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Zehn Jahre später

Alexandre Dumas (der Ältere): Zehn Jahre später - Kapitel 38
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä
titleZehn Jahre später
publisherVerlag von A. Weichert
translatorH. Eiler
correctorreuters@abc.de
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5. Kapitel. Pariert

Fräulein Aure von Montalais ging mit ihrer Freundin Luise, der sie sich jetzt wieder mit ganz besonderm Eifer widmete, im Park spazieren. »Gott sei Dank, daß man wieder eine freie Stunde hat!« sagte sie. »Seit gestern steht jedermann auf der Lauer, und ein Kreis von Aufpassern und Spionen umgibt uns, als wenn wir die gefährlichsten Hochverräter wären.« – Luise schlug die Augen nieder und schwieg. Sie handelte wie im Traume. Zuviel war in den letzten Stunden auf sie eingestürmt, als daß sie darüber schon mit sich selbst ins klare hätte kommen können. – »Nur meine unbedachtsame Aeußerung ist an allem schuld,« sagte sie nach einer Weile. »Darüber hält sich nun alle Welt auf.« – »Ja, und alle Welt schmückt dieses Ereignis mit immer neuen Phantasieblüten aus. Du hast die Ehre, daß der ganze Hof sich mit deiner Person beschäftigt,« fuhr die Montalais fort. »Was jedoch deine Lage wiederum ein wenig kritisch macht. Sprich, war es dir wirklich Ernst mit dem, was du gesagt hast?«

»Ich würde alles drum geben, wenn ich vergessen könnte, was ich gesagt habe,« antwortete Luise, »wenn ich es ungesagt machen könnte. Aber wie kannst du daran zweifeln, daß mir's mit meinen Worten heiliger Ernst gewesen sei?« – »Liebst du denn nicht den Vicomte von Bragelonne?« rief die Montalais, und diese Frage war wie das erste Wurfgeschoß, das eine feindliche Armee in eine belagerte Stadt schleudert. – »Ob ich Rudolf liebe? meinen Bruder, meinen Jugendgespielen?« – »Du entschlüpfst mir nicht,« versetzte die Montalais. »Ich frage nicht, ob du Rudolf, deinen Jugendgespielen liebst, sondern ob du Rudolf, deinen Verlobten, liebst.«

»O, mein Gott, liebe Montalais, wie genau du es nimmst!« entgegnete Luise. – »Antworte mir nur auf meine Frage!« beharrte Aure. – »Du fragst nicht wie eine Freundin, aber ich werde dir wie eine Freundin antworten,« erwiderte die Lavallière. »Mein Herz ist schwer zugänglich, und ein sprödes Schloß liegt vor meinen weiblichen Gefühlen. Kein Mensch hat je in die Tiefe meines Gemüts geschaut.«

»Das weiß ich,« versetzte die Montalais. »Wenn ich hineinschauen könnte, so würde ich vielleicht also zu dir sprechen: Luise, du bist zu beneiden; Herr von Bragelonne ist ein liebenswürdiger Mensch und eine gute Partie für ein armes Mädchen, denn sein Vater wird ihm eine Rente von 15 000 Livres hinterlassen. Sieh nicht nach rechts und nicht nach links. Geh mit deinem Vicomte geradeswegs zum Traualtar.« – »Und für diesen Rat würde ich dir danken,« antwortete Luise, »obgleich er mir nicht gut erscheint. Aber es freut mich, daß du so sprichst, wie du es meinst.« – »Und nimm noch folgenden Rat, liebe Luise,« fuhr die Montalais fort, »es ist sehr gefährlich, tagelang sich von der Gesellschaft der andern auszuschließen, einsame Wege im Garten aufzusuchen und Buchstaben in den Sand zu schreiben, die weit eher dem L als dem B gleichen. Es ist sehr bedenklich, sich abenteuerliche Grillen in den Kopf zu setzen. Es gibt ein Märchen von einem armen, trübseligen Mädchen, das bildete sich ein, ein Prinz liebe sie; aber der Prinz liebte eine weit vornehmere Dame und benutzte das arme Kind nur zum Deckmantel, um die wahre Liebe zu verbergen. Denke dir, liebe Luise, wie tödlich für dieses arme Mädchen die Enttäuschung gewesen sein muß. Es war zuerst von allen umschwärmt, dann von allen verspottet, dann starb es in der Einsamkeit.«

Luise wurde bleich wie Leinwand und zitterte heftig.

