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Nicolas Edmonde Rétif de la Bretonne: Zeitgenössinnen - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorRetif de la Bretonne
titleZeitgenössinnen
subtitleAbenteuer hübscher Frauen
publisherGeorg Müller
volumeBand 1 + 2
yearvor 1916
translatorHeinrich Conrad
correctorhille@abc.de
senderreuters@abc.de
created20060228
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Der Gatte auf Probe.

Der Leser wird lachen, wenn er diese Überschrift sieht. Sollte es mir aber gelingen, ihr gerecht zu werden, dann wird mein Ruhm um so größer sein. Ich muß gestehen, daß das Pendant dazu mir schon seit zehn Jahren durch den Kopf geht. Ich fand nämlich in einem Fache eines Bücherschrankes, als ich im Jahre 1770 mit der Herausgabe des Miméographe beschäftigt war, auf einem Notizblatt die Überschrift: Die Gattin auf Probe. Ich bezweifle allerdings, daß ich damit etwas hätte anfangen können, wenn mir der Zufall nicht in Wirklichkeit verschafft hätte, was ich aus meiner Einbildungskraft heraus hatte in Angriff nehmen wollen.

Ich war eines Abends in der Oper, wo ich trotz der herrlichen Musik Glucks schwer litt: man erstickte, denn das Teufelswerk Iphigenie in Tauris hört nicht auf, das Haus zu füllen, so oft es gegeben wird. Die Herren Piccinianer sollten uns doch wahrhaftig etwas Platz lassen, aber nicht um ein Kaiserreich! Alle waren zur Stelle und lagen auf der Lauer, um zu beobachten, ob nicht jemand gähnen würde. Sie verlieren damit ihre Zeit, lassen sich aber nicht entmutigen.

Ich hatte mich schon sehr früh im Parkett eingefunden und suchte meine Gedanken von der beginnenden Erstickung durch eine lebhafte Konversation abzulenken. Ich sprach zuerst von der Freude, die ich empfand, die Engländer gehörig geschlagen zu sehen, dann von Musik, dann von Literatur, und das brachte mich ganz natürlich auf meine Novellen. Ich erwähnte dabei auch als guten Gegenstand für eine solche die Gattin auf Probe, äußerte aber, daß er bei unseren Sitten ein sehr heikler, schwer zu behandelnder Stoff sei.

»Weiß Gott!« bemerkte darauf ein sehr stattlicher Herr, ungefähr Mitte der dreißiger, »ich habe, was sie suchen, nicht gerade genau dasselbe, aber beinahe. Wenn sie sich mit mir im Café de la Régence treffen wollen, dann will ich Ihnen Ihr Werk in großen Strichen andeuten, indem ich Ihnen eine ganz außergewöhnliche Geschichte erzählen werde.«

Ich hütete mich, das Rendezvous zu verfehlen. Mein Mann kam ebenfalls. Wir nahmen das Souper ein, dem Saintfoi einst jenen groben Beinamen gab, der ihm einen Degenstich einbrachte, wir nahmen jeder eine Bavaroise, und dann fing mein Mann seine Erzählung an. Ich erwartete von einer Ehefrau auf Probe zu hören, aber er brachte mir einen Ehemann auf Probe.


Ich unterlasse heute zum ersten Male, mit meiner sehr liebenswürdigen Frau zu soupieren. Wenn sie aber erfahren wird, daß es geschah, um sie zu preisen, so wird sie mich gewiß entschuldigen.

Bis zum Alter von achtundzwanzig hatte ich Angst, nicht vor den Frauen, aber vor der Heirat. Alle Frauen, die ich bis dahin kannte, hatten mir Schrecken eingejagt. Eine Gleichstehende heiraten, dachte ich, hieße, sich eine Herrin einsetzen. Seine Blicke auf eine über einem Stehende zu werfen, schien mir ein sehr schwieriges und sehr Ungewisses Unternehmen zu sein, sollte es einem gelingen, so mußte man sich sicherlich noch drückendere Ketten auferlegen. Und heiratete man eine untergeordnete Frau, dann konnte man sicher sein, nicht geliebt zu werden, und sich anstatt einer liebenswürdigen Gefährtin entweder eine gemeine Augendienerin oder vielleicht sogar eine freche Dirne ohne Schamgefühl zugesellt zu haben ... Solche Überlegungen trauriger Art brachten mich von allen Heiratsgedanken ab, und ich war schon entschlossen, ganz auf eine solche zu verzichten, als das Zusammentreffen verschiedener Umstände mich ein Glück finden ließ, auf das ich nicht mehr gehofft hatte.

Ich speiste eines Tages bei einem meiner Freunde, der seit langem mit einer sehr liebenswürdigen Frau verheiratet war, die aber nur für seine Verwandte galt. Gewöhnlich, wenn ich in diesem Hause speiste, wurden die Frauen von meinem Freunde hart mitgenommen, und auch ich schonte sie nur, soweit es die Höflichkeit gegen Fräulein Saint-Loci verlangte, die uns mit engelgleicher Sanftmut zuhörte. Aber an dem Tage, von dem ich spreche, hatte sie eine Mutter mit ihrer sechzehnjährigen Tochter zu Tisch geladen. Bevor die Damen eintrafen, nahm sie mich beiseite und bat mich, bei Anwesenheit ihrer beiden Gäste, die ich nicht kannte, ihr Geschlecht zu schonen. Ich versprach ihr, ihrem Wunsche nachzukommen.

»Herrn d'Altemont«, fügte sie hinzu (d'Altemont war der Name ihres heimlichen Gatten), »kann ich nichts sagen, aber wenn sie ihm nicht sekundieren, werden seine Bemerkungen kaum beachtet werden.«

Die Damen erschienen kurz darauf. Ich war geblendet von der Schönheit des jungen Mädchens und fühlte sofort, daß es seitens des Fräuleins Saint-Loci unnötig gewesen war, mich um Mäßigung zu bitten.

Herr d'Altemont brachte das Gespräch indessen bald auf sein Lieblingsthema, die Unvollkommenheiten der Frauen. Er ließ seinen Gefühlen um so mehr freien Lauf, als ihm von der Mutter des jungen Mädchens auf das lebhafteste widersprochen wurde. Der Streit wurde immer heftiger und Herr d'Altemont triumphierte, als Madame Saint-Eusébe, die Mutter der jungen Schönheit, auf den Gedanken kam, mich um meine Meinung zu bitten. Ich war darüber sehr verlegen. Lächelnd sah Fräulein Saint-Loci mich an und sagte:

»Seien sie wahr! Wollen sie das, so ersuche ich Sie, nicht an die Bitte zu denken, die ich Ihnen vor Tisch stellte.«

