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Nicolas Edmonde Rétif de la Bretonne: Zeitgenössinnen - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorRetif de la Bretonne
titleZeitgenössinnen
subtitleAbenteuer hübscher Frauen
publisherGeorg Müller
volumeBand 1 + 2
yearvor 1916
translatorHeinrich Conrad
correctorhille@abc.de
senderreuters@abc.de
created20060228
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Der Jüngling als Mädchen

In einem ehrsamen Hause in Paris, das nur von ehrenwerten Leuten bewohnt wurde, hauste ein Bruder mit seiner Schwester. Beide hatten angenehme Gesichtszüge und sahen einander so ähnlich, daß man sie nicht voneinander unterscheiden konnte, wenn beide die Kleidung desselben Geschlechts anhatten.

Die Schwester, Aglaé Caile mit Namen, war nur ein Jahr älter, als ihr Bruder. Als sie ihr siebzehntes Lebensjahr vollendete, machte sie die Eroberung eines vornehmen Mannes mit hervorragenden Eigenschaften. Der hohe Herr sah sie mit ihrer Familie auf der Promenade im Bois de Boulogne. Die junge Caile trug eine jener polnischen kurzen Pekeschen von Taubenhalsfarbe, die der Jugend so gut stehen, und deren Eleganz durch einen Besatz von Seidenspitzen mit silbernen Quasten noch erhöht wurde. Sie war so allerliebst in diesem Kostüm, daß sie die allgemeine Bewunderung erregte.

Der oben erwähnte Herr fuhr in seinem Wagen vorüber, als die Eltern Aglaés gerade die Chaussee des Bois de Boulogne überschritten, um auf der Seite des Kolosseums wieder zurückzukehren. Er ließ anhalten, stieg aus, ging mehrmals unauffällig an dem jungen Mädchen vorüber und verließ die Promenade erst, nachdem Aglaé fortgegangen war. Aber am Ausgang der Tuilerien gab er seinem Kutscher Befehl, den vier Personen bis in ihre Wohnung zu folgen. Da diese einen Fiaker genommen hatten, so konnten sie den Wagen, der ihnen folgte, nicht bemerken.

Der junge Caile, der ebenfalls dabei war, hatte soeben die Schule absolviert, er besaß einen durchdringenden Verstand. Als er den Kutscher bezahlte, bemerkte er den Wagen und erkannte in seinem Besitzer an der Livree des Kutschers den Herzog von ***. Es fiel ihm sofort ein, daß dieser wiederholt Aglaé mit den Augen verschlungen hatte, und er vermutete, daß sie in ihm eine sehr begreifliche Leidenschaft wachgerufen habe. Seinen Eltern gegenüber ließ er von seiner Entdeckung nichts verlauten: er liebte seine Schwester zärtlich und wünschte nichts sehnlicher, als daß sie eine Partie machte, die ihres Wertes und ihrer Schönheit würdig wäre.

Als nun die jungen Leutchen am anderen Morgen allein waren, sagte Caile zu seiner Schwester:

»Weißt du auch, daß du gestern eine Eroberung gemacht hast?«

»Wie das, mein Bester?«

»Hast du nicht einen Herrn bemerkt, der aus seinem Wagen ausstieg, als er dich sah?«

»Jawohl. Er hat nach mir geschaut. Aber wenn alle, die mich anschauen, in mich verliebt wären ...«

»Er weiß, wo wir wohnen.«

»Wer hat dir das gesagt?«

»Er ist uns gefolgt. Er lehnte sich halb aus dem Wagen heraus und sah uns eintreten. ... Liebes Schwesterlein, ich würde dir nichts davon gesagt haben, wenn ich nicht einen bestimmten Plan hätte. Und davon möchte ich mit dir sprechen. Du bist jung, hübsch, eines der schönsten Mädchen von Paris. Es ist gut, daß du es einmal bei dieser Gelegenheit erfährst, nicht damit du nun hochmütig wirst, nein, sondern damit du dich in Zukunft dieses Vorzuges bedienst, um eine gute Partie zu machen. Ich wünsche dein Glück mehr, als das meinige. Dieser Herr, ein sehr vornehmer Herr, wird nun wahrscheinlich versuchen, nachdem er gesehen hat, daß unsere gesellschaftliche Stellung der seinigen sehr untergeordnet ist, dich zu verführen, und wird dazu verschiedene Mittel anwenden. Das wird ihm allerdings nicht gelingen, und wenn ich dich nur vor dieser Gefahr bewahren wollte, so würde ich nicht den Mund aufgetan haben. Aber hier handelt es sich um Wichtigeres. Du könntest durch eine Heirat mit ihm dein Glück machen, und das wäre das Ziel meiner Wünsche, denn ich möchte dich gern als Herzogin sehen!«

»Oh! mein lieber Freund, dazu bin ich zu schüchtern. Erwarte darum nicht von mir, daß ich ihm das geringste Entgegenkommen zeige.«

»Darüber würde ich auch nur sehr traurig sein. Nein, ich verlange von dir weiter nichts als daß du mich machen läßt. Du brauchst mir nur bisweilen deine Kleider zu leihen und mich die Anmut und Grazie zu lehren, die dir eigen ist. Das ist alles. Du kannst sicher sein, daß ich dich nicht bloßstellen, sondern im Gegenteil die Ehre meiner Schwester verteidigen werde, wie sie selbst es tun würde.«

»Und was willst du anstellen?«

»Ich weiß es selbst noch nicht. Die Umstände werden das entscheiden. Aber ich rechne auf meine Ähnlichkeit mit dir. Verlaß dich ganz auf meine Vorsicht und Klugheit. Du mußt doch gestehen, daß man mir trotz meiner Jugend keine Dummheiten vorwerfen kann.«

»Hast du mit unseren Eltern darüber gesprochen?«

»Nicht ein Wort. Sie würden sich erschrecken, wozu doch kein Grund vorhanden ist. Sie würden mir vielleicht auch die Hände binden und mir verbieten, in diese Angelegenheit einzugreifen.«

Der junge Caile hatte richtig vermutet. Am nächsten Tage sah er einen Diener ohne Livree vor ihrem Hause herumlungern, der offenbar Aglaé zu sprechen oder ihr einen Brief einzuhändigen versuchen wollte. Er sagte zu seiner Schwester kein Wort davon, da er ihre reine Seele nicht mit den Einzelheiten des Abenteuers beunruhigen wollte. Er empfahl ihr nur dringend, niemandem Gelegenheit zu geben, sich ihr zu nähern. Aglaé war freilich sehr unruhig und wurde noch bestürzter, als ihr Bruder ihre ängstlichen Fragen nur ausweichend beantwortete. Der Diener suchte acht Tage lang vergebens sich ihr zu nähern. Caile wollte erst sehen, ob der Freier sich dadurch entmutigen ließe. Denn dann, das fühlte er, wäre nichts zu erreichen gewesen. Da er aber die hartnäckige Ausdauer des Boten bemerkte, fing er an, auf einen guten Ausgang des Abenteuers zu hoffen.

Am achten Tage sagte er zu seiner Schwester:

»Heute mußt du mich als Mädchen kleiden. Ich will nur versuchen, ob ich imstande sein werde, ein wenig meine Schwester zu spielen.«

Aglaé war dazu mit Vergnügen bereit. Sie ließ sich von ihrer Zofe dabei helfen, die sie halb ins Vertrauen zog, damit sie im Falle einer Indiskretion keinen Schaden anrichten könnte. Caile war reizend als Mädchen und glich seiner Schwester in einem Maße, daß selbst die Eltern getäuscht wurden. Er ging zu ihnen und umarmte sie, ohne in ihnen den kleinsten Zweifel hervorzurufen. Seine Mutter stellte ihm sogar eine intime Frage, die sich auf das Unwohlsein seiner Schwester bezog. Voller Freude ging er wieder zu dieser hinauf und lachte mit ihr herzlich über den unschuldigen Betrug.

