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Zehn Jahre später

Alexandre Dumas (der Ältere): Zehn Jahre später - Kapitel 35
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä
titleZehn Jahre später
publisherVerlag von A. Weichert
translatorH. Eiler
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2. Kapitel. Das Spiel mit dem Feuer

Der Abend, an welchem das mit so großer Sorgfalt vorbereitete Ballett aufgeführt werden sollte, war herangekommen. Die Tribünen waren errichtet, die Schaubühne erstrahlte im Glänze von tausend Lampen, und jenseits des an diese Arena grenzenden Teichs war ein Feuerwerk aufgestellt, prächtiger als alle, die man bisher veranstaltet hatte. Am wolkenlosen Himmel strahlten die Sterne, als wenn die Natur selbst an diesem sonderbaren Einfall des Fürsten Gefallen gefunden hätte. Die Zuschauer fanden sich ein; der Platz der Königinnen, eine mit Samt, Seide und Brokat ausgeschlagene Loge, wurde von Anna von Oesterreich und Maria-Theresia eingenommen: die Sitzreihen füllten sich mit einem Kranze von Herren und Damen in Galatoiletten. Das Spiel begann.

Man sah zuerst auf der mit einigen Gebüschen verzierten Szene Waldgötter hin und her tanzen. Dann erschienen Dryaden – Feen des Waldes, auf die die Faune Jagd machten. Dann erschien, von allgemeinem Jubel begrüßt, der König als Gott des Frühlings, in einer über und über mit Blumen geschmückten Tunika, die seine wohlgeformte Gestalt erkennen ließen. Sein Bein – das zierlichste am Hofe – zeigte sich sehr vorteilhaft in rosaseidnem Strumpfe, und sein zarter Fuß trug einen lilafarbnen mit ein paar Blättern und Blüten befetzten Schuh.

Dann kam die Prinzessin auf die Bühne, schön wie eine Venus, in einen Schleier von Spitzen und zartem Mull gehüllt – eine wandelnde Wolke, auf der das Licht der Lampen perlmutterartige Reflexe hervorrief. Der Beifall wurde so laut, daß man die Musik nicht mehr hörte.

Der Hofmeister des Königs, Saint-Aignan, benutzte den Jubel, den Madames Auftreten hervorrief, um sich Ludwig zu nähern. – »Majestät,« flüsterte er, »ein fatales Versehen! Wir haben vergessen, in der Musik die Stelle zu streichen, die den Tanz des Grafen von Guiche begleitet. Und sie muß doch nun wegfallen. Was machen wir da? was machen wir da?« – »Sehr unangenehm!« antwortete Ludwig. »Es darf keine Stockung eintreten. Fünf Minuten ohne Musik ist langweilig – das kann uns den ganzen Erfolg verderben.« – »Majestät, darf ich darauf aufmerksam machen, daß Graf Guiche da ist?« wagte Saint-Aignan zu bemerken. – »Was? er ist hier?« fragte der König. – »Im Kostüm seiner Rolle,« antwortete Saint-Aignan. »Geruhen Majestät nach rechts zu schauen.«

Ludwig XIV. drehte sich um und erblickte den Grafen, der, in seinem prächtigen Kleide als Bote des Lenzes, hinter einem Gebüsche stand, bereit, aufzutreten, sobald die Takte seines Tanzes begannen. Der König war nicht minder erstaunt als der Herzog von Orléans, der von seinem Platz aus Guiche sehen konnte, und als Lady Henriette, die auf einer Rasenbank saß und mit unverhohlener Freude die schöne Gestalt ihres verbannten Verehrers musterte. Von Guiche näherte sich, verneigte sich vor dem König und sagte leise: »Verzeihung, Majestät, Ihr demütigster Untertan kommt, Ihnen einen Dienst zu erweisen, leichterer Art als so mancher, den er Ihnen schon auf dem Felde des Ruhms erweisen durfte. Die schönste Szene des Balletts würde verloren gehen, wenn der Tanz des Frühlingsboten fehlen müßte. Ich wollte nicht, daß der Erfolg der von Eurer Majestät so glücklich entworfenen Aufführung durch meine Schuld vereitelt würde; deshalb verließ ich meine Güter und eilte hierher.«

