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Yankeedoodle-Fahrt (1)

Otto Julius Bierbaum: Yankeedoodle-Fahrt (1) - Kapitel 6
Quellenangabe
typereport
booktitleDie Yankeedoodlefahrt und andre Reisegeschichten
authorOtto Julius Bierbaum
firstpub1909
year1910
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleYankeedoodle-Fahrt (1)
pages105-120
created20050519
sendergerd.bouillon
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VI.

Von der Bildung durch Papers und durch Baedeker, sowie von der unübertrefflichen Fixigkeit eines Vergnügungsreiseprogramms. Oder: Syrakus in fünf Stunden.

Als wir am 22. Februar mittags vor Syrakus festlegten, öffnete eine neben mir stehende alte und über alle Begriffe häßliche Amerikanerin den tadellos mit falschen Zähnen garnierten Mund und sprach in einem amerikanisch gutturalisierten Deutsch, dem man aber noch deutlich anmerkte, daß es schwäbischer Herkunft war, die denkwürdigen Worte: »Seit wann ischt Syrakus deutsch? Ich hab' doch immer gemoint, es sei englisch.«

Ich begriff nicht, warum die transatlantische Schwäbin auf den Einfall kam, gerade angesichts dieser klassischen Insel so ungesalzene Witze zu machen, und weshalb sie mich dazu auserwählte, sie anzuhören. Entgegnete also etwas unwirsch: »Wie meinen?«

»Ewwe das,« antwortete sie, »ich seh da lauter deutsche Fähnle an die Boote.«

Richtig: es kamen Boote mit den deutschen Farben uns entgegen: wohl der deutsche Konsul und andere Angehörige des Reichs.

»Deshalb meinen Sie . . .?« fragte ich erstaunt. Und sie antwortete mit der Gegenfrage: »Also ischts doch noch englisch?«

Der Anblick von Syrakus war mir sehr interessant (Gott strafe mich für das infame Wort, das einem heute aus der Feder fließt wie Speichel aus dem Munde eines schlafenden Säuglings: man denkt sich schon gar nichts mehr dabei und hat alles Gefühl dafür verloren, wie inhaltslos es ist): aber diese überlebensgroße Dummheit schien mir in diesem Augenblicke doch noch beachtenswerter. Erkundigte mich also teilnehmend, ob ihre Geographie schwäbisch oder amerikanisch sei.

Ich erfuhr folgendes: als Kind habe sie sich nicht sehr angelegentlich mit den Wissenschaften abgegeben; es habe ihr genügt, gerade lesen, schreiben, rechnen und biblische Geschichte zu lernen; dafür habe sie sich in Amerika um so eifriger fortgebildet durch die Lektüre der großen Papers, »in dene alles steht«. Und daher wisse sie, daß Syrakus den Engländern gehört. Indessen habe sie in der letzten Zeit in denselben Papers gelesen, daß der Kaiser darauf aus sei, den Engländern überall »die scheenste Fetze« wegzunehmen, und so habe sie angesichts der schwarzweißroten Fähnchen gemeint, es sei ihm das mit Syrakus bereits gelungen.

Als ich ihr so schonend als möglich beizubringen versuchte, daß die Insel Sizilien mit allen Städten und Dörfern darauf einstweilen auch den Briten noch nicht gehörte, geschweige denn den Deutschen, leistete sie heftigen Widerstand, wobei es ihr zugute kam, daß unweit vom Yankeedoodle zwei englische Kriegsschiffe lagen.

»So? Und was tun denn die da?« sagte sie in dem bekannten Triumphfragetone voreilig siegesgewisser Dummheit.

Obwohl ein deutliches »Schafskopf« mitvibrierte, antwortete ich durchaus höflich: »Sie werden von Malta herübergekommen sein: von Malta, wo die frühen Kartoffeln wachsen, und auch die Engländer wirklich zu Hause sind.«

Und siehe: die unerschrocken stupide Schwabamerikanerin fand, daß sie »also« recht gehabt hätte. Denn, erklärte sie, wenn die Engländer in der Nähe von Syrakus (das sie standhaft für Sizilien substituierte) säßen, so säßen sie auch schon in Syrakus selber, und die Italiäner würden nur noch aus Gnade und Barmherzigkeit eine Weile geduldet.

»Lehre Sie mich die Engländer kenne!« schloß sie und ließ mich stehen, wie ein Unteroffizier einen Rekruten stehen läßt, dem er den Beweis, ein Rhinozeros zu sein, bündig geliefert zu haben glaubt.