Nunmehr seiner Sache sicher, trat er vor das Haustor. Die Gelegenheit war günstig. Der Bote trat sofort an ihn heran, entschuldigte sich tausendmal und übergab ihm mit folgenden Worten einen Brief:

»Mein Fräulein, dieser Bries ist von größter Wichtigkeit. Lesen sie ihn allein, er kommt von einem sehr vornehmen Herrn. Morgen zur selben Stunde werde ich mir Ihre mündliche oder schriftliche Antwort holen. Darauf zog er sich eilends zurück.

Befriedigt von seinem Erfolg, ging Caile auf sein Zimmer, um den Brief zu lesen, den er sich hütete, seiner Schwester zu zeigen. Er lautete:

»Mein Fräulein!

Ich kann Ihnen nur ein Herz anbieten, das mir schon nicht mehr gehört, seit ich Sie gesehen habe, und ein Vermögen, wie Sie es nur immer wünschen können. Setzen sie Ihren Forderungen keine Schranke. Ich werde es mir zur Pflicht machen, sie zu erfüllen, ja Ihren Wünschen zuvorzukommen. Wenn sie der Ansicht sind, daß mein Vorschlag zur Kenntnis Ihrer Eltern gelangen darf, so teilen sie ihnen denselben mit. Ich würde es sogar vorziehen, Sie aus ihren Händen zu empfangen und ihnen für mein Glück verbunden zu sein. Wenn Sie etwa Grund hätten, zu glauben, daß sie sich meinen Absichten, so vorteilhaft diese für sie sind, widersetzen würden, so seien sie versichert, daß ich Sie gegen ihren Zorn zu schützen und Ihnen ihre verlorene Liebe zurückzugewinnen wissen werde, denn sie werden sich meiner Freigebigkeit beugen müssen. Ich bitte Sie um Antwort, die am Tage nach dem Empfang dieses Briefes abgeholt werden wird.

Herzog von ***.«

»P. S. Ihre Schönheit ist eines Thrones würdig. Ich kann Ihnen leider keinen anbieten, aber alles, was mir untertan ist, dazu ich selbst, werden Ihr Reich bilden.«

Obwohl dieser Brief etwas sehr frei gehalten war, gab er Caile doch Anlaß zu den schönsten Hoffnungen und er sah seine Schwester schon eine Heirat eingehen, deren Glanz ihn selber umstrahlen würde. Aber er fühlte, daß es ihm selbst an Erfahrung fehlte, um einen so großen Plan glücklich durchzuführen. Er entschloß sich daher, sich seiner Mutter zu eröffnen und sie seinen Absichten günstig zu stimmen, wobei er sich aber vorsichtshalber von ihr versprechen ließ, dem Vater alles zu verheimlichen, der ein Starrkopf und im Punkte der Tugend sehr empfindlich war. Er suchte sie sofort auf und teilte ihr nach einer kurzen Einleitung seine Absichten mit. Die Mutter hatte Ehrgeiz und betete ihre Kinder geradezu an. Sie umarmte ihren Sohn mit leidenschaftlicher Freude, nannte ihn ihren Trost und ihre Stütze und feierte ihn als den Begründer des Glückes ihrer Tochter. Sie überließ es ihm, die Antwort ganz nach seinem Ermessen einzurichten, und überhaupt so zu handeln, wie er es für gut befände, versprach ihm auch ihre Hilfe, so oft er deren bedürfen sollte. Caile schrieb nun folgende Antwort an den Herzog: »Sie werden meine Überraschung über Ihren Brief begreifen, den ich in meiner Unerfahrenheit annahm, weil ich glaubte, er sei für meine Eltern bestimmt. Nein, ich werde diesen nichts von Ihren Vorschlägen sagen, die ich übrigens kaum verstehe. Mir liegt nichts an einem Vermögen oder einem Thron, aber ich mache Ihnen kein Verbrechen daraus, daß sie mich für liebenswert halten. Das ist immerhin schmeichelhaft für mich, und in diesem Punkte bin ich Ihnen für Ihre Gefühlsäußerung erkenntlich. Sie gehören offenbar zur vornehmen Welt, was mir aber sehr gleichgültig ist. Ich wünschte, Sie ständen weniger hoch, denn nach dem, was ich von Ihnen auf der Promenade gesehen habe, und nach dem Inhalt Ihres Briefes zu urteilen, Scheinen sie mir ein recht liebenswürdiger Herr zu sein.«

»P. S. Schreiben sie mir, bitte, nicht mehr, ich darf anständigerweise Briefe von Ihnen nicht mehr annehmen.«

Diese Antwort war nicht geeignet, einen reichen, mächtigen und verliebten Mann abzuschrecken. Er fuhr fort, den Moment ausspionieren zu lassen, wo man die liebenswürdige Aglaé sprechen konnte, und der junge Caile richtete es so ein, daß es nicht vergebens geschah. Es war Karnevalszeit. Caile bat seine Eltern um Erlaubnis, den Ball im Opernhaus besuchen zu dürfen, und erhielt sie. Natürlich zog er sich dazu ein Ballkostüm seiner Schwester an, seine Mutter begleitete ihn, und ein Verwandter gab ihm den Arm. Aglaé blieb zu Hause, und ihr Bruder traf seine Vorkehrungen, um nötigenfalls feststellen lassen zu können, daß sie das Haus nicht verlassen habe. Er empfahl ihr sogar, ein leichtes Unwohlsein zu heucheln und den Arzt und Chirurgen kommen zu lassen. Diese beiden Idioten ließen sich hinters Licht führen und verordneten Medikamente, die Agile natürlich nicht machen ließ.

Der Liebesbote des Herzogs hatte mit dem Diener der Familie Caile Bekanntschaft gemacht und durch diesen frühzeitig erfahren, daß das junge Mädchen den Ball besuchen würde. Ihre Mutter hatte in seiner Gegenwart laut gesagt, daß sie sie begleiten und ihr Cousin, ein Herr Deslandes, ihr den Arm reichen würde. Auch ihr Maskenkostüm blieb kein Geheimnis, da man den Diener damit beauftragt hatte, die Dominos zu besorgen. Endlich war man noch so vorsichtig gewesen, den Diener glauben zu machen, der junge Herr sei erkrankt.

Gleich beim Betreten des Ballsaales wurde die falsche Aglaé von einer reich kostümierten Maske angesprochen, die sie nicht mehr verließ. Als sich nach mehr als einer Stunde die Gelegenheit bot, sie unter vier Augen zu sprechen, gab er sich ihr zu erkennen.

