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Zehn Jahre später

Alexandre Dumas (der Ältere): Zehn Jahre später - Kapitel 50
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä
titleZehn Jahre später
publisherVerlag von A. Weichert
translatorH. Eiler
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6. Kapitel. Männerstolz vor Königsthronen

Ludwig XIV. hatte die Herren Fouquet und Colbert entlassen. Er fertigte die Staatsgeschäfte jetzt immer etwas rasch ab, um desto mehr Zeit für die Lavallière übrig zu haben. Mit Ungeduld wartete er auf Saint-Aignan, die einzige Person, mit der er von ihr sprechen konnte. – »Ah, Sie sind es, Graf!« rief er hocherfreut, als der Hofmeister eintrat. »Fouquet hat mich eben abermals nach Vaux eingeladen; und Sie werden mit von der Partie sein.« – »Ja, Majestät, wenn ich bis dahin nicht eine andere Partie machen muß, nämlich die Fahrt zum Styx,« antwortete der Kavalier. »Im Ernst, Sire! Ich bin dazu eingeladen worden, und zwar auf eine Weise, daß ich gar nicht weiß, wie ich davon loskommen soll.« – »Was willst du damit sagen?« fragte der König, betroffen über den Ton, den der Hofmeister anschlug. – »Damit will ich sagen, daß ich eine Forderung auf Pistolen von dem Vicomte von Bragelonne erhalten habe,« antwortete der Graf.

»Vom Vicomte von Bragelonne!« rief der König in höchster Bestürzung. Dann schwieg er, wischte sich den Schweiß von der Stirn und murmelte: »Von Bragelonne, dem Verlobten des Fräuleins von ...« – »O, mein Gott, ja,« versetzte Saint-Aignan, »von dem Verlobten des Fräuleins von ...« – Doch auch ihn unterbrach der König, ehe er aussprechen konnte. »Er war doch aber in London.« – »Ich weiß, indessen ist er jetzt in Paris, das heißt bei dem Kloster der Franziskaner, wo er auf mich wartet.« – »Also weiß er alles?« stieß der König hervor. – »Es scheint so,« sagte der Hofmeister. »Dieses Briefchen hier, in dem er mir den Besuch seines Sekundanten anmeldet, läßt es vermuten; denn ich fand es im Schloß der Tür, die zu dem Treppenzimmer führt.« – »So ist unser Geheimnis entdeckt!« rief der König achselzuckend. »Wie mag er dorthin gekommen sein?« – »Majestät, nur auf dem Wege der Treppe selbst – vom obern Zimmer durch die Falltür zum unteren Zimmer. Es ist gar nicht anders möglich!« setzte er hinzu, als der König Zweifel äußerte.

»Dann hat jemand das Geheimnis verkauft,« meinte Ludwig. – »Verkauft oder verschenkt,« sagte der Hofmeister. – »Wieso verschenkt?« – »Weil es gewisse Personen gibt, Sire, die zu hoch stehen, um sich wie Verräter bezahlen zu lassen.« – »Das geht auf Madame, nicht wahr?« fragte der König. »Und so meinst du, meine Schwägerin hätte Bragelonne von allem unterrichtet? Vielleicht gar ihn begleitet, ihn ins obere Zimmer geführt und von dort –?« – »Und von dort ins untere Zimmer, jawohl, Majestät,« antwortete Saint-Aignan. »Wissen Sie, Sire, ob Madame die Parfüms liebt?« – »Sie bevorzugt Eisenkraut,« sagte der König. – »Nun, und mein Zimmer hat nach Eisenkraut geduftet,« sprach der Hofmeister. »Doch, Majestät, die Stunde rückt heran; das Geheimnis soll in der Brust dessen sterben, der es sich angeeignet hat. Man muß gegen den Streich, den man uns gespielt hat, andere Streiche führen.« – »Ja, doch nicht von der Art, wie man sie im Walde von Vincennes führt,« antwortete der König streng.

»Majestät vergessen, ich bin ein Edelmann und gefordert worden,« versetzte der Kavalier. »Ich bin ehrlos, wenn ich ausbleibe.« – »Die größte Ehre eines Edelmannes ist der Gehorsam gegen seinen König,« entgegnete Ludwig XIV. »Du bleibst!« – »Sire!« – »Gehorche!« – »Eure Majestät haben nur zu befehlen.«

»Ich werde jetzt untersuchen, wer dieses kecke Spiel mit mir zu treiben sich erdreistet hat,« rief Ludwig zornig, »wer so frech in das Heiligtum der Dame gedrungen ist, die von mir geliebt wird. Das geht aber nicht dich an, denn man hat nicht deine Ehre angegriffen, sondern die meinige. Es ist hohe Zeit, gewissen Leuten zu zeigen, daß ich hier Herr im Hause bin.« – Kaum hatte der König diese Worte gesprochen, so trat ein Türhüter ein und sprach: »Majestät hatten befohlen, den Grafen de la Fère jederzeit vorzulassen, sobald er um Gehör bäte. Der Graf de la Fère ist hier und wartet.« – »Der Vater Bragelonnes,« murmelte der König und sah Saint-Aignan an. Doch nur einen Augenblick war er unentschlossen, dann sagte er: »Saint-Aignan, geh zu Luise und sage ihr, was geschehen ist, daß Madame abermals die Verfolgung aufnimmt und Leute ins Treffen führt, die besser daran täten, neutral zu bleiben. Wenn sie sich fürchtet, so sage ihr, die Liebe ihres Königs sei ein undurchdringlicher Schild, und ich würde sie diesmal nicht nur verteidigen,« setzte er, vor Zorn erglühend hinzu, »sondern rächen, und zwar so streng, daß fortan niemand mehr wagen wird, auch nur die Augen bis zu ihr zu erheben.« – »Ist das alles, Sire?« – »Ja, das ist alles, und bleibe mir treu, du, der du mitten in dieser Hölle stehst, ohne wie ich durch die Freuden des Paradieses entschädigt zu werden.« – Saint-Aignan küßte dem König die Hand und ging strahlend fort.

Ludwig faßte sich, um dem Grafen de la Fère ruhig gegenüberzutreten. Er fühlte voraus, daß eine heikle, schwierige Unterredung bevorstand. Athos, im Galaanzug, jenen Orden auf der Brust, den er allein am Hofe von Frankreich zu tragen berechtigt war, trat so ernst und feierlich ein, daß der König auf den ersten Blick erkannte, seine Ahnungen würden sich erfüllen. Er ging dem Grafen entgegen und reichte ihm lächelnd die Hand, auf die Athos sich voll Ehrerbietung niederbeugte.

