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Zäpfel Kerns Abenteuer

Otto Julius Bierbaum: Zäpfel Kerns Abenteuer - Kapitel 11
Quellenangabe
typefairy
booktitleZäpfel Kerns Abenteuer
authorOtto Julius Bierbaum
year1966
publisherHamburger Lesehefte Verlag
addressHamburg
isbn3-87291-106-6
titleZäpfel Kerns Abenteuer
pages1-9
created19991002
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Doktor Schlaumeier, nicht mehr so lustig angezogen wie früher, trat ein und knallte heftig mit einer langen Peitsche. Dann sprach er: »So! Nun sind wir soweit! Nun seid ihr reif! Marsch hinaus und über die Hintertreppe hinunter auf den Markt!«

Spinnifax und Zäpfel Kern, störrisch, wie Esel nun einmal sind, klemmten die Schweife zwischen die Beine und rührten sich nicht.

»Ihr wollt nicht?« brummte Doktor Schlaumeier, »das hab ich mir gedacht! Freilich, wenn man ein König ist und ein Reichskanzler! Hahahaha! Aber vielleicht geht's, wenn ich Seiner Majestät einen Fußtritt gebe und Seiner Durchlaucht einen saftigen Peitschenhieb über die Ohren.« Kaum gesagt, so auch schon getan.

Au! wollte Zäpfel Kern schreien, aber es kam nur ein schreckliches Eselsgebrüll aus seinem Mund, – ich wollte sagen seiner Schnauze. Dann setzten sie sich in Trab, nicht ohne wehmütig die noch nicht zu Eseln gewordenen Jungen ihre Spiele treiben zu sehen.

Aber Doktor Schlaumeier tröstete sie: »Denen geht's allen einmal so wie euch. Jeder Faulpelz kriegt einen Eselspelz. Es gibt kein besseres Geschäft als meines.« Und er trieb sie über die Grenze von Spielimmerland zum Eselsmarkt.

Spinnifax wurde von einem Müller gekauft, dem sein Mehlsackesel gestorben war, aber für Zäpfel Kern fand sich ein Käufer in der Person eines Zirkusdirektors. Der warf ihm ein Seil um den Hals und schleppte ihn in die Stadt.

Nun mußte Zäpfel durch eine harte Dressur-Schule gehen. Als er erstmals öffentlich auftreten sollte, versuchte er, sich zu befreien. Dabei brach er sich die Hinterbeine und wurde an den Schinder verkauft. Als der ihn ersäufen wollte, um das Fell zu erlangen, wurde er wieder in seine alte Kasperlegestalt verwandelt und schwamm hinaus aufs Meer. Plötzlich wurde es dunkel um ihn:

Ein Walfisch hatte ihn verschlungen.

»Was ist denn das?« schrie Zäpfel Kern. »Gibt's denn hier keine Straßenbeleuchtung? Wo dreht man denn hier das elektrische Licht an?«

»Oh! Oh! Oh! Rrrr!« knurrte etwas in der Nähe, das an ihn anstieß.

»Bitte, schubsen Sie nicht, Herr Rrrr! Stellen Sie sich lieber vor«, sagte das Kasperle.

»Mein Name ist Knurrhahn, Seefisch und Bauchredner«, knurrte die Stimme. »Sie sind offenbar fremd hier, sonst hätten Sie mich an meinem Organ erkannt. Auch scheinen Sie nicht zu wissen, was Ihnen bevorsteht, sonst würden Sie nicht nach Licht verlangt haben. Seien Sie froh, daß Sie im Dunkeln verdaut werden.«

»Verdaut? Wieso?«

»Ja, glauben Sie denn, der Walfisch hat uns verschluckt, bloß damit wir in seinem Maul spazierenschwimmen? Mit seinem nächsten Atemzug saugt er uns in seinen Magen, und dann Prosit Mahlzeit – für ihn! Wir werden dann keine Gelegenheit mehr bekommen, zu Mittag zu essen, wir werden uns in seinem Magensaft auflösen. Höchst unangenehm das!«

»Das wollen wir erst mal sehen, ob er Tannenholz verdauen kann!« bemerkte Zäpfel Kern. »Aber was Sie betrifft, Herr Knurrhahn, so sollten Sie froh sein, in den Bauch eines Walfisches zu kommen, wo Sie Gelegenheit haben, sich nun in doppeltem Sinn als Bauchredner zu produzieren.«

»Sie sind ein frivoler Geselle«, knurrte der Knurrhahn und schoß in eine andere Straße des Walfischmaules, das heißt, er bog um den nächsten Zahn des Ungetüms.

