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Nicolas Edmonde Rétif de la Bretonne: Zeitgenössinnen - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorRetif de la Bretonne
titleZeitgenössinnen
subtitleAbenteuer hübscher Frauen
publisherGeorg Müller
volumeBand 1 + 2
yearvor 1916
translatorHeinrich Conrad
correctorhille@abc.de
senderreuters@abc.de
created20060228
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Die beiden Witwer und ihre Töchter

Zwei Männer in den Vierzigern, alte Bekannte seit langem, verloren zugleich ihre Frauen und sahen sich plötzlich als Witwer mit jenem Gefühl des Behagens, das man empfinden würde, wenn man von langer, schwerdrückender Sklaverei befreit wird. Endlich konnten sie aufatmen. Als sie sich nach dem traurigen Ereignis zum ersten Male wiedersahen, sprachen sie sich gegenseitig ihr Beileid aus. Auf ihre Trauerkleider deutend, vergoß derjenige von ihnen, dem sie leichter kamen, einige Tränen. Der andere hielt es für anständig, es ihm gleich zu tun.

»Ach!« seufzte der erstere, »nun stehe ich allein da.«

»Und ich habe keine Frau mehr«, echote der zweite.

»Sie hatte ja Fehler,« fuhr der andere fort, »aber auch ihre guten Seiten.«

»Ganz wie die meinige.«

»Zuweilen hat sie mir das Leben nicht süßer gemacht, indessen – wäre sie doch nur noch da!«

»Madame Ruffier hat mir zwar manchmal durch ihr Gebelfer Migräne verursacht, aber wie gern wollte ich doch noch ihr Gezeter hören, womit sie mich alle Tage in Zorn versetzte!«

»Madame Hymète war eifersüchtig, ich konnte keine Frau ansehen, ohne daß sie in Aufruhr geriet, aber wie gern wollte ich solches noch weiter erdulden! Dann wandelte die arme Frau doch noch auf Erden!«

»Madame Ruffier trank ein wenig!«

»Madame Hymète hatte stets etwas mit meinen Schreibern: ich habe wenigstens fünfzig ihretwegen entlassen müssen!«

»Na und Madame Ruffier erst! Wenn ich da nicht immer aufgepaßt hätte! ... Das ist eine Unannehmlichkeit, die unser Stand mit sich bringt, Prokuratoren und Notare sind gezwungen, stets junge Männer der schlimmsten Art um sich zu haben!«

»Ja! Schlingel und Stutzer, die jungen Männer von heutzutage sind nur noch schamlose Gecken!«

»Die Frauen machen sie dazu. Auch Madame Ruffier, die doch die Flasche, das Spiel, Verschwendung und Bequemlichkeit liebte, die zänkisch, kränklich und unsauber war, hatte einen Hang für diese Laffen!«

»Darin glich sie allen Frauen, auch der meinigen, die dürr, eine wahre Hopfenstange, ausgemergelt und trocken wie Holz war, auch sie tat schön mit diesen Frechdächsen. Wenn sie vor ihr standen, belebten sich ihre erloschenen Augen, dann schnarrte sie das R, richtete sich gerade, schwellte ihren Busen, ein reines Wunder, denn weiß Gott, woher sie ihn bekam, spielte die Neckische und lachte, aber ohne den Mund aufzutun, damit man nicht den Zahn der Zeit sehen konnte!«

»Eigentlich hatten wir da doch ein Paar recht häßliche Vetteln, lieber Herr Ruffier!«

»Meiner Treu, Sie haben recht, mein bester Hymète!«

»Ich bin froh, daß wir sie los sind!«

»Eine furchtbare Last ist von uns genommen!«

»Was mich tröstet, lieber Ruffier, ist, daß meine Tochter ihrer Mutter nicht im geringsten gleicht.«

»Nun, wenn sie ihr auch gleichen würde, wäre es nicht so übel, denn Madame Hymète war als Mädchen sehr hübsch.«

»Das ist wahr, das ist sehr wahr, ganz wie Fräulein Ruffier: hat sie nicht auch die Züge ihrer Mutter, und ist sie trotzdem nicht reizend?«

»Finden Sie?«

»Zum anbeißen.«

»Unsere Frauen waren wirklich nicht so übel, als wir sie nahmen, hem.«

»Im Gegenteil. Sie waren die schönsten Mädchen der Rue des Bernardins, des ganzen Viertels und unseres ganzen Standes.«

»Ich glaube nicht, lieber Ruffier, daß irgendeine andere Advokaten-, Notars- oder Prokuratorsfrau ihnen das Wasser reichen konnte.«

»Das stimmt! Aber, lieber Freund, wie denken Sie darüber, wollen wir denn Witwer bleiben?«

»Das wäre, weiß Gott, wohl das beste.«

»Hat aber auch sein Unangenehmes!«

»Allerdings.«

»Mir kommt da, mein bester Hymète, ein sehr glücklicher Gedanke, aber ich will ihn erst reif werden lassen. Denken wir für den Augenblick nur daran, uns zu amüsieren.«

»Wohl gesprochen, mein Lieber.«

Bei ihrem nächsten Zusammensein fragte Meister Hymète, der Notar, Meister Ruffier, den Prokurator:

»Nun, lieber Freund, was macht Ihr glücklicher Gedanke? Ist er reif?«

»Ich denke ja.«

»Na dann lassen Sie mal hören.«

»Also die Sache ist die: wir haben jeder eine Tochter, zusammen zwei sehr liebenswerte junge Mädchen, die gut erzogen und noch ganz unschuldig sind, kurz wie geschaffen für Witwer schon reiferen Alters. Wie wär's, wenn wir einen Tausch machten? Geben Sie mir Fräulein Hymète zur Frau, und ich gebe Ihnen Fräulein Ruffier zur Frau. Dann werden wir beide wieder glücklich werden, wie im Anfang unseres ersten Liebesverhältnisses!«

»Eine großartige Idee!« rief Meister Hymète begeistert aus, »und was das Sonderbarste ist, ich habe auch schon denselben Gedanken gefaßt, allerdings nur oberflächlich und ohne mich damit aufzuhalten. Ich fürchte nur eins, daß nämlich unsere Kinder uns für zu alt halten werden.«

