Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Otto Julius Bierbaum >

Yankeedoodle-Fahrt (1)

Otto Julius Bierbaum: Yankeedoodle-Fahrt (1) - Kapitel 5
Quellenangabe
typereport
booktitleDie Yankeedoodlefahrt und andre Reisegeschichten
authorOtto Julius Bierbaum
firstpub1909
year1910
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleYankeedoodle-Fahrt (1)
pages105-120
created20050519
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

V.

Vom Propheten Fressaias; der Macht der Liebe; der Nützlichkeit der Antiphons; der Gesundheit der Amerikaner; vom ultragelben Neide und von der Sehnsucht.

Imposant wie der Yankeedoodle selbst war seine Speisekarte. Wenn er, wie es ausgesprochenermaßen sein Ehrgeiz war, nicht bloß ein schwimmendes Kurhotel genannt werden wollte, so konnte man diesen Titel erweitern, indem man ihn ein Mastkurhotel auf See nannte.

Wie schade, daß der Konzertesser aus dem Theater Carlo Felice nicht an Bord war. Hier hätte er unübersehbaren Stoff für seine Kunst gefunden. Indessen mangelte es nicht an Herrschaften, die wenigstens als Dilettanten darin Erstaunliches leisteten. Doch fehlte die unnachahmliche romanische Geste und Attitüde, die schone bedachtsame Gliederung, die delicatezza. Dreimal hintereinander Kaviar zu verlangen, ist schließlich noch keine Kunst.

Ein frommer Greis, den die Sehnsucht, wie er sagte, zu den Stätten trieb, wo unser Herr und Heiland gewandelt ist, bereitete sich auf die Strapazen, die eine Reise im Gelobten Lande nach Baedekers erfahrener Warnung mit sich bringt, besonders sorgfältig vor, indem er, dem Kamele gleich, das sich zu einer Wüstenwanderung anschickt, auf Vorrat aß. Wir nannten ihn dieserhalb den Propheten Fressaias, und ich werde mein Lebtag den Anblick nicht vergessen, den er darbot, wenn er sich, mit einer Andacht, die an Entrücktheit grenzte, Flüssiges oder Breiiges löffelvoll zuschaufelte, Kompaktes aber mit einer probaten Kombination von Messer und Gabel fuderweise den ehrwürdigen Prophetenbart entlang emporführte bis zum choralgewohnten Munde.

Für ihn war Yankeedoodle das ideale Schiff. Denn, nicht allein, daß es für des Leibes Nahrung und Notdurft auf eine überschwenglich üppige Weise sorgte, es ließ auch die Seele nicht darben, die es alltäglich einmal, an Sonntagen aber zweimal an ihre höhere Heimat erinnerte, indem es mit ungemein viel Blech und großem wie kleinem Trommelschlag das Kirchenlied »Wir beten an die Macht der Liebe« trompeten und pauken ließ. Ich bin in meinem Leben nie so oft mit der Macht der Liebe zu Bette gegangen, wie auf dem Yankeedoodle.

Fragt sich nur, ob es nicht gegen das Gebot vom Sinai »Du sollst den Namen deines Gottes nicht eitel nennen« verstößt, wenn die Schiffskapelle diesen Choral zum Konkurrenten der Lustigen Witwe machte. Doch ich bin in Fragen musikalisch angewandter Frömmigkeit wohl nicht kompetent. Es scheint ein amerikanisches Bedürfnis zu sein, allabendlich die Macht der Liebe wenn schon nicht selbst anzubeten, so doch instrumental anbeten zu lassen. Es ist das recht praktisch, muß ich sagen; praktisch im Sinne der tibetanischen Gebetsmühlen etwa. Nur würde ich für mein Teil diese geräuschlosen Frömmigkeitsmaschinen dem orchestralen Gebetsdschingderaddada entschieden vorziehen. Heißt es nicht in der Bibel: »Willst du beten, so gehe in dein Kämmerlein und schließe die Türe hinter dir zu!?« Ich hege nicht den geringsten Zweifel, daß Christus, falls er (als Zwischendeckspassagier, versteht sich) an Bord des Yankeedoodle gewesen wäre, alle diese zu einer unschicklich lärmhaften Frommtuerei mißbrauchten Musikinstrumente ins Meer geworfen haben würde, entsprechend seiner temperamentvollen Aktion gegen die Handelsleute im Tempel. Doch steht zu befürchten, daß ihm das hier übler bekommen wäre, als seine tempelpolizeiwidrige Handlungsweise in Jerusalem, die nicht einmal zivilrechtliche Folgen gehabt zu haben scheint, obwohl sie sich doch zweifellos als gewaltsame Geschäftsstörung qualifiziert. Der Kommandant des Yankeedoodle würde kurzen Prozeß mit ihm gemacht haben; es sei denn, er hätte sich als Amerikaner und Inhaber einer Luxuskabine ausweisen kennen. In diesem Falle: All right.

