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Zäpfel Kerns Abenteuer

Otto Julius Bierbaum: Zäpfel Kerns Abenteuer - Kapitel 5
Quellenangabe
typefairy
booktitleZäpfel Kerns Abenteuer
authorOtto Julius Bierbaum
year1966
publisherHamburger Lesehefte Verlag
addressHamburg
isbn3-87291-106-6
titleZäpfel Kerns Abenteuer
pages1-9
created19991002
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Steifbeinig und würdevoll trat zuerst Sanitätsrat Rabe ans Bett heran, legte den linken Zeigefinger krumm über den Schnabel, fühlte dem Kasperle mit der rechten Hand den Puls, klopfte ihm dann auf die Nase und pickte schließlich mit dem Schnabel auf dem Brustkasten herum.

»Hm!« sagte er, »hm, ein schwieriger Fall! Der Patient ist meiner Meinung nach gar kein Patient mehr, denn er ist nach meiner Meinung tot wie ein abgetretener Stiefelabsatz. Indessen, gesetzt den Fall, daß er nicht tot wäre, müßte wohl der Mutmaßung Raum gegeben worden, daß er noch lebendig ist.«

Machte eine Verbeugung und trat zurück.

Nun wackelte Medizinalrat Eule ans Bett, putzte sich seine große runde Brille mit einem roten Schnupftuch, zog ein Höhrrohr aus der Fracktasche und behorchte das Kasperle sehr eingehend an allen Teilen des Körpers, sogar an den Fußsohlen. Da Zäpfel Kern dort kitzlig war, zuckte er zusammen, und das war wohl der Grund, daß Medizinalrat Eule folgendes Urteil abgab: »Ich, äh, muß, äh, zu meinem Bedauern, äh, erklären, daß ich, äh, anderer, äh, Meinung bin als mein, äh, berühmter Herr Kollege. Denn, äh, angesehen den Umstand, äh, daß das Kasperle, äh, noch zuckender Bewegungen fähig ist, muß, äh, geschlossen werden, daß es, äh, noch lebt. Indessen, äh, gesetzt den Fall, daß es, äh, nicht mehr, äh, am Leben wäre, äh, müßte wohl, äh, der Mutmaßung, äh, Raum gegeben werden, äh, daß es, äh, tot ist.«

Ganz matt von den vielen Ähs trat auch er zurück und ließ nun Professor Doktor Maikäfer vor.

Der sah Zäpfel Kern bloß scharf an und sagte eine Weile nichts.

»Nun«, fragte Frau Dschemma, »was ist Ihre Ansicht?«

»Meine Ansicht ist«, antwortete der Professor, »daß dieses Kasperle da ein Lausbub ist.«

Zäpfel fuhr zusammen.

»Ein Tunichtgut!«

Zäpfel drehte sich um.

»Ein ganz infamer Schlingel.«

Zäpfel steckte die Nase unter die Decke.

»Ein undankbares, unfolgsames, faules Kind, das hinter die Schule läuft und seinem armen Papa nichts als Sorgen macht.'

Zäpfel heulte unter der Decke wie ein Jagdhund.

Und der Sanitätsrat Rabe sprach: »Der Tote heult, also ist er auf dem Wege der Besserung.«

»Nein«, entgegnete der Medizinalrat Eule, »der tote Stiefelabsatz heult nur über Ihre Unwissenheit, mein sehr verehrter Herr Kollege!« Die beiden hätten sich sicher geprügelt, wenn Frau Dschemma es zugelassen hätte.

Die gute Fee Dschemma dachte sich: die Hauptsache vorderhand ist, daß wir ihn wieder ganz gesund machen; das andere wird sich später finden. Und so widmete sie sich in ihrer großen Güte ganz der Pflege dieses garstigen Kasperles.

Da sie wohl bemerkt hatte, daß ein böses Fieber im Anzug war, so hatte sie in ihrer Feenapotheke von ihrem Leibapotheker Pelikan ein Pulver anfertigen lassen, das in einem solchen Fall Wunder wirkte. Nur, freilich, wie Honig schmeckte es nicht. Das ist aber auch nicht der Zweck der Medizinen, und wenn sie gleich in einer Feenapotheke bereitet werden.

