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Nicolas Edmonde Rétif de la Bretonne: Zeitgenössinnen - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorRetif de la Bretonne
titleZeitgenössinnen
subtitleAbenteuer hübscher Frauen
publisherGeorg Müller
volumeBand 1 + 2
yearvor 1916
translatorHeinrich Conrad
correctorhille@abc.de
senderreuters@abc.de
created20060228
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Liebe und Ehre.

In der Nähe des Quai Pelletier in Paris wohnte ein sehr liebenswürdiges junges Mädchen mit Namen Zemire H. Ich weiß nicht, ob Zemire ihr richtiger Name war, oder ob ihre Eltern es für gut befunden hatten, sie so umzutaufen, weil sie ihre Tochter für zu gut hielten, um mit einem gewöhnlichen Kalendernamen gerufen zu werden. Das ist auch schließlich ziemlich gleichgültig, und ich würde nicht ein Wort darüber gesagt haben, wenn ich nicht guten Grund hätte, zu glauben, daß Fräulein Zemire früher Javote hieß.

Zemire hatte eine vorzügliche Erziehung genossen. Ihre Eltern waren Emporkömmlinge, aber reich, und sie war die einzige Tochter. Wäre sie häßlich gewesen, so hätte ihr Vater vielleicht daran denken können, sie einem seiner Neffen in der Provinz zur Frau zu geben, einem sehr schönen Burschen, da aber Fräulein H. mit ihrem Reichtum noch Schönheit verband, boten sich ihr seit ihrem vierzehnten Jahre so viele ausgezeichnete Partien dar, daß sie nur zu wählen brauchte. Die Wahl ihrer Eltern fiel auf einen jungen Grafen. Eine Verbindung mit ihm erschien ihnen geeignet, ihnen selber eine gewisse Stellung in der Welt zu verleihen und ihren Reichtum zu adeln. Nachdem Herr H. und seine Frau, eine gute, ehrliche Haut, sich über diese Wahl einig waren, ließen sie ihren Neffen zu sich kommen, um ihn unter dem Schutz ihres zukünftigen Schwiegersohnes in die Welt einzuführen. Der junge Philipp H. hatte kaum die Luft der Hauptstadt geatmet, als er sich ganz herrlich herausmachte. Seine Kusine Zemire war nicht die letzte, die das bemerkte. Auch Frau H. liebte ihn sehr und bedauerte, als sie ihn so stattlich sah, daß ihr Mann so ehrgeizige Absichten hatte. Sie hätte Zemire gern ihrem Neffen gegeben, doch sagte sie nichts, denn sie hatte zu viel Ehrfurcht vor der höheren Intelligenz ihres Mannes, an die sie glaubte.

Philipp aber konnte Fräulein H. nicht sehen, ohne ein zärtlicheres und stärkeres Gefühl für sie zu empfinden, als nur verwandtschaftliche Zuneigung. Dieses Gefühl machte ihn seiner Kusine gegenüber galant, aufmerksam und gefällig; er wollte liebenswürdig erscheinen, er wollte gefallen, und er gefiel. Übrigens muß man gestehen, daß es schwer gewesen wäre, Zemirens Reizen zu widerstehen. Sie war eine jener Braunen, deren Üppigkeit und zarte Hautfarbe zu den Sinnen sprechen. Sie hatte schöne, schwarze Augen, Augenbrauen, deren Ebenholzfarbe noch die Weiße ihrer Haut hervorheben ließ, ein ovales, rosig strahlendes Gesicht, dessen zarter Glanz erfreute und zugleich eine empfindsame Seele verriet. Hände und Büste entsprachen ihrer Gattung von Schönheit, feingeformte Waden und ein zierliches kleines Füßchen, kleiner, als ihr ziemlich hoher Wuchs es erwarten ließ, vervollständigten das Bild. Das dürfte wohl genügen, um heftige Leidenschaften wachzurufen, besonders wenn noch jener ausgesuchte Geschmack in der Kleidung dazu kommt, der die hübsche Pariserin vor allen Frauen des Weltalls auszeichnet. Zu alledem trat noch etwas hinzu, um Philipp ganz zu unterjochen ... die Liebe, die seine Base für ihn empfand.