Ach Gott: wie oft habe ich dieses all right hören müssen! Es klingt von amerikanischen Lippen wie das Gurgeln eines Menschen, der sich den Mund ausspült. Ueberhaupt ähnelt das Englisch, wie es Amerikaner sprechen, weniger einer menschlichen Sprache, als einer abscheulichen Folge von unappetitlichen Geräuschen, die man in Gegenwart anderer Menschen sonst vermeidet.

Ein wahres Glück, daß ich meine Antiphons bei mir hatte. Mit diesen barmherzigen Nickelkugeln in den Ohren habe ich es in der Tat einige Male gewagt, das Promenadendeck im Geschwindschritte zu durchmessen, während es von Amerikanern bevölkert war. Nur ihrer schalldämpfenden Wirkung verdanke ich es, daß ich dabei nicht seekrank geworden bin.

Möge jeder, der eine Seereise auf einem Schiffe macht, das nicht absolut amerikanerrein garantiert ist, es ja nicht unterlassen, ein paar Antiphons mitzunehmen!

Man kann sie zu Schiffe auch sonst gut gebrauchen. Denn, was alles auf einem modernen Dampfer man auch finden mag: elektrische Haarbrennmaschinen, Telegraphie ohne Draht, Dunkelkammer zur Entwicklung von photographischen Platten, Lese- und Rauchsalons, einen Grillroom, einen Turnsaal mit Zanderapparaten, einen Barbierladen, eine Buchdruckerei, eine Buchhandlung, eine Dampfwäscherei, warme Seewasserbäder, eine Leihbibliothek, ein Hospital mit Arzt und Heilgehilfen, einen Photographen, einen Zauberkünstler, einen Hühneraugenoperateur, eine Klapperschlange, einen dritten Mann zum Skat, amerikanisches Kauzuckerzeug, Schweizer Schokolade, Hamburger und Havannazigarren, vielleicht auch eine Braut und eine Schwiegermutter, – eines findet man nicht. Ruhe. Es kann wohl nirgends so still sein auf der Welt, wie auf dem Meere, dem Reiche der stummen Kreatur; drum bildet sich der Unkundige mit voreiligem Trugschlusse ein, daß er auf einer Seefahrt heilige Stille genießen werde. Sie mag ihm vielleicht wirklich werden, wenn er sich einer Segeljacht bedienen kann: auf einem Doppelschraubenhotel muß er sich an ihren Gegensatz gewöhnen. Es kann ja auch nicht anders sein. Ein wirklich ruhiges Hotel existiert schon auf dem Lande nicht; es besteht geradezu eine Erbfeindschaft zwischen den Begriffen Hotel und Ruhe. Ein schwimmendes Hotel aber ist geradezu eine Herberge der Geräusche, ein Pandämonium des Rumors. Das Ruhigste auf ihm ist noch die Dampfmaschine, seine Lunge. Sie arbeitete auf dem Yankeedoodle mit bewunderungswürdiger Gleichmäßigkeit: gewissermaßen majestätisch gesund. Kaum, daß man ein leises Zittern von ihr spürte. Nur in der Kabine, die ich zuletzt innehatte, vernahm ich zuzeiten ein sonderbar tiefes, manchmal von einem verhaltenen Rasseln begleitetes Stöhnen, wie von einem Asthmaanfall. Aber Geräusche dieser Art sind am leichtesten zu ertragen, weil man sie als Begleiterscheinungen einer notwendigen und bedeutenden Arbeit ohne weiteres hinnimmt, sich daran gewöhnend wie an Elementargeräusche. (So schläft man beim wildesten Heulen des Windes schließlich ruhig ein, – wenn nur nicht Fenster klirren oder Türen knarren. Darüber ärgert man sich, weil es vermieden werden kannte und Symptom menschlicher Schlamperei ist; das Brüllen Gottes im Sturm dagegen ist ein Teilchen Allmacht, in das sich jegliche Kreatur zu fügen hat, weil es nun mal nicht abzustellen ist.) Aber: daß in der Nebenkabine das Klappwaschbecken mit roher Heftigkeit knallend zurückgeschnellt wird; aber: daß just über deinem Haupte genau zur Zeit, wenn du eben glücklich eingeschlafen bist, das Deck gescheuert wird; aber: daß man über dir tanzt; aber: daß im Gange neben deiner Kammer Jung-Amerika mit Indianergeschrei hin und wieder tobt; aber: daß an deinem Kabinenfenster auf der herabgelassenen Ausbootungstreppe Passagiere, Matrosen, Araber, Neger usw. auf- und niedersteigen; aber: daß deinen Morgenschlummer allzuhartbesohlte amerikanische Stiefel stören, deren Inhaber über dir viel zu früh ihren obligaten Promenadendeckdauerlauf beginnen: dies und noch manches andere ejusdem farinae dünkt den an Ruhe Gewöhnten unerträglich, weil er sich (in der mangelnden Seelenruhe des Halbschlafs) einbildet, es ließe sich vermeiden. Indessen mag es unvermeidlich sein und stört vermutlich nur Sybariten, denen es am Ende heilsam ist, ein bißchen torquiert zu werden. Ich nehme an, es gehört zur Kur, wie vermutlich auch das Uebermaß von Musik, womit der Yankeedoodle seine Gäste regalierte, als Kurmittel anzusehen ist. Oder führt es sich auf mythologische Reminiszenz zurück: weil Orion, des Neptunus Sohn, auf einem Delphin reitend die Leier schlug, und es den Tritonen eigen war, in Muschelhörner zu stoßen? Jedennoch, o ihr hochgebietenden Herren von der O. S. M. L., – weder Orion noch die Tritonen haben unablässig geleiert und getutet; sie taten es gewiß auch nicht bandenweise; und die Lustige Witwe war ihnen ebenso unbekannt wie die grausame Musik der Vereinigten Staaten von Nordamerika, die eine Mischung von Gassenjungenfrechheit und ranziger Sentimentalität ist. »Sei du mir tausendmal willkommen, meine löbliche, liebliche, künstliche, vornehme und angenehme Musika!« hat Abraham a Santa Clara ausgerufen. Ich stimme in seinen Ruf gewiß ein, ja ich nenne eine gute Musik sogar etwas Heiliges, weil sie am reinsten offenbart, was der Mensch an Ahnungen des Göttlichen besitzt. Aber dreimal täglich Blech und Kalbfell, erbarmungslos Hohes und Niederes hintereinander und immer con forza furiosa, als ging's in den männermordenden Krieg: Gnade, Gnade! Zu viel des Guten! Hört auf zu tuten!