»Ohne meine Aufforderung?« sprach der König; doch in einem Tone, der erkennen ließ, daß die wohlgesetzte Schmeichelei des Grafen ihn ebenso erfreute wie sein kühnes Handeln. »Gut! Tanzen Sie, das weitere werden wir nachher sehen.«

Die Musik intonierte die Takte, und der Frühlingsbote zeigte sich dem Publikum, von Händeklatschen empfangen. Doch das galt ihm gleich – sein Blick haftete an der Göttin des Balletts, und ihr Auge schien zu sprechen: »Bravo, Herr Graf! Und da man einmal eifersüchtig ist, so kann der Argwohn getrost auch noch auf Sie fallen. Wer gegen zwei Nebenbuhler mißtrauisch ist, hat eigentlich gar kein Mißtrauen.«

Das Ballett nahm seinen Fortgang.

Als die Aufführung beendet war und die vornehme Gesellschaft sich zerstreute, um in einzelnen Gruppen über das Gesehene und Geschehene zu plaudern, fanden sich zu einer dieser Gruppen die drei Freundinnen Montalais, Tonnay-Charente und Lavallière zusammen. Ihr Dienst war beendet, und sie konnten ein paar Stunden ungestört im Garten lustwandeln.

»Nun, wie hat das alles euch gefallen?« rief die Montalais, deren Wangen noch rosig erglühten. – »Mir gar nicht,« antwortete die Lavallière. – »Ach, du bist unausstehlich,« rief Fräulein Aure. »Ich bin hierhergekommen, um zu scherzen, und du steckst gleich wieder dein Nonnenantlitz auf.« – »Ich habe auch keine Lust, ernst zu sein,« sagte die Tonnay-Charente. »Es ist lustig gewesen, die ganze Geschichte mit dem König und dem Grafen von Guiche. Ich könnte ihn lieben! Sie nicht, Fräulein Luise?« – »Das gehört ja gar nicht hierher,« antwortete Luise. »Wir haben uns vorgenommen, diese Nacht in angenehmer Weise zuzubringen, ohne von Sicherheitswachen oder männlicher Begleitung behelligt zu sein. Das Wetter ist prachtvoll, und der Mond umspinnt die Baumwipfel mit Silberduft. Da ist es eine Freude, in Freiheit zu lustwandeln. Kommen Sie dort unter die hohen Bäume.« – »Ja, ehe wir gestört werden,« sagte die Tonnay-Charente, »denn vom Schlosse her kommen schon Lichter. Wahrscheinlich wollen sich noch andere die schöne Nacht in gleicher Weise zunutze machen.«

Sie hoben mit zierlichem Anstande ihre langen seidenen Kleider und eilten leichten Schrittes über den Rasen hin, bis sie im Schatten der dichten Gebüsche angelangt waren. Hier war es still und einsam, und nur leise klang das Summen der vorm Schlosse sich vergnügenden Menge, klangen die Töne der noch immer spielenden Musikanten herüber.

Die drei Mädchen gingen langsam und nicht ohne Scheu durch das Dunkel des Waldes, bis sie einen hohen Baum, die sogenannte Königseiche, erreicht hatten, wo aufgehäuftes Moos eine rohe Bank bildete, deren Lehne der gewaltige Stamm des Baumes selbst abgab.

»Wie schön ist es,« begann die Montalais, »daß man mal ein paar ganz freie Stunden hat! Daß man mal ganz offen und alles Zwanges ledig miteinander schwatzen kann!« – »Ja,« sagte die Tonnay-Charente, »so prunkvoll ein Königshof auch ist, hinter jeder Sammetfalte steckt doch eine Lüge.« – »Ich lüge nie,« sprach die Lavallière, »wenn ich nicht die Wahrheit sagen kann, so schweige ich.« – »Dann werden Sie nicht lange in Gunst sein, liebe Luise,« sagte die Montalais. »Denn hier ist es nicht wie in Blois, wo wir die alte Herzogin getrost mal auslachen durften.« – »Sie werden sich hoffentlich hier wohler fühlen,« sagte die Tonnay-Charente. »Wir haben hier doch eine Fülle von angenehmen Kavalieren, mit denen man über die gewagtesten Dinge geschmackvoll plaudern kann.«

