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Zäpfel Kerns Abenteuer

Otto Julius Bierbaum: Zäpfel Kerns Abenteuer - Kapitel 9
Quellenangabe
typefairy
booktitleZäpfel Kerns Abenteuer
authorOtto Julius Bierbaum
year1966
publisherHamburger Lesehefte Verlag
addressHamburg
isbn3-87291-106-6
titleZäpfel Kerns Abenteuer
pages1-9
created19991002
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Diesmal war er auf der richtigen Straße. Keine drei Stunden vergingen, und er stand vor der großen Eiche, an der er seine Zappelübungen gemacht hatte. Aber er hielt sich nicht lange dort auf, sondern lief mit dem Ruf: »Schwesterchen! Ich bin da!« die Lindenallee hinab zum Schloß.

Zum Schloß? Ja... aber... wo war denn das Schloß?

Keine Spur davon war zu sehen, und nur das Tor lag da, umgestürzt, auf der Erde.

»Um Gottes willen, was ist denn passiert!« schrie Zäpfel und rieb sich die Augen.

Da sangen die geschnitzten Vögel auf dem Tor:

»Tief in die Erde versank das Schloß,
Versank die Fee mit dem Dienertroß.
Hat alles mitgenommen,
Weil du zu spät gekommen.«

Und auch der gute Meister Zorntiegel war nicht mehr da. Auf der Suche nach Zäpfel war er bis an den Meeresstrand gelangt, hatte ein Boot bestiegen und war aufs Meer hinausgerudert, wo er in einen wilden Sturm geriet. Zäpfel Kern wurde von dem Falken der guten Fee in weitem, sausendem Flug ebenfalls an den Meeresstrand gebracht. Er geriet in den gleichen Sturm wie auch sein Meister.

Zäpfel Kern mußte bald einsehen, daß es ein lächerliches Beginnen wäre, mit zwei dünnen Holzärmchen und zwei nicht viel stärkeren Holzbeinchen gegen die Kraft des Ozeans anzukämpfen, der an diesem Tag mit Panzerschiffen Fangeball spielte und Meister Zorntiegels kleinen Kahn längst wer weiß wohin geschleudert hatte. Das Kasperle tat das Gescheiteste, was es tun konnte: es erinnerte sich an seine hölzerne Herkunft und benahm sich ganz einfach wie ein Stück Holz. Es zog sich den Hut mit dem Marderschwanz bis über die Ohren, legte sich auf den Rücken und ließ sich treiben. Mochte das Meer machen, was es wollte, das Kasperle kümmerte sich nicht darum und dachte sich: rumore du nur weiter und wirf mich hin, wohin du Lust hast. Angenehm war es freilich nicht, und das hölzerne Zäpfele wurde bisweilen bös herumgewirbelt. Bald flog es – mit seinem Zuckertütenhut als Spitze – wie ein Pfeil gen Himmel, bald sauste es, den Kopf nach unten, tief in die Tiefe des Meeres, bald rannte es an einen Fisch an, der deshalb wütende Augen machte, und hatte nicht einmal Zeit, »Entschuldigen Sie!« zu sagen, bald verfilzte es sich mit seinem Marderschwanz in eine Korallenbank. Das Unangenehmste des Unangenehmen aber war die Bekanntschaft, die es gegen seinen Willen mit einem großen Polypen machte. Eine Sturzwelle warf ihn nämlich direkt in dessen meterlange Fangarme, deren das scheußliche Tier etliche hatte, mit denen es unser Kasperle umschnürte, als wäre Zäpfel Kern ein Paket, das mit der Post fortgeschickt werden sollte. Es fehlte ihm auch nicht das Gefühl, als würde es versiegelt, denn an jedem seiner widerlichen glitschigen Fangarme hatte der Polyp eine Art Saugpetschaft, mit dem er sich an Zäpfels Körper festklebte. Zum Glück wurde die große Qualle von einer neuen Welle gegen einen Felsen geschleudert und in tausend Stücke zerrissen, während Zäpfel Kern nur ein Stück seiner Nasenspitze einbüßte.

