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Yankeedoodle-Fahrt (1)

Otto Julius Bierbaum: Yankeedoodle-Fahrt (1) - Kapitel 24
Quellenangabe
typereport
booktitleDie Yankeedoodlefahrt und andre Reisegeschichten
authorOtto Julius Bierbaum
firstpub1909
year1910
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleYankeedoodle-Fahrt (1)
pages105-120
created20050519
sendergerd.bouillon
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XXIII.

Schluß.

In Neapel hatten wir es sehr gut: wir machten gar nichts mit. Während unsere Yankeedoodlegenossen ein glänzendes Finish dieser Reise in Rekorden leisteten, indem sie Neapel, Vesuv, Pompeji, Capri, Sorrent in 56 Stunden bewältigten, legten wir uns, dem genius loci huldigend, auf die faule Haut. Nur das Nationalmuseum und das Aquarium haben wir wieder besucht, und ich durchstreifte die Stadtteile, die wir während unseres Aufenthaltes im Jahre 1901 nicht kennen gelernt hatten. Daß es dort schön wäre, kann ich nicht sagen. Ich teile die Empörung meiner Landsleute über den Schmutz und die Verwahrlosung in Italien im allgemeinen nicht, aber in den Vierteln Neapels unweit der Landungsstelle der großen Dampfer feiern Elend und Dreck Orgien miteinander, denen auch meine Toleranz nicht gewachsen ist. Auch das, was man das Laster nennt, beteiligt sich daran. Aber es ist eigentlich gar kein Laster; es ist bloß trostlose Armut, die sich stumpf zur Kloake der Begierden fremder Matrosen macht, um ein paar Kupfermünzen zu erraffen.

Lehrreich ist es, mit Matrosen über derlei Dinge zu reden. Ich hörte aus ihrem Munde nur Worte der Verachtung und feindseligen Abscheus. Und das schien ehrlich zu sein, keine Moralischtuerei. Angenehm berührte es mich darum aber doch nicht. Es war nackte Roheit, ja ein Protzen mit Gefühllosigkeit Vielleicht läßt das die Annahme eines mildernden Umstandes zu: es gilt in diesen Kreisen als unmännlich, nicht zu schimpfen; man will den Forschen herausbeißen und stellt sich roher, als man ist. Ich mußte an die sehr viel menschlichere, christlichere Art denken, wie, nach seinen großen Dichtern zu schließen, das gemeine Volk Rußlands über diese Dinge denkt: dieses Elend fühlt, – als Sünde zwar, aber mit liebreicher Milde. Das Brüderlichkeitsgefühl der Russen, das auch für den Verbrecher nur das Wort »Unseliger« kennt und anscheinend ohne jeden Anflug von Selbstgerechtigkeit ist, macht mir die »russische Seele« sehr sympathisch, – soweit ich sie aus Dostojewski kenne. Aber man muß freilich vorsichtig sein, und den Dichtern nicht gleich aufs Wort glauben. Sie leiden meist zu sehr am Leben, um seine wahrhaftigen Verkünder sein zu können. Die Kunst ist auch darum Trost, weil die Künstler sich selber mit ihren Werken trösten. Sie stellen ihre Sehnsucht aus sich heraus, und sie sind in dem Maße groß, wie ihr Volk diese Gestalten als Ideale erkennt. Ein Volk, das keiner großen Ideale mehr fähig ist, kann auch keine großen Dichter mehr hervorbringen. Nietzsche mußte sich an die »guten Europäer« wenden und hat sich mit vollem Fuge dagegen gewehrt, als deutsche Erscheinung angesehen zu werden

*

Wir hatten eigentlich vorgehabt, mit der Bahn über Rom noch Florenz zu fahren. Unser Entschluß, auch den Rest der Reise zu Schiff zu machen, wurde reichlich belohnt: wir lernten das Meer auch von seiner ungemütlichen Seite kennen. Bisher hatte es uns unablässig sanft angelächelt, und mehr als einmal hatte ich zu meiner Frau gesagt; »Euer Meer ist ja gar keins; es ist ein Teich; begib dich mal auf die Nordsee, Toskanerin, da kannst du was erleben; hier fährt man wie auf Pomade.« Ich wurde nachdrücklich dementiert. Von Neapel bis Genua machte uns das geschmähte Gewässer fast unausgesetzt Grobheiten. Aber, und so ist es nun einmal mit der Gerechtigkeit auf dieser wunderlichen Welt beschaffen: nicht ich hatte darunter zu leiden, sondern meine Frau. Ganz zweifelsohne stand es zwar auch um meine gastrischen Verhältnisse nicht, aber ich gehörte immerhin zu dem kleiner und kleiner werdenden Fähnlein der Aufrechten, während meine Frau mehr und mehr zur Horizontale neigte. Ich hätte sie gerne getröstet, aber es fehlt ihr das Talent, sich trösten zu lassen, wenn ihr übel ist. Ein revoltierender Magen ist nicht der richtige Resonanzboden für die wohlgesetzten Weisen zärtlichen Bedauerns.

So blieb mir nichts anderes übrig, als einsamer Dauerlauf. Am liebsten begab ich mich zur höchsten Höhe des Schiffes, wo ich mich, von unsicheren Gefühlen unerquicklich bewegt, an ein Rettungsboot zu lehnen pflegte. Denn, wie ich schon bekannte, ganz in der Gleichwage befand sich auch mein Inneres nicht. Zuweilen bestieg ich, das Schicksal trotzig herausfordernd, das schwedische Kamel im Gymnastikraume, jene von dem einfallreichen Schweden Zander erfundene Maschine, die die Wonnen des Kamelrittes bauchmuskelförderlich nachahmt. Doch wäre mir das beinahe so übel bekommen, daß ich den Fürwitz bald ließ. – Schließlich verlegte ich mich aufs Meditieren. Ich ließ die Dummheiten Revue passieren, die ich in meinem Leben gemacht habe. Und siehe: es war eine so große Reihe, daß ich mit dem Meditieren längst noch nicht fertig war, als wir in Genua ankamen.

Das beste Hotel der Stadt erschien uns gerade gut genug zum Schauplatz unserer Rekonvaleszenz. Aber selbst seine vortrefflichen Betten kaprizierten sich darauf, die ganze Nacht hindurch Schiffsschaukel zu spielen.

Meine Frau wurde die Seekrankheit erst auf toskanischem Heimatsboden los.

Trotzdem erklärte sie ihrem Bruder, es sei herrlich gewesen, und es würde ihr etwas fehlen, wenn sie eine Seereise gemacht hätte, ohne die Seekrankheit gehabt zu haben.

»Es ist furchtbar,« sagte sie, »aber es gehört dazu.«

Ich gönne ihr gerne das letzte Wort, zumal es eine große Lebensweisheit ausspricht.

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