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Zehn Jahre später

Alexandre Dumas (der Ältere): Zehn Jahre später - Kapitel 26
Quellenangabe
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä
titleZehn Jahre später
publisherVerlag von A. Weichert
translatorH. Eiler
correctorreuters@abc.de
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3. Kapitel. Zwei Liebende

Der Befehl zum Landen wurde gegeben, und Buckingham atmete freudig auf. Doch alsbald sah er sich abermals um eine Hoffnung betrogen, denn die Königin-Witwe rief ihn zu sich. »Mylord,« sagte sie zu ihm, »Sie dürfen meine Tochter nicht an Land fahren lassen, ohne sich zu vergewissern, ob die Wohnungen in Ordnung sind. Fahren Sie also bitte voraus.« – Lord Buckingham errötete, aber es gab keine Widerrede. Er mußte darauf verzichten, die Prinzessin zu begleiten. Er warf einen Blick der Verzweiflung auf die Gruppe, die von Lady Henriette, dem Admiral und den beiden Franzosen gebildet wurde, trat an Bord und sprang so blindlings hinab in das kaum ausgesetzte Boot, daß er es fast zum Kentern gebracht hätte. – »Mylord scheint den Verstand verloren zu haben,« sagte Norfolk kalt. – »Das fürchte ich in der Tat,« antwortete Bragelonne.

Die Ruderer legten sich in die Riemen, das Boot fuhr davon. Aber Buckingham blieb aufrecht darin stehen und wandte kein Auge von dem Fahrzeug, das einige Minuten später mit der Prinzessin das Schiff verließ. Als Buckingham an Land war, stürmte er in die Stadt hinein. Er sah nicht nach den vielen Kähnen, die vom Ufer abstießen, um der Prinzessin entgegenzufahren, er hörte nicht auf die Kanonenschüsse, die zu ihrer Begrüßung abgefeuert wurden. Er lief auf den Marktplatz zum Rathause, um hier nach dem Rechten zu schauen. Da sah er zu seiner Bestürzung eine Anzahl von Zelten errichtet, auf denen die französische Flagge wehte und die im Halbkreis das Rathaus umschlossen. Pagen und Soldaten hielten davor Wache. Zwischen den luftigen Bauten aber sah man eine große Anzahl von Offizieren und Edelleuten hin und her schreiten oder plaudernd herumstehen. Buckingham trieb sein Pferd mitten hinein in die bunte Menge, und rasend vor Wut richtete er sich im Sattel empor. »Was hat das hier zu bedeuten?« schrie er, um sich schauend.

Ein Mann trat zu ihm heran. »Was gibt's?« fragte er ganz gelassen. »Wer macht hier solchen Lärm?« Buckingham betrachtete die lange, hagere Gestalt, die vor ihm stand, mit unverhohlener Geringschätzung. – »Wer sind Sie?« rief er. – »Wer sind denn Sie?« fragte der Mann mit der größten Ruhe. – »Ich bin Herzog von Buckingham,« war die Antwort, »ich habe alle Häuser um das Rathaus herum gemietet; die Häuser gehören also mir, und da ich sie gemietet habe, um ungehindert zum Rathause zu gelangen, so haben Sie kein Recht, mir den Weg zu versperren.« – »Es steht Ihnen ja frei, ins Rathaus zu gehen,« versetzte der andere. – »Ihre Schildwachen halten mich auf,« rief der Engländer. – »Weil Sie zu Pferde hin wollen, und der Befehl lautet, nur Fußgänger durchzulassen.«

»Hier hat niemand Befehle zu erteilen als ich,« rief Buckingham. – »Wieso?« lautete die gelassene Antwort. »Erklären Sie mir das, bitte.« – »Weil die Häuser und dieser ganze Platz mein ist!« – »Sie sind im Irrtum, mein Herr. Der Platz gehört dem König, wir sind Abgesandte des Königs, also gehört der Platz uns.« – »Mein Herr, ich habe Sie schon einmal gefragt, wer Sie sind!« schrie jetzt der Brite erbost. – »Ich heiße Manicamp,« antwortete der Franzose. – »Sie haben die Zelte da wegzuräumen, verstanden!« rief der Lord.

