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Efraim Frisch: Zenobi - Kapitel 1
Quellenangabe
typeficiton
authorEfraim Frisch
titleZenobi
publisherWalter-Verlag
year1981
isbn3530239518
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130925
projectidcd32ceba
wgs
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I

Ein jeder kannte Zenobi oder glaubte zu wissen, wer er sei. Der über mittelgroße Mann von schwer bestimmbarem Alter, das jugendlich angegraute Haar nach der letzten Mode geschnitten, das lange, faltige Gesicht aufs sorgfältigste rasiert, die biegsame elegante Figur ein klein wenig im Äußeren vernachlässigt, wie es sich nur die ganz Vornehmen erlauben dürfen, war eine bekannte Erscheinung. Wenn jemand auf ihn aufmerksam geworden – und er erregte stets solche Aufmerksamkeit – bei Gelegenheiten, da Neugierige sich ansammeln, oder in Räumen, wo viele Menschen ab und zu gehen, einen Dienenden oder Bekannten nach ihm gefragt hätte, so würde er sicherlich einen Namen gehört haben, von jenen bevorzugten Hundert, die man in einer Großstadt berühmt heißt, angefangen von einem gerade beliebten Filmschauspieler bis zu einem populären Mitglied der Aristokratie. Und wäre der Fragende einmal umgekehrt der Gefragte gewesen, so hätte er bestimmt oder ungefähr irgendeinen dieser hundert Namen genannt, ohne Verlegenheit und mit mehr als halber Gewißheit überzeugt, eine richtige Auskunft gegeben zu haben; vielleicht auch, weil er es schmeichelhaft für sich empfand, den Mann vom Sehen wenigstens zu kennen, und Genugtuung, seinen Namen zu wissen.

In Wahrheit aber wußte Zenobi, so alt er war, selbst nicht mehr, wer er war, und damit hatte es seine eigene Bewandtnis.