Da sich an der Falltreppe die Vergnügungsreisegesellschaft noch staute, mit der wir zu unserm Vergnügen zu reisen vom Schicksal bestimmt waren, hatte ich Zeit, einige Betrachtungen über die Niederlage anzustellen, die mir eben beigebracht worden war.

Ich sagte mir, erstlich: Das kommt davon, wenn man eine Gesellschaftsreise mitmacht. Wer sich in eine Gesellschaft begibt, kommt darin um.

Sodann: Nichts ist so unerschütterlich wie Dummheit. Nichts also gewährt so das Gefühl der Sicherheit, der Ruhe. Demnach ist Dummheit ein erstrebenswerter Zustand. Daß keiner entschiedener verteidigt wird als er, ist durchaus begreiflich.

Dann: Gepriesen seien die Papers! Sie verhüten, daß das Glück dieses Zustandes durch Selbsterkenntnis beeinträchtigt wird. Fundiert auf der Fiktion der Allwissenheit und Unfehlbarkeit, vermitteln sie dem Abonnenten, ohne den Kern und Grund seines Wohlseins anzutasten, die angenehme Ueberzeugung, mit allen Wahrheiten, Erkenntnissen, Errungenschaften und, nicht zu vergessen, edlen Prinzipien so prompt wie billig bedient zu werden. In den Papers offenbart sich der große Anonyme, den man früher Gott nannte, denen, die geistig schwach und daher zu Offenbarungen prädestiniert sind.

Ferner: Nichts hat einen so guten Instinkt wie die Dummheit. Hatte die Yankeeschwäbin, im Grunde, nicht wirklich recht? »Lehre Sie mich die Engländer kenne!« Nein: sie braucht keine Lehre mehr: ihre Einfalt weiß genug!

Und ich begann, mich ernstlich darüber zu wundern, daß Sizilien immer noch italiänisch ist.

Aber da kam meine Frau und machte mich darauf aufmerksam, daß sämtliche Genossen und Genossinnen unseres Vergnügens den Yankeedoodle schon verlassen hatten. Wollten wir etwas von Syrakus sehen, so mußte ich also meinem Nachdenken Einhalt gebieten und ihnen nacheilen.

Während wir ans Land gerudert wurden, überlegte ich mir, wie wir das Problem bewältigen wollten, Syrakus in fünf Stunden zu erledigen. Ich dachte an meine Lieblingslektüre in den Mathematik- und Religionsstunden der Obertertia an der Thomasschule zu Leipzig: Seumes Spaziergang nach Syrakus, und hatte die Empfindung, daß der alte biedere Johann Gottfried zwar unbequemer, aber beträchtlich vernünftiger gereist sei als ich, und daß mir Uebles bevorstünde, falls ich seinem Schatten in den Latomien begegnen sollte. Denn, sagte ich mir (nicht zum ersten und nicht zum letzten Male auf dieser wunderlichen Fahrt), es ist ein Unfug, sich an solchen Karikaturen zu beteiligen.

Die wüste Miß, die die unbegrenzten Möglichkeiten Amerikas auf dem großen Gebiete der Dummheit illustriert hatte, war schuld daran. Sie hatte mich zu grob daran erinnert, daß ich nicht als besserer Mensch, sondern als Yankeedoodler reiste. Ich schämte mich grimmig und war höchst üblen Humors.

Im Grunde war aber doch nicht die gut plombierte Vertreterin amerikanischer Paper-Bildung daran schuld, sondern der Umstand, daß ich angesichts des ersten Stückes der Magna Graecia durchaus nicht imstande war, auf den Stil zu kommen, in dem man derlei moderne Späße mitmachen muß. Dieser Stil hat zu seinen Hauptbestandteilen Humor und Resignation (falls das keine Tautologie ist). Sich lächelnd bescheiden heißt die Philosophie des Menschen von beschaulicher Wesensart und allzu labiler Stimmungsabhängigkeit, der sich einmal entschlossen hat, zu yankeedoodlen statt zu reisen. Woraus hervorgeht, welch hoher Wert als Lebensschulung den Yankeedoodlefahrten innewohnt.

Doch genug davon!

Kaum hatten wir den klassischen Boden betreten, so begrüßte uns das moderne Leben: sechs Kutscher umringten uns mit der Leidenschaftlichkeit des Südens. Es sah aus wie ein räuberischer Ueberfall. Gott beschere allen unseren deutschen ersten Helden dieses Temperament, dieses feurige Aug' (der Apostroph ist wichtig), diese Mimik, Gestik und Suada.

