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Zlatorog

Rudolf Baumbach: Zlatorog - Kapitel 11
Quellenangabe
typeepos
booktitleZlatorog
authorRudolf Baumbach
year1882
publisherVerlag von A. G. Liebeskind
addressLeipzig
titleZlatorog
pages1-3
created20040526
sendergerd.bouillon
firstpub1877
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                  Die weisse Christwurz steht schon längst in Blüthe.
Schon ringen sich aus dürrem Laub die Spitzen
Der Anemonen und der Himmelsschlüssel.
Es schmückt der Hornstrauch sich mit gelben Dolden,
Und rosenrothe Haide, tausendblüthig
Bedeckt den sonnenseit'gen Bergeshang.
Schon längst ist aus dem Thal der Frost gewichen,.
Und auch am Schnee der Berge leckt der Südwind.
Ein warmer Föhn – und Frühling ist's im Land.

Das lust'ge Bettelvolk der blauen Meisen,
Der winzig kleine, braune Winterkönig,
Die gelben Ammern und die Haubenlerchen
Verlassen schimpfend Garten und Gehöft,
Ihr Winterlager, und zigeunermässig
Ergiesst sich in's Gehölz der bunte Schwarm.

Vom Meere her und vom Lagunenwasser
Der alten Stadt Aglar, vom Sumpf bei Tybein
Und Mondfalcone ziehen die Geschwader
Der Schwäne, Gänse und der bunten Enten
Im Dreieckfluge schreiend durch die Luft
Gen Norden nach des Flachlands stillen Seen.

Noch andre Wandervögel bringt der Frühling
In's Thal der Soča, fahrend Volk aus Wälschland:
Quacksalber, Theriakkrämer, Gaukler, Maler;
Von Karfreit kommend (Caporetto heisst es
In welscher Zunge) ziehen sie nach Tarvis,
Und in Frau Katras Herberg an der Brücke
Geht's laut und lustig zu den ganzen Tag.

Auch junge Deutsche im geschlitzten Wams,
Am Bandelier den langen, spitzen Degen,
Den Hut beschattet von der Straussenfeder,
Die sich in Padua am Born der Weisheit
Gelabt und nun als hochgelehrte Herren,
Magister und Doktoren heimwärts wallen,
Erfrischen sich im Wirthshaus an der Soča
Die allzeit durstigen Studentenkehlen.

Die nimmer müde Wirthin regt die Hände
Von früh bis Abend, und mit jedem Gast
Versteht die kluge Frau ein Wort zu reden,
Das ihm behagt und ihm den Wein versüsst.
Doch wenn die venetian'schen Krämer kommen,
Die reichen Herrn mit schwer bepackten Rossen,
Dann hat Frau Katharina hundert Hände,
Und was der Keller, was die Vorrathskammer
Vermag, das wird den wälschen Herrn geboten,
Denn lecker sind sie und verwöhnter Zunge
Die stolzen Herrn der schwimmenden Paläste.

Der alle Jaka lacht ganz eigentümlich,
Wenn Venetianer kommen in das Thal.
Er weiss recht wohl, warum die klugen Wälschen
Verlassen ihre schönen Marmorhäuser
Alljährlich um die Berge zu durchstreifen.

»Ihr glaubt«, so spricht er zu den Frau'n und Mägden,
Die spät am Abend die Geschirre säubern
Am Küchenherd und ihre Spindeln drehen,
Dieweil er selber Späne schnitzt von Kienholz –
»Ihr glaubt, die Venetianer ziehen handelnd
»Den ganzen Sommer wie die Bündeljuden
»Von Dorf zu Dorf, von einer Stadt zur andern?
»Oho! Das weiss ich besser. Seht die Kisten
»Gefüllt mit Spiegeln und mit bunten Perlen,
»Die Seidenballen, die sie mit sich führen,
»Sind bald verkauft. Was aber, frag' ich, treiben
»Die Venetianer denn bis in den Spätherbst?
»Warum denn kriechen sie durch alle Schluchten
»Der Berge mit dem Hammer in dem Gürtel?
»Warum denn schleichen sie um alle Bäche
»Gleichwie die Otter, der verschmitzte Fischdieb?
»Warum sie's thun? Sie suchen Gold und finden's,
»Denn Gold in Menge liegt in unsren Bergen,
»Nur weiss es nicht ein jeder aufzuspüren
»So gut wie jene klugen Venetianer.
»Sie wühlen aus der Erde und sie schmelzen
»Aus Kieselstein und waschen aus dem Bachsand
»Das gelbe Gold und schleppen's in die Heimat.