Der für Zemire bestimmte Graf war einer von jenen Phlegmatikern, in die sich im Frühling das Eis des Winters geflüchtet zu haben scheint, einer der Männer, die nichts erregt, die sich nur mit kleinlichen Dingen beschäftigen, die jeden Schritt, jedes Wort abmessen, und für die der geringste Fehler gegen die lächerlichste Etikette ein Verbrechen ist. Solche Leute gefallen niemandem, nicht einmal den Zieraffen, die ihnen ähneln, am wenigsten aber konnte der Graf Zemiren gefallen, die ihren Vetter liebte, seitdem sie ihn kennen gelernt hatte und von ihm vergöttert wurde.

Bald waren die beiden Verliebten im Einverständnis. Zuerst liebte Philipp seine Base nur schüchtern. Er kannte die Absichten seines Onkels und glaubte, daß Zemire sie teilte. Philipp war ebenso bescheiden, wie der Graf selbstüberhebend war. Sobald aber so bescheidene Menschen einmal merken, daß sie gefallen, dann entbrennen sie heißer als andere, wahrscheinlich aus Dankbarkeit. Als Philipp sah, daß seine Base Anteil an ihm nahm, da suchte er sich ihr bei jeder Gelegenheit – und deren gab es tausende – zu nähern, und wich ihr schließlich überhaupt nicht mehr von der Seite. Zemirens Mutter begünstigte die zärtliche Vertraulichkeit der jungen Leutchen, sie wußte, daß sie sich auf den guten Charakter der beiden verlassen konnte.

Nachdem die beiden Liebenden, ohne je ein Wort darüber gesprochen zu haben, zum Einverständnis gelangt waren, taten sie endlich auch den letzten Schritt, um sich über ihre gegenseitigen Gefühle aufzuklären. An einem schönen Sommerabendwaren sie beide allein auf dem Balkon und lehnten sich über das Geländer. Ihre Arme berührten sich, sie unterhielten sich in jener zärtlich freundlichen Weise, wie sie unter Freunden üblich ist, und wie Liebende sie als das höchste Glück ansehen, ohne desselben für gewöhnlich teilhaftig zu werden. Dieses köstliche Beisammensein machte auf Zemire offenbar tiefen Eindruck. Wahrscheinlich dachte sie an den Grafen, denn eine dicke Träne rollte aus ihrem schönen Auge.

»Du weinst, liebe Zemire?«

»Nein, die Träne kam so von selbst.«

»Ah! desto besser! Denn wenn du wirkliche Leiden empfändest, dann würde ich sie ebenso schmerzlich fühlen wie du.«

»Ach, mein lieber Philipp, ich leide in der Tat. Dieser Graf macht mich untröstlich.«

»Und ich erst!«

»Du leidest auch? ... Doch nein, du bist glücklich, du hast keinen Kummer.«

»Doch, doch, liebe Kusine, großen Kummer!«

»Und welcher Art denn?«

»Von der Art ... (leise flüsternd) von derselben Art wie du.«

»Wie, ich? Hast du auch einen Vater, der dich zwingen will, einen Vater wie ich, und den ich doch liebe und nicht betrüben möchte? Denn die Mutter ...«

»Ach Zemire! der Zwang, den man gegen dich ausübt, ist noch grausamer fühlbar für mich, als für dich selbst.«

»Du sprichst im Ernst?«

»Im vollen Ernst!«

»Aber wie soll ich das verstehen?«

»Ich habe nicht den Mut, zu sprechen.«

»Oh! sprich, lieber Philipp, sage es mir.«

»Ich fürchte, dich zu kränken.«

»Mich zu kränken? Nichts, was von dir kommt, kann mich beleidigen, meine ich.«

»Willst du mir versprechen, über meine Worte nicht böse zu werden und in Zukunft mit mir so zu verkehren wie vorher?«

»Mein Gott ja, ich verspreche es dir. Du siehst, ich lasse mich nicht erst lange bitten, denn ich denke wirklich so.«

