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Zäpfel Kerns Abenteuer

Otto Julius Bierbaum: Zäpfel Kerns Abenteuer - Kapitel 10
Quellenangabe
typefairy
booktitleZäpfel Kerns Abenteuer
authorOtto Julius Bierbaum
year1966
publisherHamburger Lesehefte Verlag
addressHamburg
isbn3-87291-106-6
titleZäpfel Kerns Abenteuer
pages1-9
created19991002
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Er bekam eines in den Mund gesteckt, und dann antwortete Frau Dschemma: »Es ist alles wieder in schönster Ordnung, mein liebes Zäpfele. Das Schloß steht wieder, wie früher, weiß und leuchtend im Wald, bewacht von General Bumbautz mit seiner Dackelarmee, umschwirrt von den Tauben und fleißig inspiziert von Löcklich und seinen beiden Söhnen. Ich ließ es nur verschwinden, um dir einen gehörigen Schrecken einzujagen für dein Weglaufen. Auch wollte ich erst sehen, wie du dich bei der Nachricht von dem Unternehmen deines Meisters betragen würdest. Nun: da hast du dich recht wacker als ein guter und tapferer Junge benommen, und deshalb bin ich dir gefolgt, nur begleitet von meinem Lieblingstäubchen, das ich zu einem Fräulein Täubele gemacht habe. Nur das Kröpfchen und den wackelnden Taubengang habe ich ihr nicht wegzaubern können.«

»Gurr! Gurr!« bemerkte hierzu Fräulein Täubele, »das hätte mir auch sehr leid getan, denn es gibt nichts Niedlicheres als einen kleinen Kropf und nichts Graziöseres als meinen Gang!«

Frau Dschemma aber fuhr fort: »Natürlich kann ich hier, wo alles fleißig ist, nicht als Fee leben. Das würde bei den braven Einwohnern der Insel Goldboden Ärgernis erregen. Deshalb lebe ich hier als Gold- und Silberstickerin und arbeite allerhand schöne Sachen zum Verkauf. Wenn du, wie ich hoffe, hier recht fleißig und folgsam sein wirst, sticke ich dir eine goldene Kasperlemütze und eine silberne Schultasche.«

»Schultasche?« wiederholte argwöhnisch Zäpfel Kern.

»Du gehst doch natürlich gleich morgen in die Schule!« sagte Frau Dschemma, als wäre das etwas ganz Selbstverständliches.

Zäpfel Kern aber hatte allerlei Bedenken.

»Ich bin doch jetzt eigentlich zu alt dazu«, meinte er, »zu erfahren, zu weit gereist.«

»Aber kannst trotzdem noch nicht einmal lesen und schreiben!« entgegnete Frau Dschemma. »Erinnere dich an das, was du vor dem Wegweiser dachtest! – Und überdies: Bin ich jetzt nicht dein Mütterchen? Hast du nicht Mama zu mir gesagt? Und muß ein gutes Kind nicht seiner Mama folgen?«

Da warf Zäpfel Kern alle seine dummen Einwendungen in den Wind, flog seinem Mütterchen an den Hals und rief: »Ja, Mama, ja, mein gutes, schönes, liebes Mamachen! morgen geh' ich in die Schule!«

Und er ging zur Schule, aber die guten Vorsätze hielten nicht lange stand: Spinnifax, ein Mitschüler, erzählte ihm von dem Verein ›Auskneifia‹ und dem ›Spielimmerland‹, in das man mit Hilfe des freundlichen Doktors Schlaumeier gelangen konnte, Die beiden Bürschchen verabredeten sich und eilten heimlich zu dem Treffpunkt, wo sie auch bald mit einer von Eseln gezogenen Kutsche abgeholt wurden. Unterwegs erklärte Doktor Schlaumeier dem Kasperle die Gegend:

»Sieh dich um! Was da im Mondschein rechts und links glänzt, ist das Meer. Wir sind auf der großen Brücke, die von der Insel Goldboden nach dem Land der Wanstphalen führt.«

»Ach ja!« rief Zäpfel Kern, froh, seine Weisheit zu zeigen, »mit der Hauptstadt Münster!«