»Herr Graf,« sprach der König, »Sie machen sich so selten, daß ich es als ein Glück betrachte, Sie bei mir zu sehen.« – Athos verneigte sich und antwortete: »Ich wünschte das Glück zu haben, stets bei Eurer Majestät sein zu können.« Und in dem Ton dieser Antwort lag der Zusatz: »Mein Rat würde Sie dann vor Fehltritten bewahren.« – Der König fühlte das, biß sich auf die Lippe und sprach: »Ich sehe, Sie haben mir etwas zu sagen.« – »Jawohl, denn sonst hätte ich es mir nicht erlaubt, die Zeit Eurer Majestät in Anspruch zu nehmen.«

»So reden Sie schnell,« antwortete der König und setzte sich, »es drängt mich, Sie zufriedenzustellen.« – »Ich bin überzeugt,« antwortete Athos, »Eure Majestät werden mir alle Genugtuung erweisen.«

»Wie?« rief der König stolz. »So haben Sie eine Beschwerde zu führen –« – »Es wird nur dann eine Beschwerde sein,« antwortete Athos, »wenn Eure Majestät – doch Verzeihung, Sire, ich will die Sache von vorn beginnen. Majestät werden sich erinnern, daß ich vor einiger Zeit die Ehre hatte, Sie um die Einwilligung zur Verheiratung meines Sohnes, des Grafen von Bragelonne, mit Fräulein von Lavallière zu bitten.« – »Da wären wir schon!« dachte der König. »Ja, ich erinnere mich,« sagte er laut. – »Und Majestät schlugen die Bitte ab,« fuhr Athos fort, »mit der Begründung, die Braut sei zu geringen Ranges, zu arm an Geld sowohl wie an Konnexionen und auch,« setzte de la Fère unerbittlich hinzu, »nicht schön genug.« – »Mein Herr, Sie haben ein sehr gutes Gedächtnis,« sprach der König. – »Das habe ich immer,« erwiderte Athos, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen, »wenn mir die große Ehre zuteil wird, mit dem König zu sprechen.«

»Ihr gutes Gedächtnis wird Ihnen dann auch ohne Zweifel noch sagen,« entgegnete Ludwig, »daß Sie selbst diese Verbindung nicht wünschten und die Bitte widerwillig an mich richteten.« – »Das ist wahr, Majestät.« – »Ich erinnere mich sogar noch recht gut Ihrer eigenen Worte: ›Ich glaube nicht daran,‹ sagten Sie, ›daß Fräulein von Lavallière Herrn von Bragelonne liebt.‹ War es so?«

Athos empfand den Hieb. Aber er wich nicht zurück. »Das war so,« antwortete er. »Majestät erklärten damals, die erbetene Verheiratung solle nur aufgeschoben werden. Herr von Bragelonne ist gegenwärtig so tiefunglücklich, daß er sie nicht länger aufschieben kann. Ich komme daher, um Eure Majestät in seinem Namen jetzt um eine Lösung zu bitten.«

Der König erblaßte. Athos sah ihn fest an. – »Und was verlangt Herr von Bragelonne?« – »Er erneuert seine Bitte um Ihre Einwilligung zu seiner Heirat,« sprach Athos. »Die Schwierigkeiten sind für uns nicht mehr vorhanden. Obwohl ohne Rang, ohne Geburtsadel, ohne Schönheit, ist Fräulein von Lavallière die einzige Partie, die für meinen Sohn paßt, einfach aus dem Grunde, weil er nur sie liebt.« – Der König preßte die Hände ineinander. – »Ich schlage das Gesuch ab,« antwortete er.

De la Fère schwieg einen Augenblick, dann sagte er in sanftem Tone: »Möge es uns nun vergönnt sein, nach der Ursache dieser Weigerung zu fragen?« – Der König stemmte beide Hände auf den Tisch und antwortete mit fester Stimme: »Eine Frage, wenn der König sagt: ich will es so? Sie haben die Sitten des Hofes verlernt, Graf. Den König fragt man nicht um Begründung seines Willens.« – »Das ist richtig, Sire; allein wenn man nicht fragen darf, so vermutet man.« – »Was vermutet man?« rief der König. – »Sire, die Verweigerung einer Auskunft bedeutet einen Mangel an Offenheit,« sprach Athos fest. – »Mein Herr!« – »Oder an Vertrauen,« setzte der Graf rasch hinzu.

»Ich glaube, Sie verirren sich,« sagte Ludwig, der seinen Zorn nicht länger bezähmen konnte. – »Sire, ich muß dann wohl anderswo suchen, was ich bei Eurer Majestät zu finden hoffte. Wenn ich von Ihnen keine Antwort erhalte, muß ich sie mir selber geben.« – Der König erhob sich. »Herr Graf,« sagte er kurz, »ich habe Ihnen jetzt soviel Zeit gewidmet, als ich gerade frei hatte.« – Das hieß in die gewöhnliche Sprache übertragen: »Machen Sie, daß Sie hinauskommen.« – »Majestät,« antwortete Athos, »ich habe gleichwohl noch nicht Zeit gehabt, Ihnen das zu sagen, was zu sagen ich herkam. Ich sehe Eure Majestät so selten, daß ich die Gelegenheit wahrnehmen muß –«

»Sie sprachen von Voraussetzungen, Graf,« sagte Ludwig XIV., »und wollten zu Beleidigungen übergehen –« »Den König beleidigen?« rief der Graf. »Ich? Niemals! Ich habe mein ganzes Leben hindurch den Standpunkt vertreten, daß die Könige über den andern Menschen stehen, nicht nur durch Rang und Macht, sondern durch den Adel ihres Herzens, durch die Stärke ihres Geistes. Ich werde nie der Meinung Raum geben. Majestät verberge in dem Worte, das Sie sprachen, einen Hintergedanken.« – »Was für einen Hintergedanken?«

»Ich werde mich erklären,« antwortete Athos kalt. »Wenn Eure Majestät die von uns gewünschte Heirat aufschieben wollen und, statt das Glück Ihres treuen Dieners, des Grafen von Bragelonne, zu fördern, damit nur den Zweck verfolgen, den Bräutigam des Fräuleins von Lavallière von ihr fernzuhalten –«

»Sie sehen wohl, Sie beleidigen mich.« – »Das habe ich überall sagen hören, Majestät. Alle Welt spricht von der Liebe Eurer Majestät zu Fräulein von Lavallière.« – Der König zerriß seine Manschetten, an denen er seit einigen Minuten ungeduldig zupfte. »Wehe denen,« brach er aus, »die sich in meine Angelegenheiten mischen! Mein Entschluß ist gefaßt, ich greife durch! ich werfe alle Hindernisse nieder!« – Der König hielt plötzlich inne, wie ein Pferd, dem man mit scharfem Ruck Kandare gibt. – »Was für Hindernisse?« fragte Athos ruhig. – »Ich liebe Fräulein von Lavallière,« sprach der König mit ebensoviel Stolz wie Innigkeit.

