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Zlatorog

Rudolf Baumbach: Zlatorog - Kapitel 14
Quellenangabe
typeepos
booktitleZlatorog
authorRudolf Baumbach
year1882
publisherVerlag von A. G. Liebeskind
addressLeipzig
titleZlatorog
pages1-3
created20040526
sendergerd.bouillon
firstpub1877
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                  Thauwind weht, und tausend Bächlein rieseln,
Weisse Nebelwolken sinken nieder
Wie gelähmte Vögel. Roth im Osten,
Dunkelroth erglüht's. Es naht der Tag.

Von dem feuchten Stein, auf den er gestern
Abend seine matten Glieder streckte,
Als die Dunkelheit ihn zwang zu rasten,
Hebt der Jäger sich und lässt die Augen
Schweifen über seine Ruhestätte,
Blickt empor dann zu den weissen Spitzen,
Fasst sein Jagdgeräth und schreitet aufwärts.
Sieh, da glänzt aus frischem, frühlingsgrünen
Felsengras ein goldner Himmelsschlüssel,
Und der Jäger spricht mit trotz'gem Lachen:
»Gutes Zeichen bist du, gelbe Blume,
»Für den Mann der goldnen Schätzen nachspürt,«
Und er bückt sich, will die Primel brechen,
Da bemerkt sein Aug' das schlichte Kräutlein
Gundelrebe mit den blauen Blüthen,
Das er oft als Knabe hat gesammelt
Für den Heiltrank seiner siechen Mutter,
Und es wird ihm warm und weich um's Herz.

»Mutter!« spricht er leise, und sein Auge
Schimmert heller als der Thau des Morgens,
Und er meint zu hören ihre sanfte
Stimme, wie er sie vor Jahren hörte:
»Kehr' zurück in's Thal, dein Mädchen wartet,
»Reue, bittre Reue quält die Arme,
»Kehr' zurück in's Thal, noch ist es Zeit!«

Zaudernd steht der Jäger. Horch! da dringt
Rufend eine Stimme an sein Ohr,
Eine Frauenstimme: »Trentajäger,
»Hemm' den Fuss; Verderben winkt dir droben!«
Und ein Weib, unkenntlich noch im Zwielicht
Keuchend kommt den Berg herauf gestiegen.

»Jerica, wär's möglich?« spricht der Jäger,
Und er eilt der Kommenden entgegen,
Streckt die Arme auf sie zu umfangen,
Doch er lässt sie plötzlich wieder sinken,
Denn statt Jerica erschaut er Špela,
Und mit abgewandten Blicken fragt er:
»Sage Špela, was ist dein Begehr?«

Athemlos versetzt die braune Sennrin:
»Komm' zurück und lass' den Schatz im Berge,
»Komm' zurück und lass' die weissen Gemsen,
»Lass' den Zlatorog, den goldgehörnten!
»Droben in der weissen Frauen Garten
»Droht Verderben dir und Tod, ich weiss es.
»Komm' zurück, du sollst, du darfst nicht sterben!
»Bin die ganze Nacht dir nachgegangen
»Durch den Wald und durch die Felsenklippen.
»Trentajäger höre auf die arme
»Špela; komm' zurück, du darfst nicht sterben!«

Und der Trentajäger blickt zu Boden,
Fragt mit leiser, ungewisser Stimme:
»Špela, hat dich – sage mir die Wahrheit –
»Hat dich – wer geschickt mich, aufzusuchen?«

In der Sennrin dunklem Auge blitzt es.
»Nein, es schickt mich niemand. –Ach, du meinst,
»Dass mich Jerica nach dir gesendet.
»Nein, du armer Bursche; als ich fortging,
»Liess ich Jerica im Arm des wälschen
»Krämers, der ihr Ring und Kette schenkte.«

Fester fasst der Jäger seinen Bergstock,
Fester beisst die Zähne er zusammen,
Und er hört nicht mehr, was Špela spricht.

