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Zlatorog

Rudolf Baumbach: Zlatorog - Kapitel 10
Quellenangabe
typeepos
booktitleZlatorog
authorRudolf Baumbach
year1882
publisherVerlag von A. G. Liebeskind
addressLeipzig
titleZlatorog
pages1-3
created20040526
sendergerd.bouillon
firstpub1877
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                      »Sagt, Frau Katra, was gescheh'n ist,
»Dass mit roth geweinten Augen
»Euer Kind im Haus herumgeht,
»Dass Ihr selbst die Stirne runzelt
»Und kein gutes Wort mir gönnt?
»Ist ein Vetter Euch gestorben,
»Eine Muhme oder Base,
»Oder ist Euch gar ein Stückfass
»Wein im Keller Nachts geborsten?«

Also frug die alte Barba,
Und Frau Katra sprach dagegen,
Sprach mit heftiger Geberde
Und mit unmuthsvollem Ton:

»Nein, kein Vetter ist gestorben,
»Keine Muhme, keine Base,
»Und kein Stückfass ist geborsten –
»Gott sei Dank – in meinem Keller.
»Aber etwas andres macht mir
»Trüb den Muth und schwer das Herz.

»Schlaflos lag ich in der letzten
»Nacht auf meinem Lager, dachte
»An die reiche Zwetschenernte,
»Die uns dieses Jahr bevorsteht
»Und an manches andre noch.
»Plötzlich hört' ich ein Geflüster
»Draussen im Gemüsegarten,
»Schleich' mich sachte an das Fenster,
»Und im Mondlichte seh' ich
»Unterem Fenster meiner Tochter
»Mitten in dem schönen Kohlbeet
»Stehen eine Mannsgestalt.

»Wart' ich will dich! sprach ich, langte
»Schnell nach Stahl und Stein und Zunder
»Um die Lampe anzuzünden,
»Aber in der Hast und Eile
»Schlug ich so mich auf den Finger,
»Dass er mir noch heute wehthut.
»Als der Zunder endlich Feuer
»Fing und meine Lampe brannte,
»War die Mannsgestalt verschwunden
»Und der Garten still und leer.
»Leise schlich ich auf den Zehen
»Nach der Kammer meiner Tochter,
»Traf das Kind im tiefsten Schlafe,
»Fand das Fenster wohl verschlossen,
»Und ich dachte bei mir selber:
»Was du sahst, war nur ein Traum.

»Aber heute Morgen fand ich
»Unter'm Fenster meiner Tochter
»Neben manch zerquetschtem Kohlkopf
»Diese Schildhahnfeder hier.
»Und so wahr ich Katharina
»Heisse, und ein redlich Weib bin,
»Zeigen will ich, dass in meinem
»Hause keine Tächtelmächtel
»Sind geduldet, sorgen will ich,
»Dass kein hergelaufner Jäger
»Mir bethört die einige Tochter
»Und mir meinen Kohl zertritt.«

Also sprach des Hauses Herrin,
Und die alte Barba nickte
Mit dem grauen Haupt bedächtig.
»Wie mir's ahnte, ist's gekommen«,
Spricht sie, »und ich find' es billig,
»Dass Ihr etwas sauer d'rein schaut,
»Dass Euch überläuft die Galle,
»Weil Ihr in der Nacht den jungen
»Trentajäger unterem Fenster
»Jericas im Kohl ertappt habt.
»Aber Jugend hat nicht Tugend. –
»Sagt doch selber, Mutter Katra,
»Habt Ihr, wenn vor zwanzig Jahren
»Euer spätrer, nunmehr sel'ger
»Eheherr an's Fenster klopfte –
»Habt Ihr damals Lärm geschlagen?
»Wie die Mutter spinnt, so webet
»Auch die Tochter, sagt das Sprichwort,
»Und wie Euer Ruf als Hausfrau,
»Gattin eh'mals, jetzo Wittib
»Bis in's neunte Dorf erklinget,
»Also wird auch Eure Tochter
»Allen Frauen sein ein Spiegel
»Trotz dem arg zertretnen Kohl.«

Milder schon gestimmt durch solche
Rede sprach Frau Katra wieder:
»Hab' es freilich nicht vergessen,
»Sintemal's nicht lang noch her ist,
»Dass auch ich ein junges Blut war;
»Drückte gerne auch ein Aug' zu,
»Wäre nur der Bursch ein andrer!
»Aber dieser hergelauf'ne
»Jäger aus dem Thal der Trenta,
»Der auf Erden nichts sein eigen
»Nennt als einen Kugelstutzen
»Und ein halbzerfall'nes Häuschen –
»Dieser Bursche soll mein Eidam
»Werden? Nein und dreimal nein!«

Hob Frau Barba ihren Finger,
Sprach geheimnissvoll und flüsternd:
»Schmäht mir nicht den Trentajäger,
»Schmäht mir nicht den braven Jungen!
»Wüsstet Ihr, was mir bekannt ist,
»Würdet Ihr wohl anders reden,
»Nicht verschliessen ihm die Thür.«

Rückt den Sitz Frau Katra näher
Zu der Schaffnerin der alten,
Und voll Neugier fragt sie also:
»Sprich, was weisst du von dem Jäger?
»Kennt er einen Schatz im Berge,
»Oder bringt der Škrat ihm gold'ne
»Spähne wie dem Schmied von Tolmein,
»Hat er eine Alraunwurzel
»Oder eine Schlang im Haus?«

»Nichts von dem«, versetzt die Alte,
»Doch es halten mächt'ge Wesen
»Schirmend über ihm die Hände;
»Wie dem Kindlein, wenn es schlummert,
»Fliegen scheucht die Hand der Mutter,
»Wehren sie von seinem Haupte
»Sorglich jedes Unheil ab.

