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Zäpfel Kerns Abenteuer

Otto Julius Bierbaum: Zäpfel Kerns Abenteuer - Kapitel 3
Quellenangabe
typefairy
booktitleZäpfel Kerns Abenteuer
authorOtto Julius Bierbaum
year1966
publisherHamburger Lesehefte Verlag
addressHamburg
isbn3-87291-106-6
titleZäpfel Kerns Abenteuer
pages1-9
created19991002
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Nun wurde es allmählich Abend, und Zäpfel Kerns Magen drückte deutlich die Ansicht aus, daß es jetzt Zeit zum Abendbrot wäre. Als er trotz dieser deutlichen Äußerung nichts bekam, wiederholte er seine Meinung in Form eines tüchtigen Appetits, und als auch das nichts half, fing der Magen an zu knurren. Erst wie ein Hund, dann wie ein Wolf, dann wie ein Löwe. Kurz: Zäpfel Kern merkte, daß das Sprichwort »Hunger tut weh« nicht lügt.

Das arme Kasperle warf sich auf das Bett., und krümmte sich zusammen und weinte und heulte und jammerte und schrie: »Au, au, au! Oi, oi, oi! Ih, ih, ih! Wenn ich doch dem lieben Meister Zorntiegel nicht davongelaufen wäre! O ich Dummkopf! O ich schlechtes Kasperle! Lieber, guter, einziger Herr Professor Doktor Maikäfer! Werden Sie doch wieder lebendig!«

Aber der grünlich-braune Fleck an der Wand rührte und regte sich nicht.

Nachdem Meister Zorntiegel aus dem Gefängnis entlassen worden war, machte er für Zäpfel Kern lustige Papierkleider und verkaufte seinen einzigen Rock; denn Zäpfel sollte zur Schule gehen und brauchte dazu ein neues ABC-Buch. Als dieser auf dem Weg zur Schule jedoch das bunte Theaterzelt des Meisters Fürchterlich erblickte, war's aus mit den guten Vorsätzen. Für das Eintrittsgeld gab er das so teuer erworbene ABC-Buch achtlos fort, wurde von Meister Fürchterlichs Puppen begeistert empfangen, und während der Direktor über die Konkurrenz des Meisters Zorntiegel zunächst böse war, übergab er Zäpfel Kern dann 100 Mark: dafür sollte Zorntiegel ihm Puppen machen. Aus lauter Freude schlug Zäpfel einen falschen Weg ein: statt zu Meister Zorntiegel lief er aus der Stadt heraus.

Gerade wie er das merkte und umkehren wollte, sah er zwei Gestalten auf sich zukommen – einen Fuchs, der, so schien es, auf einem Bein lahm war, und eine Katze, die die Augen geschlossen hatte.

»Grüß Gott, Herr Zäpfel!« sagte der Fuchs.

»Grüß Gott!« sagte Zipfel Kern, »aber woher kennst du mich denn?«

»Wer sollte den berühmten Zäpfel Kern nicht kennen?« miaute die Katze schmeichlerisch.

»Und wir sind ja aus demselben Wald«, fügte der Fuchs hinzu. »Wir sind Landsleute.«

»Und ich wohne auf demselben Dach, unter welchem dein Papa wohnt«, sagte die Katze.

»Ach!« rief Zäpfel aus, »dann hast du vielleicht gestern meinen Papa gesehen?«

»Freilich« antwortete die Katze, »er guckte in Hemdsärmeln zum Fenster heraus und zitterte vor Kälte.«

»Der arme Papa! Aber er wird bald nicht mehr frieren.«

»Wieso denn?«, fragte die Katze.

»Weil ich ein reicher Herr geworden bin.«

»Was für'n Ding?« sagte der Fuchs und lachte unverschämt dazu, während die Katze sich wenigstens Mühe gab, ihr Lachen hinter einer vorgehaltenen Pfote zu verbergen.

Zäpfel Kern entgegnete beleidigt: »Da gibt's gar nichts zu lachen, Frau Kneifaug und Herr Hinkepink! In dieser Tasche da sind 100 Mark.« Und er ließ die fünf Goldstücke klimpern.

