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Zehn Jahre später

Alexandre Dumas (der Ältere): Zehn Jahre später - Kapitel 36
Quellenangabe
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä
titleZehn Jahre später
publisherVerlag von A. Weichert
translatorH. Eiler
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3. Kapitel. Unter der Königseiche

Madame rief am folgenden Abend Athenais von Tonnay-Charente zu sich. »Führen Sie mich doch einmal zu jener Königseiche, liebe Athenais,« sagte sie. »Ich möchte doch gar zu gern den Schauplatz dieses romantischen Abenteuers, in das Sie ja auch verwickelt sind, mit eigenen Augen sehen. Glauben Sie wirklich, der König habe alles gehört, was Sie gesprochen haben?«

»Jedenfalls hat er alles gehört, was die Lavallière gesprochen hat,« antwortete Athenais boshaft; denn sie durchschaute das Spiel der eifersüchtigen Herzogin. – »Ich würde gern einmal eine Probe anstellen, ob wirklich dort die Akustik so gut ist,« lachte Madame. Aber ihr Lachen klang doch recht gezwungen, wie der Ton einer Trompete, die einen Sprung hat. »Zeigen Sie mir diese famose Eiche.«

Athenais führte die Herzogin. – »Hier ist es, Königliche Hoheit.« – »Nun wollen wir doch gleich einmal hören, ob man wirklich verstehen kann –« – »Still!« flüsterte Athenais und hielt Madame mit einer Heftigkeit zurück, die gegen die Etikette war. »Hören Sie wohl? Hören Sie nun, daß man alles versteht?« – »In der Tat, es spricht jemand,« flüsterte Madame. Sie hielt den Atem an und vernahm nun die folgenden, von einer wohlklingenden Stimme gesprochenen Worte: »Ich sage dir, Rudolf, ich liebe sie rasend, ich werde sie lieben, koste es mich auch das Leben!«

Die Prinzessin fühlte sich von einem Schauer der Freude durchbebt, als sie diese Stimme hörte; ihre Augen blitzten. Sie zog ihre Begleiterin ein Stück weit zurück, bis man nichts mehr hören konnte. »Warten Sie hier, Athenais,« befahl sie leise, »und geben Sie acht, daß niemand uns überrascht. Ich glaube nämlich, in diesem Gespräch dort drüben ist von Ihnen die Rede. Da will ich einmal horchen. Wenn wir beide zusammen hier bleiben, könnten wir entdeckt werden. Erwarten Sie mich am Saum des Waldes.« Und da die Tonnay-Charente zögerte, setzte sie schroff hinzu: »Gehen Sie!« – Athenais raffte ihr seidenes Kleid und entfernte sich langsam. Die Herzogin kehrte zu dem Gebüsch zurück, in dessen tiefem Schatten sie sich verbarg. – »Ich bin doch begierig, zu hören,« dachte sie. »was Graf von Guiche, dieser verliebte Narr, Herrn Rudolf von Bragelonne von mir zu sagen hat.«

Nach einem kurzen Schweigen ergriff Rudolf das Wort. Er lehnte am Stamme, während sein Freund auf der Bank von Moos saß. – »Lieber Junge,« sprach Bragelonne, »deine Liebe ist dein Unglück. Sie wächst über dich selbst hinaus. Du gehörst dir nicht mehr selbst; der Wahnsinn schlägt über deinem Haupte zusammen wie eine Flut, die dich verschlingt, wie ein Feuer, das dich verzehrt. Und das schlimmste ist, deine Liebe ist so groß, daß sie nicht mehr zu verbergen ist. Alle Welt sieht sie dir an. Du kannst kein Geheimnis mehr daraus machen. Deine Rückkehr ist eine entsetzliche Unbesonnenheit gewesen. Wenn du nicht in letzter Stunde noch dich gewaltsam aufraffst, so steht die Katastrophe nahe bevor; und daß sie ein dir verhängnisvolles Ende nehmen muß, darüber bist du dir wohl nicht im Zweifel. Wer soll dich retten? Sie etwa? Auch sie kann dich von der Anklage dieser sträflichen Liebe, mag sie selbst auch sie nicht geteilt haben, nicht erretten.«