Zenobi war in einem Winkel der südslawischen Provinz des Reiches, nachdem er früh seine Eltern verloren hatte, von wohlhabenden Verwandten in ihr Haus aufgenommen worden und mußte in liebloser Umgebung für die Wohltat seiner Erhaltung in einer kleinen Handlung alle die niederen Dienste tun, die man von jenen verlangt, denen man Erziehung schuldet und Bedrückung bieten darf, weil sie klein sind und bedürftig; indes die Welt solche Strenge billigt und als charakterbildende Vorbereitung für den Ernst des Lebens angemessen erachtet. Doch Zenobis Gemüt war nicht weichlich und empfindsamer Betrachtung nicht geneigt. Er aß gern und viel, vielleicht weil er zu wenig bekam, und war stets über etwas sehr erregt. Diese Erregung, die ihm den Atem raubte und ihn in die heftigste Bewegung versetzte, betraf nicht Dinge seiner gewohnten Umgebung und Verrichtung, sondern entstammte allem Außerordentlichen, das er wahrnahm und das in ihn hineinfiel wie in einen tiefen Brunnen. Es hatte damit begonnen, daß er einmal in der blanken und duftenden Apotheke des Ortes über einem der Mahagoniregale ein Bild erblickte. Auf einem Tisch oder etwas Ähnlichem, das man nicht gut unterscheiden konnte, lag da ein Leichnam – Zenobi hatte noch nie einen Leichnam gesehen –, über ihn beugten sich Männer in schwarzen Mänteln, breitkrempigen Hüten, steifen Krausen, in einer geheimnisvollen Tätigkeit begriffen. Zenobi sah es, riß den Mund auf und starrte lange. Als er nach Hause kam, streckte er sich auf sein Lager und war ein Leichnam, dann erhob er sich atemlos, drapierte sich mit einer Decke, schnitt aus Papier einen steifen Halskragen, stülpte eine fremde Kopfbedeckung auf sein Haupt und beugte sich als einer der dunklen Männer über sein Lager, auf dem er zugleich als Leiche dalag. Er scheute sich auch nicht, diese Vorstellung vor den jüngeren Hausgenossen mit viel Schnaufen und wildem Gebaren zu wiederholen, und es verschlug ihm nichts, wenn sie sich weigerten, in seinem seltsamen Tun einen von ihm wirr beschriebenen Vorgang zu erkennen oder überhaupt einen Sinn zu finden. Er beharrte bei seinem: so ist eine Leiche oder so sind diese Männer, und war von einem fremden und wilden Leben erfüllt. Bis etwas Neues ihn ablenkte und anderen Stoff zum Spiel darbot. Denn das Ungewöhnliche ergriff ihn seitdem in verschiedener Gestalt. Ein Zirkusreiter, ein Jongleur, ein Clown, ein Läufer, die vorübergehend einigen Glanz in die kleine Stadt brachten, waren abwechselnd Gegenstand äußerster Hingerissenheit und atemraubender Nachahmungslust, und in dem Maße seines übrigens gedeihlichen Wachstums, das ihn kräftig aufschießen ließ, wuchs ihm eine Fülle von Gestalten und Helden zu, eine Welt über der ärmlichen, in welcher er in seiner sonderbaren Weise sein Leben erhöht fühlte. In seiner Kammer, im Laden sogar, wenn es die Umstände erlaubten, auf dem Hofe nach Feierabend, produzierte er selbstgenügsam für sich oder auch vor Zuschauern die Künste seiner Vorbilder auf recht primitive Art und ohne daß er versucht oder gewagt hätte, durch Übung oder Kühnheit von den bewunderten Fertigkeiten sich wirklich etwas anzueignen. Ihm genügte eine Andeutung des Kostüms, eine Geste, ein Wort oder auch nur ein hervorgestoßener Laut – das übrige füllte seine Erregung aus, mit der er etwas auszudrücken meinte. So mäßiger Leistung entsprechend war auch Wirkung und Beifall gering, und seine von so viel Hingebung, ja Inbrunst erfüllten Versuche trugen ihm nur ein, daß er von seinesgleichen lachend als Hanswurst, von über ihm Stehenden kopfschüttelnd als einfältig und zurückgeblieben behandelt wurde. Und wenn die Behandlung, von seiten seines Verwandten und Vormundes auf gelegentlichen Tadel und Verweis sich beschränkend dabei noch glimpflich blieb und ein so ärgerliches Treiben nicht gar zu ernsten Zusammenstößen führte, so dankte dies Zenobi nicht nur seiner unbefangenen und natürlichen Liebenswürdigkeit, die ihn sein Leben, wie es fiel, als sein zugemessen Teil hinnehmen und die Lasten, die es auferlegt, leicht tragen ließ, sondern noch mehr dem Umstand, daß es bei dem einfältigen Spiel sein Bewenden hatte und daß Zenobi, so sehr es ihn erregen mochte, sich doch nie getrieben fühlte, einen Schritt aus seinem Lebenskreis hinaus zu tun oder gar zu versuchen, mit einem Sprung jene andere Welt wirklich zu betreten. Solches Sinnen war ihm fern. Die Kraft seiner Einbildung, die sein ärmlich dienend Leben überstrahlte, entfernte zugleich die erregenden Gestalten so sehr, daß ihr wirklicher Abstand für ihn unermeßlich wurde. Auch mochte er ohne Erfahrung wissen, daß er vor allem dabei sein kärgliches Behagen, mit kindlicher List und Handfestigkeit täglich errungen, zu opfern haben würde – und das hieße in eine Leere treten, von der sich nicht einmal eine Vorstellung gewinnen ließ.