»Ach was, die haben noch keinen Geschmack! ... Ich garantiere jedenfalls für meine Sophie, obwohl sie älter ist, als Ihre Tochter!«

»Nun dann werde ich Ihnen auch für meine Viktoria garantieren, sie ist ja noch ein Kind und hat keinen Willen.«

Nachdem die beiden Witwer hoch erfreut dieses Abkommen getroffen hatten, gingen sie zusammen dem Vergnügen nach und kehrten dann nach Hause zurück, um sich sofort mit der Begründung ihres gegenseitigen Glücks zu beschäftigen. Nach dem Diner nahm Meister Ruffier seine Tochter bei Seite und sagte zu ihr:

»Liebe Tochter, du bist vor acht Tagen 18 Jahre alt geworden, es ist daher Zeit, dich unter die Haube zu bringen. Ich weiß einen Mann für dich, einen sehr ehrenhaften Mann, der dich liebt, und dessen Haus wohl bestallt ist. Ich bin sicher, daß du mit ihm glücklich werden wirst. Ich kenne ihn genau, denn er ist mein Kollege, ja mehr, mein Freund.«

»Lieber Papa,« erwiderte Sophie, »Sie haben es sehr eilig, mich los zu werden! Ich bin noch zu jung, um einem Haushalt vorzustehen, lassen Sie mir noch einige Jahre Ihre Lehren angedeihen, damit mein Zukünftiger keine Frau bekommt, die er heranbilden muß und dadurch die Gelegenheit erhält, mich zu beherrschen und als Kind zu behandeln. Um diese Gnade bitte ich Sie kniefällig!«

»Steh auf. Die Sache ist beschlossen, und nichts kann mich davon abbringen. Da ich dich liebe, habe ich einen Mann für dich erwählt, dessen wohleingerichteter Haushalt ganz von selber geht, einen willfährigen Gatten, der vernünftig ist und deine Unerfahrenheit als einen Vorzug, als einen Reiz mehr ansieht, der weit entfernt, dich beherrschen zu wollen, sich im Gegenteil ein Vergnügen daraus machen wird, sein Haus und sich selbst von dir beherrschen zu lassen.«

»Und wer ist es?« fragte Sophie schüchtern.

»Meister Hymète ...«

»Hymète!« rief Sophie erbleichend.

»Du wirst einsehen, daß das eine großartige Partie für dich ist, er besitzt ein ungeheures Vermögen und eine vorzügliche Stellung.«

»Aber er hat eine große Tochter, lieber Vater.«

»Allerdings, aber diese Tochter wird dem Vermögen meines Freundes keinen Abbruch tun, denn er gibt sie ohne Mitgift einem Manne zur Frau, der sie liebt. Beide Hochzeiten sollen am gleichen Tage stattfinden ... Sei vernünftig, liebes Kind, denke daran, daß nichts mehr an der Sache zu ändern ist, denn ich habe mein Wort verpfändet.«

Sophie zog sich in einer unbeschreiblichen Niedergeschlagenheit zurück. Sie liebte. Der erste Schreiber, ein junger Mann von 28 Jahren, schön, herrlich gebaut, hatte ihr Herz zu erobern gewußt, und in der Hoffnung, ihren Vater zu zwingen, in die Heirat mit ihm einzuwilligen, hatte sie sich sehr gefügig erwiesen. Der Schreiber seinerseits hatte gefunden, daß Sophie, abgesehen davon, daß sie reizend war, eine großartige Partie für ihn sei, seine Liebe beruhte daher auf einer doppelten sehr festen Grundlage, der der Liebe und des Interesses. Die Schöne ließ sofort ihren Geliebten rufen und teilte ihm das Unglück mit, das sie bedrohte. Sie pflogen Rats zusammen mit der Zofe, die seit dem Tode ihrer Mutter Sophiens Gouvernante war, und das Trio beschloß, daß man die Freiheit, die man noch genoß, ausnützen solle, daß Sophie Zeit zu gewinnen suche und, wenn ihre Zeit gekommen wäre, ihrem Vater ihren interessanten Zustand entdecken müsse.

Was war inzwischen bei Meister Hymète geschehen?

Er war nicht so schnell vorgegangen wie Ruffier und hatte mit seiner Eröffnung bis zum nächsten Morgen gewartet. Die liebenswürdige Viktoria war kaum aufgestanden, als man sie davon benachrichtigte, daß ihr Vater sie zu sprechen wünschte. Sie erschien vor ihm in einem allerliebsten Négligé. Als der Notar sie sah, dachte er bei sich, daß es eigentlich wirklich schade sei, so viel jugendliche Schönheit dem alten Prokurator zu opfern, aber da fielen ihm die Reize Sophiens ein, und er zwang dieses Gefühl nieder.

»Meine liebe Tochter«, hub er an, »ich will dich verheiraten, was meinst du dazu?«

»Mich? lieber Vater, nun ich werde tun, wie es Ihnen beliebt, und danke Ihnen, daß Sie mich um Rat fragen.«

»Die Partie, die ich für dich im Auge habe, paßt in jeder Beziehung. Dein Zukünftiger ist reich, angesehen und dazu einer meiner Freunde.«

»So alt, wie Sie, Papa?«

»Ja, so ungefähr.«

Das junge Mädchen schnitt ein Gesicht und äußerte: »Ich finde noch keinen Geschmack an der Ehe.«

»Das ist für den Augenblick auch gar nicht nötig, es genügt, daß du ihn später hast.«

»Wahrlich, das wird nie geschehen, Papa!«

»Du glaubst, liebe Tochter?«

»Bei Gott nicht, Papa!«

»Nun gut, dann wirst du dich also aus Gehorsam verheiraten, und dein Verdienst wird darum um so größer sein. Ich will es.«

Meister Hymète hatte zu seiner Tochter noch niemals in diesem Tone gesprochen, er hatte sie zu Lebzeiten seiner Frau eher verzogen. Die Kleine ging daher ganz in Tränen gebadet hinaus.

