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Nicolas Edmonde Rétif de la Bretonne: Zeitgenössinnen - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorRetif de la Bretonne
titleZeitgenössinnen
subtitleAbenteuer hübscher Frauen
publisherGeorg Müller
volumeBand 1 + 2
yearvor 1916
translatorHeinrich Conrad
correctorhille@abc.de
senderreuters@abc.de
created20060228
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Das Modell

In der Rue Saint-Germain-l'Auxerrois, nahe am Fort l'Evêque, lebte eine arme Frau mit einer Tochter, die schön war, wie die Grazien. Der Hauptreiz der kleinen Genoveva Bignicour bestand in ihrem kindlichen, unschuldigen Gesichtsausdruck, der sie ganz geeignet erscheinen ließ, als Modell für das Antlitz der Jungfrau Maria zu dienen, oder mit einem Kopftuch umhüllt eine entzückende Nonne darzustellen. Ihre Mutter, eine arme Näherin, hatte aber lange Zeit keine Ahnung von diesen Eigenschaften ihrer Tochter. Genoveva war ungefähr 12 Jahre alt, sie ging, kam, machte Besorgungen, und so geschah es öfters, daß ihr hübsches Gesichtchen, ihr schlanker Wuchs und ihre Unschuldsmiene ihr Angriffe zuzogen. Da sie aber sehr flink war, so entzog sie sich solchen stets leicht durch die Flucht.

Nicht weit von der Wohnung Genovevas entfernt bewohnte in der Rue Béthisi ein junger Maler ein möbliertes Zimmer. Er hieß Dutertre, hatte großes Talent und ein sehr feuriges Temperament. Eines Tages bemerkte er die kleine Näherin, die auf dem Nachhausewege war.

Er war von ihrer Anmut so betroffen, daß er wünschte, ihre Bekanntschaft zu machen, ohne dabei an Gelüste und Liebesgefühle zu denken. Er sollte gerade für den Herzog von ** ein galantes Bild, Corisandra, ausführen. Er folgte ihr, sah sie ins Haus treten und ging ihr nach. Sie betrat ein Zimmer im vierten Stock, er ebenfalls, er bemerkte sogleich, daß er sich bei einer Näherin befand, und sagte zu der Mutter:

»Sie machen Kleider?«

»Ja, mein Herr.«

»Dann bin ich hier wohl richtig. Ich möchte gern für meine Schwester, die auf dem Lande wohnt, eine hübsche Polonaise aus indischer Baumwolle anfertigen lassen. Meine Schwester ist 13 bis 14 Jahre alt ... Ah! Das trifft sich gut: sie hat ungefähr dieselbe Figur, wie das junge Mädchen da! ... Welches wäre der Preis?«

»Zehn Ellen, fünf Franken die Elle ... Sie wollen doch etwas Nettes?«

»Ja, aber nicht zu teuer.«

»Macht 50 Franken, das Futter könnte man im Saintesprit nehmen ... Also sagen wir drei Louis.«

»Nicht etwas billiger?

»Unmöglich, denn zum indischen Stoff gehört ein gutes Futter. Oder nehmen sie Südfranzösisches Linnen, das braucht nicht gefüttert zu werden.

»Hier haben sie einen Louis, morgen bringe ich den zweiten, den dritten werde ich Ihnen bei der Ablieferung bezahlen.«

»Besseres kann ich mir nicht wünschen! Aber wie soll ich Maß nehmen?«

»Nehmen sie das Ihrer Tochter und tun sie ganz, als ob das Kleid für sie wäre.«

»Gut. Junge Mädchen in dem Alter sind ziemlich eins wie das andere.«

»Wollte Gott, es wäre so!«

»Sie sind nicht meiner Ansicht, mein Herr?«

»Nein, meine liebe Frau, denn wenn dem so wäre, so säße ich augenblicklich nicht in einer großen Verlegenheit.«

»Wieso?«

»Weil ich ein Modell für ein interessantes Bild brauche und nicht finden kann. Ich bin Maler, bin nicht reich und muß daher bei der Wahl eines hübschen Modells leider an meine Börse denken.«

»Nun, ich werde arbeiten, als ob die Bestellung für meine Tochter wäre.«

»Tun sie das. Adieu Madame, ich werde dabei sein, wenn sie ihr das Kleid anproben.«

Dutertre wollte bei seinem ersten Besuch sich nicht zu weit vorwagen, er fürchtete, abgewiesen zu werden. Als er aber draußen war, kam ihm ein glücklicher Gedanke: »Wie wär's, wenn ich mich erböte, die hübsche Kleine zu malen? Ich würde dann ihr Bild unter dem Vorwande, es sei noch nicht fertig, bei mir behalten ... Das werde ich morgen abzumachen versuchen. Da ich ja keine Schwester habe, kann sie das Kleid für ihre Mühe behalten.«

Am folgenden Tage brachte der Maler der Näherin den zweiten Louis. Der Stoff war bereits gekauft, und die schöne Genoveva stand im Schnürleib da, um sich Maß nehmen zu lassen. Ihr Wuchs war tadellos, Dutertre nahm seinen Bleistift zur Hand und begann zu zeichnen.

»Sie erlauben, liebe Frau, daß ich eine kleine Skizze mache?«

»Mit Vergnügen, mein Herr ...«

Nach einigen Minuten zeigte er die Zeichnung: es war Genoveva, wie sie leibte und lebte.

»Das ist ja meine Tochter.«

»Ganz recht, Madame. Aber ich möchte Ihnen gern ihr Bild schenken! Wenn das Fräulein mir diese Woche einige Stunden sitzen will, dann hoffe ich, wird ihr Porträt mir gelingen.« Und sich zur Mutter wendend, fügte er leise hinzu: »Wenn es mir nicht gelingt, so beweist das nur, daß Sie, Madame, eben geschickter waren, als alle Maler, denn sie haben die Natur übertroffen.«

Die Bignicour war schnell damit einverstanden, daß der junge Künstler das Porträt ihrer Tochter malte, und die erste Sitzung fand sofort am gleichen Tage statt, weil Dutertre schon eine Leinewand mitgebracht hatte. Er ging mit solchem Eifer an die Arbeit, daß das Bild am ersten Tage in seinen Umrissen fertig wurde, und daß es ganz beendet war, als auch das Kleid fertig war. Er zahlte den dritten Louis, nahm aber das Kleid unter dem Vorwande, er habe noch keine Gelegenheit, es zu schicken, noch nicht mit. Aber das Bild nahm er mit nach Hause und gab seiner Corisandre den Kopf Genovevas. Er war so schön geworden, daß er damit sogleich zum Herzog eilte, nachdem er den Rest des Bildes nur skizziert hatte. Der Herzog war überrascht von so viel Schönheit und fragte den Maler:

»Wie war es möglich, daß Sie so tadellose Züge erfinden konnten.«

»Es sind die Züge eines Porträts, das man mir geliehen hat.«

Der Herzog wurde nicht müde, das Bild zu bewundern, und äußerte schließlich:

»Lieber Freund, Sie müssen das Original auffinden und auch den Körper zum Modell zu bekommen suchen, denn sonst wird es Ihnen nicht gelingen, etwas hervorzubringen, was zu diesen Reizen paßt.«

»Herr Herzog, das ist leider nicht möglich. Das Original war ein junges Mädchen, das vor sechs Monaten gestorben ist. Man hat das Bild aus der Wohnung der Eltern entfernt, bis ihr erster Schmerz sich etwas gelegt hat.«

»Nun, dann nehmen sie eine andere Leinewand für Ihr Bild und lassen sie mir den Kopf da. Sie können ihn ja nach Ihrer Fantasie wieder malen, wie auch den Körper dazu erdenken, so daß Ihr Werk dann ein harmonisches Ganzes darstellt.

