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Zlatorog

Rudolf Baumbach: Zlatorog - Kapitel 3
Quellenangabe
typeepos
booktitleZlatorog
authorRudolf Baumbach
year1882
publisherVerlag von A. G. Liebeskind
addressLeipzig
titleZlatorog
pages1-3
created20040526
sendergerd.bouillon
firstpub1877
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                  Durch das Dämmerlicht des Tannenwaldes,
Wo um grün bemooste Felsentrümmer
Sich die braunen Wurzelschlangen ringeln,
Wo des Alpenlattichs saft'ge Büsche
Lustig spriessen und der blaue Sturmhut,
Schreitet leichten Tritts ein junger Bursche.
Trüg' er auch den Stutzen nicht am Riemen,
Nicht das Messer mit dem Griff von Hirschhorn,
Nicht am Hut die krumme Spielhahnfeder,
Jeder sähe doch beim ersten Anblick,
Dass der braune Bursch ein zünft'ger Waidmann.
Seht, wie fest und sicher er den Fuss setzt
Jetzt auf Steingeröll und jetzt auf Felsen,
Wie er bald gestützt auf seinen Bergstock
Ueberspringt im Bogenschwung die Runse,
Bald am schwanken Erlenstrauche schwebend
Nieder gleitet von der steilen Felswand.
Unter seinem Tritte weicht der Stein nicht,
Kracht der halb verborg'ne, morsche Ast nicht,
Knistert nicht das welke, dürre Baumblatt.
So nur wandelt im Gebirg das list'ge
Alpenwild und – der es überlistet:
Nur die Gemse und der Gemsenjäger.

Wo die letzten Wettertannen stehen
Mit den langen, grauen Flechtenbarten,
Wo am Boden ein Gewirr von Aesten
Liegt, entrindet, hin und her gebogen
Hier wie Schlangen, dort wie Hirschgeweihe;
Wo die Waldesriesen Tann' und Föhre
Weichen einem krüppelhaften Zwergvolk,
Das die Felsenrippen fest umkrallend
Trotzt dem Schnee, dem Sturm, der Schlaglawine;
Dort, wo frei, von Bäumen nicht gehindert
Blickt das Auge nach des Berges Zinnen,
Hemmt den Schritt der junge Gemsenjäger,
Prüft den Wind mit aufgehobenem Finger,
Schaut zur Sonn' empor und dann zum Felskamm,
Schaut nach jedem Vorsprung, jedem Grasband
Und den dunklen Schatten, die das Krummholz
Zeichnet auf die röthlichgraue Steinwand.
Seltsam sind des Burschen braune Augen,
Scharf wie Adler-, sanft wie Kinderaugen,
Nieder auf den umgestürzten Baumstamm
Sitzt der Jäger dann und löst das bunte
Seidentuch vom Schloss des blanken Stutzen,
Prüfet sorglich all sein Waidgeräthe,
Prüfet auch die schweren Nagelschuhe,
Drauf ein guter Schluck aus strohumflocht'ner,
Wohlgefüllter Flasche, und behende
Klimmt der Jäger aufwärts an der Bergwand.

Jäher wird der Fels und immer jäher,
Steiler wird der Pfad und immer steiler.
Pfad? – Wo geht ein Pfad in dieser Wildniss?
Aufwärts heisst des Gemsenjägers Losung,
Und die Führer heissen Muth und Jagdlust.
Leicht und sicher klimmt der junge Waidmann.
Jetzt betritt sein Fuss ein schmales Grasband,
Rechts die Wand, die blaue Luft zur Linken,
Unter ihm die purpurfarbene Tiefe.
Jetzt die breite Spalte überspringt er,
Klettert drauf empor in einer Rinne,
Eng und steil, vergleichbar einem Rauchfang,
Greift zuletzt nach oben mit der Rechten,
Fasst die harten, scharfen Felsenkanten,
Dann ein Schwung – die Schneide ist erklommen.

Staunen malt sich auf des braunen Burschen
Angesicht, denn statt des Felsenmeeres,
Das er jenseits glaubte so wie diesseits,
Liegt vor seinem Blick ein sanfter Abhang,
Saftig grün, besät mit tausend Blüthen.

Nimmer sah der Jäger solch ein Gärtlein.
Alles, was an Blumen hegt der Triglav
Auf den Matten, an den Felsenhängen,
Auf der Quellen feuchtem Bord, am Schneefeld,
Alles steht gedrängt hier bei einander:
Alpenrosen, blaue Glockenblumen,
Bunte Lippenkräuter, gelber Bergmohn,
Schneeranunkeln neben duft'ger Gemswurz,
Mannestreu und purpurfarb'ner Enzian
Und des Edelweisses Silbersternlein.
Hebt sich aus dem Rasen wo ein Felsblock,
Hat die Alpenrebe ihn umsponnen,
Hat ihm ein Baret gemacht der Steinbrech
Und der Mannsschild und die duft'ge Nelke.
Langsam über saftiggrüne Blätter
Kriechen gleich lebend'gen Edelsteinen
Regenbogenfarb'ne Sonnenkäfer,
Und der rothgeäugte Alpenfalter,
Der den Namen lieh vom Gott des Lichtes,
Flattert honigtrunken um die Blüthen.
Freudig glänzt des Jägers braunes Auge,
Freudig bückt er sich zur Erde nieder,
Will sich pflücken einen Strauss zum Hutschmuck.
Sieh, da regt sich's unter ihm im Strauchwerk,
Und aus dichten Alpenrosenhecken
Langsam, nicht des Feindes Nähe ahnend
Schreitet äsend vor ein Gemsenrudel.