Aber es ist ganz unmöglich, alles zu erzählen, was unser Kasperle während des Sturms im Meer erduldete, denn dieses Hin und Her und Auf und Ab in den wilden Wellen dauerte den ganzen Tag und die folgende Nacht. Kein Wunder, daß Zäpfel Kern, als er endlich auf den sandigen Strand einer Insel geworfen wurde, laut ausrief: »Na, das war aber auch die höchste Zeit! Wenn ich nur keinen Schnupfen kriege!«

Nicht ohne Mühe paddelte er sich auf den ganz mit Muscheln und kleinen Taschenkrebsen übersäten Sand herauf und seufzte: »Jetzt fehlte nur noch, daß diese Insel von Kasperlefressern bewohnt wäre.« Und er sah sich vorsichtig um. Aber er bemerkte keinen mit Pfeil und Bogen anschleichenden Kannibalen, wohl aber einen Wegweiser, auf dem etwas geschrieben stand. Zäpfel Kern trat an ihn heran und besah sich die Schriftzüge sehr aufmerksam. Dann schüttelte er den Kopf und sprach zu sich: »Das Schreiben ist doch eine sehr sinnreiche Erfindung. Wenn ich jetzt lesen könnte, wüßte ich ganz genau, wohin dieser Weg führt... Aber ich kann nicht lesen... Und warum kann ich nicht lesen?! Weil ich nichts als Dummheiten angestellt habe... Verflixte Geschichten!... Es bleibt dabei, daß Professor Doktor Maikäfer recht gehabt hat, hundertmal recht, tausendmal recht... Aber was hilft es mir, daß ich das jetzt erst einsehe!... Ich stehe da wie ein Esel, und wenn niemand kommt, mir das vorzulesen, werde ich auch morgen noch wie ein Esel dastehen.«

Da hörte er hinter sich etwas plätschern, drehte sich um und sah einen großen schönen Delphin, der den Kopf aus den mittlerweile ruhig gewordenen Fluten herausstreckte und ihn groß ansah. Rechts und links aus seinen Nasenlöchern erhob sich ein Springbrunnen, und die hatten das Plätschern hervorgebracht.

Zäpfel Kern nahm höflich seinen Hut ab und sprach: »Guten Morgen, Herr Delphin! Das trifft sich gut, daß Sie gerade hier Ihren schönen Kopf aus dem Wasser stecken. Möchten Sie mir nicht vorlesen, was auf dieser Tafel steht?«

»Kannst du denn nicht selber lesen?« sprach der Delphin und glotzte ihn erstaunt an.

»Nein, ich kann nur Kasperledeutsch lesen«, log Zäpfel Kern.

Da hob der Delphin seinen Schweif aus dem Wasser, peitschte ärgerlich die Wellen damit und schnaubte: »Du willst wohl wieder eine lange Nase haben, he?«

»Nein«, erwiderte Zäpfel frech, »es würde mir genügen, wenn das Stück anwüchse, das ich auf einer Klippe aus Versehen im Meer liegen ließ. Aber ich merke, Sie kommen von meinem Schwesterchen.«

»Allerdings!« antwortete der Delphin, »obwohl du es nicht verdienst, daß sich Frau Dschemma immer noch um dich kümmert, denn du lügst wie gedruckt. Doch es ist nicht meines Amtes, über meine Herrin zu urteilen, und so richte ich einfach aus, was mir aufgetragen ist. Hör zu!«

»Schieß los!« antwortete Zäpfel Kern. Im selben Augenblick hatte er eine solche Ladung Seewasser im Gesicht, daß er umfiel.

»Du scheinst mir auch keinen Spaß zu verstehen«, sagte er, als er sich wieder erhoben hatte.

»Es ist jetzt nicht die Zeit zum Spaßen!« knurrte der Delphin. »Und wenn du noch eine einzige unpassende Bemerkung machst, tauche ich unter. Es bekommt mir ohnehin nicht, so lange Luft zu schnappen.«

Und das Kasperle sagte nun ganz artig: »Ich habe keinen Mund mehr, sondern nur noch Ohren. Verzeihen Sie mir, Onkel Delphin.«

»Also denn! Ich hab dir zu melden, daß du dir keine weiteren Sorgen um deinen Meister machen sollst. Er ist von einem Walfisch verschluckt wenden und befindet sich in dessen Bauch den Umständen angemessen wohl.«