Zäpfel Kern aber kletterte an einem hohlen Zahn in die Höhe, der ihm hoch wie ein Kirchturm zu sein schien, und er setzte sich an den Rand dieses Kraters, denn es war ein wahrer Kraterschlund, der die Höhlung dieses Zahnes bildete.

»Zahnärzte scheint es hier auch nicht zu geben«, sagte Zäpfel Kern vor sich hin, »sonst hätte sich das Seeungeheuer wohl diesen hohlen Zahn plombieren lassen.«

In diesem Augenblick ertönte aus der Tiefe des hohlen Walfischzahnes eine Stimme. Es war der Leibdelphin der Fee Dschemma, der also sprach:

»Es ist doch unglaublich! Statt vor Angst zu sterben, machst du faule Witze!«

»Grüß Gott!« rief Zäpfel in den Abgrund hinab. »Ich wußt' es ja, daß ich hier Bekannte treffen würde. – Aber du irrst dich, wenn du meinst, daß mir vergnügt zumute ist. Weißt du, ich tu' bloß so, als wäre ich lustig. Soll ich etwa weinen und heulen? Scheußlich genug ist es ja hier, und wenn ich an den Magensaft denke, in dem ich mich auflösen soll, wird mir übel, aber was ein richtiges Kasperle ist, das stellt sich wenigstens fidel, wenn es auch nicht fidel ist, und dann, – siehst du: im Vergleich zu meiner Verbannung in die Eselshaut ist es hier im Grunde ganz erträglich. – Die Hauptsache aber ist: ich bin voll Vertrauen auf die Hilfe unserer guten Frau Dschemma! Ich weiß es ganz gewiß, sie verläßt mich nicht.«

»Das ist ein gutes Wort, mein Junge!« rief der Delphin aus, »und zur Belohnung dafür will ich dir etwas Schönes sagen. Ja, Zäpfel Kern, unsere liebe Frau Dschemma will dich nicht verlassen, doch mußt du dich erst als einen tapferen Burschen beweisen. Wisse: dies ist der Walfisch, der Meister Zorntiegel verschlungen hat, und heute, jetzt noch lebt der gute Alte im Innern dieses Ungetüms. Willst du ihn retten?«

»So wahr ich ihn und Frau Dschemma von Herzen liebe!«

»Sehr schön, mein Junge, aber bedenke wohl: es kann dich dein Leben kosten!«

»Von wem habe ich denn mein Leben, wenn nicht von meinem großen Meister Zorntiegel? Gerne setze ich es aufs Spiel für ihn.«

»Sehr löblich, liebes Kasperle. Aber ich darf es dir nicht verhehlen: es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß du mit dem Leben davonkommst, wenn du dich dorthin wagst, wo er jetzt ist. Dagegen kannst du augenblicklich die Freiheit gewinnen, wenn du darauf verzichtest, ihn retten zu wollen. Du brauchst dich nur auf meinen Rücken zu setzen, und ich schwimme mit dir hinaus aus dem Rachen des Untiers ins Meer und bringe dich zur Insel Goldboden.«

»Pfui! Wie kannst du mir so etwas anbieten! Das hat dir unsre gute und schöne Herrin gewiß nicht aufgetragen! Nein! Lieber mit meinem Meister tot, als ohne ihn lebendig!«