»Das ist für Eure Majestät kein Hindernis, Herrn von Bragelonne mit ihr zu vermählen,« erwiderte Athos schlicht. »Ein solches Opfer ist eines Königs würdig, und Herr von Bragelonne verdient es, da er ein wackerer Mann ist und sein Leben schon oft für seinen König in die Schanze geschlagen hat. Indem der König seiner Liebe entsagt, beweist er zugleich Edelmut, Erkenntlichkeit und Staatskunst.« – »Aber Fräulein von Lavallière,« versetzte Ludwig, »liebt Herrn von Bragelonne nicht!« – »Das wissen Majestät?« fragte Athos mit einem durchdringenden Blick. – »Ich weiß es.« – »Erst seit kurzem jedenfalls. Denn hätten Majestät es schon bei unserer ersten Unterredung gewußt, so würden Sie es mir gesagt haben.« – »Erst seit kurzem.«

Nach einem peinlichen Schweigen sprach Athos: »Ich begreife nicht, weshalb Majestät Herrn von Bragelonne nach London sandten. Diese Art von Verbannung befremdet mit Recht alle, denen die Ehre ihres Königs am Herzen liegt.« – »Wer spricht von der Ehre des Königs?« rief Ludwig. – »Die Ehre des Königs, Majestät, ist untrennbar von der Ehre des gesamten Adels. Wenn der König einen seiner Edelleute beschimpft, das heißt, ihm ein Stück seiner Ehre nimmt, so bringt er sich selbst dadurch um dieses Stück Ehre.« – »Herr de la Fère!« – »Majestät haben den Grafen von Bragelonne nach London geschickt, nicht zu einer Zeit, da Sie Fräulein von Lavallière noch nicht liebten, sondern erst als Sie sie liebten!« – Der König wollte Athos mit einer Gebärde verabschieden; doch dieser fuhr fort:

»Majestät, ich gehe von hier nur fort, nachdem mir Genugtuung geworden entweder durch Eure Majestät oder durch mich selbst. Und Genüge wird mir getan sein, wenn Sie mir bewiesen haben, daß Sie im Recht sind, oder wenn ich Ihnen bewiesen habe, daß Sie im Unrecht sind. O, Sie werden mich anhören, Sire! Ich bin alt, ich halte auf alles, was in Ihrem Königreiche wahrhaft groß und ehrenvoll ist. Ich bin ein Edelmann, der sein Blut für Ihren Vater vergossen hat, und auch schon für Sie, ohne dafür jemals etwas von Ihnen oder von Ihrem Vater verlangt zu haben. Ich habe noch keinem Menschen auf dieser Welt Unrecht getan und habe mir Könige zu Danke verpflichtet. Sie werden mich anhören! Ich verlange von Ihnen Rechenschaft, weshalb Sie einen Ihrer Edelleute an seiner Ehre gekränkt haben, indem Sie ihn in erlogener Sendung fortschickten. Ich weiß, Sie wollen mich meiner Freimütigkeit wegen züchtigen, aber ich weiß auch, welche Strafe ich von Gott für Sie fordern werde, wenn ich ihm Ihren Treubruch und das Unglück meines Sohnes klage.«

Der König durchmaß mit großen Schritten das Zimmer, sein Auge flammte, seine Hand zerknitterte das Spitzenjabot, das seine Brust schmückte. – »Mein Herr,« sprach er, »stände ich Ihnen jetzt als König gegenüber, so würden Sie schon gezüchtigt sein; aber ich stehe vor Ihnen als Mensch, der das Recht für sich beansprucht, die zu lieben, von der er geliebt wird.« – »Fern sei es von mir, Eurer Majestät dieses Recht streitig zu machen,« erwiderte Athos, »das dem ärmsten Ihrer Untertanen zusteht; allein Sie hätten es sich auf ehrliche Weise nehmen und Herrn von Bragelonne davon in Kenntnis setzen sollen, statt ihn zu verbannen.«

»Ich glaube, ich lasse mich hier wirklich dazu treiben, mich zu verantworten,« rief Ludwig XIV. mit jener Majestät, die er in Blick und Stimme so meisterlich auszudrücken wußte. – »Ich hoffte allerdings, Sie würden mir antworten,« sagte de la Fère. – »Sie werden meine Antwort bald genug vernehmen,« rief Ludwig. »Sie haben vergessen, daß Sie den König vor sich haben, das ist ein Verbrechen.« – »Und Sie haben vergessen, daß Sie zwei Menschen umbringen, das ist eine Todsünde.«

»Gehen Sie jetzt!« – »Nicht eher, als bis ich Ihnen gesagt habe, Sohn Ludwigs XIII., Sie fangen Ihre Regierung schlecht an, denn Ihr Anfang ist Raub und Verhöhnung des Gesetzes. Mein Geschlecht und ich selbst sind aller Ihnen schuldigen Zuneigung ledig, und die Achtung vor dem König, die ich bei den Gräbern von Saint-Denis, vor den Särgen Ihrer erlauchten Ahnen meinem Sohn ans Herz legte, ist dahin. Sie sind unser Feind geworden, Sire. Wir haben künftighin nur noch einen Herrn, den da droben. Merken Sie sich das!«

»Sie drohen mir?« – »O, wahrlich nicht,« erwiderte Athos traurig. »Trotz kenne ich ebensowenig wie Furcht. Noch jetzt würde ich für das Wohl der Krone all das Blut verspritzen, das mir eine zwanzigjährige Bürgerfehde und auswärtige Kriege übriggelassen haben. Allein ich sage Ihnen, Sie richten zwei treue Diener zugrunde, indem Sie in dem Vater den Glauben, in dem Sohne die Liebe töten. Der eine glaubt nicht mehr an das königliche Wort, der andere nicht mehr an die Reinheit der Frauen. Der eine ist der Achtung, der andere des Gehorsams ledig. Gott befohlen!«

Nach diesen Worten zerbrach Athos seinen Degen über dem Knie, legte die Stücke auf den Boden und verneigte sich vor dem König, der vor Wut und Beschämung dem Ersticken nahe war. Dann ging er hinaus. Ludwig brauchte ein paar Minuten, um zu sich zu kommen, dann klingelte er ungestüm und rief: »Man schicke mir Herrn d'Artagnan!«

