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Zehn Jahre später

Alexandre Dumas (der Ältere): Zehn Jahre später - Kapitel 65
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä
titleZehn Jahre später
publisherVerlag von A. Weichert
translatorH. Eiler
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7. Kapitel. Luisens Ende

Vier Jahre waren nach dem Begräbnis der Grafen de la Fère und von Bragelonne verflossen. In der Umgebung von Blois, wo Ludwig XIV. bei Madame zu Gast war, fand eines Tages königliche Jagd statt, und der Kapitän der Falken ritt mit dem Kapitän der Windspiele den hohen Herrschaften voraus. Die beiden Aemter, die diese Herren innehatten, gehörten zu den am besten besoldeten Chargen des Hofs und wurden stets nur Herren aus dem Feudaladel zuteil.

»Sieh da!« rief der Falkonier, »dort kommt der Kapitän der Musketiere. So ist er schon wieder zurück aus Pignerol. Er hat sich gesputet.« – »Herr d'Artagnan altert nie,« sagte der andere, »er sitzt noch im Sattel wie ein Jüngling. Willkommen, Herr Graf!«

Für d'Artagnan war dieser Titel schon nichts Neues mehr; er führte ihn seit drei Jahren. Er redete die beiden Herren freundlich an wie jemand, der einen höheren Rang einnimmt, während sie ihn mit großem Respekt begrüßten. – »Sie haben die 200 Meilen bis Pignerol rasch hin und her gemacht, Herr Graf,« sagte der Kapitän der Windspiele. »So ist nun Herr Fouquet dort. Mich wundert das! Das Parlament hat ihn schuldig gesprochen, und der König begnadigt ihn nun zu lebenslänglichem Gefängnis. Das ist viel Milde für jemand, der den König bestohlen hat.« – »Herr,« antwortete d'Artagnan grob, »wenn man mir sagte, Sie hätten Ihren Hunden die Brotrinden weggegessen, so würde ich es nicht glauben. Wenn Sie aber gar deshalb zu Geißelhieben und Kerker verurteilt worden wären, so würde ich Sie bemitleiden und nie dulden, daß jemand übel von Ihnen spräche. Ich schwöre Ihnen, so ehrbar Sie auch sein mögen, Sie sind es nicht in höherem Maße, als der arme Herr Fouquet es war.«

Der Kapitän der Windspiele senkte den Kopf und schluckte die Lektion ohne Widerrede hinunter.

»Werden wir eine lange Jagd haben?« wandte d'Artagnan sich an den Kapitän der Falken. – »Nein,« antwortete dieser, »der König macht sich nicht viel daraus, er tut es nur, um den Damen Kurzweil zu bereiten.« – »Ah!« machte der Musketier. »Sie lächeln so sonderbar. Ich weiß nichts Neues mehr. Ich bin einen Monat fort gewesen und komme eben erst wieder. Als ich ging, trauerte man um den Tod der Königin-Mutter. Der König schien untröstlich, aber alles nimmt ein Ende. Er ist jetzt nicht mehr traurig, wie mir scheint. Desto besser! Wer ist denn alles mit von der Partie? Wie geht es der Herzogin von Orléans? Wie geht es der Königin?«

»Besser, Herr Graf.« – »So ist sie krank gewesen?«

»Seit dem letzten Verdruß, den es gegeben hat, war sie leidend.« – »Verdruß? Welcher Art?« – »Seit dem Tode ihrer Schwiegermutter fühlte die Königin sich vernachlässigt und beklagte sich beim König, der ihr zur Antwort gab: Schlafe ich nicht jede Nacht bei Ihnen, Majestät? Was wollen Sie mehr?« – »Ah,« rief d'Artagnan, »so haßt sie die Lavallière noch immer?« – »O, die Lavallière nicht mehr,« versetzte der Falkonier. – »Wen denn?«

