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Yankeedoodle-Fahrt (1)

Otto Julius Bierbaum: Yankeedoodle-Fahrt (1) - Kapitel 19
Quellenangabe
typereport
booktitleDie Yankeedoodlefahrt und andre Reisegeschichten
authorOtto Julius Bierbaum
firstpub1909
year1910
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleYankeedoodle-Fahrt (1)
pages105-120
created20050519
sendergerd.bouillon
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XVIII.

Von der heiligen Stadt und allerhand darin, z. B.: Mitbringseln für Touristen, Pilger und Antiquitätensammler; vom Tempelberg; von der kleinen Maria; von der via crucis; von der Heiliggrabkirche; von der Klagemauer; von Bethlehem.

Das Hotel Fast, das uns in Jerusalem beherbergte, gehört einem Württemberger und ist recht gut. In der Nähe befinden sich einige photographische Ateliers, deren Spezialität darin besteht, die Karawansen aus Europa und Amerika als Araber zu photographieren. Man steckt sie in Burnusse, windet ihnen Tücher ums Haupt, umgürtet sie mit Waffen, und die Wüstlinge sind fertig. Sodann gibt es, gleichfalls nahebei, reich assortierte Lager von Ansichtskarten und anderen Andenken an das heilige Land, als da sind: Kreuze, Broschen, Zigarettenspitzen, Ketten aus Perlmutter; Schatullen, Schreibzeuge, Notizbücher, Spazierstöcke aus Olivenholz; Tintenfässer, Aschenbecher, Briefbeschwerer aus schwarzem Stein vom toten Meere. Das hübscheste sind in Olivenholz gebundene Bücher mit eingeklebten, in einem naiven Geschmacke sehr nett zu Buketts vereinigten trockenen Blumen aus der Umgegend Jerusalems.

Die Fremdenindustrie hat sich also seit Fallmereyers Zeit beträchtlich gehoben.

Die Pilgerindustrie dagegen ist die gleiche geblieben. Sie ist die interessantere, weil sie, wenn schon nicht Gefühlshintergrund, so doch Gefühlsperspektive hat. Diese Perspektive richtet sich zumeist in die Seelen russischer Pilger. Für diese sind die dünnen Gardinen gemacht, auf denen in Schablonendruck ein byzantinischer Christus steht, und die ebenso hergestellten kattunenen Kopftücher in dunkelblau mit der weißen Taube des heiligen Kreuzes. Auch Seife gibt es mit dem aufgeprägten Bild Christi; schon die Frömmigkeit verbietet es, sich mit ihr zu waschen, denn das hieße, das Bild des Herrn auslöschen.

Doch ich will der russischen Pilger nicht spotten. Zweierlei hat mich in Jerusalem tief ergriffen: die Inbrunst ihres Glaubens und die Inbrunst des Schmerzes der betenden Juden an der Klagemauer.

Wer weder Pilger, noch Karawanse ist, weder Erbauungsgegenstände, noch Touristenkinkerlitzchen sucht, kann, wenn er es versteht, sich umzusehen, interessante Altertümer, zumal byzantinischer Herkunft, finden. So hätte ich für 40 Franken die riesigen Supraporten aus einem renovierten griechischen Kloster kaufen können, auf denen das jüngste Gericht nach byzantinischer Auffassung in zwar wenig intakter, aber guter Malerei zu sehen war. Auch Teppiche sind billig zu haben. Jerusalem scheint überhaupt der billigste Trödelmarkt des Orients zu sein. Hier wird ja auch geistig mit abgelegten Kleidern gehandelt. Das Würfeln um den Leibrock Christi damals war ahnungsvolle Symbolik. Wer hat ihn erknobelt? Ein germanischer Legionär. Bei wem hat er ihn versetzt? Bei einem jüdischen Pfandleiher. Und wo ist er nun? Man kann es im deutschen Kommersbuche lesen.