So träumte er denn wohl von einer wirklichen und weiteren Welt abenteuerlicher Gestalten auf seine Weise, ohne Schmerz, wenn auch nicht ohne Sehnsucht, zumal ihm ihre Vertreter zuweilen in der fremdartig eleganten Erscheinung famoser Geschäftsreisender leibhaftig und faßbarer näherkamen als die nur auf Distanz bewunderten Helden seltsamer Künste und Abenteuer. Um diese jüngeren Herren, in Kleidern von sehr modischem Schnitt und auffallenden Farben, in Hüten und Schuhen von selten gesehener und doch so unmittelbar überzeugender Fasson, mit blitzenden Ringen, Knöpfen und Nadeln, silbernen und goldenen Krayons und Etuis, war ein Wohlgeruch von feinen Wässern, aromatischen Zigaretten und von noch etwas, das der schnuppernden Nase Zenobis wie der Duft der Fremde selbst erschien, der großen fernen Welt, aus deren Überfülle zuweilen dieser Tropfen bis zu ihm herüberspritzte. Manchmal durfte er ihnen einen Koffer ins Gasthaus oder an die Bahn bringen oder auch, in der Konditorei auf einen Auftrag wartend, kurz bei ihnen verweilen – und jedesmal war er von der Freiheit, mit welcher sie sich in so ausgezeichneten Räumen bewegten, von der Leichtigkeit, die Menschen um sich auf Wink und Anruf in Bewegung zu setzen, und von einer Art Heiterkeit und Verbindlichkeit, durch welche sich die Dinge und Verrichtungen um sie flink und gefällig ordneten und abspielten, begeistert und tief bewegt. Sie wurden ihm zu Vorbildern: Gang und Geste, Haltung und Haartracht versuchte er oft wie unter Zwang vor dem Spiegel, und in Gedanken lebte er ihr freies und schönes Leben, das freilich noch keinen anderen Inhalt für ihn hatte, als daß es eben frei war und schön. Doch just, als es durch die leere Wiederholung zu verblassen und seinen Alltag um so grauer zu machen drohte, winkte ihm Erfüllung. Einem der Kaufleute aus der Landeshauptstadt war bei seinen Besuchen der flinke, pausbäckige und neuer Dinge so begierige Knabe aufgefallen, und da er ihn in seiner Handlung passend beschäftigen konnte, machte er dem Vormund den Vorschlag, Zenobi in die gehobene Stellung, die nach der Hierarchie die ihm gebührende nächste Stufe war, zu ihm ziehen zu lassen. Dieser, fast geschmeichelt, auf ein solches Ergebnis seiner Ausbildung mit Genugtuung hinweisen zu können, wenngleich bei sich über die Stetigkeit in der Laufbahn des Mündels tief im Zweifel, ließ ihn um so lieber gehen, als er dadurch, seiner Pflichten ledig, den herangewachsenen und in seinen Augen etwas einfältigen Jungen, über dessen Zukunft er sich nun einbildete, stets besorgt gewesen zu sein, auf gute Manier in die Welt, die ihn nichts kostete, entlassen konnte.

Wenn Zenobi erwartet hätte, daß er in dem großen Strom, in den er plötzlich versetzt worden war, gleich werde schwimmen können und so, wie es ihm gefiele, dann wäre er sicherlich sehr bald enttäuscht worden, und die harte Arbeit, die knappe Muße und das Fragwürdige eines Berufes, in welchem nur der bare Erfolg, der Reichtum einen beachtlichen Platz zu sichern vermag, hätten ihn bei seinen geringen Aussichten ermatten und bald verbittern müssen, besonders, da sie ihm den Zutritt zu allem Schönen und Freien, das da sein mußte, beharrlich verwehrten. Doch Zenobi war kein Kämpfer und kein Realist, der wirkliche Hindernisse wahrnimmt, mit Bedacht ihre Überwindung erwägt oder an seiner Schwäche verzweifelt. Er war einer von den seltenen Glücklichen, deren vage Erwartung so maßlos ist, daß eine ungefähre und zufällige Erfüllung sie schon beseligt, weil sie dadurch erst den Augenblick benennen lernen, für den ihr träumendes Blut noch kein Bild weiß. So nahm er alles beglückt hin, was die Wirbel eines bewegten Lebens der großen Stadt an die Oberfläche warfen, als da waren: der Korso, Truppenparaden, herrliche Prozessionen, Standmusiken und alle frei zugängigen Schaustellungen, die eine Gelegenheit bieten mochten. Zwar lebte er nicht anders als alle seinesgleichen, mühselig und leichtfertig zugleich, Not und Kümmerlichkeit mit jugendlicher Zuversicht mutig übertauchend, die Mühsal billig vergoldend, doch riß ihn die wachsende Teilnahme an all den neuen Schauspielen des Lebens immer wieder aus seinen Niederungen fort und bewahrte ihn davor, von der Lebensschwere seines Kreises gezogen, ins Gemeine herabzusinken. Im Umgang mit seinen Kollegen erschöpfte sich seine stets wache Neugier sehr bald. Unterschied er sich auch kaum von ihnen, so machte für ihn selbst ein steifer, hoher Kragen, ein Stöckchen, die Art, seinen Hut einzuknicken, ihn in seinen eigenen Augen zum stillen Angehörigen einer anderen Welt. Er hatte das große Staunen in sich, das ursprünglich allen Menschen eigen ist, dazu aber ein beglückendes Horchen auf ferne Musik, und er wäre in einer Welt, die auf solche Zwecklosigkeit die Todesstrafe setzt, vielleicht schon bald dem Untergang verfallen, wenn – ja wenn –, nun wir werden ja sehen, wie seltsam und folgerichtig er seine Rettung zu bewirken wußte.