»Still!« flüsterte sie, »es kommt jemand.« – »In der Tat,« sagte die Montalais, »wer mag das sein? Alle Welt ist mit dem König in der Messe oder mit Monsieur im Bade. Luise, es ist Rudolf! Er kommt wie gerufen, er soll Schiedsrichter zwischen uns sein.« – »O, Montalais, Montalais!« rief Luise, »sage ihm um Gotteswillen nichts! Du warst grausam, sei nicht noch unerbittlich!«

»O, Herr Vicomte!« rief Aure dem jungen Manne zu, »Sie sind wahrlich schön wie Amadis. Und wie dieser auch gestiefelt und gespornt!« – »Weil ich abreise,« antwortete Bragelonne, sich vor den Damen verneigend. – Luise erschrak. »Sie reisen ab? Wohin denn?« rief sie. – »Liebe Luise,« sprach Rudolf, »ich gehe auf Befehl des Königs nach England.« – »Auf Befehl des Königs!« rief die Montalais, und beide Mädchen wechselten einen Blick der Verwunderung, den Bragelonne wohl bemerkte, aber nicht verstand. – »Majestät hat sich daran erinnert, daß der Graf de la Fère bei Karl II. gut angeschrieben steht,« sagte der Vicomte. »Heute morgen rief der König mich zu sich, als er mich erblickte, und befahl mir, zu Herrn Fouquet zu gehen, von dem ich Briefe an den König von England in Empfang nehmen sollte. Diese Briefe habe ich persönlich zu überbringen.«

»Mein Gott!« murmelte Luise, von unklaren Ahnungen erfaßt. – »So schnell schickt man Sie fort?« sagte die Montalais. »Das hat ja mit einem Male große Eile.« – »Ja, in der Tat, man hat mir schleunigen Aufbruch dringend ans Herz gelegt,« antwortete Rudolf. »Deshalb habe ich Sie aufgesucht, denn ich konnte nicht warten, bis wir uns im Schlosse wiedersehen. Luise!« sprach er und ergriff ihre Hand. »O, Ihre Hand ist eisig kalt« – »Es ist nichts,« murmelte sie. – »Die Kälte erstreckt sich nicht bis auf Ihr Herz, nicht wahr?« fuhr er fort. – »O, Sie wissen ja,« brachte sie mühsam hervor, »mein Herz kann gegen einen Freund wie Sie nie kalt sein.« – »Ich danke Ihnen, Luise,« sagte der Vicomte. »Ich kenne ja Ihr Herz und Ihr Gemüt und weiß, daß die darin wohnende Zärtlichkeit nicht nach der Berührung der Hand beurteilt werden kann. Luise, Sie wissen, ich liebe Sie innig, und mein Leben ist Ihnen geweiht. Es ist freilich abgeschmackt, mit Kummer von Ihnen zu gehen, allein trotzdem fällt mir der Abschied doch sehr schwer.«

»Werden Sie denn lange fortbleiben?« fragte Luise mühsam. – »Nein, wahrscheinlich nur vierzehn Tage. Doch es ist seltsam,« sagte Rudolf, »ich habe oft Abschied von Ihnen genommen, um auf gefahrvolle Unternehmungen auszuziehen. Doch da ging ich freudigen Herzens und träumte von meinem Glück, galt es auch, den Kugeln der Wallonen die Stirn, den Hellebarden der Spanier die Brust zu bieten. Heute gehe ich auf eine ganz ungefährliche Reise, und sogar mit der Hoffnung, die Gunst eines Königs zu gewinnen; und doch bin ich niedergeschlagen, mutlos, von unsagbarem Kummer erfüllt. Ich weiß nicht, weshalb – mir ist, als ließe ich etwas zurück, das ich nie wiederfinden werde!«

Luise zerfloß in Tränen und sank ihrer Freundin in die Arme. Auch der Montalais, die doch nicht zu den zartesten Naturen gehörte, traten die Tränen in die Augen. Rudolf kniete nieder und bedeckte Luisens Hand mit Küssen; man sah, er legte sein ganzes Herz in diese Liebkosung. Dann stand er rasch auf und ging. Wenige Minuten später hörte man auf der Landstraße die Hufschläge eines galoppierenden Pferdes.