Beppo war der wildeste, obgleich er hinkte. Beppo eroberte uns. Beppo durfte sich rühmen, daß wir sein klassisches Profil mit der doppelten Taxe bezahlten.

Dafür versprach er uns, Wege einzuschlagen, auf denen wir der großen Heerschar nicht begegnen würden, und uns Herrlichkeiten zu zeigen, von denen seine Konkurrenten keine Ahnung hätten. Auch wollte er sein Pferd nicht geradezu totschlagen.

Den letzten Punkt hat er eingehalten, und so wollen wir es ihm verzeihen, daß die übrigen Schwindel waren.

Vom Reisebureau des Yankeedoodle inspiriert und zum Lohne dafür mit einem Schilde ausgezeichnet, das die Initialen der O-S-M-L aufwies, führte er uns zum griechischen Theater, gewährte uns Zeit, die Latomien zu durchwandern, brachte uns zu den Katakomben, setzte uns an der Fassade des Doms ab und ließ uns schließlich, sozusagen als Zugabe, auch ein paar gewöhnliche Straßen von Syrakus sehen, die nicht unter den Sehenswürdigkeiten rangieren.

Das griechische Theater. – Man kann bei Baedeker nachlesen, wie es nach der Meinung seines Leibarchäologen ausgesehen hat. »Eine breite und eine schmale Präcinction[Präcinctionen = die im Amphitheater terrassenförmig herumlaufenden Mauern, über denen die Sitzreihen der Zuschauer angebracht waren.] durchschnitten die neun Cunei[Cuneus = Segment der terrassenförmig aufsteigenden Sitzreihen im Theater.] .« (»Seid ihr Deutschen wirklich alle so gelehrt, daß ihr das versteht?« fragte mich später ein amerikanischer Professor, der, den übrigen Yankees der Vergnügungsfahrt übrigens ganz unähnlich, mein Genosse auf dem Hinterdeck war. Ich antwortete mit patriotisch gebotener Diplomatie: »Ich bin noch keinem Deutschen begegnet, der seines Baedeker nicht voll und ganz würdig gewesen wäre.«) Mich ergriff die wundervolle Aussicht und der Gedanke, daß hier Aeschylos der Aufführung einiger der Dramen beigewohnt haben mag, die mir auf der Schule so viele Rüffel eingebracht haben, daß ich erst sehr viel später imstande war, sie zu bewundern. Lügen würde ich aber, wenn ich sagen wollte, ich hätte aus dem Augenschein des Vorhandenen einen Begriff von der Großartigkeit des Gewesenen gewonnen. Das Talent, so schnell (in knapp fünfzehn Minuten) so Großes zu gewinnen, fehlt mir, und ich beschränkte mich darauf, den Blick von Trümmern über Trümmer zum Hafen und Meer auf mich wirken zu lassen im Schatten eines großen Namens, der aber doch nur (um alle Flausen beiseite zu lassen) empfindsam-ornamentales Beiwerk war. – Ich hätte übrigens, auch wenn ich allein und nicht programmgemäß auf fünfzehn Minuten beschränkt gewesen wäre, den Versuch, mir das Theater an der Hand Seiner roten Exzellenz des Herrn Baedeker zu rekonstruieren, vermutlich unterlassen und bloß geträumt. Was kann man zwischen Trümmern Besseres tun als träumen? Präcinctionen und Cunei sind gewiß über die Maßen wichtige Dinge, aber schöner ist es, den Zug der Masken an sich vorüberschreiten zu sehen und den Rhythmen der »Perser« zu lauschen, während rechts eine schöne Syrakusanerin ihrer Nachbarin vom Hofstaate König Hierons zuflüstert und links ein Dandy aus Athen abschätzig bemerkt, der gute Aeschylos sei doch im Vergleiche zum jungen Sophokles ein recht antiquiertes Stück von einem Dramatiker. Und ich fange an, mich mit dem Cuneus und der Präcinction meiner Nachbarin angelegentlich (ob auch nur durch Blicke) zu beschäftigen, indem ich, mitten im Wogenprall der Perserchöre, mir die schönsten attischen Phrasen zurecht lege, mit denen ich sie nachher ansprechen werde. Sie wird, da wir ja Heiden sind, gewiß nicht antworten: »Bin weder Fräulein, weder schön, kann ungeleitet nach Hause gehn,« wenn ich ihr meine Begleitung antrage: »Reich mir die Hand, mein Leben, komm auf mein Schloß mit mir!« Wir werden eine himmlische Nacht genießen in meiner Villa am Meer bei schneegekühltem Syrakuser, und der goldflügelige Amor wird mehr als einmal . . .