Eines Abends war er endlich in das Innere des überwältigenden Baues eingedrungen, der jeden Abend, wie er sehen konnte, mehr Menschen einschluckte, als in dem Städtchen, das er verlassen, Einwohner zu zählen waren. Was da vor dem in die Höhe gezogenen Blick sich aufbaute, war kaum zu fassen: Stockwerk über Stockwerk frei schwebend, von bewegten Köpfen wimmelnd bis an die Decke, die wie ein fremder Himmel darüber stand. Ein tausendfältiges Geglitzer von Glas, Gold und Spiegeln auf bewegten und unbewegten Bildern, von schimmernden Säulen und Bogen eingefaßt, die selbst wieder Bilder schienen. Nur die eine Wand gegenüber blieb in ihrer ganzen gewaltigen Höhe still, wenngleich auch sie nicht unbevölkert war. Überlebensgroße Frauen mit mächtigen, entblößten Gliedern, die Gewänder gewaltig gebauscht, waren dort im Begriffe, mit üppigen Kränzen, wilden Tieren und nackten Kindern eine geheime und ausdrucksvolle Handlung zu vollführen, deren Sinn sich ihm entzog, die sich ihm aber mit dem ereignisschwangeren Wort »Theater«, das er schon oft gehört, durchaus natürlich und übereinstimmend verband. Nun konnte er sich den Fortgang eines Spiels, das jenes Wort ebenfalls bedeutete, aus diesem gemalten Vorgang auf keine Weise entwickelt denken, obgleich er jedes Wunders gewärtig war. Ratlos suchte er zu erkunden, wo denn der Schauplatz des Spiels sein sollte, da der Raum doch ganz ausgefüllt war, in diesem Augenblick wurde es dunkel, verschwand die Wand mit den Frauen, Kindern, Tieren, ein belebender Lufthauch wehte durch das Haus. Ganz hinten aus einer lichten, entrückten Welt, die durch Zauber plötzlich vollkommen dastand, drangen Stimmen, bewegten sich Menschen, das Spiel begann ...

Das war neu und doch vertraut und schlug gewaltig in Zenobi ein. Sein beglücktes Staunen und die unbefangene Freude galten mehr dem Gefühl einer wunderbaren Bestätigung. Das also gab es. War so wirklich, wie man es sich nur denken konnte. Und nicht nur so, wie alles übrige um einen herum alle Tage auch war, daß man es kaum beachtete, sondern absichtlich wirklich, daß die Menschen hingingen, um es zu sehen und sich darüber freuten, sogar wenn es traurig war. So war er denn gar nicht so töricht, wenn er wilde Bewegungen vollführte, leidenschaftliche Stellungen vor dem Spiegel versuchte, von einem fremden Leben erfüllt, von dem er nicht wußte, woher es in ihn gefahren war und das ihn um so stärker zwang, wenn er sich auch nur vor einem Zuschauer befand, mochte er auch dafür ausgelacht werden.

