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Nicolas Edmonde Rétif de la Bretonne: Zeitgenössinnen - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorRetif de la Bretonne
titleZeitgenössinnen
subtitleAbenteuer hübscher Frauen
publisherGeorg Müller
volumeBand 1 + 2
yearvor 1916
translatorHeinrich Conrad
correctorhille@abc.de
senderreuters@abc.de
created20060228
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Ehrlicher Betrug

Der natürliche Sohn eines Amerikaners gewann beim Parlament einen Prozeß, wodurch Seitenverwandte ihm ein Legat von 600000 Franken streitig machten, das ihm sein Vater ausgesetzt hatte. Sein Anwalt, Meister Grasset, hatte noch eine reizende Tochter zu verheiraten und gab sie dem jungen Linars. Die Ehe war zuerst sehr glücklich: Elise Grasset, jetzige Frau Linars, liebte ihren Mann zärtlich und schenkte ihm der Reihe nach sechs Töchter. Das siebente Kind war ein Knabe. Danach trat eine gewisse Erkaltung in den Beziehungen der Ehegatten zueinander ein. Einige behaupten, Linars wäre ihrer überdrüssig, andere, Frau Linars wäre plötzlich kokett, d. h. leichtsinnig geworden; ich will dem Leser im Vertrauen sagen: beides war richtig.

Als Linars sich darüber klar geworden war, daß er in seine Frau weniger verliebt war, und daß diese ihm weniger zärtliche Gefühle als früher bezeugte, da beschloß er, sich einmal seine auswärtigen Besitzungen auf Martinique anzusehen. Seine Frau war mit der Reise einverstanden, und die Kinder, die damals noch sehr jung waren, wünschten ihrem Papa eine glückliche Reise. Die armen, unschuldigen Geschöpfe! sie ahnten nicht, daß diese Reise nur ihnen allein verhängnisvoll werden sollte! Das älteste der sechs Mädchen war zu der Zeit vierzehn Jahre alt. Ihr Gesicht versprach reizend zu werden: sie hatte die schönen Züge der Mutter, war aber nicht so dunkel wie diese. Sie und ihre Schwestern wurden wie Damen erzogen, die einst eine reiche Mitgift zu erwarten hatten.

Von den französischen Antillen sandte Linars anfangs seiner Frau einige Päckchen Ware zu, bald aber schrieb er nur noch selten, schließlich schickte er gar nichts mehr. Er ließ durchblicken, daß er sein Geld selber nötig habe, und daß sie sich und die Familie mit ihrer Mitgift zu unterhalten hätte. Leider war Frau Linars nicht eben sehr sparsam, die von ihm gesandten Waren hatte sie verschleudert, und als sie nun sah, daß auf weitere Sendungen ihres Mannes nicht mehr zu rechnen war, da zog sie Wechsel auf seinen zukünftigen Reichtum, d. h. sie machte Schulden, was ihr um so leichter war, als niemand sich weigerte, ihr Kredit zu geben. So vergingen zehn Jahre seit der Abreise ihres Mannes, ihre Hilfsquellen fingen an, zu versiegen, während vier von den Töchtern, eigentlich schon alle sechs, bereits heiratsfähig waren. Es war die höchste Zeit, daß ihr Mann zurückkehrte.

Was hatte Linars inzwischen in Amerika angestellt? Er hatte sich verheiratet und eine neue Familie gegründet, der er drei Viertel von allem, was er besaß, zwar nicht in bar, aber in Handelseffekten gegeben hatte. Nun geschah es, wieder ungefähr nach demselben Zeitraum, der ihm seine Frau in Frankreich zum Überdruß gemacht hatte, daß er auch von seiner Frau auf den Inseln genug hatte und sich daher entschloß, in die Heimat zurückzukehren. Er hatte keine Kenntnis von der traurigen Lage, in welcher seine erste Familie sich befand. Denn da er in Paris stets für alles gesorgt hatte, und da seine Frau während dieser Zeit sich stets gut aufgeführt hatte, so konnte er nicht annehmen, daß sie eine Verschwenderin geworden war, und lebte der Hoffnung, sie in gutem Wohlstand anzutreffen. Er benachrichtigte seine Angehörigen von seinem bevorstehenden Eintreffen: große Freude der ganzen Familie, besonders der älteren Töchter, die schon ihre Verehrer hatten und sich für das frohe Ereignis so herausputzten, daß sie schöner erschienen denn je. Selbst der kleine Linars, der damals zwölf Jahre alt war, setzte Hoffnungen auf die glückliche Heimkehr des Vaters, indem er sich vornahm, ihn um wenigstens zwei Monate Ferien zu bitten, um das Wiedersehen gehörig feiern zu können. Es würde zu weit gehen, wenn ich alle die törichten Gedanken hier aufführen wollte, die der Frau Linars und ihren Töchtern durch die Köpfe gingen: was sie alles anschaffen und wie sie von nun an durch ihren Luxus die reichsten Mädchen des Viertels Saint-Bernard in den Schatten stellen wollten, von denen sie in den letzten Jahren etwas verdunkelt worden waren. Um von den Hoffnungen des ganzen Hauses Linars einen Begriff zu geben, will ich nur erwähnen, daß ein prachtvolles Feuerwerk bestellt wurde, um am Abend zu Ehren des triumphierend heimkehrenden Hausherrn abgebrannt zu werden.