Rudolf hatte vergebens beim Franziskaner-Kloster auf den Grafen von Saint-Aignan gewartet. Als er nach Hause zurückkehrte, fand er einen Brief, in welchem der Graf ihm klar und bündig mitteilte, daß er auf ausdrücklichen Befehl des Königs es sich habe versagen müssen, mit Herrn von Bragelonne zusammenzutreffen. Rudolf wußte nun, woran er war, es war ihm nicht einmal vergönnt, den Diener statt des Herrn zu strafen. »Ohnmächtig! ohnmächtig!« stöhnte er, mit den Zähnen knirschend. »Ich muß den Groll, den Gram hinunterwürgen. Es gibt gegen die Majestät keine Genugtuung, es gibt keine Strafe für einen gekrönten Räuber und Schänder!«

Athos war, wie schon gesagt, von d'Artagnan benachrichtigt worden und nach Paris geeilt; dort kam Rudolf zu ihm und erzählte ihm alles. »Ich glaube nicht daran,« war die Antwort seines Vaters gewesen. »Der König sollte einen Edelmann beschimpfen? Unmöglich! Warte hier, ich werde dir und mir Gewißheit verschaffen.« Und nun war Athos zum König gegangen. Als er nach der Unterredung, die eben mitgeteilt wurde, zu Rudolf zurückkehrte, saß der junge Mann, düster und in Gedanken versunken, noch an derselben Stelle. Er sah auf und erkannte an dem finstern Ausdruck des blassen Gesichts, mit dem sein Vater hereintrat, daß die Zuversicht, mit der er zum König gegangen war, ihn betrogen hatte.

»Du hast recht, mein Sohn,« sprach der Graf de la Fère, »der König liebt sie.« – »Und bekennt es gar?« – »Frei und offen.« – »Und sie?« – »Ich habe sie nicht gesehen.« – »Aber der König hat doch von ihr gesprochen?« – »Ja, und mir beteuert, sie liebe ihn.« – »O, mein Vater!« –»Rudolf, mein Sohn, ich habe dem König alles gesagt, was du ihm sagen könntest, und eindrucksvoller, glaube ich, als du es vermocht hättest. Rudolf, ich habe es ihm ins Gesicht gesagt, zwischen ihm und uns sei nun alles aus, wir seien nicht mehr seine Diener, sondern seine Feinde. Mir bleibt nun nur noch eins zu wissen übrig. Was denkst du zu tun? Hast du deinen Entschluß gefaßt?« – Rudolf ließ die Arme herabsinken. »Mein Vater!« sprach er, »vielleicht gelingt es mir eines Tages, diese Liebe aus meinem Herzen zu reißen. Ich hoffe dabei auf Gottes Hilfe und auf Ihre weisen Ratschläge.« – Athos schüttelte den Kopf und murmelte: »Armes Kind!«

In diesem Augenblick meldete der Lakai Herrn d'Artagnan. Athos erschrak unwillkürlich. Der Musketier trat lächelnd ein. Die beiden alten Freunde wechselten einen raschen Blick, dann trat der Kapitän zu dem jungen Manne. Rudolf sah, unwillkürlich betroffen, von einem zum andern. – »Nun, Athos,« sprach d'Artagnan freundlich, »trösten wir den unglücklichen Burschen.« – »Wollen Sie mir bei dem schwierigen Geschäft helfen?« antwortete Athos. »Sie sind doch immer gütig.« – »Ja, deshalb komme ich,« sagte der Chevalier, Athos die Hand schüttelnd. – »Sie kamen gerade dazu, wie mein Vater mir von seiner Unterredung mit dem König erzählte, Herr Kapitän,« sagte Rudolf, »Sie gestatten wohl, daß er in seinem Bericht fortfahre.«

»Ah, Sie haben mit dem König gesprochen, Athos?«

»Ja, ich komme eben von ihm.« – »Wußten Sie nichts davon, Herr d'Artagnan?« fragte Rudolf. – »Meiner Treu, nein.« – »Nun, das beruhigt mich,« rief Bragelonne, »denn ich fürchtete, mein Vater hätte seiner Liebe und seinem Schmerz zu heftig Ausdruck gegeben, und der König sei dann –« – »Nun, was denn? was denn? Sprechen Sie doch aus, Rudolf,« sagte d'Artagnan. – »Kurz, ich glaubte, Sie kämen nicht als Freund meines Vaters, sondern als Kapitän der Musketiere,« sagte Rudolf. – »Sie sind närrisch, armer Junge!« rief der Gaskogner lachend. »Und nun hören Sie noch einmal meinen Rat: zwingen Sie sich zur Ruhe! Schlafen Sie ordentlich aus und dann reiten Sie, bis Sie wieder schläfrig werden. Das ist die beste Medizin.«

Er zog ihn an sich und umarmte ihn, als sei er sein eigener Sohn. Bragelonne sah die beiden Männer noch einmal an, aber sein forschender Blick ward stumpf an dem lachenden Gesicht des einen und dem ruhigen, sanften Ausdruck des andern. – »Wohin gehst du jetzt?« fragte der Vater. – »Heim,« erwiderte der Sohn. – »So weiß man, wo man dich findet.« – »Glauben Sie, mir bald etwas sagen zu können?« fragte Rudolf. – »Ja, neuen Trost,« antwortete d'Artagnan und schob den jungen Mann zur Tür hinaus.

Rudolf begab sich in seine Wohnung. Unterwegs sah er nicht rechts noch links; sein Blick war in sein eignes Inneres gerichtet, und er suchte in der Nacht seiner Seele den rechten Weg zu finden. – »So ist es denn geschehen!« sprach er bei sich. »Es ist aus – mein Leben hat einen Riß bekommen – ist wie ein Gefäß, das eine böse Hand am Boden zerschellt hat. Es ist nur noch ein Traum, das große Glück, das ich seit zehn Jahren erhofft habe. Liebe und Glückseligkeit soll es für mich nicht geben. O, wenn ich sein könnte wie alle diese Spötter, die mir in den letzten Stunden das Herz zerrissen haben, dann würde ich lachen oder wohl gar meinen Nutzen aus dem allem ziehen. Bah! Was hat mein Vater getan, als er jung war und es ihm ebenso erging? Er hat mir's oft erzählt: dem Trunk hat er sich ergeben. Warum soll ich nicht auch an die Stelle der Liebe das Vergnügen setzen? Ach, er hat ja aber ebenso gelitten wie ich, vielleicht noch mehr. Die Geschichte des einen Menschen ist die Geschichte des andern Menschen: eine längere oder kürzere Qual. Die Stimme der ganzen Menschheit ist nichts als ein langer Schrei. Ach, Luise, wir sind zusammen gewandelt durch den süßen Jugendmorgen unsers Lebens – und nun kommen wir an einen Kreuzweg, wo unsere Pfade sich scheiden – deiner führt in den Abgrund der Schande, meiner in den Abgrund des Leids. Vernichtet sind wir beide.«

Er langte zu Hause an und trat in sein Zimmer. Eine weibliche Gestalt erhob sich von einem Stuhle, schlug den Schleier zurück und trat vor ihn hin.