»Was ist das für ein Geräusch?« fragte die Lavallière, erschreckend. – »Vermutlich ein Reh, das durchs Gebüsch streicht,« antwortete die Montalais sorglos. – »Wenn es nur nicht ein Mann war!« flüsterte die Tonnay-Charente. – »Ach gehen Sie, Athenais,« versetzte Fräulein Aure. »Das wäre Ihnen ja doch viel lieber. Zum Beispiel Herr von Montespan –« –»Ich finde den Grafen von Guiche schöner,« meinte Athenais. – »O, sprechen Sie nicht von dem armen Grafen,« sagte Luise. »Er kann mir leid tun. Madame macht sich ein Vergnügen, ihn zu quälen. Sie weiß nicht, was Liebe ist. Sie spielt mit diesem Gefühl, wie ein Kind mit dem Feuer spielt, ohne zu wissen, daß ein Funke einen Palast in Brand stecken kann. Sie will ihr ganzes Leben nur mit Freude ausfüllen, und dazu ist ihr jedes Mittel recht. Und wenn Graf Guiche sie noch zehnmal so innig liebt, sie wird ihn nie lieben.«

»Seien Sie froh, daß nur unsere Ohren das hören, liebe Luise,« antwortete die Tonnay-Charente. »Uebrigens muß ich Madame in Schutz nehmen. Man muß eine gewisse Herrschaft über seine Gefühle behalten und sich auch von der Liebe nicht völlig unterjochen lasten, nur dann bleibt man Königin. Solange man jung ist, darf man sich lieben und anbeten lassen, ohne selbst allzu sehr wiederzulieben. Wenn man alt und nicht mehr schön ist, dann mag das Herz, das zärtliche Gefühl, die Wärme von innen die Mängel des Aeußeren zu ersetzen suchen.« – »Sehr gut, Athenais!« rief die Montalais. »Sie werden es noch zu etwas bringen.« – »Das nennt man kokett sein,« fuhr die künftige Madame von Montespan fort, »in Wahrheit ist es nur Lebensklugheit. Aber ich gestehe, es gehört eine gewisse Begabung dazu, diese seine Mischung von Sprödigkeit und Gewährung richtig zu treffen, Huldigungen auszuteilen und doch keine Lücke in dem festen Panzer des Herzens zu zeigen, unüberwindlich zu bleiben und doch alle Männer an sich zu fesseln. Wer die Kunst besitzt, hat den Marschallstab der weiblichen Herrscherin.« – »O, wie klug Sie sind!« rief Fräulein Aure. – »Abscheulich!« flüsterte die Lavallière. »Sie sprechen, als hätten Sie nichts von allem dem, was uns zu Menschen macht! Und es ist doch eine so schöne Welt!«

»Wahrlich, eine schöne Welt!« versetzte die Tonnay-Charente, ein wenig pikiert, »wo der Mann die Frau durch Schmeicheleien kirrt und, sobald sie gefallen ist, mit Hohn von sich stößt.« – »Warum muß sie denn fallen?« antwortete Luise. – »Eine neue Theorie!« rief Athenais. »Wie wollen Sie sich dagegen schützen, besiegt zu werden, wenn Sie sich einmal von der Liebe fortreißen lassen?«

»O, Sie wissen nicht, was ein liebendes Herz ist!« sagte Luise und schlug die schönen blauen Augen zum Himmel auf. »Ein liebendes Herz hat ja viel mehr Macht als all Ihre Koketterie. Den Wahn, von Koketten angebetet zu werden, lasse man den alten Gecken. Ein echter und rechter Mann glaubt nur an echte und rechte Liebe – und er liebt, wenn er sich geliebt weiß. Sinnenrausch, Verblendung, Tollheit – dazu kann eine Kokette den Mann fortreißen; aber Liebe wird sie ihm nie einflößen. Aber nicht von einer Seite darf das Opfer kommen, es muß eine völlige Hingebung zweier Seelen sein, die ineinanderfließen, ganz eins zu werden streben.«