Ist's ein Blendwerk? Will vielleicht ein böser
Geist, der Škrat, den jungen Waidmann äffen?
Sind es wirklich Gemsen, die da weiden?
Weiss wie neuer Schnee ist ihre Farbe,
Und der Leitbock, der das Rudel anführt,
Trägt auf seinem Haupte goldne Hörnlein.

Nieder hinter eine Alpenweide
Duckt der Jäger sich und hebt den Stutzen.
Wie aus weissem Marmelstein ein Bildniss
Steht der Gemsbock auf erhabenem Felsstück,
Aeugt mit scharfem Blick zum Feind herüber,
Und der goldene Schmuck auf seinem Haupte
Leuchtet herrlich in der Morgensonne.
Zweimal hebt das Todesrohr der Schütze,
Lässt es zweimal zitternd wieder sinken,
Denn es schwimmt ihm dunkel vor den Augen
Wie dem Knaben der zum ersten Male
Auf ein Wild die Büchse bringt in Anschlag.
Jetzt zum dritten Male legt der Jäger
An den Stutzen. Aug' und Hand sind sicher.

Horch! Da schrillt es aus den Felsenwänden
Wie der Angstschrei eines wunden Falken:
»Wahr' dich Zlatorog! Entfleucht ihr Gemsen!«
Und ein dichter, grauer Nebelschleier
Legt sich um das Haupt des jungen Waidmanns.
Aus den Händen lässt den Stutzen gleiten
Angstgeschreckt der Bursche, springt vom Boden,
Klammert zitternd sich an seinen Bergstock,
Zieht den Hut vom Kopf und betet leise.

Mälig weicht die dichte Nebelwolke,
Wieder lacht im Sonnenlicht die Matte,
Wieder gaukeln bunte Schmetterlinge
Um die tiefgefärbten Blüthenkelche,
Doch die weissen Gemsen sind verschwunden.
Scheuen Blickes späht der junge Waidmann
Ringsumher und murmelt leise Worte,
Schlägt ein Kreuz und wirft den Stutzen wieder
Um die Schulter, schickt sich an zum Gehen.

Horch! Da schallt's von neuem aus den Felsen,
Ruft herüber eine sanfte Stimme:
»Kühner Jäger aus dem Thal der Trenta,
»Bist willkommen hier in unsrem Garten.
»Reich an Wild, an Rehen und an Gemsen,
»Reich an Hühnern und an weissen Hasen
»Ist der Berg. Du magst sie fröhlich jagen,
»Fröhlich magst du unsre Blumen pflücken,
»Fröhlich dich an unsren Quellen laben,
»Aber, kühner Jäger aus der Trenta,
»Lass dich warnen, schone unsre Herde,
»Schone unsren goldgehörnten Gemsbock,
»Müsstest sonst dein junges Leben lassen!«

Hochverwundert hört's der braune Bursche,
Ruft zurück dann nach den Felsenwänden,
Ruft beherzt mit klarer, frischer Stimme:
»Folgen will ich deinen Warnerworten,
»Schonen will ich deine weisse Herde.
»Aber sprich, wer bist du unsichtbare
»Mächt'ge Herrin dieses grünen Gartens
»Und des wunderbaren Gemsenrudels?«

Horchend wie das Reh am Waldesrande
Steht der Jüngling, doch er horcht vergebens.
Keine Antwort schallt ihm von der Felswand,
Keinen andern Ton vernimmt der Lauscher
Als der Silberquelle leises Rieseln.

Bei dem Brünnlein kniet der Jäger nieder,
Trinkt aus hohler Hand das klare Wasser,
Pflückt sich einen Strauss von weissen Sternlein
Pflückt sich rothe Nelken, blaue Mannstreu,
Steckt den Busch dann unter seine Hutschnur
Prägt sich fest die Stelle in's Gedächtniss,
Wendet sich und geht. Und bald verschwunden
Ist der Jäger hinter Felsenzacken.

Sieh, da gleisst und blinkt es aus den Büschen
Und der weisse, goldgehörnte Gemsbock
Führt sein Rudel wieder auf die Lichtung.
In der Ferne kracht ein Schuss, und grollend
Geben Antwort rings die Felsenwände.
Doch die Gemsen äsen ruhig weiter,
Ruhig auch der goldgehörnte Leitbock,
Denn er weiss, es wachen mächt'ge Wesen
Sorglich über ihrem grünen Garten,
Sorglich über ihrer weissen Herde.

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