»Luise!« schrie er auf und wich zurück. – »Ja, ich bin es,« sagte sie leise. »Ich habe auf Sie gewartet. Ich mußte mit Ihnen reden – ganz allein. Und es muß geheim bleiben, Herr Graf, denn niemand außer Ihnen könnte begreifen, was ich da tue. Ich wage mehr als mein Leben, indem ich zu Ihnen komme. Setzen Sie sich und hören Sie mich an!« Ihre Stimme klang noch immer so süß, ihre Augen blickten noch immer so lieb und sanft. Rudolf preßte die Hand auf die Brust, schüttelte den Kopf und sank auf einen Stuhl. »Reden Sie!« stieß er hervor.

Luise fuhr sich mit einem Taschentuch über die Augen, dann sprach sie: »Rudolf, wenden Sie Ihren gütigen, freien Blick nicht von mir ab, Sie gehören nicht zu den Männern, die eine Frau verachten, weil sie einem andern ihr Herz schenkt. Nein, wenn auch meine Liebe zu jenem andern Sie unglücklich macht und Ihren Stolz verletzt, so werden Sie mich doch nicht verachten.« – Rudolf gab keine Antwort. »Ach, es ist nur zu wahr,« fuhr die Lavallière fort, »meine Sache steht schlecht, ich weiß nicht, wie ich beginnen soll. Ich werde Ihnen ganz einfach erzählen, wie es mir ergangen ist. Ich werde mich streng an die Wahrheit halten und so am besten alle Hindernisse, alles Dunkle überwinden, das sich mir dabei in den Weg stellen wird.« – Sie verstummte abermals, und Rudolf schwieg noch immer.

»O, ermutigen Sie mich doch durch ein einziges Wort!« Doch Bragelonne beharrte in seinem Schweigen, und Luise mußte fortfahren. »Herr von Saint-Aignan ist eben im Auftrag des Königs zu mir gekommen und hat mir gesagt –« dabei schlug sie die Augen nieder – »Sie wüßten alles und zürnten mir, wie es ja wohl auch nicht anders sein kann.« – Rudolf sah das junge Mädchen an – ein verächtliches Lächeln auf den Lippen. – »O, Rudolf, hegen Sie kein anderes Gefühl gegen mich als diesen Zorn!« rief sie aus. »Lassen Sie mich zu Ende sprechen! Fürs erste bitte ich Sie, den großherzigsten und edelsten der Männer, um Verzeihung! Wenn ich Sie auch nicht wissen ließ, was in mir vorging, so war es doch nicht meine Absicht, Sie zu hintergehen. O, Rudolf, ich bitte Sie auf den Knien, antworten Sie mir doch – und müßten Sie mich beleidigen! Lieber ein zorniges Wort als dieses verächtliche Lächeln!«

»So fein Sie auch die Worte spalten, Fräulein,« versetzte Rudolf, sich zur Ruhe zwingend, »ein Betrug bleibt eine Schlechtigkeit, deren ich Sie nicht fähig gehalten hätte.« – »Mein Herr, ich war lange Zeit des Glaubens, nur Sie zu lieben, und solange dieser Glaube währte, habe ich auch erklärt, ich liebte Sie. Der König kam nach Blois – und noch glaubte ich daran. Ich hatte es am Altar beschwören können. Dann aber kam ein Tag, der mir die Augen öffnete.« – »Und an demselben Tage, Fräulein, hätten Sie auch mir die Augen öffnen sollen, wenn Sie ehrlich handeln wollten.« – »An diesem Tage, da ich auf den Grund meines Herzens blickte, da ich eine andere Zukunft vor mir sah und erkannte, daß Sie mir nicht genügen würden, an diesem Tage waren Sie nicht bei mir.« – »Sie hätten schreiben können.« – »Das wagte ich nicht. Ich wußte, wie sehr Sie mich liebten, und zitterte bei dem Gedanken an den Schmerz, den ich Ihnen bereiten würde. Ach, Rudolf, diese Liebe schlug über mir zusammen wie ein Flammenmeer – ich gehörte mir selbst kaum noch – alle meine Gedanken, alle meine Gefühle waren wie ein Feuerbrand. Ich wußte mir selbst keinen Rat. Es ist ja meine einzige Entschuldigung, daß ich diesen andern mehr liebe als mein Leben, mehr als Gott! Verzeihen Sie mir oder zürnen Sie mir in Ewigkeit! Ich kam nicht hierher, mich zu verteidigen, sondern um Ihnen zu sagen: Sie wissen ja, was lieben heißt, nun, und ich liebe jenen andern so, daß ich ihm Leib und Seele opfere! Wenn er einmal aufhört, mich zu lieben, dann wird der Schmerz mich töten!«

»Gut,« versetzte Bragelonne, »Sie haben mir alles gesagt, was Sie mir zu sagen hatten – mehr noch, als ich zu erfahren wünschen konnte. Und nun bitte ich Sie um Vergebung, daß ich ein Hindernis in Ihrem Leben war, daß ich nicht nur mich selbst täuschte, sondern auch Sie veranlaßte, sich zu täuschen. Ich hätte klarer sehen sollen, da ich das Leben schon besser kannte als Sie. Auch ich kann zu meiner Entschuldigung nur meine große Liebe anführen. Luise, ich liebte Sie so innig, daß ich mein Blut tropfenweis für Sie hätte hingeben können, meinen Leib stückweis für Sie zum Opfer hätte bringen mögen. Ich liebte Sie so sehr, daß die Enttäuschung nun mein Herz zermalmt, allen Glauben in mir tötet. Mir ist, als sei ich blind geworden, Luise – die Nacht der Verzweiflung ist um mich her. Sie haben aus mir den unglücklichsten, den letzten der Menschen gemacht. Und nun – Gott befohlen!«

»Nicht, eh' Sie mir sagen, daß Sie mir verzeihen!«

»Habe ich es nicht schon getan?« rief er, die Hände vors Gesicht schlagend. »Ich sage Ihnen doch, ich kann nicht anders als Sie allezeit liebbehalten! Und Ihnen das sagen, Luise, Ihnen das in einem solchen Moment sagen, das heißt mein Todesurteil sprechen. Gott befohlen! Wir dürfen in dieser Welt einander nie mehr vor Augen kommen!«

