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Yankeedoodle-Fahrt (1)

Otto Julius Bierbaum: Yankeedoodle-Fahrt (1) - Kapitel 20
Quellenangabe
typereport
booktitleDie Yankeedoodlefahrt und andre Reisegeschichten
authorOtto Julius Bierbaum
firstpub1909
year1910
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleYankeedoodle-Fahrt (1)
pages105-120
created20050519
sendergerd.bouillon
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XIX.

Vom Komment; vom umgekehrten Bakschisch; vom Rationalisten Gustav; von der Moral; von der Sklaverei; vom Ruhm.

Es war ein Sonntag, als wir Jerusalem verließen. Während ich, vor dem Hotel stehend, auf unsern Wagen wartete, kam ein Automobil angefahren. Christus auf dem Palmesel wird nicht viel feierlicher eingeholt worden sein, als der im Lederdreß stolz am Lenkrade sitzende Herr mit der Unholdsbrille, der den Lauf seiner Maschine zum Schritt-Tempo abdrosseln mußte, weil halb Jerusalem vor ihm herzog. Zwar bemühten sich ein paar Kawassen, das hingerissene Volk mit Peitschen auseinander zu treiben, aber es half nichts. Man rieb sich den Buckel und ließ sich den Genuß nicht rauben, vor oder neben diesem geheimnisvollen Fuhrwerke schreiend und armschlenkernd einherzuziehen. Zwei junge Burschen kamen aus irgend einem Grunde in Streit und fielen übereinander her. Es sah aus, als wollten sie sich gegenseitig die Nase abbeißen. Doch bemerkte ich bald, daß sie eine andere fechterische Absicht hatten: jeder versuchte, dem anderen mit den Fingern in die Nasenlöcher zu fahren. Es sah unbeschreiblich ekelhaft aus, wie es dem einen gelungen war. Der Besiegte kreischte röchelnd auf und warf sich hintüber: das Blut schoß in zwei Strömen aus den Nüstern. Der Sieger wurde beglückwünscht.

Zuschauende Yankeedoodler fanden das »echt orientalisch« und bestärkten sich in der Überzeugung, daß die Bevölkerung des Ostens aus halb Wilden besteht. Wohl möglich, daß sie recht hatten. Nur darf man nicht vergessen, daß auch bei uns recht blutig gerauft wird. Bloß die Technik ist verschieden. – Der Anblick war abscheulich, das ist wahr. Aber ich erinnere mich, oberbayerische Holzknechte gesehen zu haben, wie sie einander Maßkrüge auf den Schädeln in Stücke hauten; das sah kaum anmutiger aus. Doch, es ist richtig: vergleichsweise hatte es etwas Kultivierteres. Es war immerhin eine Art Waffe, mit der der blutige Effekt erreicht wurde, und das ist es, was wir wollen: es soll zwar Blut fließen, aber vermittels eines Instrumentes. Ist dieses Instrument ein Säbel, Degen, Schläger, so finden wir die Sache sogar nobel, – vorausgesetzt, daß Regeln dabei beobachtet werden: daß Komment bei der Sache ist. Indessen, wer weiß: am Ende vollzog sich auch dieser Kampf um die Nüstern kommentmäßig, und es fehlte uns westlichen Betrachtern nur die Kommentkenntnis. Ich mußte an die südtiroler Bauernmensuren denken, die zwischen Bozen und Meran bis in die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zwischen Liebesrivalen auf einer bestimmten Anhöhe unter allgemeinem Volkszulauf ausgefochten worden sind. Dabei handelt es sich um Wertvolleres, als Nasenlöcher: es galt, dem Gegner ein Auge auszudrücken, um ihn entstellend für immer zu zeichnen. Dabei ist es streng kommentmäßig zugegangen. Ein ehemaliger Teilnehmer hat es mir genau auseinandergesetzt, welche Griffe erlaubt, welche unerlaubt waren. Und der bäuerliche Ehrenkodex gebot, daß, wenn der Unterlegene nach Verlust eines Auges auf Fortsetzung des Kampfes bestand, der andere darauf eingehen mußte. Verlor im zweiten Gange nun er, so mußte die »Gitsch« (das Mädchen) zwischen zwei Einäugigen wählen. Verlor der zuerst Unterlegene nochmals, so war er halt blind, und der Ruhm des andern doppelt. – Es hat der Polizei viel Mühe gekostet, diesen Komment auszurotten. Und die südtiroler Bauern sind keine Orientalen.