Endlich kam er, der Gatte und heißersehnte Vater! Er wurde wie ein Gott empfangen. Entzückt, sich plötzlich von großen Töchtern umringt zu sehen, von denen eine schöner war als die andere, gab er sich ganz der Freude des Wiedersehens hin. Dann kam sein Sohn aus dem College. Sein Anblick ließ in ihm einige traurige Gedanken aufsteigen, und er umarmte ihn tränenden Auges. Seine Tränen wurden indessen als ein Zeichen seiner tiefen Rührung angesehen. Als er dann seine Augen wieder auf den schönen, großen Mädchen ruhen ließ, deren vollendete Reize nach Gatten zu verlangen schienen, da erfaßten ihn traurige Gedanken, eine düstere Wolke legte sich auf seine Stirn, und seine Seele, die noch eben sich hoch erhoben hatte, krampft sich schmerzlich zusammen. Während seine Familie und eine Menge geladener Gäste sich der Freude über seine Rückkehr hingaben, packte ihn grausamer Kummer, den er in die tiefsten Tiefen seines Herzens verschloß. Er dachte lange ernstlich nach und faßte endlich einen Entschluß, der ihm seine angeborene Heiterkeit zum Teil wiedergab. Der Abend verging in lustiger Ausgelassenheit, an der auch er sich beteiligte. Und als gegen Ende des Mahles einer der Gäste Anspielungen auf seine in Amerika erworbenen Reichtümer machte, da dachte Linars nicht daran, einzugestehen, daß er von allen Mitteln entblößt sei, sondern rühmte sich im Gegenteil seiner Schätze und verdrehte dadurch seiner ihm mit Entzücken zuhörenden Frau ganz und gar den Kopf. Aber wie die Raketen des Feuerwerkes zerplatzend nur Dunkel zurückließen, so sollte auch diese Freude nur von kurzer Dauer sein und bald dahinschwinden!

Als die Gäste und die Kinder sich zurückgezogen hatten, fragte Linars seine Frau:

»Nun, wie gehen denn hier die Geschäfte?«

Die Dame errötete, machte einige Winkelzüge, führte Umstände an, die sie entschuldigen konnten, mußte aber schließlich gestehen, daß sie Schulden habe.

»Das ist der schlimmste Schlag, der mich treffen konnte,« rief Linars aus, »wie war es denn möglich, daß du so schlecht gewirtschaftet hast? Also während auf der einen Seite mich das Unglück verfolgte und das Meer meine Reichtümer verschlang, hast du auf der anderen Seite den Rest verschwendet und mir damit die letzte Hilfe genommen!«

Diese verzweifelten Worte trafen Frau Linars wie ein Blitzstrahl; sie fiel in Ohnmacht, und ihr Mann mußte sich lange um sie bemühen. Als sie wieder zu sich gekommen war, sagte er zu ihr:

»Ich wüßte wohl einen Ausweg, damit wenigstens unsere Kinder nicht unter unserer Armut zu leiden haben. Bist du eines festen Entschlusses fähig?«

»Ich bin zu allem fähig, lieber Mann! Selbst in den Tod will ich gehen, wenn du es verlangst!«

»Ich verlange nur strengste Verschwiegenheit von dir. Niemand darf etwas von unserem Ruin erfahren. Mach', daß die Leute sagen, du seist geizig geworden: lege das größte Gewicht darauf und versäume ja nicht, dies zu tun! Ich werde mit den traurigen Überresten meines Vermögens deine Schulden bezahlen, ohne mich erst mahnen zu lassen, und dabei sogar einen gewissen Eifer und einige Verschwendung an den Tag legen. Wie steht es nun mit den Herzensgeheimnissen unserer Kinder? Sie sind ja groß, herrlich gewachsen und schön, da kann es ihnen nicht an Verehrern fehlen. Ihre Herzen werden in ebenso schlechtem Zustande sein, wie deine Geschäfte?«

»Ich versichere dir, lieber Mann ...«

»Sei aufrichtig, keine Umschweife und langen Reden, weiter verlange ich nichts!«

»Es ist richtig, ein Herr de Champromans macht Maîne, unserer ältesten Tochter, den Hof.«

»Ist er reich?«

»Sehr reich.«

»Und weiter?«

»Rosa, die zweite, hat dem Sohn des Herrn de Griselles den Kopf verdreht. Louise, du weißt, wie schön sie ist, ist der Abgott ihres Vetters Dampierre.«

»Alle Wetter! das ist ein Vermögen wert!«

»Charlotte hat ganz frisch erst die Eroberung des jungen de Monticour gemacht.«

»Auch nicht übel.«

»Caroline und Laurence sind noch zu jung, haben aber doch schon Eindruck auf den jungen de Saintamant und den ebenso jungen d'Angeliers gemacht.«

»Und alle diese jungen Leute kommen in unser Haus ?«

»Ja ... alle Abende, da wird denn geplaudert und ein bißchen gespielt.«

»Waren sie auch heute abend hier?«

»Ich habe sie während des Feuerwerks bemerkt; sie haben einige Worte mit den Mädchen gewechselt.«

»Nun, da stehen ja die Sachen nicht so schlecht! Unterstütze mich in meinem Plan, indem du die strengen Verbote, die ich erlassen werde, milderst und die Hand dazu bietest, sie zu umgehen. Aber, Donnerwetter noch mal, hüte deine Töchter etwas besser, als du dich selber gehütet hast. Ich will dir keine Vorwürfe machen, aber ich bin wohl unterrichtet.«

Diese unangenehme Auseinandersetzung stürzte Frau Linars vom Gipfel des Glücks und hoffnungsvoller Freude in einen Abgrund von Unglück und Verzweiflung. Sie wagte nicht einmal ein Wort zu ihrer Rechtfertigung vorzubringen und nahm sich vor, ihrem Mann ohne Widerrede in allem zu gehorchen.