»Dann will ich also mit dem ganzen Freimut sprechen, der mir eigen ist. Ich muß Herrn d'Altemont teilweise Recht geben. In unserem Jahrhundert müßte einer ein Engel sein, um mit den Frauen leben zu können, oder die Frauen müßten alle solche Engel sein, wie Fräulein Saint-Loci. Wenn Herr d'Altemont behauptet, daß alle Frauen herrisch und falsch sind, so ist die Behauptung gewiß zu allgemein, und man braucht nicht weit zu gehen, um Ausnahmen zu finden. Ich gestehe indessen ganz offen, daß ich, wenn ich heiraten wollte, erst eine Frau auf Probe zu nehmen wünschte, um, bevor ich mich fest bände, vorher ihre Laune, ihren Charakter und ihre Grundsätze kennen zu lernen. Der Grund dafür ist, daß ich mit meinem Charakter durch die Ehe hervorragend glücklich oder hervorragend unglücklich werden muss. Wenn ich meine Hand zur Ehe reiche, gebe ich mein Herz hin. Ich will in meiner Frau eine Geliebte, eine Freundin, eine Ratgeberin, eine Herrin, eine Dienerin und eine Göttin haben, dagegen will ich ihr ein Vater, ein Liebhaber, ein Freund, ein Gatte, ein Mann sein und bin bereit, ihr in allem zu dienen. Kein Geheimnis darf zwischen uns bestehen, nur würde ich bisweilen meine Unannehmlichkeiten verschweigen. Ich will laut vor ihr denken können, das gleiche verlange ich von ihr. Und nie würde ich mir gegen meine Frau etwas erlauben, was gegen eine andere Frau unhöflich oder grob wäre. Nun wissen sie, warum die Frage einer Heirat für mich so wichtig ist, warum ich nicht geheiratet habe und warum ich mich vielleicht niemals verheiraten werde. Trotzdem bin ich in einer gewissen Verlegenheit, denn ich muß erklären, daß ich meinen Prinzipien gemäß es für jeden Mannes Pflicht halte, die Ehe einzugehen.«

»Ihre Ehrenhaftigkeit, mein Herr,« wandte sich darauf Madame Saint-Eusébe an mich, »ist die Ursache Ihrer Verlegenheit.«

»Ich nehme Ihr Kompliment wörtlich, verehrte Frau, es ist in der Tat so. Ich halte es für die heilige Pflicht des Mannes, sich zu verheiraten und für seine nicht weniger heilige Pflicht, seine Frau glücklich zu machen. Diesem Streben würde ich jeden meiner Augenblicke weihen, und selbst wenn ich nicht glücklich sein würde, würde ich doch suchen, sie glücklich zu machen.«

In diesem Sinne ging die Unterhaltung weiter. Madame Saint-Eusébe war entzückt von meinen Prinzipien und erkundigte sich nach dem Essen leise nach meiner Stellung und meinem Vermögen. Da sie über beides die beste Auskunft erhielt, fand sie es wahrscheinlich wünschenswert, die Bekanntschaft mit mir fortzusetzen, und flüsterte mir bei einer günstigen Gelegenheit ins Ohr:

»Besuchen sie mich. Ich liebe Ihre Philosophie und möchte Sie gern noch weiter über den Stoff sprechen hören, den wir heute behandelt haben.«

Ich war entzückt über die Einladung und folgte ihr zwei Tage später.

»Ich hatte Sie schon gestern erwartet.« Mit diesen Worten begrüßte mich Madame Saint-Eusébe. Ihr Empfang war sehr herzlich, und der ihrer reizenden Tochter Sophie nicht weniger freundlich. Ich fühlte, daß ich im Begriff war, mein Herz zu verlieren und vielleicht alle meine Grundsätze über den Haufen zu werfen. Glücklicherweise wurde Ordnung in die Sache gebracht. Während des Essens – wir waren nur zu dritt, da die Dame Witwe war – kam das Gespräch wieder auf die Frauen. Ich ging noch mehr ins einzelne ein, da ich durch die Abwesenheit d'Altemonts von jedem Zwang befreit war. Ich sprach mit Nachdruck besonders von der Nachsicht, die man sich in der Ehe gegenseitig schuldig sei, hauptsächlich aber der Mann der Frau, da er der stärkere und gewöhnlich auch der besser erleuchtete sei. Dann erklärte ich näher, was ich darunter verstanden wissen wollte, als ich gesagt hatte, meine Frau müßte für mich eine Göttin sein.

»Das soll heißen: um in der Ehe glücklich zu sein, ist der Mann seiner Frau die Freude schuldig, sie zu schmücken, ihre Schönheit zu erhöhen, sie zu ehren, zu preisen, und ihr jedermanns Hochachtung zu verschaffen, indem er ihr selber jede Rücksicht erweist, stets aber natürlich, ohne Künstelei. Die Frau ist dem Gatten das, was dieser aus ihr selber zu machen weiß. Beide Gatten müssen von Achtung zueinander gegenseitig durchdrungen sein, sie sollen sich ihres Wertes wegen anbeten und sich gegenseitig nur von ihrer liebenswürdigsten Seite zeigen, sich gütig, menschlich, edelmütig und liebevoll behandeln, anstatt das gewöhnliche Beispiel der Ehegatten nachzuahmen, die, wenn sie sich einmal gegenseitig ertappt haben, sich verhöhnen und einander in ihren eignen Augen herabsetzen, soviel sie nur können. Sollte mir das Glück widerfahren, einer Frau nach meinem Herzen zu begegnen, so würde ich sie gut vorher studieren, bevor ich sie heiratete, und wenn ich sie dann gut erkannt und achten gelernt hätte, dann würde ich ihr im selben Augenblick mein Herz, meine Treue, meine Hand, meine Achtung, mein Vermögen, mein Glück, ja selbst meine Ehre ausliefern, alles sollte ihr anvertraut werden. Zugleich würde, wie ich neulich sagte, all mein Streben darauf gerichtet sein, ihr zu vergelten, was sie für mich tun wird. Die Gatten unseres Jahrhunderts genügen sich gegenseitig nicht, zweifellos, weil sie sich nicht lieben. Sie haben sich aus Interesse oder Leidenschaft genommen, die sie für Liebe hielten, die aber nur ein blinder oder sinnlicher Trieb war. Sind sie dann enttäuscht, dann bleibt nichts mehr übrig. Die Achtung, das ist die Grundlage einer glücklichen Ehe, sofern sie jedoch von dem Geschmack begleitet wird, der einem Appetit auf Liebe macht. Denn, gestatten sie mir einen Vergleich, die Speisen, die Sie mir haben auftragen lassen, können an sich sehr gesund sein, würden mir aber doch nicht zugesagt haben, wenn ich sie nicht gern äße, und dann würde ich sehr schlecht diniert haben.«

Als ich aufgehört hatte zu sprechen, bemerkte Madame Saint-Eusébe:

»Hören sie. Ich habe den einen Wunsch, Sie ganz genau zu kennen und von Ihnen genau gekannt zu sein. Sobald das der Fall sein wird, will ich Ihnen einen Vorschlag machen, auf den sie vielleicht eingehen werden. Ihre Grundsätze gefallen mir ganz außerordentlich. Kommen sie recht oft zu uns, so oft Sie können, am besten womöglich alle Tage.«

Ich erwiderte, wie es sich gehörte, auf so freundliche Worte, und man sah mich von nun an jeden Tag oder fast jeden Tag bei Madame Saint-Eusébe. Als unsere Beziehungen so intim waren, wie sie es wünschte, sagte sie eines Tages zu mir:

»Nachdem ich Ihre Gefühle nun genau kenne, werde ich in einem Gedanken bestärkt, der mir bereits am ersten Tage unserer Bekanntschaft im Hause d'Altemonts aufgestiegen ist. Ich habe mich entschlossen, Ihnen das Glück meiner Tochter anzuvertrauen, meines höchsten Gutes auf dieser Erde. Was meinen sie dazu?«

