, von Arm und Reich, Bettlern und bunten Morgenländern, echtem Islam neben halbeuropäischem Levantinertum, und außer alledem der große Troß wahrer Abendländer, Touristen und ihresgleichen. An Kasr-en-Nil vorüber erreichten wir gar bald, über die Brücke fahrend, die Dämme und hohen Alleen, die sich gegenüber der Stadt zwischen all den großen Gärten dahinziehen. Neben dem Schlosse Tussum-Paschas erstrecken sich, umgeben von Kanälen und halbbewässerten Äckern, einige große Zuckerrohrfelder. Eines derselben beschlossen wir zu jagen.

Prinz Taxis und der Bruder des Baron Saurma erwarteten uns daselbst. Die Schützen wurden allsogleich postiert und die Hunde gelöst. Lange Zeit hindurch schienen die Dachseln keine Spur zu finden; endlich begann eine Jagd, lautes Gekläff näherte sich dem Rande des Feldes. Leider verließ der Wolf an einem Punkte sein Versteck, wo kein Schütze stand, und so gingen wir zu einem anderen, über einem breiten Kanal liegenden Zuckerrohr. Die Hunde wurden abermals gelöst, doch gar bald brachen wir die Jagd ab, da wir während des Triebes die traurige Entdeckung machten, daß an der einen Seite des Feldes der Schnitt des Zuckerrohres begonnen hatte.

Sehr viele Arbeiter, sehr arme wenig bekleidete Fellachen, darunter höchst merkwürdige Erscheinungen, arbeiteten da unter der Leitung eines in lange faltenreiche Gewänder gehüllten, mit Rhinozeroshaut-Peitsche bewehrten Aufsehers. Dieser brave Mann kam während der Jagd würdevoll auf mich zugeschritten, hielt eine lange Ansprache, von stolzen Handbewegungen begleitet, der ich mit vieler Mühe endlich entnehmen konnte, daß er wünsche, ich solle den Platz verlassen. Da der Ton seiner Stimme und die Bewegungen seiner Hand energischer zu werden begannen, rief ich Osman, den schwarzen Kawassen des Barons Saurma herbei; als der biedere Orientale die reiche Livree eines Konsulats-Dieners sah, fiel die Stimme in milde, flehentlich bittende Töne herab, und eilig suchte er im dichten Zuckerrohr Schutz vor weiteren Drohungen. Wir gingen alle zu den Wagen zurück: der erste, ganz kurze Jagdversuch auf Raubtiere war mißglückt, dafür hatten wir einige kleinere Stücke erlegt.

Arbeitende Fellachen

Baron Saurma fuhr nun mit uns nach dem ältesten Teil der Stadt, dem im Süden gelegenen Alt-Kairo. Die Brücke mußte abermals passiert werden, und dann uns nahe vom Nil neben einem vizeköniglichen Schlosse rechts wendend, führte der Weg gar bald in das höchst interessante Labyrinth von Schutt, Ruinen, Schmutz und Trümmern. Der ärmste Teil der Bevölkerung wohnt da in elenden, halb verfallenen Häusern; zwischen Steinen und Sandhügeln endete die Fahrstraße, und neben zwei hohen Palmen mußten wir aussteigen und den Weg zu Fuß fortsetzen.

Ein Abend am Mokattam

Von einem hohen Schutthaufen, dessen eine Seite zwischen Ruinen einer alten Mauer das letzte Haus der Stadt bildet, wo des Nachts nur Hyänen und Schakale mit den halbwilden Hunden in Gemeinschaft heulen, genossen wir eine herrliche Fernsicht. Die Sonne tauchte eben zwischen den buntesten Tönen, von Dunststreifen umgeben, in der gelben libyschen Wüste unter, die Pyramiden, die hohen Zinnen und Minaretts der Stadt, die Zitadelle sowie auch die ernsten Wände des Mokattam-Gebirges vergoldend. Es war ein Bild so reich und großartig an Farbeneffekten und so geschmückt durch landschaftlich und architektonisch schöne Momente, daß es schwer fiele, sich im Geiste etwas Herrlicheres auszumalen.

Zwischen Schutt und Trümmern steht die jetzt schon unbenützte, ganz zur Ruine gewordene Moschee Kasr-el-Ain. In ihren alten Mauern hausen sehr viele Triel, jene merkwürdigen Sumpfvögel von nächtlicher Lebensweise; mit Einbruch der Nacht verlassen sie unter unaufhörlichem Pfeifen, einem Ton, den man allnächtlich in ganz Ägypten vernimmt, ihre Verstecke und ziehen nach dem nahen Nil.

Wir postierten uns längs der Wände der Moschee und erwarteten das Erscheinen dieser komischen Vögel. Als es zu dunkeln begann, verließen mehrere ihre Schlupfwinkel, doch so rasch, daß es nur Hoyos gelang, einen derselben herunterzuschießen. Nun kletterten wir über Schutt und Trümmer, von dem Gekläff der aufgescheuchten Hunde verfolgt und von den aus ihren Höhlen hervorkriechenden Arabern neugierig angegafft, bis zu unseren Wagen.

Die Heimfahrt ging anfänglich nur sehr langsam vonstatten, denn das Gewirre von Ruinen Alt-Kairos mußte bei voller Dunkelheit passiert werden; später folgten einige Gärten und endlich hatten wir die eleganten Stadtteile erreicht, in denen buntes Leben auf den gut erleuchteten Gassen wogte. Zu Hause angelangt speisten wir, und nach dem Diner erschien ein glänzender Fackelzug, von Landsleuten inszeniert, im Garten von Kasr-en-Nusha. Das »Gott erhalte« und die Hoch-, Eljen- und Zivio-Rufe klangen ganz eigentümlich inmitten der ruhigen Pracht einer afrikanischen Nacht. Nach Schluß dieser hübschen Ovation zogen wir uns alle zur Ruhe zurück.

Am 20. in früher Stunde fuhren wir durch die Stadt nach den ältesten Teilen der arabischen Viertel, um da in der koptischen Kirche der heiligen Messe beizuwohnen. Durch eine schmale, nur für Fußgänger passierbare Gasse gelangten wir zur Tür des alten Gotteshauses. Die nächsten Gebäude sind von Christen, hauptsächlich Kopten bewohnt, und so entstand im Laufe der Zeiten eine christliche Kolonie, das so genannte »Haus der Christen«. Einige Geistliche mit langen Bärten, dunklen Gesichtern und ausgesprochen semitischen Zügen, in faltenreichen, von jenen aller anderen Konzessionen streng verschiedenen schwarzen Gewändern, erwarteten uns da, ihren Bischof an der Spitze.