*

Meine Frau verließ Jerusalem mit einem angenehmeren Eindrucke. Nicht allein, daß ich ihr bei einem Händler neben dem Hotel ein buntgoldenes Brokatkleid gekauft hatte (warum soll ich mit dieser ebenso ästhetischen wie generösen Handlung hinter dem Berge halten? Man kommt nicht alle Tage nach Jerusalem): als sie den Laden verlassen wollte, drückte ihr der Handelsmann auch noch ein hübsches seidenes Tüchlein in die Hand und sagte: »Madame, Bakschisch!« Seitdem hat sie in jedem orientalischen Geschäft, ganz aller Würde bar, beim Abgehen so süß wie irgend eine Orientalin geäugelt und geflüstert: Bakschisch? – Hat aber nur noch einmal, in Konstantinopel, damit Erfolg gehabt, wo sie eine Flasche Rosenöl davontrug, – eine Flasche mit einem Tropfen Inhalt, und dieser Tropfen roch nur ihr gut: Odeur de Bakschisch.

*

Nach Jaffa zurück. Von Jaffa nach Konstantinopel. Eine schöne, ruhige Fahrt unter blau – blau – und noch einmal blauem Himmel. Irre ich nicht, so sahen wir hier endlich die lange ersehnten Delphine. Gustav, der nette Hamburger Junge, der als Leichtmatrose die nautische Aufgabe hatte, unsre Stühle bald da bald dorthin zu stellen, die Geländer abzuwischen, den Boden zu waschen und uns geographische und maritime Aufklärungen zu geben, pflegte diese Tiere Hundsfische zu nennen. Im übrigen wußte er von ihnen nur zu sagen, daß sie wie Kalbsbraten schmeckten. Ich ließ ihn bei diesem Glauben, belehrte ihn jedoch, daß Arion, ein griechischer Musikante, auf ihnen zu reiten pflegte, wenn er die Laute schlug. Aber Gustav erklärte ernsthaft, daß er das nicht glaube. Es werde wahrscheinlich ein Walfisch gewesen sein. Die Hamburger sind Rationalisten.

Von den Küsten und Inseln, an denen wir vorüberfuhren, schweige ich. Namen sind Schall und Rauch. Wohl möglich, daß meine Augen Kypros gesehen haben (minder Gebildete sagen Zypern, ganz Gebildete fügen hinzu: türkisch Kibris), jenes Eiland, das . . . Genug! Ich bin mit einer Drei in der Geographie vom Gymnasium abgegangen und wünsche nicht, den Eindruck zu erwecken, als hätte ich einen Einser gehabt. Den hatte ich nur in der Religion.

Mich interessierten auf dieser Reise am meisten zwei Mädchen.

(Ein vorwitziger Leser: Welche Note hatten Sie in der Moral, mein Herr? – Antwort: Genügend. Und Gegenfrage: Nennen Sie mir, bitte, irgend einen Menschen, der darin eine bessere Zensur verdiente?! Ist es nicht vollkommen genug, genügend moralisch zu sein? Ist moralische Vollkommenheit unter irgend einem Gesichtswinkel auch nur wünschenswert? – Und ein Bekenntnis: Ich verdanke meine besten Momente, meine auch innerlich reichsten Erlebnisse den gnadenvollen Zuständen, in denen ich selber mir nur die Note »kaum noch genügend« auf diesem problematischen Gebiete zuerkennen konnte. Oh, daß ich mich doch einer schlechteren Note würdig erwiesen hätte! Wie viele Erdbeeren liegen mir im Magen, die ich nicht gegessen habe, obwohl sie vor mir standen. – Mein Herr, Sie haben mich aus dem Konzept gebracht, und ich möchte am liebsten gar nicht mehr hineinkommen. Denn dieses Thema interessiert mich sehr.)

Zwei Mädchen. Sie waren nicht weiter hübsch. Sie waren auch gar nicht elegant. Und sie waren wahrscheinlich dumm wie Bohnenstroh. Aber: es waren zwei Sklavinnen.

– Woher wissen sie das?

Eine Stewardeß hat es mir gesagt.

– Ist es auch ganz sicher?

Ich hoffe.

– Pfui!

Warum pfui?

– Die Sklaverei verstößt gegen göttliches und menschliches Recht.

