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Nicolas Edmonde Rétif de la Bretonne: Zeitgenössinnen - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorRetif de la Bretonne
titleZeitgenössinnen
subtitleAbenteuer hübscher Frauen
publisherGeorg Müller
volumeBand 1 + 2
yearvor 1916
translatorHeinrich Conrad
correctorhille@abc.de
senderreuters@abc.de
created20060228
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Liebe heilt!

Die gefühlvolle Seele ist ein köstlicher Schatz für den, der sie sein nennt, und für die Person, die von ihr geliebt wird! Sie ist eine Quelle von Glück, die die Natur uns geschenkt hat, und wenn sie uns bisweilen peinigt, so ist unsere Unklugheit und unsere Übereilung schuld daran.


Ein junger Mann von zweiunddreißig Jahren wurde von dem interessanten Äußeren eines hübschen jungen Mädchens gefesselt, das Viktoria L** hieß. Sie war schön, aber sehr bleich und schien eine schwankende Gesundheit zu besitzen. De Montroyal war ihr darum noch zärtlicher zugetan, aber er war verheiratet. Er begnügte sich daher damit, den Gegenstand seiner Gefühle von fern zu bewundern und sich im Geiste mit ihr zu beschäftigen, ohne bestimmte Absichten zu hegen, selbst nicht einmal den Wunsch, mit ihr zu sprechen. So verging eine Spanne Zeit, während welcher seine Leidenschaft stärker und stärker wurde, aber seinen Prinzipien und seinen Pflichten gegen seine Frau treu, tat er keinen Schritt, um ihr seine Gefühle zu offenbaren. Da starb seine Frau.

In der ersten Zeit seines Wittums war es ihm unmöglich, sich Viktoria L** zu nähern, denn sie ließ sich nicht mehr blicken. Er wurde unruhig und zitterte bei dem Gedanken, sie könnte sich in der Zwischenzeit, während er am Krankenbette seiner Frau beschäftigt war, verheiratet haben. Er stellte Nachforschungen an und erfuhr, daß sie krank sei. Da packte ihn neue Unruhe, die ihn erst verließ, als er sie zum ersten Male wiedersah. Aber wie bleich sah sie aus, wie schwach und elend war sie geworden! Man mußte sie wirklich lieb haben, um sie noch schön zu finden. Und doch hatte sie noch niemals einen so tiefen Eindruck auf de Montroyal gemacht, wie gerade jetzt. Da die Trauerzeit ihrem Ende entgegen ging, beschloß er, bei der Mutter des jungen Mädchens die ersten Schritte zu tun, und beauftragte einen seiner Freunde, der mit dieser, einer Witwe, bekannt war, sie ein wenig auszuforschen. Da sie zwei Töchter hatte, glaubte sie zuerst, es handle sich um die jüngere, Julia, als sie aber endlich begriff, daß von Viktoria die Rede war, legte sie die größte Verwunderung an den Tag: »Das ist ja unmöglich!« meinte sie, »meine Älteste hat einen Krankenwärter nötig, keinen Gatten.«

Als der Freund de Montroyal diese Antwort überbrachte, erwiderte dieser darauf:

»Wenn sie einen Wärter braucht, so werde ich ihr als solcher dienen, und die Pflege, die ich ihr zuteil lassen werde, wird mein ganzes Glück ausmachen. Ich bitte dich, lieber Freund, geh wieder zu Frau L** und versichere ihr, daß ich nur danach trachte, der liebenswürdigen Kranken zu dienen und sie zu lieben.«

Der Freund tat, was ihm geheißen war, und sagte lachend zur Mutter:

»Ihre Tochter ist leidend, gut, das ist ja gerade, was mein Freund de Montroyal wünscht. Er verlangt weiter nichts, als ihr seine Liebe durch die sorgfältigste und treuste Pflege beweisen zu können.«

»Die Krankheit meiner Tochter verbietet ihr, jemals an eine Heirat zu denken.«

»Aber mein Freund will sie durchaus zur Frau nehmen, und Sie bringen ihn durch Ihre Weigerung zur Verzweiflung.«

»Ich brauche Ihnen nur ein Wort zu sagen und Sie werden überzeugt sein, daß ich recht habe«, entgegnete die Mutter und flüsterte ihm den Namen der Krankheit ihrer Tochter ins Ohr, eines schrecklichen, furchtbaren Leidens, dessen Name schon genügt, um einen abzuschrecken.

»Wie können Sie wollen,« fuhr sie dann fort, »daß Viktoria ihren Mann, sich selbst, vielleicht Kinder den Gefahren eines so schauderhaften Übels und seinen Folgen aussetzt? Meiner unglücklichen Tochter bleibt nur Einsamkeit und Zurückgezogenheit als einziges Heil übrig, und danach sehnt sie sich auch selbst. Es hat mich viel Überwindung gekostet, Ihnen dieses mitzuteilen, und ich rechne auf Ihre wie auf Herrn de Montroyals Verschwiegenheit.«

Auf solche Vernunftsgründe war nichts zu erwidern. Der Freund de Montroyals glaubte daher auch, daß dieser sich in sein Schicksal fügen würde, doch sollte er sich getäuscht haben. Gerührt von Mitleid und nur seiner Liebe zu der Angebeteten Gehör schenkend, suchte er Frau** auf, entschlossen, alles daran zu setzen, um sie zu einer anderen Meinung zu bekehren.