Sie holte sich Rat bei ihrer Zofe. Dieses Mädchen war vom ersten Schreiber bestochen worden, und er hatte ihr eine große Belohnung zugesichert, wenn es ihm mit ihrer Hilfe gelänge, die Liebe Fräulein Hymétes und ihre Hand zu gewinnen. Wir sehen also, daß die beiden Töchter der beiden Witwer sich in gleicher Lage befanden, denn das Resultat war auch in diesem Falle das gleiche gewesen. Man beriet sich zu Dritt und faßte denselben Beschluß, wie bei Meister Ruffier.

Die Witwer sahen sich am Abend desselben Tages. Sie verheimlichten sich gegenseitig, daß sie bei Ausführung ihrer Absichten auf Hindernisse gestoßen seien, und betonten, daß sie des Gehorsams ihrer Töchter sicher wären. Man machte also die Vorbereitungen für die Doppelhochzeit, und in wenigen Wochen war alles fertig.

Nun wurden die nötigen Befehle erteilt. Sophie stellte sich krank. Viktoria empörte sich fast offen gegen ihren Vater und drohte damit, dem Prokurator – der Notar hatte ihr diesen endlich genannt – ins Gesicht zu spucken, wenn er sich ihr als Geliebter nahen würde.

Zwei Monate gingen so in beständigen Kämpfen hin. Nach Ablauf dieser Zeit blieb Meister Hymète nichts weiter übrig, als Meister Ruffier, der auf Erfüllung seines Wunsches drang, über die wirkliche Stimmung seiner Tochter aufzuklären.

»Wenn es weiter nichts ist«, erklärte darauf der Prokurator, »so kümmert mich das wenig. Wenden Sie nur Ihre Autorität an, dann werden wir schon zum Ende kommen. Sophie wartet auf Sie, bleiben Sie fest.«

Hymète folgte diesem Rat und sprach gegen seine Tochter so schreckliche Drohungen aus, daß diese ganz entsetzt war. Er benutzte einen Augenblick der Einschüchterung, um ihr Meister Ruffier zuzuführen, den sie mit ehrerbietigem Abscheu empfing.

Zufrieden mit diesem Erfolg kehrte der Prokurator nach Hause zurück, ließ seine Tochter rufen und setzte den Tag ihrer Hochzeit fest. Sophie war in Verzweiflung. Sie sah, daß sie nun nicht länger warten durfte, warf sich ihrem Vater zu Füßen und gestand ihm, daß sie in der Hoffnung wäre. Ihre Röte sagte das übrige, und ihre Taille bestätigte nur zu sehr ihre Behauptung. Der Prokurator geriet in eine fürchterliche Wut, vor seinem Zorn fiel Sophie zweimal in Ohnmacht. Endlich suchte der Prokurator sein Arbeitszimmer auf, um in Ruhe zu überlegen, was angesichts dieses Streiches, den er seiner Tochter nicht zugetraut hätte, zu tun sei. Was nun anfangen! ... Tausend Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Endlich blieb er dabei stehen, Sophie trotz ihrem Zustande mit Hyméte zu verheiraten, das einzige Mittel, zur Befriedigung seiner eigenen Wünsche zu gelangen. Denn er sagte sich, der gute Prokurator: »Meine Absicht ist, weniger das Glück meiner Tochter zu begründen, als das meinige. Gebe ich sie hin, dann bekomme ich Viktoria, die ich vergöttere, und wenn ich sie einmal habe, dann kann der Fehltritt Sophiens meine Ehe nicht mehr trennen. Allerdings wird sie dann vielleicht unglücklich werden, aber hat sie solches denn wegen ihres Fehlers nicht verdient? Übrigens wird Hymète es schon nicht so schlimm mit ihr treiben aus Furcht, ich könnte dann gegen seine Tochter Repressalien anwenden. Daher wird er meine Tochter schonen, und ihre Strafe wird, wenn sie überhaupt bestraft wird, sehr milde ausfallen.«

Nach dieser Überlegung ließ er seine Tochter wieder zu sich rufen und sagte zu ihr:

»Ich will dir deinen Fehltritt verzeihen, aber nur unter der Bedingung, daß du Hymète heiratest. Weigerst du dich, dann lasse ich dich in ein Korrektionshaus bringen, wo du den Rest deiner Tage bei Wasser und Brot zubringen kannst.«

Die arme Sophie war entsetzt über diese Drohung und versprach ihrem Vater alles, was er verlangte. Darauf beruhigte sie der erfreute Prokurator und teilte ihr mit, daß er ein Mittel besäße, um ihren Zukünftigen zu verhindern, mit ihr in Unfrieden zu leben, näheres darüber setzte er ihr aber nicht auseinander. Darauf nahm er Rache an seinem Schreiber, den seine Tochter ihm genannt hatte. Er jagte ihn aus seinem Hause und ließ ihn wegen begangener Untreue in ihm anvertrauten Geschäften vor Gericht laden.

Am darauffolgenden Tage erklärte Ruffier Meister Hymète, daß seine Tochter bereit sei, seine Hand anzunehmen.

»Die meinige habe ich noch nicht dahin bringen können, wo ich sie haben wollte«, erwiderte der Notar. »Welchen Mitteln verdanken Sie diesen Erfolg?« Der Prokurator schilderte ihm die erlebte Szene, indem er aber dabei alles, was Hymète hätte verletzen können, ausließ. Nun wandte der Notar gegen seine Tochter dieselbe Drohung an und kam ebenfalls damit zum Ziel.

Man hatte geflissentlich Sorge getragen, daß die jungen Mädchen sich nicht sprechen sollten, aber wie der Zufall spielt, geschah es, daß sie sich nach ihrer Einwilligung im Luxemburggarten begegneten. Als Sophie Fräulein Hymète von weitem bemerkte, wollte sie ihr aus dem Wege gehen, war sie doch die Tochter eines Mannes, der ihr verhaßt war, und glaubte sie sich doch selber als ihre zukünftige Stiefmutter von ihr gehaßt, obwohl sie diese gegen ihren Willen wurde. In gleichem Gefühle hatte Viktoria, als sie Fräulein Ruffier bemerkte, einen Umweg gemacht, und so kam es, daß beide sich plötzlich Nase an Nase gegenüberstanden. Man mußte sich begrüßen. Viktoria war von der tiefen Traurigkeit Sophiens gerührt, sie blieb stehen und sagte zu ihr:

»Glauben Sie mir, mein liebes Fräulein, alles, was sich ereignet, geschieht sehr gegen meinen Willen!«

»Nicht so sehr, wie gegen den meinigen, liebes Fräulein!«

»Mich schaudert in der Tat vor dieser Heirat, aber, wenn Sie mich nicht abweisen, werde ich Sie desto herzlicher lieb haben.«

»Ach, liebes Fräulein«, sagte da Sophie, »das würde meine Verzweiflung wenigstens in etwas mildern! Aber glauben Sie auch mir, daß das Band, das mich Ihnen nahe bringt, mir in der Seele verhaßt ist!«

»Ich werde also Ihre Schwiegermutter!«

»Wie? Was höre ich? Was sagen Sie da?« fragte Sophie überrascht.