Dutertre ließ also dem Herzog den Kopf und fing am folgenden Tage das Bild von neuem an. Aber nach den ersten Strichen fühlte er, daß er schwerlich imstande sein werde, die schönen Formen Genovevas wiederzugeben. Er hörte daher auf und dachte nach.

»Wenn ich sie als Modell haben könnte ...! Das wird aber die Mutter nie zugeben ...; sie selber noch weniger ... Doch ich will mit der Mutter sprechen. Was wage ich dabei? Abgewiesen zu werden! Nun schön, wenn ich aber nicht spreche, bin ich auch nicht weiter. Darauf faßte er seinen Entschluß und begab sich zur Näherin. Genoveva war gerade mit einem kleinen Lehrmädchen ausgegangen, und die Bignicour war allein zu Häufe.

»Sie wissen ja, liebe Frau, daß ich Maler bin,« redete er sofort auf sie ein.

»Gewiß, und ein ganz ausgezeichneter!«

»Sie haben es in der Hand, es mir zu ermöglichen, ein Meisterwerk zu schaffen. Ich habe für einen Herren bei Hofe ein Bild zu malen, wozu ich ein junges Mädchen brauche. Sie müssen darin einwilligen, daß Fräulein Genoveva mir als Modell dient.«

»Du lieber Gott, ich habe nichts dagegen.«

»Sie willigen ein?«

»Gern.«

»Was wird aber Ihre Tochter dazu sagen? Wird sie wollen?«

»Warum nicht? Übrigens habe ich sie zum Gehorsam gegen mich erzogen.«

»Sie erfüllen mein Herz mit Freude, Frau Bignicour! seien sie versichert, daß ich Ihnen, sobald ich den Preis für das Bild erhalte, reichlich meine Erkenntlichkeit bezeigen werde,«

»Ich handle nicht aus Interesse. Wenn ich reicher wäre, könnten sie versichert sein, daß Ihnen Genoveva so viel sitzen würde, wie Sie wünschten, hier natürlich in meinem Beisein, denn ich werde ja meine Tochter nicht mit einem jungen Manne allein lassen.«

»Das versteht sich. Aber kommen sie beide lieber zu mir, wo ich alles nötige zur Hand habe. Werden Sie mich auch darin unterstützen, das Modell Stellungen einnehmen zu lassen, die ein bescheidenes, schüchternes junges Mädchen mir vielleicht verweigern würde?«

»Gewiß. Da der Zweck ein ehrenwerter ist, bin ich zu allem bereit.«

»Sie sollen beide für ihre Mühe reichlich entschädigt werden. Setzen sie Ihren Preis fest, ich werde nicht abhandeln. Und wenn sie selbst den vollen Preis verlangen würden, den ich für das Bild bekomme, so würde ich dabei noch gewinnen, da das Werk mich bekannt machen wird.«

Als Genoveva zurückkam, sprach die Mutter ihr von dem Vorschlag des Malers und brachte sie dahin, daß sie ihre Einwilligung gab. Dutertre war außer sich vor Freude und sagte zu dem jungen Mädchen:

»Mein Fräulein, finden sie das für meine Schwester bestimmte Kleid schön?«

»Es ist reizend.«

»Dann behalten sie es, bitte. Ich habe gar keine Schwester und wollte mich durch die Bestellung nur auf eine anständige Art und Weise bei Ihnen einführen. Ich rechnete darauf, daß es schließlich doch Ihnen gehören würde, und ließ es daher nach Ihrem Maß und Ihrem Geschmack anfertigen.«

Genoveva war über das Geschenk sehr erfreut, und man setzte Tag und Stunde der ersten Sitzung fest.

Den übernächsten Tag stellten Mutter und Tochter sich zur verabredeten Stunde im Atelier des Malers ein. Genoveva hatte ihr neues Kleid angezogen und sah darin wirklich entzückend aus.

»Sehen sie nur, wie das Kleid ihr steht,« bemerkte die Näherin, »Sie haben da vielleicht ein schöneres Modell, als sie sich selbst vorgestellt haben.«

»Wahrhaftig, Fräulein ist ganz reizend ... Doch alles ist bereit. Ich will erst noch ein wenig am Kopf verbessern, der nicht so schön ist, wie das Original ...«

»Ah! Herr Dutertre, welch schönes Bild! ... Machen sie nichts mehr daran! Sie würden es nur verderben!«

»Ich muß ihm noch das reizende Lächeln und die bescheidene, liebliche Röte der schönen Genoveva geben ... Sehen sie jetzt, was sagen sie nun?«

»Sie hatten recht! Nun und jetzt? Was werden Sie nun vornehmen?«

»Den Körper.«

»Richtig. Nun, Kindchen, halt dich hübsch gerade. Was machen sie da?«

»Ich warf die Umrisse der Stellung auf die Leinewand, um das Fräulein weniger lange zu belästigen ...«

»Ich sehe nur weiße Striche.«

»Jetzt, liebe Frau, muß Ihre Tochter die Stellung einnehmen.

»Wie soll sie sich halten?«

»Ja, beste Frau Bignicour, sie muß ihr Kleid ausziehen.«

»Ihr Kleid? Im Mieder also?«

»Ja, ziehen sie ihr das Kleid nur aus ... und nun das Mieder auch.«

»Das ist aber doch etwas stark, Herr Dutertre!«

»Meine liebe Frau Bignicour, denken sie an das, was ich Ihnen sagte: ich bekomme für das Bild 25, vielleicht 50 Louis!«

»Für dieses Bild da?«

»Gewiß!«

»Sie haben einen schönen Beruf gewählt! Denn sie können alle Jahre gewiß so ein Dutzend davon anfertigen. So, jetzt ist das Mieder auch weg. Mein Gott, mein Püppchen, wie du zitterst! Er wird dich nicht beißen!«

»Das Häubchen und die Schuhe kann sie auch nicht anbehalten: lassen sie mich ihre Haare arrangieren.«

»Man kann Ihnen nichts abschlagen, Herr Dutertre! ...«

»Nun nur noch eins, liebe Frau Bignicour, man müßte noch ... zum Teil dieses ... Hemd ausziehen...«

»Sagen sie mal, mein Herr Maler, wofür halten sie uns eigentlich? ... Zieh dich wieder an, mein Kind, und für Ihr Kleid danken wir, Herr!«

»Meine einzige Frau Bignicour, ich flehe Sie kniefällig an, lassen sie mich nicht sitzen! Bringen sie mich nicht um mein Bild und meine Zukunft! Reden sie! Was verlangen sie von mir? Ich will Ihnen jedes Opfer bringen.«

»Ich will nichts!«

»Bitte, stellen sie Ihre Bedingungen, tun sie es. Ich kann meinen Weg machen. Jedermann sagt, ich habe viel Talent. Ich bin noch jung. Sprechen sie.«

»Das ist denn doch ein zu starkes Stück, Herr! Sie hätten sich an unsere Nachbarin, die Rosette, wenden sollen. Das und noch Schlimmeres ist ihr Handwerk!«

»Ach, Madame, welchen Schaden würde ihre reizende Tochter erleiden, wenn ...«

»Welchen Schaden? Welchen Schaden? Und wenn man es erfährt, wie man alles erfährt, wer würde sie dann noch wollen?«

»Oh! liebe Frau Bignicour, wenn es nur das ist! Ich, ich selber werde sie heiraten, aber lassen sie mich mein Bild malen!«

»Das ist allerdings etwas anderes! ... Aber geben Sie mir das schriftlich! ...«

»Von ganzem Herzen! Ich habe keine Feder hier, aber ein Bleistift genügt, diktieren sie, was ich schreiben soll.«

»Ich verspreche Fräulein Genoveva Bignicour hiermit die Ehe und erkenne es als richtig an, daß ihre Mutter nur durch dieses Eheversprechen dazu bestimmt worden ist, darin einzuwilligen, daß Fräulein Genoveva mir als Modell diente. Ich verpflichte mich dazu bei meiner Ehre und gebe ihr zum Pfande mein Bild, das Fräulein Genoveva zu vollem Eigentum gehören würde, wenn ich mein Versprechen nicht erfüllte.