Am nächsten Morgen ließ Linars die Gläubiger seiner Frau kommen, öffnete vor ihren Augen geräuschvoll einige Geldsäcke und bezahlte alles. Diese Kundgebung seines Billigkeitsgefühls brachte ihm im Nu den Ruf großen Reichtums ein, und da das Gerücht, von Mund zu Munde weiterverbreitet, stets übertreibt, so sprach man bald von ganzen Bergen von Gold. Obwohl er selber niemals ähnliches gesagt hatte, erzählte man sich von seinen Schiffen, die mit Reichtümern beladen von Westindien her unterwegs seien: so nahm das Phantom immer größere Dimensionen an und hüllte alle Welt in Illusionen ein.

Nachdem Linars die Gläubiger befriedigt hatte, rief er einen Familienrat zusammen und verbot darin seinen Töchtern jeden weiteren Umgang mit den jungen Männern, die sie zu sehen gewohnt waren. Auch dieser Vorgang wurde ebenso schnell bekannt, und man begann, dem Vater ganz besondere Absichten bezüglich seiner Töchter zuzuschreiben, Absichten, die mit seinem großen Reichtum im Einklang ständen; ja, bald wurden kühne Äußerungen darüber laut, die er selber gemacht haben sollte, z. B.: »Meine Töchter können auf große Heiraten Anspruch machen, ich werde jeder das gleiche mitgeben, was ich von meinem Vater bekommen habe ... Ich will nur erstklassige Partien« usw. ...

Bestürzung bemächtigte sich aller Freier, die tatsächlich in die wirklich reizenden Mädchen verliebt waren. Man weiß, welche Anziehungskraft ein junges, reiches, schönes Mädchen für ein junges Männerherz hat! Selbst ein Mann, der alles durchgekostet hat, verliert oft bei solchem Anlaß sein Gleichgewicht ... Mehrere Tage lang wagte keiner von ihnen, im Hause einen Besuch zu machen.

Inzwischen verfehlte aber die Mutter nicht, ihren Töchtern das Verbot des Vaters in milderem Licht zu zeigen. Als sie am sechsten Tage bei einem Besuche in einer befreundeten Familie fast alle Liebhaber ihrer Kinder antraf, beeiferte sie sich, ihnen tausend Zeichen ihrer Freundschaft zu geben. Sie richtete es auch so ein, daß die Mädchen Gelegenheit fanden, jedem einzelnen von ihnen unter vier Augen ein Wort zu sagen, das jene von der Nachsicht der Mutter überzeugte. Dadurch wurden ihre Liebesgefühle, die nun auch durch das Interesse angestachelt waren, auf den Höhepunkt gebracht. Am Abend desselben Tages schon, wo sie diese Mitteilungen erhalten hatten, stellten die Freier der beiden ältesten Töchter sich wieder vor dem Hause ein. Sie wurden vom Fenster aus von der Mutter gesehen und mit einem freundlichen Gruß ausgezeichnet. Darauf betraten sie das Haus und wurden aufs beste aufgenommen. Herr Linars war nicht zu Hause. Frau Linars warf ihnen freundlich vor, daß sie sich nicht mehr hätten sehen lassen. Sie entschuldigten sich damit, daß sie die erste Freude des Wiedersehens nicht hätten stören wollen. Einer von ihnen ließ ein Wort von dem Verbot des Vaters fallen. Da wurde Frau Linars ernst, warf einen liebevollen Blick auf ihre Töchter, stieß einen leisen Seufzer aus und bemerkte:

»Und zählen Sie meine Freundschaft für nichts?«

Bei diesem Wort küßten die beiden Verliebten ihr wie auf Kommando die Hand, sie aber fuhr fort:

»Ich kann zwar nicht viel tun, aber ... Nun sagen Sie mir einmal offen, wie Ihre Eltern darüber denken?«

»Oh, gnädige Frau!« antworteten beide gleichzeitig, »sie lieben mich, und ich bete Fräulein Maîne an ... ich Fräulein Rosa ... ich sehe mein Glück darin, sie zu erhalten!«

»Veranlassen Sie Ihre Eltern, um sie anzuhalten, denn ich möchte sie nicht Unbekannten ausliefern, die mein Mann von Amerika erwartet ... Aber Sie dürfen nicht warten, bis diese da sind ... Wenn einmal von Ihrer Seite die Bitte um die Hand meiner Kinder in aller Form vorgebracht ist, dann werde ich alle Hindernisse selbst unter den größten Unannehmlichkeiten zu besiegen wissen ... Ich liebe Sie beide wie meine Kinder, für Sie zu arbeiten, heißt für mich selber arbeiten ... Verweilen Sie jetzt nicht länger hier, es ist nicht nötig, daß mein Mann uns beisammen sieht. Handeln Sie energisch! Ich werde Sie ebenso unterstützen.«