In diesem Augenblick kamen Graf Guiche und Rudolf von Bragelonne an. Sie hatten geahnt, daß Buckingham beim Anblick der Zelte, die seinen schönen Plan zunichte machen sollten, in Zorn geraten würde, und aus Furcht, daß ein ernster Streit die Folge sein könnte, hatten sie sich beeilt, den Rathausplatz zu erreichen. Gleichzeitig kam auch von Wardes hinzu, der im Rathause zu tun gehabt hatte.

»Mylord,« rief Graf Guiche, heranreitend, »belieben Sie sich an mich zu wenden. Auf meinen Befehl sind diese Zelte errichtet worden.« – »Ich habe bereits gesagt,« rief Buckingham, vor Wut bebend, »sie müssen weg!« – »Unmöglich,« antwortete von Guiche, indem er sich auf einen Blick Rudolfs hin zur Ruhe zwang. »Wir haben damit nur gegen Ihren eigenen Mißbrauch Front gemacht, Mylord. Sie kommen einfach hierher und legen die ganze Stadt in Beschlag, ohne sich darum zu kümmern, wo wir Franzosen Obdach finden können. Das ist nicht brüderlich gehandelt von dem Vertreter einer befreundeten Nation.« – »Die Erde gehört dem, der zuerst von ihr Besitz ergreift,« versetzte Buckingham. – »Nicht in Frankreich, Mylord.« – »Warum nicht in Frankreich?« – »Weil es das Land der Höflichkeit ist.«

»Was wollen Sie damit sagen?« brauste Buckingham auf. Sein Pferd bäumte sich unter dem Ruck seiner Faust, daß die Umstehenden erschrocken zurückwichen. Graf Guiche verzog keine Miene. »Ich will damit sagen,« versetzte er, »ich ließ diese Zelte für mich und meine Freunde, für die Abgesandten des Königs von Frankreich, errichten, als einziges Obdach, das Ihre Rücksichtslosigkeit uns gelassen hat. Wir werden darin wohnen, bis ein mächtigerer Wille als der Ihrige uns abruft.« – »Herr Graf, ich fordere Genugtuung!« schrie Buckingham und riß an seinem Degen.

Da legte sich Rudolfs Hand auf seine Schulter. – »Ein Wort, Mylord.« sagte Bragelonne ruhig. – »Zuerst will ich mein Recht!« rief der ungestüme Mann. – »Eben über diesen Punkt will ich mit Ihnen reden,« antwortete Rudolf. »Eine einzige Frage: Wer wird die Enkelin Heinrichs IV. heiraten, Sie oder der Herzog von Orléans?« – Buckingham trat verblüfft zurück. »Was soll das?« stammelte er. – »Antworten Sie mir, bitte, Mylord,« sagte der Vicomte gelassen. – »Wollen Sie Spott mit mir treiben?« murmelte der Brite. – »Nun, auch das ist eine Antwort, die mir genügt,« antwortete Rudolf. »Sie geben also zu, daß Sie die Prinzessin Stuart nicht heiraten werden.« – »Mich dünkt, das wissen Sie recht wohl, Graf.« – »Pardon, nach Ihrem Benehmen schien das nicht ganz klar zu sein.« –

»Zur Sache, Vicomte!« rief der Lord. »Was haben Sie mir zu sagen?« – Rudolf trat ganz dicht an ihn heran. »Ihr Zorn,« sprach er, »sieht ganz der Eifersucht ähnlich, wissen Sie das, Mylord? Solche Eifersucht auf eine Dame steht jedem schlecht an, der weder ihr Gemahl noch ihr Geliebter ist, um so mehr jedoch, wenn diese Dame eine Prinzessin ist.« – »Graf, wollen Sie Lady Henriette beleidigen?« stieß Buckingham hervor. – »Sie beleidigen sie, mein Herr,« versetzte Bragelonne unbeirrt. »Nehmen Sie sich in acht. Auf dem Admiralschiffe haben Sie schon großes Aergernis gegeben.« – »Herr! Sie führen eine Sprache, der man Einhalt tun muß!« murmelte Buckingham. – »Wägen Sie Ihre Worte, Mylord,« sagte Rudolf mit stolzem Ernst. »Ich bin von einem Geschlechte, das sich nicht Einhalt tun läßt, solange es auf dem rechten Wege ist. Sie aber sind von einem Geschlecht, dessen Leidenschaft den guten Franzosen verdächtig ist. Nochmals, nehmen Sie sich in acht, Mylord!«