Sie wollte rufen, doch er legte ihr leicht die Hand auf den Mund. Sie wollte diese Hand küssen – und wurde ohnmächtig. Bragelonne rief seinen Diener. – »Tragen Sie diese Dame zu Ihrer Kutsche!« befahl er. Als der Diener sie mit Rudolfs Hilfe aufhob, machte der Unglückliche eine Bewegung, als wollte er sie noch einmal ans Herz drücken, um ihr den ersten und letzten Kuß zu geben. Doch er bezwang sich und murmelte: »Nein! dieses Gut gehört nicht mehr mir. Ich bin nicht der König von Frankreich, daß ich rauben könnte.«

Als Rudolf seinen Vater und d'Artagnan verlassen hatte, sahen die beiden Freunde sich in die Augen. – »Und nun ohne Hehl,« sprach de la Fère, »Sie kommen, mich zu verhaften.« – »Getroffen,« sagte d'Artagnan. »Aber es hat keine Eile. Lassen Sie sich erzählen! Sie gingen gerade die letzten Stufen hinab, als der König mich rufen ließ. Freund, er war nicht mehr rot, er war violett. Ich sah auf dem Boden die Stücke eines zerbrochenen Degens, und nun wußte ich, was die Glocke geschlagen hatte. ›D'Artagnan!‹ schrie er mich an. ›Ich mag mit Herrn de la Fère nichts mehr zu tun haben. Er ist ein frecher Patron.‹ – ›Oho!‹ antwortete ich in einem Tone, über den er erschrak. – ›Kapitän,‹ rief er, ›Sie werden mich anhören und mir gehorchen.‹ – ›Wie es meine Pflicht ist,‹ war meine Antwort. – ›Nehmen Sie einen Wagen und verhaften Sie den Grafen de la Fère!‹ und da ich eine Bewegung machte, setzte er hinzu: ›Wenn es Ihnen nicht paßt, so kann ich auch meinen Gardekapitän rufen.‹ – ›Majestät,‹ sprach ich, ›Dienst ist Dienst, und damit gut! Ich warte nur noch auf den schriftlichen Befehl.‹ Das war dem Herrn nicht genehm, denn er mußte nun diesen Akt der Willkür schwarz auf weiß geben; dennoch schrieb er folgende Order: ›Kapitän d'Artagnan erhält Befehl, den Grafen de la Fère, wo immer er ihn antreffen mag, im Namen des Königs zu verhaften und in die Bastille zu schaffen.‹ So, nun wissen Sie es, alter Freund!«

»Also gehen wir!« antwortete Athos. »Ich habe hier nichts weiter zu besorgen. Erledigen wir die uns beiden widerliche Sache so rasch wie möglich. Muß ich vor oder hinter Ihnen gehen?« – »Wir gehen Arm in Arm.« Und d'Artagnan faßte unter und stieg mit dem Grafen die Treppe hinab. Gleich darauf saßen sie im Wagen, der rasch davonfuhr. – »Wir fahren geradeswegs zur Bastille?« fragte Athos ruhig. – »Wir fahren, wohin Sie wollen,« antwortete der Gaskogner ebenso ruhig. »Denken Sie etwa, ich will Sie dem Kerkermeister übergeben? Da hätte ich den Herrn Gardekapitän schicken lassen, statt selbst zu kommen.« – »Lieber Freund!« rief Athos, den Musketier umarmend, »daran erkenne ich Sie wieder!« – »Wir fahren also, wenn es Ihnen recht ist, zur Barrière du Cours-la-Reine, dort finden Sie ein Pferd – das beste, das ich auswählen konnte – und reiten schnurstracks nach Havre. Ich werde mich vor dem König erst wieder blicken lassen, wenn Ihr Vorsprung so groß ist, daß selbst ich Sie nicht einholen könnte. Von Havre fahren Sie nach England und begeben sich in das hübsche Haus, das General Monk mir zur Verfügung gestellt hat, oder genießen die Gastfreundschaft Karls II. Einverstanden?«

Aber Athos schüttelte den Kopf und antwortete: »Führen Sie mich in die Bastille!« – »Starrkopf!« rief d'Artagnan, »überlegen Sie sich das! Sie sind nicht mehr zwanzig Jahre alt. Ein Kerker ist für Leute in unsern Jahren tödlich. Ich denke nicht dran, Sie in einem Gefängnis schmachten zu lassen.« – »Die Ehre über alles, Freund!« entgegnete de la Fère. »Ich werde stark sein bis zum letzten Seufzer.« – »Das ist nicht mehr Stärke, das ist Wahnwitz.« – »Höchst vernünftig ist es. Glauben Sie mir, ich sorge mich gar nicht drum, daß Sie sich durch meine Rettung zugrunde richten. Ich hätte dasselbe für Sie getan. Entspräche die Flucht meinen Grundsätzen, so würde ich drein willigen. Aber es ist nicht drüber zu reden! und ich kenne Sie zu gut, um zu glauben, daß Sie in meiner Lage anders handeln würden. Mir liegt gerade dran verhaftet zu werden. Ließen Sie mich laufen, so würde ich selbst zurückkommen und mich stellen. Ich will diesem jungen Manne beweisen, daß er den Glanz seiner Krone verdunkelt, daß er nur dann der erste der Menschen ist, wenn er der Edelste und Weiseste ist. Indem er mich einsperrt und bestraft, mißbraucht er seine Gewalt, und ich will ihn fühlen lassen, was Gewissensbisse sind, und daß Gott den Ungerechten schwerer züchtigt, als je ein König einen Menschen züchtigen kann.«

»Bravo, Athos!« rief der Musketier. »Was Sie aus Heroismus tun, das hätte ich aus Dickköpfigkeit getan. Und wenn Sie überzeugt sind, Gott wird Sie rächen, so kann ich Ihnen versichern, ich kenne Leute auf Erden, die Gott dabei zur Hand gehn werden.«

Als sie vor Herrn Baisemeaux, den Gouverneur der Bastille, geführt wurden, war das erste, was sie erblickten: Aramis, der am Tische saß und mit Baisemeaux speiste. Man war allerseits sehr erstaunt, sich hier wiederzusehen. »Ei, welch ein Zufall!« rief d'Herblay sogleich, »wie kommt es nur –?« – »Danach wollten wir eben Sie befragen,« unterbrach d'Artagnan ihn rasch. – »Stellen wir lauter Gefangene vor?« rief Aramis heiter.

