Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Otto Julius Bierbaum >

Yankeedoodle-Fahrt (1)

Otto Julius Bierbaum: Yankeedoodle-Fahrt (1) - Kapitel 21
Quellenangabe
typereport
booktitleDie Yankeedoodlefahrt und andre Reisegeschichten
authorOtto Julius Bierbaum
firstpub1909
year1910
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleYankeedoodle-Fahrt (1)
pages105-120
created20050519
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

XX.

Notizen der Pflichtvergessenheit in Konstantinopel und Anmerkungen über Abdul Hamid.

Konstantinopel – 88 Stunden Aufenthalt!« (sagte das Reisebüro).

»Ist das nicht ein bißchen zu knapp?« (fragte ich).

»I wo,« (meinte ein kluger Mann, der in der Nähe stand), »was wird es denn viel zu sehen geben? Wieder Basare und Moscheen. Und die hab ich schon dicke.«

»Ecco!« (meinte der Geist Alfred Kerrs, der mich eben umschwebte).

Ich rechnete aus, daß von den 88 Stunden ein Drittel für Schlaf abgegeben werden müsse, ein Drittel für Verdauung des Genusses. Demnach fand ich, daß in der Tat recht wenig übrig blieb für diese Weltstadt. Und ich fragte mich, ob es nicht am Ende das gescheiteste wäre, diesmal zu streiken.

Aber wir hatten schon die Tickets gelöst, und so blieb uns offenbar nichts andres übrig, als unsre Pflicht zu tun.

Sie zerfiel in zweierlei: Wanderungen mit Dragomans und Fahrten mit Kutschen. Geschlafen wurde diesmal auf dem Schiffe. Auch die meisten Mahlzeiten wurden hier eingekommen.

So das Programm: die Pflicht.

Aber der Himmel hatte diesmal Besseres mit uns vor. Er sandte uns Herrn Dr. Laßwitz, den Korrespondenten des Berliner Tageblattes, und mit diesem und seiner liebenswürdigen, munteren Gattin haben wir die meiste Zeit in Konstantinopel aufs angenehmste verbummelt und verplaudert: pflichtwidrig zwar, aber genußreich. Da wir auf diese Weise von Stambul, Pera und Galata auch noch mehr gesehen haben, als wenn wir unsere Pflicht getan hätten, so stellt sich die Folgerung ein, daß es zuweilen lohnender ist, seine Pflicht zu versäumen, als sie zu erfüllen.

Abends machte ich mir immer ein paar Notizen über das, was wir gesehen hatten, und ich will diese hierher setzen, gleichsam zum Danke dafür, daß ich einmal auf dieser Reise Muße und Stimmung fand, Notizen zu machen.

1. Die alte Brücke.

Kein Gedränge: ein Menschengeschiebe. Das Fremdartige in Sprache und Aussehen dieser Menge bringt es mit sich, daß man die Leute alle typisch nimmt. Das vereinfacht die Impression. quasi shakespearisch: Das Leben als Komödie. Manchmal tritt eine Solofigur unter die Masse. So: ein kaiserlicher Eunuch: sehr fett, sehr prächtig, sehr hochnäsig. (Recht begreiflich, daß die Hämlinge den Kopf nicht hängen lassen.) – Die Soldaten treten frech auf: große Leute, derb einherschreitend. Sie scheinen viel Neigung zum Schubbsen zu haben. Wohl Atavismus aus der Leibgardenzeit her: Platz da, Gesindel! – Es werden große Mengen von Blumen feilgeboten. Aber sie stammen aus Treibhäusern. Denn hier ist es winterlich im Vergleich mit Ägypten, und auch nach Syrien wirkt die Temperatur recht unlenzlich.

2. Agia Sophia

Enttäuschung. Ich hatte Eindrücke à la Ravenna erwartet: Byzanz in seiner Pracht. Aber diese scheußlichen Reformierten des Ostens haben ja die Mosaiken übertüncht. Dafür hängen riesige Schilde mit Sprüchen herum: Blechschilde. Mohammed war ein rationalistischer Blechschmied; seine Phantasie ging nicht über das Geschlechtliche hinaus (der Himmel als Harem). Vielleicht hat er die Abbildung menschlicher Figuren verboten, weil er sich, wie unsere Mucker und Moralstänker, vor weiblichen Akten fürchtete. Möglich, daß er im Sinne seiner Rasse vernünftig gehandelt hat. Diese Leute hier scheinen allerdings keine sinnliche Kunst vertragen zu können: sie sind zu geil. Ich hörte, daß Türken einander beglückwünschen, wenn ihre Söhne (je früher, je erwünschter) »Frühlings Erwachen« betätigen. (Die Töchter dagegen dürfen das beileibe nicht. Sie haben das Warten zu lernen. Der Sinn der Vielweiberei ist, viele Warterinnen bereit zu haben.) Der Sultan soll in puncto puncti ein sehr echter Türke sein. Alle seine Tücken führt man darauf zurück, daß er sich nach dem Status quo ante zurücksehnt. Die Engländer sagen, seine Deutschenfreundlichkeit führe sich auf den deutschen Professor zurück, der ihn wenigstens etwas reaktiviert habe. (Das kann mehr als ein Witz sein. In früheren Zeiten haben auch manchmal Kanthariden eine Rolle in der Politik gespielt. Die Politik ist die Kunst, Machtfaktoren zu lenken. Warum sollte das nicht auch mit medikomechanisch applizierter Elektrizität geschehen?) – Eine Türe dieser Moschee soll vermauert sein, weil von ihr die Sage geht, durch sie werde ein christlicher Kaiser in die Agia Sophia einreiten. Diese Türe ist ziemlich nieder. Aber ein Kosakenpferd könnte gerade noch durchkommen. – An der Pforte dieser, wie aller hiesigen Moscheen, steht ein Kodakspitzel, der das Amt hat, photographische Apparate zu erluchsen und abzunehmen. (Man darf hier überhaupt nicht photographieren. Und das ist gut so.)