»Ich wage ... dich zu lieben!«

»Sehr schmeichelhaft für mich, Vetter, und das ist dein großes Geheimnis?«

»Es ist heraus! Und du hast nichts gehört!«

Nach einigem Stillschweigen flüsterte sie ihm zu:

»Ich habe es doch gehört, lieber Philipp. Sieh mich an, bin ich böse darüber?«

»Oh, Zemire!«

»Bist du nun glücklich?«

»Ja, ja, ja! Von dir, Zemire, geliebt zu sein! Ach! ... kann es ein größeres Glück geben?«

»Du glaubst also, daß ich dich liebe?«

»O Gott! ich bin zu kühn ...«

»Nun, lieber Freund, du hast dich nicht getäuscht. Du bist mir teuer als Verwandter, aber du wärst mir sonst noch teurer, wenn ich nicht fürchtete, meinen Vater zu betrüben, denn meine Mutter, das habe ich dir schon angedeutet, würde dich um deiner selbst willen lieben!«

Während sie so sprach, hatte Philipp seiner Base Hand ergriffen, hatte sie langsam in eine Fensternische gezogen, war ihr zu Füßen gefallen und bedeckte ihre Hand mit Küssen. In dieser Stellung überraschte Herr H. Sie. Die beiden Liebenden rührten sich nicht. Der Vater war wutentbrannt. Vergebens suchte er nach Worten, endlich aber platzte das Gewitter doch los, und die stärksten Ausdrücke kamen schneidend aus dem Munde des zornigen Vaters, der sich von seiner Tochter und seinem Neffen beschimpft glaubte. Der Ausbruch aus dem Krater des Vulkans endete mit dem strengsten Verbot für Zemire, jemals wieder mit Philipp allein zu sein, den Herr H. gern für den Alleinschuldigen ansehen wollte. Zugleich befahl er seiner Tochter, sich darauf vorzubereiten, die Gattin des Grafen zu werden.

Herr H. sagte niemals ein Wort zu viel: Philipp wurde in einen Teil des Hauses verbannt, wo eine Zusammenkunft mit seiner Base ausgeschlossen war, er aß nicht mehr an des Onkels Tisch, und jeder vertraute Verkehr zwischen ihnen hörte auf. Zu dieser harten Behandlung kam noch die Aussicht auf weitere grausamere Prüfungen: gänzliche Ausstoßung aus dem Hause und die Vermählung der Geliebten mit dem Grafen.

»Gut, gut!« sagte Amor zu sich, als er über das Haus flog, »dieser beiden Herzen bin ich sicher, da können meine Pfeile im Köcher bleiben, und der Zwang wird schon das übrige tun!«

In der Tat, getrennt von Philipp, fing Zemire, die ihm schon vorher zärtlich zugetan war, jetzt an, ihn rasend zu lieben, und Philipp, der sie vorher, wo er sie jeden Augenblick sah, still verehrte, war jetzt, da er sie nicht mehr sah, trunken vor Liebe. Tausend unheimliche Pläne gingen ihm durch den Kopf: das Haus anzuzünden, seinen Onkel zu ruinieren, um dann die arme Zemire heiraten zu können. Das war noch nicht der verrückteste und schlimmste, aber er führte keinen von allen diesen Plänen aus, denn für ihn arbeiteten Amor und der Zwang.

Die verzweifelte Zemire empfing den Grafen bei seinem ersten Besuch im Hause in einer Weise, daß ihm alle Lust verging, sie zur Frau zu nehmen. Ihre Mutter machte ihr zwar Vorwürfe darüber, aber Zemire setzte sich mit der nachsichtigen Frau ohne Umschweife auseinander und klagte unter heißen Tränen so schmerzlich, daß die gute Mutter sie schließlich zu trösten und zu beruhigen versuchte. Liebe macht die naivste Schöne schlau und listig: durch die Versicherungen ihrer Mutter beruhigt, tat Zemire, als ob sie zufrieden sei. Aber alle Tage stellte sie neue Forderungen, die sie durch ihre Tränen stets durchsetzte. Philipp hatte ihr geschrieben, also mußte die Mutter ihr erlauben, ihm zu antworten. Dann äußerten die Liebenden den Wunsch, sich zu sehen, dies zu erreichen, war schon schwerer, aber schließlich ließ die Mama sich doch erweichen. Dann kam man so weit, sich zu sprechen, immer allerdings im Beisein der Frau H. Endlich kam man ohne Zeugen zusammen, und Mama machte beide Augen zu.

