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Nicolas Edmonde Rétif de la Bretonne: Zeitgenössinnen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorRetif de la Bretonne
titleZeitgenössinnen
subtitleAbenteuer hübscher Frauen
publisherGeorg Müller
volumeBand 1 + 2
yearvor 1916
translatorHeinrich Conrad
correctorhille@abc.de
senderreuters@abc.de
created20060228
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Die gute Stiefmutter.

Ein Mädchen, das einen Witwer mit Kindern heiratet, hat nur ein Mittel, glücklich zu werden, das ist, sich die Liebe derer zu erwerben, die in ihr anfangs nur die Stiefmutter erblickten. Ich will hier das Muster einer solchen schildern. Wie oft hat die Heldin dieser Novelle nicht mein Herz vor Bewunderung, Rührung und Freude höher schlagen lassen!

Ein hübsches Mädchen, das an der Place Cambrai wohnte, war von einem sehr reichen Mann, der vier Kinder hatte, zur Frau verlangt worden, nachdem ihre jüngere Schwester ihn der Kinder wegen abgewiesen hatte. Die jüngere Schwester war die koketteste von beiden und hatte ihn nur aus diesem Grunde abgewiesen, denn der Mann war noch liebenswert. Die ältere, ein bescheidenes und gesetztes Mädchen, dachte anders über diesen Punkt: da sie einen unerschöpflichen Schatz von Güte im Herzen barg, menschlich und gerecht war, so sah sie in den Kindern ihres Gatten nur eine lustige Gesellschaft, deren Freundschaft leicht zu gewinnen war. Sie nahm sich daher vor, sie zu lieben wie Geschwister und sie niemals etwas anderes fühlen zu lassen, als die sanfte Autorität einer älteren Schwester über die jüngeren. Ihre Schwester hatte versucht, sie von der Heirat abzubringen.

»Du wirst schon erfahren,« meinte sie, »was es heißt, Stiefmutter zu sein!«

»Gewiß, du hast nicht unrecht, liebe Schwester, hatte sie ihr erwidert, »die Rolle einer Stiefmutter ist für eine bösartige Frau die gehässigste aller Rollen, aber sei versichert: wenn zwischen der Stiefmutter und den Kindern aus erster Ehe Mißhelligkeiten entstehen, so ist immer diejenige daran schuld, die die Herrschaft in Händen hat. Ich für mein Teil bin vielmehr davon entzückt, daß Herr de la Grange Kinder hat, besonders, wenn mir bestimmt sein sollte, ihm keine zu schenken. Ich werde so zu handeln wissen, daß ich von ihnen bald wie ihre eigne Mutter und vielleicht noch mehr werde geliebt werden.«

»Schöne Vorsätze, die in der Ausführung scheitern werden!«

Hortense ließ die jüngere Lucia sprechen und nahm nichtsdestoweniger die Hand des Herrn de la Grange an, der sich bald, nachdem er Gelegenheit gehabt hatte, sie näher kennen zu lernen, aufrichtig dazu beglückwünschte, von der jüngeren, die ihm gefallen hatte, abgewiesen worden zu sein.

Nach der Hochzeit schickte der Gatte die Kinder zuerst in eine Pension, um seiner jungen Frau nicht gleich zu große Lasten aufzuerlegen.

Hortense legte durchaus keinen Übereifer an den Tag, die Kinder zu sehen, und wartete geduldig, bis ihr Mann zuerst von ihnen sprach. Als davon eines Tages die Rede war, daß er sie besuchen wolle, bat sie darum, ihn begleiten zu dürfen. Da die Kinder noch sehr jung waren, waren sie alle in derselben Pension untergebracht worden. Das älteste war ein Mädchen von sechs Jahren und hieß Viktoria. Als Hortense die armen, fremder Pflege überlassenen Kinder sah, konnte sie ihre Tränen nicht zurückhalten.

»Ach,« äußerte Sie zu ihrem Manne, »wie müssen die Ärmsten doch leiden: die Mutter haben sie verloren und ihren Vater, das einzige Gut, das ihnen noch bleibt, müssen sie entbehren! Überlassen Sie sie mir. Ich werde alles daran setzen, um die Mutter zu vertreten, die sie nicht mehr haben, und stehe dafür ein, daß wir in wenigen Tagen die besten Freunde sein werden.«

Ihr Mann wurde von ihren Worten, besonders aber von ihren Tränen gerührt, bat sie aber, sich noch einige Zeit zu gedulden, bis sie sich in ihre neue Lage hineingefunden hätte.

»Nein«, erwiderte sie, »ich kann nicht warten. Die Kinder sind hier nicht so gut aufgehoben, wie unter meiner Obhut. Gewähren sie mir nur eine Bitte und machen sie mich dadurch glücklich.«

»Und welche?«

»Die Kinder heute zum Abendessen einzuladen.«

»Von Herzen gern, meine Liebe, damit erweisen Sie mir selbst und meinen Kindern einen großen Gefallen.«

Man nahm also die kleinen Mädchen und ihren Bruder mit nach Hause. In der Pension hatte Hortense die Kleinen nicht liebkosen wollen, aus Furcht, man könnte glauben, sie wolle sich für besser ausgeben, als sie in Wirklichkeit wäre, aber zu Hause angelangt, gab sie ihnen, besonders Viktoria, die die vernünftigste war, tausend Beweise ihrer Anhänglichkeit. Im besonderen gab sie Viktoria die zärtlichsten Worte, sie versicherte ihr, sie wolle ihre Freundin und Vertraute sein, und und wenn sie mal, wie alle Kinder es tun, etwas Unrechtes begehe, so werde sie nicht hart zu ihr sein, sondern sie nur sanft zurechtweisen. Ihre Worte begleitete sie mit tausend Liebkosungen und dann sagte sie den Kindern, sie wolle sie gleich für immer dabehalten und sich nicht mehr von ihnen trennen.

