Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Otto Julius Bierbaum >

Yankeedoodle-Fahrt (1)

Otto Julius Bierbaum: Yankeedoodle-Fahrt (1) - Kapitel 4
Quellenangabe
typereport
booktitleDie Yankeedoodlefahrt und andre Reisegeschichten
authorOtto Julius Bierbaum
firstpub1909
year1910
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleYankeedoodle-Fahrt (1)
pages105-120
created20050519
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

IV.

Von Villafranca bis Syrakus ist es eine hübsche Strecke: 593 »miles«, yankeedoodlisch zu reden. (»Seemeilen« würde nach gar nichts klingen.) Man sagt auch nicht »Dampfer«, sondern »Steamer«: »man«, d. h. die »ganz Noblichten«, um, unter uns Plebs, münchnerisch zu reden. – Sonderbar, daß in Deutschland die oberen Schichten – es ist das Fett, das immer oben schwimmt – stets das Bedürfnis nach einer Art Geheimsprache haben. Erst war's das Lateinische, dann das Französische. Jetzt ist das Englische an der Reihe. Es wird sich, fürcht' ich, lange erhalten, weil es leicht zu lernen ist. Es fliegt einen an wie der Ruß aus den beiden Yankeedoodleschlöten. Und dann: es ist die heutige »Herrensprache«, und als »Herren« fühlen sich die »Noblichten« entschieden. Man muß nur sehen, wie sie sich den »niederen Rassen« gegenüber benehmen. Und die niederen Rassen fangen schon mit den Italiänern an: sofern diese nicht auch englisch angezogen sind. Doch darüber wird später zu handeln sein. (Hier nur dies noch: Die neue Aristokratie in Homespun sollte überhaupt nur Englisch reden. Sie sollte sich auch durch die Sprache nicht mit dem Volke gemein machen. Nur das zum Kommandieren Nötigste könnte im Pöbelidiom abgemacht werden. – Man kommt auf absurde Gedanken, wenn man mit diesen absurden Fratzen des Herrenmenschen in Berührung kommt. Unterbriten statt Uebermenschen – beim großen Friedrich! –: das mußte nicht kommen!)

Fünfhundertdreiundneunzig Seemeilen O Commendatore Senatore Professore Dottore Crocco (klingt nicht der Name schon wie ein Befehl: Werde gesund! . . .?): welche Menge von Bromsalzen werde ich auf dieser Strecke aus dem Mittelmeer in mich gesogen haben! Hätte nur nicht das Uebermaß an allzu salzloser Musik die besänftigende Bromwirkung immer wieder aufgehoben. Das Meer war so himmlisch ruhige ein Bild der heiligen, großen, stillen Kraft. Amphitrite, die »Ringsumrauschende«, hatte die hübsche Weiberlaune, einmal die »Ringsumschweigende« zu sein. Aber die Schiffsmusik duldet kein Leises: mit geblähten Backen stehen die Blechbläser im Kreise und erfüllen die ruhige, laue Luft mit schändlichem Lärm. Die schlechte Sentimentalität gottverlassener Tondichterlinge blasen sie um sich herum wie den klanggewordenen Uebelruch ranzigen Haaröls, und Amerika und Deutschland an Bord finden diesen groben Unfug allright. Knüpfen sich schon zarte Bande (ach: zarte! ach: Bande!), oder ist es noch bloß Flirt?

Es sitzen die Mütter steuerbordlängs,
Es sitzen die Mütter backbordlängs,
Und alle denken: Wird's was?

O ihr gewaltigen Götter des Meers und Göttinnen: warum laßt ihr euch das so ruhig gefallen? Winde, ich rufe euch auf! Stürme, ich beschwöre euch!

Niederfahrender: Kataigis[gr. καταιγίς: ein plötzlich von oben herabfahrender Windstoß, ein plötzlich einbrechender Sturm.] – komm!
Heftig brausender: Lailaps[gr. λαι̃λαψ: Sturmwind mit Regen od. dickem Gewölk, der Alles in Finsterniß einhüllt.] – komm!
Strobilos[gr. στρόβιλος: ein Wirbelwind mit dem Zuge nach oben.] , wirbelnder – komm!
Komm, o Wasserhose meiner Sehnsucht: Siphon[gr. σίφων: Wasserhose.] !

Aber die faulen Schufte liegen und schlafen, wer weiß wo, und denken nicht daran, mir zuliebe den Flirt in Seekrankheit zu verwandeln. Haben sie ihr Griechisch verlernt und sprechen auch sie jetzt Englisch?

Ich zog mich aufs oberste Hinterdeck zurück und sang an meine Frau eine Arie der Verzweiflung hin.