»Sie haben mir«, sagte er zu ihr, »Ihr Geheimnis und das Ihrer Tochter anvertraut, ein Geheimnis, das nur ihrem Gatten enthüllt werden durfte. Damit habe ich ein Recht auf sie erworben. Wie, Madame, Ihre Tochter, die mir das Teuerste auf Erden ist, hat in noch höherem Maße, als ich es dachte, einen Gatten nötig, einen Mann, der sie pflegt und sie anbetet, und Sie führen gerade dieses Bedürfnis als Grund Ihrer Weigerung an? Oh! verehrte Frau L**, Sie sind eine gute Mutter, alle Welt preist Sie als eine solche, und an diese appelliere ich, auf die Mutter setze ich alle meine Hoffnung. Wenn sie Sie eines Tages verlieren würde, wen hätte sie dann noch, der sich ihrer annehmen würde? ... Sie sehen meine Tränen, lassen Sie sich erweichen und geben Sie Ihre Einwilligung ... Geben Sie sie mir, so wie sie beschaffen ist, ich will ihr dienen und werde sie vielleicht durch meine innige Liebe und das Glück, das ich ihr bereiten werde, heilen. Was liegt an der Art und Weise, wie man glücklich wird, wenn man nur das Gefühl hat, glücklich zu sein!«

»Aber, mein bester Herr,« unterbrach ihn Frau L**, durch solche Worte gerührt, »glauben Sie denn, daß Sie, wenn ich auch meine Zustimmung geben würde, jemals Viktoria dazu überreden könnten ?«

»Gewähren Sie mir die Freiheit, schon jetzt das mit ihr anzufangen, was ich mir zu tun vorgenommen, sobald sie meine Frau sein wird, und Sie werden sehen, daß ich sie dazu zu bestimmen wissen werde.«

»Nun, ich will Ihr Verlangen erfüllen. Ihre Güte ist so groß, daß Sie mit mir machen können, was Sie wollen ... Doch da kommt mir ein Gedanke ... Wir wollen uns während einiger Tage erst besser kennen lernen, sprechen Sie daher zu Viktoria noch nicht vom Heiraten, Sie könnten sie dadurch nur noch mehr einschüchtern. Machen Sie uns recht häufig freundschaftliche Besuche und verbringen Sie mit ihr so viel Zeit, als möglich. Einem Mann, wie Ihnen, darf ich sie anvertrauen. Wenn Sie dann selbst alles gesehen und durchgemacht haben werden, dann noch auf Ihrem Vorhaben bestehen und endlich auch die Einwilligung meiner Tochter erhalten, werde ich meinerseits keinen Widerstand mehr leisten.«

De Montroyal war damit einverstanden und verkehrte von da ab viel im Hause der Frau L**, die ihn stets auf das herzlichste aufnahm. Er blieb oft sehr lange, speiste mit der Familie, widmete sich aber vorzugsweise Viktoria, die er durch seine Gespräche und durch Lektüre aufzuheitern suchte. Aber er bemerkte dabei oft, daß sie verlegen war und über sein langes Bleiben unruhig wurde. Wenn er dann ging, schien sie zufrieden zu sein. Es wurde ihm nicht schwer, die Ursache zu ahnen. Er besprach sich mit Frau L**, und sie kamen dahin überein, daß die Mutter ihrer Tochter gestehen sollte, sie habe de Montroyal von ihrem Zustande in Kenntnis gesetzt, und seine Absicht sei nun, ihr durch Zerstreuung einige Erleichterung zu verschaffen; sie sollte sich daher vor ihm keinen Zwang antun, sondern im Gegenteil darüber froh sein, ihn, wenn sie ihre Anfälle bekäme, um sich zu wissen, kurz, sie sollte ihn als ihren besten Freund betrachten, der sein Glück darin finden würde, ihren Zustand gebessert zu sehen.

Viktoria war unangenehm berührt davon, daß man einem Fremden so vertrauliche Mitteilungen gemacht hatte, und vergoß bittere Tränen darüber. Ihre Mutter suchte sie zu trösten, aber Viktoria erwiderte:

»Gerade dieser hätte es nicht wissen sollen, er am allerwenigsten. Warum hast du es ihm mitgeteilt?«

»Weil er dich liebt, teures Kind, und ich ihm schließlich doch den Grund sagen mußte, warum ich beständig seine Anträge ablehnte. Er liebt dich innig und trachtet nur danach, dich so, wie du beschaffen bist, zur Frau zu haben, er würde sein ganzes Glück darin finden, dich zu pflegen und dir Erleichterung zu verschaffen. Schon seit sechs Jahren hegt er die innigsten Gefühle für dich, Gefühle, die er sein ganzes Leben lang bewahren wird.«

»Es ist wirklich traurig,« erwiderte Viktoria schwer aufseufzend, »daß dieser Ehrenmann es so unglücklich trifft.«

»So denkt aber nicht er, liebes Kind!«

»Ja, mein Gott, liebe Mutter, würdest du mir denn raten, ihm die Last meiner Person, in einem Zustande wie der, worin ich mich befinde, aufzuladen?«

»Gewiß, wenn es sein Glück ausmacht, dich so zu haben, wie du bist! Stelle ihn solange, wie du willst, auf die Probe, liebes Kind, und entschließe dich erst, wenn du vollkommen über alles beruhigt bist.«

Viktoria willigte ein, den Versuch zu wagen, und empfing de Montroyal am selben Tage viel herzlicher, als sie es jemals vorher getan hatte. Stundenlang plauderten sie miteinander, und der Freier legte so viel Wärme in seine Reden, daß Viktoria davon innerlich tief bewegt wurde. Aber die Erregung löste einen Anfall aus. Montroyal rief niemand herbei, er stand ihr allein bei. Wie schön war das junge Mädchen noch selbst in diesem traurigen Zustande! »Meine Liebe wird sie heilen!« dachte der Freier bei sich, »mein Herz sagt es mir!« Als Viktoria wieder bei Bewußtsein war, sah sie ihn vor ihr kniend und eine ihrer Hände mit Tränen und Küssen bedeckend und hörte ihn sagen:

»Das war fast nichts. Wenn meine Liebe für Sie Ihr Arzt wäre, würden Sie bald von Ihrer Krankheit geheilt sein!«

