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Zlatorog

Rudolf Baumbach: Zlatorog - Kapitel 17
Quellenangabe
typeepos
booktitleZlatorog
authorRudolf Baumbach
year1882
publisherVerlag von A. G. Liebeskind
addressLeipzig
titleZlatorog
pages1-3
created20040526
sendergerd.bouillon
firstpub1877
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Bemerkungen.

Die slowenische Alpensage, welche den Kern der vorstehenden Dichtung bildet, lebt noch bei alten Hirten im oberen Thal des Isonzo (slav. Soča) und wurde meines Wissens zum ersten Mal von K. Deschmann in Laibach mitgetheilt.

Die Sage von der blühenden Alm, welche von der über einen Frevel erzürnten Gottheit unter Gletschereis oder Felsentrümmer begraben wird, kehrt in allen Theilen des Hochgebirges wieder und so auch in den julischen Alpen, wo sie sich an die öden Felsenmeere des Triglav (Terglou) knüpft. Da sie hier in slavischem Gewand auftritt, dürften dem deutschen Leser einige Bemerkungen, namentlich über die in dem Gedicht erwähnten slavischen Dämonen nicht unwillkommen sein. – Die meisten der nachstehenden Erläuterungen sind einer ethnographischen Skizze »die Slowenen« von W. Urbas entnommen.

Die Rojenice, drei schöne, weissgekleidete Frauen (Schwestern) sind die Schicksalsgöttinnen der Slovenen. Sie wohnen hoch oben im Gebirg und schützen, gleich den saligen Fräulein der deutschen Alpensage, die Armen und Bedrängten. Zuweilen erscheinen sie auch im Thal und stehen verlassenen Frauen in der schweren Stunde bei. Sie kommen in der Nacht um dem neugebornen Kind sein künftiges Schicksal zu bestimmen, doch nur das Urtheil derjenigen, die zuletzt gesprochen, gilt, und diesem kann niemand entgehen. Sie halten dabei brennende Kerzen in den Händen, sind aber nicht immer sichtbar; am häufigsten sieht sie die Wärterin, ein vorübergehender Wandrer oder ein Armer, dem ein Nachtlager gewährt wurde. Von den Vile (in der älteren Sage den Walküren, in der neueren den Feen vergleichbar) sind die Rojenice verschieden.

Der Škrat ist ein kleiner, rauhariger Kobold. Er trägt eine grüne Jacke und ein rothes Käppchen mit langer Quaste. Im Ganzen genommen ist er den Menschen freundlich gesinnt; er führt seine Günstlinge zu verborgenen Schätzen oder schleppt ihnen gar Gold in's Haus. Nicht selten aber tritt der Škrat auch als Spukgeist auf. Er kann es nicht vertragen, dass man im Wald laut lacht, und dem, der dies thut, springt er in die Haare. Zuweilen verwandelt er sich auch in eine Flamme und fährt durch einen Schornstein. In den Dolinen (trichterförmigen Einsenkungen des Karstplateaus) hält er sich nicht ungern auf. Da hockt er auf dem Grund und speist Polenta aus einer irdenen Schüssel. Man muss sich daher hüten in eine Doline einen Stein zu werfen, denn trifft man die Schüssel des schmausenden Berggeistes, so ergeht's einem übe.

Der Čatež ist wie Pan halb Mensch, halb Bock. Er ist grösser als der Škrat und mehr ältlich. Oft wollen ihn die Burschen gesehen haben, wie er auf den steilsten Felsen hockte und sich sonnte. Dem Holzhauer bringt er frisches Wasser, dem Sennen Beeren und thut niemandem etwas zu Leide, wenn man seiner nicht spottet. Höhnt man ihn, dann wälzt er ungeheure Felsen in die Tiefe und begräbt ganze Gehöfte mit Menschen und Vieh.