Ich beuge mich davor bis zum Erdboden, aber ich sage im Winkel von 90 Graden das: Diesen beiden Halbnegerinnen ging es brillant. Die Orientalen sind schon in den ältesten Zeiten sehr nett mit ihren Sklaven gewesen, und sie sind es jetzt erst recht, wo auch in der Türkei die Sklaverei formell aufgehoben ist. Man kauft sie nicht mehr offiziell; man – kriegt sie irgendwie. Und, wenn man sie hat, so sorgt man dafür, daß sie sich fortpflanzen. (Wozu es keines tyrannischen Druckes bedarf.) Und, wenn es ihrer zu viel werden, so gibt man den Überschuß weiter, sodaß sie also ein anderer – kriegt. Aber überall werden sie aufs beste gehalten. Und sie haben gar nicht den Wunsch, »frei« zu werden. Sie haben nicht den Wunsch, aufkündbare Dienstboten zu sein, die plötzlich einmal mit dem Bündel in der Hand vor der Türe stehen. Sie gehören zur Familie, sind als Willenlose geboren, um als Sorgenlose zu leben und zu sterben. Für Orientalen ist das ein sehr angenehmer Zustand. Fällt aber einmal der Funke höheren Menschengefühls in so eine Seele, dann darf sie sicher sein, daß kein Herr sie zwingen will. Denn so dumm sind Orientalen nicht, daß sie Unzufriedenheit in ihren Kreis zwingen.

Mit anderen Worten: man kauft keine Sklaven mehr: man züchtet welche. Aber auf gelindeste Art. Es ist das die orientalische Lösung der Dienstbotenfrage: frei von aller Phrase, gewiß nicht ideologisch, aber vernünftig und für diese Völker probat.

(Das weiß ich aber nicht von der Stewardeß, sondern aus orientalischer Quelle.)

Wenn es meine Leser beruhigt, so darf ich demnach hinzufügen: ganz richtige Sklavinnen waren die beiden schokoladenfarbigen Mädchen also nicht; aber eigentlich waren sie gewiß welche.

Sie gehörten zu einem vornehmen alten Türken, dessen Frau und Enkelin sie nach Konstantinopel begleiteten. Der alte Herr stellte die vier unter den Schutz und die Obhut meiner Frau, doch bekamen wir immer nur die beiden Dienerinnen (um das anstößige Wort zu vermeiden) und ihre kleine Gebieterin zu sehen. Die alte Dame blieb gänzlich unsichtbar und lag, nach der Aussage der Stewardeß, immerzu im Bett. Das war den beiden Mädchen gerade recht, denn nun durften sie, wie Gustav sich undelikat ausdrückte, die »Klappe hochziehen«, d. h. die Verschleierung bloß noch als Mittel zur Koketterie benutzen. Und sie kokettierten allerliebst mit ihren verliebt neugierigen Kinderaugen und schwatzten und plapperten und kicherten, daß es eine Art hatte. Zu meiner Frau schienen sie eine besondere Zuneigung gefaßt zu haben. Schade nur, daß sich die mit ihnen nur durch Lachen verständigen konnte. Alle vier (auch die Kleine war von der Partie) standen oft zusammen und schrieen vor Vergnügen. »Was macht ihr denn?« fragte ich zuweilen. »Du siehst es ja,« antwortete meine Frau: »wir lachen uns tot.«

Ich hätte gar nichts dagegen gehabt, wenn uns die alte Madame die beiden zum Andenken geschenkt hätte. Aber meine Frau meinte sehr richtig: Bei uns werden sie doch bloß Dienstboten, und dann ärgert man sich tot, statt sich tot zu lachen.

Das ist der Unterschied zwischen Okzident und Orient auf diesem Gebiete.

Als wir im Hafen von Konstantinopel festmachten, erfuhr mein Selbstgefühl eine bedrohliche Blähung. Ich wollte eben in die Dampfbarkasse steigen, da näherte sich mir höchst respektvoll ein Mann mit weißem Henriquatre und sprach in einem Französisch, dessen akademische Richtigkeit ich nicht kontrollieren kann: »Mein Herr, ich habe die Ehre, Sie in Konstantinopel zu begrüßen. Lesen Sie dies!« (Er drückte mir ein französisches Blatt in die Hand.) »Ich bin der Verfasser des Artikels, der glücklich ist, der europäischen Kolonie Konstantinopels die Ankunft eines Dichters bekannt geben zu dürfen, dessen Ruhm auch am Goldenen Horn leuchtet.«

Teufel, dacht ich mir, das fängt gut an. Dieser Literarhistoriker hält mich für einen Kapitalisten.

Aber ich hatte dem Herrn unrecht getan. Er litt bloß an Stoffmangel und hatte keine bösen Absichten. Mein Name in der vorangeeilten Passagierliste hatte ihm einen Artikel über den Lustigen Ehemann eingegeben.

»Lieblich tönet des Ruhms lockender Silberklang« zitierte ich (vermutlich nicht ganz richtig) den Ahnen Klopstock und fuhr mit dem Gefühle, Lorbeer über meinem Lordshut rascheln zu hören, zum Landungskai.

Dort rutschte ich auf einer Apfelsinenschale aus und fiel lang hin.

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