»Wollen Sie mir etwa drohen?« – »Ich bin der Sohn des Grafen de la Fère und drohe nie, weil ich immer gleich dreinschlage. Wir wollen uns also verständigen. Bei dem ersten Worte über Ihre königliche Hoheit, das die Grenzen des Anstandes verletzt – o, bleiben Sie ruhig, Mylord, ich bin es ja auch.« – »Sie?!« – »Allerdings. Solange Madame auf englischem Boden war, schwieg ich. Jetzt steht sie auf französischem Boden, und wir sind im Namen des Prinzen hier, sie zu empfangen. Bei der ersten Schmach, die Sie in Ihrer sonderbaren Ergebenheit dem Hause Frankreich antun könnten, stehen mir zwei Wege offen: entweder ich verkündige öffentlich, von welchem Wahnwitz Sie besessen sind, und sorge dafür, daß Sie schimpfbedeckt nach England zurückgeschickt werden, oder aber ich stoße Ihnen in voller Versammlung den Dolch in die Kehle. Das letztere Mittel scheint mir das bessere, und ich werde es wohl anwenden.«

Buckinghams Gesicht wurde weiß wie die Spitzenkrause, die seinen Hals schmückte. »Herr von Bragelonne,« stammelte er, »sind das wirklich die Worte eines Edelmanns?« – »Ja, nur sind sie an einen Wahnsinnigen gerichtet,« antwortete Rudolf. »Genesen Sie, Mylord, und er wird anders zu Ihnen sprechen.« – »Herr von Bragelonne,« murmelte der Brite. »Sie sehen meinen Zustand – es bleibt mir nur eins –« – »Das wäre in der Tat ein großes Glück,« antwortete Rudolf mit seinem unerschütterlichen Gleichmut. »Dadurch würde mancher üblen Nachrede über die erlauchten Personen, die Sie kompromittieren, vorgebeugt.« – »Sie haben recht, Sie haben recht!« sagte der junge Mann außer sich. »Ja, ja, lieber sterben, als so leiden zu müssen!« – Er zog einen juwelengeschmückten Dolch hervor.

Rudolf stieß seine Hand zurück. – »Sind Sie von Sinnen, Mylord!« flüsterte er ihm zu. »Wenn Sie sich jetzt erstechen, machen Sie sich lächerlich und beflecken das königliche Brautkleid mit Blut.« – Buckingham stand ein Weilchen atemlos da, seine Lippen zuckten, auf seinen Wangen wechselten Blässe und Röte. Dann sagte er plötzlich: »Sie sind der edelste Charakter, den ich kenne, Bragelonne; Sie sind der würdige Sohn des vollendetsten Edelmannes unserer Zeit.« Er fiel dem Vicomte um den Hals.

Erstaunt über das unerwartete Ende dieser Unterredung, die die Umstehenden nicht verstanden hatten, über deren kritischen Inhalt aber niemand in Zweifel bleiben konnte, klatschte die Menge in die Hände, und tausendstimmiger Jubelruf erscholl. Engländer und Franzosen, die sich schon fast mit feindseligen Blicken gemustert hatten, schlossen Freundschaft.

Jetzt erschien der Zug der Prinzessin, welche ohne Bragelonnes beherzte Ermahnung über den ausgestreuten Blumen zwei Heerhaufen in blutigem Kampfe angetroffen haben würde. Die Menge bildete beim Anblick der Banner zu beiden Seiten des Marktplatzes Spalier.

Madame empfing auf ihrem Einzug in die Stadt einstimmige Glückwünsche. Von allseitiger Ehrerbietung begleitet, schritt sie einher wie eine Königin. Ihre Mutter zeigte den Franzosen, obwohl man sie dort zur Zeit ihres Unglücks sehr schlecht behandelt hatte, ein huldvolles Gesicht, war doch Frankreich ihre eigentliche Heimat.