Die beiden Freier verließen mit Freude im Herzen das Haus und hatten nichts eiligeres zu tun, als ihren Freunden die guten Nachrichten mitzuteilen. Alle lobten die Haltung der Mutter und hoben sie in den Himmel, weil das große Vermögen sie nicht hochmütig und ihre alten Freunde bei ihr in Vergessenheit gebracht hätte. Auch die anderen vier Verliebten faßten wieder Mut und machten gleich am nächsten Tage ihren Besuch bei Frau Linars, von der sie, wie die ersten, sehr freundlich empfangen wurden. Sie nannte sie ihre lieben Kinder und versicherte ihnen, sie würde als Gatten für ihre Töchter Freunde und Nachbarn den reichsten Partien der Neuen Welt vorziehen. Ja, sie fügte sogar hinzu, daß sie selber zu sehr unter der langen Abwesenheit ihres Mannes gelitten hätte, als daß sie ihre Töchter einem gleichen Schicksal ausgesetzt sehen möchte: »Weniger Geld,« schloß sie, »aber mehr Glück!«

Solche Haltung gegenüber den Freiern ihrer Töchter vermehrte ihren Ruhm, man pfiff ihn von allen Dächern! Besonders waren die Eltern der jungen Männer davon ganz entzückt. Die Verliebten kamen bereits wieder jeden Abend.

Herr Linars wiegte sie eine Woche lang in Sicherheit. Eines Abends aber, als die jungen Leutchen am wenigsten daran dachten, kam er plötzlich nach Hause. Beim Anblick der lustigen Versammlung, die bei ihm abgehalten wurde, runzelte er die Stirn und fragte seine Frau ziemlich scharf, wer die Herren seien?

»Aber, lieber Freund, es sind unsere Freunde und Nachbarn, deren Eltern du kennst und achtest: Herr de Champromans mit seiner Schwester (ein Mädchen im Alter des jungen Linars und eine vortreffliche Partie für ihn), Herr de Griselles und hier der junge de Monticour, den du als Kind immer so gern hattest, und der drei Jahr alt war, als du abreistest, dort neben Caroline Herr de Saintamand; der liebenswürdige junge Mann, der Laurence unterhält, heißt d'Angeliers, unseren Vetter Dampierre, der so oft unsere Abendvergnügungen teilt, kennst du ja.«

»Meine Herren,« sprach jetzt Linars, »Ihre Besuche sind mir eine Ehre und äußerst schmeichelhaft für mich. Was aber meine Töchter anlangt, so ist das ein ander Ding. Ich bin weit davon entfernt, Ihnen mein Haus zu verbieten, ich wiederhole, Sie erweisen mir eine große Ehre, und ich werde Sie mit Vergnügen empfangen, wofern Sie mich besuchen und nur kommen, wenn ich zu Hause bin ... Doch, nun will ich Sie nicht länger in Ihren Vergnügungen stören, ich bin ja jetzt da, also bleiben Sie, wenn es Ihnen paßt.«

Diese Worte waren schrecklich für die verliebten Leutchen, dabei doch zu vernünftig, als daß jemand sie für ungerecht hätte erklären können. Nur der junge Linars äußerte halblaut zu Fräulein de Champromans:

»Aber Papa könnte sich doch auf Mama verlassen, die ja immer bei uns ist.«

Ein niederschmetternder Blick des Vaters zeigte ihm, daß dieser die Worte gehört hatte, und vor diesem Blick des wettergebräunten Mannes erzitterte die ganze Gesellschaft, die jungen Leute wurden rot und schlugen die Augen nieder. Die Unterhaltung wurde indessen fortgesetzt, oder vielmehr, man hörte Linars zu, der von der herrischen Art und Weise erzählte, wie er die Neger auf seinen Pflanzungen behandelt habe, wie er andere Ansiedler, die sich ihm widersetzten, zur Vernunft gebracht und sogar dem Gouverneur Trotz geboten habe, als dieser ihm Unrecht zufügen wollte. Jedes Wort seiner Erzählung verriet den eisernen Willen eines festen, unerschrockenen, in seinen Entschlüssen unerschütterlichen Mannes.

Als er sah, daß er den gewünschten Eindruck hervorgebracht hatte, sagte er zu seinen Töchtern:

»Zieht euch nun zurück und nehmt Fräulein de Champromans mit.«

Als die Damen fort waren, sagte er zu den jungen Männern:

»Meine lieben jungen Freunde, so scheidet man aber nicht von mir. Ich trinke jeden Abend vor dem Schlafengehen meine Flasche Chambertin, das ist für mich eine Kur. Sie müssen mir dabei Gesellschaft leisten, und jeder muß seine Flasche leeren.« Er läutete, und der Wein wurde gebracht. Jeder machte es ihm nach, entkorkte seine Flasche und trank auf ein von ihm gegebenes Zeichen mit der Miene eines echten Korsarenkapitäns. Als die Flaschen leer waren, verlangte Linars seine Pfeife und ließ für jeden Herrn ebenfalls eine bringen. Dann sagte er zu ihnen:

»Kinder, wenn ihr meine Freunde sein wollt, müßt ihr es mir in allem gleich tun: Schwächlinge, die der Tabakrauch geniert, sind mir zuwider, und wenn ich mir meine Schwiegersöhne auszusuchen hätte, dann würde ich sie mit Flasche und Pfeife auf die Probe stellen!«