»Gott sei Dank!« rief Zäpfel aus, »aber ich möchte nun diesen Walfisch töten und meinen Papa retten, denn immer kann er doch nicht in einer so feuchten Wohnung bleiben.«

»Du Knirps willst den Walfisch töten?« knurrte der Delphin. »Weißt du denn nicht, daß er so groß ist wie eine kleine Stadt und ein Maul hat von der Ausdehnung eines Bahnhofs, in dem bequem ein paar Güterzüge Platz haben?«

»Ist das möglich?«

»Es ist nicht bloß möglich, sondern eine Tatsache.«

»Und dies Ungetüm ist hier in der Nähe?«

»Ja, es macht diese Küsten unsicher.«

»Dann will ich doch lieber ins Innere des Landes reisen.«

»Das sollst du auch, denn in diesem Land wirst du, so hofft Frau Dschemma, etwas Gutes lernen.«

»Au Backe!« rief Zäpfel.

»Was?« knurrte der Delphin.

»Ich habe nichts gesagt«, stotterte das Kasperle.

Und der Delphin fuhr fort: »Dies ist nämlich die Insel, die den Namen ›Goldboden‹ führt.«

»Ei! Vielleicht wachsen hier die Zwanzigmarkstücke?«

»Unsinn! Sie heißt so, weil hier der Fleiß regiert, und weil davon der Boden goldene Früchte trägt. Die Bewohner dieser Insel kennen nur eine Leidenschaft: Arbeit!«

»Man soll sich aber vor jeder Leidenschaft hüten«, meinte Zäpfel.

»Nicht vor dieser! – Aber jetzt habe ich genug geredet. Der Wegweiser dort weist auf die Straße nach der Hauptstadt des Landes. Geh nur immer der Nase nach, so wirst du schon zu ihr gelangen. Aber das sage ich dir gleich: ohne zu arbeiten wirst du dort verhungern! Betteln gilt dort nicht!«

»Denkst du denn, ich werde betteln?! Ich? Da kennst du mich schlecht!«

»Um so besser! Leb wohl!« Und mit einem gewaltigen Prusten tauchte der Delphin ins Meer. Zäpfel Kern aber machte sich eilends auf den Weg in die Hauptstadt, wo der Fleiß regiert.

Daß dem so war, merkte er bald. Die sauberen Straßen, an denen schöne Häuser mit herrlichen Läden standen, waren angefüllt mit Leuten, die allesamt offenbar ihrer Arbeit nachgingen. Nirgends ein Müßiggänger. Nirgends ein Bettler. Und alle Leute waren anständig angezogen, obwohl es immer die Tracht der Arbeit war; und jede Arbeit schien geehrt; keine galt für unvornehm. Bei aller hier herrschenden Tätigkeit war aber in der ganzen Stadt kein Hasten, kein Rennen, Schreien, Stoßen. Alles hatte einen ruhigen, fröhlichen Gang, und wenn es der Fleiß war, der hier regierte, so gab es eine Nebenregierung: die Freude. Das gefiel dem Kasperle ganz gut, denn es ist immer ein Labsal, lachende Gesichter bei tüchtigem Schaffen zu sehen.

Nur: er hatte Hunger.

Und der Hunger macht ein bös' Gesicht.

Darum fragte ihn ein Mann, der fröhlich einen Handkarren mit Kohlen hinter sich herzog: »Na, mein Junge, warum schaust du so sauer drein?«

»Weil ich Hunger habe«, antwortete Zäpfel.

Und der Kohlenmann sprach: »Du sollst gleich keinen Hunger mehr haben. Hilf mir die Kohlen ausfahren, und ich gebe dir Lohn genug, dafür Brot und Wurst zu kaufen.«

»Was?« schrie Zäpfel und rümpfte die Nase, »ich und Kohlen ausfahren?! Ich danke bestens.«

»Bitte! bitte!« antwortete der Mann, »entschuldigen Sie nur! Schneiden Sie sich eine tüchtige Scheibe von Ihrem Stolz ab und verderben Sie sich den Magen nicht daran!« Sprach's und zog lachend seinen Karren weiter.

Zäpfel Kern, ganz schwach vor Hunger, überlegte sich, was tun.