Mit aller Vorsicht und Beharrlichkeit, die ihn sein hartes Dasein von klein auf gelehrt hatte, verschaffte er sich seitdem in dem wunderbaren Haus seinen Anteil an dem freien und schönen Leben, das jeden Abend sich hier neu gebar. Er fand sich ohne Führung darin zurecht, mit der Sicherheit, wie sie nur ein unstillbarer Trieb verleiht, der weder aufgeklärt sein will über seine Ziele, noch um das bekümmert ist, was andere sich angelegen sein lassen. Er verstand, was hier vor sich ging, ganz unmittelbar: war hier einer reich, so war es nicht wie dieser oder jener, bei dem man es mit Zahlen begrenzen konnte, sondern eben reich, was gleichbedeutend war mit unbeschränkt und mächtig bis an jene Grenze, über welche hinaus kein Reichtum mehr nutzt, da für ihn nichts mehr zu kaufen ist. War es ein Liebender, so stürmte er als ein Held über alle Hindernisse und Gefahren hinweg, nichts als ein Liebender bis in den Tod, und ebenso war es mit den Königen, Feldherren, Schurken und Edlen. Es gab zuweilen wohl auch anderes, das war, als wollte man die Menschen, die man kannte, verdoppeln, und doch wurden sie schon durch das Spiel vergrößert. Sie waren gehoben, ein anderes Licht verklärte und machte bunt, was sonst verwischt und grau blieb. Wirkten Geste und Ton auch mit physischer Gewalt auf ihn ein, indem es ihn zwang, Bewegung und Miene nachzubilden, so entschlüpfte er, sobald sich ihm die einfachen Linien verwirrten und er nicht weiter folgen mochte, in sonderbare und verwegene Improvisationen. Dann war es am schönsten.

Als seine geringen Mittel, die er zum Nachteil seiner Notdurft bereits überspannt hatte, zu knapp wurden, um seinen wachsenden Durst nach solcher Beglückung zu befriedigen, geriet er als Statist auf die Rückseite des erhabenen Schauplatzes und in jene unmittelbare Berührung mit der Quelle der Illusion, welche angeblich die große Enttäuschung herbeiführt. Doch bei Zenobi war das anders. Er war weit davon entfernt, Vergleiche zwischen Vorder- und Rückseite anzustellen. Sie waren ihm natürlich geschieden, wie das Außerordentliche und das Alltägliche. Beide waren in ihrer Weise wirklich. Er aber hatte sich für das Höhere entschieden. Auch die Menschlichkeit der Spieler lag für ihn auf dieser höheren Ebene, und selbst ihre Mittel gehörten in das Reich des Abenteuers, in welchem sein in solcher Umgebung stets erregter Sinn sich erging. Es fehlte ihm auch nicht an gelegentlicher Aufmunterung, sich von der unteren Stufe des stummen Spielers den üblichen Weg zum Helden des schönen und freien Lebens zu bahnen, aber in seiner einfältigen Hingabe an das, was alle Spiel nannten, er aber für sich gar nicht zu benennen versuchte, war eine so natürliche Demut, daß sein Inneres von gar keinem Ehrgeiz berührt wurde. Als ein junger Theatereleve, dem sein Eifer und seine Hingerissenheit auffielen, sich Zenobi genähert hatte und ihn einmal zu seinem