Die koptische Religion, in Sitten, Gebräuchen, Liturgie und Kostümen, blieb, wie alles im Orient, stets auf derselben Stufe. So wie die ersten Christen, welche den Glauben aus Asien nach Afrika brachten, das Messopfer lasen, ihre Zeremonien abhielten und predigten, tun es ihre Nachfolger, die heutigen Kopten, noch immer; dadurch, daß dieser Ritus niemals mit dem Abendlande in Berührung kam, erhielt er sich rein und unverfälscht, und wir sehen in den ägyptischen Kopten das getreue Bild der ersten Tage des Christentums. Sie sind die Vertreter unseres Glaubens in Nord-Ost-Afrika, doch reicht ihr Verbreitungskreis weit in das Innere des schwarzen Erdteils.

Dem Blute nach gehören sie dem Volke an, unter dem sie leben; und umgeben von den Stürmen und den siegreichen Fortschritten des Islams, wußte diese im Verhältnis zu den Andersgläubigen kleine Kolonie alter Christen ihr Wesen und die reinsten Überlieferungen ganz intakt bis zum heutigen Tage zu erhalten.

Wir sahen unter den Priestern und Chorknaben ganz schwarze und dunkelbraune Gesichter, echte Afrikaner. In der schlichten, ärmlich eingerichteten Kirche waren ziemlich viele Christen, meist Kopten, doch auch Bekenner anderer Riten anwesend. Die Frauen trugen das alte morgenländische Gewand, ähnlich jenem aller orientalischen Christinnen, deren wir später im gelobten Lande noch so viele sehen sollten. Dem Islam gleich waren die Koptinnen (Frauen) mit weißen Schleiern verhüllt.

Die Messe wurde vom Burgpfarrer gelesen und nach derselben verabschiedeten wir uns von den Vertretern dieser so überaus interessanten Religionsgenossenschaft, um nun die arabischen Stadtteile genau zu durchstöbern.

Das alte orientalische Viertel von Kairo gehört zu den effektvollsten, anregendsten, farbenprächtigsten Bildern, die eben nur der Orient bieten kann. Ein genaues Studium und viel Raum, eine spezielle Arbeit würde es erfordern, diese Eindrücke richtig und ausführlich zu schildern, daher kann ich mich an dieser Stelle nur auf die Wiedergabe der Hauptmomente, die mich am meisten fesselten, beschränken.

Zwischen Kaufläden, Bazaren, Kaffeehäusern, dem bunten Gewühl des arabischen Lebens, gingen wir hindurch, um unser nächstes Ziel, die alten, historisch auch interessanten Moscheen zu erreichen.

Die Gassen sind eng, an manchen Stellen der Sonne wegen mit Strohmatten oder Teppichen überhängt. Die Häuser selbst aus grauem Lehm erbaut, mit den reizenden Erkern, den vergitterten Haremsfenstern und all den Schnörkeln und Verzierungen der arabischen Baukunst, bieten den Anblick eines wilden Durcheinanders; nichts ist symmetrisch, doch alles malerisch, auch der Verfall, der oft hervortretende ruinenhafte Anstrich, hat hier seine Berechtigung, verleiht dem Bilde den Typus der Echtheit des vollen morgenländischen Charakters.

Fackelzug

Zuerst betraten wir den Vorhof der großen schönen Moschee Gâma-el-Hâssanên, erbaut zu Ehren von Hâssan und Hussên, den Söhnen Alis, des Schwiegersohnes des Propheten. Hussên war gefallen 680 nach Chr. Geb. in der Schlacht bei Kerbela; sein Kopf ist hier in der Moschee bestattet, daher werden daselbst alljährlich im Monate Rebi-el-sani, dem vierten des mohammedanischen Jahres, vierzehn Tage hindurch große Feste gefeiert. Nachdem wir Pantoffel angelegt hatten, führte uns ein gastfreundlicher Derwisch in das große Gotteshaus, dessen Inneres architektonisch schön eingerichtet und reich verziert ist. Auf kostbaren Teppichen saßen viele Leute, der Kleidung nach wohlhabende Orientalen, im Kreise herum und lasen halblaut aus alten Büchern die weisen Sätze des Korans; inmitten der Gläubigen hockte ein besonders schriftkundiger Mann und erklärte die wichtigsten Stellen; andere knieten oder lagen flach am Boden, ihre Gebete verrichtend, mit dem Gesicht gegen Mekka gewendet.

Wie überall zeigte eine mit grünem Samt und Gold bunt geschmückte Stelle die Richtung des für die Mohammedaner heiligsten Punktes der Erde an. Große Kronleuchter hängen von der Kuppel herab und die echt morgenländische Art der Einrichtung des Tempels und des Benehmens der Gläubigen fesselt die volle Aufmerksamkeit des Wanderers.

In einem architektonisch sehr hübschen Nebenhof befindet sich ein Bassin für die heiligen Waschungen; mit Steinplatten begrenzt, bietet dieses Bad auf den ersten Blick den Eindruck der größten Reinlichkeit; erst bei näherem Betrachten erkennt man, wie ekelhaft jene Sitte ist, die der Koran seinen Bekennern auferlegt.

Bevor der Mohammedaner den heiligsten Raum der Moschee betritt, muß er gewisse, genau bestimmte Reinigungen vornehmen. In hockender Stellung, unter dem Gemurmel von Gebeten, werden die Waschungen begonnen, deren genauen Verlauf zu schildern mir der Anstand verbietet. Wenn alles zu Ende ist, wandert der fromme Mann betend nach dem Innern des Gotteshauses. Ich sah mehrmals viele zugleich die fromme Säuberung vornehmen, und das kleine Bassin hat weder Zu- noch Abfluß! In allen den vielen Gängen, Vorhöfen und Hallen der Moschee treiben sich Leute, darunter oft höchst interessante Gestalten, in langen Gewändern herum und scheußlich verkrüppelte Bettler jammern nach milden Gaben.

Als wir die Moschee verließen, ritt eben ein alter Mann mit blendend weißem Bart, in herrliche orientalische Stoffe gehüllt, mit grünem Turban, als Zeichen der Abstammung vom Propheten, am Kopfe, zum Tor, stieg von seinem reich geschirrten Schimmelhengste herab, den er dem nachlaufenden Diener übergab, und schritt würdevoll in das Innere des Gotteshauses. Dieser vornehme Morgenländer war ein Bild, eine höchst interessante Studie, und die Weisen aus den üppigen Märchen hätte ich mir nie anders vorgestellt.

Zum Gebet

Unser Weg führte uns nun nach der hochberühmten Moschee Gâma-el-Azhar; sie ist so alt wie das heutige Kairo. Djôhar, der Feldherr des fatimidischen Kalifen Muizz, begann den Bau.