Halt! Kein Wort weiter! Schweig, Passagier des Yankeedoodle, und bekenne, wieviel moralischer eine moderne Vergnügungsfahrt ist, die zu so unschicklichen Träumen keine Zeit läßt, als eine Reise nach deinem Geschmacke, du Sklave sämtlicher Laster!

Wir gehen über zu den Latomien. – Es versteht sich, daß die Gehilfen des Custode dell' Antichità, während wir der Latomia del Paradiso zuschritten, heftige Angriffe auf unsere Geduld unternahmen, indem sie uns durchaus alles das erzählen wollten, was uns der Geist Baedekers bereits eingeflößt hatte. Zum Glück gerieten sie mit einem Fähnlein nicht privilegierter Führer ins Maulgemenge, so daß wir ihnen, während sie sich unsäglich verfluchten, entschlüpfen konnten. Aber selbst die Damen von Syrakus, die an der alten Wasserleitung ihre Wäsche wuschen, attackierten uns, und nur der Umstand, daß sie meine Frau als Kompatriotin erkannten, überhob uns der Notwendigkeit, uns von jeder einzelnen durch einen Soldo loszukaufen. Denn die guten Weiblein hatten es nur auf die Forestieri abgesehen, von denen sie, wie alles Volk in Italien überhaupt, überzeugt waren, daß es allesamt Millionäre seien; was dagegen mit der povera Italia zusammenhängt, läßt man liebenswürdig laufen. Es gibt demnach ein sehr einfaches Mittel, von Bettlern unbelästigt durch Italien zu reisen: man muß eine Italiänerin heiraten. Doch genügt es auch, sich eine italiänische Reisebegleiterin ohne Ring am Finger mitzunehmen. (Was aber am Ende nicht billiger ist.) – In den Latomien wachsen die ungeheuerlichsten Kaktusse, die ich je gesehen habe. Es ist, als hätte die Familie Kaktus sich vorgenommen, in diesen Riesensteinbrüchen den Ueberkaktus zu erzeugen. Ein Mann mit derben Händen und jenem starken Fleischwulst überm Hemdkragen, der nirgendwo so häufig vorkommt wie in der Gilde der Berliner Schlächtermeister, stand ergriffen vor so einem Ungetüm und äußerte im schönsten Spreeathenisch: das sei bis jetzt das Großartigste von der ganzen Reise. Wir hatten das Vergnügen, ihm im Ohr des Dionysios wieder zu begegnen. Zwar sahen wir ihn nicht, aber wir hörten ihn. Oder wer anders als er sollte es gewesen sein, der die berühmte Akustik dieses Höhlenganges durch das muntere Lied auf die Probe stellte: »Komm, Karlineken, komm, Karlineken, komm, wir woll'n nach Pankow gehn, da is es wunderscheen!« Nie ist es mir so rippenstoßhaft zum Bewußtsein gekommen, daß wir uns auf einer Vergnügungsreise befanden, als bei diesen heimatlichen Klängen. Sinn und Bedeutung eines solchen Amüsiervergnügens zu Wasser und zu Lande aber hat mich derselbe Uebernackenmensch gelehrt, als er, das Ohr des Tyrannen vor uns verlassend, zu einem Genossen also sprach: »Das hätt ma nu also ooch jesehn!«