»Sie überhäufen mich mit Güte, verehrte Frau, und da Sie so offen mit mir sprechen, will ich Ihnen nicht verschweigen, daß die Gefühle, die Ihre schöne Sophie in mir wachgerufen hat, mich alle Vorsichtsmaßregeln haben vergessen lassen, von denen ich Ihnen bisweilen gesprochen habe.«

»Wenn das der Fall ist, so will ich sie Ihnen ins Gedächtnis zurückrufen. Von heute ab will ich, daß Sie mit Sophie in der größten Intimität leben, daß Sie frei mit ihr von allem sprechen, daß sie weiß, Sie seien für sie bestimmt und daß sie Sie bereits als ihren Gatten betrachtet. Indessen behalte ich mir gewisse Vorsichtsmaßregeln vor, die die Klugheit erfordert. So sollen sie zwei Jahre hindurch miteinander leben. Gefallen sie sich dann gegenseitig, dann soll die Heirat stattfinden. Richten sie sich so ein, daß Sie womöglich Ihre ganze Zeit bei uns zubringen und hier Ihre Geschäfte erledigen können. Das ist für meinen Zweck notwendig. Ich werde Sophie die vollste Freiheit lassen, bei Ihnen einzutreten, Ihre Beschäftigung zu unterbrechen, als ob sie Ihre Frau wäre. Sie dagegen werden sich fest in den Kopf setzen, Sie seien bereits ihr Mann und sich so wenig zurückhalten, wie wenn es wirklich der Fall wäre. Täuschen sie weder mich, noch Sophie, noch sich selbst, das soll heißen: hüten sie sich vor den Gefühlen der Liebe, die Sie blind machen könnten. Meine Tochter gehört Ihnen. Ich habe sie, seitdem sie vernünftig ist, darüber aufgeklärt, daß die Männer nichts weniger als vollkommene Geschöpfe sind. Sie erwartet daher nicht allzuviel von Ihnen; und das ist von großem Wert! Verfolgen sie also Ihren Plan einer Heirat auf Probe und lassen sie Ihren Ideen freien Lauf. Halten sie Ihre Launen nicht zurück und tun Sie sich nicht mehr Zwang an, als sie es tun würden, wenn sie verheiratet wären. Von Ihren Handlungen wird es von nun an abhängen, ob ich in meiner Achtung für sie bestärkt werden werde.«

Diese eigentümliche Sprache, auf die mich aber Madame Saint-Eusébe seit langem vorbereitet hatte, verursachte mir große Freude. Ich dankte ihr herzlichst und nahm mir vor, auf das peinlichste ihre Bedingungen zu erfüllen. Ich ließ mich häuslich bei meiner Geliebten nieder und erledigte daselbst meine Geschäfte. Ich sah jeden Augenblick die schöne Sophie, weil unsere Zimmer nebeneinander lagen und sie häufig bei mir eintrat, kurz, ich lebte mit ihr in der größten Vertraulichkeit.

Im ersten Monat konnte ich kaum einige Erwägungen anstellen, da Sophie mich oft störte, ich aber meinerseits fand, daß sie es nicht oft genug täte. Auch ich ging zu ihr, und da mein Vergnügen, sie zu sehen und zu hören, stets ebenso groß war, wie früher, so war auch meine Laune stets die gleiche, und sie sah mich immer nur in freudiger Stimmung. Ich war eifrig um sie bemüht, stets gefällig, und kam immer unwillkürlich allen ihren Wünschen entgegen. Es war für mich ein größeres Vergnügen, mich ihr angenehm zu erweisen, als von ihr Gunstbeweise entgegenzunehmen. Eine solche Haltung gewann mir ihr Herz, und sie wurde zärtlicher zu mir, so daß der zweite Monat unseres Zusammenlebens noch köstlicher verlief, als der erste. Aber die Freuden der schwachen sterblichen haben ihre Grenzen, wie unsere Organe!

Vom dritten Monat ab fühlte ich, allerdings noch unmerklich, daß Sophie mich ein wenig zu sehr störte. Ich zeigte mich ihr dafür durchaus nicht undankbar, ganz im Gegenteil, aber ich hatte ein Gefühl, ich empfand etwas, was mir in den beiden ersten Monaten fremd gewesen war. Ihre Mutter, die uns genau beobachtete, ohne daß wir es wußten, bemerkte diese leichte Veränderung meines Wesens. Aber sie hatte eine solche vorhergesehen und wußte, daß sie natürlicherweise eintreten mußte. Sie machte mir daher auch kein Verbrechen daraus und begnügte sich damit, ihrer Tochter neue Lehren zu geben, die sich auf den neuen Zustand meines Herzens bezogen. Man hätte meinen sollen, diese gute und weise Mutter suche Krankheiten des Herzens hervorzubringen, um sie dann zu heilen und bis auf ihren Keim auszurotten, so ungefähr wie die Anhänger des Impfens vorzugehen behaupten.

Von ihrer Mutter geleitet, fing Sophie an, mir allmählich mehr und mehr stolz zu zeigen, sie ließ sich begehren, doch so, daß, wenn wir beisammen und in gutem Einvernehmen waren, sie die alte war, wie vorher. Diese Hoffnung frischte wieder für einige Zeit meine Gefühle auf, und so gelangte ich bis zum sechsten Monat, ohne daß die Gewohnheit meine Liebe für Sophie merklich vermindert hätte. Allerdings bestand auch ein großer Unterschied zwischen unserer Probe und der wirklichen Heirat, ich besaß Sophie nicht ganz, und Besitz stumpft schnell ab. Aber ich hatte alles übrige, und das war viel.

Vom achten bis zehnten Monat kam es anders, Sophie flößte mir heftige Gelüste ein, und diese neue Krise bedingte eine beträchtliche Herabsetzung meines Zartgefühls ihr gegenüber. Zuerst war ich glücklich über die reizende und zärtliche Vertraulichkeit, mit der Sophie mich behandelte, dann aber genügte mir das bald nicht mehr, ich liebte sie also weniger! So schloß auch Madame Saint-Eusébe, auch das hatte sie vorausgesehen, es war der natürliche Gang der Dinge. Aber sie hatte beschlossen, mir Sophie erst zu geben, wenn alle diese Krisen vorüber wären, und wenn meine Liebe gereinigt und, nur aus Zärtlichkeit und Achtung bestehend, die physischen Freuden als Ergänzung, nicht als Zweck der Liebe aufzufassen imstande sein würde. »Denn«, so philosophierte sie, »in diesem Fall handelt es sich nicht darum, der Natur zu folgen, sondern im Gegenteil die Natur der Liebe zu verändern, sie künstlich zu bilden und so zu gestalten, wie sie für die unlösbare Ehe notwendig ist, die weit davon entfernt, ein natürlicher Zustand zu sein, im Gegenteil etwas Widernatürliches ist!«

Wie man sieht, hatte ich es mit einer ausgezeichneten Frau zu tun, die ganz dazu geschaffen war, mich mit ihrer Tochter oder durch diese glücklich zu machen. Sophie war nicht von Stein und liebte mich. Ich glühte für sie und war kühn. Vielleicht wäre sie unterlegen, ohne darum in Anbetracht der eigentümlichen Lage, worin wir uns befanden, eines Fehltritts angeklagt werden zu können. Aber ihre Mutter wachte.

Sie ließ sie bis ans Ende ihrer Kraft gehen und kam ihr zur Hilfe, als sie sie bereit sah, nachzugeben. Sie warnte sie und setzte sie davon in Kenntnis, daß sie heimlich Zeuge unserer Unterhaltungen gewesen sei.