Als der feierliche Empfang beendet war und ringsum nächtliche Ruhe herrschte, trat von Guiche in sein Zelt und ließ sich auf einen Schemel nieder. Sein Gesicht zeigte einen so tiefen Ausdruck des Schmerzes, daß Bragelonne kein Auge von ihm abwandte, bis er ihn seufzen hörte. Da ging Rudolf zu ihm heran. Der Graf stützte die Ellbogen auf die Knie und vergrub das Gesicht in den Händen.

»Du bist erschöpft, Freund,« sagte Bragelonne. »Der Tag war sehr anstrengend.« – »Ja, ich möchte schlafen,« antwortete Guiche. – »Soll ich dich allein lassen?« – »Nein, ich habe mit dir zu reden.« – »Zuerst habe ich ein paar Fragen an dich zu richten,« sagte Rudolf, »dann erst werde ich mit mir reden lassen. Weißt du, weshalb Buckingham so wütend war?« – »Ich vermute es.« – »Er liebt die Prinzessin, nicht wahr?« fragte Rudolf. – »Wenigstens möchte man das glauben, wenn man ihn ansieht,« sagte Graf Guiche. – »Nun, es ist nichts daran,« warf Rudolf hin, mit einem scharfen Blicke auf seinen Freund. »Lord Buckingham ist nicht gefährlich.«

»Gefährlich?« antwortete der Graf zaudernd. »Mag sein, nein. Aber zudringlich – lästig. Hätte er nicht bald das ganze Fest verdorben? Wenn du nicht gewesen wärest, es hätte wahrlich blutige Köpfe gegeben. Was hast du zu ihm gesagt? Und glaubst du wirklich, er liebt sie nicht?«

Diese Worte sprach von Guiche mit einem seltsamen Nachdruck. – »Was ich zu ihm gesagt habe, lieber Freund,« antwortete Rudolf in eindringlichem Tone, »das will ich dir wiederholen. Höre mich an. Ich sagte folgendes: Herr, Sie werfen lüsterne, begehrliche Blicke auf die Schwester Ihres Königs; sie ist nicht Ihre Braut, sie ist nicht Ihre Geliebte, sie kann beides nicht sein. Sie beleidigen also diejenigen, die gekommen sind, das junge Mädchen dem Gatten zuzuführen. Ich bin sogar noch weitergegangen; ich sagte noch folgendes: Was würden Sie wohl denken, wenn einer von uns die Vermessenheit, die Treulosigkeit besäße, für eine unserm Herrn bestimmte Prinzessin andere Gefühle als reinste Ehrerbietung zu hegen?«

Der Graf erblaßte und zitterte plötzlich, so offenbar waren diese Worte auf ihn gemünzt. Er preßte die Hand auf die Stirn. – »Doch Gott sei Dank!« fuhr Rudolf fort, »die Franzosen, die man für leichtfertig und sittenlos hält, wissen in Fragen der Wohlanständigkeit stets sicher zu entscheiden. Wir Franzosen opfern dem Dienst unsers Königs nicht nur Gut und Leben, sondern auch unsere Leidenschaften. Wenn uns der böse Geist einmal einen Gedanken eingibt, der eine Sünde an unserm König wäre, so löschen wir diese Flamme, sei es auch mit unserm Blute. Auf diese Weise retten wir dreifach die Ehre: die des Vaterlandes, die des Königshauses und die eigene. So handeln wir, Herr Buckingham, und so muß jeder charaktervolle Mann handeln. Du siehst, Guiche, der Lord hat sich meinen Gründen gefügt.«

Der Graf, den Rudolfs Worte niedergedrückt hatten, richtete sich jetzt stolz auf; seine Augen flammten; er faßte Bragelonnes Hand und sagte mit gepreßter Stimme: »Brav gesprochen, Rudolf, habe Dank! und nun – laß mich allein. Ich bedarf der Ruhe. Mein Herz ist erschüttert, mein Geist beklommen. Wenn du morgen wiederkommst, werde ich ein anderer Mensch sein.« – Der Vicomte ging hinaus. – »Wie stark belagert ist das arme Mädchen,« dachte er bei sich. »Da ist das Fräulein von Montalais wahrlich keine sehr zuverlässige Besatzung!«

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