»Wie? Sie sind es?« rief der junge Caile aus, »nun, ich Schätze Ihre Gefühle für mich, und da die Gelegenheit sich darbietet, haben sie, bitte, die Güte, sich näher zu erklären.«

»Ich bete Sie an, mein liebes Fräulein! Ich bin reich und hoch geboren. Wenn Ihnen das genügt, nur mein Herz anzunehmen, so gehört es Ihnen.«

»Nur Ihr Herz?«

»Ach, warum kann ich nicht hinzufügen, und mich selbst und meinen Rang, dessen sie würdig sind! Aber Sie wissen, daß es unglückliche Sitten und Vorurteile gibt, denen sich zu beugen man gezwungen ist. Aber dagegen biete ich Ihnen ein großes Vermögen an ... sprechen sie! Alles, was sie oder Ihre Eltern verlangen ...«

»Ich habe sehr strenge Eltern. Ihr Vermögen ist nur beschränkt, aber sie denken edel und werden nie in etwas einwilligen, das eines Edelmannes unwürdig ist.«

»Sie sind die Tochter eines Edelmannes?«

»Ja, mein Herr.«

»Dann sind Sie mir desto teurer und achtungsvoller! Aber ich will Ihnen nicht verhehlen, daß trotzdem die Entfernung, die uns trennt, noch zu groß ist, nun ...«

»Ich bin weit davon entfernt, Sie zu einer Ihrer unwürdigen Verbindung drängen zu wollen, aber nun muß ich Sie nach dieser Unterhaltung doch bitten, mir für immer aus dem Wege zu gehen.«

»Sie bringen mich zur Verzweiflung.«

»Ah! Sie werden sich leicht mit Ihrer hohen Stellung zu trösten wissen.«

»Sie verbinden Geist mit Schönheit und schlagen mich desto enger in Ihre Fesseln, wenn sie mir befehlen, auf Sie zu verzichten.«

»Ich will nur noch ein Wort hinzufügen. Von jedem anderen, als von Ihnen, mein Herr, hätte ich eine solche Spende überhaupt nicht geduldet. Aber Ihnen will ich noch einen Brief oder gelegentlich eine Unterhaltung mit mir gestatten. Denn so beleidigend für mich auch die Leidenschaft ist, die ich Ihnen eingeflößt habe, so wäre es doch zu grausam für sie ... auch für mich, ganz mit Ihnen zu brechen, ohne Ihnen Zeit zur Überlegung zu lassen. Wenn aber der Brief oder die Unterhaltung von gleicher Art sein sollten, wie unsere heutige Aussprache, dann wird meine Antwort nur in einem Abschied auf ewig bestehen. Ich glaube, Ihnen eine so schonende Haltung bezeigen zu müssen. Es ist nicht die einer Koketten. Sie sind der Erste, der mir seine Liebe gesteht und der erste Mann, der sich mir genähert hat, ohne daß ich darüber böse bin ... Warum hat das Schicksal Sie so hoch gestellt! ... Doch genug dann!«

»Oh! Schöne Aglaé, Sie bezaubern mich!«

»Wer hat Ihnen meinen Namen genannt?«

»Ich kenne ihn.«

»Nun ich mache Ihnen kein Verbrechen daraus, wenn sie über mich Erkundigungen einziehen und sich für alles interessieren, was mich angeht. Nur um eines bitte ich Sie: begehen sie keine Indiskretionen und ziehen sie nicht die Diener in Ihr Vertrauen. Es ist unfein, seine Leute die Rolle von Spionen spielen zu lassen, und ein Verbrechen, die Diener anderer zu verleiten.«

»Oh! Reizende Aglaé! ... Aber sie selbst haben dann ein großes Verbrechen begangen, denn sie haben von meinen Vertrauten gerade den, der mir am allerliebsten ist, zum Verrat verleitet.«

»Wie? Ich?«

»Ich will Sie nicht lange aus die Folter spannen: der Verführte ist mein Herz, es schlägt nur noch für Sie und empört sich gegen mich ... Werden sie mir die Freude gewähren, sich mir einen Augenblick ohne Maske zu zeigen?«

»Mit Vergnügen werde ich Ihnen alles gewähren, was mit meiner Ehre vereinbar ist.«

Die falsche Aglaé nahm darauf die Maske ab und zeigte dem Herzog ihr reizendes Gesicht. Die Hitze und die Erregung der Unterhaltung hatten ihr Antlitz mit rosiger Glut übergossen. Der Herzog war geblendet. Caile ließ alle diese Reize nur flüchtig bewundern und setzte die Maske wieder auf, während der Verehrer noch ganz in der ersten Bewunderung befangen war. Dieser Anblick gab der Leidenschaft des Herzogs neue Stärke. Er machte die glänzendsten Anerbietungen und ging endlich so weit, der falschen Aglaé die Heirat zu versprechen, falls er von seiner Familie auch nur eine halbe Einwilligung dazu erhielte. Sie schien damit zufrieden zu sein und wurde fast zärtlich zu ihm, ohne aber aus ihrer Zurückhaltung herauszutreten. Aber ihr Auftreten war von einer Ungezwungenheit, wie sie sonst wohl junge Mädchen im Alter Aglaés kaum an den Tag legen. Die Haltung der Schwester würde bei aller Gleichheit ihrer Absichten wohl eine ganz andere, vielleicht wirksamere gewesen sein. Wie dem auch sein mag, so mißfiel diese Ungezwungenheit dem Herzog keineswegs. Er schloß daraus, daß seine Geliebte geistreich sei, und hoffte mit ihr ebensoviele vergnügte und interessante Stunden zu verleben, wie er sich Genuß von ihrer Liebe versprach, wenn er sein Ziel bei ihr erreichte. Er nahm sogar an, daß ihm dies leichter bei einer Aglaé gelingen würde, wie sie sich ihm gezeigt hatte, als bei einem schüchternen, törichten Mädchen, das nicht einen Augenblick sich ihren eignen Eingebungen überlassen würde.

Was ihn in seinen Hoffnungen bestärkte, war die freundliche Art, wie die falsche Aglaé für den Rest des Abends seine zärtliche Sorge um sie entgegennahm. Sie zeigte ihm ein so weiches Entgegenkommen, daß der Herzog es wagte, sie beim Abschied um ein Stelldichein zu bitten. Es wurde verweigert, aber ohne übergroße Empfindlichkeit und ohne ein strenges Verbot, eine so beleidigende Zumutung je wieder zu erneuern.

Gleich am nächsten Morgen schrieb der Herzog an seine vermeintliche Geliebte:

»Mein Fräulein!

Wenn es für mich ein Glück war, Sie gesprochen zu haben, so ist es jetzt eine wahre Qual für mich, Sie nicht mehr zu sehen. Sie beschäftigen alle meine Gedanken, Sie beunruhigen, Sie entzücken mich. Ihr verführerisches Bild nimmt meine Phantasie gefangen. Anbetenswertes Mädchen! Alles, was ich von Ihnen sah und hörte, entflammt und erschreckt, bezaubert und peinigt mich. Ich bete Sie an und dabei fühle ich, daß Sie mich unglücklich machen werden. Ja, ich fühle es. Sie haben mich gestern ganz gefangen genommen, eine Königin würde mich weniger gefesselt haben, als Sie. Soviel Lieblichkeit und soviel Stolz! Soviel Hingabe und soviel Strenge! Sie vereinigen in sich alle Gegensätze, ausgenommen die, die nicht gefallen würden, weil solche Ihnen nicht eigen sind. Sie ermutigen und stoßen ab, sie zwingen einen, Ihren Geist zu lieben und davor zu erschrecken, man muß Ihre Reize lieben und fürchten. Ich überrasche mich bei dem Wunsch, Sie möchten häßlich sein ... Doch nein, und wenn es mir das Leben kosten würde, so würde ich doch nicht dulden, daß ein solches Meisterwerk der Natur, wie Sie, geschädigt würde! Welche verführerische Vollendung! Sie rufen laufend Wünsche wach, wenn man Ihnen aber zu nahe kommt, so stößt man auf so viel Tugend, daß man zu Eis abgekühlt wird. Glück und Liebeswonne scheinen Ihre Lippen zu ihrem Tempel erwählt zu haben, aber man muß Furcht davor haben, sie dort zu genießen: als Venus sie so herrlich schuf, hat sie Ihre Anmut unter den Schutz der Achtung gestellt. Ich begreife mich selbst nicht mehr. Wenn ich bei Ihnen bin, bin ich ein anderer, als ich vorher war. Oh! fürchten sie nichts von mir! Sie können mir vertrauungsvoll das Stelldichein bewilligen, um das ich Sie anflehe! Sie werden keinem verwegenen Liebhaber begegnen, nicht einmal einem verliebten Seladon, nur einem zitternden Sklaven, der seine Hände Ihren Ketten entgegenstrecken wird. Aber allen Ernstes: diese Zusammenkunft ist mir unerläßlich. Ich muß Ihnen tausend Dinge eröffnen, Ihren Rat einholen, Maßregeln ergreifen und Ihnen Vorschläge machen.

