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Zehn Jahre später

Alexandre Dumas (der Ältere): Zehn Jahre später - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä
titleZehn Jahre später
publisherVerlag von A. Weichert
translatorH. Eiler
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5. Kapitel Athos

An demselben Morgen, an dem Ludwig von dem Abschied von Maria zurückkehrte, ritt Karl II., der unglückliche Verbannte, der König ohne Land und ohne Geld, auf der Landstraße dahin. Sein treuer Parry bildete sein ganzes Gefolge. Eine halbe Meile etwa waren sie von Blois entfernt, da begegnete ihnen ein Reiter, der an ihnen vorübersprengte, aber trotz der Eile, in der er sich befand, grüßend den Hut zog. Der König, in düstere Gedanken versunken, hätte diesen Mann, einen Jüngling von etwa 25 Jahren, gewiß nicht bemerkt, wenn er ihm nicht dadurch aufgefallen wäre, daß er sich wiederholt umsah und mit dem Hut winkte. Nun erkannte der König auch, daß der Gruß gar nicht ihm gegolten hatte, sondern dem alten Manne, der vor einem Gitter stand und die Winke des jugendlichen Reiters erwiderte. Karl II. wollte weiterreiten, als Parry nach einem Blick auf diesen alten Mann einen Schrei der Ueberraschung ausstieß. Im selben Augenblick war dieser Greis auch auf die beiden fremden Reiter aufmerksam geworden, sah von dem älteren zum jüngeren hin, stieß ebenfalls einen Schrei aus, faltete die Hände und verneigte sich mit allen Zeichen tiefster Ehrerbietung.

»Mein Gott, Parry!« stammelte der König, »dieser Alte scheint mich zu kennen. Wer kann das sein?« – »Sire,« antwortete Parry, »so ist es auch. Gestatten Eure Majestät, daß ich ihn anspreche! Grimaud, sind Sie es wirklich?« rief er und trieb sein Pferd dicht vor das Tor. – »Ich bin es,« antwortete der Greis, sich aufrichtend. – »Sire« rief Parry, »ich hatte richtig gesehen. Dies ist der Diener des Grafen de la Fère, des würdigen Kavaliers, der dem Gedächtnis Eurer Majestät so teuer sein muß.« – »War das nicht der Mann, der meinem Vater in seinen letzten Augenblicken beistand?« fragte Karl, erbebend. »O, sagen Sie!« wendete er sich an Grimaud, »wohnt Euer Herr, Graf de la Fère dort? Und ist er zu Hause?« – »Dort steht er – dort unter den Kastanien.« – »Ich muß ihm persönlich meinen Dank sagen – Freund, haltet mein Pferd.«

Er sprang ab und eilte in den Garten. Als der Graf, der in der Kastanienallee nachdenklich hin und her ging, Schritte vernahm, sah er auf. Beim Anblick eines Unbekannten, der sich durch eine edle Haltung und ein sicheres Auftreten als Kavalier kennzeichnete, nahm er den Hut ab und wartete. Auch Karl entblößte das Haupt. »Herr Graf,« rief er, auf Athos zutretend, »ich bin Ihnen seit langer Zeit Dank schuldig. Ich bin Karl Stuarts Sohn, Karl II.« – Athos erschrak, starrte den Fremden mit seinen großen, blauen Augen an und verneigte sich dann tief. Karl ergriff seine Hand. »Sie sehen keinen König vor sich,« sprach er düster, »sondern einen Unglücklichen, der keinem Menschen die Liebe lohnen kann.« – »Es ist wahr,« sagte Athos, »Eure Majestät sind schwergeprüft.« – »Die schwerste Prüfung steht mir noch bevor,« antwortete der Geächtete. »Gestern noch hatte ich Hoffnung. Mein Vetter, der Statthalter von Holland, hatte mir seine Hilfe zugesagt, wenn Frankreich den ersten Schritt täte. Von Frankreich habe ich nun eine Million Frank und 200 Mann erbeten, mit denen ich alles hätte erreichen können.« – »Und der König hat Ihnen das abgeschlagen?« rief Athos. – »Der König nicht,« antwortete Karl, »aber der Kardinal Mazarin.« – Athos biß sich auf die Lippe. »Das war nicht anders zu erwarten,« murmelte er, »ich kenne den Italiener seit langem.«

»Nachdem Frankreich seine helfende Hand verweigert, ist alles verloren – ich muß dem Schicksal weichen,« sagte Karl II. – »Majestät, ich möchte Ihnen darin nicht ohne weiteres beistimmen,« versetzte Athos. »Ich habe oft schon erlebt, daß gerade dann, wenn es am schlimmsten stand, eine glückliche Wendung plötzlich eintrat.« – »Danke, Herr Graf. Sie meinen es gut, indem Sie mich trösten,« erwiderte Karl mit der Kürze der Verzweiflung, »aber ich weiß, woran ich bin – für mich ist keine Rettung mehr. Ich reite nach Holland, wo man mir ein kleines Schloß als Exil überlassen will. Möge nur der Tod nicht lange auf sich warten lassen!« – »Wollen Eure Majestät mir noch ein paar Minuten vergönnen und mit mir kommen?« fragte Athos, indem er dem Hause zuschritt. Karl II. folgte ihm.