Neben dem Haupttore unterhielt ich mich in einem langen Vestibül mit dem Betrachten der echt orientalischen Barbiere. Am Boden hockend, halten sie die Köpfe ihrer Opfer zwischen den Knien und nun wird mit ätzender Seife eingerieben, hierauf geschabt und rasiert, bis der Schädel spiegelglatt ist; denn der wahre Mohammedaner trägt niemals Haupthaar, nur der ganz arme Landbewohner und der zügellose Beduine sind behaart; der Städter hält ein kahles Haupt für die größte Zierde.

Mit eleganten Bewegungen arbeiten, scheren und waschen die Haarkünstler des Orients und ein Duft von Rosenöl und anderweitigen wohlriechenden Salben umgibt die Stelle ihrer Tätigkeit.

Von da gelangen wir an einer kleinen Neben-Moschee vorbei in den großen Hof, mit seinen Zisternen für die heiligen Waschungen; die umliegenden Säulengänge sind durch Holzwände und Gitter in Hallen getrennt, welche zur Aufbewahrung von Manuskripten dienen. Auf der östlichen Seite des Hofes befindet sich das kolossal große, von 380 Marmor-, Porphyr- und Granitsäulen gestützte und mit wahllos zusammengeschleppten antiken Überresten geschmückte Sanktuarium der Moschee. Vier Gebetsnischen für die vier anerkannten Sekten des Islams: Schafeîten, Malekiten, Hanefiten und Hambaliten, sind im Hintergrunde angebracht; zahllose farbige Lampen hängen von der Decke herab und ein buntes Seitengemach wird als das Grab des Heiligen Abd-er-Rahmân-Kichya gezeigt.

Das Merkwürdigste aber sind die 10 000 Studenten aus allen Ländern des Islams, die sowohl das Sanktuarium als auch die Hallen, Höfe und Vestibüle des großen Gebäudes füllen. Sämtliche orientalische Menschen-Typen, vom Schwarz des Negers bis zum blassen Gelb des Tscherkessen, sind da vertreten; das eigentümlichste Farbengemenge von Kostümen erfreut das Auge, selbst echte wißbegierige Beduinen in ihren weißen Mänteln reihen sich den Schülern an.

In kleinen, aus Rohrgittern geflochtenen Hütten sitzen auf erhöhtem Posten die Lehrer, urkomische Gestalten; meist alte, oft bucklige Leute, in orientalischem Gewand, den Turban am Kopf, Brillen auf der Nase; unter den lächerlichsten Bewegungen kreischen sie mit heiserer Stimme ihren Vortrag herunter; alte verstaubte Korane, das Um und Auf der morgenländischen Wissenschaft, liegen vor ihnen und mit Hilfe eines langen Bambusstabes erhalten sie Disziplin und Aufmerksamkeit in den Reihen ihrer Schüler. Um jeden Lehrer herum hockt, liegt oder sitzt auf blanker Erde ein dichter Kreis apathisch aussehender Jünglinge; viele horchen, manche müssen repetieren; man kann sich vorstellen, wie lärmend es in dieser so genannten Hochschule, in diesem endlosen Hörsaal zugeht. Das Bild wirkt in der Tat verblüffend auf jeden Europäer, und schwerlich könnte man sich einen für uns fremdartigeren Anblick denken, als das Getriebe in der altberühmten Universität von Kairo. Nach kurzem Aufenthalt verließen wir den heißen Raum, in welchem ein perfider Gestank und Unmassen von Fliegen den Abendländer zum Rückzug drängen.

Nun kamen wir auf unseren nächsten Wanderungen noch an drei durch ihre hohen, schlanken Minaretts und farbigen Bemalungen auffallenden Moscheen-Bauten vorüber. Die erste ist die Gâma Sultan Kalaûn aus dem Jahre 1287, die zweite Gâma Mohamed-en-Nâsir aus dem 13. Jahrhundert, und die dritte Gâma Barûkîye aus dem 14. Jahrhundert stammend. Im Ganzen bieten diese Gebäude außer einigen geschichtlichen Reminiszenzen weniges Interesse.

Desto bemerkenswerter ist das alte, von viereckigen Türmen flankierte Siegestor Bâb-en-Nasr, dessen ehrwürdige graue Gesteine an die Tage des arabischen Mittelalters erinnern.

Die Pforte durchschreitend, verfolgten wir den Pfad, der uns neben einem alten mohammedanischen Friedhofe vorbei, zwischen Schutt- und Trümmerhaufen längs der dunklen Stadtmauer, zum bekannten Stadttor Bâb-el-Futûh führte. Beide erwähnten Tore, jenes des Sieges und dieses mit dem Beinamen der Eroberung, stammen aus derselben Zeit und wurden erbaut unter der Regierung des fatimidischen Kalifen Mustansir. Von nun an drangen wir wieder in die belebten Teile der arabischen Viertel ein, die volle, ungeteilte Aufmerksamkeit dem bunten Treiben im Innern der Bazaren-Stadt zuwendend.

Kairos Bazare zu schildern, ihr Leben in richtigen Farben darzustellen, gehört zu den schwierigsten Aufgaben, die eben nur einem schreibenden Wandersmanne zufallen können. Ich beschränke mich auf wenige, kurze Charakterzüge dieses farbenprächtigen Bildes.

Die alte arabische Stadt wird durch eine von der Place Atab-el-Kadra beginnende und bis fast zu den Kalifen-Gräbern führende Straße, die so genannte Muski, durchschnitten. Es ist dies die Hauptader des Kairenser echt orientalischen Lebens. Nicht sehr breit, unregelmäßig gebaut, ungepflastert, feucht und schmutzig durch die einfach ausgegossenen Abfälle, Tummelplatz zahlloser halbwilder Hunde, mit Matten überdeckt, von betäubendem Lärm erfüllt und mit ekelhaftem Gestank durchsättigt, bietet sie das wahre Bild der morgenländischen Großstadt.

Alle möglichen orientalischen Völker der verschiedensten Hautfarbe, Männer mit Turban, im weiten bunten Gewand, Soldaten, Beduinen, Israeliten im alttestamentarischen Kostüm, Türken, Kleinasiaten, Griechen, Miriditen, Levantiner und Armenier, Reiche und Arme, Fellachen im blauen Hemd, Bauernweiber, Säuglinge an der Brust, wohlhabende Frauen zu Esel von ihren Eunuchen gefolgt und gehütet, Reiter zu Kamel, Maultiere mit Waren beladen, dunkle Nubier, echte Neger, mohammedanische Prozessionen, feierliche Derwische, Geschäftsleute, verkrüppelte Bettler, Wasserträger mit dem Ziegenfellschlauch am Rücken, das alles wogt im wirren Durcheinander auf und nieder.