»Mehr als vierundzwanzig Jahre
»Sind verflossen, seit den armen
»Peter, unsres Jägers Vater
»Man erschlagen fand im Walde.
»Eine Tanne, die er fällte,
»Hatte ihm die Stirn zerschmettert.
»Stumm vor Schmerz, die Hände ringend
»Kniete vor dem Christusbilde
»Zalika, des Todten Wittwe
»Nacht und Tag, ein Bild des Jammers,
»Doppelt elend, denn der Armen
»Stand bevor die schwere Stunde.

»Eines Abends nach vollbrachter
»Arbeit sass ich noch am Fenster,
»Blickte auf zum Sternenhimmel,
»Dacht' an meinen Schatz, den Tine,
»Der – ich hab's Euch wohl erzählt schon? –
»Gegen den verruchten Türken
»Zog und nimmer wieder kam.
»Plötzlich sah ich einen hellen
»Stern am Firmament erglänzen,
»Den ich vorher nicht gesehen,
»Und ich wusste, dass in dieser
»Stunde sei ein Mensch geboren.
»Zalika, gewiss sie ist es,
»Die genesen eines Kindleins!
»Dacht' ich, und so schnell ich konnte,
»Lief ich nach der Freundin Haus.

»Leise trat ich an das Fenster,
»Blickte durch die runden Scheiben,
»Und im nächsten Augenblicke
»Sank ich bebend in die Knie,
»Denn an meiner Freundin Lager
»Standen raunend drei Gestalten,
»Schleierweiss, von Licht umflossen,
»Und auf ihren Armen hielten
»Sie ein neugebornes Kind.
»Lange lag ich auf dem Boden
»Im Gebet, und als ich endlich
»Wieder aufzuschauen wagte,
»War es dunkel in der Kammer,
»Nur die Lampe brannte trüb.
»Zitternd trat ich in die Hütte,
»Fand die Mutter ruhig schlafend,
»Neben ihr ein lieblich Knäblein,
»Schön von Wuchs, in weiches, weisses
»Linnen sorglich eingehüllt.

»Also kam, ich kann's beschwören
»Vor dem Bilde des Erlösers,
»Auf die Welt der wack're Junge,
»Der Frau Katras schöne Tochter
»Lieb hat und von ihr geliebt ist.

»Aber der, an dessen Wiege
»Einst die Rojenice standen,
»Steht, so lang er frei von Schuld ist,
»Unterem Schutz der weissen Frauen;
»Ihre milden Hände, häufen
»Glück und Segen auf sein Haupt.
»Wollt Euch zweimal d'rum bedenken,
»Mutter Katra, wohl bedenken,
»Eh' Ihr den von hinnen weiset,
»Dessen Schritt vielleicht zu Eurem
»Heil in Euer Haus gelenkt ward
»Von den guten weissen Frau'n«

Also sprach die kluge Alte,
Und Frau Katra horchte schweigend,
Suchte schweigend darauf ihr Lager. –
Guter Rath kommt über Nacht.

Kam am andern Tag der Jäger,
Trat befangen vor die Wirthin,
Bot mit ungewisser Stimme
Felsenhühner zum Verkauf an.
Zog Frau Katra aus der Tasche
Eine krumme Schildhahnfeder,
Und mit ernstem Tone sprach sie:
»Trentajäger, kennst Du das?«

Schlug der Bursch die Augen nieder,
Doch Frau Katra sagte lächelnd:
»Steck' die Feder auf den Hut nur,
»Komm' herein, du Kohlzertreter,
»Hab' dir manches zu vertrauen,
»Komm', im Hinterzimmer sind wir
»Ungestört und unbelauscht.«

Was die beiden dort verhandelt,
Hat kein horchend Ohr vernommen,
Doch des Jägers Augen glänzten
Heller, seine Wangen blühten
Röther, als er mit gehobener
Brust an Frau Kathrinas Rechten
Wieder aus dem Zimmer trat.
Und der Wirthin Kind, die blonde
Jerica, aus deren Augen
Gestern Thränenbächlein flossen,
Blickte heut wie Maiensonne,
Jubelte und sang wie eine
Lerche über'm Waizenfeld.

Und es ward von dieser Stunde
In der Herberg' an der Brücke
Wie der Sohn des Hauses selber
Angesehen der Trentajäger.
Neidisch blickte mancher reiche
Bauernsohn des Soča-Thales,
Neidisch mancher junge Stadtherr
Auf den armen Gemsenjäger,
Frau Kathrinas künft'gen Eidam.

Mälig neigten sich die Tage,
Und es kam der Mond des Laubfalls,
Und nach diesem kam der kalte
Winter mit dem Kleid der Taube
Und dem Zahn des wilden Wolfes.
Aber in des Jägers Herzen
Und im Herzen seiner holden,
Blonden Jerica war Frühling,
Lichter Frühling wie im grünen,
Eisumstarrten Zaubergarten,
Drein die weissen Frauen sind.

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