Gegeben zu Paris, in meiner Wohnung, Rue Bettisi, am 13. Juni 1774.«

Dutertre schrieb das Eheversprechen nieder und unterzeichnete es. Danach hatte er nur noch die allerdings zahlreichen Schwierigkeiten zu bekämpfen, die das junge Mädchen ihm lange Zeit entgegensetzte. Endlich aber ließ sie sich durch ihre Mutter überzeugen, die ihr vorstellte, daß sie sich ja doch nur ihrem zukünftigen Gatten zeige, verbarg ihr Gesicht in beiden Händen und stellte den Blicken des jungen Malers alles zur Schau, was die Natur ihr an Schätzen zuerteilt hatte.

»Welch eine Vollendung! rief er alle Augenblicke, Sie könnte den Grazien als Modell dienen!« Genoveva suchte mit den Händen einen Teil ihrer Schönheiten zu verdecken, da ihr das aber nur halb gelang, so erhöhte sie dadurch nur den pikanten Reiz dessen, was unbedeckt blieb. Als das Modell und seine Mutter von der Sitzung ermüdet waren, wurde sie aufgehoben, und alle drei gingen zusammen speisen. Es wurde vereinbart, daß bis zur Vollendung des Bildes täglich eine Sitzung stattfinden, und der Erlös aus demselben die Heiratskosten decken sollte.

Obgleich Genoveva in der Tat ein köstliches Geschöpf war, empfand der junge Maler dennoch keine Liebe für sie, sei es, daß er ganz nur mit seiner Kunst und dem Fortschreiten seines Werkes beschäftigt war, oder seine Stunde noch nicht geschlagen hatte. Solange er noch immer an dem Bilde zu arbeiten hatte, dachte er wenig an die Verpflichtung, die er gegen sein Modell eingegangen war. Aber alles nimmt einmal ein Ende, und so die Sitzungen auch. Das Bild war ein Meisterwerk geworden. Außer sich vor freudiger Erregung überbrachte der Künstler es dem Herzoge, dem er meldete, daß es fertig sei.

»Wie? Fertig, ohne daß Sie mich einmal um Rat gefragt haben? ... Das wird etwas Schönes geworden sein! Nun zeigen sie mal.«

Es wurde ins rechte Licht gesetzt. Kaum hatte der Herzog einen Blick darauf geworfen, als er sprachlos vor Entzücken davor stehen blieb. Endlich konnte er dem Künstler nicht anders seine Bewunderung ausdrücken, als, indem er ihn umarmte und äußerte:

»Ein Wunderwerk, mein Lieber, haben sie da geschaffen!«

»Ja, aber es kommt mir teuer zu stehen! Ich habe das Modell nur mittels eines Eheversprechens bekommen können.«

»Das Urbild lebt? ... Da sind Sie wahrhaftig nicht zu beklagen! ... Wollen sie es denn nicht heiraten?«

»Ich habe noch wenig Sinn für die Ehe. Die unangenehmen Seiten derselben können meiner Entwicklung nur schaden. Aber ich habe nun einmal das Versprechen gegeben.

»Ich werde die Sache in die Hand nehmen, mein Bester, lassen sie mich die Bekanntschaft Ihres Modells machen, und ich werde für seine Zukunft sorgen.«

»Oh! Herr Herzog, damit würden sie mir einen unschätzbaren Dienst leisten! Sie ist die Tochter einer armen Arbeiterin.«

»Bei Gott! Ich will sie sehen, Sie müssen mich zu ihr führen.«

»Morgen frühstücken sie bei mir. Sie kommen, um zu hören, ob mein Bild Erfolg gehabt hat, und um weitere Anordnungen zu treffen.«

»Da werde ich auch mitmachen, Kunst und Schönheit ehren jeden Stand! Für das Bild zahle ich Ihnen 6000 Franken, nicht um Sie zu begünstigen, sondern weil es soviel wert ist, ich werde Ihnen die Summe anweisen lassen. Auf morgen also, mein lieber Dutertre... Es ist nicht möglich, daß Ihr Modell so schön ist! Ich schenke ihm die Hälfte seiner Schönheit!«

»Und ich sage, daß Genovevas Schönheit das Werk noch weit übertrifft, Herr Herzog!«

Von seinem doppelten Erfolg beglückt, sprach der junge Maler darauf bei Genovevas Mutter vor, um ihr zu berichten, wie sein Bild aufgenommen worden war, und ihr ans Herz zu legen, beim Frühstück ja nicht zu fehlen.

Gegen 9 Uhr erschien sie pünktlich mit ihrer Tochter. Genoveva, die für die Vorzüge des Künstlers nicht unempfindlich war, hatte eine gewählte Kleidung angelegt: ihre hübsche neue Polonaise, ein damit harmonierendes Kleid, ein niedliches Häubchen, einen durchsichtigen Gazeschleier über ihrem knospenden Busen, elegante Schuhe und Strümpfe, kurz sie strahlte mehr denn je im lieblichen Glanze ihrer siegreichen Anmut. Der Herzog war noch nicht da. Die Damen bereiteten das Frühstück, um zehn Uhr setzte man sich zu Tisch, und der Herzog erschien.

»Oh! Himmel! Der Herr Herzog!«

»Ich ging an Ihrem Hause vorüber und da dachte ich, ich wolle Sie einen Augenblick besuchen. Man erweist sich selbst eine Ehre, wenn man Leute von Ihrem Verdienst aufsucht ... Aber, meine Damen, ich bitte um Entschuldigung! Ich will nicht stören. Doch was sehe ich? Sollte ich mich so täuschen? ...«

»Nein, Herr Herzog. Ich ahne, daß Sie ... Ja, sie ist es«.

»Ich will an Ihrem Frühstück teilnehmen, mein Lieber, Ihre Gäste sind zu sehr nach meinem Geschmack, als daß ich mich ihrer Gesellschaft berauben möchte: ich werde mit der schönsten der Grazien und ihrer Mutter speisen.«

»Gnädiger Herr sind zu gütig,« erwiderte die Bignicour verlegen und entzückt zugleich.

Der Herzog saß bei Tisch zwischen Mutter und Tochter, der er aufs angelegentlichste den Hof machte. Er konnte nicht aufhören, die glückliche Wahl des jungen Künstlers zu bewundern: das war wirklich Corisandre in Person, und eine beseelte Corisandre. Die schöne Genoveva errötete über die Komplimente des Herzogs, die sich beständig auf die Reize bezogen, die er auf dem Bilde gesehen hatte. Sie war damals erst 13 bis 14 Jahre alt. Das Frühstück verlief in heiterster Stimmung, Der Herzog tat sein Bestes dazu, und die Näherin fühlte sich so geehrt, daß sie vor Befriedigung beinahe erstickte. Doch vergaß sie darüber nicht den Eheparagraphen. Beim Ende des Frühstücks kam die Rede darauf, und der Herzog äußerte sich mit unbefangener Miene darüber:

»Das wäre ein schöner Unsinn! Sie wollen wohl den Schwung dieses jungen Mannes lähmen, der ein großer Maler werden kann, indem Sie ihn in die Fesseln der Ehe schlagen? Seine Zukünftige ist allerdings schön genug, um seine Liebe zu besitzen, aber sie werden Kinder in die Welt Setzen, die eine Last sind, und Ihre Tochter wird die Frau eines armen Malers sein! ... Überlassen sie Dutertre sich selber. Ich nehme es auf mich, Ihre Tochter unter die Haube zu bringen, und glauben sie mir, das Original der auf dem Bilde – meiner Meinung nach einem Meisterwerke – wiedergebenen Person wird mir ebenso teuer sein, wie sein Konterfei.«