»Ich will euch Kindern, meine liebe Viktoria, die Sorgfalt zuwenden, die Kinderpflege erfordert, um euch eure Mama so viel als möglich zu ersetzen, wenn ihr groß sein werdet, werdet ihr euch daran erinnern und mich dann lieben, nicht wahr, mein liebes Töchterchen?«

»Ja, gute Mama, denn sie sind meine Mama, Papa hat es mir gesagt. Sie werden schon sehen, daß auch ich Sie lieb haben werde.«

Hortense ließ darauf die Zimmer und Betten für die Kleinen herrichten und erwartete dann beruhigt die Ereignisse des Abends. Man soupierte, und Hortense sorgte in so zärtlicher Weise für die Kinder, daß ihrem Manne die Tränen in die Augen traten. Er küßte seine Frau und sagte zu ihr:

»Ich habe für mich und meine Kinder einen Schatz gefunden!«

»Ich behalte sie,« antwortete Hortense, »und nie werde ich mich von ihnen trennen. Ich will mir ein Anrecht auf ihre Liebe, auf ihre Dankbarkeit schaffen, und das kann ich nur, indem ich für sie alles tue, was ihre Mutter getan hätte. Gewähren sie mir diese Freude. Da sitzen meine kleinen Freunde, mir die liebste Gesellschaft, der ich keine andere vorziehen möchte. Als ich Sie heiratete, lieber Freund, hatte ich mir bereits meinen Weg vorgezeichnet, nur auf diesem werde ich zum Glück gelangen. Meine Schwester, die keinen Hang für das Leben in sich fühlte, das ich mir bereiten will, ist sich selbst gerecht geworden, indem sie sich Ihrer nicht für würdig hielt, aber ich, ich hoffe, Sie in Ihren Kindern glücklich zu machen und Ihnen jeden Augenblick meine Liebe zu bezeugen, indem ich ihnen Beweise meiner Liebe für sie gebe. Halten sie mich dabei nicht für eigennützig! Ich arbeite zugleich für mich, indem ich für sie und die Kinder arbeite. Dürfen sie gleich von heute abend ab hier bleiben?«

»Sie sollen unbeschränkte Herrin über alles sein. Sie offenbaren mir eine so schöne Seele, daß ich Sie nur bewundern und lieben kann ... Meine armen Kinder, ihr habt eine gute Mutter verloren, habt mich daher desto lieber, weil ich sie euch in dieser liebevollen Frau wiedergegeben habe. Kommt her und umarmt sie.« Victoria flog Hortense an den Hals, und Hortense nahm sie alle in ihre Arme, alle die kleinen de la Grange, um ihre Liebkosungen zu empfangen.

Die Kinder blieben also im Hause, und Hortense fand ihre größte Freude daran, sich mit ihnen zu beschäftigen. Besonders Viktoria ließ sie eine beispiellose Pflege und Sorgfalt angedeihen und machte sie in wenigen Jahren so vernünftig, daß sie sich ihrer als Freundin und Helferin bedienen konnte. Sie verschaffte ihr Achtung bei den jüngeren Geschwistern und ließ sie stets die kleinen Bestrafungen festsetzen, wenn diese Fehler begangen hatten, ja oft mußte die Stiefmutter sie um Gnade für die kleinen Missetäter bitten. Andrerseits achtete sie aber darauf, daß Viktoria nicht herrisch und hart wurde. Sie brachte ihr feste Ansichten über die Gründe zu einer Bestrafung bei und zeigte ihr diese im Spiegel des Buches der Weisheit, Dieses alte Buch, das mit den schlecht verstandenen Lehren J. J. Rousseaus im Widerspruch steht, schien ihr den Vorzug zu verdienen. Die Kinder nehmen die Bestrafungen von Viktoria widerstandslos hin, denn diese war von demselben Blut, wie sie. Wenn Viktoria bisweilen von selber Gnade walten lassen wollte, so war sie Herrin darüber, und wenn sie es tat, dann küßte die Stiefmutter sie stets voller Freude. So war die kluge Hortense die Sanftmütigkeit und Nachsicht selbst gegen die Kinder aus erster Ehe, ohne daß ihre Nachsicht sie schädigte. Natürlich ging sie so nur in der ersten Kindheit der Kleinen vor. Als die Kinder größer waren, ließ sie nur Vernunft und Milde walten, Strenge wurde ganz verbannt.

Es würde schwer sein, zu schildern, welch glückliches Leben Hortense führte. Von ihrem Manne angebetet und von den Kindern geliebt, war sie der Gegenstand aller Teilnahme, man setzte alle Hoffnung nur auf sie, man hatte Vertrauen nur zu ihr, an sie wurden alle kleinen Klagen gerichtet, sie schlichtete alle Zwistigkeiten, wenn sie mal kurze Zeit abwesend war, so strahlten aller Gesichter vor Freude, wenn sie wieder heimkehrte. Dann hörte sie gütig alle kleinen Beschwerden an und wußte jedem gerecht zu werden, ohne Unzufriedene zu machen: der Beleidigte erhielt Liebkosungen, dem Schuldigen wurde verziehen, und Hortense versprach statt seiner, daß er es nicht wieder tun werde, worauf er an die Reihe kam, gestreichelt zu werden. Dann nahm sie beide in ihre Arme und ließ sie nicht eher fort, als bis sie wieder gute Freunde waren. Herr de la Grange war bisweilen, wenn er heimlich dieses Vorgehen seiner Frau beobachtete, so außer sich vor Freude, daß er äußerte, die Kinder hätten bei ihrem Unglück noch gewonnen.