»Mag es so kommen,« antwortete der Graf. »Was ist der Tod? Ich lebe ja jetzt schon nicht mehr; denn ich lebe nur durch sie. Ich bin kein Mensch mehr; meine Kräfte sind erschöpft, meine letzten Entschlüsse sind verschwunden – ich gebe den Kampf auf. Sieh, als ich in dem Ballett trotz der königlichen Verbannung erschien, da dachte ich: du wagst dein Leben, es ist so nicht mehr viel wert. Und sie empfing mich freundlich; ich lebte auf in neuer Hoffnung. Was ist daraus geworden? Nicht ein Wort hat sie mit mir gesprochen – nicht einen Blick hat sie mir nachher noch vergönnt. Als der Tanz beendet war, hatte auch meine Person wieder ausgespielt. Zuerst habe ich mit mir selber gekämpft, dann habe ich gegen Buckingham gekämpft – mit dem König aber kann ich es nicht aufnehmen. Und selbst wenn der König zurücktritt, wo ist die Gewähr, daß ich glücklich würde? Sie ist ja gefühllos.«

»Du kannst ihr keinen Vorwurf machen,« erwiderte Bragelonne, »es ist ihr Temperament: ein wenig leichtfertig und wetterwendisch. Ich gebe zu, wer sein Herz noch nicht vergeben hat, kann sie nicht ansehen, ohne sie zu lieben, denn sie ist schön. Aber du solltest in ihr doch den Rang ihres Gemahls achten und vor allem auf deine eigene Selbstachtung und Sicherheit bedacht sein.« – »O, sprich nicht soviel Gutes von ihr,« fiel Guiche ihm ins Wort. »Ich kenne sie besser: sie ist nicht leichtsinnig, sondern frivol, nicht wetterwendisch, sondern charakterlos. Kurz, sie ist eine raffinierte Kokette ohne Herz. Sie könnte mit kaltem Blute ihr Opfer sterben sehen. O. Rudolf, ich habe Mut und kenne keine Furcht; ich liebe alle Gefahren leidenschaftlich – aber hier ist eine Gefahr, die meine Kraft und meinen Mut übersteigt. Und dennoch will ich noch über sie triumphieren. Ich werde vor sie hintreten und ihr zurufen: Ich liebte Sie bis zum Wahnsinn, ich warf mich vor Ihnen in den Staub, aber Sie haben mich in herzloser Laune und in kalter Grausamkeit mit den Füßen getreten. Ob Sie auch eine Prinzessin von königlichem Blute sind, Sie sind der Liebe eines Ehrenmannes nicht wert. Meine Liebe war eine Torheit, für die ich mir selbst die Todesstrafe auferlege, aber ich werde sterben mit dem Gefühl des Hasses wider Sie! Ich verlasse mein Vaterland, in der Fremde wird vielleicht ein Ungar, ein Kroate oder ein Türke die Barmherzigkeit haben, mir eine Kugel in die Brust zu jagen.«

Von Guiche verstummte. Das Gebüsch teilte sich – eine weibliche Gestalt, bleich, doch mit königlicher Haltung erschien vor den jungen Männern. Sie erkannten Lady Henriette. Der Graf sprang auf und stand da wie versteinert. Rudolf war keines Wortes fähig. – »Herr von Bragelonne,« sagte die Herzogin mit leise bebender Stimme, »haben Sie die Güte, sich umzuschauen, ob meine Damen in der Nähe sind. Sie, Graf Guiche, bleiben hier. Ich bin ermüdet. Geben Sie mir Ihren Arm.« – Bragelonne ging wie ein Träumender.