»Ach! Herr de Montroyal,« seufzte die Kranke, »ich bin ganz verlegen! ...«

»Warum, Angebetete? Weil Sie unter Schwächen der menschlichen Natur zu leiden haben ? Darum sind Sie mir desto teurer! ... Ich habe bei Ihrer Mutter um Ihre Hand angehalten, ja, das habe ich getan. Denn ich bin Ihnen so innig zugetan, daß ich keinem anderen die Pflege überlassen möchte, die Ihr Zustand erheischt. Bewilligen Sie dieses Glück dem liebevollsten der Männer und beruhigen Sie mein Gemüt, das von Besorgnis verzehrt wird. Bei mir werden diese schrecklichen Anfälle, die mich zittern machen, allmählich ausbleiben, dafür bürge ich Ihnen. Oh! wenn Sie meine Gefühle für Sie kennen würden! Meine Liebe ist weniger eine Leidenschaft, als ein reines Gefühl des Herzens ...«

»Sie würden mich überzeugen, wenn das überhaupt möglich wäre,« unterbrach ihn Viktoria, »aber an eins denken Sie dabei nicht, daß man nämlich beim Heiraten nicht nur an sich selber denken darf!«

»Darin haben Sie wohl recht, liebes Fräulein, aber seien Sie dessen gewiß, daß Sie mich glücklich machen werden, und daß die Heirat und meine treue Pflege in Ihnen eine glückliche Umwälzung bewirken werden. Sich mit irgendeinem anderen, als mir, zu verbinden, davon würde ich Ihnen entschieden abraten, aber mich kenne ich und weiß auch, was Liebe vermag ... Schöne Viktoria, flüchten Sie in die Arme eines erprobten Freundes, eines Mannes, der Sie wie ein Vater liebt. Ich werde keine Ruhe mehr haben, bevor Sie nicht bei mir unter meiner ständigen Hut sind. Meine Stellung und meine Geschäfte lassen mir alle Zeit, Sie zu behüten; ich werde alle Ihre traurigen Gedanken verscheuchen, und nie werden Sie unter der Einsamkeit zu leiden haben, die Ihnen so schädlich ist. Sprechen Sie, teure Viktoria.«

»Nun wohl ... aber bewilligen Sie mir noch einige Zeit!«

»Aber nur kurze! Denn bedenken Sie, daß die Frist, die Sie zur Überlegung verlangen, für mich eine wahre Strafe ist. Denn wer steht mir dafür ein, daß Sie inzwischen nicht vernachlässigt werden? Daß nicht ein unglücklicher Zufall Ihren Zustand verschlimmert? Wüßten Sie nur, wie ich gelitten habe, wenn ich bemerkte, wie Sie mehr und mehr unruhig wurden und mein Fortgehen zu wünschen schienen! Und was ich dann litt, wenn ich Sie verlassen hatte! Edelmütig, wie Sie sind, teure Viktoria, würden Sie Mitleid mit mir gehabt haben!«

»Ihre Worte sind sehr verführerisch!«

»Oh! Geben Sie mir Hoffnung! Wie entscheiden Sie sich?«

»Ich will es Ihnen sagen, in ... acht Tagen.«

»Ich muß mich also fügen, aber unter der Bedingung, daß ich diese Tage bei Ihnen verbringe.«

»Diese Bedingung ist keine schwere.«

Freudig erregt küßte Montroyal ihr die Hand und machte dann ihrer Mutter Mitteilung von den Fortschritten, die er bei Viktoria erzielt hatte. Die gute Frau war ganz auf seiner Seite, denn er hatte ihre Achtung gewonnen. Sie bat ihn, noch zu bleiben und ging dann zu ihrer Tochter, um von ihr selbst ihre Absichten zu erfahren. Nachdem beide eine Zeitlang unter vier Augen gesprochen hatten, riefen sie Montroyal zu sich, und Frau L** sagte zu ihm:

»Überlegen Sie sich noch einmal gut, was Sie tun wollen, Herr de Montroyal. Was meine Tochter zurückhält, ist nur Ihr eignes Interesse, denn betreffs ihrer Gefühle für Sie hat sie mir soeben eingestanden, daß sie wünschte, eine glänzende Gesundheit zu besitzen, um Ihnen ein Ihrer weniger unwürdiges Geschenk anbieten zu können.«

»So soll sie sie mir dadurch beweisen, daß sie sich sogleich entschließt, meine Hand anzunehmen. Sprechen Sie, teures Fräulein, wollen Sie mich zum Manne? Wollen Sie mein Glück begründen?«

»Ja, ich wünsche Ihr Glück, aber werde ich Ihr Glück sein?«

»Ich schwöre es Ihnen, daß ich durch Sie glücklich werde, machen Sie sich darüber keine trüben Gedanken!«

»Ich tue es, obwohl ich dagegen ankämpfe.«

»Wollen Sie mir nicht diesen Beweis Ihrer Achtung geben?«

»Liebe Mama! so muß ich also nachgeben?«

»Ja, mein Kind. Er ist der edelste der Männer, und daß ich dich ihm gebe, ist der höchste Beweis meines Vertrauens zu ihm.«

So waren denn alle Schwierigkeiten beseitigt, und acht Tage später fand die Hochzeit im Hause statt. Der Pfarrer hatte sich dazu bereit erklärt aus Furcht, die Braut könnte in der Kirche von einem Anfalle ergriffen werden.

Nach der Feier führte Montroyal seine junge Gattin in sein Haus, wo sie einen köstlichen Tag verlebten. In den Armen ihres Mannes schien Viktoria neues Leben zu überkommen. »Bleibe an meiner Brust, teures Weib,« flüsterte er ihr zu, »unter den Fittichen Amors hat das Übel keine Macht über dich. Der kleine Gott wird es in die Flucht schlagen und an seine Stelle die Freude setzen.« Viktoria lächelte: es war seit langer Zeit zum ersten Male, daß ein Lächeln ihre Züge verklärte, auf denen sonst nur der Ausdruck des Leidens zu finden war.