Solches geschah, während inzwischen Herr H. gegen seine Tochter donnerte, weil sie den Grafen so schlecht behandelt hätte, der infolgedessen bestimmt aber höflich jeden weiteren Besuch ablehnte. Die Verfolgungen des Vaters und die Begünstigungen der Mutter führten eines Tages folgende Unterhaltung zwischen den Liebenden herbei:

»Wie unglücklich bin ich doch, lieber Vetter!«

»Aber er liebt dich doch, und du bist seine einzige Tochter.«

»Nun und?«

»Wenn du einwilligtest ... Was ich sagen will, ist vielleicht von einem Liebenden nicht sehr zartfühlend, aber schließlich, wenn alle Stricke reißen und unser Lebensglück davon abhängt? ...«

»Aber sag' doch endlich, was du meinst!«

»Wenn du wolltest ... würden wir gewiß vereint werden!«

»Oh! Sprich, Vetter!«

»Es gibt nur ein Mittel, den Onkel zu bestimmen.«

»Und welches?«

»Ich wage nicht, es zu nennen.«

»Ist es denn eine schlechte Handlung?«

»In gewissem Sinne nicht.«

»Nun, welches also?«

»Das werde ich niemals herausbringen können.«

»Ach, laß es mich doch wissen, damit ich wenigstens beurteilen kann, ob es anwendbar ist«, drang Zemire mit sanfter Gewalt in ihren Vetter.

»Dann befiehl mir's, sonst kann ich es nicht sagen.«

»Du läßt dich wirklich lange bitten.«

Er wirft sich ihr zu Füßen und stammelt:

»Wir müssen einem dritten Wesen die Verteidigung unserer Interessen anvertrauen, Innigstgeliebte!«

»Was? du läßt dich so lange bitten, mir zu sagen, was zu tun ich vor Lust brenne! Ja, mein Freund, wenden wir uns an Mama, sie wird sich durch unsere zärtliche Liebe und unsere Tränen rühren lassen, ich bin sicher, wir werden ihren Widerstand besiegen!«

»Nein, Zemire, sie würde sich scheuen, deinem Vater entgegenzutreten.«

»Dann verstehe ich dich also nicht!«

»Nicht deine Mama wollen wir als drittes hinzunehmen.«

»Ja, also wen denn?«

»Dein anderes Ich, Zemire.«

»Drücke dich klarer aus, lieber Freund. Die Zeit ist kostbar. Wahrhaftig, ich weiß nicht, was du willst!«

»Dein anderes Ich, Zemire! ... Wie? Das verstehst du nicht?... Bist du nicht ein anderes Sie-selbst meiner Tante? ...«

Zemire wurde rot, aber sie verstand noch immer nicht ganz und erwiderte:

»Wie ... in der Tat ... aber das ist doch nicht dein Ernst, Vetter?«

»Es ist das einzige Mittel, teuerste Zemire. Erlaube deinem Geliebten, es anzuwenden ... Ein unschuldiges Wesen, das uns beiden sein Leben verdankt ...«

Zemire wurde sehr ernst und entgegnete:

»Lassen wir dieses Kapitel beiseite, Vetter. Niemals werde ich durch diese Pforte in die Ehe treten.«

»Es gibt keine andere, um bei unserer so nahen Verwandtschaft den Dispens der Kirche zu erhalten.«