Ihr ergebener Herzog ***.«

Darauf erhielt er folgende Antwort:

»Herr Herzog!

Eine Zusammenkunft! Wollen sie mir gefälligst sagen, wie ich Ihnen eine solche bewilligen könnte ? Kann ein Mädchen von meinem Alter und meiner Stellung allein ausgehen? Für was halten sie mich denn eigentlich? Ah! Wollen sie mir, bitte, darüber Ihre tiefsinnigen Gedanken gütigst mitteilen! ... Vielleicht sind Sie ein Zauberer, der mich in einen Vogel verwandeln könnte. Mein Körper bliebe dann in Starre zurück, und ich flöge zu meinem Stelldichein. Ich muß wirklich sagen, die Herren Herzöge machen sich ein Sonderbares Bild von den anderen Sterblichen! Halten Sie uns denn für Wilde, die schamlos Sitte und Moral mit Füßen treten? Dann täuschen sie sich, Herr Herzog. Ein Mädchen aus guter Familie kann Ihnen ein Rendezvous nicht bewilligen. Wenn Ihnen durchaus nach einem solchen gelüstet, dann müssen sie sich schon an die kleinen Nähmädchen wenden, und auch da wird es nicht ohne Schwierigkeiten und einem Haufen von Lügen gehen. Ein jeder, Herr Herzog, achtet nämlich, wes Standes er immer ist, auf seinen Ruf, seine Ehre und sucht seiner Persönlichkeit einen gewissen Wert zu verleihen. Machen sie sich klar, Herr Herzog, daß auch ohne Ordensband, ohne Titel und ohne große Reichtümer das kleinste menschliche Wesen sich ganz natürlich in den Mittelpunkt der Welt stellt und alles übrige, selbst die Herzöge, nur insoweit in Betracht zieht, als es selber damit zu tun hat. Das sollten Sie sich in Zukunft stets vor Augen halten, wenn sie wieder mal an jemanden übertriebene Anforderungen stellen. Doch nun will ich näher auf Ihren Brief eingehen.

Auch ich wünsche, wie Sie, eine Unterhaltung herbei, die mir Klarheit verschaffen soll. Wie ich Ihnen gefallen habe, so sind auch Sie mir nicht gleichgültig geblieben. Ich bin aber nicht närrisch genug, um mich selbst zu peinigen. Sie würden mich glücklich machen, vorausgesetzt, daß ich kein zu großes Opfer zu bringen hätte. Verstehen sie mich? Denn wenn das Opfer mir die übrigen Tage meines Lebens vergiften würde, dann würden sie mich ja nicht glücklich machen, und ich auch Sie nicht, was in meinen Augen sogar noch mehr in Betracht zu ziehen ist, denn wie könnte eine Unglückliche Ihnen das Glück verschaffen? Leben Sie daher wohl, Herr Herzog! Das beste ist, das sicherste für uns beide, wie brechen unsere Beziehungen ab. Ich habe die Schrulle, tugendhaft bleiben zu wollen, Sie besitzen das Vorurteil, keine Mißheirat eingehen zu wollen, denn ich glaube doch nicht, daß bei Ihnen die klare Absicht besteht, mich verführen zu wollen. Sie haben wie ich, etwas unternommen, ohne an die Folgen zu denken, hingerissen von einer Macht, die auch ich fühle. Ihr Irrtum ist Ihnen lieb, wie mir der meinige, und beide haben wir Angst davor, das Ende davon zu sehen. Aber der Zauber muß doch einmal gebrochen werden! ... Ich fange an, traurig zu werden. Wenn ich bei Beginn meines Schreibens in dieser Stimmung gewesen wäre, so würde ich den Brief nicht fortgesetzt haben. Nun haben sie ihn so wie er ist.

Aglaé Caile de Préhi.«

Hierauf erwiderte der Herzog:

»Mein Fräulein!

Sie sind die Gleiche in Ihren Briefen, wie in Ihrer Unterhaltung, stets entzückend. Sie entwickeln einen Geist, der verführt, überredet und mich überzeugt hat, daß Sie mich lieben. Doch ich bestehe auf einer Zusammenkunft. Wollen sie mir sie nicht heute abend in Ihrem Hause, in Gegenwart Ihrer Frau Mutter bewilligen? Ich bin ganz der Ihre,

Herzog von ***«

Die Antwort lautete:

»Wenn etwas, das Ihnen Freude macht, mit meiner Pflicht vereinbar ist, Herr Herzog, so wird mein Herz es Ihnen sofort bewilligen, und ich habe nur einen Kummer: nicht vorher daran gedacht zu haben. Kommen sie, ich werde Sie mit großer Freude empfangen!

Aglaé.«

Der Herzog machte in der Tat am Abend desselben Tages, an dem diese Briefe gewechselt wurden, Besuch bei seiner Geliebten. Caile änderte für diese Gelegenheit seine Angriffsweise. Er empfahl seiner Schwester, eine glänzende Toilette zu machen und setzte der Mutter seine Taktik auseinander. Aglaé selbst sollte mit dem Herzog sprechen, während er in Hör- und Sehweite bleiben würde, damit ihm nichts von dieser Zusammenkunft entginge, und er danach seine Maßregeln treffen könnte. Er traute dem Gedächtnis seiner Schwester zu wenig, und auch seine Mutter konnte etwas zu berichten vergessen. Dieser Plan wurde ausgeführt. Der Herzog kam gegen sechs Uhr. Die außerordentliche Schönheit der wahren Aglaé blendete ihn. Sie hatte übrigens etwas sanfteres in ihrem Wesen, als ihr Bruder: ihr Blick war schüchterner, der Klang ihrer stimme harmonischer. Der bezauberte Herzog schrieb diese kleine Veränderung der Anwesenheit der Mutter zu. Nach der Begrüßung, und nachdem er den Zweck seines Besuches auseinandergesetzt hatte, wandte er sich an Aglaé und sagte:

»Welch ein bestrickendes Wesen sind Sie doch, mein Fräulein! Auch wenn ich Sie nicht mit den Augen des Verliebten ansehe, finde ich Sie immer anbetungswürdiger, besonders in diesem Augenblicke. Es ist mir unmöglich, den Reiz zu schildern, der von Ihnen ausgeht, so etwas kann man nur fühlen.«

»Ah! Wie gut würde ich ihm antworten, wenn ich da wäre!« sagte der junge Caile ganz leise für sich.

Aglaé errötete nur und beobachtete ein bescheidenes Stillschweigen. Der Herzog selbst fand keine Worte mehr, er war ganz Bewunderung, und ganz unter dem Einfluß des wahren Gegenstandes, den er liebte, empfand er mehr Zärtlichkeit für die Geliebte, als Leidenschaft, mehr innige Liebe, als Gelüste, wie solche ihn in Gegenwart der falschen Aglaé erfaßten. Madame Caile brach zuerst das schweigen und fragte den Herzog nach den Tagesneuigkeiten. Er erwiderte kurz darauf und kam dann wieder auf seine Liebesgefühle zurück.