3. Der Eiermarkt.

Abend. Dunkel. Keine Laternen. Aber viele pyramidische Lichtkegel von gelblicher Farbe: Eierhaufen, hinter denen Lichter stehen. Dazu die beleuchteten Gesichter der Händler und Käufer. Wäre etwas für Menzel gewesen.

4. Nächtlicher Gang.

Eine Straße, die einmal eine Treppe war. Jetzt ist sie wie ein Bergsteig in Tirol. Nachtwächter schreiten durchs Dunkel und stoßen mit ihren Keulen auf. Lumpensammler wühlen mit Haken in Abfallhaufen herum, den armen Hunden Konkurrenz machend. Sie tragen Papierlaternen. – Man kommt ins Viertel der Liebesspelunken. Düstere Kaffeehäuser. Im ersten Stockwerke Tingeltangel. Aus einem Bordell fliegt ein Matrose heraus. Hinter ihm her seine Stiefel. Eine gräßliche Person im roten Flanell-Schlafrocke der deutschen Hausfrau erscheint und schimpft. »Aber die Liebe!«

5. Der alte Hund.

Vor der Soliman-Moschee stand ein alter halbverhungerter Hund und sah jeden Eintretenden flehend an. »Er bettelt,« sagte ein kleiner Judenjunge; »er hat keine Zähne mehr. Die anderen Hunde lassen ihn nicht mehr in sein Viertel. Er steht immer hier und sieht die Leute an. Manchmal hat er Glück . . . Soll ich ihm Brot holen?« Wir gaben dem Jungen Geld. Der brave Bursche lief und holte Brot. (War selber ein armer Teufel.) Der alte Hund nahm's, leckte es weich und fraß, dankbar die Rute bewegend. Dann legte er sich in einen Winkel und schlief auf der Stelle ein. Der Hunger wird ihn wecken. Und so fort: Hunger, Schlaf, Hunger, Schlaf, bis er einmal gar kein »Glück« mehr hat. Dann wird einmal der Hunger endgültig dem Hungern ein Ende machen. Und es gab eine Zeit, da biß er die alten aus dem Viertel. Vielleicht träumt er von diesen schönen Zeiten. – Ich begreife es wohl, daß die Menschen darauf kamen, sich einen Gott einzubilden, und das ist gewiß ein Beweis von Gestaltungskraft, von Kunst. Aber ich habe mehr Respekt vor Denen, die diesem Gotte die Attribute des Zorns, der Rache, der Bosheit gaben, als Denen, die ihn einen guten Mann sein ließen. Der »allgütige« Gott ist ein recht problematisches Kunstwerk. – (Was gibt es greulicheres in der Kunst, als den süßlichen Kitsch, den sich das gedankenlose Behagen der Mediokrität über das Schlummersofa hängt?)

6. Der Buchhändler vor der Taubenmoschee.

In der Nähe der Taubenmoschee sind Stände von Händlern mit Büchern und religiösen Gegenständen. Darunter fielen mir besonders Schriftbilder auf: schön geschriebene arabische Schriftzeichen, deren Verwendung zu bildartigen Kompositionen mir bewies, daß der Trieb zum Bilde auf Umwegen selbst bei den gläubigsten Muselmanen zum Durchbruch kommt. Auf einem der Blätter war ein Koranspruch so geschrieben, daß das Ganze wie ein Kahn mit Rudern aussah, hinten eine Fahne; auf einem anderen erblickte man einen Kelch aus Schriftzeichen. – Diese beiden Blätter wollte ich kaufen. Ich wies auf sie hin und zog meine Börse. Der Händler sah mich verächtlich an, zog die Brauen hoch, hielt einen Finger an den Mund und gab eine Art Zischen von sich, nicht anders, als ob er mich wie eine Mücke fortblasen wollte. Ich verstand durchaus, stellte mich aber dumm und legte ein paar Silberstücke auf den Tisch. Der Händler schob sie leise mit dem Rücken der Hand von sich und betrachtete seine Fingernägel mit großem Interesse. Da dilettierte es mich, den Versucher zu spielen: Ich legte ein Goldstück hin. Und siehe: der Händler erhob sich, nahm die Bilder und – schob sie unter den Tisch. Hinter mir kollerte beifälliges Gemurmel hin und her in einer Reihe frommer Beobachter des erbaulichen Schauspiels. Ich ward zum begossenen Pudel und entfernte mich ziemlich rasch. Die Abfuhr war unanfechtbar.

Trotzdem erschwang ich mich zu der Objektivität, diesem gesinnungstüchtigen Islamiten und Traktätchenhändler meinen Respekt zu zollen. Karl Schüler auf der Maximilianstraße zu München, sagte ich mir, gewiß ein vortrefflicher Christ, würde nicht den geringsten Anstand nehmen, auch dem eifrigsten Leugner Gottes sämtliche Heiligtümer seiner Religion auszuliefern, soweit sie sich im Sortimentsbuchhandel befinden, und er würde dies schon zu dem ordinären Preise tun. Dieser hier dagegen ist so fromm, daß er lieber das vierfache des Wertes dieser Spruchornamente zurückweist, als daß er sich mit der unerträglichen Vorstellung belastete, sie im Besitz eines Gjaurs zu wissen. Welch ein Sortimenter! Seine deutschen Kollegen mögen klüger als er sein, und sie stehen mir näher (denn was täte ich, wenn sie meine Bücher nicht so fleißig verkauften?), aber das muß ich sagen: gegen Versuchungen der von mir angewandten Art sind sie durch keine Frömmigkeit gewappnet.