»O, der glückliche Rudolf von Bragelonne!« sagte Athenais spitz. »Er kann stolz sein, daß er so geliebt wird!« – Und sie schlug ein lautes Gelächter an, in das Montalais einstimmte. – »Bragelonne und glücklich?« sagte diese. »Er liebt sie schon seit zwölf Jahren und ist heute noch keinen Schritt weiter als am ersten Tage.« – »Dann ist Ihre Liebe nichts weiter als eine Unterabteilung der Koketterie, liebe Luise,« sprach Athenais. »Sie üben diese Koketterie nur aus, ohne zu ahnen, daß es eine solche ist. Es ist bei Ihnen dasselbe Manöver wie bei mir: ein zweckloses Anfachen der Leidenschaften.«

»Was du nur redest, Aurel« rief die Lavallière. »Vor zwölf Jahren war ich fünf Jahre alt. Die Hingebung eines Kindes kann dem Mädchen nicht angerechnet werden.« – »Jetzt aber bist du 17 Jahre,« antwortete Aure. »Nehmen wir also nur drei Jahre an, so bist du doch aber diese drei Jahre lang systematisch grausam gegen den Grafen von Bragelonne gewesen.« – »Was soll ich dagegen sagen?« erwiderte Luise kleinlaut. »Vielleicht glaube ich nur zu lieben – liebe aber in Wahrheit nicht – ich weiß es selbst nicht – vielleicht ist meine Zeit noch nicht gekommen.«

»Luise, Luise!« rief die Montalais, »dann sei wenigstens nicht länger grausam gegen den armen Vicomte! Wenn du ihn nicht liebst, so sage es ihm offen.« – »Und dabei bedauerten Sie doch eben noch so warmherzig den Grafen von Guiche?« setzte die Tonnay-Charente hinzu. »Sie haben mit ihm also mehr Mitleid als mit Bragelonne?« – »Verspotten Sie mich nur,« antwortete die Lavallière, »Sie verstehen mich ja doch nicht!« – »Wie? Tränen, Luise?« sagte die Montalais. »Nicht doch, wir scherzen ja nur. Sieh Athenais an – sie macht Herrn von Montespan Hoffnungen und liebt ihn doch nicht. Sieh mich an! Ich lache über Malicorne und reiche ihm doch die Hand zum Kusse. Und doch sind wir nicht viel älter als du. O, wir haben alle drei eine große Zukunft.«

»Wie närrisch ihr seid!« rief die Lavalliere. – »Da haben Sie ein wahres Wort gesprochen!« lachte die Tonnay-Charente. »Und so lieben Sie Herrn von Bragelonne nicht?« – »Sie ist sich noch nicht klar darüber,« sagte die Montalais. »Aber wenn sie ihn frei gibt, dann kann ich Ihnen nur raten, liebe Athenais, sehen Sie ihn sich einmal näher an. Er ist ein stattlicher Kavalier.« – »O, er kann sich doch mit Herrn von Guiche nicht messen,« meinte Athenais. – »Herr von Guiche wird bald wieder in Ungnade fallen, verlassen Sie sich darauf,« antwortete Fräulein Aure. – »Nun, dann haben wir noch den Herrn von Saint-Aignan, der ist auch etwas wert, nicht wahr, liebe Lavallière?«

»Warum fragen Sie mich danach?« erwiderte diese. »Mir sind alle gleich.« – »Wie? so hat Ihnen in der glänzenden Versammlung, die wir heute sahen, keiner besonders gefallen?« fragte Athenais. – »Das sage ich nicht,« entgegnete Luise. – »Dann lassen Sie hören, wer Ihr Ideal ist.« – »Wahrhaftig, ich begreife Sie nicht!« rief die Lavallière, in die Enge getrieben. »Wie kann man von den Herren Bragelonne, Guiche, Aignan, oder wie sie heißen mögen, sprechen, wenn man den König gesehen hat!«

Diese Worte, die sie offenbar in der Uebereilung aussprach, riefen bei ihren Freundinnen einen wahren Sturm der Ueberraschung hervor. – »Der König! Der König!« riefen beide wie aus einem Munde. – Die Lavallière erschrak nun selbst über die Unbedachtsamkeit, neigte den Kopf und schlug die Hände vors Gesicht. – »Das muß man sagen, Geschmack haben Sie,« sprach die Tonnay-Charente. »Mit dem König läßt sich schlechterdings keiner vergleichen. Aber Sie sehen da ein bißchen zu weit, liebe Luise. »Der König steht jenseits der Kavaliere, auf die uns armen Mädchen die Augen zu richten vergönnt ist.« – »Warum soll ich nicht die Sonne anschauen dürfen?« versetzte die Lavallière schwärmerisch. »Ist es doch meine Sache, ob meine Augen geblendet werden!«