Wie das Frau Dschemmas Leibdelphin hörte, peitschte er so vergnügt in dem hohlen Zahn des Walfisches herum, daß der ganz locker wurde; dann rief er aus: »Glück auf den Weg! Gleich wird der Augenblick kommen, wo der Walfisch das Wasser einzieht, um die Tausende von Fischen in seinen Magen zu befördern, die jetzt mit uns in seinem Maul sind. Du könntest dich retten, indem du zu mir in die Zahnhöhlung sprängest; so aber, da du ein tapferer Junge bist, machst du, wenn das große Rasseln des Einatmens ertönt, einen Hechtsprung kopfüber in die Strömung und läßt dich mit in das Innere des Ungeheuers saugen. Vielleicht ist es dir bestimmt, dort mit den Fischen zugleich zu verderben. Dann bist du als Held gestorben, Zäpfel Kern! Vielleicht aber gelingt es dir, ein kleines Licht zu erblicken. Auf dies schwimm mutig los! Du wirst dann ein Schiebefenster sehen. Dies schieb in die Höhe und kriech in die Öffnung hinein! Mehr kann ich dir nicht sagen. Behüt' dich Gott, mein tapferer Bursch! Ich hoffe, daß wir uns wiedersehen!« Kaum hatte der Delphin seine Rede beendet, da kündete auch schon ein furchtbares Gurgeln und Rasseln an, daß der Walfisch das Geschäft des Einatmens begann. Sofort stürzte sich Zäpfel Kern vom Rand des Zahnes in die Strömung, von der er sich augenblicklich, umdrängt von einer ungeheuren Anzahl zappelnder Fische, rasend schnell fortgezogen fühlte, einer noch dunkleren Höhlung zu, die sich immer mehr und mehr verengte, bis es so enge wurde, daß Zäpfel zu ersticken glaubte. Denn er wurde jetzt mit den ihm zunächst befindlichen Fischen zu einer Masse zusammengequetscht. Indessen, während die Fische, deren weiches Fleisch keinen Widerstand leisten konnte, dabei zugrunde gingen, gelangte Zäpfel Kern dank seiner tannenholzenen Leiblichkeit glücklich durch die Schlundenge des Walfisches in den Walfischbauch und: Hurra! sofort sah er in dessen Hintergrund das gemeldete Lichtchen flimmern. Mit gewaltigen Stößen seiner Arme und die Beine mit der Gewandtheit eines Frosches auseinanderschnellend schwamm er drauf zu und war in weniger als fünf Minuten bei dem Fensterchen angelangt, das er sofort in die Höhe schob, um dann sogleich durch die Fensteröffnung in den Raum zu kriechen, den jenes Lichtchen spärlich genug erleuchtete. Ah, wie herrlich! in diesem Raum war es trocken. Schleunigst ließ Zäpfel Kern das Schiebefenster wieder fallen und sprang auf den Boden. Merkwürdig: es war hölzerner Boden!

Aber Zäpfel Kern hatte keine Zeit, sich zu wundern. Jetzt mußte er zuerst dem guten Zorntiegel um den Hals fallen.

Ach, wie sah der aus! Ein unendlich langer Bart wallte an ihm herab, und selbst die gelbe Nudelhaarperücke war weiß geworden.

So saß er hinter einem brennenden Licht an einem kleinen Tisch und las die Bibel. Fast wäre er vor glückseligem Entzücken gestorben, als sich sein Zäpfele an ihn hängte und dann vor ihn hinkniete und sprach: »Verzeih! Ich habe so unrecht an dir gehandelt, und meine Schuld ist es, daß deine Haare weiß geworden sind.«

Aber Meister Zorntiegel beugte sich über ihn, gab ihm einen langen Kuß auf die Stirn und einen längeren auf den Mund und sprach: »Du bist da, und so ist alles gut und alles verziehen. – Ach, mein Zäpfele, wie glücklich bin ich, daß meine alten Augen dich noch einmal sehen, ehe sie sich für immer schließen. Denn nun muß bald gestorben sein.«

»Nicht doch, Meister! Nicht gestorben!« rief Zäpfel aus. »Ich bin gekommen, dich zu retten!«

Aber Meister Zorntiegel schüttelte den Kopf: »Nein, es ist zu spät, und fast reut mich meine Freude, dich wiedergesehen zu haben, denn nun mußt du ja mit mir sterben. Denn es ist kein Ausweg von hier, und alle Vorräte sind aufgezehrt.«

»Wo man hereinkommt, kommt man auch hinaus«, sprach Zäpfel Kern. »Aber du sagtest: Vorräte. Hat der Walfisch eine Vorratskammer im Bauch?«

»Das nicht«, sagte Meister Zorntiegel, »aber ich habe in meinem Unglück ein wunderbares Glück gehabt, dem allein ich es verdanke, daß ich heute noch lebe. Denn, denke doch: ich bin ja seit einem Jahr im Bauch dieses Fisches.«

»Ja richtig, wie war denn das nur möglich?« rief Zäpfel aus und sah sich um.