»Jeder gute Bürger interessiert sich für den Erfolg unserer Waffen. Ich wünschte, die Engländer würden gründlich geschlagen, und ich könnte am Tage der Siegesfeier die Hand Fräulein Aglaés erhalten.«

»Meine Tochter und wir alle, Herr Herzog, sind sehr empfänglich für die Ehre, die Sie uns erweisen, aber wie könnten wir darauf rechnen?«

»Meine Bürgen, verehrte Frau, sind diese zwei schönen Augen, dieses bezaubernde Antlitz und die tausend herrlichen Eigenschaften Ihrer Tochter, die ich schon an ihr kenne. Ich will Ihnen nicht verhehlen, daß Schwierigkeiten zu überwinden sind, aber wenn Ihre Tochter mir Ihr Vertrauen schenkt, dann werde ich sie beseitigen. Gestatten sie mir, meine Gnädigste, Ihrer Tochter in Ihrer Gegenwart den Hof zu machen. Sie ist das Liebste, das ich auf Erden habe, und ich habe von ihr, ganz abgesehen von meiner Liebe, die höchste Meinung.«

Frau Caile gewährte den Wunsch des Herzogs, der bis zur Stunde des Abendessens dablieb und das Haus seiner Schönen verliebter und besonders zärtlicher liebend denn je verließ. Er war freudetrunken und schrieb noch am selben Abend, bevor er sich niederlegte, folgendes Briefchen, das er ihr am nächsten Morgen übersandte:

»Mein teures Fräulein!

seit ich Sie sah, haben meine Gefühle für sie sich verändert: nein, bisher liebte ich Sie nicht, ich war kalt, ein Stück Eis im Vergleich mit heute. Erst seit zwei Stunden liebe ich Sie auf eine Weise, die Ihrer würdig ist und ... meiner. Ich bin in einer Trunkenheit, die köstlich ist. In wie ganz anderem Licht sah ich Sie doch heute! Es ist unbegreiflich! Wie ist doch ein junges Mädchen, wie Sie, unter den Augen der Mutter liebenswert, und wie sehr war ich mein eigner Feind, als ich Ihnen ein Stelldichein an anderem Ort vorschlug! Ich bitte um Antwort, obwohl ich Sie heute abend sehen werde: Ihre Zeilen werden mich bis zu diesem glücklichen Augenblick beschäftigen.

Herzog von ***«

Der junge Caile schrieb darauf sofort folgende Antwort:

»Herr Herzog!

Das ist die richtige Art, wie man Liebe erweckt, und ich habe es nicht anders von Ihnen erwartet. Wenn die tugendhafte Haltung eines jungen Mädchens, die dessen schönster Schmuck ist, Ihnen linkisch vorgekommen wäre, so würde ich mit Ihnen gebrochen haben in der Überzeugung, daß ein Mann, den nur unbesonnene und leichtsinnige weibliche Wesen interessieren, keiner ernstlichen Gefühle fähig ist. Aber Ihr Brief, ich will es nicht verhehlen, hat mir große Freude bereitet! Er drückt Empfindungen aus, wie ich Sie in Ihnen zufinden stets wünsche. Meine Gefühle für sie muß ich mit Gewalt zurückhalten, und ich empfinde es bereits, daß in dem Augenblick, wo Sie mein Vertrauen verdienen werden, jeder Schlag meines Herzens nur Ihnen gelten wird.«

Und der Herzog schrieb:

»In zwei Stunden werde ich Sie sehen, mein Fräulein, muß Ihnen indessen noch vorher sagen, daß ich entzückt bin. Sie sind schön wie die Schönste der drei Grazien, und Sie schreiben, wie nur Psyche schreiben würde.

Herzog von ***«

Der Herzog kam zur gleichen Stunde, wie am Tage vorher und wurde wieder von der wahren Aglaé und ihrer Mutter empfangen. Das junge Mädchen war noch liebenswürdiger zum Herzog, wie tags zuvor, denn ihr Bruder hatte ihr dessen Briefe zum Lesen gegeben, und der Herzog fing an, ihr liebenswert zu erscheinen.

Unter solchem Getändel vergingen acht Tage. Der Herzog, immer mehr Feuer und Flamme für Aglaé, dachte ernstlich an eine Heirat und eröffnete sich einem seiner Freunde, der indessen ein bösartiger und verdorbener Mensch war.

»Das wäre eine törichte Verbindung!« meinte er.

»Aber ich liebe das Mädchen.«

»Dann mußt du eben deine Phantasie zu befriedigen suchen! Aber eine Heirat! Das hieße dich entehren, deine Stellung bei Hof untergraben und den Rest deiner Tage vergiften!«

»Ich könnte es niemals über mich gewinnen, sie zu täuschen.«

»Das sollst du auch gar nicht. Tue alles für sie, aber heirate sie nicht. Ich appelliere an deine Vernunft: Kannst du im Angesicht von ganz Frankreich ein Mädchen heiraten, das so tief unter dir steht? Ich bin wirklich erstaunt, daß du nur einen Augenblick daran denken konntest!«

Solche Worte, oft wiederholt, machten endlich Eindruck auf das Gemüt des Herzogs und er beschloß, alles für das Glück Aglaés zu tun, mit Ausnahme aber des einzigen, was ihr Glück ausgemacht hätte. Doch blieb sein Betragen äußerlich unverändert. Nach dem Rat seines hinterlistigen Freundes sollte er Zeit zu gewinnen suchen und erst dann kühner werden, wenn er des Herzens und Vertrauens seiner Geliebten sicher wäre. Der Intrigant sah das junge Mädchen. Es machte auf ihn einen lebhaften Eindruck, und er schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß Aglaé eines Tages ihm zur Beute fallen würde, wenn die Liebe des Herzogs für sie erkaltet wäre.

Sobald nun der Herzog einmal den Verrat beschlossen hatte, zeigte er sich noch liebevoller, als vorher. Weder Aglaé noch ihre Mutter bemerkten eine Änderung in seiner Haltung. Da hatte der junge Caile, der in seiner Männerkleidung den Herzog auf Schritt und Tritt beobachtete, eines Abends das Glück, eine Unterhaltung des Herzogs mit seinem Freunde zu belauschen. Diese fand im Palais Royal statt. Er folgte ihnen unauffällig, und wenn er auch nur Teile ihres Gespräches vernahm, so genügte doch das, was er hörte, um seinen Verdacht wachzurufen, nicht gegen den Herzog, wohl aber gegen dessen Begleiter. Caile teilte seine Befürchtungen der Mutter und Schwester mit, deren Vertrauen zum Herzog bereits so erstarkt war, daß er alle mögliche Mühe hatte, ihnen begreiflich zu machen, daß sie in Zukunft sehr vorsichtig sein müßten. Aglaé war in der Tat schon ernsthaft verliebt in den Herzog, und da ihre ehrgeizigen Bestrebungen mit ihrer Liebe Hand in Hand gingen, so hatte das Gefühl, das der Herzog ihr eingeflößt hatte, doppelte Gewalt.