Da kam ein Maurer, der in jeder Hand einen Eimer voll Kalk trug. Wie der das Kasperle müßig stehen sah, empfand er Mitleid mit ihm und sprach: »Ich seh' dir's an, du bist traurig, daß du keine Arbeit hast. Ist's so?«

»Nein«, antwortete Zäpfel, »ich bin traurig, weil ich Hunger habe.«

»Das kommt auf eins raus«, entgegnete der Maurer, »da, nimm den kleineren Eimer und trag ihn mir zum Bau. Es ist nur, weil du mir leid tust. An Lohn soll's nicht fehlen!«

Zäpfel Kern aber rümpfte wieder die Nase und sprach: »Damit ich voll Kalk werde und mir die Hände weh tun? Nein, zu solcher Arbeit bin ich zu fein.«

»Auch gut!« antwortete lachend der Maurer, »dann fang Fliegen und iß sie in Essig und Öl. Fliegenfangen ist ein piekfeines Geschäft!« und ging pfeifend seiner Wege.

»Der infame Hunger!« murmelte Zäpfel Kern.

Da sah er vor sich ein Schaufenster, in dem lauter schöne Sachen zum Essen lagen: Schinken, Würste, Obst... Das Wasser lief ihm im Mund zusammen. Kurz entschlossen ging er in den Laden.

»Ich... ich... möchte eine Leberwurst und einen Apfel.«

»Für wieviel?«

»Für... für... ich habe kein Geld.«

»Dann verdien dir welches und komm dann wieder.«

»Ich schlag' dafür einen Purzelbaum.«

»Das ist keine Arbeit.«

»Ich... ich... schneid' komische Gesichter.«

»Das ist erst recht keine.«

»Ach Gott! Ach Gott! Huhuhuhu!« Und das Kasperle weinte.

Da beugte sich eine junge Frau, die zwei Handkörbe neben sich stehen hatte, zu ihm nieder und sprach: »Weißt du was, Kleiner? Trag mir den einen Handkorb nach Hause und du kriegst ein Stück Brot.«

»Ist er schwer?« fragte Zäpfel Kern und musterte den Korb.

»Leicht ist er nicht, aber du kriegst auch Honig aufs Brot.«

Zäpfel hob den Korb etwas, stöhnte »uff« und setzte ihn wieder hin.

»Ein Stückchen Streuselkuchen ist auch noch da.«

Zäpfel seufzte. Zäpfel überlegte. Zäpfel seufzte wieder. Zäpfel dachte an Honigsemmeln. Zäpfel seufzte nochmals. Zäpfel dachte an Streuselkuchen. Zäpfel war überwunden.

Zäpfel nahm den Korb und trug ihn, als wäre er mit Blei und Eisen gefüllt, ächzend neben der jungen Frau her, die mit einem liebenswürdigen Lächeln auf ihn herabsah.

Der Weg bis zur Wohnung der jungen Frau, d. h. also: der Weg bis zu den Honigsemmeln und dem Streuselkuchen war recht hübsch weit, und wie sie endlich am Hause angekommen waren, mußten sie auch noch vier Treppen steigen.

Zäpfel meinte bei jeder Treppe: »Ist das die letzte?« und war todunglücklich, daß er erst dort aufhören durfte zu steigen, wo überhaupt keine mehr war. »Zu dumm, daß die Leute die Häuser so hoch bauen, ich zieh' einmal in den ersten Stock, wenn ich groß bin, das ist gewiß!«

»Aber dort hast du keine so schöne Aussicht wie hier«, entgegnete die junge Frau. Und sie ließ ihn auf einen kleinen Balkon treten, der wirklich einen herrlichen Überblick über die Stadt und weit übers Land hin bis zum Meer gewährte. »Ist das nicht wunderschön?«

»Ja«, antwortete Zäpfel. »Aber eine Honigsemmel ist noch wunderschöner, und Streuselkuchen ist am wunderschönsten«, und er wollte durchaus in die Küche.

Aber die junge Frau sagte: »Ei, wie werde ich einen so höflichen Herrn, der mir meinen Korb getragen hat, in der Küche speisen lassen, das wäre ja gegen alle gute Lebensart. Nein, mein junger Freund, du wirst hier auf dem Balkon tafeln! Meine kleine Dienerin Täubele wird gleich decken!«

»Erst decken?« maulte Zäpfel.