»Sie erstaunen darüber? Sie wissen es also noch nicht? Ja, sollte ich nicht noch zuletzt im Stande sein, es zu verhindern, so werde ich Ihre Schwiegermutter werden, aber ich habe noch eine Saite auf meinem Bogen.«

»Sie meine Schwiegermutter? Und ich Unglückliche die Ihre! Ah!«

»Ich fange an«, bemerkte Viktoria, sich fassend, »in der Sache klar zu sehen: da unsere Väter uns, ihre Töchter, nicht selber heiraten können, so liefern sie sie sich gegenseitig aus!«

»Wie! Sie meine Schwiegermutter! ... Und ich dachte, ich wäre die einzig Unglückliche ... Nun, meine liebe Viktoria, dann wollen wir unsere alte Freundschaft erneuern, uns gegenseitig unser Herz ausschütten und uns nichts verheimlichen. Ich muß Ihnen etwas sonderbares mitteilen.«

»Und ich Ihnen auch, liebe Sophie, wir wollen diese Seitenallee einschlagen ...«

Und nun vertrauten sich die beiden Schönen gegenseitig ihren Kummer an, sie sprachen von ihrer Liebe von ihrer Schwäche, und das sie sich nur hingegeben hätten, um dem Schicksal zu entgehen, das ihnen drohte. Sie gestanden sich gegenseitig, daß sie in der Hoffnung wären, und fielen sich dann, heiße Tränen vergießend, in die Arme.

»Dahin hat also«, nahm Viktoria zuerst wieder das Wort, »der Wahnsinn ihrer Väter zwei Mädchen gebracht, die dazu geschaffen waren, ehrsam zubleiben! Aber mir bleibt noch als letztes Rettungsmittel mein Fehltritt selbst: ich werde den heiklen Schritt tun und ihm jenen eingestehen, wenn es keinen anderen Ausweg mehr gibt.«

»Ach! liebe Viktoria, das habe ich bereits getan, und es hat zu nichts geführt!«

»Sie haben es gethan? Ihrem Vater haben Sie alles gestanden?«

»Ja, und trotzdem besteht er darauf, daß ich den Ihrigen heirate!«

»Dann ist es leicht möglich, daß mein Vater von mir das gleiche fordern würde! ... Oh! meine liebe Sophie, was fangen wir nur an?«

»Wir müssen uns gegenseitig helfen, die engste Freundschaft schließen, und wenn das Unglück es will, daß wir unserem traurigen Geschick nicht entgehen sollen, dann müssen wir wenigstens danach trachten, uns der Wut der beiden Männer zu entziehen, die sie zweifellos erfassen würde, wenn sie die Wahrheit erführen.«

»Ich habe noch eine geringe Hoffnung, daß mein Eingeständnis vielleicht etwas nützen wird«, bemerkte Viktoria, »vielleicht ändert mein Vater danach seinen Entschluß! Es scheint, daß der Ihrige Sie nur hergibt, wenn er mich dagegen empfängt.«

»Versuchen Sie es immerhin, liebe Freundin.«

Darauf gingen die jungen Mädchen auseinander, noch eine schwache Hoffnung hegend, jedenfalls aber erleichtert, sich ihre Herzen ausgeschüttet zu haben.

Viktoria traf ihren Vater allein zu Hause an und bat ihn, sie einen Augenblick anzuhören.

»Alle deine Worte sind unnütz«, erwiderte er.

»Ich habe Ihnen nur noch eins zu sagen, mein Vater, das letzte Wort: lassen Sie mich nur noch den allerletzten Einwand machen ...«

Da sie sah, daß er hartnäckig schwieg, warf sie sich ihm zu Füßen und sagte:

»Ich hoffe doch noch, meinen Vater wieder zu finden, und diejenige, die Ihnen widerstanden hat, solange sie unschuldig war, wagt zu hoffen, daß sie jetzt, wo sie schuldig ist, ihr Herz zu rühren vermag ... Ich liebe ... Ich war schwach ... Die Folgen meiner Schwäche sind schon sichtbar.

»Sparen Sie sich«, unterbrach ihr Vater sie da, »doch die Kosten einer so dicken Lüge! Übrigens würde auch das an meinem Entschluß nichts ändern ...«

»Lieber Vater, glauben Sie mir und setzen Sie mich nicht der Wut eines Mannes aus, der sich vor Zorn nicht mehr kennen wird, wenn er sich so grausam betrogen sehen wird!«

»Um so schlimmer für Sie: Es tut mir wirklich leid, aber darum bewillige ich doch keine Minute Aufschub. Sie stürzen mich in Verzweiflung ... So erfahren Sie denn, daß Sophie ...« »Sich töten wird? Das ist nicht mehr Mode ...« »In denselben interessanten Umständen ist, wie ich.« »Ich will es wohl glauben, habe aber jetzt anderes zu tun, als solche Faselei noch weiter anzuhören. Gehen Sie auf Ihr Zimmer und lassen Sie mich in Ruh!«

»Grausamer Rabenvater!«

»Warum so handeln tat er? ... Du siehst, ich mache schon Verse! Laß' deinen Vorwürfen und Klagen freien Lauf und laß' deine Tränen fließen, aber sei mir gefälligst gehorsam. Ich schwöre dir, es muß sein! Du besitzt Geist, Viktoria, wenn du nur die Hälfte davon darauf verwendest, deinen Gemahl in Raserei zu versetzen, dann bist nicht du am meisten zu beklagen!«

Bei den letzten Worten führte er sie an die Tür und übergab sie den Händen ihrer Zofe, die sie schon erwartete.