Mag es immer eine Kur gewesen sein, – es war eine Roßkur. Doch hat sie, glaub ich, den meisten Yankeedoodle-Gästen gar wohl behagt, und ich fühle mich dadurch neuerdings in der Ueberzeugung bestärkt, daß wir keineswegs in einer Periode der Dekadenz leben, sondern von geradezu barbarischer Gesamtgesundheit umgeben sind.

Was aber so ein massiv gesunder Mensch von heutzutage ist, der zum ersten Frühstück zwei Pfannkuchen, sechs belegte Brötchen und ein kleines Waschbecken voll Milchkaffee zu sich nimmt, dann um elf Uhr Fleischbrühe und englische Biskuits, um eins einen Lunch, bestehend aus Suppe, drei Fleischgerichten mit Gemüse und einer Mehlspeise (nicht gerechnet Kompott und Salat), um vier Uhr Tee nebst einem halben Pfund Kuchen, und um sieben ein Diner von acht Gängen, wohl eingebreit durch reichliche Spirituosen, worauf er gegen elf Uhr vor dem Zubettgehen sich noch einige Sandwichs einverleibt, um nicht aus der Uebung zu kommen –: solch ein Genußmensch bedarf der heiligen Stille, die dem Dekadenten Bedürfnis ist, keineswegs. Für ihn müssen vielmehr auch noch Maskenbälle an Bord inszeniert werden, bei denen sein Witz so heftig glänzt, daß mir die erstaunten Augen übergegangen sind. Wenn es ein Er ist, so wendet er seinen Ueberrock und hat damit ein höchst komisches Kostüm hervorgebracht, setzt sich einen eingedrückten Hut auf, der gleichfalls höchst munter wirkt, schreit einige dutzend Male entzückt all right, tanzt wie ein epileptischer Neger und ist überzeugt, genügend Humor entwickelt zu haben, um sich als würdigen Landsmann Mark Twains zu legitimieren. Ist es aber eine Sie, so leiht sie sich die Montur eines Schiffsoffiziers, besteckt sich vorn und hinten mit kleinen Sternbannerchen, kreischt gleichfalls entsetzlich oft all right und versetzt ihre allzuprall umspannte Hinterpartie in derart konvulsivische Bewegungen, daß das Spiel der Wellen selbst bei der zwölften Windstärke dagegen phlegmatisch wirkt.