»Sehr gütig, Herr Herzog,« entgegnete die Mutter, »aber ... meine Tochter liebt ihren Maler.«

»Ist das wahr, schöne Genoveva?«

»Ich will keinen anderen Mann, als ihn,« antwortete Genoveva errötend und mit einer Träne im Auge. »Nun gut, dann sollen sie ihn haben, aber verderben wir ihm nicht seine Karriere. Ich will ihm den Weg bahnen und ihm, da er unbedingt in Rom gewesen sein muß, Empfehlungen an Kardinal Bernis und einige vornehme Herrschaften mitgeben. So wird er auch andere Leute kennen lernen und es nicht wie die übrigen Schüler machen, die nur unter sich leben und mitten in Rom immer in Paris sind. Nach seiner Rückkehr soll die Hochzeit gefeiert werden. Er wird berühmt werden und Ihnen eine glückliche Zukunft bereiten. Ich will aber nicht, daß Sie inzwischen von Ihrer Hände Arbeit leben. Ich werde Ihnen ein Jahresgehalt von 100 Louis aussetzen und Ihnen darüber heute abend oder morgen eine Anweisung auf das Stadthaus übersenden, so daß Sie die Summe selber erheben können.«

»Oh! Gnädigster Herr Herzog! wie gut sind Sie! erwiderte die Näherin tränenden Auges auf sein Anerbieten, »meine Tochter und ich werden Ihnen für so viel Gnade ewig dankbar sein!«

»Ja, aber wird dadurch nicht die Heirat verhindert werden, Mama?« fragte das liebenswürdige Modell naiv.

»Nein, mein Kind, im Gegenteil. Aber du bist noch zu jung, und dein Zukünftiger muß erst noch, wie du gehört hast, nach Rom gehen.«

»Ach, so weit!«

»Das ist nicht so schlimm. Man steigt, wie hier in einen Fiaker, in ein Schiff, und schon ist man da ...«

»Und wenn er ertrinkt, Mama?«

»Oh! man wird schon ein so gutes Schiff auswählen, daß keine Gefahr dabei ist ... Was ist die Kleine für ihr Alter doch noch unschuldig!«

»Ich werde Ihnen in seiner Abwesenheit den Hof machen, schöne Genoveva,« nahm der Herzog wieder das Wort, »und Ihnen so viele Zerstreuungen verschaffen, daß Sie keine Langeweile empfinden sollen.«

Die Bignicour begriff ungefähr, was der Herzog beabsichtigte, aber gegen die Zumutungen eines Mannes von diesem Range war sie nicht genügend gewappnet. Das Handwerk einer Näherin ist kümmerlich und der Verdienst so gering, daß selbst die härteste Arbeit bisweilen nicht vor Not schützt. Sie beschloß daher, die Gelegenheit auszunützen, wie es die Mütter der Operntänzerinnen tun. Zu fühlbare Not ertötet in gewissen Volksschichten jedes Gefühl von Tugend, und da das Ehrgefühl dieser Leute nur auf einigen Vorurteilen beruht, so gibt es nach, sobald die verführerische Lockspeise persönlichen Vorteils sich darbietet. So wird bisweilen ein Wesen, das im Besitze nur des einfach Nötigen eine Lukrezia gewesen sein würde, im Drang der Bedürftigkeit zur Vettel. Genovevas Mutter war fürs Solide und sah besseren Vorteil in einem Abkommen mit dem Herzog, als in der Heirat ihrer Tochter mit dem jungen Künstler. Demgemäß gab sie auch dem Herzog, der nach Tisch etwas energischer auf Genoveva eindrang und die Kleine dadurch scheu gemacht hatte, einen Wink, wodurch sie ihm andeuten wollte, daß sie sie schon zähmen würde.

Am nächsten Tage brachte der Herzog Mutter und Tochter in einem hübschen, elegant möblierten Häuschen unter, gab ihnen die nötige Anzahl Diener und bestimmte für Genoveva eine Zofe, auf die er sich verlassen konnte. Das unschuldige Kind sah darin nur, was man ihr zeigen wollte, und was ihre Mutter wollte, das sie sehen sollte. Sie arbeitete nicht mehr, man lehrte sie Musik und Tanz, und Dutertre gab ihr Unterricht im Zeichnen. In dieser letzteren Kunst machte sie am raschesten Fortschritte, denn Liebe machte sie ihr teuer: die Kleine betete Dutertre an, der ihr gegenüber immer noch gleichgültig war. Wie es scheint, sah in dem Kopfe des begeisterten und strebsamen Künstlers die Liebe anders aus, als in den Köpfen anderer Sterblicher, er war der höchsten Vollendung aller Reize gegenüber unempfindlich geblieben, die Unschuld und rührende Naivität der Kleinen hatten keinen Eindruck auf ihn gemacht, nun aber wurde er von der Arbeitsfreudigkeit und dem Eifer seiner jungen Schülerin, von der Biegsamkeit ihrer Hand und der kostbaren Reinheit ihrer Zeichnungen besiegt, und es vergingen nicht zwei Monate, da war auch er ebenso sterblich in sie verliebt. Überrascht von einem Gefühle, dessen er sich nicht für fähig gehalten hatte, eifersüchtig auf den Herzog, verzweifelt über seinen dummen Streich, das geliebte Weib nicht geheiratet, sie dem Herzog gezeigt und beinahe ausgeliefert zu haben, erschien er jetzt in ihrem Beisein stets nachdenklich und träumerisch. Genoveva bemerkte es. Sie war jetzt geradezu von bezaubernder Anmut, da Sie in ihrem Umgange mit dem Herzog und seinen Gästen, die er ins Haus zog, sich zu ihrer Schönheit auch noch die Manieren der großen Welt angewöhnt hatte. Eines Tages konnte sie sich nicht enthalten, mit zärtlichstem Ausdruck Dutertre zu fragen:

»Langweilen sie sich, wenn ich bei Ihnen bin? Sehnen sie sich so sehr nach Ihrem Rom?«

»Ich mich bei Ihnen langweilen, schöne Genoveva! Nein, Geliebte, wenn ich Ihnen traurig erscheine, so bin ich es darüber, daß ich Sie schon nach einer Stunde wieder verlassen muß.«

»Ah! Wie schmeichelhaft für mich!«

»Es ist die Wahrheit!« ...

»Sind Sie mir nicht zum Gemahl bestimmt, sobald Sie es nur wollen?«

»Oh! liebes Fräulein! Ich müßte Sie kniefällig für den Fehler um Verzeihung bitten, den ich begangen habe ..., daß ich Sie nämlich mit dem Herzog bekannt gemacht habe ... Sie gehören jetzt ihm an und ich kann nicht mehr darauf hoffen, Sie jemals die meine zu nennen, oder doch erst dann, wenn seine Schwärmerei für sie vorüber ist!«

»Für mich? Niemals werde ich ihm angehören!«

»Das ist aber sein Ziel. Er will Sie zur Geliebten haben, wenn sie es nicht schon sind. Ihre Mutter ist für ihn, und ich verdanke das Glück, Ihnen Zeichenunterricht geben zu dürfen, nur dem Umstande, daß man mich für unempfindlich gegen Ihre Reize hält. Ich bin mir meiner Gefühle für Sie, schöne Genoveva, zu spät bewußt geworden. Mein Herz gehörte Ihnen schon immer, und ich wußte es nicht. Und ich habe Sie zu meinem Unglück dem Herzoge ausgeliefert!«

»Gott im Himmel! Aber ich will nicht mehr ...«

»Teure Genoveva, wir müssen fortfahren, zu heucheln, sonst bin ich verloren! Aber versprechen sie mir, den Angriffen des Herzogs Widerstand entgegenzusetzen, und ich werde darauf sinnen, einen Ausweg zu finden.«