Als ich das aber dem konstantinopolitanischen Vertreter des »Berliner Tageblattes« erzählte, da lächelte dieser schlechte Mensch (nein: er grinste) indem er also sprach: Morgen haben Sie die Bilder, genau die gleichen und von demselben Islamiten. Ich schicke Hornstein, mein Faktotum. Das ist zwar ein Jude, und der Händler kennt ihn als solchen: aber – er trägt einen Fes. Der Buchhändler hat nur das Dekorum gewahrt. Er würde den Bart des Propheten an Gjaurs verkaufen, aber sehen darf man's nicht.

Und richtig: ich habe die Bilder gekriegt.

7. Die Spieldose.

Doktor Laßwitz führte uns heute in Versuchung, nämlich in das größte Lager orientalischer Waren von Konstantinopel, zu . . .Ich habe leider den Namen nicht aufgeschrieben und den Baedeker nicht zur Hand. Um meiner Leser und Leserinnen willen, die einmal nach Konstantinopel reisen, würde ich ihn gerne nennen, denn man kann eher den Besuch von ein paar Moscheen auslassen, als den dieser Firma.

Hier konnten wir uns einen Begriff von der Pracht machen, mit der sich orientalischer Reichtum einmal umgeben hat, denn das Warenhaus enthält außer modernen Arbeiten vornehmlich antike Sachen, die früher reichen türkischen Familien gehört haben. Es sind pompöse Stücke darunter, Sultansgeschenke. Verlockt hätten uns diese nun freilich nicht. Sie sind allzu prächtig und überladen. Was sollten wir z. B. mit einer Tischdecke anfangen, die mit Edelsteinen inkrustiert ist? Es ist nicht nach meinem Geschmacke, fortwährend an Diamanten, Rubinen, Smaragden und was weiß ich hängen zu bleiben, wenn ich vom Tische aufstehe. Ich lasse alle die pomphaften Herrlichkeiten beiseite und notiere nur ein winziges Dingschen, das mir wie ein Spielzeug aus Tausendundeiner Nacht in der Erinnerung geblieben ist: eine Spieldose. Sie stammt aus dem achtzehnten Jahrhundert und ist französische Arbeit, aber eigens für den türkischen Hof gefertigt, wo die Damen eine besondere Freude an diesen Dingen gehabt haben sollen, Ich begreife das, denn diese Spieldose ist nicht bloß kostbar und ein kleines mechanisches Kunstwerk, sondern sie hat auch ästhetischen Wert und poetischen Reiz. Auseinanderlegen läßt sich das freilich schwer. Es ist eine kleine Schatulle, nicht größer als eine Schnupftabaksdose, emailliert und mit Gold und Edelsteinen geschmückt. Drückt man auf einen Knopf, so klappt der Deckel auf, und es erscheint ein winziger Vogel aus bunter Emaille, nicht viel größer, als eine Biene. Dieses bunte Vögelchen beginnt sogleich mit den Flügeln zu rappeln, dann hebt es das Köpfchen mit den Edelsteinaugen und tut den goldenen Schnabel auf. Und beginnt, flügelschlagend, köpfchendrehend, zu singen: ganz, ganz fein und zart: wie ein Traum von Vogelsingen, kaum hörbar, und doch nicht dünn, kümmerlich, sondern bei aller Zartheit voll und schmetternd: ganz im Verhältnis zur Größe des Figürchen. Der Eindruck ist keineswegs bloß niedlich; so winzig das Ganze ist: es ergreift.

Sofort stellen sich Assoziationen aus der Phantasie des Märchens ein, ein bißchen sentimental: vom eingesperrten Vogel, der eigentlich eine schöne Prinzessin ist, – in der Art etwa. Aber damit geht etwas Symbolisches zusammen, etwas ganz tief Rührendes: sanft, wehmütig, ergeben. – Und dann denkt man natürlich auch an die schönen Frauen, die sich am Gesange dieser künstlichen Seele erfreuten, an Frauen mit kindlich abfallenden Schultern, tiefschwarzen, aufgelösten Haaren, karminrot geschminkten Lippen, dunkelumrandeten, schwarzen Augen, deren Aufschlag wollüstig und sanft ist: gut und heiß. Ihre Brüste drängen sich aus dünnen Schleiern, gelblichrosa wie Teerosenknospen, und ihre Seufzer . . . Ewiger Himmel! Ich dichte eine Lithographie »Odaliske« aus den vierziger Jahren. Nein, nein: das Vögelchen war besser. Ich erreiche heute die Kunst dieser Spieldose nicht. – Gute Nacht, Vögelchen! Gute Nacht, Fatima! Morgen geht's vielleicht besser.