Unter diesen Verhältnissen schenkte Hortense ihrem Manne ein Kind, ein Mädchen. Sie ließ es durch den jungen de la Grange und Viktoria über die Taufe halten. Als sie von der Zeremonie zurück waren, sagte sie zu dieser:

»Meine liebe kleine Freundin, nun bist du auch die Mama meiner Tochter. Unsere Anrechte auf das Kind sollen die gleichen sein, und ich verspreche dir, daß du gleich mir seine Herrin sein sollst.«

»Du bist zu gut, liebste Mama.«

»Mein liebes Kind, in drei oder vier Jahren wirst auch du verheiratet sein und Kinder haben, und da will ich, daß du an dem meinigen lernst, wie man sie aufzieht, deine Lehrzeit wird ihm keinen Schaden bringen, denn ich werde dir helfen, gleich von der Wiege an Körper und Seele des Kindes zu pflegen. Sei gewiß, daß ich später unserer Tochter erzählen werde, was sie alles ihrer zweiten Mama verdankt, wie sie sie über die Taufe gehalten und wie sie sie aufgezogen hat. Wie wird es mich freuen, wenn ich eines Tages sehen werde, wie sehr sie dich liebt, meine teure Viktoria! Wir werden die Rollen tauschen, bei der Erziehung deiner Geschwister hast du natürlicherweise viele Entbehrungen erfahren, wofür dich die kleine Hortense Viktoria durch ihre Liebkosungen entschädigen wird. Bist du damit zufrieden, meine kleine Freundin?«

»Oh! Wie du meine Gedanken erraten hast, liebe, liebe Mama! sei beruhigt, du sollst sehen, wie ich die Kleine lieben werde!«

Liebkosungen beendeten diese Herzensergüsse. Die gute Viktoria war, obwohl sie schon elf Jahre alt war, entzückt, daß ihr noch ein Stiefschwesterchen geboren worden war.

Als Hortense wieder hergestellt war, sah man, daß sie ihr eignes Kind nicht mehr liebte, als die Kinder ihres Mannes. Als die kleine Hortense Viktoria anfing, Verstand zu bekommen, brachte sie sie unter die völlige Herrschaft Viktorias und wachte nur darüber, daß die junge Patin mit ihr nicht zu nachsichtig war. Man glaubt nicht, welch günstigen Eindruck diese Handlungsweise auf die Kinder aus erster Ehe ausübte und wie teuer die Stiefmutter ihnen dadurch wurde! Herr de la Grange zeigte sich darüber eines Tages seiner Gemahlin gegenüber sehr erstaunt.

»Ich liebe meine Tochter zärtlich,« war ihre Antwort, »wenn ich Sie als Junggesellen geheiratet hätte, so würde meine Haltung vielleicht ein wenig anders sein, denn ich habe einen ganz ausgesprochenen Hang, Kinder zu verziehen. Aber, mein Herr Gemahl, als ich Ihre Hand annahm, war ich mir voll und ganz meiner Pflichten bewußt, und ich trachte nur danach, sie zu erfüllen. So versage ich mir denn einen Teil des Mutterglückes, um andere wichtigere Freuden zu genießen, nämlich vor allem die, Sie durch die friedliche Eintracht glücklich zu machen, die in Ihrem Hause herrscht. Alles, was ich bisher dazu aufbot, war nichts im Vergleich zu dem, was noch kommen wird, denn Ihre Kinder werden groß, und da müssen auch die großen Mittel angewandt werden, und ich hoffe, auch in Zukunft nichts außer acht zu lassen. Ich habe eine doppelte Aufgabe übernommen, die der Stiefmutter und der Mutter, die ich beide in Einklang bringen muß. Meine ganze Klugheit muß ich darauf verwenden, sie richtig durchzuführen. Ich betrachte daher Ihre Kinder als die meinen, und mein Herz fühlt sich geschmeichelt, dafür von ihnen geliebt zu werden, ihre Liebe belohnt mich für alle meine vermeintlichen Mühen, die mir nur Freude bereiten ... Ah! mein Gemahl, welch ein Ungeheuer wäre ich, wenn ich es durch meine Aufführung dahin gebracht hätte, daß Sie sich gegen ihre Kinder wenden und das die Ärmsten ihrer Mutter bittere Tränen nachweinten und über ihre zweite Ehe unglücklich wären! Solches Bild drängte sich mir wohl auf, als sie mich zur Frau verlangten, und erfüllte mich mit Schaudern! Und erst als ich sicher war, daß so etwas durch mich nicht geschehen könne, erst da willigte ich ein. Ja, eines Tages werden Ihre Kinder mein Andenken segnen und auch das Ihre, dann werden sie auf meinem Grabe die Tränen vergießen, die nur ihre zarte Jugend sie verhindert hat, ihrer guten Mutter zu weihen, Ihrer ersten, würdigen Gemahlin ...«

Herr de la Grange unterbrach die Rede seiner Frau, indem er sie an sein Herz drückte.

»Zu Ihren Füßen müßte ich liegen, meine teure Hortense«! rief er aus, »Sie sind ein göttliches Wesen! Ah! eines Tages werde ich selbst Ihre Worte meinen Kindern wiederholen, die Sie dafür anbeten werden.«

»Lieber Gatte,« fuhr Hortense fort, »ich möchte Sie noch um eines bitten: seien sie mäßiger in Ihren Liebkosungen unserer Tochter und bevorzugen sie dafür etwas mehr und gerechterweise Ihren Sohn, wie Sie es dem Erben Ihres Namens schuldig sind. Sie behandeln ihn bisweilen mit ein wenig zu viel Kälte. Das wäre gut, wenn seine Mutter noch lebte, aber vergessen sie nicht, daß er keine Mutter mehr hat und daß zu große Strenge Ihrerseits ihm dieses Unglück wieder schmerzlich vor Augen führen könnte. Denken Sie auch daran, daß alles, was ich für Ihre Kinder tun kann, in deren Augen nicht einen Blick oder eine Gebärde der zärtlich geliebten Mutter aufwiegt. Ich fühle das, seitdem ich selbst Mutter bin. Ich fühle es, es liegt in der Natur, und alle meine Anstrengungen sind dagegen ohnmächtig. Sie sind ihr Vater und müssen sie daher doppelt lieben und ihnen doppelt das zärtliche Gefühl bezeigen, das nur sie allein auf der ganzen Welt ihnen bezeigen können. Meine Tochter ist schon dadurch glücklich, daß sie eine Mutter hat.«