Sophie schämte sich, aber ihre Mutter küßte sie und sagte:

»Glaubst du denn, mein liebes Kind, das ich es dir zum Verdienst anrechnen würde, wenn du eine kalte Marmorstatue wärest? Nein, nein, Leben und Wärme stehen unendlich hoch über der Mattheit der Unempfindlichkeit. Ich würde keine gute Meinung von dir bekommen haben, wenn du nicht in Versuchung geraten wärest, deiner Schwäche nachzugeben. Aber, liebe Tochter, du darfst nicht fallen, denn dann würden die Gefühle deines Gatten gewiß erkalten. Doch wird es gut sein, wenn er eines Tages erfährt, daß du ihn zärtlich genug liebtest, um ihm alles zu opfern, und daß ich dich daran verhindert habe. Das soll ihm geoffenbart werden, wenn die Umstände es mit sich bringen werden, und sobald er sich dieses Eingeständnisses würdig gezeigt haben wird. Ich hoffe dies, denn ich glaube, ihn zu kennen.«

Sophie küßte ihre so gute Mutter tausendmal, und innerlich gefestigt durch das Gehörte, war sie gegen mich um so zärtlicher, als sie mich jetzt weniger fürchtete. In der Tat war es ihr jetzt sehr leicht gemacht, selbst einen stürmischen Angriff von mir abzuschlagen, es war ihr zur Unmöglichkeit geworden, mir etwas zu bewilligen, denn ein Mama sieht mich ist eine gute Schutzwaffe für ein junges Mädchen!

Diese Haltung Sophies mußte mir notwendigerweise die Überzeugung von ihrer Liebe zu mir und zugleich die höchste Meinung von der Weisheit und Festigkeit ihrer Grundsätze beibringen. Zärtliche Hochachtung gegen sie folgte auf meine Trunkenheit, und erst von da ab glaubte ich Sophie wahrhaft und in einer ihrer würdigen Weise zu lieben.

Das vertraute Verhältnis, das nunmehr zwischen uns Platz griff, glich jetzt mehr dem zwischen Eheleuten, ohne deshalb aber weniger reizend zu sein. Sophie gestattete sich mir gegenüber größere Freiheiten und betrug sich wie eine wirkliche Ehefrau. Wir waren im Anfang des zweiten Probejahres. Die drei ersten Monate waren entzückend. Ich sagte es Madame Saint-Eusébe und bat sie ernstlich, unseren Versuch abzubrechen.

»Aber er hat ja kaum begonnen,« erwiderte sie, »ihr habt beide einen so glücklichen Charakter, daß ich bis jetzt noch nichts von dem gesehen habe, was ich von Ihnen sehen wollte. Aber da ist noch ein Hebel, den anzuwenden, sowohl die gute Sitte wie das Gesetz mir verbieten, wenn er in Bewegung gesetzt würde, und die Sachlage wäre so, wie sie ist, dann würde ich mich sofort ergeben. Da ich aber dieses Mittel nicht anwenden kann, so muß ich es durch Surrogate ersetzen, und das dauert viel länger. Fassen sie sich also in Geduld, lieber Freund!«

Ihre Worte waren für mich kein Rätsel. Ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich mir stillschweigend vornahm, dieses Mittel anzuwenden, um meine Wartezeit abzukürzen.

Beim nächsten Beisammensein mit Sophie traf ich meine Vorbereitungen, um meines Sieges gewiß sein zu können. Ich richtete es so ein, daß außer der Mama niemand im Hause war. Diese hatte zweifellos mein Manöver bemerkt. Eine Prüde oder Betschwester hätte drin zweifellos ein unverzeihliches Verbrechen gesehen, aber ein vernünftiger Mensch, ein wahrer Philosoph, weiß zwischen Handlungen zu unterscheiden, die sittlich schlecht sind, wie z. B. die Lust, jemanden zu schädigen, und solchen, die nur sozial schlecht sind, wie die von mir beabsichtigte. Madame Saint-Eusébe wußte, daß Handlungen der ersten Art die Aufführung und die Gefühle beeinflussen und diese wie jene verderben, daß aber die der zweiten nur die Außenseite der Seele berühren, doch ihren Kern nicht angreifen. Daher tun auch die Herren Moralisten, die, um diese bedingungsweise schlechten Handlungen zu verschreien, den Mund so voll nehmen und sie als schlimmer als die wahrhaft lasterhaften hinstellen wollen, nur einen Schlag ins Wasser und überzeugen niemanden, selbst die nicht, die zu denken meinen, wie sie, denn alle Augenblicke straft die Erfahrung die vermeintliche Meinung Lügen. So machen galante Abenteuer, nächtliche Spaziergange, Serenaden, Tanzvergnügungen usw., die alle Landgeistlichen so in Harnisch bringen, nur geringen Eindruck auf junge Leute beiderlei Geschlechtes, und obwohl die Seelenhirten sozial und politisch in gewissem Maße recht haben, bleibt die Natur doch die stärkere und trägt stets den Sieg davon. Doch ich bemerke, daß ich eine Vorlesung halte.

Madame Saint-Eusébe beunruhigte sich nicht über meine Vorbereitungen zum Angriff aus ihre Tochter, und zürnte mir auch nicht deswegen, da sie es ganz natürlich fand. Sie wußte wohl, daß ich nicht imstande war, die Hauptmaßregeln zu treffen, nämlich sie selbst zu entfernen. Aber sie hatte Mitleid mit mir und schien sich in ihrem Zimmer einzuschließen. So drohte mir also von keiner Seite eine Störung.

Die schöne Sophie kommt in ihrer Unschuld wie gewöhnlich zu mir. Sie tritt lächelnd ins Zimmer, geht geradenwegs auf meinen Stuhl los, stützt sich auf die Lehne, nimmt mir die Feder aus der Hand und sagt: »Genug der Arbeit, mein Freund, wir wollen plaudern und spielen.«

Ich drehte mich halb nach ihr um, zog sie an mich und setzte sie auf meinen Schoß. Dann äußerte ich: »Sie hören also nicht auf, mich gerade dann zu stören, wenn ich am meisten beschäftigt bin! Das sollen sie mir bezahlen, mein Fräulein.« Und ich küßte sie zärtlich ein Mal über das andere Mal.