Nummer drei: die Katakomben. – Das Yankeedoodle-Programm wirkte, wie man sieht, durch Kontraste. Erst ein Auge voll (was die Wimper hält) strahlende antike Kultur: das riesige Theater überm Meere, gebadet in Licht; sodann die Geilheit südlicher Natur, die noch zwischen Steinen sich in Pflanzenwesen von üppigster Fleischlichkeit austobt; und hart darauf der lichtlose, kalte, nach Askese riechende Totenkeller des Christentums. Er ist drei Stockwerke tief in den Kalkstein gegraben: Maulwurfsarbeit. Für Leichen ein recht passender Aufenthaltsort. Aber für die ersten Christen waren die Katakomben zugleich ein Redezvousplatz der Frommen, die annoch lebten. In diesen Kellern berauschten sie sich am Weine des Evangeliums. Die Sonne draußen, die aus den Aloestauden, wenn ihre Zeit gekommen war, innerhalb vierundzwanzig Stunden ungeheure Phallus-Schäfte emportrieb und anderes Heidenwerk ähnlicher Art zuwege brachte, störte: überstrahlte das Flämmchen im Herzen dieser Licht-, Glanz-, Erde-, Sonnemüden, die sich nach dem Himmel sehnten. Es war nicht bloß gebotene Heimlichkeit, die sie zwang, Souterrainkirchen zu substruieren: die Kellerstimmung lag in den Seelen dieser Menschen, die aus überirdischem Begehren unterirdisch wurden. Auch als es Staatskirche wurde, hat das Christentum die Krypta beibehalten, und bis auf den heutigen Tag liebt es Gotteshäuser, in denen sich das liebe Himmelslicht trüb durch gemalte Scheiben bricht. Die Alten waren religiös en plein air: Sonnendienst war ihr Urkult. Die Christen krochen in den Bauch der Erde und nannten den Teufel: Luzifer, Lichtbringer. Nur die Kunst, die sie von den Heiden erbten, schmuggelte Licht und Glanz in ihre Kirchen. Es ist Heidentum, was von den Mosaiken Ravennas, Torcellos, Monreales leuchtet. – In den Katakomben von Syrakus leuchtet nichts. Die römischen Katakomben sind kleiner, aber es flackert doch noch ein bißchen Farbe in ihnen. Der Gerippekeller von Syrakus ist ganz Kalk und Knochen. Gänge, endlose Gänge und weite Rotunden: Grab an Grab. Der Mönch leuchtet hinein: leer; doch am Boden liegen Knöchlein. Die Rotunden haben Oberlicht; aber das ist das Werk der neugierigen Nachwelt, die sich orientieren, den Plan dieser unterirdischen Architektur kennen lernen wollte. Es ist nämlich Plan in dieser Stadt der Toten: kein Zufallslabyrinth. Wer sich aber von dem führenden Mönch entfernt, verläuft sich. So ging es uns; zum Entsetzen meiner Frau, die ganz und gar keinen Sinn für düstere Romantik hat. Um so mehr Blick bewährte sie für die wunderliche Eigenart des Franziskanermönchs, der uns und einen Yankeedoodletrupp führte. Ich kann sein Wesen und Gebaren nicht besser schildern, als sie es in einem Brief an eine Freundin getan hat: »Es war ein kleiner, junger Mönch, sehr weiblich aussehend. Wackelte graziös mit dem Hinterteil, das, obwohl versteckt unter einer dicken Tunika, deutlich genug zum Vorscheine kam. Er hob sich den Rock vorn, leise, mit zwei Fingern, beugte nach rechts und links seinen mit dichtem, lockigem Haar bestandenen Kopf, feuchtete von Zeit zu Zeit mit der Zunge seine sehr roten aber schmalen Lippen und sprach ein weiches, leises, zärtliches, spitziges Französisch. Wenn er uns, d. h. der Karawane, etwas zu zeigen hatte, das hoch lag, sah er besonders lieblich aus. Mit der linken Hand hielt er eine Oellampe fast über seinem Kopf, und mit der rechten zeigte er auf die Sehenswürdigkeit, indem er nur den Daumen und den kleinen Finger kokett erhob; die anderen blieben abgebogen. Mit Damen war er kurz und bündig; sonst konnte er sich nicht süß genug machen. An den Schluß eines jeden Satzes setzte er ein ganz zuckersüßes fragendes Oui?«

Da war der Franziskaner, der uns die Martersäule des heiligen Marcian und dann die Kirche von San Giovanni zeigte, ein anderer Kerl: derb, fast ungeschlacht, der richtige Bauer in der Kutte, dem man sämtliche Mönchsabenteuer aus der italienischen Fazetienliteratur zutrauen konnte. Mit einem breiten Lächeln, aus dem man so etwas wie bäuerisches Triumphgefühl des Sieges über die reichen heidnischen Sünder herauslesen konnte, machte er uns darauf aufmerksam, daß die jetzt reichlich mit Kreuzen versehenen Säulen der kleinen Kirche über den Katakomben früher einem tempio di Bacco angehört hatten: man sieht noch ein Reliefband mit Weinkrügen und Bechern.