Dieses Konzert brachte eine merkwürdige Wirkung hervor.

Der Fuchs zuckte wie zum Zupacken mit den Vorderfüßen nach vorn, und zwar ohne jede Anstrengung auch mit dem, den er sonst als lahm, krumm und wie leblos hängen ließ, und die Katze riß, von wilder Gier getrieben, die sonst festgeschlossenen Augen auf, die nun wie zwei grüne Kutschlaternenlichter sichtbar wurden. Aber alles das dauerte nur einen Augenblick, so daß Zäpfel Kern es nicht gewahr wurde, und gleich darauf lahmte wieder der Fuchs, schien wieder blind die Katze.

Und der Fuchs sprach mit süßem Ton: »Wie haben Sie nur meinen können, mein lieber Herr Zäpfel Kern, daß wir Sie auslachen könnten? Eine solche Unart liegt unserem Wesen ganz fern, und besonders Ihnen gegenüber, den ich als Landsmann aufrichtig schätze.«

»Und ich als Nachbarin«, fügte die Katze hinzu.

»Wie Sie uns hier sehen«, fuhr der Fuchs fort, »sind wir zwei Leute, die es sich zur Aufgabe gestellt haben, unsern Mitgeschöpfen soviel Gutes, wie nur möglich ist, zu erweisen. Für uns selbst aber haben wir gar keine Wünsche. Ich, wie Sie sehen, bin lahm, und meine Freundin ist blind. Was sollen zwei so arme Wesen noch vom Leben wollen? Übrigens habe ich ganz vergessen, uns vorzustellen. Zuerst natürlich die Dame, meine ausgezeichnete Stütze und Helferin, Frau Miaula Mietsinsky, Gräfin auf und zu Dachhausen, die sich aber nur kurz Madame Miaula nennen läßt, weil ihre Vermögensumstände leider ihrem alten Adel nicht entsprechen. Sie ist Mutter von 97 Kindern, blind, arm und ehrlich.«

Während der Fuchs diese Mitteilungen machte, knickste Madame Miaula äußerst graziös, indem sie dazu mit den Hinterpfoten kratzte und den Schwanz so anmutig ringelte, daß man die Spitze davon hätte als Kleiderhaken benutzen können.

Der Fuchs aber, nun seinerseits eine tadellose Verbeugung machend, indem er sich auf die Vorderfüße niederließ und den roten Schweif demütig zwischen die Hinterbeine nahm, fuhr fort: »Was mich betrifft, so bin ich auch von altem Adel und mein Name ist Alopex Opex Pix Pax Pox Pux Fuchs Freiherr von Gänseklein auf Hühnersteig. Da aber auch ich in zurückgekommenen Vermögensverhältnissen lebe, genügt es durchaus, wenn Sie mich mit dem ersten meiner sechs Vornamen Alopex nennen. Daß ich ein Biedermann bin, sehen Sie mir wohl an. Mein größter Fehler ist meine Gutmütigkeit und eine an Narrheit grenzende Leidenschaft, anderen Leuten zu dienen, ohne selbst etwas davon zu haben.«

Glücklich, die Bekanntschaft zweier so vornehmer Leute und edler Charaktere gemacht zu haben, vollführte nun seinerseits Zäpfel Kern eine höfliche Verbeugung, indem er sein Zuckertütenhütchen gar zierlich schwenkte, und sprach: »Da Sie mich schon kennen, so brauche ich mich Ihnen nicht erst vorzustellen, doch möchte ich Ihre Offenheit über Ihre Vermögensverhältnisse mit der gleichen über die meines Papas vergelten. Auch er ist leider ein armer Mann, und wenn er, als er zum Fenster hinaussah, keinen Rock anhatte, so entsprang dies nicht einer Laune, sondern dem Umstand, daß er keinen besitzt. Ich aber, wie Sie bereits wissen, bin im Besitz eines kleinen Kapitals, und das werde ich heute noch dazu verwenden, ihm einen Rock aus Gold und Silber zu kaufen, mit Edelsteinen als Knöpfen daran.«

»Hm?« machte der Fuchs.

»Äh?« machte die Katze.