»Nicht doch! Nicht Westfalen, sondern Wanstphalen. Das ist das Land der Dickwänste, die nichts tun, als Knödel essen und dickes braunes Bier trinken. Glückliche Leute, kluge Leute. Nicht so dumm wie die Bewohner von Goldboden. Wir werden durch alle Städte dieses gesegneten Landes kommen, denn es liegt vor Spielimmerland. Die beiden Länder gehören gewissermaßen zusammen, denn, wenn die Kinder in Spielimmerland groß und des Spielens müde werden, so ziehen sie nach Wanstphalen und setzen sich bei Knödel und Bier zur Ruhe, fürderhin nichts weiter treibend als die Pflege ihrer Bäuche, die denn auch, wie du sehen wirst, bei der ausgezeichneten Kost und dem Fehlen jeglicher Arbeit und Sorge herrliche Ausdehnung annehmen. Der erste Ort, durch den wir kommen werden, heißt Wansten. Dort sind die Bäuche noch kümmerlich. Es genügt, Reifen um sie zu schlagen und zu ihrer Stütze kleine eiserne Streben an den Füßen anzubringen. Aber in Wanstheim, dem nächsten Ort bereits, muß schon ein Rad unter dem Bauch anmontiert werden. In Wanstlingen zwei, in Wanstmünster drei Räder. In Wanstantinopel aber, der prächtigen Hauptstadt von Wanstphalen, sind vier Räder nötig.«

»Ist das nicht unbequem?«

»Keineswegs, denn die Räder sind mit einer elektrischen Batterie verbunden und ziehen somit Bauch und Mann ganz nach Wunsch. Es ist wie bei einem Automobil. Der betreffende Wanstphale drückt auf einen Knopf, wenn er gehen will, und sofort zieht ihn sein beräderter Bauch vorwärts, ohne daß er selbst die geringste Mühe hat. Will er dann stehenbleiben, so drückt er einfach auf einen anderen Knopf.«

»Und wenn sie schlafen wollen?«

»Ein Ruck an einem Hebel, und die Räder legen sich an die Seite des Bauches, der Bauch sinkt langsam nieder, der Wanstphale sinkt in die Knie (als ob er seinen Bauch anbetete) und legt seinen Kopf auf den Bauch wie auf das weichste Federkissen.«

»Also schlafen die Wanstphalen nicht in Häusern?«

»In Wanstphalen gibt es nur Wirtshäuser, und das sind einfach lange Hallen, in denen rechts Knödelschüsseln und links Bierfässer stehen. Dort spielt sich das ganze Leben der Wanstphalen ab, und dort schlafen sie auch.«

»Keine Theater? Keine Kirchen? Keine Geschäfte?«

»Wozu denn? Wer bloß seinen Bauch pflegt, braucht keine Theater, keine Kirchen, keine Geschäfte.«

»Und keine Gerichte? Keine Amtsgebäude?«

»Nichts Gerichte! Nichts Amtsgebäude! Die Wirtshäuser sind die Amtsgebäude. Die Wanstphalen haben einige dumme Kerle aus Goldboden angestellt, die ihnen Bier brauen und Knödel kochen. Das sind ihre einzigen Beamten.«

»Ich kann mir das aber doch eigentlich nicht nett vorstellen, immer bloß essen und trinken und seinen Bauch spazieren fahren.«

»Weil du noch zu jung und nicht weise genug bist, mein Sohn! Die Weisheit der Wanstphalen beruht auf ihrer Faulheit, und ihre Faulheit beruht darauf, daß ihr Gehirn zu Fett geworden und in den Bauch gerutscht ist. Doch, wie gesagt, um das zu begreifen, bist du noch zu jung.«

»Offen gestanden, lieber Herr Doktor, danke ich für diese Weisheit«, entgegnete Zäpfel Kern vernünftiger, als man es ihm zutrauen sollte, »denn ein Leben ohne Kopf ist gar kein Leben.«

»Abwarten, mein Junge, abwarten!«

»Und wie steht es denn mit dem Herzen bei den Wanstphalen?«

»Auch verfettet! Auch in den Bauch gerutscht!«

»Pfui Teufel!« rief Zäpfel Kern aus, »dann haben sie also nichts lieb auf der Welt?«

»Doch! Ihren Bauch!«

»Pfui Teufel noch einmal!«

»Nicht so laut! Wir werden gleich in Wanstphalen sein, und es schickt sich nicht, die Gebräuche eines Landes zu schmähen, in dem man Gast ist.«

In der Tat hatten sie jetzt, als eben die Sonne aufging, die Brücke hinter sich und kamen auf das Festland. Die übrigen Jungen wachten nun auch auf, und es wurde sofort in einer der langen Bier- und Knödelhallen von Wansten das Frühstück eingenommen, das natürlich aus Bier und Knödeln bestand.