»Teufel ja, die Mauern riechen hier sehr nach Kerker,« antwortete der Gaskogner. »Doch nein, ich komme nur, weil Baisemeaux mich mal eingeladen hat, ihn zu besuchen. Sie tun ja, als wenn Sie aus den Wolken fielen, alter Freund!« setzte er hinzu, sich an den Gouverneur wendend, »haben Sie ein so schlechtes Gedächtnis? Sie waren zu mir gekommen und sprachen mit mir über gewisse Verpflichtungen gegen die Herren Tremblay und Louviere. Sie brauchten Geld und fragten nach der Adresse des Herrn d'Herblay.« – »Ah!« rief Aramis dazwischen. »Sie hatten also doch Angst, man würde Sie im Stich lassen, Baisemeaux?« – »Nicht doch, nicht doch!« versetzte der Gouverneur verlegen. »Ich fragte ja nur nach Ihrer Adresse. Ja, ja, Herr d'Artagnan, ich erinnere mich jetzt –«

»Und deshalb komme ich,« sagte der Gaskogner. »Und da ich unterwegs unsern alten Freund hier traf, so habe ich ihn mitgebracht.« – »Der Herr Graf ist mir willkommen,« sagte Baisemeaux mit einer Verbeugung. – Aramis sah von d'Artagnan zu Athos; ihm kam die Sache nicht recht geheuer vor, allein er fand die Lösung des Rätsels nicht. – »Lassen Sie den Herrn Grafen mitspeisen,« fuhr d'Artagnan fort, »ich armer Windhund muß meinem Dienst nachlaufen. Ich habe noch eine wichtige Besorgung, bin aber in einer halben Stunde wieder hier – so oder so, Athos,« setzte er leise hinzu. »Und plaudern Sie nichts aus, bei der Liebe Gottes!«

D'Artagnan verabschiedete sich mit diesen Worten, und Aramis hoffte nun den schlichten ehrlichen Athos auszuhorchen; aber der Graf besaß alle Tugenden: er konnte nicht nur trefflich reden, wenn es sein mußte, er konnte im Notfall auch ebenso trefflich schweigen; und diesmal sprach er keine Silbe. Die drei Herren saßen an dem mit allen Delikatessen gedeckten Tische, aßen, tranken und schwiegen. Und inzwischen war d'Artagnan mit dem Rufe: »Zum König, daß das Pflaster sprüht!« in den Wagen gesprungen und ins Palais zurückgefahren.

Ludwig XIV. gab sich Gedanken hin, die nicht sehr erfreulich waren; die Gewissensbisse, von denen Athos gesprochen, begannen sich schon leise zu regen. Er dachte an die Liebe der beiden jungen Leute, die er durch sein Dazwischentreten zerstört hatte, und bei diesem Gedanken peinigte ihn abermals die Eifersucht. Statt zur Kurzweil zu seiner Mutter, zur Königin oder zu Madame zu gehen, warf er sich in jenen breiten Lehnstuhl, in welchem sich sein erhabener Vater Ludwig XIII. so viele Tage und Jahre gelangweilt hatte. Da wurde der Türvorhang aufgehoben – es war kein Liebesbote von der Lavallière, wie Ludwig erwartete – es war der Kapitän seiner Musketiere.

»Ah, d'Artagnan!« rief der König. »Nun?« – »Befehl ausgeführt!« meldete der Musketier ernst. – »Was hat der Graf gesagt?« – »Nichts, Sire.« – »Wer er hat sich doch nicht verhaften lassen, ohne ein Wort zu sprechen?« rief Ludwig. – »Er sagte, er sei darauf gefaßt gewesen,« antwortete d'Artagnan. – Der König sah stolz empor und sprach: »Der Graf de la Fère hat doch nicht etwa seine rebellische Rolle weitergespielt?«

»Was nennen Majestät rebellisch?« fragte d'Artagnan ruhig. »Halten Sie den für einen Rebellen, der sich nicht bloß in die Bastille schleppen läßt, sondern sich sogar denen widersetzt, die ihn nicht dorthin führen wollten?«– »Die ihn nicht dorthin führen wollten?« rief Ludwig, »Sie sind wohl verrückt geworden?« – »Ich glaube nicht, Sire.« – »Na, hatten Sie etwa die Absicht, Herrn de la Fère nicht zu verhaften?« – »Allerdings, Sire!« – »Sie wollten trotz meines Befehls den Mann nicht verhaften, der mich beschimpft hat?« – »Ich war dazu fest entschlossen,« antwortete d'Artagnan. »Ich machte ihm den Vorschlag, ein Pferd zu besteigen, das ich für ihn bereitgestellt hatte, nach Havre zu reiten und sich nach England zu begeben.«

»Das ist Verrat, Kapitän!« rief Ludwig mit blitzenden Augen. – »Nichts anderes, Sire!« erwiderte der Musketier ganz gelassen. – Der König faßte sich; mit übermenschlicher Gewalt bezwang er seine lodernde Wut und sprach: »Sie müssen dazu zum mindesten einen Beweggrund gehabt haben.« – »Ich habe immer einen Grund, Sire,« versetzte d'Artagnan. – »Und der Grund der Freundschaft allein wäre hier keine Entschuldigung, denn ich stellte es Ihnen frei, von dem Befehl zurückzutreten.« – »Jawohl, Sire, aber Sie sagten, wenn ich es nicht machen wollte, so würden Sie Ihren Gardekapitän schicken – na, und der Gardekapitän hätte meinem Freunde doch gewiß nicht die Möglichkeit gelassen zu entfliehen.«

»Da sieht man Ihre Ergebenheit, Mann! Eine Treue mit Hintergedanken! Sie sind kein Soldat, Herr!«

»Wollen mir Majestät sagen, was ich bin?« – »Sie sind ein Frondeur!« rief Ludwig außer sich. – »Es gibt ja keine Fronde mehr,« antwortete der Gaskogner.