Zum Schluß: der Dom. Ein lehrreiches Gebäude. Vorn fuchtelt eine Barockfassade mit christlichen Heiligen in der Luft herum (denn damals war ja das Christentum längst aus dem Souterrain in die Beletage gezogen), und dahinter in der nördlichen Flankenlinie werden elf Säulen eines antiken Tempels sichtbar, die keineswegs so viel Spektakel, aber eine viel vornehmere Figur machen. Am besten kennzeichnet den Unterschied, wenn man sagt: die Fassade: protzig aufgedonnerte Hysterie, die Säulen: simpel würdige Gesundheit. Der rote Professor in der Reisetasche stillt unsern Wissensdurst, indem er erklärt, daß diese Säulen von jenem Minervatempel stammen, den Cicero in einer seiner Reden gegen Verres als sehr schön und mit den größten Kostbarkeiten erfüllt schildert. Gut, wir danken für die Belehrung und bedauern, daß er jetzt nur von einer recht häßlichen und überdies verwahrlosten Kirche erfüllt ist. Wenn der Professor in Rotleinen aber seine Gelehrsamkeit weiterhin auspackt und verkündet, daß dieser Tempel der Minerva ein Hexastylos Peripteros[Hexastylos: ein Bau (Tempel, Halle) mit sechs Säulen in der Front; Peripteros: ein von einer Reihe von Säulen rings umgebenes Gebäude.] war, so und so lang. so und so breit, usw., so empfinden wir nicht Dank, sondern Aerger. Statt dieser Steine einer Gelehrsamkeit, die zu lebendiger Bildung gar nichts beiträgt, erwarten wir von einem Reiseführer wirkliches Brot des Geistes, das stark und empfänglich für die Eindrücke einer Reise macht. Die ewigen archäologischen und kunsthistorischen Fachsimpeleien in den Baedekerbüchern müssen endlich einmal mit aller Rücksichtslosigkeit als das gekennzeichnet werden, was sie sind: schädliche Ueberflüssigkeiten, die allzu lange darüber hinweggetäuscht haben, daß diesen berühmten Führern just das fehlt, was sie enthalten sollten. Schädlich sind sie, weil sie den Blick vom Ganzen ablenken, indem sie spezialisieren, wo groß zusammengefaßt werden sollte. Ueberflüssig, weil sie damit nicht einmal wirkliche Spezialkenntnisse vermitteln, sondern nur termini technici verbreiten, die dann, bei der seltsamen Neigung vieler Deutschen zur Gelehrttuerei, häufig genug als bare Begriffsmünze in Umlauf gebracht werden, während sie doch nur wertlose Spielpfennige sind. Wenn die roten Bände des Baedekerschen Verlages sich ausdrücklich »Reiseführer für Gymnasiallehrer« nennten, so wäre nichts dagegen einzuwenden. Als »Handbücher für Reisende« schlechthin sind sie Karikaturen. Ihre große Verbreitung ist nicht etwa ein Zeichen für den Wissenstrieb des Deutschen sondern ein Symptom dafür, daß heute allzu viele unter den Landsleuten Goethes sich mit der Allüre der Bildung begnügen, und daß die Kunst des Reisens unter uns gleichfalls zur Karikatur geworden ist. Die scheinbare Gründlichkeit der Baedekerführer läßt den meisten eine Vorbereitung zur Reise als überflüssig erscheinen. Man verläßt sich darauf, daß man von Fall zu Fall nachschlagen kann. Findet man dann Präcinctionen, Cunei, Hexastylos, perypteros, so versteht man das zwar ohne Lexikon nicht, hat aber das Gefühl, sich vis-à-vis höchst feierlicher Gegenstände zu befinden. Und das scheint vielen Deutschen wirklich schon ein Genuß zu sein.

Das Thema Baedeker hängt mit dem Thema der Yankeedoodlefahrt so eng zusammen, daß ich wohl noch öfters darauf zurückkommen werde. In der Art, wie die Menschen einer Zeit reisen, und in der Art der Bücher, durch die sie sich auf ihren Reisen begleiten: führen lassen, spricht sich ein gut Teil des Gehaltes und der Richtung ihrer Kultur aus. Die Baedekerei enthüllt ein wenig erhebendes Kapitel deutscher Kulturgeschichte. Die Yankeedoodlefahrtgeschichte ist eine Illustration dazu, bei der versucht wird, die spaßhaften Seiten hervorzuheben, aber die unerquicklichen nicht zu unterschlagen.

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