8. Der Kelim.

Ich habe einen Kelim gekauft. Von Teheran bis Wurzen kommt ihm keiner gleich. Er hat ein Lachsrot, daß man allen Feinden jede Gehässigkeit, mehr: jede Dummheit verzeiht, sieht man dieses Lachsrot an. (Aber es ist gar nicht lachsrot. Die deutsche Sprache hat kein Wort für diese Farbe. Vermutlich muß man persisch lernen, das Wort dafür zu finden. – O Hafis! Auch dich wollte ich einmal in der Ursprache lesen! Ach, was wollte ich nicht alles!) Anderseits kann man aber auch sehr lasterhaft werden, wenn man diesen Kelim ansieht. Lasterhaft? Unsinn: Gelüstig sollte es heißen. Und das hat mit dem Komparativ von Last gar nichts zu tun, sofern nur die Sinne ihr gutes Gewissen noch nicht verloren haben. Und das ist es eben, was dieser Kelim vermag: er predigt die Schönheit der Wollust, er verführt zur Lust an allem Schönen, er ist wie eine Fahne der Lust an allem, das dem Leben Schwung, Tiefe, Feuer gibt. Also auch der Lust am Weibe. Sein orangenglühendes Rosa (nein, es gibt kein Wort dafür) ist Kuß, Umarmung, Hingeben, Hinnehmen, Vergessen und Erfahren. Theodora, als sie noch nicht Kaiserin war, sondern unschuldig: eine Tänzerin der Lust, fühlte die sanfte Glut dieser persischen Farbe unter ihren Füßen, und Thais, die Seiltänzerin, die auf Darmsaiten schwebte, daß man glaubte, sie schritte in der freien Luft, sah diese Farbe unter sich, wenn sie, wie eine goldene Statue, nur mit Schaumgold bedeckt, unter dem blauen Himmel von Byzanz ihre Künste zeigte. – Himmelblau ist auch in meinem Kelim; dann Schwarz; auch gelbliches Grau, und dunkeldunkeldunkelblau ist seine gezackte Einfassung. An Figuren enthält er zwei wunderliche Gebilde: gleichsam Pyramiden, die in Geierköpfen enden.

Es ist nicht der mindeste Zweifel daran erlaubt, daß dieser Teppich aller Teppiche vor undenklichen Zeiten von einer wunderschönen Perserin eigens für mich gewoben worden ist. Natürlich hat er inzwischen anderen Leuten gehört, darunter ganz gewöhnlichen Menschen, die nicht die mindeste Ahnung davon gehabt haben, was seine Grundfarbe bedeutet, aber erst jetzt ist er in die richtigen Hände gekommen. Wäre er nicht zu schön, um in der Erde zu verfaulen. würde ich bestimmen, daß man meine Leiche einmal darein hüllen soll. Denn kurz und gut, ich liebe ihn, und er hat bloß 60 Pfund türkisch gekostet. (Reiß auf dein Maul, o Neid, und zeig die gelben Zähne!)

9. Der Trödelmarkt.

Wenn ich in Konstantinopel lebte, würde ich die meiste Zeit im Basar der Trödler verbringen. Der hiesige Trödlermarkt ist noch herrlicher als die Auer Dult zu München, – und das will viel heißen. Orient und Okzident sind hier nicht zu trennen. Man findet sie eng beieinander. Die Stadt ist ja international, und international ist auch der Dalles, der zuweilen den Gang zu einem Manne gebietet, der für eine alte Hose ein paar Kupfermünzen übrig hat. Alles findest du hier, o Wanderer, sowohl das, was der Osten, wie das, was der Westen abgelegt hat. – Uns reizte natürlich das Östliche mehr, und wir schleppten, von Frau Dr. Laßwitz glänzend geführt, erstaunliche Kuriositäten zum Yankeedoodle. Ich erwähne: eine persische Fruchtschale aus Porzellan mit Bronzefüßen; eine türkische Patronentasche aus einem undefinierbaren Metall, das sich bei näherem Hinsehn als nicht Silber herausstellte; ein paar türkische Damenhosen mit Stickerei; eine Art Papprelief mit den bunten, lackierten Figuren persischer Dämonen; einen Haremsspiegel, hinten wiederum aus jenem Metall, das sich usw.; einen türkischen Rosenkranz aus Perlmutter. (Anmerkung: Fast alle Männer im Oriente, ausgenommen die, die schwer zu arbeiten haben, beschäftigen sich rastlos damit, diese Ketten durch die Hände gleiten zu lassen. Ich fragte einmal, ob dies aus Frömmigkeit geschehe? Nein, war die Antwort, es geschieht, weil man sonst fortwährend Zigaretten rauchen würde.) – Übrigens ist der Basar der Trödler hier, auch wenn man nichts kauft: nur schaut, ein genußreicher Ort: sicherlich der malerischeste Basar, den wir gesehen haben. Das clair obscur, das in ihm herrscht, kommt den Trödlern sehr zugute, da es allen Gegenständen etwas reizvoll Ungewisses verleiht und eine genauere Prüfung erschwert; aber es bekommt auch dem Gesamtbilde gut. Was en plein air als Gerümpel wirken würde, als hartes Nebeneinander von Farben und Formen, wird durch eine Art feuchten Brauns in einen prachtvollen, vornehmen Gesamtton gebracht.

10. Bosporusfahrt.

    Rechts Asien, links Europen,
Den blausten Himmel oben,
Grün unter dir das Meer:
Mach auf die Augen, schaut
Ins Grüne, Weite, Blaue
Rings über, unter, um dich her.