Als Luise diese Worte gesprochen, erklang ein Rascheln und Knistern in dem Gebüsch neben den Damen; sie schreckten auf und ergriffen rasch die Flucht; glaubten sie doch, ein Wildschwein oder gar ein Wolf habe sich in ihre Nähe geschlichen. Sie liefen auf der ersten besten Allee entlang, die aus dem Walde herausführte, und blieben erst stehen, als sie die nächste Rasenfläche erreicht hatten. Hier schmiegten sie sich aneinander und schöpften Atem. Die Lavallière war ganz erschöpft. Sie hatte sich nur mit größter Anstrengung an der Seite ihrer leichtfüßigeren Freundinnen halten können; jetzt vermochte sie nicht weiterzugehen. Aure und Athenais wollten sie führen, denn sie erkannten jetzt an einigen durch die Gesträuche schimmernden Lichtern die Richtung, in der das Schloß lag.

»Wir sind noch glücklich davongekommen,« sagte die Montalais. – »Ach, Freundinnen,« antwortete Luise, »ich fürchte, es war noch etwas Schlimmeres als ein Wolf. O, wie konnte ich nur so sprechen!« Sie ließ den Kopf sinken, ihre Knie wankten, die Kräfte verließen sie. Bewußtlos fiel sie auf den Rasen.

Die drei fliehenden Mädchen hatten die Königseiche kaum verlassen, als zwei Männer aus dem Gebüsch, in dem sie es hatten rascheln hören, hervortraten. – »Majestät,« sagte der eine von ihnen, »nun haben wir sie vertrieben.« – »Wir müssen sie einholen, Saint-Aignan,« sagte der zweite, kein anderer als Ludwig XIV. – »Und ich glaube, sie werden sich gern einholen lassen, wenn sie nur erst merken, daß wir keine wilden Tiere sind,« antwortete der Hofmeister. – »Wieso meinst du –?« – »Nun, die eine hat Eure Majestät nach ihrem Geschmack gefunden, die andere mich,« erwiderte Saint-Aignan. »Wir müssen auskundschaften, wer diese drei Nymphen gewesen sind.« – »O, die eine wenigstens werde ich sofort an der Stimme wiedererkennen,« sagte der König. »Die Holde, die von mir sprach, hatte ein seltsam schönes, weiches und warmes Organ.«

»Die Stimme allein macht es nicht, Majestät,« sagte der Hofmeister. »Oder wollen Sie über die bloßen Klänge dieser Stimme schon die kleine Schwärmerei vergessen, zu deren Vertrauten Sie mich eben zu machen geruhten? Schöne Augen sind doch mehr wert als eine schöne Stimme – und die Augen der kleinen Lavallière –!« – »Du bist ein schrecklicher Schwätzer, Saint-Aignan,« sagte der König mit gut gespieltem Verdruß. »Wehe dir aber, wenn du plauderst! Wenn ich erfahre, daß morgen schon alle Welt um meine Absichten auf die Lavallière weiß, dann werde auch ich wissen, wer mich verraten hat, denn niemand als dir habe ich etwas davon gesagt.«

»O, welche Heftigkeit, Sire!« – »Du begreifst doch, ich möchte das arme Kind nicht kompromittieren. Versprich mir also –« – »Mein Wort darauf!« – »Gut,« dachte Ludwig, »morgen weiß es der ganze Hof, daß ich heute nacht der Lavallière nachgelaufen bin. Und nun,« setzte er laut hinzu, »laß uns ein wenig Jagd auf diese Schönen machen. Ich muß gestehen, dieses naive Geständnis, diese ganz uneigennützige Vergötterung von seiten eines Mädchens, das vielleicht von mir niemals beachtet werden wird, mit einem Wort, das Geheimnisvolle dieses Abenteuers reizt mich, und wenn ich es nicht auf die Lavallière abgesehen hätte –« – »O, deshalb hätten Majestät immer noch zu einem kleinen Abstecher in der Liebe Zeit genug; man sagt, die Lavallière sei sehr spröde.« – »Du reizest mich noch mehr, Saint-Aignan. Ich würde sie gern finden!« rief der König. – Er log: es lag ihm nichts daran, aber er hatte eine Rolle zu spielen.