Darauf steckte jeder seine Pfeife an oder tat wenigstens so. Linars rauchte würdevoll wie ein Sultan, ohne ein Wort zu sprechen. Als er mit seiner Pfeife fertig war, rief er einen kleinen Neger herbei, der die Pfeifen ausklopfte und wieder an sich nahm. Und als nun Linars bemerkte, daß die jungen Herren vom Qualm beinahe erstickt waren, äußerte er:

»Meine Freunde, glaubt ihr, ich sei ein Mann, der sich von Gelbschnäbeln was vormachen läßt? Hol' mich der Teufel, nein! Und nun will ich euch was sagen, was ihr euch hinter die Ohren schreiben könnt: dem ersten, der meinen Töchtern zu tief in die Augen guckt, schneide ich die Ohren ab. Denkt daran und rechnet nicht auf die Nachsicht meiner Frau, die nicht mehr Einfluß auf mich hat, wie das Hündchen da. Gute Nacht, Kameraden. Ich bin kein Türke, aber ihr seid liebenswürdig und könntet Liebe erwecken, meine Töchter sind Weiber, alle Weiber sind schwach oder doch sofort bereit, schwach zu sein, sobald ein hübscher Kerl, wie ihr, sich daran macht, ihren Verstand mit Weihrauch zu umnebeln. Meine Gesinnung kennt ihr nun, ich denke wie ein freimütiger Seebär. Nun geht, Freunde, ich habe Achtung vor euch, aber unterwegs mögt ihr über eins nachdenken: eure Väter sollen mit mir sprechen, oder eure Mütter allein mit meinen Töchtern, oder ... ein Donnerwetter soll dreinfahren! ... Lebt wohl und gute Nacht! Keine Liebesgeschichten! Das verdreht den Mädchen die Köpfe wie Tabaksqualm. Mein Wein, meine Pfeife und meine Unterhaltung werden stets alle drei zu euren Diensten stehen, aber das ist auch alles, was ihr euch bei mir holen dürft.« Mit diesen Worten begleitete er sie hinaus und schloß und verriegelte selbst das Tor mit großem Geräusch.

Am anderen Tage wartete er auf die Wirkung seines Benehmens, durch das er die naiven, verliebten jungen Leute zu verblüffen gedachte, indem er ihnen einen kameradschaftlichen Verkehr anbot, zugleich aber alles tat, um ihnen diesen zu verekeln. Denn man wird begreifen, daß junge Pariser, denen man nach dem Abendessen eine Flasche Burgunder wie den Chambertin einflößt, und die man dann noch in einem Zimmer mit geschlossenen Fenstern eine Pfeife rauchen läßt, sich nicht gerade sehr behaglich fühlen mußten. Sie waren denn auch alle die Nacht und den folgenden Tag krank. Als gegen Abend ihre Übelkeit und ihre Kopfschmerzen sich ein wenig gelegt hatten, da dachten sie an Linars Worte, daß sie ihre Väter veranlassen sollten, mit ihm, und ihre Mütter, mit den Töchtern zu sprechen. Jeder wandte sich daher an seine Eltern, die sich freudigen Hoffnungen hingeben zu können glaubten und sich sofort untereinander verabredeten, zu welcher Stunde ein jeder Herrn Linars aufsuchen könnte, damit sie dort nicht alle auf einmal zusammenkämen. Es wurde vereinbart, daß Herr und Frau de Champromans den Anfang machen und die anderen ihnen in bestimmter Reihe folgen sollten. Und zwar sollte das gleich am nächsten Tage geschehen. Am Abend begnügten die jungen Männer sich damit, ihren Schönen Fensterparaden zu machen und mit ihnen verstohlene Winke auszutauschen, da der Vater den Mädchen auf das strengste verboten hatte, mit ihren Verehrern zu sprechen. Linars bemerkte sie und grüßte sie lachend. Er ließ sie zu Chambertin und einer Pfeife einladen. Champromans allein wagte, zu ihm hinaufzugehen, lehnte aber Wein und Pfeife ab und sagte, er wolle nur einen Augenblick mit Herrn Linars plaudern und dann seine Schwester abholen, die bei seinen Damen sei. Während nun der Amerikaner seine Pfeife rauchte, begann Champromans:

»Herr Linars, meine Freunde und ich, wir haben uns Ihre Worte von gestern abend durch den Kopf gehen lassen und dann mit unseren Eltern gesprochen. Ich kann Ihnen daher heute mitteilen, daß meine Eltern Ihnen morgen ihren Besuch machen werden.«

»Wir werden sehen«, antwortete Linars trocken und stirnrunzelnd.

»Darf ich Sie fragen, wie Sie sie aufnehmen werden ?«

»Je nachdem.«

»Ich denke, Sie verstehen mich?«

»Nein.«

»Dann fürchte ich aber sehr, daß der Besuch Ihnen unangenehm ist?«

»Wer sagt Ihnen das?«

»Nun, ich ...«

»Trinkt Ihr Vater Wein?«

»Ja.«

»Gut. Raucht er?«

»Bisweilen, seiner Gesundheit halber.«

»Gut. Ist er viel gereist?«

»Nein.«

»Das ist schlimm!«

Zwischen jeder Frage blies der Raucher dem armen Champromans eine Wolke Tabak ins Gesicht.