Von Guiche stand hochaufgerichtet vor Henriette, die diese Worte in kaltem, strengem Tone gesprochen hatte. Dann verneigte er sich mit der Grazie, die ein Hofmann noch auf dem Schafott bewahren würde, und reichte Henriette den Arm. Sie waren allein – rings um sie her lag der dunkle, schweigende Wald. Madame führte den Grafen von dem indiskreten Baume fort, der so vieles gehört und wiedergesagt hatte, bis sie eine Lichtung erreichten. – »Ich gehe hierher mit Ihnen.« sagte sie, »weil dort, wo wir zuerst standen, alles zu hören war.«

»Hoheit, wollen Sie damit sagen –?« – »Daß ich alles gehört habe, was Sie sprachen, ja!« – »O, mein Gott, das hat noch gefehlt,« stieß Guiche hervor. – »Und Sie beurteilen mich im Ernst so schlecht?« fragte sie. – Guiche senkte den Kopf und schwieg. – »Gut,« fuhr sie fort, »diese Aufrichtigkeit ist mir lieber als eine Schmeichelei. Ich bin für Sie also eine verachtungswürdige Kokette –« – »Verachtungswürdig?« rief der Graf. »Sie? O, nein, das kann ich nicht gesagt haben. Ich kann nicht verachtungswürdig genannt haben, was mir das Kostbarste auf Erden ist.«

»Ein Weib, das ruhig zusieht, wie ein Mann an dem von ihr angezündeten Feuer umkommt, ist verachtungswürdig,« antwortete Henriette. »Nun, Herr Graf. Sie sollen nicht durch mich ums Leben kommen. Ich will anders gegen Sie sein. Aufrichtig bin ich schon immer gewesen, ich will nun auch wahr sein. Und deshalb, Herr Graf, bitte ich Sie, lieben Sie mich nicht mehr und vergessen Sie, daß ich jemals einen Blick, ein Wort mit Ihnen getauscht habe. Verzeihen Sie mir meine Koketterie, und ich will Ihnen verzeihen, daß Sie mich sogar frivol und charakterlos genannt haben. Lassen Sie die Todesgedanken und erhalten Sie Ihrer Familie, dem König und den Damen einen Kavalier, der von allen geachtet und von vielen geliebt wird.« – Sie sprach diese letzten Worte in einem so zärtlichen Tone, daß dem armen Guiche das Herz zerspringen wollte. – »Madame, Madame!« rief er. – »Wenn Sie meine Bitte erfüllt haben,« fuhr die Herzogin fort, »dann wird an die Stelle dieser Liebe aufrichtige Freundschaft treten. Wenn Sie mir diese bieten, so werde ich sie von ganzem Herzen aufnehmen.«

Dem Grafen rann kalter Schweiß von der Stirn; er hatte den Tod im Herzen, ein Schauer durchbebte ihn; er biß sich auf die Lippe und murmelte tonlos: »Das kann nie geschehen. Aus Freundschaft kann wohl Liebe werden – doch aus Liebe, aus wahrer Liebe wird nimmermehr Freundschaft! Madame, Sie können mich verstoßen, Sie können mich verfluchen – Sie werden recht daran tun, denn ich habe Sie beleidigt. Aber es geschah aus Liebe. Ich will den Tod erleiden, aber sterbend noch werde ich Sie lieben.«

»Dann,« antwortete sie mit heiterem Lächeln, »ist das Uebel unheilbar und muß mit schmerzstillenden Mitteln behandelt werden. Geben Sie mir Ihre Hand! O, wie kalt ist sie.« – Von Guiche kniete ungestüm nieder und preßte die Lippen nicht auf eine, sondern auf beide Hände der Prinzessin. Sie zog ihn zu sich empor. – »Da es nicht anders sein kann,« flüsterte sie, »so lieben Sie mich nur!« – Guiche zitterte am ganzen Körper, und die Prinzessin fühlte dieses Beben und erkannte daran, wie tief seine Liebe war. – »Ihren Arm, Graf!« sagte sie. »Lassen Sie uns nach Hause gehen.« – »Königliche Hoheit,« stammelte der Graf, »haben ein drittes Mittel gefunden, mich zu töten.« – »Aber es ist glücklicherweise das langwierigste,« antwortete sie.

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