Dazu wirkt betäubender Lärm auf das Ohr des Europäers. Das Brausen der Volksmenge mischt sich mit dem Jammern der Bettler, dem Gekreisch der Geschäftsleute, dem Klirren der Geldstücke, dem Klappern der Trinkschalen, den pomphaften Erklärungen der Hausierer und Kaffee-Verkäufer, dem Gebrüll der Kamele, dem Gekläff der Hunde, den warnenden Rufen der Eseltreiber und der den Wagen vorlaufenden Sâis.

Immer bieten sich dem Fremden neue Bilder, und endlos herrscht dieses wilde Treiben vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein auf der langen Zeile der Muski.

Ägyptische Bettler

Rechts und links erstrecken sich nun die Bazare, mit dem Labyrinth von engen Gassen und Höfen; das Ganze in Form eines echten Trödelmarktes, dessen Interesse im Wesen der orientalischen Waren, in der unverfälschten Bauart und besonders im Benehmen der Käufer und Verkäufer beruht.

Der Bazar der christlichen Kaufleute Sûk-el-Hmzaûwi, ferner jener der Gewürzhändler Sûk-el-Attârin, dann Sûk-el-Fahhâmi mit tunesischen und algerischen Waren, bieten viel Anregendes. Das Quartier der Juweliere Ghôhargîye im Judenviertel, weiterhin Sûk-es-Saîgh, Bazar der Gold- und Silberschmiede und Sûk-en-Nahhâsin der Kupferschmiede, wurden von uns gründlich durchstöbert.

Schönen arabischen Schmuck, alte Waffen, Silber- und Goldarbeiten kaufte ich ein. Mit gekreuzten Beinen sitzen in weiten Gewändern, Schibuks rauchend und Kaffee schlürfend, die beturbanten Kaufleute in den offenen Buden. Mit gierigen Blicken betrachten sie die Fremden, dieselben genau musternd. Erkennen sie die Unkenntnis und Unbeholfenheit der mit der Hinterlist der Orientalen nicht vertrauten Wanderer, dann lassen sie allsogleich ihrer vollen Redekunst freien Lauf, die teuersten Gegenstände werden förmlich aufgedrängt und ohne die Hilfe eines geschickten Dolmetschers ist der arme Europäer verloren, büßt alles Geld ein, das er mitgenommen hat, und bringt womöglich noch falsche, unschöne Dinge nach Hause. Im Bazar zeigt sich der Araber als echter Semite, als wahrer Bruder des Juden, von Letzterem kaum unterscheidbar.

Der interessanteste aller Kairenser Bazare ist der Chân Chalil, ein eigenes Stadtviertel überdeckter Buden, schon aus den Zeiten des Mameluken-Sultans el-Aschrâf Salâheddîn-Chalil stammend. Hier findet man das bunteste Treiben morgenländischen Lebens und die unverfälschtesten Waren aller Art, alles orientalisch, auch Produkte aus Negerländern, besonders vom Sudan.

Im Teppich-Bazar ging ich in den Hof des Hauses eines reichen Kaufmannes. Mit würdevollem Benehmen entrollte der alte Handelsherr seine schönsten Stoffe, türkische und besonders persische Teppiche von hohem Werte.

Nach mehrstündigem Aufenthalte in den arabischen Stadtteilen drängten wir uns wieder durch das Menschengewühl der engen Gassen in die Muski zurück. So herrlich, farbenprächtig und malerisch das orientalische Leben, insbesondere dem an die schablonenhafte Monotonie Europas gewöhnten Reisenden auch erscheinen mag, hat selbst dieses Paradies seine bösen Schattenseiten. Zu denselben rechne ich in erster Linie das viele Ungeziefer. Millionen von großen schwarzen Fliegen hausen innerhalb der Gassen, umschwärmen den Orientalen, der sie nicht davonjagt, sondern das Gesicht damit vollkommen überdeckt behält. Schmutz und Krankheitsstoff tragen die Tiere in die Augen und darin kann eine Erklärung für die vielen blinden und mit so überaus ekelhaften Augenkrankheiten behafteten Menschen liegen. Überhaupt bekommt man Krüppel und Kranke, von Seuchen und Entartungen des Leibes geplagte Individuen im Orient zu Gesicht, von deren Möglichkeit der Europäer sich früher keine Vorstellung machen kann.

In der Muski mieteten wir uns Reitesel, jene kleinen, mageren Tiere, die unter hohem arabischen Sattel nach tausenden alle Straßen Kairos tagtäglich durchlaufen und die Stelle der Fiaker einnehmen. In raschem Zotteltrab und abwechselnd Galopp, den unermüdlichen Eseltreiber zu Fuß hinterher, ritten wir die Muski der Länge nach hinab und durch die europäischen Stadtteile über den Kanal el-Jsmailîye nach der Schubra-Allee ins Schloß Kasr-en-Nusha zurück.

Nach kurzem Aufenthalt fuhren wir zum Vizekönig, um ihm unseren ersten, noch nicht offiziellen Besuch abzustatten. Das Palais, in dem der Khedive des Tages die Arbeitsstunden zubringt, liegt in den westlichen Teilen der modernen Stadt und ist ein großes, vollkommen europäisches, eigentlich stilloses Gebäude.

Der Vizekönig empfing uns auf das Freundlichste; nach morgenländischer Sitte wurde aus reizenden türkischen Schalen vorzüglicher Kaffee getrunken und dazu Schibuk geraucht. Der Besuch dauerte nicht lange und bald unternahmen wir die weite Fahrt durch europäische, dann auch echt arabische Stadtteile, nach der schon nahe von der Zitadelle gelegenen Sultan Hassan-Moschee.

Es ist dies ein großes, sehr altes, leider schon verwahrlostes Gebäude; weitaus die schönste und im arabischen Stil am reinsten erbaute Moschee unter allen, die ich in Kairo gesehen habe. Das Grab des Sultans, die Wasch-Zisternen, die Gebetstellen und Säulenhallen, alles ist leider schon arg dem Verfalle preisgegeben. Auf den Steinplatten werden die Blutspuren aus den Tagen des ersten Janitscharen-Massakers im Jahre 1351 gezeigt. Von da fuhren wir am kürzesten Wege nach Hause, um noch rasch ein Frühstück einzunehmen und hierauf in einem vierspännigen Wagen, von reitenden Postillonen gelenkt, die Fahrt zu den Pyramiden anzutreten.