An diesem Abend war bei Madame große Gesellschaft. Gegen acht Uhr stellten die Gäste sich ein. Da ihre Soireen immer einen ganz besonderen Reiz hatten, so fehlte niemand. Eine große Schar von Edelherren, Poeten, Gelehrten und geistreichen Männern und Frauen war man gewohnt bei ihr zu sehen. An diesem Abend versprach man sich, nachdem des Königs Abenteuer mit der Lavallière, einem Ehrenfräulein Madames, bekannt geworden war, noch ganz besondere Überraschungen.

Monsieur erschien in Gesellschaft des Herrn von Guiche. Als letzter stellte der König sich ein, in Begleitung seines Hofmeisters, des Grafen von Saint-Aignan Madame stand auf, um ihn zu begrüßen, warf aber im selben Moment einen Seitenblick auf Fräulein von Lavallière, die zwischen der Montalais und der Tonnay-Charente in der Reihe der Ehrendamen saß. Alle Häupter neigten sich vor Seiner Majestät, bei dessen Eintritt sich jedoch – da man ihn heute in fast unköniglicher Haltung, zwanglos und fröhlich, kommen sah – alsbald eine heitere Stimmung verbreitete. Der König nahm Platz, und der Kreis schloß sich um ihn her. Er ließ seine Blicke in der Runde schweifen, und Madame fand es unerhört, daß er sich nicht genierte, die Lavallière besonders lange aufmerksam zu betrachten. Um ihn abzulenken, bestürmte sie ihn mit Fragen, verstand doch niemand das Ausfragen besser als sie.

»Madame fragen zu viel,« antwortete schließlich der König und versuchte umsonst die Kälte seiner Worte durch ein liebenswürdiges Lächeln zu verbergen. »Ich muß Sie an Saint-Aignan verweisen, der kann besser erzählen als ich.« – »Ei, was soll ich erzählen?« rief Saint-Aignan, der nur auf einen Anlaß gewartet hatte, seiner Schwatzhaftigkeit Genüge zu tun. »Vielleicht die Geschichte von den drei Schäferinnen, die mir neulich eine indiskrete Dryade erzählte?« – Bei diesen Worten warf er einen Blick auf die drei Ehrendamen, von denen in den letzten Stunden soviel die Rede gewesen war, und die ganze Gesellschaft rückte mit einem Murmeln der Befriedigung noch enger zusammen. Man erwartete nun bestimmt die heiß ersehnte Sensation.

Saint-Aignan war als seiner Gesellschafter und gewandter Erzähler bekannt. Das tiefe Schweigen, das ringsum herrschte, die vielen Blicke, die er voll Spannung auf sich gerichtet sah, brachten ihn daher nicht aus der Fassung. Er begann: »Königliche Hoheit, die Dyraden wohnen in Bäumen des Waldes und ziehen besonders schöne und alte Bäume vor.« – Alle Zuhörer wußten, daß dies eine Anspielung auf die Königseiche war, und manches Herz klopfte laut vor Neugierde und Unruhe. »Da es in Fontainebleau sehr schöne Bäume gibt,« fuhr Saint-Aignan fort, »namentlich einige prachtvolle Eichen, so wird man mir glauben, wenn ich beteuere, daß es in Fontainebleau auch Dryaden gibt. Folgendes nun erzählte mir die Dryade des Parks von Fontainebleau. In dieser schönen, uns allen so lieben Ortschaft wohnen zwei Schäfer, von denen der eine Tirsis heißt. Er ist jung und schön, und seine Tugenden und Vorzüge machen ihn zum ersten, zum König der Schäfer. Seine Kraft ist so groß wie sein Mut. Er ist der Gewandteste auf der Jagd und der Weiseste im Rat. Natürlich erfreut sich der König der Schäfer hoher Gunst bei den Schönen seines Landes. Wer Tirsis gesehen und gehört hat, muß ihn lieben. Wer ihn liebt und von ihm wiedergeliebt wird, der hat das Glück gefunden. Tirsis hatte einen Gefährten, welcher sein untertänigster Diener war. Er hieß Amyntas. Von ihm ist wenig zu sagen. Neben Tirsis verblaßt er vollständig. Er ist keines Vergleiches mit ihm würdig. Er verlangt nichts anderes als einen Platz zu den Füßen des schönen Tirsis. Sein höchstes Glück ist, wenn Tirsis sich manchmal an ihn wendet und ihn zum Vertrauten seiner Herzensgeheimnisse macht. Er ist etwas älter als Tirsis und nicht ganz von der Natur vernachlässigt. Er sucht nicht zu glänzen, aber es verlangt ihn nach Liebe, und diese würde ihm gewiß zuteil werden, wenn man ihn richtig beurteilte.«