Sie aber sagte: ».Du bist ein schlechter Mensch.«

»Wieso!« heischte ich kurz Erklärung.

»Weil du den armen Leuten ihr bißchen Vergnügen nicht gönnst«, antwortete sie unerschrocken.

»Findest du diese Tuerei etwa sympathisch?« fragte ich wiederum.

»Nein, aber sie können's nun mal nicht besser«, erklärte sie.

Da ergriff mich der Geist, und ich sprach Englisch. »Goddam!« sagte ich. Fuhr aber sogleich Deutsch fort: »Du hast recht. Ich küsse den Saum deiner liebenswürdigen Toleranz und bekenne, daß ich zu hohe Anforderungen an die Gesten der Mitwelt stelle. Ach, bleib mit Deiner Gnade und Toleranz bei mir!«

Ehrlich zu sein: Ich habe das nicht ganz so schön gesagt, mich aber immerhin ziemlich gewählt ausgedrückt. Denn ich hatte am Abend vorher in einem modernen Drama gelesen (an dem sich jetzt die Delphine zwischen Korsika und der Riviera ergötzen) und das hatte Blüten in meinen Wortschatz geregnet.

Es kommt der Schwulst von »schwellen«:
So bild' ich »Prulst« aus prellen
Und nenne den preziösen Schwulst
Poetischen Prulst.

(Weshalb meine liebenswürdige bessere Hälfte mich wiederum mit Fug und Recht einen schlechten Menschen nennen dürfte, der armen Leuten ihr bißchen Vergnügen nicht gönnt, obwohl sie's doch nun mal nicht besser können.)

Zur Strafe für meine Bosheit mußte ich am 21. Februar schon früh beim Morgengrauen die Bettleitern hinabklettern.

»Hol' ihn der Teufel!« brummte ich dabei, denn ich war durchaus nicht ausgeschlafen.

»Wen denn?« fragte es aus der unteren Etage.

»Napoleon!« knurrte ich.

Meine Frau schob die Bettgardine so heftig auseinander, daß die Ringe erschrocken aufkreischten, und sah mich unter ihrem hellblauen Haarnetze mit einem Blicke grenzenlosen Erstaunens an. Denn bisher hatte sie von mir alles andre als Verwünschungen des korsischen Parvenüs (Pendant zum altmärker Handlanger) vernommen.

»Korsika kommt in Sicht,« erklärte ich. »Ich hätte es immerhin noch etwas erwarten können. Das war aber immer sein Trick: eher da zu sein, als es den anderen angenehm war.«

»Bleib lieber liegen!« riet die wohlerfahrene Gattin: »Wenn du nicht ausgeschlafen hast, bist du den ganzen Tag schlechter Laune.«

»Wenn ich wegen Napoleon nicht ausgeschlafen habe,« erwiderte ich fest, »werde ich den ganzen Tag guter Laune sein. Man muß seinen Göttern auch Opfer bringen können.«

Sehr zufrieden mit diesem schönen Axiom, wusch ich mich, nicht ohne das beseifte Antlitz zuweilen zum Bullauge zu wenden, spähend, ob Korsika nicht am Ende doch noch unsichtbar wäre; für welchen Fall der faule Adam schmählich entschlossen war, wieder bettwärts zu klettern.

Aber Held Napoleon (so geheißen von Wolfgang Goethe, der, obwohl auch ihm Wilhelm der Monumentale ein Denkmal gesetzt hat, Seiner Majestät durchaus nicht kongenial ist) läßt sich keine Minute abhandeln: das Nest des Adlers war da.

Ich umgürtete mich mit dem Zeiß-Doppelfeldstecher und stieg hinauf zu meinem Hinterdeck. Die schwarz-weiß-rote Fahne schlief noch im Flaggenkasten. Sie hätte Korsika wohl auch nicht salutiert. Sie salutiert nur reelle Mächte, und der Geist, der von dieser Felseninsel ausgegangen ist, kann nur Anspruch auf den Namen einer geistigen Macht erheben: einer Großmacht freilich auch heute noch, denn sie hat sich keineswegs in den Gewittern erschöpft, die ihren Namen tragen. »Il reviendra«, wie es nach Elba hieß. Wie – wenn er das zweitemal einen deutschen Namen hätte!