In seinem Zimmer angelangt, bot der Graf dem König einen Sessel an. »Majestät,« sagte er, »Sie äußerten eben, daß Sie mit einer Million Frank Ihr Reich wiedererobern könnten. Hören Sie mich an! Die Geschichte vom Tode Ihres Vaters muß seinem Sohne allerdings sehr schmerzlich sein, dennoch muß ich jetzt darauf zurückkommen, weil gewisse Umstände, so getreu Ihr Diener Ihnen auch alles erzählt haben mag, außer Gott im Himmel nur mir allein bekannt sind.« – »Sprechen Sie, Herr Graf.« – »Als Ihr Vater das Blutgerüst betrat, war alles zur Flucht vorbereitet, und ich selbst befand mich unter den verhängnisvollen Brettern des Schafotts. ›Geh' auf einen Augenblick fort,‹ sprach der erlauchte Märtyrer zu dem maskierten Henker, ›und komm wieder, wenn ich dir das Zeichen gebe. Ich will erst ungestört beten.‹«

»Eine Frage, Herr Graf!« unterbrach Karl II. ihn, »wie hieß der Elende, der den Henkerdienst verrichtete?«

Athos wechselte die Farbe. »Ich darf seinen Namen nicht nennen,« antwortete er. – »Aber was ist aus ihm geworden? Man weiß in England nichts von seinem Verbleib.« – »Er ist in einer schrecklichen Nacht eines furchtbaren Todes gestorben. Von einem Dolchstoß durchbohrt, rollte er in die Tiefe des Ozeans. Gott möge dem verzeihen, der ihn tötete! Doch weiter. Karl I. sprach ferner noch zu seinem Henker: ›Höre wohl, du führst den Beilhieb erst, wenn ich die Arme öffne und rufe: Remember!« Englisch: denke dran! – »Ich weiß,« nickte der Verstoßene vor sich hin, »dies war das letzte Wort meines unglücklichen Vaters. Doch in welchem Sinne sprach er es, in welcher Absicht?« – »Es war an den unter dem Schafott verborgenen Franzosen gerichtet.« – »Also an Sie, Herr Graf?« – »An mich. Und die Worte des Königs, der nun niederkniete und zu mir sprach, klingen mir noch heute in den Ohren. ›Graf de la Fère,‹ sagte er, ›sind Sie da? Sie haben mich nicht retten können, es sollte nicht sein. Vernehmen Sie meine letzten Worte: Ich habe den Thron meiner Väter verloren, aber ich besitze noch eine Million in Gold, die im Keller des Schlosses zu Newcastle vergraben ist.‹«

»O, Herr Graf!« rief Karl II. und nahm die Hände von dem in Tränen gebadeten Gesicht, »eine Million, sagen Sie!« – »›Um dieses Geld wissen nur Sie,‹ fuhr der König fort, ›verwenden Sie es zum Besten meines ältesten Sohnes, wenn Sie die Stunde gekommen glauben. Und nun leben Sie wohl!‹ Darauf klang von seinen Lippen das letzte Wort: › Remember!‹ Und Sie sehen, Majestät, ich habe daran gedacht.« – Der König konnte seine Gefühle nicht mehr niederdrücken; er schluchzte laut auf, und auch Athos fühlte sich von den wiedererweckten Erinnerungen überwältigt. – »Sire,« fuhr er dann fort, »mir scheint, die Stunde, dieses letzte Hilfsmittel zu benützen, ist nun gekommen. Ich wollte mich schon aufmachen und Sie suchen. Nun schickt Gott Sie mir zu.«

»Eine Million im Schloß Newcastle,« murmelte Karl II. »Aber Schloß Newcastle ist zur Zeit von General Monk besetzt. Der Ort, wo Hilfe für mich verborgen liegt, ist in der Hand meines Feindes.« – »General Monk kann den Schatz nicht entdeckt haben,« versetzte Athos. – »Das mag sein, aber soll ich mich in Monks Hände liefern? Ach, so oft ich mich wieder aufrichte, gleich wirft mich das Schicksal wieder zu Boden.« – »Majestät, was Ihnen und Ihrem Diener nicht gelingen kann, vielleicht gelingt es mir. Ich will für Sie nach Newcastle reisen.« – »Sie, Herr Graf, der Sie hier so glücklich leben?« – »Ich bin nie glücklich, solange ich noch eine Pflicht zu erfüllen habe. Und über den verborgenen Schatz zu wachen, hat mir Ihr Vater als heilige Pflicht übertragen. Es bedarf nur eines Winkes von Eurer Majestät, und ich gehe.«

Alle Etikette vergessend, fiel der König dem Grafen um den Hals. »Sie beweisen mir,« rief er, »daß es einen Gott im Himmel gibt, der die Unglücklichen nicht vergißt.« – Athos trat ans Fenster und rief hinaus: »Grimaud, die Pferde!« – »Sie wollen –?« fragte Karl II. »Aber, Herr Graf, ich bin nicht imstande, solche Dienste zu belohnen.« – »Majestät scherzen,« war die Antwort. »Sie besitzen doch eine Million. Einstweilen habe ich noch einige Rollen Geld und ein paar Familienbrillanten. Majestät werden mir die Ehre erweisen, mit einem treuen Diener zu teilen.« – »Mit einem Freunde,« antwortete der König: »Unter der Bedingung, daß dieser Freund später auch mit mir teilt.« – Die Freude färbte zum ersten Male seit langer Zeit wieder die bleichen Wangen Karls II. Grimaud führte die reisefertigen Pferde vor. – »Blaisois!« rief Athos seinem Diener zu, »dieser Brief ist an den Grafen von Bragelonne zu befördern. Ich reise nach Paris – halte gut Wirtschaft.«

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