»Mein Vater wünscht dringend, die Ehre zu haben, mit Ihnen zu Sprechen.«

»Die Ehre!«

»Ja, Herr Linars, die Ehre.«

»Unter schlichten Leuten, mein Junge, sagt man einfach: das Vergnügen. Ich achte Ihren Vater hoch, sagen Sie ihm das.«

»Da werden Sie ihm nur gerecht.«

»Wenn du geantwortet hättest, da täte ich ihm zu viel Ehre an, dann hätte ich dich zermalmt! ... Ich freue mich darauf, ihn zu sehen.«

»Oh, Herr Linars! darf ich mir mit der Hoffnung schmeicheln ...«

»Du bist sehr neugierig, Bürschchen! ...«

»Ist meine Schwester da?«

»Jawohl, mein Herr. Rieche ich nach Tabak? Die Frauen sind empfindlich, man muß ihre Gefühle schonen. Wir wollen zu meiner Frau hinübergehen, ich möchte Ihre Schwester begrüßen.«

Damit nahm er ihn bei der Hand und führte ihn zu den Damen. Dann machte er Fräulein de Champromans in galantester Weise den Hof und sagte ihr, er wolle ihr einen Mann verschaffen, aber er wolle darüber vertraulich mit ihrer Mutter sprechen. Hocherfreut über die letzten Worte, warf der junge Champromans Fräulein Maîne einen zärtlichen Blick zu, der ebenso zärtlich erwidert wurde. Aber der Vater hatte die Blicke aufgefangen und erwiderte seinerseits mit einem so niederschmetternden aus seiner schwarzen Pupille, daß der Kaiser von Marokko es nicht hätte besser machen können. Die schöne Maîne errötete und schlug die Augen nieder, Tränen standen ihr in den Augen. Fräulein Champromans nahm von ihren schönen Freundinnen Abschied und ging mit ihrem Bruder fort.

Am nächsten Morgen hütete Linars sich auszugehen, tat aber so, als ob er sehr viel zu tun habe, und machte sich geräuschvoll im Hause zu schaffen. Er zankte gerade seinen Neger aus, weil er ihm sein Kabriolett nicht angespannt hätte, als Herr und Frau de Champromans gemeldet wurden. Letztere begab sich zu Frau Linars, die ihr einen überaus zärtlichen Empfang bereitete, während Herr de Champromans ins Arbeitszimmer des Hausherrn geführt wurde.

»Ich weiß, Herr Linars,« sagte er zum Amerikaner, »daß Sie kurz angebunden sind, ich will daher keine langen Reden halten und sage Ihnen einfach: Mein Sohn liebt Ihre Tochter zärtlich und wird von ihr nicht ungern gesehen, paßt Ihnen diese Heirat?«

»Ja.«

»Dann bestimmen Sie den Tag.«

»Dienstag.«

»Nächsten?«

»Nächsten Dienstag ... Heda, La Violette, eine Flasche Chambertin! Der Grund meiner Eile, verehrter Herr, ist, daß ich gern meiner Frau einen Gefallen tun will. Sie ist in Ihren Sohn vernarrt, der in ihren Augen ein Wunderknabe, ein Phönix ist. Ich will ihr den Willen tun, und wenn ich jemandem zu Willen sein will, so habe ich es mir zur Regel gemacht, hundertmal schneller zu handeln, als wenn ich meine eignen Geschäfte besorge.«

»Ich bewundere Sie, Herr Linars.«

»Ja, so bin ich einmal. Sind Sie oder Ihr Sohn eigennützig?«

»Ich! Oh, Herr Linars, die Ehre, uns Ihnen zu verbinden ...«

»Ich frage Sie, ob Sie eigennützig sind?«

»Nein.«

»Desto besser, denn meine Kinder bekommen nichts mit, sondern alles erst nach meinem Tode.«

»Das Ziel ist ein wenig weit, Herr Linars.«

»Möchten Sie es näher haben?«

»Das sage ich nicht, aber ...«

»Ich will übrigens erst mal sehen, wie meine Tochter sich in der Ehe aufführen wird. Über Ihren Sohn, mein Herr, denke ich wie mein Frau.«

»Sie behandeln ihn zu gut.«

»Nicht besser, als er es verdient ... Sie haben auch eine reizende Tochter, Herr de Champromans ... Wissen Sie, daß ich im Frühjahr wieder abreise, um meine Geschäfte da drüben zu Ende zu bringen? ... Das Meer ist bisweilen furchtbar! Wie oft bin ich dem Tode so nahe gewesen, wie Sie jetzt mir... Die Flasche kommt nicht ... Na, endlich! ... Höre mal, Bengel, ich werde dir die Ohren abschneiden und sie dir an den Hals nähen ... Trinken Sie, er ist ausgezeichnet ... Ich habe ihn vom Grafen Montoison selbst, dem Eigentümer des Weinbergs ... Ich wollte also sagen, man weiß wohl, wann man sich einschifft, aber nicht, wann man in den Hafen einläuft ... Ich habe einen Sohn. Ich habe mir immer vorgenommen, meine Maîne nur einem Manne zu geben, der eine liebenswürdige Schwester hat ... Ich bitte um Entschuldigung, eigentlich müßte ich mit Ihnen darüber in Ihrem Hause sprechen, da wir aber gerade beisammen sind ... Mein Sohn ist zwar noch sehr jung, aber das Meer kann mich verschlingen, wie so viele andere, und in diesem Fall möchte ich ihn in Händen eines guten Vaters wissen, dann kann mich nichts mehr erschrecken! (Zwei dicke Tränen stiegen ihm in die Augen.)