Hat man außerdem angenehme Reisegenossen wie wir, mit denen sich gut plaudern läßt, weil man einander versteht, so kann es keine schönere Lustfahrt geben, als im Bosporus. Uns fehlte zwar das richtige Bosporus-Wetter, denn der blaueste Himmel meiner Reime umzog sich bald, aber das genierte uns wenig. Ich nahm Dr. Laßwitzens historische Exkurse dafür, der schon von Metiers wegen alles wissen muß, was hier rechts und links jemals passiert ist, und es sehr schön zu erzählen weiß als Sohn eines Dichters und selber Poet. Frau Dr. Laßwitz machte ihrem Gatten Konkurrenz, indem sie von den Schlössern, Villen, Gärten am Bosporus berichtete, und wie angenehm es da zu wohnen sei im Sommer. Seitdem werde ich den Wunsch nach einer Sommerfrische bei Konstantinopel nicht los. Aber ich werde bald versuchen müssen, ihn mir zu erfüllen, denn ich habe die bange Ahnung, daß es schon nächstens Mode werden wird, im Sommer an den Bosporus zu ziehen. Oh, daß die Jungtürken mir einen Pavillon des erledigten Sultans einräumten! Ich würde mich zum Danke dafür gerne verpflichten, der Liberalisierung und Verwestlichung des Osmanenreiches nicht das geringste in den Weg zu legen, ja ich würde mir sogar Mühe geben, daran zu glauben.

*

Der aufmerksame Leser hat sofort bemerkt, daß diese Zeilen unmöglich aus jenem Notizbuch stammen können, dem ich mich während unseres Aufenthalts in Konstantinopel anvertraut habe. Denn damals ahnte noch kein Mensch, außer den Jungtürken (vielleicht!), daß Abdul Hamid so bald aus Yildiz Kiöschk nach Saloniki verschwinden würde. Ich selber bin noch sein Gast gewesen, habe seine Zigaretten geraucht, seinen Kaffee getrunken, seine kandierten Pflaumen gegessen. Es ist der reine Zufall, daß ich dafür keinen Orden gekriegt habe, denn vorher ist dies für genau die gleichen Verdienste oft genug geschehen. Der Kapitän des Yankeedoodle und der junge Herr, der als Vertreter der Onkel Sam-Michel Linie die Reise mitmachte, haben den Hals-Medjidje noch glücklich erhascht, obwohl sie damals nicht einmal getan haben, was ich getan zu haben mich soeben rühmen durfte. Ist das Gerechtigkeit? Bin ich dafür von Hotelportier zu Hotelportier gelaufen, mir einen Zylinderhut zu borgen (Leihgebühr zwei Pfund!)? Habe ich mich dafür zum Gespötte meiner Frau gemacht, indem ich eine verbeulte, gleichsam rhachitische Tube trug, die mir das Ansehen eines betrunkenen Wasserkopfes verlieh? Habe ich deshalb zehnmal aus ihrem Munde hören müssen: Siehst du nun, daß ich recht hatte? (Ich verweise auf die Stelle, die von der ahnungsvollen Absicht meiner Vorsehung handelt, meinen Zylinderhut einzupacken.)

Meiner Seel: Ich war heftig empört, als den genannten Herren der Medjidje zum Halse heraushing. und ich hatte ihn nicht einmal auf dem Frackaufschlag. Und da mußte mir auch noch ein Matrose in den Weg laufen, der sich mit zwei Ordensschleifen brüstete (es war irgend ein Feiertag). »Wie«, rief ich ihn an, »kommen Sie zu diesen Würdezeichen! Wo, wann, von wem erhielten Sie sie wofür?« Der gute Hamborger lächelte geringschätzig: »Das eine Dings hab ich mal in Athen gekriegt. Da brannte es, und wir rückten zum Löschen aus. Wie wir ankamen, war's aber schon alle mit dem Feuer. Na, den Orden haben wir trotzdem gekriegt. An dem andern bin ich aber noch unschuldiger. Da war ich bei der Kriegsmarine, und unsre Schiffskapelle mußte beim Sultan ein Konzert geben. Ich wurde zum Notentragen kommandiert, und wie der liebe Gott den Schaden besah, da hatten sie mich mit abgezählt, und ich hatte den Medjidje weg. Und nun werde ich an allen Fest- und Feiertagen wegen meinem Griechen und Türken verhohnepiepelt.«

So also geht's in der Welt zu! Man verliert alle Lust, sich Verdienste zu erwerben.

*

Ehe ich zu meinem Besuch beim Sultan komme, muß ich noch erwähnen, daß der Kapitän des Yankeedoodle sich am Schlusse der Bosporusfahrt zu einer freiwilligen Zugabe herbeiließ: er fuhr einen kleinen netten Bogen im Schwarzen Meer. Ich fand das symbolisch für diese Art zu reisen. Viel anders als im Schwarzen Meere waren wir ja eigentlich auch anderswo nicht gewesen. Aber: wir waren dagewesen! (Erinnert man sich an den berühmten Ahnherrn der modernen Touristik, der überallhin mit einem Topf voll roter Farbe ging und mit einem Quastpinsel an Fels und Gemäuer schrieb: »Dagewesen. Kieselack«?)

Übrigens führt das Schwarze Meer seinen Namen in der Tat: es ist wirklich schwarz. Die blaue Donau sollte sich ein Beispiel an ihm nehmen.

*

Zum Sultan kam ich durch Vermittlung des Botschafters der siebenten Großmacht: der Presse, den man in Konstantinopel kurzweg den siebenten Botschafter nennt. Es ist dies der älteste europäische Zeitungs-Korrespondent am Goldenen Horn, Herr Weitz. der die »Frankfurter Zeitung« vertritt. Ich hoffe sehr, daß dieser gescheite und erlebnisreiche Mann einmal seine Memoiren schreibt. Niemand weiß wie er Bescheid über die Verhältnisse in Konstantinopel unter Abdul Hamid; niemand kennt die Schliche alttürkischer Politik besser aus eigener Erfahrung als er. Daß selbst ihn die jungtürkische Bewegung überrascht hat (denn sonst wäre unser Botschafter von ihr nicht überrascht worden), beweist am stärksten, wie heimlich und sicher diese Verschwörung gearbeitet hat.