»Höre mich, Liebster. Ich glaube, das Höchste, was eine Frau besitzt, ist ihre Tugend. Ich befinde mich zwischen zwei Abgründen und werde versuchen, weder in den einen, noch in den anderen zu stürzen. Ich will weder dich noch meine Unschuld opfern. Aber ich fühle wohl, daß ich ein kleines Opfer bringen muß, und dazu bin ich bereit. Kein anderes Wesen auf der Welt, als du, könnte mich zu einer Falschheit veranlassen, aber für dich, teuerster Vetter, werde ich das Unmögliche tun. Wir wollen uns gegenseitig nicht entehren: du, indem du deine Base verführst, um sie heiraten zu können, und ich, indem ich mich unwürdig mache, deinen Namen zu tragen, der auch der meines Vaters ist ... Doch überlaß mir das weitere: ich werde so tun, als ob geschehen wäre, was du mir vorgeschlagen hast ... Vaters Zorn wird furchtbar sein, ich werde aber mehr Kraft haben, ihn zu ertragen im Gefühl meiner Unschuld, als ich sie haben würde, wenn ich schuldig wäre, so werde ich auch nicht ... das Leben eines ...«

»Anbetungswürdige Zemire,« unterbrach Philipp sie, als er merkte, daß sie zögerte, weiterzusprechen, »dein will ich sein, das ist alles, was ich wünsche, die Mittel, dahin zu gelangen, sind mir gleichgültig, ich billige von vornherein alles, was du vorschlägst.«

Man kennt nun Zemirens Plan. Sie ging sofort an dessen Durchführung. Sie nahm kühle Getränke zu sich, die, ohne ihre Gesundheit zu schädigen, ihr Gesicht ein wenig magerer und bleicher machten. Dann sorgte sie dafür, daß ihr Leib allmählich zunahm, natürlich nur scheinbar.

Eines Tages nach Tisch sah Herr H. seine Tochter mit bedenklichen Blicken an. Zemire war schon seit einiger Zeit auf solche Erregung der Aufmerksamkeit ihres Vaters gefaßt, doch errötete sie unter seinen prüfenden Blicken bis an die Stirn und wäre fast ohnmächtig hingesunken, als ihr Vater mit zornbebender Stimme – ja Zorn war die Schwäche des braven Mannes – seine Frau zurückrief und sie fragte: »Können Sie mir vielleicht sagen, was Ihrer Tochter fehlt?«

»Aber nichts ... lieber Freund ... Was hast du, Zemire? Großer Gott, Kind, wie siehst du denn aus? Wie hältst du dich denn?«

»Ich glaube, liebe Frau, daß sie noch schlechter gehandelt hat, als sie sich hält! Aber, verdammt will ich sein, wenn sie, falls meine Vermutung richtig ist, nicht die ganze Strenge fühlen soll, die solche Dirne verdient, die mich entehrt hat!«

»Um Gottes willen, lieber Freund, solche Sprache!«

Bei diesen Worten fiel Zemire, die sich in leicht begreiflicher Erregung befand, ihrer Mutter zu Füßen und überströmte deren Hände mit Tränen, die ebenso echt waren, wie ihr Zustand unecht.

»Das sind die Früchte Ihrer Milde!« sagte ihr Vater bei diesem Anblick zu ihrer Mutter. Zugleich stürzte er auf sie zu, um sie zu züchtigen. Vor Angst, von der Hand, die sie stets nur gestreichelt hatte, eine rohe Behandlung zu erfahren, fiel Zemire in eine wirkliche Ohnmacht, und der Vater sah sich gezwungen, ihr, statt sie zu strafen, zu Hilfe zu kommen. Als sie wieder zu sich kam, trug man sie auf ihr Bett, und ihr Vater wagte, obgleich er furchtbar wütend war, nur noch von weitem zu grollen.