»Ich liebe Sie, Sie wissen es,« erwiderte Genoveva, »und ich werde alles tun, was sie sagen. Wenn wir fliehen müssen, so fliehe ich mit Ihnen, dann heiraten wir, um uns nie mehr zu trennen!«

»Oh! Wie segne ich Ihren Entschluß! Aber wie? Sie wollten Reichtum und alle Behaglichkeit, die Sie hier genießen, im Stich lassen, um mir, dem armen Künstler, zu folgen?«

»Alles, was ich hier habe, hat nur Wert für mich durch Sie. Ohne Sie, ohne die so kurzen Minuten, die wir allein sind, könnte ich dieses Leben nicht ertragen. seien Sie meiner sicher, aber kann ich auch auf Sie bauen?«

»Ich schwöre Ihnen, daß ich Sie heiraten werde, sobald wir dazu die Möglichkeit haben!«

»Und ich schwöre, mit Ihnen zu fliehen! Ich liebe meine Mutter und würde sie gewiß nie verlassen. Aber, da ich weiß, daß sie mit dem Herzog einig ist und mich ihm ausliefern will, jetzt schwindet meine Liebe zu ihr ...«

In diesem Augenblick wurde die Tür mit furchtbarem Geräusch aufgerissen, und Genovevas Mutter stürzte ins Zimmer.

»Ah! Ungeheuer!« schrie sie dem Maler entgegen, »das also ist der Unterricht, den du meiner Tochter erteilst! Hinaus mit dir, auf der Stelle hinaus! Soeben ist der Herzog gekommen. Wenn ich ihm alles sage, wird er dich zum Fenster hinauswerfen lassen!« Und sie packte Dutertre bei den Schultern und warf ihn zur Tür hinaus. Genoveva stand da mehr tot, als lebendig. Nun wandte ihre Mutter sich an sie, aber sehr maßvoll, und sagte:

»Wie! Mein liebes Kind, du schenkst diesem Elenden Gehör? Diesem Hungerleider, der dich gegen deine Mutter aufhetzt? Komm, du hast ihn nicht nötig, dein Glück ist gemacht, der Herzog liebt dich von ganzem Herzen, das ist Tatsache. Denke an den Vorteil, liebe Tochter, den wir daraus ziehen können! Kann ein Mädchen sich ein größeres Glück wünschen? Du bist bezaubernd und wirst ihn stets fesseln. Wer weiß, was noch mehr geschieht ... Sei vernünftig, liebes Kind, sieh hier deine Mutter zu deinen Füßen, die dich anfleht, dein und ihr Glück zu machen ... Du hast es in der Hand, meine liebe Kleine, der Herzog ist liebenswert, mächtig und hochgeehrt. Alle Tage kannst du, wenn du willst, Feste feiern und ins Theater gehen. Du hast nun gelernt, dich in der großen Welt zu bewegen, er wird dich überall hinführen, und ich werde deine Begleiterin sein und freudig mein Amt ausfüllen, denn bin ich nicht deine gute Mutter? Vergiß den häßlichen Menschen, der dich jetzt ins Unglück stürzen will, nachdem er beabsichtigt hatte, aus dir eine Dirne zu machen, als er dich dem Herzoge auslieferte. Er hat gedacht, der Herzog würde sich mit dir belustigen, dich dann sitzen lassen, und du würdest dann froh sein, wenn er sich deiner annähme. Der Herzog hat mir alles gesagt, Dutertre hatte ihn gebeten, ihn von uns loszumachen, jetzt aber, wo er sieht, daß du eine große Dame werden wirst, da packt ihn die Eifersucht. Laß du ihn jetzt fahren und sei nicht so töricht, ihn auch nur eine Minute lang zu bedauern!«

Genoveva ließ ihre Mutter sagen, was sie wollte. Sie hatte den Tod im Herzen, wenn sie daran dachte, sie würde nun ihren Geliebten nicht wieder sehen. Im Grunde ihres Herzens war sie davon überzeugt, daß er sie liebte. Nur um eins bat sie die Mutter: ihr die Fortsetzung des Zeichenunterrichts zu erlauben, da sie diese Kunst leidenschaftlich liebe. Die Mutter schlug es ab. Genoveva versicherte ihr, sie würde sie dadurch in Verzweiflung stürzen, und machte den Vorschlag, daß die Mutter demselben beiwohnen könnte. Aus Furcht, es mit ihrer Tochter ganz zu verderben, wenn sie dies ablehnte, bat sie um eine Stunde Bedenkzeit. Sie verwandte diese darauf, den Herzog um Rat zu fragen. Dem vornehmen jungen Herrn war der Zwischenfall sehr ärgerlich. Er war im Grunde sehr edeldenkend und deshalb geneigt, die beiden jungen Leute, wenn sie sich liebten, zu vereinigen. Aber Genovevas Mutter bekämpfte diese gute Absicht und suchte seine Hoffnungen wieder zu beleben.

»Es gibt ein sehr gutes Mittel für sie, das Herz der Geliebten zu gewinnen: verheiraten sie den Maler.«

»Von Herzen gern, wenn er einwilligt.«

»Lassen sie mich machen, ich werde ihm schon eine Frau finden. Nur möchte ich Sie bitten, alles zu tun, was ich Ihnen sagen werde, wenn es einmal so weit ist. Gehen sie jetzt zu Genoveva, beklagen sie sie und sagen sie ihr, Sie wünschten, daß sie den Unterricht bei ihrem Zeichenlehrer fortsetzte. Ich werde es so einrichten, daß ich stets dabei bin und werde die beiden nicht außer Augen lassen.«

Der Herzog tat also, tröstete Genoveva liebevoll und stellte sich, als er von nichts anderem wüßte, als nur von einem Streit zwischen ihrer Mutter und dem Maler. Er versprach ihr, daß er die beiden wieder versöhnen werde, und bat sie freundlich, sich zu beruhigen. So viel Güte rührte Genoveva, und sie hätte vielleicht dem Herzog ihr Herz ausgeschüttet, wenn in diesem Augenblick nicht ihre Mutter dazu gekommen wäre.

In derselben Straße, wo der Maler das junge Mädchen getroffen hatte, lebte ein anderes Mädchen, das Modell von Beruf war. Rosette war tadellos gewachsen, hatte aber ziemlich gemeine Gesichtszüge. Die Bignicour hatte für sie geschneidert und wußte daher, daß der Maler sie nicht kannte. Diese wollte sie zu seiner Frau machen, einmal, um ihn auf diese Weise loszuwerden, und dann, um sich an ihm zu rächen. Sie suchte Rosette auf. Sie fing damit an, ihr weitschweifig die glückliche Lage zu schildern, worin sie sich jetzt befände, und schlug ihr dann vor, sie wolle sie mit einem jungen, talentvollen Maler verheiraten und ihr eine schöne Mitgift verschaffen, wenn sie alles täte, was sie von ihr verlangen würde. Sie versicherte ihr, daß der Handel durchaus ehrenwert sei, und schilderte ihr besonders den Maler in so vorteilhafter Weise, daß Rosette einwilligte. Als sie von dieser Seite sicher war, handelte es sich nur noch darum, das Komplott anzuzetteln.