Kein Anfall störte den ersten Tag und die darauffolgende Nacht, die noch glücklicher verlief. Heiterkeit hielt die Kranke umfangen, und schon glaubte sie geheilt zu sein. Aber sie sollte am nächsten Tage schmerzlich enttäuscht werden. Sie erlitt eine furchtbare Krise, einen Anfall, der schlimmer war als alle vorhergegangenen, und sie in tiefe Melancholie tauchte. Nur die zarte Sorge ihres Gatten war imstande, die verhängnisvollen Folgen des Anfalls allmählich wieder zum Schwinden zu bringen. Je mehr sie litt, desto mehr hatte sie seine Hilfe nötig, und desto freundlicher war er zu ihr. Er duldete keine andere Unterstützung, er allein pflegte sie. Unter dieser unvergleichlichen Behandlung ihres Mannes litt Frau de Montroyal fast kaum noch unter den kleinen, fast täglichen Äußerungen ihres Übels und lief wenigstens keine Gefahr mehr.

Das Hauptgewicht legte ihr Mann auf Zerstreuungen und Ablenkungen jeglicher Art: Lektüre, Spiele, Promenaden und Konversation. Zu Hause lag sie in seinen Armen und las in seinen Blicken, daß er vollkommen glücklich war, und, da auch sie ihn seit ihrer Hochzeit unsagbar liebte, so fühlte sie sich von gleichem Glück durchdrungen. Aber welche unerträglichen Martern würde sie ohne die Liebe gelitten haben! ...

Wenn Montroyal ihr vorlas, hielt er eine ihrer Hände an sein Herz gepreßt. Kam er an besonders interessante Stellen zärtlichen Inhalts, so drückte er diese Hand, die so zum Organ einer stummen Unterhaltung für sie wurde. Viktoria liebte es bald leidenschaftlich, ihren Mann vorlesen zu hören, und wenn sie nicht gefürchtet hätte, ihn zu ermüden, würde sie dieses Vergnügen allen anderen vorgezogen haben.

Ihre Gespräche drehten sich um Liebe oder Philosophie. De Montroyal wollte seine Frau dadurch über sie selbst erheben und ihr ihre abergläubischen Befürchtungen nehmen. Dann wieder suchte er durch Gespräche über die Wunder der Natur ihr Interesse und ihre Bewunderung dafür zu erregen, wobei er aber sorgfältig vermied, irgend etwas zu schildern, was in ihr Grausen, Abscheu oder andere schmerzliche Gefühle hätte erregen können. Ins Theater führte er sie nur, wenn keine Dramen oder Trauerspiele aufgeführt wurden. Diese sind gute Kost für starke Geister, aber Gift für einen krankhaften, schwachen Organismus, der mehr bei Bagatellen, bei denen man nicht zu denken braucht, seine Rechnung finden wird.

Einfache Kartenspiele, Domino und Billard spielte er ferner mit ihr. Dabei ließ er sie meistens gewinnen, ohne sie aber merken zu lassen, daß er und nicht der Zufall es so wollte. Frau de Montroyal war bei allen diesen Vergnügungen reizend und gab sich ihnen bald ganz hin, um ihrem Manne Freude zu machen.

Bald fingen bei dieser Lebensweise die Krisen an seltener und seltener zu werden. Die Tage flossen in stillem Glück dahin und die Nächte der Patientin wurden ihr nicht mehr durch Schlaflosigkeit zur Folter. Ihr gefälliger Gatte unterhielt sie, bis sie einschlief, und störte sie niemals im Schlaf. Freude und Zufriedenheit sind die besten Ärzte!

Die Spaziergänge paßte er dem jeweiligen Zustande der Patientin an, aber sie fanden täglich statt, Selbst bei schlechtem Wetter, nur waren sie dann kürzer. Denn Montroyal wollte nicht, daß sie einen ganzen Tag im Zimmer hockte und sich ihren Gedanken hingäbe. An schönen Tagen ging's über Land. Sie suchten die lachendsten Gegenden auf, die ein wenig abgelegen waren, und dann ließ er sie nach Herzenslust tanzen, springen, laufen und lachen. Wenn sie müde war, ließen sie sich auf einer Wiese nieder und plauderten. Sie hängte sich dann auch wohl an seinen Arm und blickte stillschweigend und feuchten Auges zu ihm auf in stiller Hingabe und Bewunderung für den besten aller Männer. Auch er hütete sich in solchen Augenblicken, das köstliche Stillschweigen zu brechen und drückte ihr nur von Zeit zu Zeit die Hand. Eine Promenade, die nur kurz, aber an schönen Wintertagen sehr geeignet war, schien besonders wie geschaffen dazu, zarte Empfindungen wachzurufen: die des Königlichen Gartens. Dort hatte Montroyal oft von seiner Liebe geträumt zur Zeit, als er noch nicht hoffen konnte, jemals Viktorias Mann zu werden. Nun gefiel er sich darin, ihr alle Orte zu zeigen, wo er am lebhaftesten ihrer gedacht hatte, und ihr alles auszudrücken, was er damals empfunden hatte. Viktoria hörte ihm gerührt zu und küßte ihn, wenn sie sich allein wußten. Pathetisch rief er dann wohl aus:

»Ah! Wer hätte mir einst voraussagen können, daß ich noch solches Glück genießen, daß ich dieses Mädchen besitzen würde, das ich so glühend liebte! Und daß ich einst von ihr wieder geliebt werden und mit ihr zusammen Hand in Hand diese Stätten meiner Erinnerung wiedersehen würde!«

»Wie empfindsam du bist!« erwiderte sie ihm dann, »bei deiner Art, die Dinge zu betrachten, mußt du ja dein Glück doppelt fühlen.«