»Das versteht sich! Wir sind doch gesittete Leute! Nicht?«

Zäpfel, um die Wahrheit zu sagen, legte im Augenblick wenig Wert darauf, zu den gesitteten Leuten gezählt zu werden, aber darauf wurde durchaus keine Rücksicht genommen. Fräulein Täubele, ein kleines zierliches Persönchen, das nur einen merkwürdig unbeholfenen Gang und ein ganz, ganz kleines Kröpfchen am Hals hatte, brachte ein rotlackiertes Tischchen herein, deckte eine weiße Serviette darüber, stellte einen gleichfalls rotlackierten Stuhl daran, lud Zäpfel ein, sich darin niederzulassen, und erst, als alles dies geschehen war, brachte die junge Frau selber ein zierliches Brotkörbchen voll knuspriger Semmeln, eine Büchse Honig und einen Kuchenteller herbei, auf dem sich ein wahres Gebirge von Streuselkuchen erhob.

Zäpfel wollte sogleich mit allen zehn Fingern über das Streuselkuchengebirge herfallen, aber er mußte sich erst noch eine Serviette umbinden lassen und wurde dann zwar höflich, aber bestimmt eingeladen, gemäß der Ausmachung mit den Honigsemmeln zu beginnen. Einen nicht geringen Trost gewährte ihm dafür, daß während dieser ihm sehr unnötig erscheinenden Vorbereitungen Fräulein Täubele eine gewaltige Kanne voll dampfender Schokolade und eine höchst angenehm wirkende Schüssel Schlagsahne zu dem übrigen stellte.

Nun war das Kasperle aber durchaus nicht mehr zu halten. Von den Semmeln, die er dick mit Honig lackierte, nahm er nur zwei; dafür ließ er das Streuselkuchengebirge bis auf den letzten Rest in seinen Magen verschwinden und sorgte angelegentlich dafür, daß es auf diesem in seinen Magen verpflanzten Gebirge nicht an Feuchtigkeit fehlte. Er trank fünf Tassen Schokolade. Die Schlagsahne aber nahm er zuletzt, damit das Gebirge im Magen auch schön mit Schnee und Gletschern versehen sei.

Während dieser wichtigen Handlung verlor er kein Wort und hatte auch durchaus keinen Sinn für seine nähere und weitere Umgebung. Aber als er Teller, Tassen, Schüssel, Kannen geleert hatte, lehnte er sich in seinen Stuhl zurück und sah seine Wohltäterin mit dankbaren Kasperleaugen an, indem er sprach: »Wenn Sie wieder einmal einen Korb zu tragen haben: hier ist ein Packträger.«

Die junge Frau sah ihm seltsam tief in die Augen und lächelte dazu so unbeschreiblich lieb und sanft, daß es dem Kasperle, das ja keine Mutter hatte, zum ersten Mal in seinem Leben zumute war, als müsse er recht aus Herzensgrunde sagen: »Mama! Mama!«

Und er tat's. Er rief: »Mama!« und setzte sich der jungen Frau auf den Schoß und – gab ihr einen Kuß? – umarmte sie? – nein –: er hob seine Kasperlenase hoch und schnüffelte wie ein Jagdhund, der eine Fährte gefunden hat, und – fuhr plötzlich mit der Hand in den Halsausschnitt der jungen Frau und zog... was zog er hervor? –: das kleine Döschen mit den Ananaskügelchen!

Und nun küßte und umarmte er die junge Frau erst recht und schrie:

»Natürlich bist du es! Mein Schwesterchen! Die schöne Frau Dschemma! O ich Esel, daß ich es nicht gleich gemerkt habe! Es kann ja auch gar niemand so lieb und gut sein wie du!« Und er wollte seine alte Freundin schier auffressen vor Liebe. Die aber ließ sich seine Liebkosungen gern gefallen, bis er einfach nicht mehr konnte und wie ein Telegraphenapparat tak-tak-tak-tak ungeheuer schnell hintereinander fragte: »Ja, aber das Schloß?... Ich denke, du bist in der Erde?... Und wo ist Löcklich?... Und General Bumbautz?... Und die Tauben?... Und die Dackelsoldaten?... Und die Kutschierkatzen?... und die Ananaskügelchen?...«

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