Herr de la Grange ließ seine Frau allein, ohne ihr ein Wort zu erwidern. Tränenden Auges suchte er seine Kinder auf, umarmte sie mehrmals und sagte zu ihnen:

»Meine lieben Kinder, laßt uns Gott danken und zu ihm beten, daß er uns noch lange eure Mutter, meine liebe Frau erhält! Jedesmal, wenn ich von ihr komme, liebe ich euch noch herzlicher. Wenn ihr wüßtet, wie sie eben erst wieder zu mir gesprochen hat, dann würdet ihr die Spuren ihrer Schritte auf dem Boden küssen, den sie betreten hat.«

»Wir vergöttern sie,« erwiderte Viktoria darauf, »und wir alle versuchen, ihr an ihrer Tochter alles Gute zu vergelten, daß sie uns erwiesen hat, aber ich fühle, daß wir noch weit davon entfernt sind! Doch eines Tages wird sie sehen, lieber Papa, und Sie werden es sehen, daß wir sie in unseren Herzen tragen.«

Viktoria lief darauf sofort zu ihrer Mutter ins Zimmer und fragte sie:

»Mama, was hast du denn zum Papa gesagt, daß er jetzt vor Rührung weint, indem er nur dein Lob singt?«

»Daß ihr von mütterlicher Seite Waisen seid und daß er euch daher doppelt innig lieben müsse.«

»Nein, liebe Mama, wir sind keine Waisen mehr. Wir waren es ein Jahr lang. Der Leib unserer guten Mutter ist wohl nicht mehr da, aber ihre Seele ist in die deinige gefahren, und du hast sie uns wiedergegeben.«

»Mein liebes Kind,« erwiderte Hortense darauf freudetrunken, »wie süß sind deine Worte! ... Teure Viktoria, daß ist der schönste Augenblick meines Lebens, und ich verdanke ihn dir! ... Meine Tochter, meine junge Freundin, meine Gefährtin, meine einzige und geliebte Schwester, alles das bist du mir zugleich!«

»Oh! so gibst du mir meine Mutter wieder, Zug um Zug, Liebe um Liebe! ... Oh! Sie sieht dich gewiß von da oben, ihre Seele sieht und segnet dich und spricht zu Gott: »Lieber Gott, du siehst da unten diese gute Stiefmutter meine Kinder lieben, wie ich sie geliebt haben würde. Bewahre ihr in deinem Schoße einen Platz neben mir, aber laß sie noch recht lange am Leben zum Glück meiner teuren Kinder! ... Und Gott wird es ihr gewähren, mein liebes, gutes Mütterchen, damit wir unsrerseits dir in deinem schönen und glücklichen Greisenalter dienen können.«

Hortense wollte diese naive, liebliche Sprache der Unschuld nicht unterbrechen. Als Viktoria geendet hatte, schloß sie sie in die Arme und sagte zu ihr, vor Freude fast erstickend: »Ich nehme deine zärtlichen Wünsche an, meine beste Freundin, und der Himmel wird sie erfüllen, weil sie aus reinem, aufrichtigem Herzen kommen. Aber, liebe Tochter, wenn dennoch der Tod ... würdest du dann die Mutter meiner Tochter sein?«

»Sei ruhig, liebe Mama, ich werde nicht nötig haben, dir diesen Dienst zu leisten, der meinem Herzen teuer sein würde. Du wirst sie verheiraten, und ich werde dabei als deine Adjutantin mitwirken.«

Herr de la Grange hatte dieses Gespräch zwischen seiner Frau und seiner ältesten Tochter mitangehört. Er strahlte vor Freude im ganzen Gesicht und öffnete ihnen die Arme, indem er sagte:

»Wen soll man mehr bewundern? Ich kann euch in meiner Lobpreisung nicht voneinander trennen, die eine hat die andere herangebildet, ich liebe euch alle beide ...« Er umarmte sie und fuhr dann mit Würde fort:

»Meine Tochter, ich fühle mich geehrt, dein Vater zu sein, und ich will dir in diesem Augenblick das schönste Geschenk machen, das ein Vater zu vergeben hat: meinen Segen ... Herr Gott im Himmel, segne meine Tochter! Laß sie eines Tages eine treue Geliebte, glückliche Gattin und würdige Mutter sein, wie sie heute eine liebevolle und fromme Tochter ist! Segne sie, großer Gott! und verleihe ihr nur die Freude, mit der sie das Herz ihres Vaters erfüllt hat, dann wird sie glücklich sein!« Und damit zog er sich zurück, um allein seiner köstlichen Rührung wieder Herr zu werden. Solche Szenen wußte Hortense herbeizuführen! Viktoria war damals 15 Jahre alt.

Es kam die Zeit heran, wo Madame de la Grange daran denken mußte, sie eine gute Partie machen zu lassen, vor allem hatte sie dabei stets ihr Glück im Auge. Sie gab Viktoria Ratschläge, wie sie am besten selber ihre Wahl treffen könnte, und sie unterhielten sich über diesen Gegenstand vertraulich wie zwei gute Freundinnen miteinander. Diese Gespräche gefielen Viktoria mit ihrem zartbesaiteten Gemüt. Indessen hatte die Klugheit nichts mit der Wahl zu schaffen, die sie traf und die über das Schicksal des liebenswürdigen Mädchens entschied. (Das Abenteuer ist ziemlich pikantes würde mich aber zu weit von meinem Thema abbringen, wenn ich es an dieser Stelle erzählen würde, ich will es daher als nächste Novelle bringen.)