»Unser Glück, teures Weib, ist stets so, wie wir wollen, daß es sei. Es muß nach dem Werte gemessen werden, den wir ihm beilegen, und das meinige ist bezaubernd! ... So lange und heiß habe ich dich begehrt! Begehrt, dein Freund, dein Verwandter, dein Gatte, dein Beschützer, dein Vater zu sein, dich als meine Göttin zu betrachten, und nun habe ich das alles! ... Und wie heiß, teure Freundin, habe ich stets gewünscht, dein Glück zu begründen, denn deine Glückseligkeit macht wieder mein ganzes Glück aus!«

»Du hast dir eine zu hohe Idee von mir gemacht.«

»Das habe ich. Ich habe dich stets für einen Engel gehalten.«

»Das ist weniger mein Verdienst, als ein Ausfluß deiner Phantasie!«

»Beides, denn dein Verdienst hat meine Phantasie in Glut erhalten.«

»Und wie kam es, daß du dir so hohe Ideen von mir machen konntest?«

»Es wäre schwer, dir das begreiflich zu machen, teures Weib. Wenn ich dich erblickte, zitterte ich unwillkürlich und dachte, da kommt meine göttliche, meine himmlische Viktoria! Ich verschlang dich mit meinen Blicken und hielt dich für die einzige Frau, die zu mir passen könnte. Wenn du wüßtest, wie tief unter dir stehend mir alle anderen Frauen erscheinen! ... Mein Gefühl für dich ist unaussprechlich: wenn man mir auf der einen Seite eine schöne Prinzessin, mit allen herrlichen Eigenschaften begabt, vorgeschlagen hätte, und auf der anderen dich, des göttlichen Lichtes der Vernunft beraubt, in der traurigen, beklagenswerten Lage der Unseligen, deren Geist gestört ist, so würde ich dich gewählt haben, um dir zu dienen und dir wenigstens körperliches Wohlergehen zu verschaffen; ich würde mein Leben damit verbracht haben, darauf zu warten, bis dir ein Augenblick der Vernunft wiedergekommen wäre, und wenn du mich dann erkannt hättest und dir meiner Pflege bewußt geworden wärest, nur einen Tag, eine Stunde lang, dann wäre ich glücklich gewesen!«

»Mein lieber Mann, wo findet man ein zweites Beispiel von solcher Liebe?«

»Da, wo man eine zweite Frau, wie dich, findet!«

»Ah! Mein ganzes Verdienst ist mein Herz, das nur du in Wallung bringst! ... Das also heißt, jemanden um seiner selbst willen lieben, und eine so reine, unselbstsüchtige Liebe flöße ich ein! Wie glücklich bin ich! ...«

»Ich tue nichts anderes, als daß ich dir wiedervergelte, was du mir gibst.«

»Oh! nun habe ich keine Furcht mehr vor den Angriffen eines grausamen Übels, deine Liebe hat mich dagegen gefeit und es besiegt. Du bist für mich ein Retter, bist mein Heiland!«

»Gütiger Gott im Himmel! Gib, daß sie wahr gesprochen habe! Gib, daß es mir vergönnt sein möge, sie ihrer Mutter zu zeigen und ihr zu sagen: Da ist unser beider Tochter, du hast ihr das Leben geschenkt, ich habe ihr die Gesundheit wiedergegeben, unsere Rechte sind gleich, aber ich werde mich der meinigen nur bedienen, um sie noch mehr zu lieben!«

In einiger Zeit erhielt Viktoria die schönste, gesundeste Gesichtsfarbe und nach einem weiteren Monat erschien ihre Gesundheit vollkommen wiederhergestellt. Nun führte Montroyal sie in Gesellschaften, wo er sie zu seiner Befriedigung durch Geist und Anmut glänzen sah. Eines Tages machte sie die Bekanntschaft einer jungen Dame, die ihr ausnehmend gefiel, und der ihre Art auch zu gefallen schien. Sie wurden Freundinnen. Montroyal, der seine Frau nicht den Zufälligkeiten neuer Bekanntschaften aussetzen wollte, erkundigte sich nach Frau du Souhaît und erfuhr über sie so viel Gutes, daß er die Freundschaft der beiden begünstigte und sogar seinerseits Anschluß an den Mann der jungen Frau suchte. Die beiden Paare waren wie für einander geschaffen. Auch Frau du Souhaît empfand für ihren Mann eine unsagbare Liebe und war ihm zugetan, wie Viktoria dem ihrigen. Sie zeigte es sogar mehr als diese, denn sie hatte einen offeneren, fröhlicheren Charakter als Frau de Montroyal.

»Sie sind überrascht,« sagte sie eines Tages zu Viktoria, »daß ich meinen Mann so rasend liebe?«

»Keineswegs! ich versichere Ihnen, ich fühle ja das gleiche für meinen Mann.«

»Ah! ich verdanke ihm alles ... Stellen Sie sich vor, er hat mich geheiratet, obwohl ich blind war, hoffnungslos blind! Ich muß Ihnen die Geschichte nach Tisch erzählen.«

»Sie glauben nicht, wie mich das interessiert,« erwiderte Viktoria, »meine Mutter und Schwester essen mit uns und ich möchte gern, daß sie es auch hörten. Danach werde auch ich Ihnen eine vertrauliche Mitteilung machen, meine Mutter weiß noch nichts davon, und Sie werden Zeugin ihrer Freude sein können.»

»Gott, wie liebe ich Sie, teure Freundin! so viele andere Frauen lachen mich aus wegen meiner Gefühle für meinen Mann.«

Nach dem Essen wünschten die Damen allein zu sein.