Der Herzog beabsichtigte, noch mehrere andere Bilder in derselben Art wie jenes anfertigen zu lassen, zu dem Genoveva Modell gestanden hatte. Seitdem er aber zu dieser in Liebe entbrannt war, wollte er sie den Blicken des Malers nicht mehr aussetzen. Das wußte die Bignicour, sie erwartete daher am Tage nach ihrem Besuche bei Rosette den Herzog mit Ungeduld. Sobald er erschien, sagte sie zu ihm:

»Ich habe gefunden, was sie für Ihre Bilder brauchen: ein junges Mädchen mit ebenso vollkommenen Körperformen wie Genoveva, nur sind ihre Gesichtszüge nicht sehr einnehmend. Sie würde gern als Modell dienen und ich hoffe, auch noch zu anderem. Da Ihr kleiner unverschämter Schützling in meine Tochter verliebt ist, so werde ich, um seine Phantasie mehr zu entflammen, ihm weismachen, sie wolle ihm wieder sitzen, schäme sich aber so sehr, daß sie verlangt habe, es solle ihm verheimlicht werden ... Er wird daher auch niemals ihr Gesicht sehen. Ich selbst werde den Kopf des Modells stets verhüllt halten, wie wenn ich das Schamgefühl meiner Tochter schonen wollte, und als ob ich noch ärgerlich auf ihn wäre.«

Der Herzog ging auf die Sache ein, wollte aber vorher wissen, ob Rosette sich auch als Modell eignen würde. Die Bignicour ließ sie kommen und sie das Kostüm der Mutter Eva anziehen. Man mußte gestehen, daß nur eine Genoveva ihr gleichkam, oder sie vielmehr übertraf, da sie viel jünger war, und sich nicht, wie Rosette, mit gewissen Scherzen befaßt hatte. Der Herzog war zufrieden und überließ alles Weitere einer Frau, die ihm so ergeben war. Als der Maler sich eines Tages wieder einstellte, um seinen Unterricht zu erteilen, allerdings jetzt stets im Beisein der Signicour, nahm diese ihn beiseite und sagte zu ihm:

»Der gnädige Herr Herzog wünscht, daß Genoveva Ihnen noch einmal Modell steht, er wagt aber nicht, es ihr vorzuschlagen, und ich möchte es auch nicht tun. Wäre es nicht möglich, es so einzurichten, daß sie als Modell dient, ohne es zu wissen? Es wäre aber dann erforderlich, daß Sie nicht mit ihr sprächen, während ich sie in ihrer Unschuld die geeigneten Stellungen annehmen lassen würde.«

Der junge Maler wünschte nichts Besseres, als die Reize wiederzusehen, deren Wert er jetzt anders zu schätzen wußte, wie das erstemal, als er sie nur mit Künstleraugen angesehen hatte.

Am nächsten Tage war alles zur Sitzung bereit. Die Bignicour befand sich im Nebenzimmer und hatte auf ihrem Schoße ein tadellos gebautes junges Mädchen im Naturzustande. Nur der Kopf der schönen war mit einem schwarzen Schleier verhüllt. Die Bignicour sagte zu ihr:

»Du darfst nichts sehen, meine Liebe, wenn man dir den Schleier abnähme, würdest du aus reiner Angst krank werden. Wenn du aber nichts siehst, wirst du auch nichts fühlen und fast gar nichts bemerken. Aber einige Zeit ist für die Operation nötig, wir werden dazu acht Tage lang wenigstens eine Stunde täglich brauchen.«

Dann sah sie den Maler fragend an, um zu wissen, welche Stellung das Modell einnehmen solle, und fuhr fort:

»Erhebe diesen Arm da, gut! Lege dich so hin ... sehr gut, und nun halte dich ruhig ...«

Wieder sah sie den Maler an.

»Nun nimm ein wenig den Körper vor, damit ich es bequemer habe ... Nicht wahr, du fühlst nichts?«

»Nein, Mama,« flüsterte die Verschleierte leise.«

»Und doch habe ich schon viel getan!« schloß die Bignicour.

Auf diese Weise wurde die Sitzung fortgesetzt. Als sie zu Ende war, kam Genovevas Mutter zum Maler auf sein Zimmer und sagte zu ihm, wie eine Verrückte lachend:

»Ich habe meiner Tochter vorgeredet, sie habe plötzlich am ganzen Körper linsengroße, schwarze Flecke bekommen, und die werde ich ihr wieder wegbringen, ohne daß sie es merkte, indem ich ihr mit einem kleinen Pinsel darüberhinfahre. Sie haben gesehen, wie gut die Operation verlaufen ist! Ich habe ihr auch wirklich einige Flecke gemacht an Stellen, wo sie es sehen kann.

Sie weiß aber, daß noch nicht alles zu Ende ist, und ich werde sie in dem Glauben belassen, bis sie Ihr Bild beendet haben.«

»Aber sie wird den Betrug bald merken?«

»Nein, sie ist ein zu gutes Schäfchen!«

»Ein kostbarer Schatz ist sie, den ich zu spät gewürdigt habe!«

»Hören sie, lassen sie es sich nicht einfallen, ihr den Irrtum zu benehmen! Sagen sie ihr kein Wort davon! Besser so, als wenn sie sich schamlos mit Vergnügen als Modell hingeben würde!«

»Sie haben recht.«

Am nächsten Morgen und die folgenden Tage das gleiche Verfahren. Endlich nach dem vierten oder fünften Male kam die Bignicour zu dem jungen Maler und sagte zu ihm:

»Herr Dutertre, heute will ich mich überzeugen, ob sie wirklich verschwiegen sein können. Ich habe zu tun und bin gezwungen, meine Tochter mit Ihnen allein zu lassen. Da Ihr Bild ein Mädchen im Bade darstellt, so können sie sich gleich das Bad zunutze machen, das sie nachher nehmen wird, da ich aber nicht will, daß sie Sie sieht, so habe ich ihr vorgeredet, daß man mit ihr nach dem Bade eine schreckliche Operation vornehmen müsse, die die Hand eines geschickten Chirurgen erforderte, von dem sie aber später nicht wiedererkannt werden dürfe. Sie ist natürlich der Meinung, daß weder der Herzog noch Sie davon wissen, verstehen sie? Sonst würde sie vor Scham sterben. Ich habe ihr daher das Gesicht wie gewöhnlich verhüllt, so gut, daß sie nicht imstande ist, den Schleier abzumachen. Sie sollen die Rolle des Chirurgen spielen, aber sprechen sie nicht oder verstellen sie wenigstens Ihre Stimme. Wenn sie eine besondere Pose nötig haben, so können sie sie einnehmen lassen. Ich habe die Schleife gesiegelt, man kann also den Schleier nicht abnehmen, ohne daß ich es merke. Ich verlasse sie jetzt. Führen sie sich so auf, daß ich mich mit Ihnen wieder versöhnen kann. Nach dieser Warnung führte sie das Modell herein und legte sich dann selbst in den Hinterhalt.

Der Künstler ging an die Arbeit. Aber diesmal war es etwas anderes, er war verliebt, er hatte Gelüste, und wenn er auch mit viel Feuer arbeitete, so wurde die Arbeit doch ein wenig unkorrekt. Endlich ließ er sein Modell eine wollüstige Stellung annehmen, wozu das junge Mädchen sich mit solcher Bereitwilligkeit hingab, daß er in Ekstase geriet.

»Schöne Genoveva,« flüsterte er ihm zu, »erkennen Sie mich nicht? Ich bin's, Ihr Geliebter, der sie anbetet!«

»Wie? Sie sind nicht der Chirurg?« entgegnete eine gedämpfte Stimme.

»Ah! Geliebte, Sie haben keinen Chirurgen nötig. Mit der Hautkrankheit hat man Ihnen nur etwas vorgemacht, Ihre Schönheit ist unbefleckt... Aber stellen Sie sich weiter so, als ob Sie daran glauben, ich werde dann versuchen, unsere Sitzungen auszunutzen, um unseren Fluchtplan zur Ausführung zu bringen.«

»Ich bin mit allem einverstanden,« erwiderte das Modell.