Phantasmagorien! Die Politik ist zu einem Wurstkessel geworden, und die Wurstsuppe ist dünne. Heil uns! Die Kleinen sind wieder obenan, die sich so lange unter den Großen geduckt hatten. Die Völker, stärker als er, aber nicht klüger, hoben sie mit ihren Schultern wieder hoch und ließen sich selber mehr und immer mehr zu grimmig festen Basteien für die alten Mächte machen: eine gegen die andere überaus herrlich und trutzig gewappnet und alle sehr stolz darauf, daß sie sich bloß antrotzen und kein gefährliches Genie mehr da ist, unbequeme Bewegungen hervorzurufen. Quieta non movere! Der böse Hecht (der böse Geist) ist aus dem Karpfenteiche weg, und die alten, moosbedeckten Karpfen werden immer dicker. Manchmal tut wohl einer recht hechtmäßig wild und absonderlich, aber er tut bloß so. Keine Angst! Es sind echte Karpfen und alle miteinander nicht bloß verwandt, sondern auch durch innigste Interessen gemeinschaftlich verbunden. Ueberdies hat es ihnen jener schreckliche Hecht gezeigt, daß es entsetzliche Möglichkeiten gibt, wenn die Völker einmal aus der Ruhe kommen. Der Friede macht behaglich, macht faul. Im sanften Fortschritt setzt der Bürger Speck an, und wer in der Mast ist, denkt nicht an Veränderung, sondern an Verdauung. Die Wissenschaften haben ihre Rüpeljahre hinter sich, da sie Gesetze entdeckten und aus den Gesetzen gerne verfängliche Schlüsse ziehen mochten. Sie sind zu Techniken geworden, die in der Hauptsache praktische Bequemlichkeiten erfinden. Aehnlich die Künste. Sie regen nicht mehr auf, sie regen ab. Gott Lob und Dank: der große Inhalt fehlt, und Sehnsucht gilt als geschmacklos. Schon hat man das Ohr bis dahin ausgebildet, daß es blau und grün hört und die verschiedensten Perversitäten einer immer raffinierter werdenden Geschlechtlichkeit in Tönen wohl zu unterscheiden weiß, während es für den plumpen Aufschwung einer gemein gemüthaften Musik taub geworden ist. Bald wird man auch das Auge ähnlich weit haben. Schon sehen die Précurseurs Moll und Dur; schon verbünden sie, daß eine Malerei, die außer Netzhautempfindungen auch Gefühle außerhalb des Optischen erregt, Pöbelkunst ist. Alles dies trägt dazu bei, den Geist der Sammlung, der immer bedenklich ist, weil er kräftigt und auf Kraftentfaltung vorbereitet und drängt, durch den Geist der Zerstreuung zu vertreiben. Byzanz, das prächtige Byzanz funkelt heran. Eine Schönheit ohne lebenden Inhalt macht sich breit. Bald wird sie sich lächelnd zum Niedlichen bekennen. Denn auch die großen Worte (übrigens ungefährlich) werden bald nicht mehr beliebt sein. Alles geht ausgezeichnet, seitdem die Menschheit und ihre kleinen Götter durch keinen Titanen mehr gestört werden. Die Unzufriedenen bellen heute bloß und beißen nicht. Jener Hyperion, der Titane von Korsika, der den Helios einer neuen Zeit erzeugen wollte mit seiner Schwester, der Revolution, war ihr letztes Gebiß. Man stopft ihnen das belfernde Maul gleichfalls mit kleinen Behaglichkeiten und darf sich der Zuversicht hingeben, daß einmal auch sie das Maul halten werden. Dann ist's erreicht und das Fettnäpfchen voll.

Als ich in solchen Gedanken das graublau umduftete gelbgraue Felsgemäuer von Korsika eben im Meere verschwinden sah: versinken dem Auge, aber nicht der Erinnerung, die dieses Bild einer schicksalsstarren Größe und Einsamkeit nie verlieren kann, erscholl unter mir ein dreifaches Hurra. Es war ein sächsisches Hurra: sehr hoch und schneidig, aber doch mit dem gewissen Untertone jener nicht ganz echten Gemütlichkeit, die nur meine sächsischen Mitbürger zu vokalisieren imstande sind. Ich hätte am liebsten mit nassem Lehme geworfen. Doch war es gut, daß ich keinen zur Hand hatte, denn, ungestört durch die Projektile eines entarteten Landsmanns, konnte der Sachse nun seinen Triumphschrei wie folgt kommentieren: »Es is doch wärklich ä Hochgefiehl, Madilde, wemmer bedenkt, daß mer auf so äm brachdvollen deitschen Schiffe, so äner Vergerberung deitscher Macht und Herrlichgeet, an dem gottverfluchten Neste vorbeifahren darf, wo der Mann geboren worden is, der es sich hat unterstehen genn, der deitschen Freiheit den Garaus machen zu wolln. Wie stehmer heite da, Madilde? Ieberleg drsch emal!«