Eines Tages lud Aglaés Geliebter die Damen ins Theater ein. Man beschäftigte sich zu der Zeit schon mit den Vorbereitungen für die Hochzeit, und der Herzog hatte seiner Zukünftigen bereits die Geschenke übersandt. Frau Caile nahm für sich und ihre Tochter die Einladung an, ohne erst ihren Sohn, der alles mit angehört hatte, um Rat zu fragen. Dieser drang darauf, die Stelle der Schwester einzunehmen. Die Mutter verwarf zuerst seinen Vorschlag, fügte sich aber schließlich seinen dringenden Bitten, während das junge Mädchen sehr traurig darüber war, denn sie hatte sich darauf gefreut, an der Seite ihres Zukünftigen in der Öffentlichkeit zu erscheinen. Doch auch sie fügte sich schließlich, nachdem man übereingekommen war, daß es das letztemal sein sollte. Caile ging also am Arme des Herzogs ins Theater, während die arme Aglaé sich betrübt auf ihr Zimmer zurückzog. Unterwegs teilte der Herzog den Damen mit, daß einer seiner Freunde sie in ihre Loge geleiten würde, da die Klugheit ihm noch verböte, sich mit ihnen zu zeigen. Frau Caile beglückwünschte sich bei dieser Eröffnung, daß sie ihre Tochter zu Hause gelassen habe. Man traf endlich ein, und der Freund des Herzogs reichte den Damen den Arm, um sie in die Loge zu führen, worin er mit ihnen allein blieb.

Nach der Vorstellung nahm der Herzog, der in einer gegenüberliegenden Loge gewesen war, die Damen in seinen Wagen und schlug ihnen zu ihrer Überraschung vor, selbviert in einem Casino, das er im Faubourg Saint-Honore besitze, zu soupieren. Frau Caile schlug die Einladung ab, aber die falsche Aglaé machte ihr begreiflich, daß das nicht angehe. Wie glücklich war sie, daß sie ihre Tochter nicht bei sich hatte!

Ein köstliches Essen war bereit. Die falsche Aglaé wurde mit größter Achtung behandelt. Der Herzog huldigte ihr wie einer Fürstin. Sein Freund schien sie bisweilen etwas mitleidig zu betrachten. Bald machte sich der Einfluß der falschen Aglaé auf die Sinne des Herzogs bemerkbar, obwohl er selbst erstaunt war, wie kühl er blieb. Nach einem kurzen Zwiegespräch mit seinem gefährlichen Freunde beschloß er aber, unentwegt auf sein Ziel loszugehen, ohne auf sein Herz zu hören, das sich sträubte, ihm auf diesem Wege zu folgen.

Das Souper verlief in heiterer Stimmung. Gegen Ende des Mahles wurde Frau Caile von einem Unwohlsein befallen, das sie zwang, sich niederzulegen. Bald war sie eingeschlafen. Man bat ihre vermeintliche Tochter, in ein anderes Zimmer zu gehen. Caile erhob nur zum Schein einigen Widerspruch und gab dann nach. Als der Herzog mit der falschen Aglaé allein war, warf er sich vor ihr auf die Kniee und richtete die zärtlichsten Worte an sie. Allmählich wurde er feuriger und bedeckte die Hände seiner Schönen mit Küssen. Endlich küßte er sie auf den Mund. Caile verteidigte sich nur schwach. Der Herzog fühlte sich zwar nicht von der Zärtlichkeit und den heißen Gelüsten erfaßt, wie sonst immer in Aglaés Gegenwart, aber seine Phantasie erglühte, und die Furcht, seine Kälte vielleicht später bereuen zu müssen, erfüllte ihn mit derselben Kühnheit, wie die Liebesekstase. Er wurde, wie er es verdiente, von der falschen Aglaé zurückgestoßen. Wütend über seine Niederlage, und da er es nun einmal schon an Zartgefühl hatte fehlen lassen, hielt er sich nicht mehr zurück. Er machte erneute Angriffe und erklärte gebieterisch, er würde sich nur mit einem vollständigen Siege begnügen. »Undankbarer!« rief ihm die falsche Aglaé zu, »aber du kannst mir eher das Leben nehmen. Das also ist deine Ehrsamkeit, dein wahres Bild! Aber warte, du Treuloser, eines Tages wirst du deine Verirrung bereuen, und Tränen in Strömen vergießen, weil du ein unschuldiges Mädchen hintergehen wolltest, das dich liebte!«

»Gib dich mir hin und ich heirate dich, aber noch jetzt, sonst glaube ich, daß du nicht mich, sondern nur meinen Rang liebst.«

»Nein, niemals!«

»Ich sehe, daß du mich nie geliebt hast! Warum weiter Rücksicht nehmen? Du bist nur eine Ehrgeizige, die aus Interesse handelt, danach werde ich dich behandeln ... «

»Sie täuschen sich, Herzog. Noch ein Wort, und ich werde Sie erröten machen, Sie beschämen.«

»Halt! Das ist zu viel ...«

Bei diesen Worten öffnete er seinem bösartigen Freunde die Tür. Dieser trat ein und sagte zu Aglaé:

»Sie können Ihrem Schicksal nicht entrinnen, meine Kleine! Geben sie nach. Ich will meinen Freund Ihren Netzen entreißen. Meine Freundschaft für ihn macht mich grausam gegen sie. Er soll seine Laune befriedigen. Alle Wege sind uns recht.«

»Ungeheuer!« schleuderte die falsche Aglaé ihm ins Gesicht, »jetzt sehe ich klar. Das niederträchtige Betragen des Herzogs ist Ihr Werk, sein Herz weiß nichts davon. Herzog, weisen sie diesem Schurken die Tür, Sie hören auf, mir hassenswert zu erscheinen, Sie waren nur schwach, und ich liebe Sie, weil Sie nicht so schlecht sind, wie dieses Ungeheuer. Er soll hinaus, dann werden sie mit mir zufrieden sein,«

Auf die Bitte des Herzogs verließ sein Freund das Zimmer, aber der Herzog war auf seiner Hut.

»Fürchten sie nichts von meiner Verzweiflung,« sagte darauf die falsche Aglaé zu ihm, »ich halte Sie edlerer, wenigstens vernünftigerer Gefühle fähig und bitte Sie, ruhig anzuhören, was ich Ihnen zu sagen habe. Für wen halten sie mich?«