Beim hohen Himmel, nein: unsere Zeit leidet nicht an kultureller Edelfäule; sie ist kartoffelgesund. Irgendwo in Europa mag es vielleicht Orte geben, wo ein Uebermaß von Reichtum oder Bildung zur Lasterhaftigkeit des Geschmacks, zu Debauchen des Geistes und der Sinne, kurz zu jener von allen guten Bürgern so heftig beklagten Perversität ins spirituell und sensuell Aesthetische geführt hat, die man als Dekadenz, d. i. Abfall vom robust Normalen, bezeichnet, – was tut's: America robusta beweist, daß nicht immer und überall der Reichtum durch Ueberfeinerung in den Geschmack verführt, –: noch sind die Tage der Knoten!

Ich weiß wohl, daß es der gelbe Neid ist, der aus mir spricht. O ja: ein ultragelber Neid. Denn, man denke doch: reich sein und geistig bedürfnislos, – ist das nicht beneidenswert? Ist es nicht beneidenswert, Säcke, Schränke, Häuser voll Dollars zu haben und keine Nerven? Zufrieden zu sein im Besitze ideal gut plombierter Zähne und der Ueberzeugung, daß man alles hat, wenn man Geld hat, – ist das nicht wirklich beneidenswert?

Lassen wir es dahingestellt sein. Sicher ist, daß ich dem Verkehr mit derartigen Amerikanern (denn, o ihr wunderbaren Götter, ihr werdet doch wohl auch andere auf Lager haben?) den mit sämtlichen Krüppeln und Lahmen von den Landstraßen des Orients vorziehen würde. Sie zeigen uns ihre häßlichen Gebrechen: das ist gewiß nicht schön; aber jene zeigen uns die scheußliche Plumpheit ihres Reichtums: das ist ekelhaft.

Doch man gewöhnt sich an alles; richtiger gesagt: man lernt, über alles hinwegzusehen. Nur: nachdenken muß man nicht darüber. Muß sich z. B. nicht vorstellen, wieviel frische, geistreiche, empfängliche Jungen, denen eine solche Reise das ganze Leben überglänzen würde, an der Kette der Armut liegen und sich die Seele vor Sehnsucht wundscheuern müssen, während Stumpfsinnige blöden Auges sich an all der Fülle der Gesichte vorüberlangweilen, die für jene Offenbarungen wären, für sie aber höchstens Kuriositäten sind. In der Tat: man muß so nicht denken, denn es ist die reine, leere Vergeblichkeit, und ihr einziger Effekt ist schlechte Laune. Auch ist am Ende denen, die das Land der Griechen mit der Seele suchen, das bessere Los gefallen. Insoferne sie Künstler sind, ist das sogar gewiß. Um einen Sprung zu machen: ich glaube nicht, daß Goethe seine Iphigenie geschrieben haben würde, hätte er das heutige Griechenland gesehen. Er würde viel gelernt, für sich und uns viel gewonnen haben: aber kein Gedicht. »Das Unzulängliche ist produktiv,« sagte er einmal zu Riemer: »Ich schrieb meine Iphigenie aus einem Studium der griechischen Sachen, das aber unzulänglich war. Wenn es erschöpfend gewesen wäre, so wäre das Stück ungeschrieben geblieben.«

Ein wahres Glück, daß eine Gesellschaftsreise auf einem schwimmenden Kurhotel nichts »erschöpft« . . . Die Fülle der Gesichte wird durch die Menge der Gesichter immerhin etwas beeinträchtigt. Und schließlich, auch abgesehen davon: uns Modernen bleibt, wiederum mit Goethe zu reden, immer etwas zu wünschen übrig, und das heißt: zu dichten.

Im Zyklus »Le voyage« von Baudelaire fand ich darüber dies:

            Was saht ihr? Sprecht! –: Wir sahn die ewigen Sterne,
Und sahen Wüstensand und wildes Wellenspiel:
Schönes und Häßliches; o ja, wir sahen viel,
Und dennoch blieb uns Langeweil nicht ferne

Und Sehnsucht. Denn der Sonne Goldverbluten
Auf veilchenfarbenem Meer, die Purpurpracht,
Mit der die sterbende die Städte überdacht,
Sang uns von Himmeln, die noch tiefer gluten.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.