»Ah! Herr Linars, was für ein ausgezeichneter Vater sind Sie! Ihre Rührung gibt mir von Ihnen die beste Meinung. Ich bin mit allem einverstanden. Meine Frau wird sich zu Tode freuen. Kommen Sie, wir wollen ihr alles mitteilen.«

Und sie gingen beide Hand in Hand in den Salon zu den Damen und verkündeten die glückliche Nachricht. Beinahe hatte Herr de Champromans richtig prophezeit, seine Frau erstickte fast vor Freude und kam erst wieder zu sich, als sie Maîne und den jungen Linars an ihr Herz drückte und sie ihre lieben Kinder nannte. Sofort wurden die Geschwister herbeigerufen, und alle waren glücklich. Als alles vereinbart war, empfahlen Herr und Frau de Champromans sich und sagten lachend zu Linars:

»Wir verlassen Sie jetzt, denn Sie haben heute noch mehr Besuche in Aussicht. Für heute abend aber laden wir uns bei Ihnen zum Essen ein. Paßt Ihnen das?«

»Es wird uns ein Vergnügen sein!« –

Kaum waren sie fort, so wurden Herr und Frau de Griselles gemeldet. Herr Linars empfing sie ungefähr so ähnlich wie die ersteren, sprach in gleicher Weise zu ihnen, seifte sie ebenso leicht ein und wurde auf diese Weise seine zweite Tochter Rosa los.

Dann erschienen die Dampierres und warben um Luise. Als Verwandte behielt man sie zum Diner da, so daß sie Zeugen sein konnten, wie die Monticours um Charlotte, die Saintamands um Caroline und die d'Angeliers um Laurence anhielten. Letztere schienen allerdings noch warten zu wollen, bis Laurence, die erst dreizehn Jahre alt war, sich noch etwas mehr entwickelt hätte, aber Herr und Frau Dampierre machten selber die Gründe geltend, die Herr Linars für seine Eile angegeben hatte, und brachten ihren Einwand zum Schweigen, was um so leichter gelang, als alle sich auf die große Mitgift der Bräute freuten. Denn die Saintamands und d'Angeliers hatte Linars sich wohl gehütet, bis zu seinem Tode zu vertrösten. Er hatte sich über die Geldfrage ausgeschwiegen und die Leutchen an die 600000 Franken glauben lassen.

Während der nächsten sechs Tage wurden die nötigen Vorbereitungen getroffen und die Eheverträge aufgesetzt. Es war unter den Parteien vereinbart worden, daß Herr de Champromans die Sache leiten und daß der Ehevertrag seines Sohnes den anderen als Muster dienen sollte. Linars suchte ihn daher auf seine Seite zu ziehen, indem er ihm mit seinen falschen Reichtümern Sand in die Augen streute, dies gelang ihm auch nach Wunsch dank der Schnelligkeit, mit der alles betrieben wurde. Am Tage vor der Zeremonie wurden die Ehekontrakte verlesen. Eine Mitgift von 600000 Franken wurde darin festgesetzt, aber in einer Zusatzklausel, über die man schnell hinwegging, wurde gesagt, daß diese Summe erst nach der Rückkehr des Herrn Linars oder bei Ankunft seiner Schiffe fällig wäre, falls er die Reise für unnötig halten würde. Die Aufregung, in der man sich befand, die Eile und die Unordnung, in die der Amerikaner absichtlich das ganze Haus versetzte unter dem Vorwande, demselben zur würdigeren Feier ein imposanteres Äußere zu geben, bewirkten, daß die Aufmerksamkeit aller Beteiligten abgelenkt wurde. Auch hatte Linars nur einen der Schwiegerväter einzuseifen gebraucht. Er wußte, daß die Menschen wie die Hammel sind: wenn einer vorangeht, laufen die anderen alle nach. Übrigens wird eine Dummheit, wenn sie von mehreren Personen gemeinsam gemacht wird, weniger schwer empfunden, als wenn einer allein sie macht.

Da Linars im letzten Augenblick noch eine Katastrophe befürchtete, ließ er die Stunde der Zeremonie sogar noch vorrücken, und man war anstatt um zehn, schon um sieben Uhr in der Kirche.

Nach der Rückkehr aus der Kirche änderte Linars, wie ein umgekehrter Papst Sixtus der Fünfte, Ton und Haltung: er wurde sanft, einschmeichelnd, höflich, freundlich und liebenswürdig, so daß jedermann ihn bewunderte. Zu Hause angelangt, bat er seine Schwiegersöhne, ihm ihre Frauen in sein Arbeitszimmer zu schicken. Dort schloß er sich mit ihnen und seiner Frau ein und hielt folgende Ansprache an sie:

»Meine lieben Kinder, ihr seid nun verheiratet. Euer Glück habe ich durch List und Schlauheit begründet. Man wird nun freilich eurer Mutter und mir niemals mehr Glauben schenken, denn wir haben die Eitern eurer Männer angeführt. Ich bin ruiniert, und ihr wißt selber, daß eure Mutter, die auf meine Hilfe rechnete, ebenfalls keine Schätze angehäuft hat. Euch bleibt jetzt nur ein Mittel, euch die Liebe eurer Männer zu erhalten und die Freundschaft ihrer Familien zu erwerben, ein einziges: nämlich euch durch eure Aufführung ihre Verehrung zu gewinnen. Tugend möge eure Mitgift sein, Seid sanft, arbeitsam, sparsam, ehrbar, zärtlich, ergeben, euren Männern unterwürfig und deren Eltern gehorsam. Ich kann meinen Ruin noch eine Zeitlang geheimhalten; nutzt diese aus, um zu tun, was ich euch anempfehle. Euer Schicksal, Glück oder Unglück hängt davon ab. Es wird euch leicht werden, alle diese guten Eigenschaften, von denen ich sprach, ins rechte Licht zu setzen, solange man euch für reich hält. Wüßte man, daß ihr arm seid, so würde kein Mensch darauf achten. Meine Haltung bei dieser Gelegenheit war also für euch wahrhaft gewinnbringend, und ihr müßt mir ewig dafür dankbar sein. Seid bescheiden, zurückhaltend in Worten und Werken, freundlich zu jedermann, und man wird dann, wenn man die Wahrheit erfährt, sagen: Sie haben zwar kein Vermögen, aber ihre Männer haben darum keine schlechte Partie gemacht, denn sie besitzen alle guten Eigenschaften. So, nun wißt ihr, was ihr vom ersten Tage eurer Ehe an zu tun habt. Aber seid verschwiegen! Kein Wort von dem, was ich euch gesagt habe, komme über eure Lippen! Alles andere überlaßt meiner Erfahrung. Wenn es mir nicht vergönnt war, durch geschäftliche Erfolge euer Glück zu begründen, so kann ich doch behaupten, es durch meine Klugheit und Geschicklichkeit auf feste Füße gestellt zu haben. Ich habe, um dahin zu gelangen, es vorgezogen, den von mir eingeschlagenen Weg zu beschreiten, anstatt in Verzweiflung zu verfallen, eurer Mutter Vorwürfe zu machen und uns alle zu erniedrigen, indem ich unsere Armut zur Schau stellte. Übrigens seid ihr alle schön, fügt dazu noch Ehrbarkeit und so habt ihr eine Mitgift. Aber ich warne euch vor Fehltritten, ihr kennt mich und wißt, daß ich fähig wäre, diejenige von euch zu erdolchen, die ihre Pflicht verletzen würde!«

Als er mit seiner Rede fertig war, führte er seine Töchter wieder in die Gesellschaft zurück. Wiederum zeigte er sich freundlich und eifrig bemüht, seine Gäste zu unterhalten, die nur eine Stimme des Lobes über ihn laut werden ließen. Er war aber auch wirklich unterhaltend, denn er hatte viel gelernt, besaß Geist und Weltkenntnis. Er amüsierte alle. Man lachte auch viel, als die Schwiegersöhne die Geschichte mit dem Chambertin und der Pfeife zum besten gaben, man sah darin den jovialen Vater, der sich auf Kosten dieser unerfahrenen jungen Männer hatte lustig machen wollen, aber doch erst, nachdem er schon entschlossen war, sie alle glücklich zu machen.

Seinem Sohn machte Linars keinerlei Mitteilungen von seiner Lage, sondern ließ ihn in voller Unkenntnis, er hatte dazu zwei Gründe: erstens wollte er nicht, daß ein Mann seiner Frau untertan sei, und zweitens hatte er sich vorgenommen, alle Reste zusammenzukratzen, um ihm ein kleines Vermögen zu schaffen, das er ihm in einer Brieftasche überreichen wollte. Dieser Vater hatte gesunden Menschenverstand und begriff, daß uns unsere Söhne weit mehr bedeuten, als unsere Töchter: denn ein Sohn allein ist die Fortsetzung der Existenz von Vater und Mutter, während die Tochter, ein rein passives Wesen, mit den Eltern nur stofflich zusammenhängt und, sobald sie verheiratet ist, einer anderen Familie angehört ... Oh! Wenn einst die Sitte der Mitgiften aufhört, wenn ... Doch ich will davon aufhören.

Als die Hochzeitsfeste vorüber waren und Linars sich nunmehr über die Zukunft seiner Familie in Frankreich keine Sorgen mehr zu machen brauchte, schickte er sich an, nach Westindien zurückzukehren. Er reiste ab und ließ seine Schwiegersöhne und deren Familien voll von Hoffnungen zurück, die sich niemals verwirklichen sollten. Man sagt, die Töchter befolgen die Ratschlage, die er ihnen erteilt hat, und sind glücklich, trotz der Katastrophe, die bei der Enthüllung der Wahrheit hereinbrach. Ein Pflanzer, der von den Antillen eintraf, enthüllte die traurige geschäftliche Lage, worin Linars sich in Amerika befand. Zuerst war das Erstaunen groß. Aber es waren schon sechs Jahre seit der Schließung der Ehen verflossen, und reizende kleine Kinder, schön wie ihre Mütter, verteidigten deren Sache. Für den jungen Linars aber hatte ein Geschenk, das sein Vater ihm gesandt hatte, Herrn und Frau de Champromans und deren Familie ganz und gar gewonnen.

Auf diese Weise wurden alle in ihrer Erwartung getäuscht. Aber die Ehemänner sagen heute, nach zehnjähriger Ehe, sie seien nicht betrogen worden.

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