Ich habe mir während des Diners, das er uns im Perahotel gab, aus anekdotischen Einzelzügen ein gutes Bild alttürkischen Wesens zusammensetzen können und bin wenigstens zu einem annähernden Begriffe dessen gekommen, um welche Probleme es sich heute für die okzidentalen Mächte gegenüber der Vormacht des Orients handelt. Die jungtürkischen Erfolge haben diese Probleme wohl nicht wesentlich alteriert, aber die Position Deutschlands scheint durch sie verrückt. Der Hebelpunkt, dem wir am nächsten saßen, ist durch einen ersetzt, dem andere näher sind, als wir . . . Ich glaube, der Freiherr Marschall von Biberstein wird jetzt seltener und nicht mehr mit der gleichen Seelenruhe am Klaviere phantasieren, wie zu Abdul Hamids Tagen. Das tut mir leid, denn der alte, ein wenig an Bismarck erinnernde Herr hat mir nicht nur den Eindruck eines wirklichen Staatsmannes von repräsentativer Linie, sondern auch eines liebenswürdig bedeutenden Menschen von wirklicher Kultur gemacht.

Herr Weitz war so freundlich, mir bei ihm eine Einladung zum Besuche des Selamliks zu verschaffen, die damals sehr schwer zu erlangen war. Die Attentatsfurcht Abdul Hamids war so groß, daß jeder Botschafter eigentlich nur fünf Angehörige seiner Nation mitbringen durfte, und diese Zahl war bereits überschritten, da sich unter den Yankeedoodlepassagieren eine Anzahl höherer deutscher Beamter befand, die ihren Zylinder schon mitgebracht hatten. Trotzdem erhielt ich die Karte, und, da ich schließlich auch den Zylinder erhielt, so durfte ich mich im deutschen Botschaftspalais einfinden, um mit dem Botschafter zum Selamlik zu fahren.

Ich hatte nicht allein den weitaus scheußlichsten Röhrenhut, sondern auch den abscheulichsten Wagen der erlauchten Gesellschaft. Zum Portale des Berliner Schlosses wäre ich mit dieser schmierigen Klapperkarrete gewiß nicht gelangt. Zum Pavillon der Botschafter in Yildiz-Kiöschk kam ich indessen unbehindert. Da ich mich nie zuvor im Gefolge eines hohen Würdenträgers befunden habe, (und da ich auch noch nie meinen Kopf mit dem Zylinderhut eines Hotelportiers bedeckt hatte, dessen Kopfweite der meinen um einige Zentimeter nachstand) so war ich etwas nervös und sehnte aufgeregt den Moment herbei, wo ich wirklich unter Dach und Fach und in der Lage wäre, diese lächerliche Tube abzunehmen. Ich gedachte, sie schon im Vorraume weit von mir weg zu tun, wurde aber bedeutet, daß ich sie bei mir behalten müsse. Der Zylinder galt offenbar als okzidentaler Passepartout. Ich suchte ihn nach Möglichkeit zu verbergen, ließ den Botschafter nicht aus den Augen und gelangte unangefochten in das Staatszimmer des Pavillons. Freiherr von Biberstein ließ sich seine Schutzbefohlenen vorstellen und riet uns, auf eine Terrasse hinauszutreten, um das Ganze besser übersehen zu kennen. Dort mußte ich mich zu meinem Schmerze auch wieder mit der fremden Röhre schmücken, da dies ausdrücklich verlangt wurde. Auch wurden wir bedeutet, beim Nahen des Sultans jede heftige Bewegung zu vermeiden, insonderheit den Zylinder nicht etwa mit einem heftigen Schwunge abzunehmen, da das einen Bombeneindruck machen könnte.

Ich stand kaum an der Brüstung der Terrasse, als ich fühlte, daß jemand hinter mich getreten war. Ich sah mich um und blickte einem Herrn ins dunkelfarbene Antlitz, der zwar auch einen Zylinder trug, jedoch zuverlässig kein Okzidentale war. Aber nicht nur ich warf diesen Schatten; auch die höheren Beamten waren nicht frei davon. Und ich merkte, daß wir unter polizeilicher Aufsicht standen.

Das war mir aber nicht etwa unangenehm. Im Gegenteil: ich freute mich darüber. Denn mein Leibspitzel trug einen Zylinder, neben dem der meine halbwegs normal wirkte.

Nun entwickelte sich das militärische Bild des Aufmarschs der Truppen, das schon unzählige Male in allen Zeitungen mit der ganzen Farbigkeit des Stiles abgemalt worden ist, den ein Aufenthalt im Oriente eingibt. Ich kann nur sagen, daß mich die türkische Infanterie an den Aufzug der Wachtparade in München erinnerte. Dasselbe Blau, dasselbe Rot, derselbe Tritt, derselbe Schmiß; nur statt der Pickelhauben der Troddelfes. Und dann, ja: einige der Offiziere waren rosarot und weiß geschminkt. Das tun die Herren vom Leibregiment in München nicht. Nun, es tun es auch in Konstantinopel nur die Kaiserlichen Prinzen. Man zeigte mir den Lieblingssohn des Sultans. Es war ein hübscher Mensch. (Jetzt ist er außerdem ein unglücklicher.)

