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Zehn Jahre später

Alexandre Dumas (der Ältere): Zehn Jahre später - Kapitel 66
Quellenangabe
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä
titleZehn Jahre später
publisherVerlag von A. Weichert
translatorH. Eiler
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8. Kapitel. D'Artagnans Tod

Die Bündnisse mit Spanien und England waren vollzogen, der Krieg mit Holland begann. Im Frühjahr rückte die Landarmee aus. Sie marschierte in wundervoller Ordnung auf das feindliche Gebiet hinüber. D'Artagnan führte das Kommando über ein Korps von 12000 Mann Kavallerie und Infanterie und hatte den Sonderbefehl, Friesland zu erobern. Er blieb in diesem Feldzuge seiner früheren Gewohnheit treu, vom Lande des Feindes zu leben, seine Soldaten singen zu lassen, den Feind weinen zu machen. Der Kapitän der Musketiere setzte seinen Stolz darein zu zeigen, daß er sein Handwerk verstehe. Er manöverierte mit so großem Geschick, daß er keine einzige Schlappe erlitt und in einem Monat zwölf kleine Festungen eroberte. Er stand vor der dreizehnten, die sich seit fünf Tagen hielt. Er ließ nun Minen legen und Sturm laufen. An den König sandte er einen Boten und erstattete Bericht über seine letzten Erfolge. Seine Majestät erinnerte daraufhin Herrn Colbert daran, daß man Herrn d'Artagnan ein Versprechen zu halten habe, und daß es, weil er die seinen so trefflich einlöste, nun an der Zeit sei, dies auszuführen.

Demzufolge schickte Herr Colbert den Offizier, der d'Artagnans Brief gebracht hatte, zurück und gab ihm einen von ihm selbst geschriebenen Brief mit und ein Kästchen aus goldverziertem Ebenholz, das zwar klein war, aber etwas sehr Wichtiges zu enthalten schien, da er dem Boten eine Bedeckung von fünf Mann mitgab. Der Offizier kam vor der Festung an und ließ sich sofort zu Herrn d'Artagnan führen, der persönlich die Arbeit an neuen, weit vorgeschobenen Laufgräben leitete.

Die hohe Gestalt d'Artagnans überragte alle andern. Die goldenen Tressen seines Hutes und seiner Uniform leuchteten in der Sonne. Er kaute an seinem weißen Schnurrbart und klopfte ab und zu den Staub ab, mit den die den Sand aufwühlenden feindlichen Kugeln seinen Rock überschütteten. Inmitten des heftigen Feuers wurde mit Schaufeln und Spaten fleißig gearbeitet, und der General gab seinen Leuten das beste Beispiel der Tapferkeit, indem er, unbekümmert um das furchtbare Pfeifen, das rings die Luft erfüllte, die Arbeiten selbst leitete. Nach drei Stunden meldete ihm der Hauptmann der Pioniere, der Laufgraben sei fertig.

Der Mann hatte diese Worte kaum gesprochen, als ihm eine Kanonenkugel das Bein wegriß. Er sank in d'Artagnans Arme.

Der General hob den Verwundeten empor und stieg mit ihm in den Laufgraben hinab. Laut jubelten die Soldaten, als sie das sahen. Ein Fieber des Mutes ergriff alle, sie stürzten vorwärts, und der neue Graben war im Nu dicht gefüllt. Mit so jäher Gewalt erfolgte nun der Sturm, daß der Feind nicht standzuhalten vermochte. Man eroberte die äußeren Böschungen. Die vordersten feindlichen Geschütze fielen in die Hände der Franzosen. Dort aber kam der Kampf zum Stehen. Die Holländer verteidigten zäh jeden Fußbreit des Bodens.

D'Artagnan hielt inne, und sein Falkenauge überflog die Situation. Da hörte er eine Stimme neben sich: »Mein Herr, ich komme von Herrn Colbert.« – Der General nahm das Schreiben entgegen, öffnete es und las: »Herr d'Artagnan, der König beauftragt mich, Ihnen Ihre Ernennung zum Marschall von Frankreich hiermit kundzutun. Es ist Ihr Lohn für die guten Dienste und für die Siege, zu denen Sie Ihre Truppe geführt haben. Mögen Sie auch noch die Belagerung, die Sie inzwischen begonnen haben, mit Erfolg zu Ende führen!«

Der General sah auf und erkannte, daß seine Soldaten abermals weiter vorgedrungen waren. – »Es geht zu Ende,« sagte er. »in einer Viertelstunde ist die Festung unser.«

Dann fuhr er fort zu lesen: »Das Kistchen, Herr d'Artagnan, ist ein Geschenk von mir. Nehmen Sie das kleine Kunstwerk freundlich entgegen. Ich empfehle mich Ihrer Wohlgeneigtheit. Allzeit der Ihre ...

Colbert.«

D'Artagnan, trunken vor Freude, hielt das Kästchen in den Händen, aber als er es öffnen wollte, geschah eine furchtbare Explosion auf den Wällen, und er sah auf. »Seltsam!« sprach er, »ich sehe noch nicht das Lilienbanner auf den Zinnen, ich höre noch nicht das Trommelzeichen der Uebergabe.« – Er schickte dreihundert frische Soldaten in den Sturm und befahl eine neue Bresche zu schießen.

Darauf sah er wieder das Kästchen an. Er sagte sich, er habe, was darinnen sei, ehrlich verdient. Er öffnete es – da brauste aus der Festung eine Kanonenkugel heran, traf ihn mitten in die Brust und streckte ihn ins Gras nieder, wobei aus dem Kästchen der Marschallstab hervorrollte und in seine gelähmte Rechte glitt. Er versuchte aufzustehen – aber die Kräfte verließen ihn. Es erhob sich lautes Geschrei unter den Offizieren seines Stabes. Man beugte sich zu ihm nieder und sah, daß seine Brust mit Blut bedeckt war, während Todesblässe sein edles Antlitz überzog.

Gestützt auf die Arme, die sich von allen Seiten nach ihm ausstreckten, hob er sich noch einmal empor und blickte nach der Festung hin. Da sah er die weiße Fahne auf dem Hauptwall wehen; und sein für das Geräusch des Lebens schon taubes Ohr vernahm noch den Trommelwirbel, der den Sieg verkündete.

Seine Hand schloß sich krampfhaft um den mit Sammet umschlossenen, mit goldenen Lilien bestickten Marschallstab, er sah darauf herab, da er nicht mehr die Kraft hatte, den Blick gen Himmel zu erheben, und dann sank er nieder. Man hörte ihn die folgenden Worte murmeln, welche den Umstehenden wie eine Zauberformel erklangen – Worte, die einst auf Erden so viel bedeutet hatten und die jetzt niemand mehr als dieser Sterbende verstand:

»Athos! Porthos! auf Wiedersehen! Aramis! lebwohl auf immer!«

 

Ende.

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