Der Klang der Jagdhörner machte dem Gespräch ein Ende. Die beiden Herren ritten mit den Hunden und den Vögeln fort. D'Artagnan blieb allein. Nach wenigen Minuten war die Jagdgesellschaft heran. Der König erschien in einer Schar von Herren und Damen. Hinter den Reitern und Reiterinnen sah man drei Kutschen, in denen die Damen saßen. Die erste Kutsche war die der Königin: doch es saß niemand darin. D'Artagnan, der Fräulein von Lavallière suchte, blickte in die zweite Kutsche und sah sie dort mit zwei Ehrendamen. Alle drei schienen sich sehr zu langweilen. An der Seite des Königs aber, wo bisher Luise ihren Platz gehabt hatte, bemerkte d'Artagnan eine andere Frauengestalt: eine stolze, blendende Schönheit. Sie sprach ein paar Worte, und ihre Umgebung zollte ihr durch einmütiges Lachen lauten Beifall – das sicherste Zeichen dafür, daß sie schon in allerhöchster Gunst stand. – »Ah, die Tonnay-Charente,« murmelte d'Artagnan, »die seit kurzem mit Herrn von Montespan verheiratet ist.«

Ludwig XIV. erblickte d'Artagnan. »Wieder zurück, Graf?« rief er, »warum habe ich Sie noch nicht gesehen?« – »Majestät schliefen schon, als ich gestern abend zurückkehrte, und waren noch nicht wach, als ich heute morgen meinen Dienst antrat.« – »Immer derselbe,« sagte Ludwig lächelnd. »Ruhen Sie sich aus, ich befehle es Ihnen, und heute abend speisen Sie mit mir.« Ein Gemurmel der Bewunderung umschwirrte den Musketier – man drängte sich zu ihm, denn von dem König zu Tisch geladen zu werden, war eine große Ehre. Der König ritt weiter, und d'Artagnan sah sich alsbald von einer anderen Gruppe umringt, in deren Mitte er Colbert erblickte. – »Guten Tag, Herr Graf!« rief der Minister, »Sie sind zur Tafel geladen? Da werden Sie einen ehemaligen Freund von Ihnen wiedersehen.« – »Einen ehemaligen Freund?« antwortete d'Artagnan und versenkte sich schmerzlich in die düsteren Fluten der Vergangenheit, die für ihn so viele Freundschaften und Feindschaften verschlungen hatte. – »Den Herzog von Alameda,« fuhr Colbert fort, »den Unterhändler Spaniens, der heute morgen angekommen ist.« – »Den Namen höre ich zum ersten Male,« sagte d'Artagnan verwundert. »Wer ist das?«

»Ich bin es!« antwortete eine Stimme, und ein Greis mit schneeweißem Haar und gebeugtem Rücken stieg aus der dritten Kutsche. – »Aramis!« rief d'Artagnan verblüfft. Er sprang vom Pferde und ließ sich ohne Widerstreben von den zitternden Armen des alten Seigneurs umfassen. – Colbert ritt fort und ließ die beiden Freunde allein.

»So sind Sie hier?« rief d'Artagnan. »Sie, der Rebell, der Geächtete, der Staatsverbrecher?« – »Ich bin in Frankreich und speise mit dem König,« antwortete d'Herblay lächelnd. »Nicht wahr, nun fragen Sie, wozu die Treue auf der Welt frommt? Lassen wir die Lavallière darauf antworten, die hier an uns vorüberfährt. Sehen Sie, wie ihr von Tränen schimmerndes Auge nach dem König blickt, der mit der Frau von Montespan vorausreitet.« – Sie plauderten während der ganzen Jagd miteinander. D'Artagnan ritt neben der Kutsche d'Herblays her, welche von ihrem Führer so geschickt gelenkt wurde, daß sie gerade in dem Moment zur Jagdgesellschaft zurückkam, als der Falke den Reiher gestoßen hatte und der König vom Pferde sprang. Zu gleicher Zeit schwang sich Frau von Montespan aus dem Sattel. Der Falke war mit dem Reiher in einer kleinen Umfriedung niedergefallen, in deren Mitte man eine alte Kapelle erblickte, rings von dichten Sträuchern und Bäumen umgeben. Während die Gesellschaft um diese Einfriedung einen Kreis bildete, trat der König hinein, um der Sitte gemäß den von dem Falken festgehaltenen Reiher abzufangen und ihm die erste Feder zu entreißen.