»Zu behaupten,« bemerkte Sophie dazu, »daß Ihre Liebkosungen mir unangenehm sind, wäre eine Lüge, die Sie auch nicht glauben würden. Ich sehe in Ihnen den Gatten, den Mama mir bestimmte, den auch mein Herz erwählt haben würde, aber sie sind manchmal ein wenig zu stürmisch, und ich wünschte, Sie mäßigten sich etwas!«

»Nein, schöne Sophie,« erwiderte ich ihr darauf, indem ich ihr zu Füßen fiel und ihr die Hände küßte, »ich werde heute nicht stürmisch sein, nur zärtlich, aber sehr zärtlich, viel zärtlicher als sonst.«

»So sieht also Ihre Strafe aus, wenn man sie unterbricht? Da habe wirklich ich einen netten Gatten, und ich will, daß er dafür geliebt wird, wie niemals ein Mann geliebt worden ist.« Damit neigte sie sich auf mein Gesicht. Ich raubte ihr einen Kuß, den sie mir mit den Worten wiedergab: »Mein teurer Saint-Preux! wie liebe ich Sie!«

Dann machte sie mir an ihrer Seite Platz auf einem Kanapee und legte mir ihren Arm um den Hals. Feuer floß durch meine Adern, aus meinen Händen sprühten Funken, und mein Mund atmete Flammen. Selbst wenn ich die Tugend eines Engels gehabt hätte, wäre ich bei meiner erregten Leidenschaftlichkeit kühn geworden. Ich wollte es sein. Sophie konnte darüber nicht mehr im Zweifel sein, nachdem mir ein etwas zu freimütiges Verlangen entschlüpft war. Sie stieß mich sanft zurück und sah mich mit einem so majestätischen Blick an, daß ich ihn noch heute zu fühlen glaube. Dann sagte sie:

»Saint-Preux, ich achte Sie zu hoch, um Ihnen nachzugeben. Sie sind trunken und ich verzeihe Ihnen ... Ich verzeihe dir, mein teurer Gatte, aber fürchte einen Widerstand, den es dich gereuen würde, verursacht zu haben, ich würde dich nicht schonen. Deine häufigen Angriffe, die ich dir stets verziehen habe, haben mich die Kunst gelehrt, mich zu verteidigen. Aber ich möchte meine Tugend gegen dich, teurer Freund, nicht zu verteidigen haben, mach', daß ich dir allein verdanke, sie bewahrt zu sehen. Nein, nein, ich will keine Vorteile über dich haben, ich würde solche verabscheuen, wenn ich sie auf deine Kosten haben würde, oder wenn sie dir beschämend wären. Tugend und Schamhaftigkeit, die menschlichen Attribute meines Geschlechts, würden aufhören, für mich einen Reiz zu haben, wenn ich sie gegen einen Mann zu verteidigen hätte, den ich über alles liebe. Bist du nicht, Saint-Preux, mein Führer, meine Stütze? Ist es nicht auch in deinem, wie in meinem Interesse, mich ohne Makel zu wissen? Verlangst du denn von mir, daß ich mich dir als eine verächtliche Gattin ergebe? Ich würde es vielleicht tun, wenn eine solche dich glücklich machen könnte, aber das ist ja unmöglich. Kommen sie zu sich. Saint-Preux! Lassen sie uns ohne Schuld bleiben und suchen Sie einen Weg, unsere Heirat zu verwirklichen, die schon beschlossen ist, die Mama aber aus bestimmten Gründen noch aufschiebt. Sobald ich Ihre Wünsche erfüllen kann, ohne Sie in der Person Ihrer Gattin zu erniedrigen, ohne Sie selbst schuldig zu machen, werden Sie mich ebenso willfährig finden, wie ich jetzt zurückhaltend bin. Ich habe eine kluge Mutter, die mich indirekt unterrichtet. Die Gespräche, die ich oft mit ihr führe, haben mich veranlaßt, diese Worte an sie zu richten, diktiert hat sie mir sie nicht. Sie lehrt mich auch schon jetzt, wie ich mich später im Haushalt werde zu betragen haben. Sie will, daß ich Sie vergöttere, aber sie will auch, daß ich als Frau zu mancher Zeit noch Mädchen bleibe, daß ich so zurückhaltend bleibe, wie ich es jetzt bin, nachdem ich in gewissen anderen Augenblicken die zärtlichste und hingebendste aller Gemahlinnen gewesen sein werde. Sie will aber nicht, daß nur Laune meine Strenge bestimme und mahnt mich, noch liebevoller abzuweisen, als ich bewilligen würde. Das meint sie, wäre die schwierigste und fast die wichtigste meiner Pflichten.«

Während Sophie so sprach, hatte sie meine beiden Hände ergriffen. Ich befand mich in einer Lage, für die es keinen Ausdruck gibt. Wenn ich meine Sophie jemals angebetet habe, so war es in diesem Augenblick, aber meine Wünsche waren von äußerster Heftigkeit.

»Sophie!« antwortete ich ihr, »Schöne Sophie, alles, was du mir da sagst, ist von der Weisheit selber diktiert, Minerva oder deine Mutter spricht durch deinen Mund, indessen, meine göttliche Frau, ich kann meiner Liebe nicht länger gebieten, mein Leben hängt davon ab, und ich fühle, ich bin am Ende meiner Kraft, wenn du weiter grausam bist. Rette deinen Gatten, Sophie! Sieh' meine Überreizung, meine Trunkenheit, mein Liebesschmachten ... « Und ich fiel in ihre Arme, die mich fest umschlungen hielten. Frisch belebt durch diese köstliche Berührung, fühlte ich unglaubliche Kraft in mir. Ich trug sie in meinen Armen fort. Das süße Opfer stieß nur einige Seufzer aus, indessen hielten mich doch einige Worte zurück, die sie, schon bereit, zu unterliegen, hervorstammelte:

»Lieber Freund, willst du wirklich der armen Mama diesen Kummer bereiten! ... Wenn du wüßtest, wie hoch sie dich achtet! ... Von mir will ich nicht sprechen ... ich gehöre dir ...«

Diese Worte, mit engelhafter Sanftmut hervorgebracht, machten auf mich plötzlich einen gewaltigen Eindruck. Ich hielt an, stürzte Sophie zu Füßen und schrie, mein Gesicht mit beiden Händen bedeckend, laut heraus:

»Nein, nein, innigstgeliebte Sophie, ich werde dein Vertrauen nicht mißbrauchen! Nein, mein himmlisches Mädchen! Hundertmal lieber sterben! ... Ich kenne mein Herz und fühle, teure Gemahlin, daß es trotz meiner Kühnheit gegen dich nicht gefehlt hat. Aber gegen deine würdige Mutter sündigen – – lieber sterben!«

Kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, als die Tür aufging und Madame Saint-Eusébe eintrat. Ihre Miene war halb ernst, halb zärtlich. Sie streckte ihre Hand der Tochter entgegen, die mich losließ, um sich in ihre Arme zu werfen. Sie liebkoste sie einen Augenblick, ohne das Wort an mich zu richten. Darauf nahmen ihre Züge einen Ausdruck von Würde an, und sie wandte sich an mich:

»Die Prüfung, die ich Ihnen etwa auferlegt habe, mein Herr, entscheidet über Ihr Geschick, wenn sie der letzten Bitte meines Kindes nicht geachtet hätten, so hätte ich mit Ihnen vielleicht für immer gebrochen ... Ich wollte vorher wissen, wie Sie in einem solchen Augenblick vorgehen würden. Welche Vorwürfe ich Ihnen auch über Ihre Aufführung gegen Ihre kleine Frau zu machen habe, so macht mich das Ende Ihres Angriffs auf Ihre Tugend alles vergessen. Sie sind ehrenhaft, Saint-Preux, aber sinnlich und leidenschaftlich. Ich habe keineswegs beabsichtigt, meine Tochter einem Marmorblock in die Arme zu werfen, aber ein ehrenhaften Schwiegersohn wollte ich haben. Sie sind ein solcher, das genügt. Nun bleibt nur noch eins zu wissen übrig: nämlich, welche Wirkung wird auf Sie die Erfüllung aller Ihrer Wünsche ausüben? Seit langem habe ich über diesen Punkt nachgedacht. Wenn meine Tochter Ihnen nachgegeben hätte, so würde sie gegen ihre Tugend gesündigt haben. Wenn ich sie ... Ihnen aber ... überlieferte, dann wäre sie nur gehorsam und dann könnte ich sehen, was sie sind und was sie wert sind ... Ich bin mir wohl darüber klar geworden, welch' böse Folgen aus einem solchen Schritt hervorgehen könnten, einmal setze ich dadurch in der Tat den Wert meiner Tochter herab und dann könnte ich auch ihrer Sittsamkeit und Schönheit Abbruch tun. Aber alles dieses ist nicht zu vergleichen mit den Nachteilen einer unglücklichen Ehe. Eine gebundene Frau, deren der Mann überdrüssig ist und die dazu verurteilt ist, entweder ein trauriges, ödes Leben zu führen, oder sich verbrecherischer Galanterie in die Arme zu werfen, eine solche Frau ist tausendfach unglücklicher, als meine Tochter es werden könnte, wenn sie, was auch immer geschehen mag, sich dazu entschlösse, auf meinen Plan einzugehen. Wir werden dann sehen, was aus Ihnen, Herr Saint-Preux, werden wird, wenn Sophie ganz Ihr Weib sein wird. Ich werde dann in Ihrem Herzen besser lesen können, als sie selbst, seien sie dessen gewiß. Sie werden dadurch zu nichts verpflichtet. Wenn Ihre kleine Frau aufhört, Ihnen zu gefallen, so ziehen sie sich einfach zurück und von allem, was wir Ihnen dann gegeben haben, würden wir nur dieses bedauern, nämlich daß Sie unsere Achtung nicht mit sich nehmen können.«

Ich war von dieser unerwarteten Sprache wie versteinert.

»Wie! Madame, Sie schlagen mir vor. ... Möge der Himmel mich davor bewahren, jemals ein solches Anerbieten anzunehmen!«

»So sind die Männer, meine liebe Sophie, und wohl auch die Frauen: sie wollen wohl mit Gewalt an sich reißen, wenn man ihnen aber freiwillig etwas gibt, dann wollen sie's nicht mehr!«

»Aber verehrte Frau, die Sittsamkeit, die Tugend ..., die Tugend Ihrer göttlichen Tochter steht auf dem Spiel!«

»Sie kennen nun meinen Vorschlag, Herr Saint-Preux, lehnen sie ab oder nehmen sie an, nach Belieben. Ich brauche diesen Versuch, nicht meiner Tochter, Sondern Ihretwegen, und da eure beiderseitigen Interessen unzertrennlich sind, so kann ich nichts davon ablassen, denn ich liebe meine Tochter über alles in der Welt.«

»Mehr als Ehre und Tugend?«

»Gewiß! Meine Ehre und meine Tugend setze ich darin, meine Tochter glücklich zu machen! Weisen sie sie zurück?«

»Ich! Ich sie zurückweisen!? ... Teure Sophie, Sie sind meine halbe Seele, ich kann sie ebensowenig verlassen, wie mich selbst! Ich willige in alles ein, Madame, was sie mir auferlegen. Ihr Wille ist mir Gesetzt, denn von Ihnen hängt das Glück meines Lebens ab.«

»Sophie, ich gebe dich deinem Manne. Widerstehe ihm nicht mehr. Von nun an werde ich deine Freiheit nicht mehr beeinträchtigen. Wenn dein Gatte ein schlechter Mensch ist, so kann dem Übel immer noch gesteuert werden. Ich liebe dich so zärtlich, meine Sophie, daß ich dir meine Ehre opfere. Wenn dein Mann unseren Hoffnungen nicht entspricht, dann wird die Welt sagen, die Mutter war eine Elende, die Tochter war noch zu jung, um schuldig sein zu können usw., aller Tadel wird auf mich fallen. Aber ich werde nur meine Pflicht erfüllt haben, indem ich mich für meine Tochter opfere. Liebliche Sophie, die Männer sind Tiger. Dieser da ist einer der sanftesten, suche ihn zu zähmen, unser aller Glück hängt davon ab.«

Damit küßte sie ihre Tochter tränenden Auges, löste sie aus ihren Armen los und legte sie in die meinigen. Darauf zog sie sich zurück.

Wir, Sophie und ich, verweilten zuerst in tiefem Stillschweigen. Meine schöne Geliebte hielt die Augen auf den Boden geheftet, das Gesicht von lieblicher Röte übergössen, und schien meiner Worte zu harren.

»Welch eine Mutter!« rief ich endlich aus, »wie muß ich sie bewundern! Oh, teure Sophie! Nun bin ich der alleinige Beschützer deiner Keuschheit ... ! Angebetete! Du sollst sehen, was ich dir bin! Ja, meine Seele zittert, dir einen unzweideutigen Beweis meiner achtungsvollen Gefühle für dich geben zu können ... Sophie, meine teure Sophie, du bist mein! Welch ein Schatz gehört mir an ... ! Komm in die Arme deines Vaters, meine Tochter, denn Vater werde ich dir sein, bis du meine Frau bist. Habe keine Furcht mehr vor meinen Zärtlichkeiten, die nur noch die eines Vaters sein werden. Oh, Sophie, wie teuer, wie heilig bist du mir ... ! Nein, ich werde dir keine Küsse mehr rauben, nicht einmal mehr deine Hand zu küssen wagen. Deine Mutter hat das Geheimnis entdeckt, alle meine Wünsche zum Schweigen zu bringen und dabei noch meine Liebe zu dir zu vermehren ... Doch wollen wir uns so stellen, mein Engel, als ob wir von ihrer Erlaubnis Gebrauch machen. Mehr will ich dir nicht sagen, um dein Schamgefühl zu schonen ... Es ist das einzige Mittel, unsere Heirat zu beschleunigen. Oh, wäre doch dieser heißersehnte Tag erst gekommen ... !«

»Teurer Freund,« wandte sich nun Sophie an mich, »du weißt nicht, wie sehr du mich durch deinen Vorsatz beglückst! Ich gestehe dir offen, daß Mamas Vorschlag mich erschreckt hat, aber du hast mich wieder beruhigt. Geliebter, strafe dich nicht selber Lügen! Da wir zusammenleben müssen, können wir uns jede Minute sehen, gib mir nun diesen Beweis deiner aufrichtigen Liebe zu mir, indem du nichts unternimmst, was mich in deinen Augen für den ganzen Rest meines Lebens herabwürdigen würde.«

Ich fühlte mich durch diese Worte Sophies außer mir vor Zärtlichkeit und über mich selbst erhaben. In würdevollem Tone und die Augen gen Himmel erhoben, entgegnete ich ihr:

»Ich schwöre Ihnen, Sophie, stets Ihrer Tugend zu achten, heute Ihrer Keuschheit und mein ganzes Leben lang, selbst wenn sie meine Frau sind, Ihrer Schamhaftigkeit. Das schwöre ich Ihnen als Mann, nicht als Geliebter. Ich bin Ihr Gatte und weihe Ihnen die Gelübde eines solchen.«

Die liebliche Sophie ergriff meine Hand und drückte einen Kuß darauf. Ich fühlte, wie sie sie mit ihren Tränen benetzte. Mein Herz zitterte vor Freude.

»Sophie, Sophie!« rief ich aus, »mein Engel! Laß es genug sein, ich bin nicht mehr Herr meiner Rührung.« Und ich brach in Tränen aus, ich wäre sonst erstickt vor innerer Erregung. Welch ein Wonnegefühl!