»Ich entbinde dich heute von deinem Pflegedienst«, sagte Viktoria scherzend zu ihrem Manne, »aber du bist darum nicht zu beklagen, denn Herr du Souhaît ist bei dir. Wir haben miteinander zu plaudern, und wollen nicht gestört werden.«

»Kommen Sie, Herr du Souhaît,« sagte darauf ihr Mann lachend zu diesem, »man wirft uns hinaus. Aber ich bringe dir ein großes Opfer, liebe Frau, doch selbst das gereicht mir noch zur Freude.«

Als die Herren allein waren, fragte de Montroyal seinen Freund du Souhaît:

»Haben Sie eine Ahnung, wovon unsere Frauen Sprechen wollen?«

»Durchaus nicht.«

»Ich vermute es. Ich glaube von uns. Sind Sie neugierig?«

»Ja, sehr neugierig, wieder etwas zu erfahren, was mich in der hohen Meinung, die ich von meiner Frau habe, noch mehr befestigen kann.«

»Dann werden wir einen Spaß haben. Ich habe in Anbetracht der schwankenden Gesundheit meiner Frau einige Hörlöcher in meinem Arbeitszimmer anbringen lassen. Dort können wir alles mit anhören, ohne gesehen zu werden. Kommen Sie mit.«

Sie stellten sich an den geeigneten Stellen auf und konnten bald der Unterhaltung der Damen folgen.

»Liebe Mama,« hörten sie Viktoria sagen, »Frau du Souhaît möchte etwas sehr Interessantes erzählen, und ich habe gewünscht, daß du dabei wärest. Es handelt sich um ihren Mann, der sie als Blinde geheiratet hat.«

»Als Blinde?«

»Ja, Mama, hoffnungslos erblindet! Erzählen Sie uns das, liebe Freundin, ich brenne darauf, Sie zu hören!«

»Ich bin«, hub Frau du Souhaît an, »die richtige Kusine meines Mannes. Wir liebten uns seit unserer Kindheit. Als er fünfzehn und ich elf Jahre alt war, mußten wir uns trennen. Er trat ins Kolleg ein, machte dann seine Studien und kehrte erst in seinem zwanzigsten Jahre ins elterliche Haus zurück. Ich hatte mein fünfzehntes vollendet. Man wollte sehen, ob unsere Gefühle füreinander immer noch beständen. Man teilte mir daher die Ankunft meines Vetters nicht mit, und ihn hatte man glauben gemacht, ich wäre im Kloster. Ich muß hier einfügen, daß ich eine Waise war, die Tochter des Bruders meines Onkels und der Schwester meiner Tante, die beiden Brüder hatten zwei Schwestern geheiratet. Mein Vater hatte auf seinem Totenbette noch den Wunsch ausgesprochen, mein Vetter möchte mich heiraten, und mein Onkel und meine Tante hingen ebenfalls an diesem Projekt. Mein Kusin traf also ein, und ich sah ihn erst bei Tisch, als die Kerzen brannten. Wir erkannten uns sofort gegenseitig. Er kam auf mich zu und küßte mich herzlich. Ich erwiderte ihm in gleicher Weise und unsere Eltern hatten die Freude, zu sehen, daß ihre Absichten leicht ausführbar waren. Mein Vetter blieb sechs Monate bei uns, den ganzen Winter über, und während dieser Zeit verwandelte sich unsere kindliche Zuneigung zueinander in wahre Liebe, so daß wir schworen, nur noch füreinander leben zu wollen und uns um niemand sonst zu kümmern. So floh ich in den Gesellschaften alle Männer, duldete die Annäherung keines einzigen und langweilte mich bei ihren Reden. Mein Vetter tat desgleichen, sprach nur mit Männern oder älteren Damen und bezeigte den jungen Mädchen nur kalte Höflichkeit. So gewöhnten wir uns daran, uns für zwei Wesen auf der Welt anzusehen, die der liebe Gott eigens füreinander geschaffen hatte.

»Nach Ablauf der sechs Monate ging mein Vetter mit meinem Oheim auf Reisen. Sie wurden von einem Gelehrten begleitet. Sie besuchten Italien, die Schweiz, Deutschland, sogar Ungarn. Dann gingen sie nach Holland, durchquerten die Niederlande und schifften sich nach England ein. Diese Reise dauerte zwei Jahre, und während dieser Zeit schrieben wir uns monatlich einmal einen Brief. Mein Vetter schilderte mir alles, was er sah, und ließ mich ihn so auf seiner Reise begleiten. Ich meinerseits schrieb ihm über alles, was zu Hause vorging, was ich tat und erlebte, und machte mir zur Vorschrift, ihm dabei niemals etwas zu verschweigen.

»Endlich kehrten die drei Reisenden wieder heim. Der Tag ihrer Ankunft war ein Fest für alle. Ich war damals neunzehn und mein Vetter vierundzwanzig Jahre alt geworden. Man sprach von unserer Heirat. Meine Tante hielt feierlichst um meine Hand für ihren Sohn an und fragte mich, ob dieser der Mann sei, den mein Herz erwählt habe. Statt jeder Antwort warf ich mich in ihre Arme und reichte ihrem Sohne, der vor mir kniete, die Hand. Nun gings an die Vorbereitungen zur Hochzeit. Währenddessen fühlte ich mich plötzlich leidend. Ich wurde nervös und spürte eine Schwere im ganzen Körper, am nächsten Tage brach ein heftiges Fieber aus. Der Arzt diagnostizierte die Pocken. Man pflegte mich mit einer Hingabe ohnegleichen, und mein Vetter wich nicht aus meinem Zimmer. Die Krankheit brachte mich an den Rand des Grabes. Endlich war jede Gefahr vorbei, aber da bemerkte man, daß ich das Augenlicht verloren hatte. Am vierzigsten Tage war es mir möglich, die Augenlider wieder zu öffnen und zu schließen, aber sehen konnte ich nichts, ich war vollständig erblindet. Mein Vetter ging von nun an nicht mehr von meiner Seite. Er führte mich überall hin, sobald ich wieder imstande war, auszugehen, und pflegte mich mit einer Gefälligkeit und Freudigkeit, die ich ihm nie vergessen werde. Unsere Eltern sprachen nicht mehr von der Heirat, aber er selbst drang darauf.