»Wissen Sie, wohin der Zufall uns geführt hat?« sprach d'Artagnan zu Aramis. »Bei dieser Kapelle liegen Leute begraben, die wir gekannt haben,« – »Ha!« rief der Bischof erbleichend, und trat mit dem Musketier durch eine kleine Seitenpforte in die Kapelle. »Wo ruhen sie?« – »Sehen Sie das Kreuz unter der Zypresse dort?« antwortete d'Artagnan. »Doch gehen Sie jetzt nicht hin. Der König ist eben dort, weil der Reiher dicht neben das Doppelgrab gefallen ist.«

Sie blieben im Schatten stehen und sahen nun, ohne selbst gesehen zu werden, das blasse Antlitz der Lavallière, die, hingerissen von Eifersucht, aus der Kutsche gesprungen und in die Umfriedung eingedrungen war. Hier sah sie nun, hinter einen Baum geschmiegt, wie der König lächelnd die Hand der Frau von Montespan ergriff und küßte. Dann schmückte er ihren Hut mit der ersten Feder, die er dem Reiher ausgerissen hatte. Sie lächelte ebenfalls und küßte nun auch ihm die Hand. Da errötete der König vor Freude, und aus seinen Augen leuchtete Liebe und Verlangen. – »Und was schenken Sie mir?« fragte er. – Sie brach ein Zweiglein von der Zypresse und bot es dem von seliger Hoffnung berauschten König dar.

»Das ist ein trauriges Geschenk,« murmelte Aramis, »denn die Zypresse beschattet ein Grab.« – »Ja, und zwar das Grab Rudolfs von Bragelonne,« setzte d'Artagnan hinzu, »der hier neben seinem Vater schlummert.« – Ein Seufzer erklang in der Stille dieses Ortes; Luise von Lavallière sank ohnmächtig über das Grab hin. – »Arme Frau!« murmelte d'Artagnan, »wie groß wird ihr Leid in Zukunft sein!«

Am Abend saßen d'Artagnan und d'Herblay an der königlichen Tafel. Der König war sehr zuvorkommend gegen Madame, denn man trieb zu dieser Zeit hohe Politik. Man stand kurz vor der Eröffnung des Krieges mit Holland. Der spanische Unterhändler war zu dem Zweck herübergekommen, um ein Neutralitätsbündnis zwischen Spanien und Frankreich abzuschließen, und von Madame erwartete Ludwig nichts Geringeres als ein gleiches Bündnis mit England. Es ward ihm nicht schwer, sie zu einer Reise nach London zu bestimmen, und sie verlangte als Gegendienst nichts weiter, als daß er ihr versprechen sollte, den Grafen von Guiche, der seit langem vom Hofe verbannt war, zurückzurufen und an seiner Statt den ihr verhaßten Chevalier von Lorraine, der beständig zwischen ihr und Monsieur Feindschaft säte, ins Exil zu schicken. Damit hatte Ludwig sich ihre Fürsprache am englischen Hof leichten Kaufs erworben.

Ludwig XIV. sah sich um, und sein königlicher Blick fiel auf Monsieur, seinen Bruder, der mit Mißtrauen nach ihm und seiner Frau geschaut und sich über ihr langes angelegentliches Gespräch gewundert hatte. – »Mein lieber Bruder,« sprach der König, »ich bin mit dem Chevalier von Lorraine sehr unzufrieden. Sie werden ihm den Rat geben, ein paar Monate auf Reisen zu gehen.« – Diese Worte fielen wie eine Lawine über den armen Herzog von Orléans her, der seinen Günstling vergötterte und ohne ihn nicht leben zu können glaubte. – »Wodurch hat der Chevalier Ihr Mißfallen erregt?« fragte er. – »Das werde ich Ihnen sagen, wenn er abgereist ist,« antwortete Ludwig, »und während Madame in England ist.« – »Was? Madame geht nach England?« rief Monsieur erstaunt. – »Ja, in acht Tagen, lieber Bruder,« erwiderte der König, lächelte seinem Bruder zu und wandte sich an Colbert und Aramis, die inzwischen miteinander verhandelt hatten.