Ich verdenke es keinem Frommen, wenn er mir diese Anmerkung übelnimmt; ich habe hier den Frommen auch manches übelgenommen. Denn man braucht kein Christ zu sein, um Ärgernis an den Christentümern zu nehmen, die sich hier präsentieren. Christus ist ein Heiliger der Menschheit; er gehört allen, die Ehrfurcht vor dem Geiste und Bewunderung für Heldentum haben. Es kann uns nicht einerlei sein, wenn aus einem großen Menschen ein problematischer Gott gemacht wird. Wir denken jetzt ohne Heftigkeit darüber: tolerant im eigentlichsten Sinne; denn gerade der temperamentvolle Denker Christus und die Entwickelung, die seine Lehre genommen hat, haben uns gelehrt, daß ideale Forderungen an die Menschheit wenig Aussicht auf Erfüllung haben, und daß diese schließlich, wenn auch auf Umwegen und nur in einer Auslese, von selber zur Vernunft kommt; auch wissen wir, daß die Masse nur für karikierte Ideale Sinn und Begriff hat, und daß sie sich am Ende im Fratzenhaften sogar wohlfühlt; und unser Egoismus ist resolut genug, selbst aus der Betrachtung dieser menschlichen Insuffizienz und ihrer oft sehr schönen Folgen ein lebhaftes Vergnügen zu ziehen, wie aus einem Schauspiele, das unsere eigene Mangelhaftigkeit vergröbert widerspielt: aber wir sind es uns selber schuldig, immer wieder »herzhaft zu protestieren«. um, gleichviel vor welchem Forum, unsere Seele zu retten: unsere stolze Bescheidenheit, die keinen Heiland für sich bemüht sehen will, weil sie an ihre eigene Kraft glaubt, das Abenteuer des Lebens, wenn auch nicht glückhaft, so doch mannhaft zu bestehen. Daß viele beim letzten Treffen fallen, wissen wir, und nur wenige sind ihrer selbst sicher. Aber nur der Feige kapituliert, bevor die letzte Patrone verschossen ist.

*

Meine gutkatholische Frau und ich haben Jerusalem auf zweierlei Weise gesehen, und doch sind wir zu einerlei Meinung über das Gesehene gekommen: hier liegt Schutt. Es freut mich, daß diese Erkenntnis sie nicht um ihren Glauben gebracht hat, denn wenn der Glaube lebendig und einem Menschen gleichsam organisch ist, so ist er eine Lebenskraft mehr. Wer ihn nicht hat und unvermögend ist, andere seelische Kräfte so auszubilden, daß er seiner nicht bedarf zu einem Weltbilde von ruhiger Geschlossenheit, dem fehlt etwas wesentlich Menschliches. Aber es geht auch so. Die meisten Menschen haben weder durch Glauben, noch durch Denken ein Weltbild gewonnen. Aber sie sind auf eine Zeitung abonniert.

*

Das Schönste, das Jerusalem fürs Auge hat, ist das Plateau, auf dem der Tempel Salomonis stand und nun, über dem alten Opferfelsen errichtet, die Omarmoschee mit ihrer grünen Kuppel steht. Denke ich an den Tempelberg zurück, so habe ich eine wundervolle Erinnerung an etwas herrlich Helles mit wenigen, aber edel klaren Farben. Außer der leuchtenden Moschee (in meiner Erinnerung spricht Gold mit) gibt es wenig gegenständliche Einzelheiten: Zypressen, Ölbäume, ein paar alte Mauernreste, ein paar Brunnen, ein paar wiesige Flecke. Aber dieses sonnige, fast schattenlose Ganze hat einen wundersam klarblauen Himmel über sich, und die Luft ist von einer Transparenz, die selbst den aus Toskana Verwöhnten überrascht.

In der Moschee tritt alles zurück neben dem unbehauen aufragenden Moriahfelsen mit seinen Blutrinnen. Dieser Felsen trug die erste Andacht zu einem Gotte. Unser Führer, der seinen Baedeker wohl studiert hatte, machte uns mit einem kleinen Extratremolo in der Stimme darauf aufmerksam, daß wir uns an der Wiege des Monotheismus befänden. Ich sah im Geiste hammelschlachtende Priester und fand die Vorstellung: Haeckel, einen Affen sezierend, schöner.

Auch in den »Ställen Salomos« waren wir. Es sind unterirdische Gänge mit schönen Säulen. Daß die alten Juden Pferdeställe so prachtvoll ausgestattet haben, glaube ich ganz und gar nicht.