Sie eilten über den Rasen. Da schlugen plötzlich Hilferufe an ihr Ohr. Sie liefen nun schnell der Stelle zu und fanden drei Damen, von denen eine am Wege stand und rief, während die zweite neben der am Boden liegenden dritten kniete. Der König trat ohne Umstände herzu. – »Was gibt es, meine Damen?« rief er. – »O Gott, Seine Majestät!« rief die Montalais und ließ in ihrer Bestürzung den Kopf der Lavallière fallen, die nun vollends auf den Rasen sank. – »Ja, ich bin es, und ich will Ihnen helfen. Was ist Ihrer Freundin geschehen?« antwortete Ludwig. »Wer ist sie?« – »Das Fräulein von Lavallière, Sire. Sie ist in Ohnmacht gefallen.« – »Das arme Kind!« rief der König. »Saint-Aignan, eilen Sie, einen Arzt zu holen. Doch nein, ich will selbst gehen. Bleiben Sie so lange bei den Damen!« Der König sprach diese Worte zwar mit großer Besorgnis und entfernte sich auch in großer Hast, doch hatte Saint-Aignan dennoch das Gefühl, als käme ihm diese Teilnahme nicht von Herzen. Ton und Gebärde erschienen ihm kalt.

Saint-Aignan wartete nicht, sondern rief einige Parkhüter herbei, die die Ohnmächtige trugen. Sie kam jedoch schon unterwegs zur Besinnung und konnte den Weg zum Schlosse zu Fuße vollenden. Inzwischen eilte der König, froh, einen Anlaß zu einem Besuche zu haben, in die Gemächer der Herzogin von Orléans.

»Sire, das sieht nicht nach Gleichgültigkeit aus,« sagte Madame scherzend. – »Wir haben einen Vertrag abgeschlossen, der meine Kräfte übersteigt,« antwortete Ludwig. »Haben Sie schon von dem Unfall gehört? Doch nein, ich komme ja eben her, es Ihnen zu erzählen. Das Fräulein von Lavallière, unsere Marionette, wenn ich so sagen darf, hat im Park einen Ohnmachtsanfall erlitten.« – »Das arme Kind,« sagte die Herzogin. »Wie ist es zugegangen? Und Sie wollen eine feurige Liebe zu diesem Mädchen zur Schau tragen und sind bei mir, während sie ohnmächtig ist.« – »Sie denken an alles, Henriette,« antwortete der König, »Sie haben mehr Talent als ich, eine Rolle zu spielen. Gut, ich verlasse Sie, um mich persönlich davon zu überzeugen, ob es der Kranken besser geht.«

Unterwegs begegnete der König dem Grafen von Saint-Aignan. – »Sire,« rief der Hofmeister, »denken Sie doch nur, die drei Damen, die wir getroffen haben, waren unsere drei Schwätzerinnen. Ich habe die Stimme derjenigen erkannt, die sich so lebhaft für meine Person interessierte. Es ist das Fräulein von Tonnay-Charente.« – »Entschieden eine Eroberung, Graf,« antwortete die Majestät. »Mich beschäftigt jetzt aber nur die Ohnmächtige. Wie geht es ihr? Führen Sie mich in das Zimmer, in das Sie sie gebracht haben.« – »Majestät werden Ihre Bewunderin auch leicht an der Stimme wiedererkennen,« sagte Saint-Aignan mit vielsagendem Lächeln.