Nach Viktoria waren die beiden anderen Mädchen zu verheiraten, Rosalie und Felizitas. Hortense befolgte dabei dieselbe Methode, wie bei der Verheiratung ihrer Schwester. Sie waren nicht so hübsch wie Viktoria, aber doch liebenswürdig genug, um ernste leidenschaftliche Gefühle wachzurufen, zudem waren sie reich.

Um ihnen die Wahl zu ermöglichen, ohne ihre Tugend in Gefahr zu bringen, wandte Hortense ein Mittel an, das von einigen scharf bekrittelt, von anderen sehr gelobt wurde. Sie arrangierte in ihrem Hause Kränzchen und andere Vergnügungen für junge Leute. Man tanzte alle damals bekannten Tänze, zu denen ausgezeichnete Musiker aufspielten. In der Musik hatte sie die Mädchen durch vorzügliche Lehrer ausbilden lassen, und bei den Tänzen konnten sie ihre ganze Grazie entfalten. Mit ihrem Bruder zusammen, der einen ausgezeichneten Lehrer abgab, unterrichteten die Mädchen wieder ihre Freunde und Freundinnen in Musik und Tanz. Natürlich wohnte die Stiefmutter stets diesen kleinen Gesellschaften bei. Die kleine Hortense Viktoria hatte keine anderen Lehrer, als ihre Schwestern und ihren Bruder. Man führte auch die hübschesten Ballettpantomimen der Oper auf, ja der junge de Ja Grange, der damals 16 Jahre alt war, komponierte selbst eine solche, die den Titel führte: das Urteil des Paris und sehr genial durchdacht war. Sie wurde zuerst von den vier Schwestern und ihrem Bruder aufgeführt. Felicitas, die größte von ihnen, gab die Juno, Rosalie die Pallas, Viktoria die Venus, sie erhielt diese Rolle, weil diese ein hübsches Gesicht und größere Intelligenz erforderte. Um auch der kleinen Hortense Viktoria eine Rolle zu geben, hatte er eine Iris geschaffen an Stelle des Merkur. Ein anderes schönes junges Mädchen gab die Helena und eine Freundin die Oenone.

Um dergleichen Vergnügungen zu veranstalten, muß man, das weiß ich wohl, die größte Vorsicht obwalten lassen. Hortense besaß alle Eigenschaften dazu und wurde darin von Viktoria unterstützt, die sie in einer Weise erzogen hatte, daß ein Fehltritt zu den Unmöglichkeiten gezählt werden mußte. Sie übte eine geheime Überwachung, von der man nichts merkte, und sah alles besser, als die Stiefmutter, der übrigens nichts wesentliches entging. Diese Erziehungsmethode durch Vergnügen war zugleich ein Mittel, ihren Stieftöchtern die Möglichkeit zu verschaffen, ihre Wahl unter den jungen Leuten zu treffen, die zu den Gesellschaften hinzugezogen wurden. Es war ein wahres Meisterwerk von Weisheit, das sie da geschaffen hatte, denn Madame de la Grange verschaffte den jungen Leuten Vergnügungen, ohne daß deren Charakter dadurch verdorben wurde, da damit zugleich auch ernste Arbeit verbunden war. Der Erfolg war denn auch der, daß nicht nur die Schwestern de la Grange, sondern auch ihr Bruder Partien fanden, die ihnen zusagten. Hortense war gespannt, welche Wahl sie treffen würden. Sie hatte die Kinder so erzogen, daß sie sicher sein konnte, sie würden sie um Rat fragen. Sie hatte ihnen jenes Schamgefühl abgewöhnt, das an sich lobenswert, in diesem Falle ihren Plänen zuwiderlief und nur bewirkt hätte, daß ihre Mädchen nicht gewagt hätten, ihr ihre Neigung für den oder jenen zu gestehen. Die erste Wahl der beiden jüngeren Schwestern fand nicht ihre Billigung. Sobald sie davon erfuhr, nahm sie die Schwestern beiseite und sagte zu ihnen in Gegenwart Viktorias:

»Meine lieben Kinder, ich bemerke, daß Rosalie Herrn d'Orivel und Felicitas Herrn de Saint-Cyr auszeichnet, oder sollte ich mich getäuscht haben?«

»Nein, liebe Mama.«

»Wenn sie euch glücklich machen könnten, so würde ich eure Wahl mit aller Kraft unterstützen, aber darüber müssen wir uns erst klarwerden, meine Freundinnen.

Wir wollen alle vier uns darüber vergewissern. Ihr seid noch sehr jung, und eure älteste Schwester ist noch nicht verheiratet, obwohl sie einen ihrer würdigen Bräutigam hat. Ihr habt also alle Zeit, um alles wohl zu überlegen und diejenigen gründlich kennen zu lernen, die euch liebenswert zu sein scheinen. Wir wollen uns gegenseitig unsere Beobachtungen mitteilen, denn, liebe Kinder, die Sache ist von höchster Bedeutung für euch! Euer ganzes Lebens-Glück oder -Unglück hängt davon ab! Denkt daran, daß Liebe blind macht, das ist eine alte Wahrheit. Rosalie wird besser sehen können, was Herr de Saint-Cyr ist, als Felicitas, und umgekehrt wird Felicitas Herrn d'Orivel besser beurteilen können, als ihre Schwester. Viktoria und ich werden noch unparteiischer sein, besonders ich, bei der das Herz nicht mitspricht und die mehr Erfahrung hat, als ihr. So, Kinder, das ist also unsere nächste Aufgabe. An uns ist es, einen guten, ehrenwerten Mann für euch zu finden, ich betrachte das als meine wichtigste Aufgabe und ihr könnt schon darnach urteilen, von welcher Bedeutung die Sache für euch ist! Prüfen wir eure Freier insgeheim acht Tage lang, dann wollen wir alle vier wieder zusammenkommen, um uns unsere Eindrücke mitzuteilen.«

Damit hob sie diese Sitzung auf, und jede ging wieder ihren Beschäftigungen nach.