»Komm' zurück in's Thal!« so fleht sie schmeichelnd,
»Darfst nicht sterben, kühner Trentajäger.
»Sieh, dein blondes Lieb hat dich verrathen,
»Hat die wälschen Herrn dir vorgezogen,
»Und der falschen übermüth'gen Dirne
»Willst dein Leben du zum Opfer bringen?
»Sieh, du weisst's ja längst, ich bin dir gut,
»Hab' dich lieber als mein Augenlicht,
»Hab' dich lieber als mein eigen Leben,
»Lieber als die ew'ge Seligkeit.
»Kehr' zurück mit mir; in meinen Armen
»Findest du, was dorten du verloren,
»Dreifach wieder« – und mit leisem Flüstern
Fährt sie fort und senkt die Augenlider –
»Dienen will ich dir, solang' ich lebe,
»Dienen will ich dir wie eine Magd,
»Will's auch – ohne einen Ring am Finger –
»Horst du Trentajäger? Komm zurück!«

In des Nebels wallende Gebilde
Blickt der Jäger, leblos starrt sein Auge,
Und sein Ohr ist taub für Špelas Rede.
Wie aus wüsten Träumen aufgeschreckt
Fährt er jetzt empor und winkt zum Abschied
Kurzen Gruss und wendet sich zum Gehen.

Grimmer Schmerz durchzucket des verschmähten
Weibes Brust. – Ein Schrei, dann schrilles Lachen,
Dass die Felsen gellend widerhallen.
Und der Jäger hört's, und Todesschauer
Rieselt kalt den Rücken ihm hinab.

In der weissen Frauen Zaubergarten
Glänzt der erste Strahl der Morgensonne,
Zittert auf der Silberbrünnlein Wellen.
Langsam öffnen sich die Blumenkelche
Um den Lichtquell wohlig einzuschlürfen.
Spielend schwebt der rothgeäugte Falter
Um die duft'gen Blüthen heut wie immer.

Scheuen Trittes, mit gespannter Büchse,
Bleich das Antlitz, doch das Auge glühend,
Schleicht der Trentajäger durch die Büsche,
Duckt sich hinter eine Alpenweide,
Lauernd wie der schwarzgefleckte Bergluchs.

Sieh, da regt sich's unter ihm im Strauchwerk,
Und aus dichten Alpenrosenhecken
Schreiten langsam vor die weissen Gemsen,
Zlatorog voran, der goldgehörnte.
Wie aus weissem Marmelstein ein Bildniss
Steht der Gemsbock auf erhabenem Felsstück,
Vorwurfsvoll zum Feind herüber äugend,
Und der Jäger hebt das Todesrohr.

Rojenice, gute, weisse Frauen
Lasst erschallen eure Warnerstimme,
Scheucht die Gemsen und umhüllt mit dichtem
Nebelthau das Haupt des Unglücksel'gen!
Ach, es schweigen rings die Felsenwände,
Und die Sonne leuchtet hell und heiter.
Einmal warnen sie, die Unsichtbaren,
Einmal nur – und dieser war gewarnt.

Krachend fällt der Schuss, es bricht im Feuer
Zlatorog zusammen, und zerstoben
Ist im Augenblick das Gemsenrudel.
Zu der Stelle, wo der Bock gestürzt ist,
Eilt der Jäger mit gewalt'gen Sätzen.
Aber sieh', da hebt der wunde Gemsbock
Sich noch einmal, und indess der Jäger
Hastig wieder seine Büchse lädt,
Deckt sich im Gestein der schwergetroff'ne.
Nach dem Schweiss am Boden späht der Waidmann,
Aber statt der heissen, rothen Tropfen
Sieht er vor sich purpurfarbene Blumen,
Wie er keine noch zuvor gesehn.
Auf die Blumen, glühend wie Karfunkel,
Starrt sein Auge, und er flüstert schaudernd:
»Triglavrosen! Wehe, Triglavrosen!«

Doch er schüttelt ab die Furcht, die blasse,
Und er folgt des wunden Gembsbocks Spuren.
Leicht zu finden sind sie, denn die blut'gen
Triglavrosen zeichnen seine Fährte.
Höher, immer höher führt die rothe
Blumenspur, und keuchend folgt der Jäger.
Jetzt betritt sein Fuss ein schmales Grasland,
Rechts die Wand, die blaue Luft zur Linken,
Unter ihm die purpurfarb'ne Tiefe.
Da auf einmal hemmt den Weg ihm drohend
Zlatorog, vom Zauberkraut genesen.
Blitze zucken um den gold'nen Hauptschmuck,
Und geblendet steht der Trentajäger.
Kreisend drehen sich um ihn die Felsen,
Kreisend alle schneegekrönten Gipfel.
»Jerica!« ertönt's von seinem Munde,
»Jerica!« erschallt es tausendstimmig
Aus den Felsen – und dann wird es stille.
Stolz und langsam zieht der goldgehörnte
Zlatorog bergab. Der Weg ist frei.

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