Wenige Minuten später trat Ludwig XIV. bei Fräulein Luise von Lavallière ein. Sie ruhte in einem Armstuhle am offenen Fenster und atmete die würzige Nachtluft. Durch die zerdrückten Spitzen ihres Hemdes schimmerte das zarte Rosa des Busens; die blonden Locken fielen entfesselt auf die Schultern. In ihren schmachtenden Augen standen Tränen. Die Blässe ihres Gesichts hatte einen unbeschreiblichen Reiz, und etwas Rührendes, Edles lag in der Haltung ihrer regungslosen Arme, ihres anscheinend noch leblosen Körpers. Der König trat ein, ohne daß sie ihn zunächst bemerkte, und betrachtete das liebliche Gesicht, auf das der milde Schein des Mondes fiel. – »Mein Gott,« sagte er, »sie ist wohl tot?« – »Nein, Majestät,« flüsterte die Montalais, »sie befindet sich vielmehr besser. Luise, Seine Majestät geruhen, sich nach deinem Befinden zu erkundigen.«

»Der König!« rief die Lavallière und richtete sich plötzlich auf, von jäher Nöte übergossen. »Der König fragt nach mir? Der König ist selbst gekommen?« – »O, diese Stimme!« flüsterte Ludwig seinem Hofmeister zu, der mit dem Kopf nickte. – »Majestät haben recht,« sagte der Graf leise, »es ist die Sonnenverehrerin.« – »Still!« gebot der König und trat auf Luise zu. »Sie sind nicht wohl. Fräulein?« Soeben sah ich Sie in Ohnmacht. Wie ist das gekommen?« – »Majestät, ich weiß es selbst nicht,« stammelte die Lavallière. – »Sie sind gewiß zu weit gelaufen und müde geworden,« sagte Ludwig. – »Nein, Majestät, wir haben ja ganz still unter der Königseiche gesessen,« warf die Montalais ein. »Wir plauderten miteinander, da glaubten wir, einen Wolf oder sonst ein Tier im Gebüsch hinter uns zu hören, und das hat uns allen einen heftigen Schreck verursacht.«

»O, Fräulein,« rief der König mit einer Teilnahme, die er nicht mehr zu verbergen vermochte, »fürchten Sie nichts: es war nur ein zweibeiniger Wolf.« – »Ein Mann?« fragte die Lavallière. »O, mein Gott, so hat man gehört, was ich gesprochen habe.« – »Und schadet das denn etwas?« antwortete der König. »Haben Sie etwas gesagt, das niemand hören durfte?« – Luise verbarg den Kopf in den Händen. »O, mein Gott!« stammelte sie. »wer war es denn, der uns belauschte?« – »Ich,« antwortete der König und ergriff ihre Hand. »Fürchten Sie nichts von mir!«

Die Lavallière stieß einen lauten Schrei aus. Abermals schwanden ihre Kräfte, und sie wäre ohnmächtig auf den Boden gefallen, wenn der König nicht aufgesprungen wäre und sie in die Arme genommen hätte. Die beiden andern Mädchen, die Montalais und die Tonnay-Charente, waren selbst so bestürzt über die Lösung des Rätsels, daß sie nicht zuzugreifen wagten.

Ludwig XIV kniete auf dem Teppich und hielt Luise umfangen. Ihr entfesselter Busen lag vor seinem Blicke bloß, ihr Kopf ruhte auf seiner Schulter, ihre Locken fielen über seine Brust. Er vernahm das stürmische Klopfen ihres Herzens. Tief ergriffen, war er selbst nahe daran, die Besinnung zu verlieren, in so heftiger Wallung strömte ihm das Blut zu Kopfe, als er diese schöne jugendliche Gestalt so eng umschlungen hielt. Da sprang endlich die Montalais beherzt hinzu und hob Luise auf.

»Meiner Treu, das ist ein Ereignis!« rief Saint-Aignan. »Ich muß der erste sein, der das weitererzählt.«

Der König trat mit bebenden Lippen und geballter Faust auf ihn. »Graf!« flüsterte er, »kein Wort darüber!« – Aber die arme Majestät vergaß, daß sie vor einer Stunde noch dem Grafen denselben Befehl gegeben hatte, freilich in ganz entgegengesetzter Absicht – nämlich mit dem Wunsche, er möchte trotzdem indiskret sein. Der zweite Befehl wurde nun infolgedessen auch nicht ernst genommen.