Hier sowohl als auch in den übrigen Städten von Wanstphalen kümmerte sich übrigens kein Mensch um den Wagen der »Auskneifia«. Alle diese Bauchmenschen waren vollkommen teilnahmslos für alles und glotzten nur immerzu mit ihren kleinen blöden Augen in den aufgedunsenen öligen Gesichtern auf ihren Bauch.

Und wie die Gesichter der Menschen war die Landschaft: blöd, leer, langweilig, unschön und dumm. Den gescheitesten Eindruck machte das Rindvieh auf der Weide, und die vielen Schweine, die in dem überdies schmutzigen und ganz verwahrlosten Land herumliefen, machten einen viel klügeren Eindruck als die Bauchmenschen, denen übrigens offenbar auch die Sprache verloren gegangen war, denn sie konnten bloß wonnig grunzen, wenn sie Bier schluckten oder Knödel schlangen.

»Müssen wir noch lange durch dieses ekelhafte Land fahren?« fragte Zäpfel Kern.

»Bis gegen sechs Uhr abends, dann kommen wir an die Grenze von Spielimmerland«, antwortete der Doktor.

Und Zäpfel Kern, angewidert von diesen Bauchtieren (denn für Menschen wollte er sie nicht gelten lassen), machte die Augen zu, um nichts mehr von ihnen zu sehen. So ritt er in freiwillig gewählter Blindheit stunden-, stunden-, stundenlang auf seinem Eselchen, bis fröhliches Lachen, Singen und Jauchzen seinen Ohren verkündete, daß sie das Land der stummen und stumpfen Bauchknechte hinter sich hatten.

Er machte die Augen auf und sah mit Entzücken die Grenze von Spielimmerland vor sich.

Als Zäpfel Kern die Augen aufmachte, glaubte er zu träumen. War das Wirklichkeit? Konnte das Wirklichkeit sein?

Hinter einer Grenzschranke, die über und über mit rosa Fahnen besteckt war und an der sich eine Tafel mit der Aufschrift befand. »Erwachsenen mit Ausnahme des Herrn Doktor Schlaumeier ist der Zutritt streng verboten!«, dehnte sich ein unabsehbarer Spielplatz aus. Soweit das Auge reichte, war alles eine große Festwiese mit Tausenden von Karussells, Kasperletheatern, Schießbuden, Schaukeln, Zirkussen, Rennbahnen, Rutschbahnen, Menagerien, Affentheatern, Hundetheatern, Zaubertheatern, Panoptikums, Limonadezelten, Zuckerbäckereien, Schmalzbäckereien, Kokosnußbuden, Pfefferkuchenbuden, Spielwarenbuden –; kurzum: alles, was man sich nur denken kann an Schau- und Spielgelegenheiten, war in ungeheurer Masse da. Hunderttausende von Leierkasten, so mußte man glauben, waren es, die diesen unsäglichen lustigen Radau verübten, der die Luft mit Marsch- und Walzer- und Polkamelodien erfüllte. Aber damit noch nicht genug, hörte man unablässig Büchsen knallen, Kegelkugeln rollen, Hoch! und Hurra! und Heisasa! schreien und lachen und kreischen und Beifall rufen. Und mit diesen Tönen zogen durch die Luft höchst angenehme Düfte von Hühnerbratereien und Schmalzbäckereien und Konditoreien. Es war für die Augen, für die Ohren, für die Nasen gleichmäßig gesorgt, und Augen, Nasen und Ohren brauchten eine gute Weile, sich an diese Fülle von Darbietungen zu gewöhnen.