Diese Phrase galt dem Fräulein von Tonnay-Charente, dem der Graf bei diesen Worten einen eindringlichen Blick zuwarf, aber die Dame hielt diesen Angriff ganz ruhig aus. Lauter Beifall erklang; man rief dem Erzähler zu fortzufahren, und der König gab selbst durch Kopfnicken das Signal dazu.

»Eines Abends lustwandelte Tirsis mit Amyntas im Walde, und beide traten in ein tiefes Gebüsch, um hier einander ihr Liebesleid zu klagen. Da vernahmen sie plötzlich Stimmen.« – »Ha, jetzt, wird's interessant!« flüsterte jemand, und Madame warf, gleich einem General, der wachsam auf seine Armee aufpaßt, einen zurechtweisenden Blick auf die Montalais und die Tonnay-Charente, die sich nicht zu beherrschen wußten.

»Diese lieblichen Stimmen,« erzählte der Graf weiter, »gehörten einigen Schäferinnen an, die sich ebenfalls im kühlen Walde ergingen und einen entlegenen Platz aufgesucht hatten, um ihre Gedanken über das Schäferdasein auszutauschen. Die Dryade hat mir versichert, alle drei seien sehr hübsch gewesen. Sie hat mir auch ihre Namen genannt: Phyllis, Amaryllis und Galathee. Sie plauderten also –«

»O, Herr Graf,« unterbrach ihn Madame lachend, »erzählen Sie hübsch der Reihe nach! Erst die Porträts der drei Schönen.« – Saint Aignan warf einen Blick auf den König, und Ludwig, der selbst schon ein wenig unruhig zu werden begann, fürchtete das gleiche von der Herzogin und glaubte, eine so gefährliche Fragestellerin nicht noch zur Neugier reizen zu sollen. Er gab durch ein Kopfnicken sein Einverständnis zur ausführlichen Beschreibung der drei Schäferinnen.

»Phyllis also,« erzählte Saint-Aignan weiter, »ist weder brünett noch blond, weder groß noch klein, weder kalt noch schwärmerisch. Aber sie ist geistreich wie eine Prinzessin und kokett wie eine Teufelin. Ihr Gesicht ist sehr anziehend. Sie gleicht einem Vogel, der beständig zwitschernd gern von einer Blume zur andern flattert und allen Vogelstellern trotzt, welche das Netz nach ihm stellen.«

Diese Schilderung war so ähnlich, daß aller Augen sich sogleich auf Fräulein von Montalais richteten; diese aber machte ein ganz unbefangenes Gesicht und hörte mit der größten Seelenruhe zu. – »Ich gehe zu Amaryllis über,« fuhr der Erzähler fort. »Sie ist die älteste der drei Schäferinnen, hat jedoch noch nicht die zwanzig erreicht. Sie ist groß, hat üppiges Haar, das sie in griechischer Art trägt, einen majestätischen Gang und würdevolle Manieren. Sie gleicht daher mehr einer Göttin als einer Sterblichen. Sie ist eine Diana, die ihre Pfeile ins Herz aller armen Schäfer schießt, welche in den Bereich ihrer Augen und ihres Bogens kommen.« Die Tonnay-Charente, die bisher ein wenig finster dreingeschaut hatte, lächelte jetzt heiter. –

»O, diese böse Schäferin!« rief Madame. »Wird nicht einmal eines der Geschosse, die sie unbarmherzig nach rechts und links abschießt, auf sie selbst zurückfliegen?« – »Das hoffen alle Schäfer,« antwortete Saint-Aignan. – »Und ganz besonders der Schäfer Amyntas, nicht wahr?« fragte Madame. – »Amyntas,« erwiderte Saint-Aignan und setzte seine bescheidenste Miene auf, »ist so schüchtern, daß niemand erfahren hat, ob er eine solche Hoffnung wirklich hegt. Er verbirgt sie in seines Herzens tiefster Tiefe.«

