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Zehn Jahre später

Alexandre Dumas (der Ältere): Zehn Jahre später - Kapitel 18
Quellenangabe
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä
titleZehn Jahre später
publisherVerlag von A. Weichert
translatorH. Eiler
correctorreuters@abc.de
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4. Kapitel. Fouquet

Um dieselbe Zeit, da diese Unterredung im Louvre stattfand, ereignete sich ein anderes Gespräch zwischen Personen, die dem Gegenstande jener Unterredung sehr nahestanden: nämlich zwischen dem Oberintendanten und einem seiner Vertrauten. Der Finanzminister hatte schon erfahren, daß man gegen zwei seiner Freunde gerichtlich vorgegangen war, und schwebte in größter Besorgnis, als Gourville, sein Sekretär, in sein Arbeitszimmer hereinstürzte mit dem Rufe: »Gnädigster Herr, eine furchtbare Neuigkeit!« – »Was gibt es denn? Ich will ungestört sein –« – »Euer Gnaden, es besteht eine geheime Justizkammer.« – »Das weiß ich – auf dem Papier.« – »Nein, sie ist schon zusammengetreten, ja sie hat schon zwei Urteile gefällt, und zwar zwei Todesurteile.« – Der Minister schnellte von seinem Sitze auf. »Gegen wen?« rief er erbleichend. – »Gegen Lyodot und d'Eymeris.« – »Sie irren sich, das ist unmöglich!«

»Hier ist die Abschrift – der König soll heute unterzeichnen.«

Fouquet nahm das Papier, las es und gab es zurück. »Aber er wird nicht unterzeichnen,« sagte er. – Gourville schüttelte den Kopf. »Euer Gnaden, Colbert ist ein gefährlicher Ratgeber –« – »Schon wieder Colbert!« rief Fouquet außer sich. »Warum muß ich fortwährend diesen Namen hören? Das ist zuviel des Lärms von einer so unbedeutenden Person. Ich werde dem Mann gegenübertreten und ihn zermalmen.« – »Gnädigster Herr, Colbert hat bereits zwei Galgen bestellt, und ich werde erfahren, ob diese aufgestellt werden. Denn das wäre der Beweis –« – »Daß der König unterzeichnet hat –« beendete Fouquet. »So weit wird es nicht kommen! Ihr irrt euch alle. Vorgestern erst war Lyodot bei mir, und vor drei Tagen noch erhielt ich von dem armen d'Eymeris eine Sendung Wein.« – »Sie sind inzwischen verhaftet worden, und es wird jetzt eben in den Straßen von Paris öffentlich ausgerufen.« – »Dann muß ich zum König!« rief Fouquet. »Aber ehe ich in den Louvre gehe, will ich aufs Rathaus – ist das Urteil unterzeichnet, dann werden wir sehen –«

Er war im Begriff, fortzueilen, als Gourville ihn aufhielt mit den Worten: »Euer Gnaden, Abbé Fouquet ist da.« – »Mein Bruder?« rief der Minister ärgerlich. »Dann steht es schlecht mit mir. Mein Bruder kommt immer nur, wenn es gilt, mir eine unangenehme Mitteilung zu machen.« – »Sie tun ihm Unrecht,« antwortete Gourville. »Er will nur Geld.« – »Schon seit zwei Jahren zahle ich ihm alle Monate 100 000 Taler. Wo soll das hinführen? Fort mit ihm, ich habe keinen Sou mehr.« – »Gnädiger Herr, es hat selbst der schlechteste Mensch seine nützliche Seite.« – »Was? Haben etwa auch die Banditen, die der Abbé besoldet, ihre nützliche Seite?« – »Es können Umstände eintreten, wo man froh sein wird, sie bei der Hand zu haben. Ich rate Ihnen, sich nicht mit 120 Strauchdieben zu überwerfen, die im Notfalle eine Schar von 3000 Soldaten zu ersetzen imstande sind.« – Fouquet sah seinen Vertrauten mit einem vielsagenden Blick an. »Gut,« antwortete er. »Laß den Abbé herein.«