Gelobt sei Mathilde, daß sie auf diese Hochgefühle nicht einging, sondern anderen Ueberlegungen Ausdruck verlieh, indem sie sang: »Nu freilch! Awwer gomm! Mer wolln Gaffee dringgn!« –

Ich muß nicht ganz vergnügt ausgesehen haben, als ich kurz darauf meine Frau am Frühstückstische begrüßte. Denn sie sagte: »Siehst du, du hast doch schlechte Laune.«

Aber da schämte ich mich gleich und antwortete lachend: »Nein, es ist mir bloß die Laus über die Leber gelaufen.«

Derlei grobe Finessen der deutschen Bildersprache versteht die Toskanerin noch nicht, und so fragte sie mich, was dieser unappetitliche Tropus bedeute.

Nicht immer bin ich das erwünschte Lexikon, aber diesmal erklärte ich, daß die Laus auf der Leber soviel wie Zorn heißt: schneller Zorn, bereits vergangener Zorn.

Sie fand das Bild verrückt, aber gut, und freute sich herzlich, daß die Laus kein Elefant war. »Denn«, sagte sie, »bei dir kommen auch Elefanten vor. Und manchmal machst du aus einer Laus einen Elefanten.«

»In diesem Falle sagt man Mücke«, dozierte ich, »und wenn zugleich vom Ohr die Rede ist, bedient man sich des Flohs, während man beim Teufel von Fliegen spricht.«

Seitdem frißt bei ihr der Teufel in der Not Elefanten, die Flöhe spazieren auf der Leber, und in den Ohren sitzen Läuse.

Aber sie gibt nun endlich zu, daß die deutsche Sprache zwar nicht schöner ist, als die italiänische, aber bei weitem lustiger. Denn in der Tat wissen die Italiener mit dem Tierreich nichts anzufangen. Daß wir einen dummen Menschen einen Ochsen oder Esel nennen, erklären sie z. B. für eine ganz unangebrachte und sinnlose Beleidigung dieser Vierfüßler. Und wenn sie einen Menschen einen Affen heißen, so wollen sie ihm eine Schmeichelei sagen. Nur beim Schwein und Bock berührt sich ihre Sprachzoologie mit der unsrigen.

Ich verbrachte den Tag mit der Lektüre der »Worte Napoleons«, die Dr. Kircheisen zu einer schönen Sammlung im Verlage von Lutz in Stuttgart vereinigt hat. Welch ein Mensch! »Das Meer ist ein großer Anblick«, schrieb Goethe an Charlotte von Stein: nichts weiter. So findet man auch, steht man dem Phänomen Napoleon gegenüber, keine Worte außer dem Bekenntnis: ein großer Anblick. Das Jenseits von Gut und Böse wurde in ihm zum menschlichen Ereignis, das die Größe einer Elementargewalt hat. Man schweigt und denkt nicht daran, es geistreich zu beleuchten. Es ergreift. Aber nicht tragisch. Napoleon steht über dem menschlich Tragischen seines Geschickes. Wo findet sich dies außer bei ihm und Christus? Sein Tod war elender als der des Gekreuzigten. Das edle Albion ließ ihn langsam verrecken: es gibt kein besseres Wort für diese Schändlichkeit, deren sich heute noch jeder Engländer von adeliger Gesinnung schämt. Aber die unerhörte Qual dieses langsamen Sterbens drückte diesen Geist nicht, sondern sublimierte ihn hoch noch über alle seine Taten hinaus. Er gewann seine volle Größe erst in seiner äußeren Erniedrigung. Es begab sich das Wunderbarste, das die Weltgeschichte kennt: seine Menschenverachtung (in der seine tragische Schuld liegt) fiel von ihm ab, als ihr die schmerzlichste Gelegenheit wurde, sich aufs unwiderleglichste bestätigt zu sehen. Welch ein Mensch! Nicht: Uebermensch! Wie man eigentlich nur Goethe lesen sollte, sollte man nur Napoleon-Geschichte treiben. Aber man müßte dann sogleich entschlossen Einsiedler werden und überdies jeden Spiegel aus seiner Nähe bannen.

Heroenkult! O Gott ja! Wenn wir nur wenigstens dazu noch Kraft der Sammlung und Andacht hätten!

Tsching-tsching-tsching-darada! Tsching-darada bum!

Yankeedudeln wir ruhig weiter! Die Doppelschraube treibt zum alten Griechenland. Wir werden Syrakus mit dem schönen Lied begrüßen:

Da geh' ich zu Maxim!
Da bin ich sehr intim!
Ich nenne alle Da–amen
Bei ihren Kosena–amen.

Nassen Lehm her!

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.