Meister, einem namhaften Darsteller, brachte; als dieser weitläufig und salbungsvoll von der hohen Kunst zu reden anfing, über Rollen und andere fremdartige Dinge sich ausließ und mit starrer Miene dazwischen schlüpfrige Scherze streute, stellte sich Zenobi so blöde und verständnislos an, daß der Mann bald merkte, daß es mit seinem Erfolg vor diesem Burschen, in dem es wohl auf eine sonderbare Weise rumorte, der aber von allem, was ihm förderlich sein könnte, nichts zu begreifen schien, sehr zweifelhaft bestellt war. Denn nicht einmal ein Wort der Bewunderung für den Meister konnte ihm entlockt werden, was diesen fast schon beleidigend dünkte. So begnügte er sich denn damit, Zenobi vorerst ein fleißiges Studium der Klassiker zu empfehlen und ihn in majestätischer Haltung gemessen zu entlassen. Dieser ganze bedeutungsvolle Vorgang stellte sich in Zenobis Innerem so dar, als sei er soeben der Gefahr der Beraubung entronnen, wenn er auch nicht hätte sagen können, wessen man ihn hatte berauben wollen. Oder auch als hätte man ihn bei etwas ertappt, dessen er sich schämen müßte, dessen sich zu schämen allerdings jener Mann nicht gewohnt war. Diese Empfindungen waren auch einigermaßen schmerzlich, denn sie lehrten ihn, daß die Laufbahn, die anderen und auch ihm zuweilen so begehrenswert schien, ihm verstellt war durch etwas, das nur ihn allein hinderte. Denn um sich herum hörte er alle die Spielbeflissenen so reden, wie jenen großen Mann oder noch kühner etwa, und niemand schien sich verbergen zu wollen, vielmehr rühmten sie sich voreinander, indem sie Verse deklamierten oder Stücke aus einem Spiel sprachen, wobei sie sich verstellten. Er aber konnte das nicht und mochte sich auch nicht darum bemühen. Als nach einiger Zeit jener freundliche Eleve Zenobi fragte, ob er nun einiges studiert, um sich bald von dem Meister prüfen zu lassen, antwortete dieser nicht ohne Befangenheit zwar, doch mit der Sicherheit, mit der jemand einer peinlichen Sache ein Ende bereiten will, er wisse wahrhaftig nicht, was denn mit all den Reden oder Versen, die ein Mann einem anderen in den Mund gelegt hat, für ihn anzufangen sei, davon abgesehen, daß sie ihm nur zum Teil verständlich wären. Aber das eben sei ja die Kunst des Spiels, sagte der andere etwas verblüfft. Nun wohl, dann würde er, Zenobi, das nie können. Was hätte es übrigens für einen Zweck, sich zu verstellen, wenn man dazu erst fremde Worte leihen müsse, die man auswendig lernen soll. Dann sei man ja gar nicht die vorgegebene Person. Darauf wußte der Eleve allerdings kaum zu erwidern, lachte und sagte: Wenn Zenobi sich seine Rollen selber schreiben will, dann möge er es nur versuchen. Am Ende ist er gar ein dramatischer Dichter. Zenobi aber machte der Spott wenig Eindruck. Es hatte sich in ihm etwas angesammelt, das spürte er, und ohne es zu wissen, wartete er auf eine Gelegenheit, sein Spiel zu spielen.