Unser Weg führte uns abermals durch die ganze europäische Stadt. Die reizenden, im Landhausstil erbauten Gebäude, mit orientalischen Verzierungen geschmückt, das Gemenge von Morgen- und Abendland, die blühenden Gärten mit ihren duftenden Blumen und Sträuchern, den rauschenden Palmen entzückten mich sehr, und erstaunt sah ich inmitten der Stadt unzählige Raubvögel, tausende der Schmarotzer-Milane fliegend oder auf den Dächern sitzend, Aasgeier, die niedrig über die Straßen zogen, hörte den Gesang der Vögel, das Rucksen der Palmtauben und sog mit Wonne die herrliche Luft des göttlichen Ägyptens ein, gedenkend der harten Plagen des europäischen Winters, denen ich für diesmal entronnen war.

Bei den großen Gebäuden von Kasr-en-Nil kamen wir über den heiligen Strom und die Insel Gezîret-Bûlâk, fuhren neben einigen vizeköniglichen Luftschlössern und herrlichen Gärten vorüber und erreichten gar bald den Damm, auf dem die von Allee-Bäumen eingesäumte Straße in gerader Richtung durch kultiviertes Land, zwischen Feldern und jetzt noch halbbewässerten Äckern, an einem elenden arabischen Dorfe vorbei, zum Rande der Wüste führt. Nur mehr einige hundert Schritte weit rollt der Wagen über den gelben Sand der libyschen Wüste und wir halten am Fuße der Riesenbauten, der jahrtausendealten Zeugen der Weltgeschichte.

Ein eigentümlicher Schauer übermannt jeden Wanderer, der zum ersten Mal in unmittelbarer Nähe jene Denkmäler einer längst vergangenen Zeit betrachtet und mit Händen Steine berühren kann, die einige Jahrhunderte noch vor den Tagen Abrahams, durch die Arbeitskraft und das Geschick von Menschen in derselben Stellung und Lage aufgetürmt wurden, in der sie sich heute noch befinden.

Schakaljagd auf den Pyramiden

Die Pyramiden von Gizeh beschreiben, hieße eine unzählige Mal schon verfaßte Schilderung nachplappern. Sie gehören in den Bereich der Reisehandbücher, der abgetretensten Touristenwege, und die Grabmäler alter Dynastien der grauen Vorzeit sind herabgesunken zum Niveau eines Rigi, wo die blöden Namen der abendländischen Touristen ehrwürdige Steinplatten beschmutzen. Die Cheops-Chefrên- und Menkerâ-Pyramiden sowie der vom Wüstensand umspülte Leib der Sphinx wurden betrachtet, und hierauf die zweite Pyramide durch einige Araber bestiegen, damit die darauf hausenden Schakale herabkämen; wir waren leider schlecht postiert und so entkamen zwei Schakale unbelästigt in die endlose von Tälern und Wellen durchzogene Wüste eilend. Mehrere Schüsse wurden von unten nach den in halber Höhe außerordentlich flink zwischen den Steinen umherhüpfenden Tieren abgefeuert, doch erfolglos, da die Entfernung eine viel zu große war.

Die Pyramiden machten auf mich, besonders wenn Menschen und Tiere auf denselben kletterten, den Eindruck eines künstlichen Hochgebirges und keineswegs jenen eines architektonischen Baudenkmales.

Die Sonne neigte sich, in herrlichen Beleuchtungen schwamm die schöne Landschaft, goldig erglänzten die greisen Steinmassen der Pyramiden und in rötliche Tinten waren die Nil-Landschaft, das Häusermeer von Kairo, die Zitadelle und das hochragende Mokattam-Gebirge getaucht. Wir mußten heimwärts eilen; rasch fuhren wir denselben Weg zurück, den wir gekommen waren.

In der Schubra-Allee, dem Prater Kairos, herrschte reges Leben. Reiter tummelten sich auf schönen arabischen Pferden herum und zwei dicht geschlossene Wagenreihen sah man auf und nieder fahren; es war großer Korso, so lebhaft und schön, wie ihn nur der Süden hervorzaubern kann und nicht wie ihn der Norden in Form von frierenden Droschkenfahrten an rauhen Maiabenden zu karikieren sucht. Man sah herrliche Equipagen, ganz nach europäischem Muster, nur die Diener mit dem Fez am Kopfe. Reiche Mohammedaner, Paschas, Levantiner, die wohlhabenden Griechen und die übrige europäische Gesellschaft schöpften da in ihren Wagen die wonnevolle Abendluft.

Am meisten interessierten uns die geschlossenen Equipagen, von abendländischen Kutschern gelenkt; doch daneben saßen anstelle des Bedienten die schwarzen Eunuchen mit ihren Ekel erregenden, schlaffen Gesichtszügen, in halbeuropäischer Tracht. Im Innern der Wagen waren die Frauen hoher Würdenträger, der verschiedenen Paschas, ja sogar Prinzessinnen; alle trugen die morgenländische weite Tracht und durch den dünnen weißen Schleier glänzten herrliche schwarze Augen und schöne, feine Züge, wohlgeformte dunkle Augenbrauen und lange Wimpern hervor. Auch ärmere Leute in Droschken und zu Esel trieben sich da herum und ziemlich elegante Demimonde, sowohl im Pariser als noch mehr im Wiener und Pester Genre, machte die Gegend unsicher.

Zu Hause angelangt, kleideten wir uns rasch um und fuhren nach dem Palais des Khedive, wo ein größeres Diner, zu dem auch die hohen Würdenträger und Generalkonsuln geladen waren, gegeben wurde. Wir lernten dort die Brüder des Khedive kennen. Das Haus des Vizekönigs ist ganz nach europäischem Muster gehalten und die Dienerschaft ist, jene Leute, die mit dem Kaffee und Schibuk beschäftigt sind, ausgenommen, vollkommen abendländisch.

Nach dem Speisen fuhren wir mit dem Vizekönig zum großen, inmitten der Stadt gelegenen Esbekîye-Garten, wo die österreichisch-ungarische Kolonie uns zu Ehren ein arabisches Fest arrangiert hatte. Lampions hingen an Bäumen und Sträuchern, Feuerwerke wurden abgebrannt und unter Zelten produzierten sich Sänger und Tänzerinnen, arabische Musiken, Schlangenbändiger, Feuerfresser, Märchenerzähler, Neger, Nubier, Clowns, von der Nordküste Afrikas stammend, und türkische Schattenspiele und Wursteltheater mit orientalischem Anstrich wurden da aufgeführt; mit einem Worte eine Jahrmarktunterhaltung, mit all den Künstlern dieser Art, an denen das Morgenland ja so reich ist. Leider hatte man die Tore des Gartens zu früh geöffnet und so strömte eine riesige Volksmenge herein, die jeden freien Verkehr unmöglich machte. Wir wären fast alle erdrückt worden und nur mit Hilfe einiger Dalmatiner, die im vollen Kostüm erschienen und um uns einen lebenden Wall bildeten, gelang es, das Tor und die draußen stehenden Wagen wieder zu erreichen. Bald waren wir zu Hause und nach einem gut ausgefüllten Tage tat die Ruhe doppelt wohl.