Musik. Bewegung in den Massen. Kommandorufe. Plötzliches Erstarren der Soldateska. Dann, von links her, Gemurmel, Geschrei: der Padischa wird von seinen treuen Garden begrüßt. Er kommt. Ordenbedeckte Gardeunteroffiziere (Albanesen in mehr orientalischer Tracht) schreiten seinem Wagen voran. Der rollt langsam her. Der Sultan, in einem sehr einfachen Militärmantel, sitzt gebückt und hält seinen Blick immerzu auf uns gerichtet. Wir nahmen vorschriftsmäßig langsam den Hut ab; ein loyaler Deutscher kann nicht umhin, »Hoch!« zu rufen; der Sultan salutiert (europäisch). Ich lasse ihn nicht aus den Augen, starre ihn an. Er ist, nicht geschminkt, von fast gelber Gesichtsfarbe, hat eine enorme Nase, scharfe Lippen, schütteren (nicht gefärbten) Bart. Aber das ist es nicht, was mich zwingt, ihn so anzustarren. Seine Augen sinds. Ich habe in meinem Leben nicht so furchtbesessene Augen gesehen. »Armer Kerl!« denk ich mir, »armer alter Mann!« Aber gleich dahinter: »Du bist der beste Bruder auch nicht!«

Er fährt, immer zwischen Soldaten, weiter, zur Moschee. In einem längeren Abstande folgten geschlossene Wagen mit Damen seines Harems. Es waren üppige Gestalten in hellen Kleidern mit weißen Schleiern, hinter denen junge, hübsche, stark bemalte Gesichter zu sehen waren. »Armer alter Mann!« sagte es in mir zum zweiten Male. (Oh Gott, wie mag es ihm jetzt in Saloniki ergehen, wo diese Schönheiten nicht einmal Angst mehr vor ihm haben. Der Bart des Großtürken ist nur so lange heilig, als er den Nachfolger des Propheten schmückt. Wer weiß, ob er noch alle Haare hat. – Kein lebender Mensch hat so viel verloren wie er: Macht, Heiligkeit, Freiheit. Und doch bettelte er um sein Leben, als die Abgesandten des Komitees vor ihm erschienen. Es hat mich nicht gewundert, als ich das las. Ich erinnerte mich an diese starren Augen, aus denen heilloseste Furcht stierte. Abdul Hamid ist vielleicht ein diplomatischer Kopf gewesen: kein Staatsmann; denn ein Staatsmann muß auch ein Staatskerl sein: ein Mensch, der groß unterzugehen versteht. Er war wohl zu wollüstig dazu, ein Held zu sein. Helden ist nur eine Sinnlichkeit à la Napoleon erlaubt: vulkanisch, eruptiv, momentan.)

Während der Sultan in der Moschee betete, hatten wir die Ehre und das Vergnügen, Proben der Sultansküche zu kosten. Exzellenz von Marschall empfahl besonders ein Spezialgericht, das in Weinblättern gekocht war und wenn ich recht geschmeckt habe aus Reis mit Hammelfleisch bestand. Es war recht gut, aber die kandierten Pflaumen waren besser. Die größte, die ich ersah, nahm ich, ein Muster für alle Ehemänner, meiner Frau mit; doch stellte sie sich später als ungenießbar heraus, weil ich mich darauf gesetzt und sie zu Pflaumenmus gemacht hatte. Immerhin wurde der gute Wille huldvoll anerkannt. Natürlich trank ich auch Sultanskaffee und rauchte Sultanszigaretten. Sultanssekt aber trank ich nicht, auch hier dem heiligen Forel ein getreuer Jünger. Die anwesenden hohen türkischen Offiziere dagegen bewährten sich als gänzlich abstinenzfrei. Erst wunderte ich mich darüber, da ich an Mohammeds Abstinenzgebot dachte; dann erinnerte ich mich, daß Sekt den Mohammedanern nicht als Wein gilt; und schließlich erfuhr ich, daß die Herren keineswegs Mohammedaner und Türken, sondern Christen und Preußen waren.

Pünktlich nach einer halben Stunde hatte der Sultan sein Gebet vollendet, und wir begaben uns wieder auf die Terrasse. Unsere Leibwache stand schon draußen. Ich sah meinen Wächter kühn und gerade an, um ihm einen Begriff vom mitteleuropäischen Stolze zu geben, der es nicht gewöhnt ist, unter Polizeiaufsicht zu stehen, aber dieser dunkle Herr hatte offenbar keinen Sinn für sowas. Er zuckte nicht im mindesten zusammen, sondern sah mich auch kühn und grade an. Ich entnahm daraus die angenehme Zuversicht, daß die Bewachung gratis und keine Bakschischforderung zu gewärtigen war.

Nun kam das Interessanteste des Schauspiels, das für mich zu einer Art feierlicher Posse wurde. Nämlich: der Sultan erschien, seinen bemalten Lieblingssohn neben sich, in einem anderen Wagen, der mit prachtvollen, vom Padischah selbst gelenkten Schimmeln bespannt war. Er fuhr im Schritt, aber die Schimmel griffen kräftig genug aus, und so mußten die alten Generäle, die rechts und links des Wagens dem Großtürken das Geleite zu geben hatten, sich in einen sehr drolligen Zuckeltrab setzen. Man kann nun aber ein großer Kriegsheld und ehrwürdiger Greis sein, über und über mit Orden bedeckt, weißbärtig und überhaupt eine Exzellenz: wenn man jedoch, wie es bei diesen türkischen Exzellenzen zumeist der Fall war, einen prominenten Bauch hat und mit gutgefütterten Schimmeln Schritt halten muß, und man soll, indem man notgedrungen ins Rennen kommt, auch noch fortwährend den türkischen Gruß machen, bei dem man sich tief zu verbeugen hat, während die Hände bald da bald dorthin zu fliegen haben, und man ist doch auch gehalten, möglichst immer den Padischah anzusehen, und hat, ich weiß nicht was, immerzu zu murmeln und zu flüstern: so ergibt das ein Schauspiel, dem alle seriösen Bestandteile von Feierlichkeit und Würde abgehen, und es kommt ein groteskes Ensemble von wippenden Bäuchen, scheppernden Orden, strampelnden Beinen, schwitzend geröteten Gesichtern, geschleppt hoppsenden Säbeln, zuckenden Lippen, verzweifelt umherfliegenden Händen zustande. Dieser Dauerlauf mag hygienisch seine Vorteile haben, und es mag eine aus altbyzantinischer Zeit stammende, also durch die Tradition geheiligte Loyalitätsgymnastik sein: ich begreife aber doch, daß junge Offiziere, aus lauter Angst, einmal diesen Generalitätshoppser mitmachen zu müssen, lieber eine Verschwörung zur Verwestlichung des Sultanats machten.