»Nun,« rief er, »werden wir auf Spaniens Neutralität rechnen können?« – »Frankreich mit Holland zu entzweien, entspricht ganz unserer Politik,« antwortete der Herzog von Alameda. »Aber ein Krieg mit Holland wird ein Seekrieg, und in einem solchen wird Frankreich nur obsiegen können, wenn England sich neutral verhält.« – »Dafür ist gesorgt,« sagte Ludwig lächelnd. – »Und dann gehört dazu eine stärkere Flotte, als Frankreich sie besitzt,« fügte Aramis hinzu. – Colbert zog eine Liste aus der Tasche und antwortete: »Hier ist ein Verzeichnis der französischen Schiffe. Wir verfügen über 35 Kreuzer. Daraus werden jetzt schon drei Geschwader gebildet. Bis zum Ende dieses Jahres aber werden wir 50 Linienschiffe haben.« – »Potzwetter!« rief d'Artagnan und riß die Augen auf. »Das ist viel, Herr Colbert. Aber wie steht es mit der Ausrüstung? Wir haben keine Gießerei in Frankreich.«

»Ah,« antwortete der Staatsmann lächelnd, »in anderthalb Jahren habe ich es dahin gebracht, daß wir das alles in Frankreich haben. Sie kennen Herrn d'Infreville nicht? Er gießt jetzt Kanonen für mich in Toulon. Und Sie kennen Herrn Forant nicht? Er hat, die Zeit des Friedens benützend, in Holland selbst für mich Blei, Pulver, Holz, Lunten, Granaten, Schiffsteer und dergleichen in großen Mengen aufgekauft. Das ist um sieben Prozent billiger gewesen, als wenn ich es hier selbst hergestellt hätte. Und Sie kennen auch Herrn Destouches nicht? Das ist ein Mann, der den Schiffsbau aus dem Grunde versteht, und er überwacht jetzt die Herstellung von sechs Schiffen zu je 78 Kanonen. Sie sehen also, ich weiß meine Leute zu finden, und der König wird, wenn es zum Kriege kommt, über eine sehr tüchtige Flotte gebieten. Ob aber die Landmacht gut bestellt ist, das wissen Sie, Herr d'Artagnan, besser als irgendwer.«

Aramis und der Musketier blickten einander an und bewunderten die stille, geheimnisvolle Arbeit, die dieser Mann in so kurzer Zeit geleistet hatte. Colbert lächelte gerührt über diese stumme Schmeichelei, die beste von allen. – »Wenn wir in Frankreich nichts davon erfahren haben,« sprach d'Artagnan, »im Auslande weiß man es erst recht nicht.«

»Und, Herr Herzog,« fuhr Colbert fort, »wenn Spanien neutral bleibt, so wird es England auch tun.« – »In diesem Falle bürge ich für Spaniens Neutralität,« antwortete Alameda. – »Das wird Ihnen den Orden des goldenen Vlieses eintragen, Herr Herzog,« sprach Colbert. Aramis verneigte sich. – »Und Sie, Herr d'Artagnan,« fuhr Colbert fort, »hätten Sie Lust, unsere Landarmee gegen die Holländer zu führen? Ihnen wird das den Marschallstab bringen.« – D'Artagnan wurde blaß vor Freude und griff zitternd nach dem Feldzugsplane, den Colbert ihm reichte.

»Der König wird aus diesem Feldzug als Sieger hervorgehen oder mich nimmer wiedersehen,« sprach er und drückte mit Wärme die Hand des Ministers.

Am folgenden Tage nahm Aramis Abschied von d'Artagnan. Sie lagen sich lange in den Armen. – »Wir müssen uns nun für vier lieben,« sprach der Musketier. »Wir sind nur noch zwei.« – »Und mich wirst du vielleicht nicht mehr wiedersehen, lieber d'Artagnan,« sagte Aramis. »Ich bin alt, ausgelöscht, dem Tode nahe.«

»Ah, du wirst mich überdauern,« rief der Musketier. »Die Diplomatie heißt dich leben. Mir aber gebietet die Ehre zu sterben.« – »Bah, Herr Marschall,« sagte Aramis, »wir werden nicht eher sterben, als bis wir von Freude und Ruhm gesättigt sind.« – »O, Herr Herzog,« antwortete d'Artagnan lächelnd, »ich habe kein Verlangen mehr.« – Und sie umarmten sich ein letztes Mal.

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