»Wenn aber das, was Sie sagen, wahr ist,« begann der König. – »Was ich sage, ist immer wahr,« unterbrach ihn der Chevalier. »Und ich sage hiermit: Graf de la Fère ist in der Bastille –« – »Und kam nicht durch Sie dorthin, wie mir scheint.« – »Das ist beinahe so, jawohl; aber kurz und gut, er befindet sich dort, und es ist vielleicht wichtig, daß Eure Majestät das wissen.«

»Ha, Herr d'Artagnan, Sie verhöhnen Ihren König?« – »Im Gegenteil, ich komme, um gleichfalls um meine Verhaftung zu bitten. Mein Freund langweilt sich in der Bastille, und ich bitte Eure Majestät, lassen Sie mich ihm Gesellschaft leisten. Eure Majestät brauchen nur ein Wort zu sprechen, und ich verhafte mich selbst; es bedarf dazu nicht des Gardekapitäns, dessen können Sie versichert sein.«

Der König stürzte zum Tische und ergriff die Feder. »Geben Sie acht, daß das nicht auf Lebenszeit ist!« schrie er. – »Darauf rechne ich eben,« erwiderte der Musketier. »Denn wenn Sie diese Absicht wirklich vollführt haben, werden Sie sich nie mehr getrauen, mir ins Gesicht zu sehen.« – Der König schleuderte die Feder weg und schrie: »Hinaus mit Ihnen!« – »Sire, nicht doch!« sagte d'Artagnan noch immer ganz ruhig, »ich kam, um in aller Güte mit Ihnen zu sprechen, Majestät geraten aber in Hitze, das ist schade; doch wird es mich nicht abhalten, Ihnen zu sagen, was ich zu sagen habe.« – »Ich entlasse Sie, mein Herr, ich entlasse Sie!« rief Ludwig.

»Sie wissen, Sire,« entgegnete der Chevalier, »daran liegt mir wenig, ich habe Sie schon einmal darum gebeten, als Eure Majestät in Blois dem unglücklichen König von England die Million ausschlugen, die ihm nachher mein Freund, der Graf de la Fère, gegeben hat. Sire, um meine Entlassung handelt es sich nicht. Eure Majestät hatten die Feder ergriffen, um mich zur Bastille zu verdammen. Warum änderten Sie Ihren Entschluß?«

»D'Artagnan, starrsinniger Gaskogner,« rief Ludwig, »wer ist König, Sie oder ich?« – »Sie, leider –« – »Was? Leider?« – »Ja, Majestät, denn wenn ich es wäre –« – »So würden Sie diese Rebellion des Herrn d'Artagnan ruhig hinnehmen –« sagte der König, die Achseln zuckend. – »Gewiß, Majestät, und ich würde den Kapitän meiner Musketiere mit den Augen eines Menschen, nicht mit zwei glühenden Kohlen anschauen und zu ihm sprechen: D'Artagnan, ich habe vergessen, daß ich der König bin. Ich habe meinen Thron verlassen und einen Edelmann beschimpft –« – »Herr! glauben Sie Ihrem Freund zu nützen, indem Sie seine Unverschämtheit überbieten?« rief der König.

»Ja, ich werde noch weiter gehen als er,« antwortete der Musketier, »und das wird Ihre eigene Schuld sein. Ich werde Ihnen das sagen, was de la Fère, dieser zartfühlendste aller Männer, nicht gesagt hat, nämlich folgendes: Sire, Sie haben seinen Sohn umgebracht, er hat seinen Sohn verteidigt; damit haben Sie auch ihn selbst zugrunde gerichtet. Er sprach im Namen der Ehre, der Religion, der Tugend; Sie haben ihn zurückgestoßen und gefangengesetzt! – Ja, ich werde noch härter sein und zu Ihnen sprechen: Sire, wählen Sie, wollen Sie Freunde oder Knechte, Soldaten oder Krummbuckler, große Männer oder Hanswurste? Soll man Ihnen dienen oder vor Ihnen im Staube kriechen? Soll man Sie lieben oder sich vor Ihnen fürchten? Wenn Ihnen Niedrigkeit, Intrige, Falschheit lieber sind, so sagen Sie es. Wir Kerle vom alten Schrot und Korn gehen dann, wir einzigen Ueberreste der ehemaligen Kraft und Tapferkeit. Wählen Sie, Sire, und zaudern Sie nicht. Erhalten Sie sich, was Ihnen an großen Männern noch übrig ist, Höflinge werden Sie immer genug haben. Schicken Sie mich zu meinem Freunde in die Bastille, denn da Sie den Grafen de la Fère nicht anzuhören verstanden, da Sie d'Artagnan nicht anhören können, die offene, derbe Stimme der Aufrichtigkeit, dann sind Sie ein schlechter König und werden morgen ein armer König sein. Die schlechten Könige verabscheut man, die armen vertreibt man. Das, Sire, wollte ich Ihnen sagen. Sie taten Unrecht, mich soweit zu treiben.«

Der König warf sich in den Lehnstuhl, starr und leichenblaß. Wenn ein Blitzstrahl zu seinen Füßen niedergefahren wäre, es hätte ihn nicht heftiger erschüttern können. Es war, als sei ihm der Atem ausgegangen. D'Artagnan aber nahm seinen Degen und legte ihn auf den Tisch. Der König machte eine wütende Gebärde und stieß die Waffe zurück, so daß sie auf den Boden fiel und dem Musketier vor die Füße rollte. So sehr d'Artagnan sich zu beherrschen vermochte, so erblaßte er jetzt doch und preßte vor Grimm die Zähne aufeinander. »Ein König kann die Ungnade über einen Soldaten aussprechen,« rief er, »er kann ihn verdammen und zum Tode verurteilen, aber wäre er auch hundertmal König, er hat nicht das Recht, ihn zu beschimpfen, indem er seinen Degen entehrt. Sire, noch nie hat ein König von Frankreich den Degen eines Mannes wie ich zurückgestoßen. Dieser befleckte Degen, Sire, merken Sie sich das, hat künftig keine Scheide mehr als Ihr Herz oder das meinige! Ich wähle meiniges – danken Sie dafür Gott und meiner Geduld!« Er riß den Degen empor und rief: »Mein Blut falle auf Ihr Haupt!« Dabei setzte er die Spitze des Degens an seine Brust.

Doch noch schneller stürzte der König hinzu, schlang den rechten Arm um den Hals des Musketiers, griff mit der linken Hand in die Degenklinge und schob sie schweigend in die Scheide. D'Artagnan, noch blaß, stumm und mit den Zähnen knirschend, ließ es geschehen. Dann kehrte Ludwig XIV. zum Tische zurück, schrieb ein paar Zeilen auf ein Blatt Papier und reichte es dem Kapitän.

»Sire, was ist das?« murmelte der Chevalier.

»Der Befehl an Herrn d'Artagnan, den Grafen de la Fère augenblicklich in Freiheit zu setzen,« antwortete Ludwig.

D'Artagnan ergriff die königliche Hand, küßte sie, steckte das Papier ein und stürzte hinaus. – »O, menschliches Herz, Kompaß der Könige!« sprach Ludwig vor sich hin. »Wann werde ich in deinen Falten wie in den Blättern eines Buches lesen können? O, nein, ich bin kein schlechter König – ich bin auch kein armer König. Aber ich bin noch ein Kind.«

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