Abdul Hamid hatte, während die Bäuche um ihn sprangen, einen gelangweilt hochmütigen Zug im Gesicht. Er sprach nicht einen der hüpfenden Generäle an; nur ab und zu machte die Linke den Stirn-Herz-Augen-Gruß. Als er aber an uns Zylinderhütlern vorüberkam, ermangelte er nicht, scheu hinaufblickend nach europäischer Militärart zu salutieren.

Während der ganzen Rückfahrt hatten die Truppen ihrem Padischah unablässig und sehr laut langes Leben gewünscht.

Wünscht er sich das jetzt selber? Ist seine wollüstige Vitalität diesem Dasein eines Ummauerten, lebendig zwischen jungen Weibern Begrabenen gewachsen? Sehnt er jetzt nicht manchmal den Tod herbei, mit dem er, sonst kein Verschwender, so viele en grand seigneur begnadet hat?

Gewissensbisse quälen ihn gewiß nicht. Er hat getan, was seines Amtes war und sein Recht und sein Interesse. Daß er zum »roten Sultan« wurde, war sein Kismet, nicht sein Wunsch. Er stieg einst auf den Thron, weil er nicht wünschte ermordet zu werden, und er ließ viele Menschen töten, weil er von diesem Throne nicht herabsteigen oder herabgestoßen werden wollte. Wahrscheinlich hat er immer das Gute gewollt: zuerst für sich und sein Haus, dann für sein Reich. Und so macht er sich kaum Skrupel über Vergangenes. Ich glaube: er fürchtet sich immer weiter. Er kann es nicht glauben, daß, wer die Macht hat, einen anderen leben läßt, der immerhin noch der Schatten einer Gefahr für diese Macht ist. Er stiert immer noch um sich, zuckt immer noch zusammen, wenn sich eine Türe öffnet, wittert immer noch in jeder Suppenterrine, jedem Becher Gift. Vielleicht ist das sein Trost, was wir für seine Pein halten: daß rings um ihn, auf das Geheiß des Komitees, die Mauern wachsen, die ihn von der Welt abschließen. Das Schlimmste für ihn wäre wohl, wenn der Vers Wilhelm Buschs zum Ausklang seines Lebens würde:

Der Sultan winkt, Suleika schweigt
Und zeigt sich gänzlich abgeneigt.

Nichts endet so in Qualen, wie eine feige Seele voller Wollüstigkeit ohne Kraft. Mit raffinierterer Grausamkeit ist noch kein Sultan umgebracht worden. Die Jungtürken sind echte und gelehrige Jünger der westlichen Humanität.

*

Nach den hüpfenden Generälen sah ich die tanzenden Derwische. Sie waren im wildesten Drehrausch, als ich erschien. Wie sie aber mein rundes Haupt mit der schmächtigen Röhre erblickten, kamen sie aus dem Konzept und hörten sofort auf. Angesichts meiner erstaunlichen Erscheinung war keine Ekstase, keine Andacht mehr möglich. Entgeistert, hypnotisiert starrten sie mich fanatisch grinsend an. Erst als ich mich entfernt hatte, kam der Geist wieder über sie.

Schleunigst begab ich mich mit Herrn Hornstein, dieser edelsten Perle aller Führer von Konstantinopel, in das Hotel, dessen Portier aus der Vermietung seines degenerierten Zylinders an Selamlikbesucher eine anständige Rente bezieht. Ich fühlte mich gleichsam zu Hause, als ich meine alte Reisemütze wieder auf hatte. Hornstein wollte uns noch schnell auf den Galataturm führen; ich hatte aber für diesmal den Geschmack an allem Turmartigen verloren und ging mit meiner Frau und dem Ehepaar Laßwitz in ein vortreffliches Restaurant, wo es als Nachspeise das Herrlichste gab, das der Orient an Nationalgerichten zu bieten hat: Yaorth (oder Yourth, auch Yogurth). Eigentlich aber ist das nichts anderes, als gestockte Milch. Nur soll irgend eine Pilzhefe daran sein, die wir armen Westler nicht kennen, und diese geheimnisvolle Zutat ist es, die die Schlippermilch des Ostens gleichsam vergeistigt, ihr einen Geschmack verleiht, – einen Geschmack . . . . Außerdem soll man hundert Jahre alt werden, wenn man täglich Yaorth (oder Yourth, auch Yogurth) ißt. Ich würde das trotz dieser Drohung ganz bestimmt gerne und pünktlich tun. Aber dieser göttliche Hefenpilz verliert seine Kraft, wenn er die Luft des Orients verlassen hat. Nicht einmal Hornstein, der Alles kann, war imstande, mir welchen zu schicken, der fähig gewesen wäre, okzidentale Milch zu vergeistigen.

 << Kapitel 20  Kapitel 22 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.