So war auch die letzte Hoffnung geschwunden, und die Mädchen mußten sich in ihr Schicksal fügen. Fräulein Ruffier wollte noch das letzte versuchen und dem Beispiel Viktorias folgen, indem sie am Abend ihrem Vater erklärte, daß diese sich ebenfalls in der gleichen Lage, wie sie, befände. Aber die arme Sophie wußte nicht, daß sich die Väter inzwischen bereits gesehen und über die vermeintliche List Viktorias viel gelacht hatten. so hatte also auch die Enthüllung dieses Geheimnisses nicht den geringsten Erfolg, im Gegenteil die Väter trafen nun alle Vorkehrungen, daß die jungen Mädchen bis zur Hochzeit weder unter sich noch mit ihren Geliebten wieder zusammenkommen konnten.

Endlich war der verhängnisvolle Tag gekommen. Die beiden Opfer wurden geschmückt und nach den fürchterlichsten Drohungen an den Altar geschleppt. Sie sagten weder ja noch nein, wer aber schweigt, willigt ein, ist ein alter Grundsatz, selbst bei dieser wichtigsten aller Zeremonien im Leben. Der Lärm der Hochzeitsfeier konnte ihren Kummer nicht verscheuchen, aber sie schluckten ihre Tränen hinunter.

Die jungen Frauen waren gezwungen, ihr Schicksal hinzunehmen, und schienen nach acht bis zehntägiger Ehe ziemlich ruhig geworden zu sein. Man erlaubte ihnen daher, sich zu besuchen und so lange, wie sie wollten, bei einander zu bleiben. Sie verließen sich beinahe nicht mehr.

Inzwischen näherten sie sich aber mehr und mehr einer anderen Katastrophe. Sie hatten zwar ihren Fehltritt eingestanden, aber man hatte ihnen keinen Glauben geschenkt. Sie waren in großer Verlegenheit, verzweifelten aber nicht, bei gemeinsamem Vorgehen einen Ausweg zu finden, wie sie ihren Männern ihre Niederkunft verheimlichen konnten. Sie arrangierten die Dinge mit großer Schlauheit, besonders legte Viktoria große Intelligenz an den Tag. Sie war auch mehr Herrin ihrer selbst, da sie sich weniger betrübte, als Sophie. Seitdem sie sich mit ihrer Lage abgefunden hatten, wurden sie von ihren Männern sehr gut behandelt, ja man kann sagen, angebetet. Wenn aber Liebe von jemandem kommt, den man haßt, so werden die Qualen nur vermehrt. Man bewilligte ihnen alles, was sie verlangten, beschränkte sie nur einigermaßen in ihrer freien Bewegung. Da Sophiens Zustand am meisten vorgeschritten war, wurde beschlossen, daß Viktoria erkranken und von ihrer Freundin Tag und Nacht gepflegt werden sollte. Alles gelang nach Wunsch. Man gewann den Arzt, und als die Krisis herannahte, wußte Viktoria geschickt den Prokurator aus dem Hause zu schaffen. Sophie genas bei ihrer Freundin eines schönen Jungen, der sofort einer Amme übergeben wurde. So hatte niemand von der Niederkunft Sophiens auch nur die geringste Ahnung. Sie blieb noch einige Tage im Hause ihres würdigen Vaters – der zweifellos ein Auge zudrückte – unter dem Vorwande eines Unwohlseins, das sie sich durch die unermüdliche Pflege ihrer Schwiegermutter zugezogen hätte.

Dieser glatte Erfolg ermutigte Madame Ruffier, die zwei Monate später ihrer Niederkunst entgegensah. In der Zwischenzeit erholte sich Sophie vollends und konnte nun ihrer Schwiegertochter Viktoria den gleichen Dienst leisten. Diese genas im Hause ihres Vaters eines kräftigen Mädchens. Der Notar hatte etwas gemerkt und wurde sehr nachdenklich, doch wollte er nicht herausplatzen und seine Tochter unglücklich machen. Nur suchte er sich über den Zustand seiner Frau Gewißheit zu verschaffen. Zum Glück hatte man alle Vorkehrungen getroffen, damit keine Spuren hinterblieben, so daß Meister Hymète seine Hausehre für intakt halten konnte. Daß seinem Schwiegersohn-Schwiegervater das kleine Unglück passiert war, war ihm herzlich gleichgültig.

Die beiden schönen jungen Frauen hatten sich, solange die Furcht der Entdeckung über ihren Häuptern schwebte, sehr klein gemacht. Sie wußten, daß die Welt heimliche Fehltritte verzeiht und nur unerbittlich ist, wenn der Skandal in die Öffentlichkeit tritt. Als sie aber nun gegen jede Katastrophe geschützt waren, da waren sie nicht mehr so leicht zu behandeln. Sie eroberten ihre volle Freiheit zurück und genossen derselben. Ihre beiden Geliebten, die sich inzwischen selbständig niedergelassen hatten, wurden trotz dem heftigen Einspruch ihrer Ehemänner von den jungen Frauen ins Haus gezogen. Man machte Ausflüge aufs Land, oft in Abwesenheit der Ehemänner, und warf das Geld für Vergnügungen hinaus. Die alten Ehekrüppel mußten alles hinunterschlucken, nicht ohne sich zu beklagen, was jedoch vergeblich war.