Tat also das Pulver in einen rubinroten Kelch, goß ein wenig Wasser dazu, hielt es Zäpfel hin und sprach mit einer Stimme, so lieb und milde, daß ein wilder Bär nicht hätte widerstreben können:

»So, mein Junge, jetzt schluck mal das hinunter!«

Zäpfel Kern sah den Pokal schief an, zog auch den Mund schief und machte schließlich gar noch eine schiefe Nase, indem er sprach: »Schmeckt's süß oder bitter?«

»Bitter!« antwortete Frau Dschemma, »aber es macht dich dafür gesund.«

»Bitter mag ich nicht.«

»Aber sei doch gescheit und trink!«

»Wenn ich was Bitteres tränke, wär' ich schön dumm.«

»Pfui, wer wird so sprechen; das ist nicht dein Ernst.«

»Wetten wir, daß ich's nicht trinke?«

»Ich weiß ganz genau, daß du's trinken wirst, und ich geb' dir auch, wenn du's getrunken hast, ein Ananaskügelchen, damit der schlechte Geschmack verschwindet.«

»Zeig erst mal das Ananaskügelchen her!«

Frau Dschemma öffnete eine kleine Dose, die an einer goldenen Kette hing und die Eigenschaft besaß, allem, was sie enthielt, den Geschmack und Geruch einer reifen Ananas zu verleihen. Kaum hatte die Fee die Dose geöffnet, so war das ganze Zimmer mit dem herrlichen Ananasduft erfüllt.

»Das riecht aber fein«, sagte Zäpfel Kern und schnupperte mit seiner großen Nase.

»Und wie es riecht, so schmeckt es auch«, sagte die Fee, indem sie mit den Fingerspitzen ein kleines versilbertes Kügelchen hervorholte.

»Ist das auch Silber?« fragte das Kasperle.

»Nein, es ist Schokolade, aber versilbert.«

»Und schmeckt nicht wie Schokolade, sondern wie Ananas?«

»Es schmeckt wie Schokolade und Ananas.«

»Das muß großartig schmecken«, meinte nach einer kleinen Pause das Kasperle.

»Es ist die neueste und gelungenste Erfindung meines Leibkonditors Honigbär.«

»Was? Du hast einen Bären als Konditor?«

»Ja, die Bären verstehen sich am besten auf Süßigkeiten.«

»Frißt er nicht alles selber? Wenn ich Konditor wäre, ich ließe nicht so viel übrig, wie auf einen Mückenflügel geht.«

»Das glaub' ich, aber Meister Honigbär ist auch kein solcher... na, du weißt selber, was der Professor gesagt hat, wie du. – Aber nun trink die Medizin!«

»Wenn du mir ein Ananaskügelchen gibst.«

»Nachher!«

»Nein, vorher!«

»Nun gut, ich will dir deinen Willen tun, weil du krank bist, Zäpfel. Aber du versprichst mir, dann gleich die Medizin zu nehmen?«

»Ich geb' dir meine rechte Hand darauf!« sagte das Kasperle freudig, und Frau Dschemma steckte ihm ein Kügelchen in den Mund.

»Duzi, duzi, dizi, dizi, duzi, duzi, dizi, dizi, dum!« sagte das Kasperle und leckte sich die Lippen.

Frau Dschemma mußte lachen und fragte: »Was ist denn das für ein Unsinn?«

»Das ist gar kein Unsinn«, sagte Zäpfel Kern, »sondern Kasperledeutsch.«

»Und was heißt es denn?«

»Es heißt: Sapperment, sapperment, das schmeckt nach mehr!«

»Nachher kriegst du auch noch ein Kügelchen. Aber jetzt halt dein Versprechen und trink die Medizin!«

Zäpfel Kern zog wieder alles schief, was er in seinem Gesicht nur schief ziehen konnte, nahm den Rubinpokal in beide Hände, führte ihn an die Nase, roch hinein, setzte ihn an den Mund und – stellte ihn auf das Nachttischchen.

»Du hast ja nicht getrunken«, sagte die Fee.

»Das Zeug ist zu bitter«, entgegnete Zäpfel.

»Woher weißt du denn das?«

»Das riecht ja ein blindes Pferd!«

Jetzt wurde Frau Dschemma fast böse und sprach: »Du, Zäpfel, solche Redensarten gefallen mir nicht, und noch weniger ein Junge, der sein Wort nicht hält.«

»Aber ich will's ja halten«, entgegnete Zäpfel, der sich nicht gerne an seine Ehre rühren ließ, denn ein anständiger Bursch war er ja im Grunde. »Aber« fügte er hinzu, »ein Kügelchen könntest du mir vorher schon noch geben, sonst langweilt sich das andere in meinem Bauch.«

Frau Dschemma mußte lachen und schob ihm noch ein Kügelchen in den Mund.