»Ja, und sodann werde ich mir ein ABC-Buch kaufen, um mich dem Studium zu widmen.«

»Armer junger Mann!« rief der Fuchs aus, »das werden Sie bitter zu bereuen haben! Sehen Sie mich an und lassen Sie sich mein trauriges Schicksal zur Warnung dienen! Auch ich war von feuriger Liebe zum Studium erfüllt, und was war die Folge? Ich habe mich lahm studiert!«

»Und mir«, fügte die Katze hinzu, »ist das Studium nicht besser bekommen. Ich bin blind davon geworden.«

Eben wollte Zäpfel Kern fragen: »Wieso denn? Wie kann das denn sein?«, da sang eine Goldamsel, die auf einer Hecke saß:

»Zäpfel, Zäpfel, hüte dich!
Glaube ja den zweien nicht!
Jeder ist ein Bösewicht!«

Kaum aber daß die Amsel diese Warnung gesungen hatte, machte die Katze einen Satz, erwischte sie am Schwanz, biß ihr das Genick durch und fraß sie auf.

Dann putzte sie sich säuberlich das Maul, leckte noch den Schnurrbart ab und sagte: »Es geht doch nichts über eine fette Amsel!«

Zäpfel aber, ärgerlich über diese Roheit, sagte. »Madame Miaula, ich finde das nicht sehr weiblich, was Sie eben getan haben!«

Die Gräfin auf und zu Dachhausen aber antwortete heuchlerisch: »Gott weiß, wie ungern ich diese schwere Pflicht erfüllt habe, aber ich mußte diesem vorwitzigen Wesen eine Lehre erteilen. Diese Vögel glauben wahrhaftig, sie dürfen ihre Schnäbel in alles stecken.«

»Und überdies war diese fette Amsel eine gemeine Verleumderin«, fügte der Baron mit den sechs Vornamen hinzu. »Aus lauter Ekel darüber habe ich mich nicht an der Mahlzeit beteiligt.« Bei diesen Worten sah er Frau Miaula böse an. »Damit Sie, mein junger Freund, aber einen Beweis erhalten für das uneigennützige Interesse, das ich an Ihnen nehme, will ich Ihnen einen Rat erteilen, wie Sie aus Ihren hundert Mark tausend, zehn-, ja hunderttausend Mark machen können.«

»Dafür wäre ich Ihnen wirklich sehr verbunden«, sagte Zäpfel und spitzte die Ohren voller Neugierde. »Was muß ich denn dazu tun?«

»Daß Sie, statt nach Hause, mit uns gehen«, erwiderte der Fuchs.

»Und wohin?«

»Ins Schlaraffenland«, antwortete der Fuchs.

»Oh, da ist's fein!« lispelte die Katze.

Zäpfel Kern überlegte ein Weilchen, dann gab er sich einen Ruck und sagte: »Nein! Es geht nicht! Ich muß nach Hause. Das Geld gehört ja doch meinem Papa! Und ich hab' versprochen, brav zu sein, und ich will brav sein und nichts als lernen, lernen, lernen, und wenn ich gleich lahm und blind davon werde!«

»Wie du willst«, sagte der Fuchs. »Wenn dir hundert Mark lieber sind als tausend...?«

»Und zehntausend...?« sagte die Katze.

»Und hunderttausend...?« sagte der Fuchs.

Bei jeder dieser Zahlen hatte Zäpfel Kern das Gefühl, als gebe ihm jemand einen kleinen Stoß, einen freundschaftlichen Rippenstoß, der da bedeutete: So geh doch! Vor dir liegt alles, was du haben willst! Sei nicht dumm! Geh! Mach!