»Was du hier siehst, mein Zäpfele«, begann Meister Zorntiegel langsam zu erzählen, »ist nicht das Innere eines Fisches, sondern das Innere der Kajüte eines Kriegsschiffes, das unser Gastwirt, denn so möchte ich den Walfisch nennen, gleichzeitig mit mir verschlungen hat. Ein glücklicher Zufall wollte es, daß bei diesem schrecklichen Verschlungenwerden mein armseliges Kähnchen im Tauwerk des großen Schiffes hängenblieb, und zwar just an einer Luke, die ich sogleich verschloß. Was aus der Bemannung des Schiffes geworden ist, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß ich alle Fenster und Türen fest verschlossen hielt und so verhinderte, daß Wasser zu mir gelangen konnte. Dort die Tür hinter dir führt in die Vorratskammer des Schiffes, die Tür aber da vor uns führt zu einem Panzerturm mit einer Riesenkanone. Nun, mit der Kanone konnte ich nichts anfangen, aber die Vorratskammer war meine Rettung, denn sie war voll von Konserven, Schiffszwieback, Wein und auch versehen mit Lichtern und Zündhölzern. Und was nicht weniger als Glück zu preisen ist: auch diese Bibel fand sich dort und allerlei Handwerkszeug. So brauchte auch meine Seele nicht zu hungern, und auch meine Hände konnten sich beschäftigen. – Weißt du, was ich zuerst gemacht habe?«

»Nun, was denn?« fragte Zäpfel Kern neugierig.

»Einen Anzug für dich«, antwortete Meister Zorntiegel.

»Famos! Famos!« rief Zäpfel aus, »den kann ich brauchen, denn ich bin, wie du siehst, fiserfasernackt. Hurra! Hurra! Gleich zieh' ich einen schönen Kasperleanzug an!«

Und dann erzählte Zäpfel Kern, während er sich anzog, seine ganzen Erlebnisse.

Aufmerksam hörte der Alte zu, dann sprach er: »Wunderbar hat dich Gott durch seine Fee, die gute Frau Dschemma, geleitet, die ja auch ich kennenlernen durfte. Nun aber, lieber Zäpfele, werden wir uns wohl an den Gedanken gewöhnen müssen, daß das Ende nahe ist. Du ja könntest vielleicht aus dieser Finsternis, wo wir nicht bleiben können, weil ich alles aufgezehrt habe, wieder ans Licht gelangen, obwohl ich das nicht zu glauben wage, aber ich – ich bin zu alt und zu schwach.«

»Nichts da!« rief Zäpfel aus. »Du wirst gerettet, und heute noch! Ist Pulver bei der Kanone?«

»Was meinst du?«

»Pulver! Zum Schießen!«

»Gewiß! Eine ganze Kammer voll!«

»Und auch Geschosse?«

»Freilich! Ungeheuer große Zuckerhüte aus Stahl.«

»Na also. Dann schießen wir ein Loch durch unseren Gastwirt. Dann nehme ich dich auf meinen Buckel und schwimme mit dir ans Land.«

Meister Zorntiegel schüttelte den Kopf: »Du bist wahrhaftig ein echtes Kasperle, denn du hast Phantasie. Das aber, fürcht' ich, wird doch nicht gehen.«

Aber es ging! Zäpfel Kern lud eine Kanone mit dem größten Stahlzuckerhut, schoß los und, pitsch! bum! Krach! sauste der Zuckerhut durch den Leib des Walfisches.

Durch das so entstandene Loch aber sprang Zäpfel Kern ins Meer, seinen guten Meister auf dem Rücken tragend.

Draußen waren sie nun also, aber in Sicherheit deswegen lange noch nicht, und es wäre ihnen vielleicht doch noch übel ergangen, wenn nicht wieder zur rechten Zeit der gute Delphin aufgetaucht wäre, der gerade in dem Augenblick den Rachen des Walfisches verlassen hatte, als dieser, durch das Loch in seiner Seite wild geworden, höchst ärgerlich seinen Rachen aufriß und brüllte: »Was ist denn das für ein niederträchtiger Unfug? Hier zieht es ja!«

Hätte jetzt der Delphin unsere beiden Freunde nicht auf seinen Rücken genommen, so wären sie wahrscheinlich in dem fürchterlichen Aufruhr zugrunde gegangen, den das ungeheure, wütende Tier durch seine heftigen Bewegungen im Wasser verursachte. Auf dem Rücken des Delphins aber gelangten sie, wenn auch erst nach vielen Stunden und einigen Anfällen von Seekrankheit des guten Alten, glücklich ans Land, und es versteht sich von selbst, daß sie ihrem lebendigen Wasserautomobil den herzlichsten Dank aussprachen. Zäpfel gab dem Delphin sogar einen kräftigen und, wie man sich denken kann, saftigen Schmatz, obwohl das gute Schuppentier etwas tranig aus dem Schlund roch.