Am folgenden Morgen fuhren wir durch einen großen Teil der europäischen Stadt, nach dem auf der Südspitze der Insel Bulâk gelegenen Museum von Bulâk. Es ist dies die reichste und berühmteste Sammlung ägyptischer Altertümer, und im breiten, recht hübsch errichteten Gebäude befinden sich wahre Schätze aus der alten Pharaonenzeit. Ein Franzose ist Direktor, der Nachfolger des bekannten, erst vor kurzem verstorbenen Mariette-Pascha. Der Bruder des großen Ägyptologen Brugsch-Pascha hat desgleichen einen Posten beim Museum und erklärte uns auf das interessanteste alle Teile der Sammlung.

Das Museum von Bulâk zu schildern erfordert einesteils große wissenschaftliche Kenntnisse und ist anderenteils in vielen fachmännischen Schriften schon Stück für Stück behandelt worden. Alles wurde von uns genau angesehen, in den Sälen sowohl als auch im kleinen Garten. Einige christliche Mumien, aus den ersten Zeiten des Christentums stammend, durch die bunte, reich verzierte Kleidung und die schwarzen Gesichter an byzantinische Madonnen erinnernd, interessierten mich sehr, da ich vordem von ihrer Existenz keine Ahnung hatte. Nach ziemlich langem Aufenthalt verließen wir das Museum und fuhren nach Hause.

Kaum hatten wir uns alle in volle Parade geworfen, als auch schon ein Pascha, der beim Khedive die Stelle eines Obersthofmeisters bekleidet, erschien, um uns zum offiziellen Besuch abzuholen. In einem großen, arg vergoldeten Glaswagen mit Bockdecken, von sechs schönen englischen Pferden gezogen, mit Vorreitern und umgeben von Kavallerie, fuhren wir in Schritt feierlich, prozessionsartig den langen Weg bis zum Palais des Vizekönigs. Die Zusammenstellung der Equipage war eigentümlich: auf einem sehr schönen, echt europäischen Galawagen als Wappen der Halbmond und Stern, Kutscher und Vorreiter in abendländischer reicher Livree, mit dem Fez am Kopfe, und eröffnet wurde der Zug durch Saîs im vollen morgenländischen Kostüm.

Auf den Gassen standen viele Leute, die uns neugierig angafften; am Platze vor dem Palais leistete ein lichtblau adjustiertes, recht hübsches Garde-Infanterie-Regiment unter den Klängen unserer Volkshymne die Ehrenbezeugung, gefolgt von einem arabischen Ruf, den eine Kompanie nach der anderen beim Präsentieren brüllte. Der Vizekönig in der Parade-Uniform eines türkischen Paschas erwartete uns, umgeben von seinem Hofstaat. In einem großen Saale setzte sich alles im Kreise, längs der Wände auf kleinen Stühlen nieder; hierauf erschienen die langen, reich verzierten offiziellen Schibuke und der Kaffee. Es ist dies eine nicht nur wohlschmeckende, sondern auch mit einer gewissen feierlichen Ähnlichkeit zur Friedenspfeife verbundene Sitte. Nach dem Besuche wurde, abermals in den großen Wagen, der langsame Rückzug nach Kasr-en-Nusha angetreten.

Gleich nach unserer Rückkehr kam der Khedive, um uns seine Visite abzustatten. Als er das Schloß verlassen hatte, empfingen der Großherzog und ich die ganze österreichisch-ungarische Kolonie, die Generalkonsuln und noch einige andere Herren, die uns zu sehen gewünscht hatten, unter ihnen auch den Erzbischof von Alexandrien, ein Franziskaner, aus Dalmatien gebürtig: eine schöne Erscheinung, mit langem Bart und edlen Gesichtszügen. Der arme Mann ist seither auf hoher See gestorben und im Meere zur ewigen Ruhe bestattet worden.

Nach einigen offiziellen Stunden war es uns gegönnt, die Paradeuniformen mit Jagdkleidern zu tauschen und einem kurzen Frühstück folgte die Abfahrt zur Jagd nach Heliopolis. Baron Saurma begleitete uns ebenfalls, sein Bruder und Prinz Taxis waren schon nach den Jagdplätzen vorangeeilt. Anfänglich mußten einige Gassen der Stadt passiert werden, doch bald hörten die letzten Häuser in ruinenhafter Form am Rande der Wüste und des Kulturlandes auf. Zur Linken sahen wir das große Schlachthaus, dessen Nähe durch viele Aasgeier gekennzeichnet war; zur Rechten genossen wir einen hübschen Blick auf Wüstenlandschaft und dahinter die hochragenden Wände des Mokattam-Gebirges. Windmühlen, alte halb verfallene Gräber und Ruinen bildeten die letzten Gebäude der Sand-Zone.

Die Straße führt stets im üppigen Kulturland, zwischen blühenden Gärten und hohen Alleen, doch nahe der Wüste. Die grünen Parks von Abbasîye und des Palais Taufik, mit ihren schattigen Baumreihen und früchtebeladenen Orangenhainen wurden durchfahren und nach halbstündiger Reise hatten wir den inmitten dichter Büsche und Gärten stehenden Marienbaum erreicht. Wir ließen anhalten, um die Sikomore, unter welcher die heilige Familie der Sage nach gerastet haben soll, von nahe zu betrachten. Es ist ein uralter, durch seine knorrigen Äste, die Breite des Stammes und die Dicke der Rinde sehr auffallender Baum, der die Mühe eines Besuches lohnt. In der Nähe dieses Platzes versuchten wir vergeblich ein kleines Zuckerrohrfeld mit den Hunden durchzujagen, desgleichen ein Fulfeld. Die Weiterfahrt auf hohen schmalen Dämmen im großen vierspännigen Wagen war etwas halsbrecherisch, und nur langsam näherten wir uns unserem Ziele. Zu beiden Seiten des Weges erstreckte sich das grünende Kulturland, von Kanälen durchzogen, geschmückt durch Sikomoren und rauschende Palmenwälder; einige kleine graubraune, aus Lehm erbaute arabische Dörfer waren die einzigen menschlichen Behausungen. Allenthalben arbeiteten fleißige Fellachen auf den Feldern, Büffel zogen an den Brunnen und Kamele trugen Lasten, Kuhreiher folgten in dichten Scharen dem pflügenden Landmanne und allerlei Vogelwelt erfreute das Auge des Jägers. In südöstlicher Richtung bemerkten wir stets die Wüste und kahle Gebirge. Nach einiger Zeit erschien der berühmte Obelisk von Heliopolis, umgeben von grünen Wiesen und Büschen, vor unseren Blicken.