Und Zäpfel Kern fragte: »Wie geht das denn aber zu mit dem Geld?«

»Sehr einfach«, antwortete der Fuchs, und seine grauen Augen kriegten einen rötlichen Schein. »Sehr einfach! Im Schlaraffenland ist ein Feld, das mit guten Vorsitzen gedüngt ist. Wenn du dort deine fünf Zwanzigmarkstücke in die Erde steckst, wie der Gärtner mit Kernen tut, woraus Bäume werden sollen, und gießest eine Handvoll Wasser auf jedes Stück und tust dann Erde darüber, und auf die Erde streust du Salz und sagst dazu, indem du mit dem Kopf wackelst:

Erde und Salz!
Wasser und Schmalz!
Pinkus!
Gold und Quark!
Hunderttausend Mark!
Pinkus!

dann kannst du ruhig ins Bett gehen und schlafen, und am nächsten Morgen ist aus jedem Zwanzigmarkstück ein Baum gewachsen, hoch, breit wie ein alter Walnußbaum, und an dem Baum hängen tausend und tausend Nüsse, und in jeder Nuß ist ein Zwanzigmarkstück. Du brauchst bloß zu schütteln, und sie fallen herunter.«

»Wobei du dich nur zu hüten hast«, bemerkte die Katze, »daß sie dir nicht etwa auf den Kopf fallen, denn das gibt Löcher.«

»Und du mußt natürlich für Säcke sorgen, in die du die Zwanzigmarkstücknüsse steckst«, fügte der Fuchs hinzu.

»Und für Wagen, die Säcke draufzuladen«, sagte die Katze.

»Und für Ochsen, die Wagen zu ziehen«, sagte der Fuchs.

»Denn hunderttausend Mark sind ein schweres Stück Geld«, sagten beide zugleich.

Unserm Kasperle wurde schwindlig in seinem Kopf aus Tannenholz. Er sah Wagen auf Wagen von Gold hintereinander herfahren, einen unabsehbaren Zug, und die Ochsen keuchten, und die Kutscher knallten mit den Peitschen, und auf dem dicksten Geldsack saß er selber und schrie: »Hü! hü! hü! Nach Hause! Nach Hause! Mit hunderttausend Mark!« –

Und er rief: »Führt mich ins Schlaraffenland! Schnell! schnell! schnell!«

Also: sie gingen. Rechts der Fuchs, links die Katze, in der Mitte Zäpfel Kern. Die Gegend war wüst und leer; kein Haus, keine Hütte – nichts.

»Ich finde die Landschaft nicht sehr anmutig«, bemerkte Zäpfel.

»Um so schöner ist's im Schlaraffenland«, tröstete der Fuchs.

»Wo die schönen Zwanzigmarknußbäume gedeihen«, miaute die Katze.

»Werden wir noch vor Abend dort sein?« fragte das Kasperle.

»Das ist unmöglich«, antwortete der rote Baron, »wir müssen vorher einkehren, uns etwas zu erfrischen.«

»Wir kennen ein ausgezeichnetes Wirtshaus in der Gegend, wo wir schon oft eingekehrt sind«, fügte Madame Miaula hinzu, »es heißt: ›Zum gespickten Heupferd‹. Man speist ausgezeichnet dort, wie schon der Name andeutet.«

»Und auch die Betten sind gut«, sagte der Fuchs.

»Wollen wir denn da übernachten?« fragte Zäpfel, der am liebsten ohne Pause ins Schlaraffenland gewandert wäre.

»Freilich«, antwortete die Katze, »sonst sind wir müde, wenn wir im Schlaraffenland ankommen, und Sie haben ja eine Arbeit vor sich.«

Gegen Abend kamen sie richtig an das Wirtshaus, das ein gespicktes Heupferd im Schild führte.

Nach einem reichlichen Mahl wurde Zäpfel um Mitternacht vom Hausknecht geweckt. Seine Gefährten hatten ihn wegen angeblich dringender Geschäfte verlassen, so bezahlte er die gesalzene Rechnung und machte sich auf – durch den finsteren Wald – nach dem Feld der guten Vorsätze.

Plötzlich raschelte es hinter ihm im Gebüsch, Zäpfel fuhr schlotternd zusammen, drehte sich um und gewahrte trotz der Dunkelheit zwei Figuren, die noch schwärzer waren als die Nacht. Die Angst gab seinen Augen Kraft, die Finsternis zu durchdringen, und er sah, daß es zwei in Kohlensäcke vermummte Gestalten waren, die sich die Gesichter schwarz angestrichen hatten. Schlau, wie Zäpfel war, brachte er zuerst seine ihm übriggebliebenen zwei Zwanzigmarkstücke in Sicherheit: unter die Zunge. Dann setzte er zu einem Seitensprung ins Gebüsch an, um zu entfliehen.