Mit tiefen Bücklingen erschien ein etwa 45 Jahre alter Mann, halb Pfaff, halb Kriegsmann, ein auf den Abbé gepfropfter Raufbold. Er trug kein Schwert – aber man konnte unschwer erkennen, daß er Pistolen bei sich führte. – »Was wünschen Sie, Herr Abbé?« rief der Minister. – »So spricht ein Bruder zum Bruder?« antwortete der Abbé. – »Ich habe es eilig.« – »Ich muß heute abend eine Spielschuld von 300 Pistolen bezahlen,« fuhr der Abbé fort, »tausend Pistolen an einen Fleischer, der nicht mehr borgen will, 1200 an den Schneider, der für meine Leute keine Livree mehr liefern will.« »Soviel an einen Schneider?« rief der Minister. »Dafür kann man eine Masse Kleider machen.« – »Ich unterhalte auch 100 Mann. Das ist keine Kleinigkeit.«

»Wozu 100 Mann?« rief der Oberintendant. »Bist du etwa Richelieu? Wozu 100 Mann?« – »Höre ich recht?« versetzte der andere. »So kannst du fragen, Bruder? Ich für mich allein brauche keinen Menschen, aber du hast ja so viele Feinde, da genügen kaum 100 Mann, dich zu verteidigen. 10 000 müßte ich haben. Die Leute sorgen dafür, daß an öffentlichen Stellen niemand gegen dich zu sprechen wagt.« – »Ich wußte gar nicht, daß ich an dir einen solchen Beschützer habe,« sagte Fouquet. – »Es wird dir jetzt mehr nottun als je, solche Helfershelfer zu haben,« rief der Abbé. »Denn jetzt tritt ein Colbert gegen dich auf, da heißt es seinen Mann stehen. Erst gestern kam es auf der Straße zu einem Handgemenge, weil die Menge Colbert hochleben ließ. Da hat einer meiner Leute, ein gewisser Menneville – er ist erst seit kurzem in meiner Schar, bewährt sich aber sehr gut – einen der Schreier niedergestochen. Das hat einen Höllenlärm gegeben, aber zuletzt blieb doch Fouquet Sieger über Colbert. So verwende ich das Geld, das du mir gibst, und auf diese Weise verteidige ich die Familienehre.« – »Gut,« sagte Fouquet, »laß dir von Gourville deine Rechnung bezahlen und bleib heute abend zum Souper bei mir. Gourville,« sagte er dann in leisem Tone, »laß anspannen, ich fahre zum Rathaus.«

Eine Schar von Gästen – Aristokraten, Künstler, Dichter, Gelehrte und Schmarotzer – versammelte sich im Palais des Ministers, während der Hausherr in den Wagen stieg und mit Gourville nach Paris jagte. Allein als sie in die Nähe des Grèveplatzes kamen, begegnete ihnen ein Lastfuhrwerk, auf dem zwei mit Ketten aneinander befestigte Galgen standen. Eine Bande von Vagabunden und jugendlichen Schreiern gab dem Wagen das Geleit. – »Sie sehen,« sagte Gourville, »es ist entschieden.« – »Zum Louvre!« rief Fouquet. – »Fahren Sie nicht hin, gnädigster Herr,« antwortete Gourville. – »Ich soll meine Freunde verlassen?« entgegnete der Minister. »Ich bin imstande zu kämpfen und soll die Waffen strecken?« – »Sind Sie imstande, das Ministerium in diesem Augenblick niederzulegen?« wandte sein Vertrauter ein. – »Aber meine Freunde dürfen nicht sterben.«

»Wenn Sie einmal im Louvre sind, müssen Sie entweder Ihre Freunde verteidigen, das heißt sich mit ihnen gleichstellen, oder sie einfach fallen lassen. Eine andere Wahl wird Ihnen der König nicht lasten. Deshalb muß fürs erste jeder Zusammenstoß mit Ludwig XIV. vermieden werden. Für Ihre Person brauchen Sie nichts zu fürchten. Sie haben 150 Millionen und sind damit mehr als der König. Kehren Sie nach Saint-Mandé zurück.« – »Zurück nach Saint-Mandé!« rief Fouquet.

Die Ankunft des Ministers wurde von den versammelten Gästen mit Freude begrüßt; aber diejenigen, die ihn genau kannten, merkten, daß er in unruhiger Stimmung war. Vergebens zwang er sich zur Heiterkeit; das Bewußtsein, daß mit jeder Stunde die Entscheidung näherrückte, daß ein Entschluß gefaßt, eine Tat vollbracht werden müsse, drückte ihn nieder. Das Tischgespräch drehte sich um das Testament Mazarins und um die Ernennung Colberts zum Kontrolleur der Finanzen, und da an dieser Tafel nur Leute anwesend waren, die zu Fouquets Partei gehörten und von seinem Gelde lebten, so ließ man an Colbert kein gutes Haar. Dennoch bewahrten Fouquet und seine intimeren Freunde in ihren Aeußerungen eine große Vorsichtigkeit, und selbst der Abbé Fouquet, der kein Blatt vor den Mund zu nehmen pflegte, verhielt sich abwartend.