Eine halbe Stunde später wußte denn auch ganz Fontainebleau, daß die Montalais, Tonnay-Charente und Lavallière bei einem intimen Gespräch, in welchem die letztere ihre Liebe zum König ausgeplaudert hatte, von diesem selbst belauscht worden waren, und daß der König gleich darauf gar noch die ohnmächtige Lavallière fast fünf Minuten lang in den Armen gehalten. Das war natürlich ein großes Ereignis, und alle Welt schwur darauf, Majestät liebe die Lavallière. Die Königin-Mutter hatte nichts Eiligeres zu tun, als die Nachricht ihrem zweiten Sohne zu überbringen, mit dem Bemerken, er brauche nicht mehr eifersüchtig zu sein. Den gleichen Trost spendete sie ihrer Schwiegertochter, der Infantin von Spanien. – Philipp von Orléans frohlockte und suchte seine Gemahlin auf. Madame wußte nicht recht, was sie davon halten sollte, nahm jedoch in der festen Ueberzeugung, es sei dabei manches stark übertrieben, und eine Lavallière könne ihr das Herz des Königs nicht streitig machen, die Nachricht zunächst ein wenig skeptisch auf. – »Ei,« sagte sie, »die Lavallière soll doch verlobt sein?« – »Ganz recht, mit dem Grafen von Bragelonne,« antwortete Philipp, »aber das Merkwürdige ist ja eben, daß der König selbst sich gegen dieses Verhältnis erklärt hat, indem er sein Einverständnis zur Eheschließung verweigert hat.« – »Was sie sagen?« rief Madame, ein wenig betroffen. »Nun, so müssen die Liebenden warten, bis Majestät andern Sinnes wird. Das Paar ist jung, sie haben beide noch Zeit. Und dieses offenherzige Bekenntnis, das die Lavallière unter der Königseiche sprach – wann hat sie es denn eigentlich abgelegt?« – »Etwa vor zwei Stunden.« – Nun stutzte Madame ernstlich. »Wie?« murmelte sie wie zu sich selbst, »der König war seitdem schon wieder bei mir und hat mir gar nichts davon gesagt.« – »Begreiflich!« lachte Orléans, »hat er doch befohlen, nichts auszuplaudern. Es sollte alles ganz geheim gehalten werden.« – Die Prinzessin fühlte sich verletzt. Unbedingt mußte sie sofort mit dem König selbst sprechen. Sobald sie allein war, sandte sie ihm ein Billett, und Majestät erschien, denn obwohl sich in wenigen Stunden eine so große Wandlung mit ihm vollzogen hatte, daß er für die Prinzessin nichts mehr empfand, so zeigte er sich doch noch immer liebenswürdig und zuvorkommend.

Da er das Gespräch nicht auf Fräulein von Lavallière lenkte, so fragte Madame nach dem Befinden ihrer Ehrendame. – »Immer noch schlecht,« antwortete Ludwig anscheinend gleichgültig. – »Das Gerücht, das wir unter die Leute bringen wollten,« sagte sie, »hat sich sehr rasch verbreitet.« – »Fast rascher, als wir wünschten,« antwortete der König zerstreut. – Madame schwieg und wartete, ob er etwas von dem Abenteuer unter der Königseiche erzählen würde; aber er sprach kein Wort davon. Madame kam auch nicht darauf zu sprechen, so daß, als der König Abschied nahm, beiderseits jede vertrauliche Mitteilung unterblieben war.

Kaum war der König gegangen, so beschied sie Saint-Aignan zu sich, und von ihm erfuhr sie nun alles bis auf die kleinsten Einzelheiten; denn er wünschte sich nichts Besseres, als die Anekdote einem Mitglieds der königlichen Familie zu erzählen. – »Und glauben Sie denn, Herr Graf,« fragte sie, »das Geständnis der Lavallière habe einen tiefen Eindruck auf den König gemacht?« – »Sie hat ihn mit der Sonne verglichen,« antwortete er, »und das ist sehr schmeichelhaft.« – »Der König läßt sich durch solche Schmeicheleien nicht fangen,« meinte sie. – »Der König ist ebensosehr Mensch wie Sonne,« sagte der Hofmeister, »und ich habe es eben mitangesehen, wie er die Lavallière im Arm gehalten hat. Ihr Busen ruhte an seiner Brust, ihre Locken fielen über seine Schulter, ja ihre Wange ruhte an der des Königs.« – Madame stieß ein krampfhaftes Gelächter aus. »Ich danke Ihnen, Graf!« rief sie, »Sie sind ein scharmanter Erzähler.«

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