Sophie entzog sich meinen Armen und suchte ihre Mutter auf, die heimliche Zeugin unseres Zwiegesprächs gewesen war. Ich habe seitdem erfahren, daß sie folgendes zu ihrer Tochter sagte:

»Ich habe alles gehört und gesehen. Beglückwünsche mich, Sophie, denn ich glaube, ich habe dein Glück begründet, beglückwünsche deine glückliche Mutter, mein liebes Kind. Ich gestehe, daß ich auf das gefaßt war, war ich gehört habe, aber meine Freude ist deshalb nicht weniger groß. Du wirst wahrhaft geliebt, und die heftigen Auftritte haben nur dazu beigetragen, eure Seelen noch inniger zu vereinigen. Du wirst ihm stets teuer sein, dafür wage ich zu bürgen, denn ich schließe es aus dem Beweise von Edelmut, den er dir eben erst gegeben hat. Und das war der Zweck meines außergewöhnlichen Schrittes, der sicherlich von niemandem gebilligt werden würde, wenn er bekannt würde, da man nicht weiß, wie ich ihn allmählich vorbereitet und herbeigeführt habe, und daß ich ihn erst getan habe, als ich meines Erfolges sicher war. Man hat Saint-Preux stets etwas verschwiegen, wovon ich durch Madame Saint-Eusébe selbst Kenntnis erhielt, nämlich daß sie fest entschlossen war, niemals zu dulden, was sie selbst fast befohlen hatte. In diesem Falle würde sie aber die Liebenden nach einem wahrscheinlich sehr heftigen Auftritt mit ihr sofort vereinigt haben.

Als ich mich allein sah, sank ich in tiefe Träumerei. Ich brannte darauf, Sophie ganz zu besitzen, sie war mir aber andererseits zu teuer, als daß ich ihr leichtherzig die schönste Blume aus dem Kranze ihrer Schönheit geraubt hätte. Ich bestärkte mich daher in meinem Vorsatz und zügelte meine heftigen Gelüste, die bisweilen so stürmisch wurden, daß ich kaum noch auf die Stimme der Vernunft hörte, und daß die Natur selbst mich anzuflehen schien, mit ihnen gemeinschaftliche Sache zu machen. Aber ich überwand alles, weil ich wahrhaft liebte und hatte die Genugtuung, zu bemerken, daß meine Selbstüberwindung meiner Liebe entsproßte. Wir lebten also weiter in intimstem Verkehr, und ich zeigte mich noch liebevoller gegen Sophie, als vorher, worüber ihre Mutter mir oft ihre innige Freude ausdrückte. Eines Tages sagte sie zu mir:

»Aber das alles ist noch nicht genau das, was ich wünschte. Ich möchte Sie gern in der Meinung sehen, Sie seien durch unlösbare Bande gebunden, während das doch heute nicht der Fall ist, um zu wissen, wie Sie sich damit abfänden, und ob Ihre Haltung dann noch die gleiche bleiben würde.«

»Wie könnte ich das anstellen? Das ist doch unmöglich.«

»Vielleicht. Doch ich brauche diesen Versuch noch, um ganz befriedigt zu sein.«

»Nun, ich bin gern dazu bereit, wenn es mir möglich sein wird, mir selbst so etwas einzureden.«

Es war danach keine Rede mehr von dem Versuch. Aber nach ungefähr einem Monat – es war der zweite nach meiner vollständigen Übersiedelung in die Wohnung der Madame Saint-Eusébe, vorher schlief ich dort nicht – schlug sie mir die Eheschließung vor. Ich ging aufs freudigste darauf ein, mit der Begeisterung eines Liebhabers, der seine Zukünftige anbetet und sicher ist, mit ihr glücklich zu sein, Die Vorbereitungen wurden getroffen. Indessen wünschte Madame Saint-Eusébe weder eine Feierlichkeit noch ein Festmahl, und unsere bevorstehende Vermählung sollte für alle Welt geheim bleiben. Sie wurde endlich am 12. April, einem Montag, um vier Uhr morgens vollzogen. Nur drei Diener, darunter der meinige, wohnten der Zeremonie an, sie hatten aber Befehl, kein Wort davon verlauten zu lassen. Nach Hause zurückgekehrt, sagte ich zu Sophie: »Ich weiß nicht, worauf unsere Mutter hinauswill. Glaubt sie, mich eines Tages glauben machen zu können, daß unsere auf diese Art geschlossene Heirat keine unlösliche sei? Das Aufgebot war erlassen, der Geistliche des Kirchspiels hat uns getraut ... Auf alle Fälle sind wir jetzt vereint, meine göttliche Sophie, und nichts mehr kann uns trennen, nur der Tod.«

Ich machte ohne Skrupel von meinen Gattenrechten Gebrauch, und meine Sophie setzte mir keinen Widerstand mehr entgegen. Ein Glück wie das unsrige hatte es bis dahin vielleicht noch nie in der Welt gegeben. Ich besaß meine Sophie, betete sie an und wurde von ihr vergöttert. Die Vollendung ihrer Reize kam der ihres Charakters gleich. Sie besaß keinen Fehler, den man erst nach der Heirat hätte entdecken können, und ihre göttlichen Eigenschaften waren ihr so natürlich eigen, wie das Atmen. Ich gab mich ebenfalls ganz, wie ich war. Nur hielt ich meine maßlose Zärtlichkeit selbst noch nach der Heirat etwas im Zaum, denn sonst wäre die reizende Sophie aus meinen Armen nicht mehr herausgekommen.

So verlebten wir zwei neue Jahre. Madame Saint-Eusébe schien mir die glücklichste der Mütter zu sein. Sie sagte es uns, und ihr gesundes Aussehen, ihre heitere Stimmung bestätigten ihre Worte. Plötzlich trat eine große Änderung in ihrem Wesen ein, sie wurde traurig, melancholisch, träumerisch. Wir drangen in sie, uns den Grund anzuvertrauen – vergebens. Ihre Traurigkeit beeinflußte auch uns, und obwohl unser Glück stets das gleiche war, schienen wir doch kälter geworden zu sein. Dieser äußerliche Anschein betrog sie. Da wir uns in unseren Zärtlichkeitsbezeugungen besonders in ihrer Gegenwart Zwang auferlegten, so war sie sicher, darin ein Schwinden unserer Liebe sehen zu müssen. In diesem Gedanken wandte sie ihr letztes Mittel an. Eines Tages ließ sie mich zu sich rufen und sagte zu mir:

»Ich muß Ihnen eine sonderbare Mitteilung machen. Ich werde für eine Witwe gehalten, aber ich bin es nicht. Mein Mann, mit dem ich mit Ausnahme des ersten Jahres unserer Ehe sehr unglücklich war, hat mich verlassen und ist nach Indien gegangen. Ich wußte, daß er sich dort als unverheiratet ausgegeben hatte, um eine reiche Erbin heiraten zu können. Ich habe andere Prinzipien, wie andere Frauen. Die Sucht, das Vermögen meiner Tochter zu vermehren, wird mich nicht veranlassen können, meinen Gemahl anzugreifen und unschuldige Kinder zugrunde zu richten, als deren Mörderin ich mich ansehen würde, wenn ich so handelte.