Nach dem Diner gab es ein Feuerwerk, das die Mehrzahl der Gäste in den Garten lockte. Fouquet benutzte die Gelegenheit, um mit seinen vertrautesten Freunden zu sprechen. Sein Bruder trat ans offene Fenster und beobachtete die draußen sich vergnügende Schar, um aufzupassen, daß kein weniger Berufener hereinkäme und etwa ein paar Brocken des Gesprächs aufschnappe. – »Meine Herren,« begann der Minister, »vermissen Sie nicht heute zwei unserer besten Freunde?«

»Ganz recht,« bemerkte Pelisson, der in alle Geheimnisse des Oberintendanten eingeweiht war, »die Herren Lyodot und d'Eymeris.« – »Wir werden sie nie wiedersehen,« fuhr der Minister fort, »denn beide müssen sterben.« – »Was?« rief Pelisson, »und vor ein paar Tagen sah ich sie noch frisch und munter. Wie rasch doch eine Krankheit –« – »Es ist keine Krankheit,« unterbrach ihn Fouquet. »Und doch haben sie nur noch eine Nacht zu leben. Sie sollen an den Galgen.«

Ein Schrei des Entsetzens erklang aus aller Munde. Im selben Moment stiegen prasselnd die ersten Raketen des Feuerwerks über die dunkeln Baumwipfel empor. – »Meine Herren,« sprach Fouquet in dumpfem Tone, »Colbert hat meine beiden Freunde verhaften und zum Tode verurteilen lasten. Eben stellt man die Galgen auf dem Grèveplatze auf. Was soll ich tun?« – »Wir hauen Colbert in Stücke!« rief der Abbé. – »Sie müssen mit Seiner Majestät reden,« sagte Pelisson. – »Die Hinrichtung darf nicht stattfinden,« ließ sich Chanost, der Schwiegersohn des Ministers, vernehmen. – »Man muß den Gouverneur der Bastille bestechen,« meinte Gourville. »Er kann in dieser Nacht noch die Gefangenen entkommen lassen.«

Fouquet drehte sich um. »Laß wieder anspannen, Gourville!« rief er. »Wir fahren nach Paris. Pelisson kommt mit. Erwarten Sie mich hier, meine Herren!« Und mit Gourville und Pelisson hinwegeilend, murmelte er: »Für eine Million wird er zu haben sein.« – »Und sind die Gefangenen entkommen,« setzte Pelisson hinzu, »so versammeln wir alle Feinde Colberts und beweisen dem König, daß diese geheime Justizkammer eine Uebertreibung ist, die ihm selbst ebenso gefährlich werden kann wie uns.« – Im selben Augenblick fiel ein Funkenregen des Feuerwerks auf einen nahen Wald, und ein paar Bäume gerieten in Brand. Geigenspiel unterbrach die nächtliche Stille.

Die Pferde brausten wie ein Sturmwind davon. Kein Hindernis stellte sich ihnen entgegen. Sie fuhren in die Stadt und brauchten auf den zu so später Stunde menschenleeren Straßen kaum ihre Geschwindigkeit zu verringern. Vor der Conciergerie machten sie halt. Denn da es bis zur Hinrichtung, die am frühen Morgen stattzufinden hatte, nur noch wenige Stunden waren, so mußten die Verurteilten inzwischen schon von der Bastille nach der Conciergerie, dem letzten Aufenthaltsort aller Delinquenten, geschafft worden sein. Man traf den Gouverneur der Conciergerie noch wach, er schritt im Hofe auf und ab und begrüßte den Minister mit dem Hut in der Hand. – »Welche Ehre für mich, gnädigster Herr!« sagte er, sich verbeugend. – »Ein Wort, Herr Gouverneur. Ich komme, Sie um eine Gefälligkeit zu bitten,« begann Fouquet ohne Umschweife, wie ein Mann, der gewohnt ist, gerade aus sein Ziel loszugehen, weil er sich im Besitz sicherer Mittel weiß, es zu erreichen. »Um eine Gefälligkeit, die kompromittierend ist, von mir aber mit Gold aufgewogen wird. Ich biete Ihnen für zwei Ihrer Gefangenen eine Million. Lasten Sie in dieser Nacht die Herren Lyodot und d'Eymeris entweichen.«