Unweit des Obelisken erhebt sich ein Garten, der dem Khedive gehört. Es ist dies eine Orangenanpflanzung, gut gepflegt, mit schönen Promenadewegen, geziert durch Blumen und üppige Fülle afrikanischer Vegetation. Der Garten, nicht größer als manch anderer in der Nähe europäischer Landhäuser, ist mit einer niederen Lehmmauer umgeben und befindet sich inmitten wohlbebauter Felder neben einem Dorfe. Baron Saurma forderte uns nun auf, denselben zu durchstöbern.

Durch das Tor eintretend, drängte sich mir unwillkürlich der Gedanke auf, wir würden hier höchstens auf die schöne afrikanische Palmtaube und anderes südländisches Kleingeflügel jagen, bald wurden wir aber eines Besseren belehrt. An einem den Garten durchschneidenden Hauptwege stellten sich einige Herren, gedeckt hinter mit Früchten beladenen Orangenbäumen, auf; mir wurde der letzte Stand neben der Mauer angewiesen. Acht vorzügliche Dachshunde Saurma's wurden gelöst und bald erinnerte fröhliches Gekläff an die Jagdgründe der Heimat.

Mit gespannter Aufmerksamkeit folgte ich dem Gange der Jagd; nach einigen Minuten fiel am Wege ein Schuß, ihm folgte kurze Ruhe, doch rasch darauf hob das Geläute der Dachseln in entgegengesetzter Richtung von neuem an. Immer mehr und mehr näherte sich die Jagd meinem Stande. Plötzlich hörte ich ein Stück in rascher Flucht durch das Gestrüpp auf mich zukommen und gleich darauf erschien auch längs der Mauer ein Schakal in gestrecktem Galopp vor mir. Ein glücklicher Schuß streckte ihn zu Boden. Nur mit Mühe entriß ich meine Beute den Angriffen der wütenden Dachshunde, die gleich darauf der Fährte gefolgt waren. Ich hatte den echt afrikanischen Schakal, ein rötlich gelbes, mageres, hochbeiniges Tier mit spitzigen Lauschern erlegt. Nun eilte ich zu den anderen Herren. Hoyos war so glücklich gewesen, eine ziemlich starke Wölfin der Spezies Canis Lupaster, afrikanischer Wolf, auf die Strecke zu bringen. Als wir dann den Garten nochmals und mit Hilfe einiger Eingeborenen durchtreiben ließen, erschien abermals ein Wolf, den ich durch das Gebüsch rascheln hörte und mein Jäger sogar sah; leider entschlüpfte aber das schlaue Tier unbeschossen über die Mauer. Zwei Waldschnepfen wurden auch gesehen, jedoch nicht in schußmäßiger Nähe; hoch in den Lüften zogen Kraniche und Geflügel verschiedener Art belebte die dichten Orangenbäume. Nach kurzer, aber sehr gelungener Jagd verließen wir den Garten und traten die Heimfahrt an.

Die Sonne war untergegangen, die Schatten wurden immer länger und die Dämmerung stellte sich ein. Der bei Tag schon so gefährliche Weg am Kamm der hohen, schmalen Dämme schien für die Nacht wahrlich nicht sehr angezeigt zu sein und so beschlossen wir, das kanaldurchschnittene Kulturland zu verlassen und querfeldein durch die Wüste zu fahren. Anfänglich ging es gut, doch bald waren die Kräfte der Pferde erschöpft und nur mehr im langsamen Schritt schleppten sich die schweren Fuhrwerke im tiefen Sande vorwärts. Mehrere Stunden hätten wir auf diese Weise bis Kairo zubringen müssen, auch begann die Wüste sich uneben zu gestalten und so wanderten wir mit Hilfe einiger Fackelträger in das Kulturland zurück.

Der Garten des Schlosses Kub wurde passiert; Fledermäuse umschwirrten die rauschenden Palmen und dichten Sikomoren, aus den Gebüschen und früchtebeladenen Orangenhainen drangen die üppigsten Wohlgerüche, die sinneberauschenden Düfte der orientalischen Vegetation empor; unzählige Sterne bedeckten den Himmel und eine laue, herrliche Luft wirkte berückend auf den armen Europäer; es war eine echte afrikanische Nacht in ihrer vollen Pracht. Man muß den wonnigen Zauber jener gesegneten Länder kennen, um ihre unbeschreiblichen Reize, die endlose Anziehungskraft, die Sehnsucht nach denselben zu verstehen, die jeden erfaßt, der in diesen Zonen gelebt hat. Nur da, im lachenden, ewig blühenden Orient, im unsterblichen Sommer, konnte die Wiege des Menschengeschlechtes gestanden haben und nicht im rauhen, düsteren, durchfröstelten Norden.

Von Kub aus führt eine recht gute Straße nach Kairo und bald hatten wir Kasr-en-Nusha erreicht, wo ein Diner, gefolgt von wohltätiger Nachtruhe, uns für den nächsten Tag stärkte.

Am 22. brachen wir des Morgens auf und fuhren mit Baron Saurma durch einen Teil der europäischen Stadt, dann die lange Muski-Straße hinauf, bis wo der fahrbare Weg bei den letzten Häusern endet und das öde, wüste Gebiet der alten Gräber beginnt. Der weite, mit Wüstensand und Steinen bedeckte Raum zwischen Kairo und den jäh abfallenden Wänden des Mokattam-Gebirges ist ausgefüllt durch eine wahre Stadt von alten, teils sehr schönen Grab-Moscheen und muselmännischen Gräbern aller Art. Eine ähnliche Totenansiedlung findet sich auch jenseits der Zitadelle, es sind dies die viel weniger sehenswerten Mameluken-Gräber. Unter den vielen größeren und kleineren Moscheen der Kalifen-Gräber ist am bemerkenswertesten die Gâma-Kait-Bey, ein ziemlich gut erhaltener Bau mit reich verzierter Kuppel; im Sanktuarium befinden sich zwei Steinwürfel mit den Abdrücken der Füße des Propheten, welche der Erbauer Kait-Bey selbst von Mekka mitgebracht haben soll.

Im Ganzen bietet ein Ritt durch die Gräberstadt viele hochinteressante Momente. Vor uns die ernsten Wände des Gebirges, zur Rechten die Zitadelle auf Felsen erbaut, durch schlanke, hochragende Minaretts geschmückt; um uns ein Gewirr von Gräbern, Leichensteinen, Moscheen, alles im Verfall begriffen, vom Wüstensand umspült; dazwischen erheben sich kahle Hügel, durch arabische, aus Stein turmartig gebaute Windmühlen gekrönt; ein düsterer Charakter ist dem Bilde aufgeprägt und die vielen Hyänen-, Schakal-, Wolfs- und Hunde-Spuren beweisen, welch unheimliche Gäste hier des Nachts den toten Muslimen Grabgesänge heulen.