»Für ein liebenswertes, reizendes Geschöpf.«

»Ein Mädchen?«

»Natürlich, ein Mädchen!«

»Aglaé Caile de Préhi?«

»Selbstverständlich, aber was sollen diese Fragen?«

»Ich muß Ihnen sagen, daß ich nicht Aglaé, sondern ... ihr Bruder bin ... Hören sie mich an. Ich werde Ihnen das ganze Abenteuer erklären und Ihnen die nötigen Beweise liefern. Mich haben sie auf dem Opernhausball gesehen. Ich habe Ihre Briefe beantwortet. Ich bin mit meiner Mutter hierher gekommen. Aber in unserem Hause haben sie mit meiner Schwester verkehrt. Das ist ohne Zweifel der Grund für die verschiedenen Gefühle, die Sie empfunden haben. Wenn Aglaé hier gewesen wäre, so würden sie es ihr gegenüber sicherlich nicht an Respekt haben fehlen lassen. Die Liebe, die sie Ihnen eingeflößt hat, ist zu zarter Natur. Ich habe Ähnliches in Ihnen nicht wachrufen können. Ich bin nur ihr schwaches Abbild, und der Einfluß des einen Geschlechts auf das andere fehlt. Ich sehe, daß Sie neugierig sind, die Bewegsgründe meiner Handlungsweise zu kennen. Sehr einfach. Sie müssen wissen, daß ich meiner Schwester sprechend ähnlich sehe, so daß es unmöglich ist, nicht irregeführt zu werden, wenn ich in ihren Kleidern stecke. Ich liebe Aglaé zärtlich. Als ich Ihr Interesse für sie bemerkte, nahm ich mir vor, meine Schwester zu Ihrer Gattin zu machen, ohne daß dabei aber ihr Schamgefühl oder ihre Tugend Gefahr liefe. Ich wollte alle Gefahr auf mich nehmen, während sie rein wie ein neugeborenes Kind bleiben sollte, damit sie, wenn sie sie heirateten, würdig sei, Ihre Frau zu werden, im entgegengesetzten Fall aber kein anderer Gatte ihr eines Tages auch nur den geringsten Vorwurf machen könne. Dabei habe ich Sie aber über die Gefühle meiner Schwester für sie nicht getäuscht: sie liebt Sie, nicht den Herzog in Ihrer Person, sondern den Mann, den liebenswürdigen, zartfühlenden, tugendhaften Menschen. Und ich glaube, Herr Herzog, daß Sie ein solcher sind. Aber da kam Ihr Freund und verspottete Sie wegen Ihrer Absichten, eine Verbindung einzugehen, die Ihrem Range und Vermögen nur Tugend und Schönheit hinzufügen konnte. Ich möchte Sie indessen darauf aufmerksam machen, daß meine Schwester adliger Geburt ist, und daß ihr Blut, wenn wir bis zur Quelle hinaufsteigen, so adlig ist, wie das Ihrige. Und ferner bitte ich Sie, zu bedenken, daß sie bei den Grundsätzen, die meine Eltern ihr eingeimpft haben, und dank den Ratschlägen, die wir ihr erteilen werden, wenn sie Ihre Gattin wird, Sie reicher machen wird, als wenn sie eine große Mitgift bekommen hätte. Sie wird sparen, anstatt zu vergeuden, sie würde ihr ganzes Glück darein setzen, Ihnen zu gefallen, und wenn sie eines Tages ihr gegenüber einige ungerechte Handlungen begehen sollten, so würde sie sich bemühen, einen Schleier darüber zu decken. Nun, Herr Herzog, bitte ich Sie, auf Ihre alten natürlichen Gefühle zurückzukommen. Möge meine Schwester auf ewig in Unkenntnis der häßlichen Szene bleiben, die sich hier abgespielt hat, ebenso wie meine Mutter, die nichts ahnt ...«

Bei den letzten Worten warf der Herzog sich in die Arme des jungen Caile und sagte:

»Du entzückst und erstaunst mich! Du zeigst mir den Grund für die Ungleichheit meiner Gefühle und machst mir endlich klar, daß ich deine Schwester vergöttere. Nein, nein, mein lieber Caile, ihr gegenüber hätte ich mich nicht vergangen, wenn sie statt deiner hierher gekommen wäre. In ihrer Gegenwart bin ich ganz Zärtlichkeit, Achtung, Liebe. Deine letzten Worte beruhigen mich, sie darf nie etwas erfahren, was mich in ihren Augen herabsetzen würde. Du aber bist von nun an mein Bruder, mein Freund, und deine Zukunft wird meine Sorge sein ... Wie sollen wir aber die veränderte Lage dem Marquis*** klar machen, der da drinnen ist?

»Damit werde ich mich befassen. Schicken sie nur zu mir nach Hause und lassen sie meine Kleider holen. Benachrichtigen sie, bitte, meinen Vater und meine Schwester, die in großer Unruhe sein werden.«

»Ich habe es schon getan, werde aber noch einmal hinschicken.«

»Leihen sie mir einen Degen und teilen sie dann dem Marquis mit, daß Sie Ihren Zweck nicht erreicht haben. Er wird mich dann aufsuchen, Sie werden ihm folgen und wir werden uns an seiner Überraschung weiden oder an seiner Beschämung, wenn er eines solchen Gefühls noch fähig ist. Ich werde so gegen ihn vorgehen, daß er sich hüten wird, zu irgend jemand ein Wort von diesem Abenteuer verlauten zu lassen.«

Der Herzog erteilte sofort seine Befehle. Man holte die Kleider des jungen Caile, der sich im Beisein des Herzogs umzog, dem danach kein Zweifel mehr an seinem Geschlecht übrig blieb. Als die falsche Aglaé nun wieder ihre richtige Gestalt angenommen hatte, stürzte der Herzog, die Hand auf die Stirn gelegt, wie wenn er in heller Verzweiflung wäre, hinaus. Sein Freund kam ihm entgegen: »Was geht denn vor? fragte er, »was hast du gemacht? Einen nächtlichen Streich vollführt?«

»Sieh selbst nach, mein lieber Marquis. Welch eine sonderbare Metamorphose! Der Teufel muß seine Hand dabei im Spiel haben, oder meine Schöne ist zum mindesten eine Hexe, eine Medea. Ich bin unterlegen.«

Der Marquis zuckte die Achseln und äußerte:

»Du hast ein schwaches Herz und keinen Kopf!«

Er betrat das Zimmer, worin Aglaé sich befand. Da er nur einen schönen jungen Mann erblickte, sah er sich nach dem Mädchen um. Der junge Caile ging auf ihn los und sagte zu ihm mit stolzer Miene: »Sie sind ein Verbrecher. Ich verlange Rechenschaft von Ihnen, gleich hier im Hause des Herzogs, das mich nicht an meinem Vorhaben hindern soll.«

Der Marquis war überrascht, als er die vermeintliche Aglaé erkannte, glaubte aber, daß die Schöne unterlegen wäre, und daß man nur Scherz mit ihm treibe. Lachend erwiderte er:

»Sie waren vorhin nicht so furchterregend, doch ich bin froh, daß Sie Vernunft angenommen haben.«

»Hier gibt's nichts zu lachen,« donnerte Caile in verstellter Wut, die um so besser gespielt war, als sie beinahe echt war, blicken sie hierher.«

»Der Himmel hat, um deine Niederträchtigkeit zu bestrafen und den Herzog zu verhindern, ein Verbrechen zu begehen, das nicht seiner Seele entstammte, denn sie ist zu edel, ein schwaches, furchtsames Mädchen in einen kräftigen jungen Mann verwandelt: Zittere, Verbrecher! (Bei diesen Worten schüttelte er ihn heftig am Arm.) Nimm dich in acht, daß er dich nicht in irgendein ekelhaftes Getier verwandelt, dessen Natur deine entarteten Neigungen bezeichnet!«

Der Marquis war in ein stumpfes Erstaunen verfallen. Er sah einen Jüngling vor sich, er erkannte Aglaés Züge, aber er wußte nicht, daß diese einen Bruder hatte. Er glaubte weder an Metamorphosen noch an die Strafen des Himmels, aber er sah sich einem unentwirrbaren Chaos gegenüber. Er rief nach dem Herzog und fragte ihn:

»Mein Lieber, hast du vielleicht auch mir etwas in mein Essen oder mein Getränk getan, das mir das Gehirn trübt? Bin ich wach? Träume ich? Eines ist sicher: von dem, was ich erlebe, ist nichts natürlich, auch dein Betragen nicht.«

»Im Gegenteil,« erwiderte der Herzog, »nichts ist natürlicher auf der Welt. Wir glaubten, es mit einem Mädchen zu tun zu haben, und wir hatten es mit einem schönen, jungen Manne zu tun. Was meinst du, wie man uns auslachen wird?«

»Das ist unfaßbar! Ich habe immer geglaubt, daß seitdem Nero den Sporus heiratete, die Männer keine Männer mehr heirateten.«

»Das werde ich auch nicht tun.«

»Aber was für einen Zweck hatte denn die ganze Geschichte?«

»Das ist noch ein Geheimnis, mein lieber Marquis; sobald alles aufgeklärt ist, werde ich es dir mitteilen. Einstweilen ist meine Geliebte mein bester Freund geworden. Ich meine, es wäre am einfachsten, wenn er auch dir verzeihen würde.«

»Ich will mich hängen lassen, wenn ich etwas davon verstehe,« sagte der böse Marquis alle Augenblicke. Und er ging sehr unzufrieden hinaus, da er vom Herzog keine Erklärung erhalten konnte.