Das erste, was auffiel, war der Umstand, daß nur Jungen diese ungeheure Festwiese bevölkerten, Jungen zwischen sechs und zwölf Jahren. Nicht ein Mädchen war zu sehen und nicht ein Erwachsener, mit Ausnahme des Doktor Schlaumeier, der von allen Seiten mit Hurra begrüßt wurde, sich aber schnell entfernte, nachdem er die »Auskneifia« vor ein sehr hübsches, rosarot angestrichenes Haus gefahren hatte, auf dem eine Fahne mit der Aufschrift wehte: »Auskneifia Goldboden!«

Die nächsten Tage verbrachten Zäpfel Kern und Spinnifax damit, das gesamte Gebiet von Spielimmerland zu durchstreifen, weil sie sich vor allem einen Begriff des Ganzen verschaffen wollten.

Aber das war völlig unmöglich, obwohl sie sich zu diesem Zweck jeder eines der vielen Fahrräder nahmen, die überall zur freien Verfügung dastanden. Nach welcher Himmelsrichtung und wie weit sie auch radeln mochten, überall sahen sie dasselbe Bild: entweder eine riesige Vogelwiesenstadt mit Buden und Zelten oder ungeheure Spielplätze der verschiedensten Art: Zum Ballschlagen mit Hand oder Fuß; zum Rennen, Jagen, Verstecken; zum Schaukeln, Wippen, Tanzen; zum Theaterspielen, Zirkusspielen; – kurz, was es an Spielen für Jungen überhaupt nur gibt: für alles war gesorgt, für alles waren Gelegenheit und Gerät reichlich vorhanden.

Mit einem Feuereifer, wie er ihn in seinem Leben noch nicht an den Tag gelegt hatte, warf sich Zäpfel Kern in diesen lustigen, bunten, lauten Trubel, und es dauerte nicht lange, so galt er in ganz Spielimmerland als der beste Spielkamerad der ewigen Ferienkolonie. Wo er sich nur immer sehen lassen mochte, überall wurde er mit Hurra empfangen, denn überall wußte ein jeder von diesen kleinen Tagedieben, daß er der unermüdlichste Tagedieb von allen war, immer den Kopf voll von neuen Spielen, neuen Einfällen, neuen Tollheiten.

Nach einem Vierteljahr war er der unbestrittene Haupthahn von Spielimmerland, und nur der Jungenkönig stand über ihm. Aber nun kam der große Staatsfesttag der ewigen Ferienkolonie, das Preiswettrennen, bei dem es sich entscheiden sollte, ob der bisherige König auch König bleiben sollte oder von einem anderen besiegt werden würde, der dann an seiner Stelle den Thron von Spielimmerland besteigen durfte.

Natürlich gewann Zäpfel dieses Wettrennen haushoch. Er wurde nun König und ernannte Spinnifax zu seinem Reichskanzler.

Am nächsten Morgen wurde Seine Majestät Zäpfel der Erste durch die Klänge der Wachtparade geweckt, und er wollte schon seinen Kammerdiener herbeiklingeln, daß der ihn anzöge, da fiel sein Blick auf den großen Spiegel, der an der Seitenwand des königlichen Bettes angebracht war, und er ließ sogleich vor Schrecken das seidene Klingelband fallen.

An seinem Kopf war eine Veränderung vor sich gegangen, die fürchterlich war.

Man erinnert sich wohl noch, daß Meister Zorntiegel anfangs vergessen hatte, dem Kasperle ein paar Ohren anzusetzen. Das war ein Mangel gewesen, dem aber aufs anständigste abgeholfen worden war. Zäpfel Kern hatte, wie wir wissen, ein paar nette, sehr niedliche Ohren erhalten, und er war immer etwas eitel auf seine kleinen Öhrchen gewesen. Und nun, entsetzlich, erblickte er an deren Stelle zwei ungeheure haarige Ungetüme, von denen er nichts anderes sagen konnte, als daß es zwei ausgewachsene Eselsohren waren.

»Hoffentlich träume ich das bloß«, sagte Zäpfel zu sich selber, »ich habe zu viel Krönungsbier getrunken, und die Folge davon ist, daß ich so abgeschmackt träume!« Und er kniff sich in die Ohren, um zu sehen, ob er wirklich wach wäre. Hilf Himmel! wirklich! es tat weh! Er träumte also nicht!

Sein Schreck war furchtbar. Ein König mit Eselsohren! Das war ja ganz unmöglich! Was tun!? Was tun!?