»La pum sibim, da pum sibim, la pum sidum sibum sibim!« sagte das Kasperle.

»Das heißt hoffentlich: Jetzt will ich aber schleunigst die Medizin haben!« sagte die Fee.

»Hast du 'ne Ahnung von Kasperledeutsch!« sagte Zäpfel. »Das hat geheißen: Wenn die Medizin so schmeckte, würde ich den ganzen Tag welche einnehmen.«

»Da du aber dein Wort gegeben hast, wirst du jetzt auch die bittere Medizin trinken, nicht wahr?«

»Ja, natürlich, aber so geht's nicht!«

»Wieso geht's nicht?«

»Das Kopfkissen ist zu niedrig.«

Frau Dschemma machte es höher.

»Es geht immer noch nicht.«

»Warum nicht?«

»Weil die Tür offensteht.«

Die Fee machte die Tür zu.

»Es geht überhaupt nicht! es geht absolut nicht, weil ich nicht will! will! will!« schrie Zäpfel Kern und strampelte mit den Beinen.

»Wenn du nicht ruhig bist, wirst du noch kränker werden.«

»Meinetwegen!«

»Du bekommst ein ganz böses Fieber.«

»Meinetwegen!«

»Du wirst an dem Fieber sterben!«

»Meinetwegen!«

»Fürchtest du dich denn nicht davor?«

»Das Sterben ist mir ganz egal, bloß das bittere Zeug mag ich nicht trinken. Brrr! Lieber sterben!«

Da hob die Fee ihre rechte Hand in die Höhe, und sogleich schlugen lautlos die perlmutternen Türflügel auseinander, eine traurige Musik erklang, als käme sie aus dem Innern der Erde, und im schweren, langsamen Takte dieser Musik schritten acht Riesenmaulwürfe herein, die auf ihren Schultern einen schwarzverhangenen Sarg trugen.

Zäpfel Kern fuhr kerzengerade vor Schreck im Bett in die Höhe, bekam wieder einmal Krebsaugen und schrie: »Was wollt ihr hier? Ich brauche euch nicht!«

»Wir aber brauchen dich«, murmelten dumpf die Maulwürfe und stellten den Sarg vors Bett.

»Mich?« schrie das Kasperle, »aber ich bin doch keine tote Leiche?«

Wirst aber gleich eine sein,
denn du nimmst ja nicht ein!«

sangen wie ein Trauerchor die schwarzen Tiere.

Da flehte Zäpfel Kern mit Tränen in den Augen: »Ach, meine liebe, schöne Dame, bitte, bitte, bitte, lassen Sie mich doch die gute Medizin trinken. Und wenn ein Glas nicht genug ist, zweie, und wenn zweie nicht genug sind, dreie. Nur nicht sterben, nur, huhuhu, ni... ni... ni... nicht sterben!«

Und er trank, als ihm Frau Dschemma den Pokal reichte, den ganzen Inhalt mit einem Schluck aus, während die Maulwürfe den Sarg wieder auf ihre Schulter hoben und unheimlich murmelnd verschwanden.

Da aber die Medizin auf Kasperlekonstitutionen augenblicklich wirkt, ward Zäpfel Kern davon sofort gesund wie ein Fisch im Wasser, sprang aus dem Bett und rief:

Peratze, perütze,
Wo ist meine Mütze?
Perütze, perause,
Wo ist meine Krause?
Perause, peracke,
Wo ist meine Jacke?
Peracke, perose,
Wo ist meine Hose?
Perofel, periefel,
Wo sind meine Stiefel?«

»Wo anders werden sie sein als im Kleiderschrank, wo sie hingehören?« entgegnete die Fee.

Sofort lief Zäpfel Kern zum Kleiderschrank, riß die Perlmuttertüren auf und setzte sich vor Schreck mitten auf den Fußboden, als er die ganz zerrissenen Sachen sah. Und er jammerte und greinte: »Meine schönen Sachen! Ach, meine schönen Sachen! Sie sind ja alle ganz kaputt!«

»Also wollen wir sie reparieren lassen!« sagte lächelnd Frau Dschemma, nahm ein silbernes Pfeifchen in den Mund, pfiff darauf, und burrr! flügelte es zum Fenster herein: lauter schneeweiße Tauben.