Zenobi bewohnte damals eine kleine, saubere Kammer bei einer Offizierswitwe, deren Sohn, noch bei Lebzeiten ihres Mannes in der Kadettenschule vorgebildet, als Leutnant in einer ungarischen Garnison diente. Der junge Offizier, kränklich und mit verlebtem blassem Gesicht, das Spuren von Vornehmheit zeigte, befand sich in Urlaub bei seiner Mutter und war schon durch seine Uniform der Gegenstand lebhaftester Aufmerksamkeit für Zenobi. Es war aber in der Tat eine besondere Uniform und vor der, die Zenobi an den heimischen Kriegsleuten kannte, durch eindrucksvolle Schönheiten ausgezeichnet. Das Blau war dunkel und tief wie Samt, die Knöpfe mattsilbern, die Ärmel hatten einen blühendweißen Tuchaufschlag mit breiten silbernen Streifen, ebenso der Kragen. Am Beinkleid schnörkelte sich unterhalb der Taschen eine silbergestickte Arabeske wie ein feiner Triller in sich selbst zusammen, und kein gewöhnlicher Mantel war es, der diese Herrlichkeiten verdeckte, sondern ein Dolman, mit silbernen Schnüren verziert und seitwärts umgehängt, hob die diskrete Pracht erst ins rechte Licht und verlieh ihrem Träger einen Zug von Kühnheit und Reitereleganz. Der Leutnant, im Einerlei des Garnisondienstes früh zu Ausschweifungen verführt, und nur noch durch scharfe Genüsse oder waghalsige Reiterstücke erregbar, langweilte sich im Urlaub mehr als in seinem Dienst und verbrachte die Zeit im Hause seiner Mutter in schläfriger Untätigkeit. Die engen Verhältnisse eines ärmlichen Haushalts, dem reiche Verwandte geringfügig aufhalfen, drückten auf das jugendliche Gemüt, das einen anderen Zuschnitt bei den meisten seiner Kameraden kannte. Gähnend und halb angekleidet schlurfte er, Zigaretten rauchend, durch die dürftigen Zimmer, stand verdrossen am Fenster und sprach auch zuweilen mit Zenobi, wenn dieser gerade aus der Tür trat oder nach Hause kam. Sprach – wenn man die abgehackte, zur Formel erstarrte Redeweise so nennen kann. Sein Wortvorrat war nicht eben groß und bewegte sich zwischen den Eigenschaftsworten schneidig oder scheußlich, zu denen die Objekte Wetter, Mädchen, Essen, Pferde je nach Bedarf in Beziehung gesetzt wurden. Doch Harmlosigkeit und unverlierbare Zuversicht der Jugend, wie der weiche Flaum um Mund und Wangen beiden gemeinsam, erleichterte einen unbefangenen Verkehr, zumal Zenobis Sorgfalt auf seine äußere Erscheinung seine geringere gesellschaftliche Stellung wettmachte. Zenobi bewunderte ihn. Für ihn war der Offizier ein Held, ein Krieger, der im freien und schönen Leben seinen unverrückbaren Platz einnahm. Selbst die knappe und so wenig ergiebige Art seiner Rede, ja seine gelangweilte Verdrossenheit regte Zenobis Einbildung an. Dahinter ahnte er ungewöhnliche Erlebnisse und Abenteuer, zu welchen Stand, Schmuck und Privilegiertheit jenen gleichsam verpflichteten. Eine Verpflichtung, für die auch er, Zenobi, aus Gründen, die ihm nicht ganz klar waren, einzustehen hatte, wenn anders die schöne freie Welt Bestand haben sollte. Er war glücklich, wenn er den Leutnant in Zivil zuweilen auf einem Spaziergang begleiten durfte, so kümmerlich auch die Unterhaltung dabei ausfiel. Zenobi lernte bei solchen Gelegenheiten mancherlei, das der andere gar nicht ahnte, und bald schon sollte ihn ein Ereignis auf jene Bahn bringen, die er fortan nicht mehr verließ. Zu einem Ball in den festlichen Räumen des alten Stadthauses lud eine patriotische und wohltätige Gesellschaft eine große Anzahl würdiger Familien, Offiziere und höhere Beamte ein. Auch der Leutnant im Urlaub ward mit einer Einladung bedacht. Doch dem stand der Sinn durchaus nicht nach einem bürgerlichen Vergnügen unter gespreizten Honoratioren und paradierenden Vorgesetzten. Er hatte die Nacht vorher mit zufälligen Bekannten, deren Namen er nicht einmal wußte, in dem Hinterzimmer einer Kneipe spät gezecht und gespielt, war irgendwelchen Leuten eine Summe Geldes schuldig geblieben und hatte am Vormittag deshalb eine böse Auseinandersetzung mit seiner Mutter gehabt. Zenobi, der am Abend neugierig anklopfte, um seinen Helden im Schmuck der Uniform zum Ball sich begeben zu sehen, fand ihn im Schlafrock übelgelaunt auf dem Sofa liegen, die Augen trüb und grau im Gesicht. Auf die im freundlichen und bescheidenen Ton vorgebrachte Frage, ob er sich denn nicht bald ankleiden müsse, knurrte jener etwas Unverständliches, dann schien ihn ein grimmiger Humor zu überkommen, der ihn leise lachen machte. »Scheußliche Kopfschmerzen ... Wollen Sie mich vielleicht vertreten?«