Der Beamte zuckte die Achseln. »Die sind nicht mehr hier,« antwortete er. – Fouquet wurde totenbleich. – »Was sagen Sie?« – »Die beiden Gefangenen sind seit einer Viertelstunde fort. Man hat sie auf Befehl des Königs in den Schloßturm von Vincennes gebracht.« – Fouquet sprach kein Wort weiter. Er rannte zum Wagen zurück und warf sich stöhnend in die Polster. »Unsere Freunde sind verloren,« rief er. »Colbert hat sie in den Turm von Vincennes gesperrt.« – Pelisson war wie vom Donner gerührt. »Wohin nun?« fragte er. – »Sie fahren nach Saint-Mandé zurück und schicken mir meinen Bruder her. Er soll so rasch wie möglich in meinen Pariser Palast kommen,« antwortete Fouquet.

Es war schon späte Nacht, als der Abbé zu seinem Bruder kam. Fouquet ging in rasender Ungeduld auf und nieder, Gourville versuchte umsonst ihn zu beruhigen. »Abbé,« rief der Oberintendant seinem Bruder entgegen, »du sprachst von gewissen Leuten, die in deinem Solde stehen. Kannst du auf sie zählen?« – »Sie stecken Paris für mich in Brand,« antwortete der Abbé. – »Höre, was ich verlange,« fuhr Fouquet fort, sich den Schweiß von der Stirn wischend, »versammle deine 120 Mann, Abbé, und halte sie morgen, Punkt zwei Uhr, auf der nach Vincennes führenden Straße kampfbereit.« – »Ich errate es,« unterbrach ihn der Bruder. »Lyodot und d'Eymeris sollen entführt werden. Es wäre aber wirklich besser, man ließe dem König diese kleine Genugtuung und verhielte sich ruhig.« – »Das geht nicht. Der Tod dieser beiden wäre ein Vorspiel meines Ruins,« versetzte der Oberintendant. »Wenn ich aber falle, so fällst du, so fallt ihr alle. Sie müssen gerettet werden. Und du sollst sie dem Feinde entreißen, wird sich's machen lassen?« – »Selbstverständlich,« antwortete der andere. »Es ist ja ganz einfach. Die Wache bei Hinrichtungen besteht gewöhnlich aus 12 Mann. – »Sie wird morgen aus 100 bestehen,« warf der Minister ein. – »Darauf bin ich gefaßt,« fuhr der kriegerische Pfaffe fort. »Ich nehme sogar an, zweihundert. Allein unter einer Menge von Zuschauern sind immer 10 000 Banditen, die auf eine Gelegenheit zum Losschlagen und Plündern warten, die sich nur nicht getrauen, den Anfang zu machen. Meine 120 Mann werden also morgen auf dem Grèveplatz Hilfstruppen finden. Die Gefangenen bringen wir in ein Haus. Einige der Häuser haben zwei Ausgänge, und ich kenne im besondern eins ganz genau, das einen zweiten Ausgang nach dem Baudoyerplatze hat. Es ist ein gut besuchtes Gasthaus. »Notre-Dame« nennt es sich. Nun, die Gefangenen gehen zur einen Tür hinein, zur andern hinaus.« – »Das ist eine gute Idee. Gourville, zahlen Sie dem Abbé 100 000 Livres, damit er seine Leute in die nötige Stimmung versetzen kann. Gilt es doch, gegen den König zu kämpfen, und in einem solchen Kampfe will man auch siegen.« – »Gnädigster Herr,« antwortete Gourville. »wenn es herauskommt, legt man uns den Kopf vor die Füße.« – »Mein Kopf sitzt noch fest auf den Schultern,« rief Fouquet stolz. – »Man wird den wahren Zusammenhang nicht durchschauen,« sagte der Abbé. »Ich lasse meine Leute rufen: ›Es lebe Colbert‹, und dann sollen sie über die Verurteilten herfallen, als wenn sie sie in Stücke zerreißen wollten.« – »Das läßt sich hören,« stimmte Gourville bei. »Sie haben eine reiche Phantasie, Herr Abbé.« – »Wenn es gilt, die Familienehre zu retten,« versetzte der Abbé, sich in die Brust werfend.

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