»Und Galathee?« fragte Madame, »ich bin auf dieses letzte Porträt besonders gespannt.« – »Galathee,« begann der Erzähler, »hat eine Haut, weiß wie Milch, ein Blondhaar, zart und sein wie Gold, Augen, rein und klar wie das Blau des Himmels. Wem sie ihr Herz schenkt, der ist glücklich zu preisen. Ihre jungfräuliche Liebe macht ihn zum Gott.« – Niemand zollte dieser Schilderung Beifall; Madame schwieg kalt, und die ganze Gesellschaft schien von diesem frostigen Gefühl angesteckt zu werden. Saint-Aignan hatte sein ganzes Erzählertalent aufgeboten und war sehr enttäuscht, als das rauschende Händeklatschen, das er erwartet hatte, sich nicht einstellte.

»Nun, Majestät,« unterbrach Henriette endlich die Pause, »was sagen Sie zu diesen drei Porträts?« – »Amaryllis könnte mir gefallen,« antwortete Ludwig.

»Mir ist Phyllis lieber,« sagte Monsieur, »sie scheint mir ein wenig burschikos. Das habe ich gern.« – Ein allgemeines Gelächter erscholl. Die Montalais errötete bis über die Ohren.

»Nun, und was erzählten sich die Schäferinnen?« fragte Madame, ehe noch jemand etwas über das Porträt der Galathee sagen konnte. – »Die Schäferinnen gestanden sich Herzensgeheimnisse,« fuhr Saint-Aignan fort. »Sie sagten, die Liebe sei ein gefährlich Ding, aber ohne Liebe zu leben, sei dem Tode gleich zu erachten. Und daraus folgerten sie, daß man lieben müsse. Eine Schäferin erklärte sich entschieden gegen jede Liebe, konnte dabei aber doch nicht verhehlen, daß auch sie das Bild eines Schäfers im Herzen trüge.« – »Das Bild des Tirsis?« fragte die Madame. – »Nein, Hoheit, des Amyntas,« antwortete Saint-Aignan. »Allein die sanfte Galathee mit den Märchenaugen antwortete, man könne doch unmöglich Amyntas lieben oder Tityrus oder Alphesibeus, oder wie sie heißen mochten, solange es einen Tirsis gebe. Tirsis verdunkle alle Männer, gleichwie die Eiche alle Bäume überrage. Und sie entwarf nun von Tirsis eine Schilderung, daß er, der dabei selbst im verborgenen zuhörte, sich geschmeichelt fühlte bei all seiner Größe. So waren denn Tirsis und Amyntas von Galathee und Phillis ausgezeichnet worden, das Geheimnis zweier Herzen hatte sich im Schatten der Nacht verraten. Das ist es, was die Dryade mir erzählt hat. Ich habe es nur nacherzählt.«

»Und Sie sind nun fertig, nicht wahr, Herr von Saint-Aignan?« fragte Madame mit einem Lächeln, das den König zittern machte. »Sie haben indessen einen Fehler begangen, daß Sie nur auf eine Dryade gehört haben, Sie hätten sich auch noch bei der Najade von Fontainebleau erkundigen sollen. Sie ist ebenso schwatzhaft und sogar noch besser unterrichtet als jene.« – »Eine Najade!« riefen mehrere Stimmen, begierig auf die Fortsetzung der Geschichte. – »Sie haust ganz in der Nähe der Königseiche in einem hübschen, kleinen Quell, der dort zwischen Vergißmeinnicht und Schlüsselblumen sprudelt,« fuhr Madame fort, scheinbar ohne zu bemerken, wie unruhig und erwartungsvoll der König sie ansah. »Hören Sie, was diese Najade mir erzählt hat, als ich gestern abend dort vorüberging. ›Stellen Sie sich vor, meine liebe Prinzessin,‹ sagte sie, denn wir beide sind gute Bekannte, ›was für ein ergötzliches Schauspiel ich gestern abend beobachten konnte. Zwei neugierige Schäfer, die wohl auf Liebesabenteuer ausgingen, haben sich nämlich von drei lustigen Schäferinnen auf ganz scharmante Weise nasführen lassen.‹«