Zenobi schwieg betroffen.

»Na, für eine Flasche echten Kognaks können Sie das Hauptvergnügen haben ... ja? ... Na, vorwärts«, stieß er mit einer antreibenden Handbewegung hervor.

»Im Ernst?« Langsam glättete sich in Zenobi der innere Aufruhr.

»Los, los ... Keine Umstände!«

Nun willigte Zenobi ohne Schwanken ein – er war schon unterwegs – und traf seine Vorbereitungen, bei denen ihm der Leutnant an die Hand ging, mit einer Unbefangenheit, die diesen in Erstaunen gesetzt haben würde, wenn er in seiner Verfassung einer klaren Erwägung fähig gewesen wäre. So schien es ihm nur ein schneidiger Witz. Doch als Zenobi prächtig verwandelt in seinem Kleide vor ihm stand, die Hand lässig mit der silbernen Säbelquaste spielend, den Tschako vorschriftsmäßig unter dem Arm, ging ein Schatten über das Gesicht des Offiziers, wenn es ihm auch nicht bewußt wurde, daß dieses Bild einer Laune seine Wirklichkeit übertraf.

Zenobi aber wurde in seinem neuen Kleid wie in einer Wolke dahingetragen, die alle Hindernisse vor ihm hertrieb und zunichte machte. Türsteher, Diener, Empfangskomitee neigten sich, der Saal wogte um ihn wie ein Ährenfeld. Dann stand er im Kranz der Damen, sprach verbindliche und ehrerbietige Worte, winkte Kameraden kurz und freundlich zu, grüßte Vorgesetzte in ritterlicher Haltung. Er nahm angeregt am Bankett teil, tanzte leicht und leise sporenklirrend mit ausgezeichneten Schönheiten, die lässig in seinem Arm lagen, und fand sich um Mitternacht im Schutze einer tiefen Fensternische einem jungen, braunäugigen Mädchen gegenüber, das in hingebungsvoller Haltung seine Hand gefaßt hielt. Sie fragte:

»Werde ich Sie wiedersehen?«

Zenobis Augen ruhten mit einem Entzücken, das er nicht verbarg, auf der weißen Gestalt, auf dem anmutig geneigten Kopf, in dessen dunklem Haar eine Rose prangte. Er sprach:

»Morgen schon muß ich fort. Was ich heute bin, bleibe ich Ihnen und Sie mir. Es bleibt Liebe ...«

In einer Wallung, die das ganze Glück dieses Abends mit einemmal an sein trunkenes und törichtes Herz trug, drückte er das liebliche Mädchen an sich. Wußte er von seinem Spiel, oder redete das geschaffene Bild kraftvoller Jugend, von festlicher Umgebung beflügelt, im Einklang mit der schwebenden Musik aus ihm –, genug, er fand Worte, die ihn in der wunderlichen Lage, in die er sich ohne Bedenken begeben hatte, im Gleichgewicht erhielten. Er fuhr fort:

»Je mehr ich weiß, daß ich Sie liebe, um so weniger darf ich bleiben. Jetzt ... hier, in diesem Augenblick gehöre ich Ihnen ganz, morgen trägt mich mein Pferd, mein Dienst – was weiß ich irgendwohin, wohin Sie mir nicht folgen können. Uns locken Gefahren, lockt das Ungewisse, selbst der Tod. Dies ist unser Mut, den man rühmt, das einzige, worauf wir uns verlassen können. Darum, Liebe, kein Versprechen, nur Liebe ...«

Mit einer Bewegung, die seine Geste groß und pathetisch machte, küßte er die halb Ohnmächtige, dann ließ er sie sanft und zärtlich in einen Sessel lehnen und entfernte sich rasch.

Unbeholfenheit überkam ihn mit Erschrecken, als er sich allein auf dem hellen Platz vor dem Hause fand. Die klirrende Kadenz seiner Schritte stockte und verwirrte sich. Hätte ihn einen Augenblick zuvor jemand angerufen, dann wäre er wohl wie ein geweckter Nachtwandler auf der Stelle hingestürzt. Vorsichtig suchte er die dunkelsten Gassen für den Heimweg, lief mehr als er ging, bis er das Haus erreichte, und sein Herzschlag beruhigte sich erst, als er Kleider und Waffe eiligst von sich getan und sie leise in den Salon der Wirtin getragen hatte. In seinem Bett endlich fühlte er sich kindlich geborgen und von einem großen Gefühl durchwärmt. Eine Weile noch wälzte er in seinem Kopf Pläne eines abenteuerlichen Wiedersehens und eines großen Aufstiegs, bis ihn gesunder Schlaf übermannte. Indessen träumte die junge Schöne, wach und glücklich in ihrem Unglück, den Traum des Lebens von ihrem Helden.

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