Er jagte seinen Neffen aus dem Hause, ließ ihn aber schon nach einer Stunde wieder zurückrufen und sagte zu ihm:

»Du wirst die Suppe ausessen, die du dir eingebrockt hast. Ah! mein Bürschchen, solche Streiche spielst du mir? mich, der ich dich als meinen Sohn betrachtete, entehrst du? ... Aber verdammt, ich werde dich zur Vernunft bringen! ... Ich werde mich sofort um den kirchlichen Dispens bemühen, und sobald er da ist, werdet ihr euch heiraten!«

»Das ist mein sehnlichster Wunsch, lieber Onkel!«

»Ich finde es höchst unverschämt, daß du mir diese Antwort gibst. Dein Wunsch! Zum Teufel, aber der meine war es nicht! ... Doch du sollst sie haben und sie dich! Ihr sollt nicht sagen, daß ihr mich gefoppt habt!«

Der verehrte Leser wird bei sich denken: der gute Onkel ist doch ein rechtes Schaf, ja, das muß man eben sein, wenn man reich werden will!

Die Vorbereitungen zur Hochzeit wurden schleunigst getroffen, und endlich war der große Tag da.

Zemire legte am Morgen alles ab, was ihren Wuchs bis dahin entstellt hatte. Dagegen zog sie ein schmiegsames Korsett an, das sie recht eng schnüren ließ. Man hätte ihre Taille mit den zehn Fingern umspannen können. Als ihre Mutter sie sah, warnte sie sie mit den Worten:

»Grundgütiger Gott, liebes Kind, Sei doch nicht so leichtsinnig. Wie kannst du dich so schnüren?«

»Sei unbesorgt, liebe Mutter,« war die Antwort, »es ist mir so sehr bequem.«

Wie immer, gab die Mutter nach. Man ging in die Kirche und kehrte wieder nach Hause zurück. Da sagte die Mutter zur Neuvermählten:

»Liebes Kind, ich habe der Leute wegen geduldet, daß du in der Kirche so geschnürt warst, denn Skandal muß man zu vermeiden suchen. Aber jetzt zu Hause ist es deine Pflicht, an das zu denken, was du unter dem Herzen trägst!«

»Liebe Mutter,« erwiderte Zemire, ihr um den Hals fallend, »verzeih mir meinen kleinen Betrug, aber ich wollte meinen Vetter haben und Papa ein Vergnügen machen, wenn er sieht, daß ich seinen Namen trage. Ich bin eurer noch würdig, liebe Mama! so zärtlich ich meinen Vetter auch liebe, seitdem er bei uns im Hause ist, so wäre ich doch lieber unglücklich geworden, als daß ich die Achtung vor meinen Eltern und mir selber hätte verletzen mögen. Ich habe mich nur so gestellt, als ob ich ... wäre, was ihr geglaubt habt!«

Während Zemire diese Beichte ablegte, sagte H., der die Tuscheleien zwischen Mutter und Tochter bemerkt hatte, zu seinem Neffen:

»Ich glaube, da wird von dir gesprochen, vielleicht eine kleine Verschwörung gegen dich. Hören wir ein wenig zu.«

Frau H. küßte ihre Tochter und bemerkte dann:

»Oh, mein liebes, liebes Kind! Du hast doppelt gut daran getan, so zu handeln, aber wir wollen deinem Vater noch nichts davon sagen.«

Doch da trat dieser plötzlich, seinen Schwiegersohn an der Hand haltend, zu ihnen und rief aus:

»Bei Gott! Das habe ich mir gleich gedacht! Meine Tochter konnte keine Dummheit machen! Aber warum wollt ihr mir etwas verheimlichen, was mich mit Freude erfüllt? ... Komm, liebes Kind, ich will dich unteren Gästen zeigen, sie sollen wissen, daß du Tugend und Klugheit von mir geerbt hast! ... Dir aber, mein schöner Heiliger, den ich doch für etwas schlauer hielt, will ich nur eins sagen: in einem Jahre will ich einen Enkel haben! ...«

H. tat, wie er gesagt hatte. Er führte seine Tochter zu den Gästen und enthüllte ihnen, ohne sich um ihre Röte zu kümmern, das Geheimnis. Er umspannte die Taille seiner Tochter mit den Händen und wiederholte in einem fort:

»Sehen Sie her, meine Herrschaften, überzeugen Sie sich selber!«

Die Entdeckung fiel ganz zu Zemirens Ehre aus, aber es gab auch Leute, die ihren Gatten darum eine Stufe niedriger stellten!

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