»Könnt ihr bloß picken
Oder auch flicken?«

fragte die Fee. Die Tauben antworteten:

»Reis und Mais picken wir gern,
Was kaputt ist, flicken wir gern.«

und flogen in den Kleiderschrank und trugen mit ihren Schnäbeln die Kasperlesachen heraus und breiteten sie auf den Boden hin und legten aneinander, was zerrissen war, und strichen mit den Schnäbeln darüber her und klopften und pochten und tippelten darauf herum, und als zwei Minuten herum waren, war alles wie neu.

Die Fee kraulte die Tauben zum Lohn an den Köpfen und sprach:

»Habt eure Sache gut gemacht,
Drum kriegt ihr alle heut zur Nacht
Doppelten Reis,
doppelten Mais
Als der Arbeit Preis.«

Hochbeglückt flog der Schwarm auf und verschwand am Himmel wie eine weiße Wolke.

Zäpfel Kern aber zog sich vergnügt an, und als er angezogen war, sprach er: »Schön bin ich, was?«

»Du bist ein nettes Kasperle«, antwortete Frau Dschemma, »nun erzähle mir aber auch, warum du eigentlich zu mir gekommen bist.«

Und Zäpfel Kern erzählte alles, was wir bereits wissen, und erzählte alles, ganz wie es die Wahrheit war. Nur wegen der zwei Goldstücke log er etwas hinzu. Er hätte sie verloren, sagte er und wurde nicht einmal rot dabei.

Aber kaum hatte er diese Lüge herausgebracht, da gab es ihm an der Nasenspitze einen Stoß, und seine ohnehin lange Nase wurde noch ein Stück länger. Er aber dachte, er hätte sich selbst gestoßen, und merkte nichts.

»So, so!« sagte die Fee, »verloren hast du sie! Wo denn?«

Und Zäpfel Kern log weiter: »Im Wald.«

Und die Nase wuchs noch ein Stück.

»Im Wald?« sagte die Fee, »das ist gut, da werden wir sie gleich finden. Ich will sofort meine Diener schicken.«

»Ach nein!« sagte Zäpfel Kern, »bemühen Sie sich nur nicht. Es war ein kleiner Irrtum. Ich habe sie nicht verloren, sondern mit der Medizin hinuntergeschluckt.«

Bei dieser unverschämten Lüge fuhr die Nase fast eine Elle weit vor, und Zäpfel Kern wunderte sich, daß er jetzt fortwährend mit ihr anstieß, wenn er sich bewegte.

Frau Dschemma aber mußte herzlich lachen, als sie das sah.

»Warum lachen Sie denn so?« fragte ärgerlich das Kasperle.

»Weil dir deine Lügen zur Nase herausgewachsen sind, mein Junge«, antwortete die Fee. »Nun sieh zu, wie du sie wieder los wirst. Ich will dich dabei nicht stören, aber fall mir ja nicht über deine Nase, mein wahrheitsliebendes Kasperle. Du könntest dir sonst was brechen.«

Und mit einem Lachen, das wie silberne Glöckchen klang, ging Frau Dschemma zur Türe hinaus.

Zäpfel Kern aber, außer sich vor Wut über seinen Zinken, raste im Zimmer herum, bald an einer Wand, bald am Bett, bald an einem Tisch, bald an einem Schrank höchst schmerzhaft anstoßend, jetzt eine Gardine, jetzt den Bettvorhang, jetzt eine Tischdecke aufspießend und alle Gläser, Flaschen, Krüge, Vasen mit seiner Nasenlanze von ihrem Standort herunterstoßend.

»Nur hinaus, hinaus, hinaus!« schrie er. »Das ist ja nicht zum Aushalten. Ich krieg' ja ein Riesen-Nasenbluten. Ich spieße mich ja auf!«

Aber wie er die Tür öffnen wollte, stellte es sich heraus, daß er wegen der Größe seiner Nasenlanze nicht zur Klinke gelangen konnte.

So sah sich Zäpfel Kern also gefangen, denn zum Fenster hinunterspringen konnte er nicht, weil es zu hoch war.

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