Dann wanderten die beiden tapfer drauflos ins Land hinein, wobei Zäpfel unausgesetzt darauf bedacht war, dem Alten das Gehen zu erleichtern.

So mochten sie etwa eine Stunde Weges hinter sich haben, als sie zwei elende Gestalten am Wege stehen sahen, die bettelnd die Hüte hinhielten und murmelten: »Ein Almosen, liebe Herren, bitte, bitte ein Almosen für einen alten lahmen Mann und eine alte blinde Frau.«

»Euch kenne ich doch?!« sagte Zäpfel Kern. »Du bist der nichtswürdige Fuchs, der mich bestohlen hat, und du die nicht weniger nichtswürdige Katze, die ihm dabei half. Es scheint also, das Sprichwort ist wahr: ›Unrecht' Gut gedeiht nicht‹, und ›Wer anderen hat einen Rock genommen, ist meist ohne Hemde umgekommen‹.«

»Es ist nur zu wahr«, antwortete der Fuchs.

»Nur zu wahr«, wiederholte die Katze.

»Und nicht nur, daß wir alles verloren haben, was wir dir und anderen stahlen, ich bin auch für meine Verstellung bestraft und wirklich lahmgebissen worden von einem schrecklichen Fanghund«, fügte der Fuchs hinzu. »Und ich«, jammerte die Katze, »wurde vor lauter Sotun in der Tat auch wirklich blind.«

»Das kommt davon«, meinte Zäpfel Kern. »Leid tut mir's ja, aber ich kann weder dir das Hinken noch dir das Blindsein wegkurieren. Ich habe jetzt mit meinem guten alten Meister zu tun, der mehr Anspruch auf meine Hilfe hat als ihr zwei Schufte. Euch kann ich nichts geben als den guten Rat: Packt euch weg und schert euch nach Hurrasien, wo man aus Räubern große Herren macht.«

»Ja, so lange einer Kraft hat zu rauben. Wir aber sind dort ausgewiesen worden, weil wir jetzt gebrechlich sind«, antworteten die zwei. »Bitte, bitte hilf uns doch! Nimm uns zu deinen Dienern an, wenn du sonst nichts für uns tun kannst. Wir wollen dir gewiß treu ergeben sein.«

Fast hätte ihnen Zäpfel Kern geglaubt, aber indem er sich alles überlegte, wie sich die beiden ihm gegenüber benommen hatten, mußte er doch zu der Überzeugung kommen, daß an ihnen Hopfen und Malz verloren war, und er sprach: »Wenn ich ein großer Herr wäre, dem's nicht darauf ankommt, vorn und hinten bestohlen und betrogen zu werden, würde ich tun, was ihr von mir möchtet; schon, damit ihr seht, daß ich nicht rachsüchtig bin. Aber so: Nein! Ich kann mir den Luxus nicht leisten, Diebe als Diener zu nehmen. Fahrt ab, ihr Schufte! Zäpfel Kern ist klug geworden!«

Und die beiden drückten sich, indem sie murmelten: »Der ist wahrhaftig gescheit geworden!«

Meister Zorntiegel gab seinem Kasperle ganz recht: »Mitleid«, sprach er, »ist eine Tugend, aber es kann auch eine Dummheit sein und ein Unrecht an solchen, die es wirklich bedürfen. Wenn du einen andern im Elend siehst, und du kannst ihm helfen, so tu es, auch wenn er möglicherweise deiner Hilfe nicht würdig ist. Indessen, wenn du ganz genau weißt, er ist ein Schurke, so heb deine Hilfe lieber für andere auf, die nicht jeden Augenblick bereit sind, sich selbst durch Schurkereien zu helfen.«

Zäpfel Kern aber sorgte fortan auf das beste für den armen Zorntiegel und zeigte zu dessen großer Freude, daß er die Lehren, die das Schicksal ihm so bitter erteilt hatte, endlich auch beherzigen wollte. Auch Frau Dschemma war mit ihm zufrieden. Ehe sie ihn verließ, erlaubte sie ihm, durch sein ferneres Leben allen Kindern ein Vorbild zu sein, wie ja seine Abenteuer eine deutliche Warnung enthalten.

Ob ihr sie wohl verstanden habt?

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