Nach Ablauf von acht Tagen verfehlte Hortense nicht, das kleine Kapitel wieder zusammenzuberufen. Sie sprach zuerst, da sie gegen die Liebhaber Verschiedenes vorzubringen hatte, dann Viktoria, endlich die beiden Schwestern. Hortense sagte:

»Meine Töchter, ich bin noch nicht zu einem endgültigen Urteil gekommen, aber ich kann nichts anführen, was mich für sie günstig stimmen könnte. Sie sind leichtsinnig, unbeständig, wenig liebenswürdig zu ihren Gefährten, warme Gefühle haben sie nur für sich selbst, gegen die anderen sind sie von Eis, sie sind Egoisten und Spötter und mokieren sich in undelikater Weise über diejenigen, die es ihnen nicht ebenso gewandt zurückgeben können. Sie sind rechthaberisch, starrköpfig, oberflächliche Beurteiler, teils aus Überhastung, teils aus Laune, obwohl sie intelligent genug erscheinen, um ein richtiges Urteil fällen zu können. Saint-Cyr besitzt mehr Geist als d'Orivel, aber einen boshafteren, er verwendet ihn bisweilen darauf, seinem Freund eine Niederlage beizubringen, der sich dann ihm gegenüber erniedrigt, während er gegen alle anderen unverschämt ist. Beide sind streitsüchtig, in diesem Fehler steht keiner dem anderen nach. Ich weiß, liebe Kinder, daß dergleichen stolze Charaktere im allgemeinen den Frauen gefallen. Auch ich würde nichts dagegen einzuwenden haben, wenn dieser Stolz des Charakters mit Tugenden verbunden wäre. Wenn er aber nur Untugenden zur Grundlage hat, dann wird er zur unerträglichen Plage. Ihr werdet mich nun fragen, warum ich diese jungen Männer, da ich sie doch so genau kannte, in eure Gesellschaft zugelassen habe? Darauf antworte ich, daß ich sie erst kennen gelernt habe, seitdem sie bei uns verkehren, und dann, daß ich nicht glaubte, sie ausschließen zu dürfen ihrer Eltern und des Aufsehens wegen, das ein solcher Schritt verursacht hätte. Nun kennt ihr meine Meinung, teure Töchter, hören wir jetzt eure älteste Schwester, nachher werdet ihr sprechen.«

»Ich, liebe Mama,« hub Viktoria an, »kann nicht ganz so ungünstig über sie urteilen, wie Sie es getan haben.

D'Orivel kokettiert mit Fehlern, die er gar nicht hat, wohl in der Absicht, sich dadurch bei Saint-Cyr einzuschmeicheln. Letzterem schreibe ich große Fähigkeiten und eine außergewöhnliche Klugheit zu. Vielleicht empfindet er nur deshalb Verachtung gegen jedermann, weil er sich selbst allen überlegen fühlt. Schwester Felicitas muß sich prüfen, ob sie sich für schön, klug, talentiert, kurz, hervorragend genug hält, um eines Tages von diesem Manne geachtet zu werden, denn das kann ich ihr versichern, sofern sie ihm nicht über sich eine vorzügliche Meinung beizubringen vermag, wird sie mit ihm die unglücklichste aller Frauen werden. Wenn nun auch Rosalie von d'Orivel nichts Ähnliches zu befürchten hat, so fürchte ich doch andrerseits alles von diesem seinem Streben, schlechter erscheinen zu wollen, als er es in Wirklichkeit ist. Es deutet auf Feigheit, auf Niedrigkeit der Gesinnung und Freude am Laster. Ich würde noch Saint-Cyr mit allen seinen Fehlern ihm vorziehen, man weiß wenigstens, woran man mit diesem entschlossenen Manne ist, während das mit d'Orivel nicht der Fall ist, der keine eignen Gedanken hat. Das ist meine Ansicht, Mama.«

»Ich bin über deinen scharf Blick erstaunt, mein Kind.«

»Ich werde dir nachher etwas im Vertrauen mitteilen, dann wirst du nicht mehr erstaunt sein.«

»Nun ist an dir die Reihe, Rosalie.«

»Was kann ich noch hinzufügen, liebe Mama, da ihr beide mich schon niedergeschmettert habt? Ich habe von alledem, was ihr entdeckt habt, nichts bemerkt. Da ihr es aber besser wissen werdet, so beuge ich mich und kann nur mein Erstaunen darüber ausdrücken! Laßt mich aber wenigstens ein Wort zugunsten dieses armen d'Orivel sagen. Es ist wahr, er kriecht vor Saint-Cyr und kommt erst nach ihm zur Geltung. Ich schrieb das aber auf Rechnung seiner großen Freundschaft für ihn und war bisweilen von den Beweisen von Ergebenheit, die er ihm gab, ganz gerührt. Saint-Cyr ist herrisch, das steht fest, wie oft habe ich aber d'Orivel ihm aus Freundschaft nachgeben sehen, in einem edlen Gefühl ergebener Anhänglichkeit an ihn, nicht aber aus niedriger Kriecherei! Er hat mir sogar des öfteren seine Gründe für solche Haltung mitgeteilt. Ihr sagt ferner, er ahme die Laster seines Freundes nach, das habe ich auch ganz anders aufgefaßt! Ihr erinnert euch, daß er einmal Herrn de Cherbourg gegenüber behauptete, daß schüchterne Liebe eine Dummheit sei und daß ihr darüber empört zu sein schient. Ich sagte es ihm und sah ihn erbleichen. Er erwiderte mir: »Mein Fräulein, Sie wissen an besten zu beurteilen, ob ich wirklich meiner Behauptung gemäß handele, aber Saint-Cyr, mein intimster Freund, wird von allen angegriffen, und da kann ich ihn doch nicht im Stich lassen gerade, wenn er unrecht hat. Verzeihen sie mir diese Inkonsequenz und blicken sie auf meine ehrerbietige Haltung Ihnen gegenüber, können sie dann über meine wahre Meinung noch einen Zweifel hegen?« Überzeugt von seiner Aufrichtigkeit zürnte ich ihm nicht mehr. Das sind meine Beobachtungen, liebe Mama.«