»Ich werde Ihm eine solche geben,« meinte der Herzog, »aber erst an meinem Hochzeitstage und, indem ich ihm meine Frau und meinen Schwager vorstelle.«

»Schön! Aber wir dürfen ihn nicht einfach so fortgehen lassen. Erlauben sie mir, ihm ein Wort zu sagen.«

Da der Herzog sicher war, daß er irgendwelche unangenehme Folgen verhindern könnte, gab er seine Zustimmung. Caile stürzte dem Marquis nach, packte ihn am Arm und sagte zu ihm:

»Ich warne Sie davor, ein zweites Mal in Ihre alten Schliche zu verfallen oder von dem, was hier vorgegangen ist, ein Wort verlauten zu lassen. Denn dann haben sie es mit mir zu tun, und ich würde nicht eher ruhen, als bis ich Sie unschädlich gemacht hätte. Ich bin ein nicht zu verachtender Gegner und bereit, an Ihnen meine Geschicklichkeit zu probieren.«

»Ich habe keine Furcht vor Ihnen,« erwiderte der Marquis darauf.

»Ich glaube es, doch muß ich Sie um Ihr Ehrenwort bitten.«

»Was soll ich versprechen?«

»Stillschweigen zu bewahren.«

»Fällt mir nicht ein, ich verspreche nichts.«

»Dann verteidigen sie sich, mein Herr!«

»Ich will mein Leben nicht im Kampfe mit einem Abenteurer aufs Spiel setzen.«

»Dieser Abenteurer wird es Ihnen einfach erbarmungslos nehmen, wenn sie es nicht einsetzen wollen ... .«

Der Marquis sah sich gezwungen, den Degen zu ziehen. Obwohl der Herzog in der Nähe und bereit war, einzugreifen, kam er doch zu spät, denn Caile führte die ersten Stöße mit solcher Kraft, daß er dem Marquis den Arm durchbohrt hatte, bevor er sie trennen konnte. Mit diesem wohlverdienten Lohn ging der Marquis von dannen.

Nach so heftigen Auftritten hatte ein jeder Ruhe nötig. Alle gingen zu Bett, und Caile, der sich nun um sein Schwesterlein nicht mehr sorgen brauchte, genoß eines süßen Schlafes. Der Herzog aber hatte seinen Entschluß gefaßt und fand sich von einer großen Last befreit. Er liebte Aglaé und war glücklich, sich sagen zu können, daß er niemals ein Unrecht gegen sie begangen habe.

Am nächsten Morgen wachten alle ziemlich Spät auf mit Ausnahme von Frau Caile, die sich lange Zeit auf nichts besinnen und nicht begreifen konnte, wo sie sich befand. Endlich läutete sie und sah anstatt ihrer Zofe einen Lakaien des Herzogs eintreten. Noch war ihr alles unklar, bis der Lakai ihr sagte, sie befände sich in der kleinen Villa des Herzogs. Unruhig verlangte sie darauf, ihre Tochter zu sehen. Man sagte ihr, sie pflege im Nebenzimmer der Ruhe. Die Dame beeilte sich, sich anzukleiden und nach ihrer Tochter zu sehen. Der Anblick ihres in tiefem Schlaf daliegenden Sohnes gab ihr die Ruhe zurück. Sie weckte ihn. Aber der junge Caile war selbst seiner Mutter gegenüber verschwiegen und hielt dem Herzog sein Versprechen. Er zog wieder Mädchenkleider an, und als auch der Herzog bereit war, fuhren alle zusammen nach Hause, wo sie Herrn Caile und Aglaé in größter Unruhe antrafen. Der Herzog verglich mit großer Befriedigung die Züge der Geschwister und konstatierte, daß sie sich sprechend ähnelten. Zugleich empfand er Freude darüber, daß beide ihm verschiedene Gefühle einflößten. Er fand sich von so großer Zärtlichkeit gegen Aglaé ergriffen, daß er fest überzeugt war, er würde es ihr gegenüber sicherlich nicht an Respekt haben fehlen fassen, wenn sie in sein Haus gekommen wäre. Auch zweifelte er nicht daran, daß sie ihn glücklich machen würde. Nachdem er ihr eine x-beliebige Erklärung seines sonderbaren Vorgehens gegeben hatte – er war sicher, nicht Lügen gestraft zu werden –, beklagte er sich bei Aglaé in zärtlichen Worten über den Betrug, den man gegen ihn angewendet habe. Sie entschuldigte sich in reizender Verlegenheit, indem sie die Schuld auf ihren Bruder schob. Dann wurde der Tag für die Hochzeitsfeier bestimmt. Die Heirat sollte noch einige Jahre geheim gehalten werden. Es waren aber alle Vorbereitungen getroffen worden, um die Gültigkeit fest zu sichern.

Am Abend dieses schönen Tages ließ der Herzog den Marquis bitten, in seiner Villa vorzusprechen.

Dort sollte er ihn mit seiner jungen Frau und deren Eltern und Bruder antreffen. Letzterer kleidete sich wieder als Mädchen und zwar genau so wie seine Schwester. Als der Marquis erschien, zog Aglaé sich zurück. Der Herzog wandte sich zum Marquis und sagte zu ihm auf Caile deutend:

»Wir sind einig, dieses reizende Mädchen und ich, nimm an unserer Freude teil, lieber Freund.«

Der Marquis machte eine Bewegung des Erstaunens, glaubte alles zu verstehen, als er sah, wie der Herzog die falsche Aglaé vor ihren Eltern liebkoste, und rief aus:

»Hier ist das reinste Zauberland l Das ist doch der junge Mann, den ich schon einmal hier gesehen habe, ich habe ihn gleich wiedererkannt.«

»Du irrst, es ist ein Mädchen,« entgegnete der Herzog. Zugleich erhob er sich und führte den Marquis einige Schritte beiseite. Sobald der Marquis den Rücken gewandt hatte, wurde Caile durch seine Schwester ersetzt, während der Herzog ganz leise zum Marquis sagte:

»Sie hat die Macht, andere Gestalten anzunehmen.«

Ungeduldig dreht der Marquis sich um und erblickt die wahre Aglaé, deren innere Erregung sich durch das Wogen ihres schönen Busens bemerkbar machte, den ein durchsichtiger Gazeschleier kaum verhüllte. Er blieb wie versteinert stehen, denn er glaubte, immer dieselbe Person vor sich zu haben. Darauf suchte man noch einmal seine Aufmerksamkeit abzulenken, was nur mit Mühe gelang, und nun erschien wieder Caile ohne die siegreichen Reize, die Aglaé charakterisierten.

»Ihr seid alle Taschenspieler, sehr geschickte Taschenspieler,« rief der Marquis bei diesem Anblick aus.

»Und du bist ein eigensinniger Starrkopf!«

»Möchtest du, lieber Herzog, mir nicht des Rätsels Lösung geben?«

»Tue deine Augen auf und glaube dem, was du siehst.«

Eine andere Antwort konnte der Marquis nicht erhalten, und man ließ ihn in Qualen der Ungewißheit von dannen ziehen. Er sah wohl, daß man mit ihm spielte, aber er konnte das Wie nicht begreifen, wofern nicht eine ebenso wie alles andere unwahrscheinliche Ähnlichkeit zwischen Bruder und Schwester bestünde. Man klärte ihn nicht auf, da man das Geheimnis wahren wollte. Eines Tages wird er, wird die Öffentlichkeit es erfahren.

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