Zu spät! Er fühlte sich an einem Arm gepackt und hörte zwei furchtbare Stimmen dicht an seinem Ohr: »Das Geld oder das Leben!«

Da Zäpfel Kern wegen der beiden Goldstücke unter der Zunge nicht redete konnte, kehrte er seine Hosentaschen um, um zu zeigen, daß er kein Geld hätte.

Die beiden Räuber aber riefen: »Wird's bald!? Wo hast du das Geld?«

Zäpfel fuhr mit den Armen in der Luft herum, zuckte mit den Achseln, schüttelte mit dem Kopf und wollte mit allem nochmals beteuern, er habe kein Geld.

Da schrie der größere der beiden Räuber. »Gibst du nicht augenblicklich dein Geld her, so bist du ein Kind des Todes!« Und der kleinere wiederholte: »Des Todes!« Und wiederum der größere: »Erst schlachten wir dich, dann deinen Vater!«

Und im Echo der kleinere: »Deinen Vater!«

Da konnte Zäpfel Kern nicht an sich halten und wimmerte: »Nein! nein! nein! Nur meinen guten Papa nicht!«

Durch das Sprechen klimperten aber die Goldstücke aneinander, und nun hatten es die Räuber heraus, wo das schlaue Zäpfele seine Sparbüchse hatte. »Ha«, schrien sie, »seht doch den Schurken! Hat Gold im Munde, wie die Morgenstunde.«

Und der größere rief: »Spuck es aus auf der Stelle!« Und der kleinere schrie: »Spuck!«

Wer aber nicht spuckte, war unser Kasperle.

»Du willst also nicht?« sagte der größere. »So wirst du müssen!«

»Müssen!« wiederholte der kleinere.

Und nun versuchten sie, Zäpfel Kerns Sparbüchse zu öffnen. Der eine stemmte ein Knie gegen die Nase und suchte sie so nach oben zu drücken. Der andere hing sich an den Unterkiefer und wollte ihn so nach unten zerren. Ein angenehmes Gefühl war es nicht, aber Zäpfel ließ nicht locker.

»Also müssen wir den Geldschrank mit dem Stemmeisen öffnen«, rief der größere. »Ich werde ihm das Maul aufstemmen, und du fährst dann fix hinein und holst das Geld heraus.«

Das mit dem Stemmeisen ging nach Wunsch. Zäpfel Kern mußte den Mund öffnen, als ihm mit wuchtigen Hammerschlägen ein Stemmeisen zwischen die Lippen und gegen die Zähne getrieben wurde. Als aber der andere mit der Hand hineinfuhr, biß er zu wie ein Nußknacker und: tschig! – hatte er einen abgebissenen Finger im Mund.

Einen Finger? Nein, es war eine Katzenpfote.

Zäpfel Kern hatte indessen keine Zeit, sich über dieses Wunder Gedanken zu machen. Er benutzte das kreischende Zurückfahren des kleineren der Räuber dazu, dem größeren einen Stoß gegen die Brust zu geben, und sprang davon.

Hei, wie er sprang! Da zeigte es sich, wie gut Meister Zorntiegel die Gelenke ineinandergefügt hatte.

Es war eine rasende Jagd durch die Finsternis. Zum Glück kam Zäpfel bald auf freies Feld, und nun sauste er erst recht wie der Wind dahin über die Furchen eines Kartoffelackers, setzte jetzt über einen Zaun, nun über eine Hecke, klapp – klapp – klapp den steinigen Berg hinauf, jupp, den Berg wieder hinab und huisassa über eine Wiese hin. Aber jetzt nach drei Meilen wurde er müde, und der Atem ging ihm aus. Auch bemerkte er einen brenzligen Geruch von seinen Fuß- und Beingelenken her, die sich wie die Achsen eines Wagens heißgelaufen hatten und notwendig etwas Öl oder Schmierfett benötigten. Und dabei kamen seine Verfolger näher und näher, der größere voran, der kleinere wegen seiner Wunde hintendrein.

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