»Bedenke, daß sie blind ist!« hielt man ihm entgegen.

»Ein Grund mehr, daß ich sie heirate, denn welcher andere als ich, würde ihr die nötige Pflege angedeihen lassen?«

»Lieber Sohn, überlege dir alles erst noch einmal, und macht euch nicht gegenseitig unglücklich. Eine Ehe dauert das ganze Leben hindurch.«

»Ein weiterer Grund, sie zu heiraten, denn, solange ich lebe, werde ich ihr Führer und Stütze sein.«

So antwortete er stets, nichts konnte ihm eine andere Meinung beibringen.

»Da er fest blieb, gaben die Eltern endlich nach, und in einer Art und Weise, die ihn hoch befriedigen mußte. Sie sagten ihm, daß er ihren heißesten Wunsch erfüllte, wenn er mich, die Tochter ihrer heißgeliebten Geschwister, heiraten würde, und daß sie seinen Edelmut, seine Gutherzigkeit und seine treue Hingabe an mich nur freudig begrüßen könnten. Sie umarmten ihn unter Freudentränen und segneten ihn tausendmal. Man teilte mir dann mit, daß die Heirat bald stattfinden werde, da sich meine Heilung so lange hinziehe, und ich willigte mit Freuden ein. Ich hatte ja keine Ahnung von der Größe des Opfers, das mir mein Bräutigam zu bringen bereit war, denn man hatte mir die Schwere meiner Augenkrankheit verheimlicht, und ich war sicher davon überzeugt, bald wieder sehen zu können. Bisweilen schien es mir sogar, als ob ich plötzlich etwas sähe, doch sprach ich nicht darüber, um nicht zu früh vielleicht falsche Hoffnungen wachzurufen.

Die Hochzeit fand statt. Während der Feier sah ich meinen Gemahl plötzlich einige Sekunden lang, aber Freudentränen verdunkelten sogleich wieder den Schimmer, den ich genossen hatte. In welcher Weise nun mein Mann während meiner Blindheit um mich besorgt war, das, meine Damen, kann ich Ihnen nicht schildern. Er ließ mich keinen Schritt allein machen und zitterte für mich in seiner treuen Hingabe. Wenn er ausgehen mußte, so gab er seine Befehle, die er mehrmals wiederholte und ging nur wider Willen fort so vergingen sechs Monate, die ich in dieser qualvollen Pein verleben mußte. Eines Tages, als mein Onkel und meine Tante von meinen Eltern erzählten, von ihrer Ehe und wie sie sich so zärtlich geliebt hätten, und von ihrem Tode, der sie in so tiefe Trauer versetzt habe, fühlte ich mich von unendlicher Rührung ergriffen und dankbareren Herzens denn je schloß ich meinen Mann in die Arme, ihn tausendmal küssend. Reichliche Tränen strömten aus meinen Augen, und plötzlich fühlte ich einen ziemlich heftigen Schmerz unter den geschlossenen Lidern. Ich öffnete sie und – sah, sah meinen Mann vor mir kniend, seine Augen auf die meinigen gerichtet, sah meine Tante, ein Bild ihrer Schwester in der Hand haltend, und meinen Onkel, seine Blicke zum Himmel emporhebend, als ob er für mich betete! Ich lächelte meinem Mann zu.

»Sie lächelt mir zu, als ob sie mich sähe!«, bemerkte er erstaunt.

»Ja, Teuerster, ich sehe, der Schleier ist soeben vor meinen Augen verschwunden.«

»Sie sieht!« schrie er da mit einem Freudenausbruch, den ich unmöglich beschreiben kann, nahm mich dann in seine Arme und trug mich zu seiner Mutter.

»Du siehst uns, liebe, liebe Tochter! Oh! großer Gott, welch ein Glück!« sagte meine Tante und bedeckte mich mit Liebkosungen. Selbst mein Onkel, ein kalter, ernster Mann, stürzte auf die Knie, wie sein Sohn, und stammelte: »Oh! Sieh mich an, teure Helene, sieh deinen Oheim, deinen zweiten Vater an, der so lange deine Blicke entbehrt hat! Teures Mädchen, das alles in sich vereint, was ich Liebes auf der Welt hatte, du meine Schwiegertochter, meine Tochter, die Hoffnung meiner Zukunft! Sieh mich an, teure Helene!« Und Tränen überströmten sein gutes, ehrwürdiges Gesicht, während er so zu mir sprach. Mein Mann war verstummt vor freudigem Erstaunen.

»Und nun urteilen Sie selber, meine Damen, was dieser Mann für mich sein muß, und ob ich unrecht habe, in ihm mehr einen Gott, als einen Menschen zu sehen! Nun kennen Sie meine Geschichte, die weniger interessant ist durch die Tatsachen, als durch die darin vorkommenden Gefühlsäußerungen.«

Die Damen dankten Frau du Souhaît, und Viktoria sagte, nun wolle sie ihrerseits erzählen, wie ihr Mann gegen sie gehandelt habe. »Ich hoffe,« meinte sie, «wenn Sie mich gehört haben, werden Sie meinen Mann des Ihrigen würdig finden. Ich möchte beinahe sagen, Herr de Montroyal war noch edelmütiger, da er nicht die gleichen Motive hatte wie Herr du Souhaît, und da meine Krankheit ungleich schrecklicher war als die Ihrige.«

»Sprechen Sie,« erwiderte Frau du Souhaît, »ich muß Sie erst hören, um Ihnen verzeihen zu können, was Sie eben gesagt haben.«

»Gern ... Aber erst, liebe Mama, muß ich dir etwas Beglückendes mitteilen: meine Krankheit ist geheilt, Amor war mein Arzt, und mein Mann hat das Wunder zustande gebracht, seit sechs langen Monaten habe ich keinen Rückfall mehr gehabt und fühle mich gesund und munter. Ich habe euch vorher nichts davon sagen wollen, ehe ich meiner Heilung noch nicht sicher war.«

Nachdem Viktoria Glückwünsche ihrer Mutter und Liebkosungen ihrer jüngeren Schwester entgegengenommen hatte, erzählte sie, wie alles gekommen war, wie ihr Mann sich gegen sie benommen und welche Eindrücke sie dabei empfangen hatte.