Nun geschah es, daß die beiden Frauen wieder in interessante Umstände kamen. Die Freude der alten Herren darüber war unbändig und machte sie gegen ihre Frauen nachsichtiger. Sophie genas eines Mädchens und Viktoria eines Knaben. Die schwächlichen Früchte einer widerwillig eingegangenen Ehe waren nicht lebensfähig, worüber sich indessen die Mütter trösteten. Beide kamen zugleich auf den Gedanken, die gesunden, kräftigen Kinder ihrer Liebhaber gegen die Wesen, die der Tod ihnen entriß, auszutauschen. Der Sohn Sophiens wurde an Stelle des verstorbenen Kindes Viktorias gesetzt, und als die Tochter Meister Hymètes verblichen war, schob man geschickt die Tochter Madame Ruffiers unter. Die Sache ließ sich leicht machen, da man die Kinder vorher auswärtigen Ammen übergeben hatte. so wußten nur die beiden Mütter um dieses Geheimnis. Nun atmeten die beiden Frauen erst auf. Ihre Liebhaber wurden in das Geheimnis eingeweiht. Sie waren glücklich, sich als Väter zu sehen, und versprachen, unverheiratet zu bleiben und ihr ganzes gegenwärtiges und kommendes Vermögen den Kindern zuzuwenden. Die beiden Frauen waren jetzt ganz Herr im Hause und führten ihre alten Männer am Gängelbande. So weit wäre alles gut gewesen, und die jungen Frauen hatten vielleicht noch nichts allzu Böses angerichtet. Wenn aber einmal eine Frau anfängt, sich schlecht aufzuführen und die heiligsten Gesetze der menschlichen Gesellschaft zu verletzen, dann halten bald alle anderen Laster ihren Einzug. Die jungen Frauen entschuldigten sich mit dem ihnen angetanen Zwang und warfen sich als Richter in ihrer eignen Sache auf. Sie hörten auf niemand und entschädigten sich für die Vergangenheit auf Skandalöse Weise, indem sie zu ihren Geliebten nunmehr ganz offen in ein verbrecherisches Verhältnis traten, worüber ihre Ehemänner allein in Unkenntnis waren. Aber der Schleier wird fallen, und die Schuldigen werden bestraft werden, die einen durch die anderen. So will es nicht der Zufall, so wollen es die ewigen Gesetze, die stets wie ein schneidendes Schwert an einem Haare über dem verbrecherischen Haupte dessen hängen, der sie verletzt. Die Gewohnheit des Lasters macht unbesonnen, man nimmt sich nicht mehr in acht, denn es wird auf die Dauer langweilig, immer Vorsicht zu üben. Eines Tages ließ Viktoria einen Brief ihres Galans folgenden Inhalts auf dem Tisch liegen:

»Liebe Freundin,

»Ich habe die Kinder Deinem Wunsche gemäß gesehen, sie sind reizend, und man sieht, daß es Kinder der Liebe sind. Ich glaube, man könnte sie wohl nach Paris bringen. Sie sind jetzt vier Jahre alt, und ich fürchte, daß ein weiterer Aufenthalt auf dem Lande ihrer geistigen Weiterentwicklung nicht förderlich sein würde. Sie sind sehr fein gebaut, fangen aber an, bäuerische Haltung anzunehmen, was man nach meinen Beobachtungen später nur sehr schwer wieder los wird. Ich denke, die beiden Untiere werden nie etwas von der Sache erfahren und stets die Kinder für die ihrigen halten. Ihr müßt vor ihnen, wenn die Kinder kommen, Eure Freude über das gute Fortkommen der teuren Früchte unserer Liebe äußern. Unsere Liebesbande haben die Barbaren getrennt! Der Himmel hat sie dafür doppelt gestraft: wir besitzen Eure Herzen und haben dazu noch das Vergnügen, sie unsere Kinder aufziehen zu lassen , nicht daß wir diese Verpflichtung nicht mit Freuden auf uns nähmen, sondern weil es bisweilen scherzhaft sein wird, zu sehen, wie die beiden Werwölfe die Kleinen liebkosen, die sie doch erwürgen würden, wenn sie wüßten, wer sie wären. Ich denke, der notwendige Umtausch Eurer Kinder wird für Euch keine Entbehrung sein, denn Ihr seht Euch ja alle Tage. Übrigens könnt Ihr sie ja auch, so oft Ihr wollt, umtauschen und dadurch für einige Zeit jede ihr eignes Kind bei sich haben. Adieu, Geliebte, Angebetete ... Die Henker haben nichts gewonnen! Wir lieben uns, wir genießen, und ihnen versagt Ihr alles ... Verzeih mir, süße Närrin, diesen kleinen Rachezug. Ich bin mit Leib und Seele ganz der Deine

»Marcadin, C. ch. R. N. au C***«

Meister Ruffier, der eifersüchtigste und sanguinischste der beiden alten Herren, fand diesen Brief, der an seine Frau adressiert war, zwei Monate später, als er geschrieben worden war, nachdem also die Kinder bereits zur allgemeinen Freude bei ihren Müttern waren. In der ersten Erregung wollte er furchtbare, grausame Rache nehmen, und schwarze Gedanken überkamen ihn, als die kleine Sophie ihn liebkoste und ihn ihren lieben Papa nannte, wie sie es immer tat. Er wollte sie mit Abscheu zurückstoßen, da fiel ihm ein, daß das Kind wirklich Sophiens Kind, mithin seine Enkelin sei, sein Zorn legte sich mit einem Schlage, Tränen stürzten ihm aus den Augen, und sein fühlloses Herz empfand zartere Regungen. Sein eigenes Enkelkind vernichten? Lieber wollte er auf seine Rache verzichten. Aber der fatale Brief vergiftete darum nicht weniger den Rest seiner Tage. Immer wieder fiel ihm das Eingeständnis seiner Tochter ein und wie sie ihn vor der Heirat gewarnt hatte. Diese traurigen Gedanken beschäftigten ihn beständig, stimmten ihn düster und machten ihn bisweilen rasend. Oft sah er mit Wut seinen vermeintlichen Sohn an, wenn er ins Haus kam oder wenn er ihn bei Hymète antraf, und häufig geriet er in die Versuchung, ihn zu erwürgen, anstatt ihn zu liebkosen. Zuletzt konnte er es nicht mehr ertragen, daß sein Schwiegersohn-Schwiegervater glücklicher sein sollte als er, und hatte die Grausamkeit, ihn aus seinem Irrtum zu ziehen, indem er ihm den verhängnisvollen Brief zeigte. Meister Hymète geriet in kaum geringere Wut, als sie seinen Freund gepackt hatte, und klagte noch dazu diesen an, er sei an ihrem gemeinsamen Unglück schuld. Nach unnützem Hin- und Herstreiten und reichlichen Vorwürfen sagte Ruffier endlich zum Notar:

»Es scheint, daß wir unserem Schicksal nicht entgehen konnten und dazu geschaffen waren, zweimal das zu werden, was wir sind ... Wir haben, das gebe ich zu, eine große Dummheit begangen, ich habe, das gebe ich auch zu, zuerst diesen Gedanken gehabt: wir haben mit unserer Gewalt über zwei junge Mädchen, die von uns abhingen, Mißbrauch getrieben, wir haben sie zum Gehorsam gezwungen und sind nun dafür bestraft worden, so weit wäre alles in Ordnung, wenn wir die Sache als Philosophen betrachten. Andere Ehemänner als wir könnten etwas zur Ordnung der Dinge beitragen, indem sie nun auch ihre Weiber bestraften, wir aber sind dieses Vorzuges verlustig gegangen durch unser sonderbares Arrangement, das uns gegenseitig zu unseren Schwiegersöhnen-Schwiegervätern macht. Denn wen würden wir bestrafen? Unsere Töchter und unsere Enkelkinder! Ich denke daher, es wäre das beste, die ganze Geschichte zu begraben. Was meinen Sie?«

»Sie haben recht, soweit es diesen Punkt angeht. Aber die beiden Galane sollten wir nichtsdestoweniger büßen lassen!«

»Damit bin ich einverstanden.«

»Wir müssen suchen, sie zu erwischen.«

»Das wird nicht schwer sein! ...«

Und die beiden Ehemänner trafen demgemäß ihre Anordnungen, um die Pärchen in derselben Falle zu fangen.

Als wieder mal ein Ausflug aufs Land nach einem Landhäuschen, das dem Galan Sophiens gehörte, verabredet wurde, stellten sich die Ehemänner krank und wiegten dadurch ihre Frauen in Sicherheit. Als die Pärchen sich auf den Weg gemacht hatten, folgten sie ihnen in Begleitung von fünf oder sechs kräftigen Männern. Sie trafen gegen zehn Uhr abends beim Landhause ein, schlichen sich dank der Dunkelheit durch den Garten bis zu den Fenstern des Salons und erblickten die beiden Paare bei Tisch sitzend und in doppeltem Rausch des Weines und der Liebe versunken. Sie konnten alles sehen und hören, was im Inneren vorging und gesprochen wurde, zumal die vier Leutchen in ihrem Sicherheitsgefühl sich nicht genierten.

»Ein reizendes Fest!« hörten sie den Liebhaber Viktorias sagen,

»Entzückend!« sie erwidern, »wenn die Kinder noch da wären, wäre der ganze Haushalt fertig.«

»Ich für mein Teil«, äußerte Sophie, »fühle mich, ihr könnt sagen, was ihr wollt, doch nicht recht glücklich, denn schließlich begehen wir doch eine schwere Sünde.«

»Eine Sünde?« rief da ihr Liebhaber, »du bist wirklich recht gescheit, dich mit solchen Gedanken zu quälen! Das ist dein einziger Fehler, liebste Sophie, ohne ihn wärest du auch zu vollkommen, du reizendes, liebes, kleines Geschöpf, das so ganz von wirklicher Ehrsamkeit erfüllt ist, gegen die es immer zu fehlen glaubt ...«

»Es ist wahr,« unterbrach ihn Viktoria, »sie ist immer traurig und stimmt auch mich oft traurig. Aber was tun wir denn Böses? Ihr seid unsere richtigen Ehemänner, die Väter unserer Kinder, die Gatten, die wir uns gewählt und denen wir uns hingegeben haben. Man hat uns sozusagen aus euren Armen gerissen, um uns Männern auszuliefern, die uns dadurch verhaßt wurden, während sie doch, wenn sie gewollt hätten, unsere ganze Liebe und Achtung hätten haben können.«

»Ich möchte dich nur eins fragen,« bemerkte Sophie, »welchem ehrbaren Mädchen könntest du vorschlagen, unserem Beispiel zu folgen?«

»Allen.«

»Du würdest ihnen also sagen: gebt euch dem Geliebten hin, zeugt mit ihm ein Kind, heiratet dann einen anderen – gezwungen, will ich zugeben – und setzt dann das Verhältnis mit dem Geliebten fort, unter schiebt ... Ach! Viktoria! Was für schändliche Dinge, welche Sünde! ...«

»Verbiete ihr doch den Mund,« sagte da der Liebhaber Viktorias zu seinem Freunde, »sie muß uns auch jeden lustigen Ausflug mit ihren Ideen verderben!«

»Mir benimmt sie auch die Laune,« bestätigte Viktoria, »auch ich glaube, daß sie recht hat, aber ist es jetzt noch Zeit zu solchen Überlegungen? Die Würfel sind gefallen, die Ehre ist verloren, retten wir wenigstens unsere Liebe.«

»Die Ehre verloren?« mischte sich der Liebhaber Sophiens ein, »Sie gehen ja, verehrte Freundin, noch weiter als meine teure Gefährtin: sie ist ängstlich, verschüchtert, ich ehre ihre Gewissensbisse. Aber Sie, Schöne Viktoria, politisieren über die Reue, Sie denken wirklich, wir seien fähig gewesen, Ihnen die Ehre genommen zu haben! Da müßten wir doch in Ihren Augen Elende sein! Wie? teuerste Sophie, ich, der ich dich im Grunde meiner Seele hochschätze und ganz von Achtung für dich durchdrungen bin, ich sollte ... Ach, Sophie, wir haben gewiß die Gesetze der Gesellschaft übertreten, das gebe ich zu, aber das Unrecht, das man uns zugefügt, hat uns dazu getrieben. Der Mord ist ein Verbrechen, das mit Recht durch die Gesetze bestraft wird, wenn er aber in der Notwehr begangen wird, dann schweigt das Gesetz, macht die Augen zu und bestraft nicht. Und in diesem Falle befinden wir uns!«

»Das heiße ich vernünftig urteilen!« rief der Geliebte Viktorias, »und ich glaube nicht, liebe Freundinnen, daß es dagegen etwas einzuwenden gibt!«

»Auch mir scheint es so,« bemerkte Viktoria.