»Sie verdienen die größte Beachtung, liebes Kind«, erwiderte Madame de la Grange, »und lassen mein Endurteil in der Schwebe. Ich billige allerdings trotz dem Geständnis, das er dir gemacht hat, nicht sein Betragen, solche Charaktere liebe ich nicht, wenn er aber wirklich aus Freundschaft so gehandelt hat, nur aus Freundschaft ohne andere Motive, so setzt das seine Schuld um die Hälfte herab ... Nun und du, Felicitas, was hast du zur Verteidigung Saint-Cyrs zu sagen?«

»Nichts, Mama, gar nichts! Ich wünsche, daß Sie von selbst Ihr Urteil über ihn zurücknehmen, nachdem Sie ihn werden besser kennen gelernt haben. So oft, liebe Mama, hast du mir gesagt: ›Felicitas, siehst du da diese weibischen Jünglinge, die ihrer Mutter wie Hunde an der Leine folgen? Ich würde dir nie verzeihen, wenn du je einen solchen Idioten lieben würdest.‹ Nun, liebe Mama, ich verabscheue sie auch, und da ist es natürlich, daß Saint-Cyr, der gerade das Gegenteil von ihnen ist, meine Seele entzückt hat, wie es in der Oper heißt. Er ist der Mann, den ich mir erkoren habe. Da ich, selbst ohne sein Wissen, seinem edlen Stolz nicht wehtun will, so enthalte ich mich jedes weiteren Wortes zu seiner Verteidigung.«

»Glaube mir, Felicitas,« bemerkte Madame de la Grange darauf lächelnd, »eure Charakter passen nicht zueinander. Denke nicht mehr an ihn.«

»Und wieso denn?«

»Du bist stolz, er ist es auch, zwei stolze Charaktere passen nicht zueinander. In der Ehe müssen sich die Charaktere von Mann und Frau ineinander einfügen und, um dies zu können, müssen sie verschieden sein, so paßt ein sanftmütiger und ergebener zu einem stolzen und hochmütigen, weil ersterer dem anderen stets nachgeben wird. Zwei erregte und harte Charaktere werden sich gegenseitig erbittern. Sind in der Mechanik jemals zwei Teile, die die Bestimmung haben, ineinander zu arbeiten, einander gleich? Im Gegenteil. Nun, so ist es auch mit den Charakteren, wenn sie zueinander passen sollen: sie müssen, wenn du mir den Ausdruck erlaubst, verschiedenen Geschlechts sein.«

»Oh, Mama,« rief da Felicitas aus, »das ist zutreffend. Schlagend!«

»In der Tat beweisend«, mischte sich Viktoria ein, »und ich bin Mama dankbar, daß sie uns darauf aufmerksam gemacht hat.«

»Ja«, fuhr Felicitas fort, »und ich werde darüber nachdenken, sehen, ob diese Vernunftsgründe nicht ihre schwache Seite haben, vorläufig bin ich davon geblendet, ohne erleuchtet zu sein.«

Der junge de la Grange, der gerade hinzugekommen war und den Schluß gehört hatte, fügte hinzu:

»Ich halte das für einen Sophismus, liebe Mutter, der blendet, aber nicht überzeugt. Darüber sollten wir Papa befragen.«

»Das ist eine sehr vernünftige Ansicht, mein Sohn, wir können ja bei Tisch darüber sprechen.«

Beim Nachtisch warf der junge de la Grange diese Frage auf, ohne seinem Vater zu sagen, daß die Mutter sie angeregt habe. Nach einiger Überlegung äußerte Herr de la Grange sich folgendermaßen: »Ich glaube, mein Sohn, daß du recht hast. Ich bin nur überrascht, daß dir eine so seine Erwägung durch den Kopf gegangen ist, da du doch noch gar keine Erfahrung hast. Auch ich halte es für einen Sophismus wenigstens beim ersten Nachdenken darüber. Jedenfalls liegt etwas sehr Wahres darin, und man kann wohl sagen, daß, wie die Verschiedenheit der Geschlechter physisch eine Notwendigkeit ist, Sie auch moralisch bedingt ist. Doch ich will mich weiter darüber nicht auslassen.«

Die Prüfung der beiden Freier wurde weiter fortgesetzt. Da die jungen Mädchen sicher darüber waren, daß sie vollkommen Herrinnen ihrer Wahl wären, so studierten sie sie mit viel mehr Unparteilichkeit. Die scheinbaren Vorzüge d'Orivels konnten bald einer ernstlichen Prüfung nicht standhalten, und die Selbstsucht, Härte und Gehässigkeit des Charakters Saint-Cyrs wurden endlich auch von Felicitas richtig erkannt. Erst, als die beiden Schwestern sich vollkommen klar waren, sprachen sie mit Hortense darüber. Sie kamen eines Tages zu ihr, küßten sie und sprachen sich folgendermaßen aus:

»Liebe, gute Freundin, du hattest recht und hast uns vor großer Gefahr bewahrt, in die die Liebe uns gebracht hätte. Triff du nun für uns die Wahl, wie du es für Viktoria getan hast. Du hast ihr den gezeigt, den sie lieben sollte, sage es auch uns, gute Mutter, wir werden deines Spruches harren.« »Ich habe keineswegs für Viktoria die Wahl getroffen,« war ihre Antwort, »ich habe Sie nur darauf aufmerksam gemacht, daß sie liebte. Das ist alles, was ich auch für euch tun kann und auch eines Tages für eure kleine Schwester. Paßt auf, ihr lieben Mädchen, und achtet nur des wahren Verdienstes, das stets schüchtern und furchtsam ist, euch aber schließlich doch huldigen wird. Dann werde ich prüfen, ob ihr liebt, und werde es euch sagen.«

Rosalie und Felicitas waren hoch befriedigt von dieser Antwort, und wenn sie vorher ihre Stiefmutter geliebt hatten, so vergötterten sie sie jetzt. Sie folgten ihrem Rate, suchten sich tugendhafte und schüchterne Liebhaber aus, ermutigten sie, liebten sie und wurden heiß wiedergeliebt. Hortense klärte sie darüber auf, und sie sind glücklich geworden.

Der junge de la Grange machte es nicht anders, wie seine Schwestern, er bat seine Stiefmutter sogar, ihm eine Ehehälfte nach seinem Geschmack auszusuchen. »Was ich verlange, ist folgendes,« sagte er zu ihr, »vor allem: Schönheit. Ich bin blond, will daher eine Brünette, sie muß denselben Geschmack und dieselbe Grazie besitzen, wie Viktoria oder sie selbst, desgleichen Ihren oder Viktorias Wuchs, ein angenehmes Organ, ein bestrickendes Lächeln, schüchtern und bescheiden soll sie sein, der Blick eines Mannes muß sie erröten machen, kurz ich verlange, daß sie einen gewissen Reiz und eine gewisse Anmut besitzt, die gefallen und die eine Frau schön erscheinen lassen, ohne daß sie es ist. Dazu muß sie klug, aber nicht gelehrt sein, so daß ich mir ungeniert mal einen Anachronismus in der Geschichte oder einen Schnitzer in der Geographie leisten kann, sie muß einige angenehme Talente ausüben, Musik, Tanz, so wie wir hier. Besonders hätte ich es gern, daß sie furchtsam wäre, daß sie in kein Boot zu steigen wagen würde, ohne sich fest an mich zu drücken, und wenn sie ohne mich allein nach Versailles fahren wollte, am Pont de Seve wieder umkehren würde. Ich liebe diese reizenden Schwächen bei den Frauen und ich fühle, daß ich die meinige darum nur desto mehr lieben würde. Ich wäre entzückt, wenn sie beim Donner in meinen Armen Schutz suchte und mich gegen den lieben Gott selbst um Hilfe bäte. So, liebe Mama, müßte meine Frau aussehen.«

»Die wird in unserem Jahrhundert schwer zu finden sein, mein Sohn. Heutzutage sind alle Frauen Königinnen.«

»Ich kann warten, sollte es auch noch so lange dauern, bis sie mir eine solche heranbilden. Sie stehen an meiner Mutter Stelle, und ich ehre Sie, wie ich diese ehren würde, sie sind mir daher mein Glück schuldig, finden Sie es mir, ich will es aus Ihrer Hand haben.«

»Ich werde mein Möglichstes tun, mein lieber Sohn, aber hilf mir dabei, suche auch du, vielleicht begünstigt dich der Zufall.«

»Gut – aber, wenn die, die mir gefällt, nicht ganz meinen Wünschen entspricht, dann müssen sie sie mir formen.«

»Oh! von Herzen gern, mein lieber Sohn! Ich werde mich dabei ganz deinen Ideen anpassen, Selbst denen, die meiner Anschauungsweise widersprechen.«

»Das weiß ich, beste aller Frauen! Und darum bringe ich Ihnen blindes Vertrauen entgegen. Ach! wenn ich eine finden könnte, wie Sie, dann würde ich auf meine anderen Wünsche nicht mehr hören, die nähme ich! Aber daran ist ja nicht zu denken. Sie sind ein Meisterwerk der Natur, und so will ich wenigstens eine Frau mit Schwächen haben, die mir gefallen.«

Der junge de la Grange fand ungefähr das, was er wollte, und führte seine Geliebte seiner Mutter zu, um sie von dieser noch weiter formen zu lassen. Da sie nicht imstande war, aus ihr ihr Ebenbild zu machen, so bildete sie sie so aus, wie ihr Stiefsohn es gewünscht hatte. Der junge de la Grange ist seit zehn Jahren verheiratet und ein glücklicher Ehemann. Vor acht Jahren sah ich ihn mit seiner Frau im Jardin des Plantes, wie sie zum Labyrinth aufstiegen. Als die Frau auf dem Gipfel war, zitterte sie vor Furcht, hielt ihren Mann umschlungen und ließ ihn erst zwischen den beiden Fliederhecken wieder los. Er mußte darüber glücklich sein, es schien wenigstens so,

Natürlich war eine so gute Stiefmutter erst recht auch eine gute Mutter. Sie tat für das Glück ihrer Tochter das Menschenmöglichste und erzielte den besten Erfolg. Hortense ist jetzt vierzig Jahre alt und immer noch begehrenswert. Alles, was sie umgibt, ist glücklich, besonders aber ihr Mann. Ihre Stiefkinder vergöttern sie und nennen ihren Namen nur mit Rührung. Sie bewahrheitet den Wahlspruch, den ich einst am Wagen einer schönen jungen Frau las: › Deliciae virtutis praemium‹, ›Freuden sind der Tugend Preis‹.

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