Was die Sagenstoffe anbelangt, deren der alte Schafhirt beim Schmaus auf der Komna-Alm gedenkt, so verweise ich bezüglich der schönen Vida auf die Volkslieder aus Krain von Anastasius Grün. Die Sagen von Peter Klepec u. a. deren Bezirk Innerkrain und die Gegenden an der Save und Kulpa sind – Sagen von Männern, die durch ihre Riesenstärke im Stande waren ein Saumpferd mitsammt der Last zu heben, weisen auf die Grossthaten der Slovenen in den Türkenkriegen, wenn nicht sogar auf die Avarenkämpfe zurück. – Kralj Matjaš vermutlich Mathias Hunjady (Corvinus) ist neben dem Königssohn Marko der gefeiertste Held der Südslaven. Ein Lied lässt ihn sogar, mit der Geige in der Hand, zur Hölle steigen, um seine todte Geliebte herauf zu holen, was ihm freilich, da diese unterwegs das gebotene Stillschweigen bricht, ebenso wenig gelingt, wie Orpheus mit Eurydike. Ja der Sage nach ist derselbe noch gar nicht gestorben, sondern schläft nur sammt seinem Heere in einer Grotte im tiefen Ungarn. Erst wenn sein Bart siebenmal um den Tisch, an dem er sitzt, gewachsen ist, erwacht er und kommt mit seinen Kriegern wieder hervor, um die Slaven zu befreien.

Vielen unverständlich dürfte wohl der Ausdruck »Weidevieh des Teufels« sein, dessen sich der plaudernde Schafhirt bedient, als er von dem Bilch (Siebenschläfer) spricht. Diese Nager leben in den Buchenwäldern Krains in ungeheurer Menge. Ihr Fleisch wird genossen, und aus ihren silbergrauen Fellchen werden Mützen verfertigt. Wenn die behenden Thierchen in den Kronen der Bäume hin und her fahren, sagt der slovenische Bauer: Der Teufel treibt die Bilche.

In dem Gespräch, welches die Wirthin und die alte Barba führen (Seite 55), ist von dem neunten Dorf die Rede. Dasselbe bezeichnet eine sehr grosse Entfernung. In Sagen und Märchen ist oft die Rede von dem neunten Land, der ultima Thule der Südslaven. – Ebendaselbst spricht die Schaffnerin: »Plötzlich sah ich einen hellen Stern am Firmament erglänzen.« Die Slovenen sagen: Wenn ein Mensch geboren wird, so entsteht ein neuer Stern am Himmel, denn jeder Mensch hat seinen Stern. Das Fallen einer Sternschnuppe bedeutet folgerichtig den Tod eines Menschen.

Andere dem Volksaberglauben entnommene Redensarten z. B. die Frage der Wirthin: »Hat er eine Schlang' im Haus?« und die Worte, die der Jäger beim Anblick der Primel (Schlüsselblume) spricht, bedürfen wohl keiner Erläuterung, vielleicht aber die Ausdrücke »der Mond des Laubfalls« und »der Mond des Niedergrases.«

Der Slovene benennt die Jahreszeiten nach den Erscheinungen und Vorgängen in der Natur oder nach der ihm jeweilig zufallenden Beschäftigung. Der Winter ist ihm die Zeit des Frostes, der Frühling die Zeit der Verjüngung, der März heisst der trocknende, der April und Mai sind ihm die Monde des Nieder- und des Hochgrases, der Juli und August heissen der kleine und der grosse Sichelmonat, der September heisst der sich neigende, der November heisst der Monat des Laubfalls, der Dezember ist der verzehrende Monat.

Was die vorkommenden Eigennamen und deren Aussprache anbelangt, so ist zu bemerken, dass Jerica aus Gertrud, Špela aus Elisabeth, Zalika aus Rosalie, Anka aus Anna und Tine aus Valentin gebildet ist. – Gospod heisst »Herr.« c wird immer ausgesprochen wie das deutsche z, č wie tsch, s wie ss, š wie das französische ch, z wie das französische z, ž wie das französische j.

Noch eins: Zuweilen fragen mich wissbegierige Leserinnen nach dem Schicksal der blonden Jerica. Ich gebe hiermit die tröstliche Versicherung, dass Jerica ein Jahr nach dem Unglücksfall einen Wirthssohn aus Tarvis geheiratet hat und in hohem Alter, umgeben von Kindern und Kindeskindern sanftselig gestorben ist.

R. B.

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