Bald hatten wir die großen Steinbrüche erreicht; mächtige Wände fallen da ab und große Felsblöcke liegen in wilder Unordnung herum; die Esel werden zurückgelassen und auf einem engen Pfade, zwischen Steinen und jähen Abstürzen klettern wir in halber Berghöhe allmählich empor. An einigen Stellen darf der Jäger dem Schwindel nicht unterworfen sein und glatte, graugelbe und dunkelbraune Platten dieses echten Wüstengebirges erfordern eine gewisse Geschicklichkeit. In einer engen, von Wänden eingeschlossenen Schlucht, schon nahe vom obersten, festungsartig gezeichneten Bergkamme finden wir einen Araber bei einem toten Esel. Baron Saurma hatte hier an der einen Felswand eine Höhle mit Steinen verkleiden lassen und so entstand eine durch Schußscharten geschmückte, ganz versteckte Felsenbatterie. Mein Onkel, Saurma's Diener, der geschickte Nubier Osman, mein Jäger und ich kletterten mit Händen und Füßen über eine schmale Kante in das enge, ungemein unbequeme Versteck. Der Baron und der Araber gingen alsbald wieder zu den Steinbrüchen hinab, um von da den Verlauf der Jagd zu beobachten. Von unserer hohen Warte aus war eben die beste Schrotschußdistanz bis zu dem in der Sohle der Schlucht liegenden Köder geboten.

Das Wetter hatte sich leider getrübt und feiner Regen fiel zur Erde herab; in Kairo ist dies eine große Seltenheit und man sagt, daß es nur siebenmal im Jahre regne und eben einer dieser sieben Tage war uns zu einer Jagd beschieden, für die wir vollkommen reines Firmament gebraucht hätten.

Lange Zeit hindurch erschien nichts. Endlose Übungen der Hornisten und Trompeter auf der Zitadelle schallten herüber und einschläfernd wirkte die dumpfe Luft in dem engen Räume, der jede freie Bewegung hemmte. Das einzige Interesse boten die unzähligen Versteinerungen im Kalksteine. Endlich flatterten ein Kolkraben-Pärchen und bald darauf einige Milane herbei, um augenblicklich ihr Frühstück zu beginnen; später folgten die ekelhaften Aasgeier mit ihren nackten Köpfen. Mehrstündiges Warten bewog mich, dem Großherzog, der noch niemals einen Schmutzgeier erlegt hatte, den Rat zu geben, einen derselben niederzuschießen. Gesagt, getan; kaum daß sich der Rauch im Tale hinabzog, eilte ich zur Stelle, bat meinen Oheim noch einige Stunden hindurch zu warten, da die Sonne indessen die Regenwolken zerrissen hatte, und stieg mit der höchst übelriechenden Beute zu den Steinbrüchen hinunter. Dort angelangt, suchten Baron Saurma und ich einen günstigen Beobachtungsposten und erwarteten mit dem Fernglas in der Hand die kommenden Ereignisse.

Nach einer Viertelstunde schon erschienen die ersten großen Geier, der mächtige Vultur Fulvus; mit ruhigen Flügelschlägen umkreisten sie die Kuppen des Gebirges; einer folgte dem anderen, bald waren deren wohl über sechzig in den Lüften versammelt. Nun kam der aufregende Moment, als der erste seine Schwingen einzog und in die enge Schlucht herabsauste; auf dieses Signal taten alle anderen dasselbe; und wie eine große Steinlawine stürzte Geier auf Geier aus schwindelnder Höhe herunter; die letzten waren noch nicht bei ihrem Ziele angelangt, als wir den Rauch aus der Felsenbatterie aufsteigen sahen; rasches Auseinanderstieben, wilde Unordnung in den Reihen der großen Vögel waren die nächsten Folgen des Schusses.

Mit Hilfe des Fernglases entdeckte ich einen schwer geschossenen Geier über die Steine kollern und gleich darauf erschien Osman, der Beute nacheilend. Da die anderen hungrigen Gesellen den Platz nicht verlassen wollten und noch immer umherkreisten, lief ich, so rasch es nur eben ging, den schmalen Felsenpfad empor zum Versteck. Der Großherzog hatte fünf enorme Geier auf einen Schuß, im Momente als sie beim Aase die Köpfe zusammensteckten, erlegt. Diese zahlreiche Beute lag nun in der schmalen Felsenbatterie; man kann sich die üble Ausdünstung vorstellen, die in dem engen Räume herrschte.

Die gierigen Raubvögel umflogen wohl noch durch eine halbe Stunde die Ränder der Schlucht, doch herabsteigen wollten sie nimmer; dann verließen sie einer nach dem anderen den Platz, in die Gebirge zurückstreichend. Auch wir traten auf das hin den Rückzug an. Osman war einstweilen weggeschickt worden, mein Jäger wartete im Tale, und so erblühte dem Großherzog und mir die mühsame und übelriechende Aufgabe, die schwere Beute auf dem schlechten Pfade am Rücken hinabzutragen.

Als wir bei den Steinbrüchen anlangten, war es Nachmittag geworden; auch die anderen Herren, die bei einer am Plateau des Mokattam-Gebirges gelegenen halb verfallenen Grab-Moschee ein Aas ausgelegt hatten, waren schon lange zurückgekehrt; ihre Beute bestand aus einem Aasgeier und einigen Milanen, große Geier erschienen daselbst nicht.

Nun ritten wir zwischen den Kalifen-Gräbern hindurch bis zu den ersten Häusern der Stadt, wo unsere Wagen warteten. Die Fahrt, die weite Zeile der Muski entlang, nahm viel Zeit in Anspruch, da in den ersten Abendstunden dichtes Menschengewühl in den echt arabischen Straßen auf- und niederwogte.

Am äußersten Ende der orientalischen Viertel, beim Beginn der Muski, am Rande der europäischen Stadtteile, befindet sich die Werkstatt des berühmten Herrn Parvis, eines gebornen Triestiners. Dieser außerordentlich geschickte Industrielle erzeugt orientalische Gegenstände aller Art, besonders Zimmereinrichtungen. Die österreichisch-ungarische Kolonie machte mir ein vollkommen stilgerechtes, morgenländisches Rauchzimmer zum Geschenke; und so hielten wir auf unserer Rückfahrt bei Parvis an, um das eben vollendete reizende Gemach zu betrachten. Nach kurzem Aufenthalt kehrten wir nach Kasr-en-Nusha zurück, wo gespeist und bald zur Ruhe gegangen wurde.

Des anderen Morgens sollte Kairo verlassen und der Jagdausflug nach der Provinz Fajum angetreten werden, dem dann die Nilreise folgte.

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