»Von meinem Vater hört' ich oft die Märe
»Von einem Wälschen, der den ganzen Sommer
»Im Hochthal Jezerca sich aufgehalten.
»Den Zlatorog, der weissen Frauen Liebling,
»Umschlich er heimlich, trachtend nach den Krickeln
»Des Bockes, die den unterird'schen Schatz
»Im Bogatin erschliessen, wie ihr wisst.
»Da sah der Venetianer eines Tages
»Den Goldgehörnten, wie er sich die Stirn
»Nach Art der Gemsen und der zahmen Gelsen
»Kampflustig rieb an einem Felsenstück.
»Und als der Wälsche nach des Bockes Flucht
»Der Stelle zuschritt, fand er auf dem Boden
»Ein flimmernd Blättchen, winzig wie die Schuppe
»Der Bachforelle. Doch der kleine Splitter
»Von Zlatorogs Gehörn – für eine Saumlast
»Von Golde wär' er nimmer feil gewesen
»Dem Venetianer, denn der Splitter ward
»Zur Wünschelruthe, und er fand die Pforte
»Der Zauberhöhle und er füllte Säcke
»Mit gelbem Gold und trug sie heim nach Wälschland«

So spricht der Alte, und die Weiber horchen
Mit off'nem Mund und manche seufzt im Stillen.
Da wendet sich zur blonden Jerica,
Die emsig räumt die Gläser in den Wandschrank,
Die braune Špela, und mit häm'schem Lachen
Halbleise spricht sie: »Deinem Trentajäger
»Gelang es, wie mich deucht, bis jetzt noch nicht
»Vom Goldgehörn des Gemsbocks Zlatorog
»Zu finden einen Splitter in den Bergen.«

Und arglos, nicht der Rede Stachel spürend,
Versetzt des Jägers Braut geheimnissvoll:
»Und doch, ich weiss es, kennt er wohl den Garten
»Der Rojenice und die weissen Gemsen.
»Du lächelst Špela? Sieh doch diese Blumen,
»So frisch und duftig wie zur Zeit der Heumahd;
»Wo anders pflückt mein Trauter solche Blüthen
»Als in der weissen Frauen Zaubergarten?«

Die braune Špela lacht. »Das Märchen glaubst du?
»Gar manche Kunst verstehen sie, die Jäger;
»Warum nicht die, im Winter frische Blumen
»Zu züchten? Glaube mir, der Zaubergarten,
»Aus dem du deine Blumen wähnst entsprossen,
»Ist andres nichts, als ein paar Blumenscherben,
»Die in der Kammer deines Liebsten steh'n.«

Drauf Jerica mit hoch erregter Stimme:
»Aus dir spricht Neid. Es ist so wie ich sagte
»Der Trentajäger ist der ein'ge Bursche
»Im ganzen Lande, der es wagen darf
»Der Rojenice Garten zu betreten.
»An seiner Wiege haben sie gestanden,
»Die Schicksalsschwestern mit den weissen Schleiern;
»Sie schirmen ihn vor Unglück und Gefahr,
»Er darf in ihren Bergen straflos jagen
»Das Reh, die Gemse und das bunte Steinhuhn;
»In ihrem Zaubergarten pflückt er Blumen,
»Und ich, ich trage sie in meinem Haar.
»So ist es, Špela, wage nicht zu zweifeln!«

Die braune Špela senkt die glatte Stirne.
»Du bist die Herrin, und ich bin die Magd.
»Du sagst: es ist so – gut, ich muss es glauben.
»Dann ab er nimmt's mich Wunder, dass dein Jäger,
»Der klugen Rojenice liebes Schoosskind,
»Statt goldner Kettlein und statt Perlenschnüren
»Vom unterird'schen Horte, den sie hüten,
»Dir Blumen nur und immer wieder Blumen
»Von seinen Fahrten bringt zum Angebinde.
»Die schönen Blumen, Edelweiss und Steinbrech
»Und Gemswurz! Ja, dein Jäger ist voll Zartsinn,
»Was soll, so denkt er, meiner Jerica
»Das gelbe Gold, das blinkende Geschmeide?
»Sie hat ja Geld und Gut in Hüll' und Fülle.
»Mit Blumen schmückt er ihr die blonden Haare,
»Zum Brautgeschenke bricht er Alpenrosen,
»Und zartes Edelweiss zur Morgengabe.
»Fürwahr, des Jägers Braut ist zu beneiden!«

So spricht die braune Špela, und bevor
Noch Jerica ein Wort erwidern kann,
Enteilt sie wie die Wespe nach dem Stich.

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