Ich will, daß das Verbrechen meines Mannes, der vielleicht entschuldbar ist, denn auch ich kann Unrecht getan haben, ich will, sage ich, daß seine Aufführung auf ewig geheim bleibt. Versprechen sie mir auf Ehrenwort, darüber zu schweigen?«

»Ich schwöre es Ihnen, liebe Mutter!«

»Das ist noch nicht alles. Interessenrücksichten, vielleicht auch Gewissensbisse lassen ihn wünschen, Sophie reich zu verheiraten. Er hat mir geschrieben. Ich habe geantwortet, sie sei schon verheiratet. Er erwiderte, er werde die Heirat für ungültig erklären lassen, seit der Ankunft meines Briefes habe er erfahren, daß ich die Vermählung habe vollziehen lassen, ohne die Verwandten zu befragen und ohne einen von ihnen als Zeugen hinzuzuziehen. Ich bitte Sie, helfen sie mir, jeden Skandal zu vermeiden und dem Wunsche meines Mannes entgegenzukommen. Ihre Gefühle für Ihre Frau sind bereits erkaltet, also ... ?«

»Und wenn ich dieses ablehne, liebe Mutter, werden sie mich doch gewiß nicht dazu zwingen wollen?«

»Warum sollten sie sich dessen weigern? Sophie hat schon nicht mehr den Reiz der Neuheit für sie ...«

»Oh, Mutter! Wie schlecht lesen sie doch in unseren Herzen, besonders in dem meinigen! Lieber den Tod, als mich von meiner Sophie trennen ... ! Und seien Sie dessen gewiß, daß sie ebenso denkt ... Unsere vermeintliche Erkaltung ist nichts anderes, als Achtung vor Ihrem Kummer. Ich bete Sophie an, wie am ersten Tage, und bin sicher, von ihr zärtlich geliebt zu werden. Ich hänge an ihr und lasse sie keinen Augenblick mehr allein. Man wird sie mir nur zugleich mit meinem Leben nehmen.«

»Lassen sie sich Zeit, einen Entschluß zu fassen. Fragen sie sich, ob Ihnen nicht eine andere besser gefallen würde, Kinder sind noch nicht da, also ...«

»Ich brauche dazu keine Zeit. Ich habe Ihnen gesagt, Mutter, was ich mein ganzes Leben lang denken werde.«

Darauf ließ sie ihre Tochter kommen und hielt ihr dieselbe Ansprache, nur erwähnte sie nichts von der Doppelehe ihres Vaters. Sophie warf sich in meine Arme, und es fehlte nicht viel, so wäre sie in Ohnmacht gefallen. Ihre Mutter, die sie heiß liebte, konnte sie kaum beruhigen. Sie sagte, sie würde in allen Punkten unsere Verteidigung übernehmen, da wir uns liebten, aber unsere Ehe sei ungültig, und wir wären vollkommen freie Herren, uns zu trennen, wenn wir es für angebracht hielten. Sie zeigte uns die Briefe ihres Mannes und die Abschriften ihrer Antworten, kurz, sie gab uns alle möglichen Beweise von dem Dasein und dem Willen des Herrn Saint-Eusébe.

Zehn Jahre lang ließ sie uns in dieser Lage. Jedesmal, wenn wir sie fragten, gab sie uns dieselbe Antwort:

»Ihr seid Herren eurer Entschlüsse und könnt euch trennen, mein Mann hat seine Absicht nicht geändert.«

Die Geburt von vier Kindern, die alle am Leben sind, konnte weder ihre Haltung, noch ihre Sprache ändern.

Im letzten Jahre erhielt sie die Nachricht vom Ableben ihres Mannes. Sie rief uns beide zu sich und sagte:

»Liebe Kinder! Eure Ehe ist endlich unlösbar, und sie ist es in einem Augenblick geworden, wo ich das Glück empfinde, über Ihren Charakter, lieber Schwiegersohn, und über den deinigen, liebe Tochter, vollkommen beruhigt sein zu können. Ich habe nichts im Leben heißer geliebt, als meine Sophie, sie war mein alles, ich hätte ihr alles geopfert, um ihr Glück zu begründen. Meine lieben Kinder, mein Mann ist tot, wir wollen Trauer anlegen, denn er ist der Vater Sophies, übrigens habe ich ihn trotz seinem Unrecht gegen mich nie gehaßt. Wie hätte ich den hassen können, der mich zur Mutter meiner Tochter, meiner Freude, meines Stolzes und meiner Glückseligkeit, gemacht hat? Nie hat eine Mutter eine Tochter gehabt, wie sie, so sanft, so zärtlich, so unterwürfig und so meinem Willen ergeben ...«

»Ach, liebe Mutter«, unterbrach Sophie sie bei diesen Worten, »ich habe kein großes Verdienst dabei, ich wußte ja, daß du nur mein Glück wolltest, und das hast du erreicht, liebe Mutter.«

»Ich sagte Ihnen ja, lieber Schwiegersohn, daß es keine bessere Tochter auf der Welt gibt, als die meine, auch keine treuere Gattin und keine liebevollere Mutter. Können sie mich Lügen strafen, Saint-Preux?«

Ich antwortete ihr, indem ich meine Frau und meine Kinder, die bei uns waren, an mein Herz drückte.

»Diese Antwort genügt mir, sie ist die beste Sprache! Ich muß euch noch sagen, daß Sophiens Vater in diesem Briefe hier seine zweite Frau und seine Kinder dem Wohlwollen seiner ersten Frau, ihrer Tochter und ihres Schwiegersohnes, deren Ehe er anerkennt, empfiehlt. Um uns seinen guten Willen zu bezeigen, hinterläßt er uns eine beträchtliche Summe, 600000 Franken, die Hälfte seines persönlichen, von dem seiner Frau unabhängigen, Vermögens. Ich habe sie in meinem und eurem Namen angenommen. Jetzt, wo er nicht mehr ist, wünschte ich seine Witwe und die armen Kinder doch etwas zu trösten, indem wir einen freundlichen, von uns drei unterzeichneten Brief an sie richten, worin wir sie unseres guten Willens versichern.«

»Von Herzen gern«, erwiderte ich. Sophie war auch einverstanden, und der Brief ging am gleichen Tage ab.

»Nun ist alles gut, liebe Kinder,« fuhr Madame Saint-Eusébe fort. »Wenn ich nicht mehr sein werde, so gedenkt meiner bisweilen und sagt euch: Wir hatten eine Mutter, die nur durch unsere Glückseligkeit glücklich war, die sie durch neue, aber wirksame Mittel begründete ...«

Wir küßten ihr die Hand und zogen uns voller Rührung zurück.

Vor drei Monaten ist sie gestorben, diese gute, ausgezeichnete Frau. In ihren hinterlassenen Papieren fanden wir ein interessantes Schriftstück, worin sie ihre Ideen über die Ehe und den Mann, wie sie ihn für ihre Tochter wünschte, auseinandersetzt.

Folgenden Zusatz hatte sie beigefügt:

»Ich bin glücklich, es ist mir gelungen, ich habe den Mann gefunden, den ich suchte, und ich habe die Mittel angewandt, wie ich sie in obigem Schriftstück geschildert hatte. Alles geht nach Wunsch. Den 18. September 1779.«

Da haben sie, schloß der Erzähler, meine Geschichte, eine wahre Geschichte, denn ich habe sie selbst erlebt. Sie können davon Gebrauch machen unter der Bedingung, daß Sie anstatt der richtigen Namen andere einsetzen. – Die Namen, die er mir angab, sind die, deren ich mich in meiner Erzählung bedient habe.

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