»Das erstemal,« sagte sie, »als ich Herrn de Montroyal sah, durchzuckte mich ein gewisses freudiges Gefühl, während mir vorher Besuche stets unangenehm waren und ich mich am wohlsten allein oder in Gesellschaft von Mutter und Schwester befand. Dieses neue Gefühl einem Manne gegenüber überraschte mich selber. Dann aber kam mir die Angst, er könnte etwas von meiner Krankheit merken, trotz seiner interessanten Unterhaltung wurde ich nervös und war erst wieder froh, als er fortging. Als ich erfuhr, daß er von allem unterrichtet sei und mich trotzdem zur Frau wolle, weigerte ich mich in einer Anwandlung von Edelmut, ihm anzugehören. Als er aber dabei beharrte, dachte ich zwar an mein eignes Glück, noch mehr aber empfand ich den heißen Wunsch, ihn glücklich zu machen. Das Gefühl aber, das mich ganz gefangen nahm, war unsagbare Dankbarkeit, die mich trieb, mich in seine Arme zu werfen und ihm mein trauriges Geschick anzuvertrauen. Ich habe niemals Ursache gehabt, mich darüber zu beklagen, – im Gegenteil, ich habe den edelsten, den zartfühlendsten aller Männer lieben gelernt, der mich mit hingebender Sorge gepflegt hat und selbst jeden Schatten von Unruhe und Erregung von mir fernzuhalten wußte. Er hat alle Mühseligkeiten des Lebens auf sich genommen und mir nur die Freuden überlassen, und meine größte Freude ist das Bewußtsein, daß ich alles seiner Liebe zu mir verdanke. Der köstliche Friede, den er mir bescherte, und die innere Befriedigung, die mich beherrschte und die durch nichts gestört wurde, haben mein Blut gereinigt und allmählich die Anfälle zum Schwinden gebracht. Als er mir endlich bei einem Spaziergang im Park des Palais Royal sein ganzes Innere klar vor Augen führte, da haben Bewunderung und Dankbarkeit für einen solchen Mann mich so durchdrungen, daß ich mir von diesem Augenblick an wie neu gekräftigt vorkam. Jedenfalls habe ich von da ab keinen Anfall mehr gehabt. Ist dieser Mann, liebe Freundin, des Ihrigen würdig?«

»Aber woran litten Sie denn eigentlich?«

»Ich habe es vergessen, Mama wird Ihnen den Namen der Krankheit auf dieses Papier schreiben ... »Großer Gott! Was lese ich? ... Teure Freundin, was für einen Mann besitzen Sie! ... Und er war es, er allein, der Sie durch seine treue Pflege geheilt hat! ... Mein Mann wird ihn in den Himmel heben und nicht eifersüchtig sein, wenn auch ich ihn von ganzem Herzen liebe!«

Damit endigten die vertraulichen Mitteilungen der jungen Frauen, und im gleichen Augenblick erschienen ihre Männer, die alles mit angehört hatten, um sich ihnen zu Füßen zu werfen: de Montroyal vor Frau du Souhaît und Herr du Souhaît vor Frau de Montroyal.

»Ihr reizenden Frauen,« rief letzterer, »ihr verdientet tausendmal mehr, als wir für euch getan haben. Seid Freundinnen und schließet unsere Bande enger, auch wir wollen Brüder sein. Und wenn wir eines Tages Kinder haben sollten, dann möge uns der Himmel das Glück schenken, sie in Liebe miteinander vereinigt zu sehen, wie uns in diesem feierlichen Augenblick die Freundschaft vereint!«

Ihr Wunsch nach Kindern sollte bald in Erfüllung gehen. Frau de Montroyal bemerkte zuerst, daß sie sich in anderen Umständen befand. Wie verdoppelte da der Gatte seine Sorgfalt um sie, und wie glücklich war Viktoria, – so glücklich, daß sie darüber die Unpäßlichkeiten ihres Zustandes fast nicht bemerkte. Viktoria genas eines Sohnes. Die Schmerzen der Entbindung hatten wieder einige leichtere Äußerungen ihres alten Übels hervorgerufen, und sie brauchte ziemlich lange, um sich wieder zu erholen, aber welche Krankheit hätte auf die Dauer der zarten Pflege ihres Mannes widerstehen können? Er wurde darin durch Frau du Souhaît unterstützt, die alle ihre freien Augenblicke bei ihr verbrachte und stets mit ihr von ihrem Lieblingsthema sprach: von ihrem Manne. Viktoria erholte sich endlich wieder vollständig und konnte sich nun ihrem Kinde widmen. In dieser köstlichen Beschäftigung stärkte ihre Gesundheit sich immer mehr.

Einige Jahre später konnte sie der Frau du Souhaît die gleichen Liebesdienste erweisen, nachdem diese einem Mädchen das Leben geschenkt hatte. Beide Kinder wurden von den Eltern füreinander bestimmt. Die kleine Helene ist heute fünf Jahre alt, sie ist reizend. Man hat sie geimpft, und es steht zu hoffen, daß sie von dem Übel verschont bleiben wird, das ihre Mutter beinahe des Augenlichtes beraubt hätte.

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