Mit allem! ... Dieses Wort gab dem Künstler zu denken:

»Mit allem! ... Da liegt sie! Wenn ich die Situation ausnützte!« seine Sinne Sprachen und die Gelegenheit war einzig! Er nutzte sie aus, und ... das Modell setzte keinen Widerstand entgegen. Darauf nahm er hochbeglückt seine Arbeit wieder auf. Am Schluß der Sitzung trat die Bignicour ganz atemlos ins Zimmer und nahm das Modell mit sich.

Am darauffolgenden Tage nahm Genoveva keinen Zeichenunterricht, aber die Sitzung fand statt. Der Maler war wieder allein mit dem Modell und widmete sich ausschließlich dem Vergnügen. Als aber seine Ekstase den Höhepunkt erreichte, stürzte die Bignicour plötzlich wie eine Furie ins Zimmer und schrie:

»Ah! Elender! ... Oh! Du Schamlose! ... Herbei, zu Hilfe!«

Der Herzog eilte herbei. Er sah alles und sagte ernst zum Künstler:

»Herr Dutertre, Ihr Betragen ist unwürdig!«

»Herr Herzog,« erwiderte der junge Mann in höchster Verwirrung, »Sie wissen, daß ...«

»Sie hatten sie mir abgetreten,« unterbrach er ihn, »das ist alles, was ich weiß. Aber nach dem Vorgefallenen gibt es nur eins: Sie müssen sich jetzt mit der verheiraten, die Sie überrumpelt haben, das soll Ihre Strafe und meine Rache sein!«

»Und meine Belohnung, Herr Herzog!«

»Nun, dann ist alles gut! Ich bin nicht boshaft, und wenn die Strafe Ihnen als eine Belohnung erscheint, so soll mir das auch recht sein! Jedenfalls entwaffnen Sie dadurch meinen Zorn, den ich natürlich über Ihre Handlungsweise empfinden mußte ... Während der Vorbereitungen zur Hochzeit bitte ich Sie, an meinen Bildern fortzuarbeiten, aber ich will, daß die Schöne stets verhüllt sei, denn es würde Ihnen zu viel Vergnügen bereiten, sie ganz zu sehen. Den Kopf können Sie dann später malen.«

Die Bignicour schien sehr unzufrieden mit diesem Urteil zu sein, und wollte sich an ihrer Tochter rächen, aber der Herzog hielt sie zurück und bat sie, sich zu entfernen.

Es wurden nun also die Vorbereitungen für die Hochzeit des Künstlers getroffen. Das Aufgebot wurde erlassen, und der Kontrakt aufgesetzt. Der Herzog gab der Zukünftigen eine Mitgift von 6000 Franken und bezahlte dem Maler die Bilder in freigebigster Weise.

Am Abend vor der Feierlichkeit, als der Kontrakt unterzeichnet werden sollte, befahl der Herzog der Bignicour, ihre Tochter kommen zu lassen.

»Sie ist bei einer früheren Nachbarin von uns, erwiderte diese, »die die Nacht bei ihr bleiben soll. Darf sie diese mitbringen, Herr Herzog?«

»Nein! Aber beide mögen hier nacheinander verschleiert erscheinen. Dutertre kann sich nicht täuschen.«

Notar und Zeugen waren noch zugegen, als die erste der beiden erschien, es war Rosette, das Mädchen, das dem ersten besten Künstler Modell zu stehen gewohnt war.

»Wenn sie wahrhaft lieben,« wandte sich der Herzog an den Maler, »So werden sie sicher die, die Sie lieben, erkennen. Ist es diese?« Rosette trug eines von Genovevas Kleidern mit einem Pelzmantel, der bis über die Knie ging.

»Ich weiß nicht,« erwiderte der junge Mann.

»Sie müssen sie herausfinden und werden die heiraten, die Sie als Ihre Geliebte erkennen werden, ohne ihr Gesicht zu sehen.«

»Gut,« sagte der Maler darauf, »aber dann will ich sie sehen, wie ich sie bei den Sitzungen gesehen habe.«

»Einverstanden,« entgegnete der Herzog. Und Rosette ging in ein Nebenzimmer und nahm eine Pose als Modell an. Als sie bereit war, wurde der Maler eingeführt. Er betrachtete sie aufmerksam und sagte dann:

»Das ist nicht meine Geliebte!«

Nichts war begreiflicher, als dieser Entscheid, denn man hatte die Zofe untergeschoben, die nicht die vollendeten Formen Rosettes, noch weniger die Genovevas besaß.

»Nun sollen sie die andere sehen,« bemerkte der Herzog lachend. Rosette nahm dieselbe Stellung ein, und sofort rief der Maler:

»Ja, die ist es!«

»Bleiben sie bei ihr,« sagte darauf der Herzog und befahl Notar und Zeugen eintreten zu lassen. Man kleidete die Schöne vor ihnen an, übergab sie verschleiert ihren Händen und beauftragte sie, sie am nächsten Tage um fünf Uhr morgens in die Kirche zu führen. Der Maler begleitete die Verschleierte bis an das Zimmer, in dem sie die Nacht zubringen sollte, schloß die Tür dazu ab und steckte den Schlüssel ein. Dann suchte er, da die Sitte verbietet, daß zwei Brautleute die Nacht vor ihrer Hochzeit unter ein und demselben Dache zubringen, die kleine Wohnung auf, die er vorher bewohnt hatte.

Kaum graute der Tag, als man ihn holte, damit er seine Geliebte aus ihrem Gefängnis befreite. Man forderte von ihm, daß er sie, bevor sie das Zimmer verlasse, auf eine Weise anerkenne, die er für unfehlbar halte. Sodann verlangte man, daß sie zusammen im selben Wagen in die Kirche führen, was eigentlich gegen die Sitte war.

In der Kirche gab der Herzog der Braut den Arm und führte sie bis zum Fuß des Altars, ihre Schritte sorgfältig leitend, da sie des Schleiers wegen nicht sehen, aber auch nicht gesehen werden konnte.

Als nun der Geistliche im Augenblick des Ehesegens forderte, daß die Braut den Schleier abnehme, da erschien vor den Augen der Versammelten nicht Genoveva, sondern Rosette. Rosettes Name stand auch auf dem Aufgebot und im Ehevertrag; Rosette hatte den letzten Bildern als Modell gedient und Rosette hatte die Liebesfreuden des Malers geteilt. Der Bräutigam hatte schon das Ja ausgesprochen, und Rosette hatte es ebenfalls getan, während sie sich entschleierte. Ihr Gatte sah sie mit einer Verblüffung an, die ihn hinderte, die Zeremonie zu unterbrechen. Schließlich wollte er protestieren, aber der Herzog schlug einen so entschlossenen Ton an, daß er dadurch eingeschüchtert wurde. Was hätte er denn auch tun können? Er hatte ja das Urteil des Notars und der Zeugen gegen sich.

In einem Winkel der Kirche hatte die Bignicour mit ihrer Tochter der Zeremonie beigewohnt. Sie hatte Genoveva von der Untreue des Malers zu überzeugen gewußt. Genoveva hatte Rosette niemals gesehen, der Herzog hätte auch nicht geduldet, daß diese sich ihr näherte, denn dazu liebte er sie zu sehr. Er dachte zwar nicht an Ehe, aber er war entschlossen, ihr stets die zärtlichste Achtung zu bezeugen. Genoveva ließ also alles ohne Einspruch geschehen und hatte sich schon zurückgezogen, bevor der Herzog gezwungen war, gegen den Neuvermählten so energisch aufzutreten. Da der Maler die Gesetze nicht kannte und sich für gebunden hielt, so glaubte er, nichts Besseres tun zu können, als sich mit dem schönen Körper Rosettes zu trösten, deren Gewerbe er nicht kannte. Man hatte ihr nämlich unter den schrecklichsten Drohungen verboten, jemals davon ein Wort zu sagen, ihr aber vollen Schutz versprochen, wenn sie vernünftig wäre. Sie versuchte, das Vertrauen ihres Mannes zu gewinnen, und da sie nicht dumm war, so gelang es ihr, ihm zu gefallen, ohne ihm aber leidenschaftliche Gefühle einzuflößen. Bald wurde der Künstler wieder von Liebe zu Arbeit und Ruhm erfaßt, seine Frau diente ihm als Modell, der Herzog begönnerte ihn, und er faßte sich in Geduld.