Diese Worte trieben dem König das Blut in die Wangen, während man die Lavallière leichenblaß werden sah. Madame erzählte weiter: »›Diese zwei Schäfer,‹ fuhr meine Najade fort, ›folgten den drei Schäferinnen, und diese hatten es wohl bemerkt, und man kann es ihnen nicht verübeln, wenn sie beschlossen, sich einen Spaß mit ihnen zu machen. Sie setzten sich unter die Königseiche, und da sie die Horcher so nahe wußten, daß ihnen kein Wort entgehen konnte, machten sie ihnen nun die feurigsten Liebeserklärungen. Alle Männer sind von sich selbst eingenommen. Sentimentale Schäfer am meisten. Die Worte, die die Horcher vernahmen, waren daher ihren Ohren eine überaus süße Melodie.«

Man hörte Kichern und Lachen; der König erhob sich; ein Blitz sprühte aus seinen Augen. – »Meiner Treu, ein köstlicher Scherzi« rief er, »und sehr amüsant erzählt! Aber haben Sie die Sprache der Najade auch richtig verstanden?« – »Ich ließ sie ihre Erzählung vor einigen Damen meines Gefolges wiederholen,« antwortete Madame. »Sie werden bestätigen, daß meine Wiedergabe sich genau mit den Worten der Göttin deckt. Nicht wahr, Fräulein von Montalais, es ist so gewesen?« – »Jawohl, Madame,« antwortete Aure ohne Zaudern. – »War es so, Fräulein von Tonnay-Charente?« fragte Madam«. – »Es ist die reine Wahrheit,« erwiderte Athenais. – »Und Fräulein von Lavallière wird es auch bestätigen,« sagte die Herzogin.

Das arme Kind fühlte den forschenden Blick des Königs auf sich gerichtet; sie wagte weder zu leugnen noch zu lügen; sie nickte flüchtig, aber ein eisiger Schauer, schmerzlicher als der Hauch des Todes, durchbebte sie. Gegen dieses dreifache Zeugnis wußte der König nichts zu sagen; Saint-Aignan stammelte mit erzwungener Heiterkeit: »Ein famoser Spaß! Und auch ganz hübsch gespielt von diesen drei Schäferinnen.« – »Die gerechte Strafe für die Neugierde,« sagte der König mit heiserer Stimme. »Wer möchte sich nach einer solchen Zurechtweisung, wie sie Tirsis und Amyntas erfahren haben, noch für die Herzensgeheimnisse von Schäferinnen interessieren? Ich gewiß nicht mehr, meine Herren!«

»Ei, Graf!« rief Monsieur, sich mit lautem Lachen an Guiche wendend, »du sagst ja gar nichts. Bedauerst du etwa die Herren Tirsis und Amyntas?« – »Ja, ich bedaure sie von ganzem Herzen,« antwortete der Graf ernst. »Die Liebe ist ein so süßer Wahn, daß, um ihn betrogen zu werden, schlimmer ist als der Verlust des Lebens. Wenn die beiden Schäfer, die sich geliebt glaubten und an diesem Glauben ihr Glück fanden, nun einsehen müssen, daß es nur Spott war, dann halte ich Tirsis und Amyntas für die unglücklichsten Männer, die ich kenne.«

»Graf, Sie haben recht,« sagte der König. »Der Tod ist eine gar harte Strafe für ein bißchen Neugierde.« – Bei diesen Worten heftete er einen vernichtenden Blick auf Luise von Lavallière, die einer Ohnmacht nahe war. Ludwig, der sonst sehr lange an den Gesellschaften bei Madame teilnahm, empfahl sich, um in seine Gemächer zurückzukehren. Madame frohlockte über ihren Triumph.

Saint-Aignan folgte dem König; er war, als er ging, ebenso niedergeschlagen, wie er heiter gewesen war, als er kam. Aber das Fräulein von Tonnay-Charente, auf das der Graf einen nicht minder majestätischen Blick warf, als Ludwig auf Luise geworfen, war nicht so zartfühlend wie die Lavallière und blieb ganz gelassen.

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