»Ah! Ich werde meinen Leibarzt rufen! Er soll sie mir abschneiden!« Und er rief zur Tür hinaus, ohne sie zu öffnen (denn es durfte ja niemand sehen, wie entstellt er war): »Holt meinen Leibarzt!«

Eine Stimme antwortete: »Majestät geruhen zu scherzen. Wie sollte es unter uns einen Arzt geben, da es unser Stolz ist, nichts gelernt zu haben. Befehlen Eure Majestät lieber, welches Spielzeug ich bringen soll.«

»Geh zum Kuckuck mit deinem Spielzeug!« schrie Zäpfel Kern, dem jetzt eine Ahnung aufstieg, welche Folgen es hat, wenn Kinder nichts lernen wollen.

»Oh! Oh! Oh!« tönte es mißbilligend von draußen.

Zäpfel Kern aber sah, daß seine Ohren noch länger wurden, und immer haariger, und immer steifer, und es ergriff ihn Verzweiflung. Laut weinend und den Kopf in den Kissen des Bettes vergrabend, schluchzte er: »Ach! wäre jetzt doch Frau Dschemma bei mir oder wenigstens Professor Doktor Maikäfer, der ein so gelehrter Arzt ist.«

»Der ist da«, ertönte eine summende Stimme, und richtig, als Zäpfel aufsah, erblickte er den gelehrten Maikäfer in der Tracht eines Arztes, wie damals in Frau Dschemmas Schloß an seinem Bett.

»Ach, lieber Herr Professor, sehen Sie nur! Was ist denn das?« jammerte unser Kasperle.

»Das sind ein paar Eselsohren«, antwortete trocken der Maikäfer.

»Ja, aber was soll ich denn damit?«

»Wackeln.«

»Wa... wa... wa...rum denn?«

»Weil du als Esel gehandelt hast, indem du fortgelaufen bist, und nun auch äußerlich nach und nach ganz und gar ein Esel werden wirst.«

»Ich, der König...?«

»Ja, du, der König dieser Esel von Jungen, die auch alle miteinander einmal richtige Esel werden. Denkst du denn, das geht ewig so fort, das Spielen und Unsinn treiben? Dabei vereselt erst das Innere, dann die Ohren und schließlich alles übrige. Zu keinem andern Zweck hat euch ja dieser Doktor Schlaumeier hierhergebracht! Dieses ganze Land ist nichts als eine Gründung von ihm, der der größte Schlaumeier und Eselhändler der Welt ist. Von ihm wird hier alles unterhalten, ihm gehören alle diese Buden und Spielplätze, und er führt aus allen Ländern die dümmsten Jungen hierher, daß sie zu Eseln werden, die er dann teuer genug verkauft.«

Da zog Zäpfel Kern sich hastig an und klopfte bei seinem Reichskanzler.

Als sich die Tür öffnete, wurde Spinnifax sichtbar, mit einer großen Zipfelmütze. auf dem Kopf.

»Empfängst du deinen König in der Schlafmütze?« herrschte Zäpfel ihn an.

»Ich bitte um Verzeihung, Ma... ma... ma... jestät, ich habe Rheu... Rheu... Rheumatismus.«

»An den Ohren?«

»J-a.«

»An beiden?«

»J-a.«

»So zeig mir deine Ohren!«

»Da... da... das geht nicht.«

»Warum nicht?«

»Wei... wei... weil ich sie verbunden habe.«

»Womit denn?«

»Mi... mi... mit Pelz.«

»Aha! ich weiß schon... Ach Spinnifax! Spinnifax! Was für Esel sind wir gewesen.«

»I-a, i-a, i-a!«

Und plötzlich mußte auch Zäpfel Kern schreien, »I-a! I-a! I-a!«

Man hätte wirklich glauben können, nicht in einem Königsschloß, sondern in einem Eselsstall zu sein.

»Du hast ja auch Eselsohren!«

»Und du eine Eselsschnauze!«

»Du bist überhaupt ein Esel!«

»Und du mein Bruder!«

Und der König und der Reichskanzler fuhren mit wildem I-a! I-a! aufeinander los und bissen sich mit ihren großen Eselzähnen und schlugen gegeneinander aus und peitschten einander ihre Eselsschwänze um ihre Eselsohren. Da erklang von draußen eine rauhe Stimme und rief: »Ruhe, ihr Bestien! Oder ich lasse euch meine Peitsche kosten!« Es war die Stimme Doktor Schlaumeiers.

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