Da Genoveva überzeugt war, daß ihr Geliebter sie verraten hatte, ließ sie sich von ihrer Mutter überreden und erhörte endlich den Herzog infolge eines kleinen Betruges, den man ihrer Unschuld vormachte, indem man ihr versicherte, Herzögen sei es erlaubt, eine Frau zweiter Ordnung zu nehmen. Man führte bekannte Beispiele an, die für sie greifbar waren, und der Herzog war glücklich, sie bei einem Glauben belassen zu können, der sie ihm noch teurer machte.

Aber alles kommt schließlich an den Tag!

Der Maler lebte im Schoße seiner jungen Ehe glücklich dahin, obwohl er in seine Frau nicht verliebt war und Genoveva nicht vergessen konnte, als er eines Tages den Besuch eines seiner Kollegen erhielt. Als Rosette ihn erblickte, verschwand sie, aber zu spät, er hatte sie bemerkt. Nachdem die beiden Maler ihr Geschäft besprechen hatten, fragte der Fremde seinen Freund:

»Potztausend! Ich habe soeben mein Modell bei dir gesehen! Seit einem Jahr suche ich nach ihr und kann sie nicht entdecken ...«

»Da halt du dich geirrt,« erwiderte Dutertre.

»Gewiß nicht. Kein Zweifel, es ist Rosette.«

»Rosette?«

»Sie selbst. Sie wohnte früher am Fort L'Beveque ... Ist sie deine Geliebte? Wenn ja, so leih sie mir, ich werde dein Vertrauen nicht mißbrauchen: übrigens habe ich sie so oft gesehen ...«

»Du irrst dich gewiß,« wiederholte der Maler, »die Frau, die du sahst, ist die meinige, ich habe ihre Bekanntschaft beim Herzog von *** gemacht, der mich veranlaßt hat, sie zu heiraten.«

»Bei Gott, ich muß wissen, woran ich bin. Rufe sie mal her ...«

Aber Rosette hatte sich versteckt. Der Fremde ging und sagte, er werde mit einem ihrer Freunde am nächsten Tage wiederkommen. Als er fort war, kam Rosette wieder zum Vorschein.

»Ich weiß nicht, was der Mensch da faselt,« wandte ihr Mann sich zu ihr, »dieser Maler hält dich für ein Modell, das er ganz genau gekannt hat?«

Als Rosette sah, daß doch nun alles herauskommen würde, zog sie es vor, lieber gleich alles einzugestehen, und tat das denn auch gründlich.

Sie fiel ihrem Manne zu Füßen und sagte ihm, daß die Bignicour das ganze Komplott angezettelt habe. Sie sei gezwungen worden, alles zu tun, was von ihr verlangt worden sei, man habe ihr gedroht, sie zugrunde zu richten, und ihr alles versprochen, wenn sie gefügig wäre. Sie weihte ihn in alle Schliche ein, die man angewandt hatte, und bezeigte ihm so viel Anhänglichkeit, daß der Künstler schließlich zu ihr sagte:

»Sei ehrbar, wie du es seit unsrer Verheiratung warst, und ich werde dir zugetan bleiben.«

»Wenn du mir freie Hand lassest, so wollen wir deinen Freund morgen behandeln, wie er es verdient. Rufe mich, wenn er da ist.«

Am folgenden Tage erschien der Maler mit einem Freunde. Beide sahen bei ihrem Eintreten Rosette, die sich stellte, als ob sie fliehen wollte. Sie packten sie beim Arm und sagten zu ihr: »Mein Fräulein oder geehrte Frau, wir haben sie nötig.«

»Und ich bedarf Ihrer,« erwiderte sie, »Sie werden sehen.«

Lachend führten sie sie vor ihren Mann.

»Bist du nicht Rosette, unser Modell?«

»Und wenn dem so wäre?«

»Sie ist es«, sagten sie darauf zu Dutertre, »und du bist schön angeführt worden, wenn sie deine Frau ist.«

»Und in welcher Absicht, meine Herren, klären sie meinen Mann darüber auf, was ich vorher gewesen bin?«

»Nun, um ihm zu zeigen, daß er hinters Licht geführt worden ist.«

»Und um sich dann über sein Unglück, wenn es eins ist, zu freuen? Ich war allerdings das, was sie sagen, aber in den achtzehn Monaten, die ich verheiratet bin, hat Dutertre es dahin gebracht, daß ich eine ehrbare liebevolle und sparsame Hausfrau geworden bin!«

»Das muß ich bestätigen,« sagte ihr Gatte.

»Warum kommen also die sogenannten Freunde, die nur boshafte Geschöpfe sind, jetzt hierher, unsere Ruhe und unser Glück zu vergiften! Hilf mir, sie mit Schimpf und Schande aus dem Haufe zu jagen. Ich für mein Teil werde fortfahren, dich glücklich zumachen.«

Dutertre machte sich ihre Auffassung zu eigen und setzte die beiden Maler an die Luft, während seine Frau sie mit allen Küchenwaffen ziemlich empfindlich bis zur letzten Treppenstufe verfolgte ...

Nach diesem Gefecht umarmten sich die beiden Ehegemächte und versprachen sich von neuem, nichts zu tun, was ihr beiderseitiges Glück untergraben könnte. Dutertre, der sehr beschäftigt war und seine Kunst liebte, hatte keine Zeit, unglücklich zu sein, wie sonst so viele Menschen, denen man aus der Erde begegnet.

Indessen wollte er doch an der Bignicour sein Mütchen kühlen. Er klärte ihre Tochter über das Geschehene und über ihre wahre Stellung zum Herzog auf. Genoveva geriet darüber in Verzweiflung. Sie beklagte sich bitter beim Herzog, der ganz erstaunt war, daß sie über alle diese Dinge so wohl unterrichtet sei. Da sie im Grunde ihres Herzens durchaus tugendhaft war, und der Herzog von nun an ihren Widerstand nicht mehr besiegen konnte, so blieb ihm nichts anders übrig, als sie gehenzulassen. Er schenkte ihr das Haus, das sie bewohnte, mehrere Rentenbriefe und ein kleines Gut in der Brie, das auf ihren Namen gekauft war und fünftausend Franken Rente abwarf. Ihre Tugend hatte ihn gerührt. Kurze Zeit darauf starb Rosette, die sich bis zu ihrem letzten Atemzuge die Achtung ihres Mannes bewahrt hatte. Ungefähr zur selben Zeit verheiratete der Herzog sich und teilte selber dem Maler mit, daß Genoveva frei sei. Es ist kennzeichnend für die französischen Edelleute, daß sie durchweg alle einen Schatz an Tugend und Menschlichkeitsgefühl besitzen, der ihrem Tun jenen Makel gemeiner Gesinnungsweise nimmt, den ihm die krankhafte Phantasie unserer modernen Romanschreiber so gern aufdrücken möchte. so wollte auch der Herzog sein Unrecht wieder gut machen.

Nun kam endlich doch, trotz der Bignicour, die ihre Tochter einem anderen hohen Herren hätte ausliefern mögen, die Hochzeit der beiden Liebenden zustande. Die Bignicour bat, sich auf das Gut zurückziehen zu dürfen, wo sie von nun an für sich allein hauste, während ihre Tochter und Dutertre nur ihrem Glücke lebten.

Dieses Abenteuer, das ich versucht habe, bis in alle Einzelheiten wiederzugeben, ist mir vom Maler selbst erzählt worden.

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