»Und ich halte es für einen Sophismus,« sagte Sophie, »ich lasse mich durch nichts überzeugen, wenn es sich um Verletzung der guten Sitten handelt. Ich denke, es ist schon genug, wenn man sich durch seine Herzensgefühle und die Umstände fortreißen läßt, da braucht man sich nicht noch seine Seele durch falsche Grundsätze verderben lassen! Liebe Viktoria, wir beide waren dazu geschaffen, als ehrbare Frauen zu leben.«

»Und wir sind es, meine Liebe,« erwiderte ihre Freundin, sie umarmend, »denn haben wir jemals gegen unsere wirklichen Gatten auch nur in Gedanken gesündigt? Machen wir sie nicht durch unsere Liebe und Treue glücklich? Sind wir ihnen nicht ganz ergeben?«

»Das beruht auf Gegenseitigkeit,« bemerkten die Männer.

»Ja gewiß, aber ... wir sind gezwungen, unsere Handlungen und Gefühle zu verbergen! Die Freude, unser Glück öffentlich zur Schau zu tragen, ist uns versagt! Und wir sind genötigt, wir Unglücklichen, es vor unseren besten Freunden, sogar vor unseren Vätern zu verheimlichen! Wie groß muß doch unsere Liebe für euch sein, um ihr alles zu opfern!«

»Oh! Wie glücklich wären wir geworden!« rief da der Geliebte Sophiens, »wären die Unmenschen nicht gewesen, die zwischen uns getreten sind! ... Aber warum vertiefen wir uns in so trübe Gedanken! Laßt uns fröhlich sein, herbei mit der Freude und Liebe und selbst ein wenig Ausgelassenheit!«

Und zugleich begann er ein lustiges Lied anzustimmen, dessen Inhalt die Traurigkeit bannte und selbst auf den Lippen Sophiens wieder ein Lächeln hervorrief. Bald waren alle Skrupeln vergessen, und die Liebenden gingen daran, sich gegenseitig Beweise ihrer Zärtlichkeit zu geben.

Auf diesen Augenblick hatten die Alten gewartet. Sie stürzten plötzlich in den Salon, die Männer, die sie begleitet hatten, ergriffen die beiden Liebhaber und fesselten sie, während die jungen Frauen, dem Brauche gemäß, vor Schrecken in Ohnmacht fielen. Man schleppte die Opfer fort und tauchte sie auf Befehl der Ehemänner bis zum Munde in einen Fischweiher. Man befand sich im Herbst, und es war, besonders nachts, schon ziemlich kalt. Vier Männer hielten sie in dieser Lage, während die anderen mit den Vätern den Damen zu Hilfe eilten. Letztere kamen bald wieder zu sich, aber nur, um in die höchste Verzweiflung zu verfallen. Sie waren vor Schande und Schmerz außer sich.

»Fürchtet nichts,« beruhigte sie Meister Ruffier, »Ihr seid schon genug bestraft. Auch vergessen wir nicht, daß ihr unsere Kinder seid, obwohl ihr untreue Frauen seid. Wir wollen euch verzeihen, wenn ihr versprecht, euch in Zukunft musterhaft aufzuführen und unsere Nachsicht rechtfertigen zu wollen. Seid versichert, daß wir, wenn wir noch einmal von vorn anfangen könnten, euch euren Geliebten geben würden. Wir sind auf unsere Kosten klug geworden und haben die Erfahrung gemacht, daß es nicht genügt, wenn in der Ehe nur einer liebt ... Was dich betrifft, Sophie, so begreifen wir nicht, wie du mit deinen Ansichten dich ebenso schlecht aufführen konntest, wie deine Freundin! Gehe noch einen Schritt weiter und sei deiner selbst würdig.«

Zu gleicher Zeit reichten die Männer ihren Frauen die Hände. Diese fielen ihnen zu Füßen, baten um Verzeihung und versprachen, sich in Zukunft tadellos aufzuführen.

Damit schien die Sache beendet, aber sie hatte noch ein Nachspiel. Es war den beiden Galanen, die in ihrem Bade vor Kälte zitterten, gelungen, die Männer, die sie hielten, für sich zu gewinnen. Diese zogen sie aus dem Wasser. Sie kleideten sich eiligst an und stürzten in den Salon, wutentbrannt und gerade in dem Augenblick, als die halbversöhnten Ehemänner mit ihren Frauen den Salon verlassen wollten, um nach Paris zurückzukehren. Sie warfen sich auf die alten Männer, entkleideten sie, fesselten sie und ließen ihnen, ohne Rücksicht auf das Bitten und Flehen der Frauen, dieselbe Behandlung zuteil werden, die sie soeben erlitten hatten.

»Jeder nach der Reihe!« war ihr steter Refrain. Die Männer, die sie mitgebracht hatten, waren die einen für, die anderen gegen sie, daher ohnmächtig, ihnen zu Hilfe zu eilen. Nachdem die jungen Leute ihr Mütchen gekühlt hatten, wollten sie mit den Frauen in den Salon zurückkehren. Diese aber waren empört und weigerten sich, ihnen zu folgen. Sie banden ihre Männer los und kehrten mit ihnen zusammen nach Paris zurück.

Das Abenteuer war für die vier Helden desselben verhängnisvoll. Die jungen Leute erkrankten an den Folgen eines solchen kalten Bades nach dem Essen schwer. Der eine genas erst nach langer Zeit, während der andere, der Geliebte Sophiens, der Krankheit erlag. Die beiden alten Herren gingen danach, der eine an Rheumatismus, der andere an Lungenkatarrh, zugrunde.

Die beiden jungen Witwen können sich noch heute nicht von ihrem Schrecken erholen und leben mit ihren Kindern in stiller Zurückgezogenheit. Sie weigern sich hartnäckig, den einzigen Überlebenden der vier wiederzusehen. Sie sind fromm geworden, und besonders Sophie führt einen musterhaften Lebenswandel.

Verehrter Leser, ich kenne einen Mann von 55 Jahren, der äußerst häßlich ist und verzerrte Augen hat. Er hat sich soeben mit einem Mädchen von 15 Jahren verheiratet. Er meint, sie vergöttere ihn, weil er sie anbetet: Glaubst du es? ... Ich auch nicht!

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