Sodann wanderten wir in eine ganz moderne Kirche, von der ich jede Erinnerung verloren habe, doch gab es da ein wunderhübsches Bild der kleinen Maria: Maria im Wickelkissen. Ein entzückendes kleines Mädchen. Als sie groß war, besuchte sie hier nebenan die heilige Elisabeth, »und das Kind hüpfete in ihrem Leibe«. Auch ist hier der Teich mit dem wundertätigen Wasser. Doch scheint seine Wunderkraft dahin zu sein, denn Jerusalem wimmelt von Krüppeln, Blinden, Aussätzigen. Ich kaufte meiner Schwägerin, der sanftesten, gütigsten und schönsten Nonne, die ich je sah, eine Medaille mit der Maria bambina. Es sind französische Mönche, die diese Marienkirche betreuen, und der führende Pater sprach mit einer Art frommer Galanterie von der kleinen Maria.

Die nächste Kirche, die wir besuchten, wird dagegen von deutschen Nonnen bedient. Die Oberin war eine anscheinend sehr gebildete Dame, denn sie sprach mit ruhiger Kritik von der Fragwürdigkeit der meisten Legenden über die heilige Topographie Jerusalems. Den Bogen aber, um den herum ihre Kirche (auch ganz neu) gebaut ist, wollte sie doch als den angesehen wissen, auf dem Christus dem Volke nach seiner Verurteilung gezeigt wurde. Und das hat auch wirklich nichts wider sich. Denn dieser Bogen ist in der Tat der Rest eines römischen Staatsgebäudes, und man hat immer angenommen, daß von hier aus die via dolorosa begann. Nur lag diese viel tiefer, als die Straße, die man jetzt mit diesem Namen bezeichnet. Die Nonne führte uns in Souterrainräume, die ohne weiteres als Reste eines alten Hofes erkennbar waren, von dem aus man jetzt einen Teil der alten, breiten, gepflasterten Straße bloßgelegt hat, die wohl wirklich die war, auf der Christus sein Kreuz hat tragen müssen. Auch wenn nicht am Ende der ausgegrabenen Strecke eine Statue des unter dem Marterholze niedersinkenden Leidensmannes aufgestellt gewesen wäre, hätte uns der Anblick dieses Bodens ergriffen. Er ist ganz mit breiten Steinplatten gepflastert, in denen man, wie in Pompeji, die Gleise sieht, die die Wagenräder hineingefurcht haben. Im Hofe selbst sieht man noch eingeritzte Linien und Löcher für das antike Kugelspiel. Auffällig ist die Breite der Straße. Jetzt gibt es in Jerusalem, verglichen damit, nur Gassen. Jerusalem war gewiß zu Christi Zeiten beträchtlich mehr, als das jetzige Gewinkel schmutziger Häuserreihen.

Wir kauften der Klosterfrau gerne ein paar Deckchen um das doppelte ihres Wertes ab, die von kleinen Zöglingen des Klosters hergestellt waren. Alles was die »lateinischen Christen« hier für das arme Volk tun, ist der Hochschätzung und Förderung wert. Die katholische Kirche erscheint unter den andern Christentümern Jerusalems wie eine edle Matrone: Caritas, die Armut an ihre Brust nehmend.

Eine kleine, dunkle, mit vielen, vielen Lichterchen besteckte Kapelle ist dort errichtet, wo Veronika den Schweiß vom Antlitze Jesu gewischt haben soll. Was für ein schönes Märchen das ist vom dem Bilde im Tuche! Und wie menschlich man doch damals war gegenüber verurteilten Verbrechern. Heute lebt diese Menschlichkeit wohl nur noch im russischen Volke, wo auch das alte Christentum noch lebt: byzantinisiert, schwül, ekstatisch – uns ein klinischer Anblick. Was folgt daraus? Lest Dostojewski!

Ich nenne diesen Namen nicht von ungefähr. Wie mir in Baalbek Nietzsche vor die Seele trat, so in Jerusalem er. Und, wenn ich es versuchte, mir den Nazarener vorzustellen, wie er hier, das Auge nach innen gerichtet, doch manchmal mit einem glühenden Blicke alles umfassend, was um ihn war, so erschien er mir immer unter dem zerfurchten Bilde des großen Russen: nur jugendlicher, aufrechter, liebevoll heftiger. – Beide liebten aus einem innerlich stolzen Herzen das Zertretene; beide wählten, eigene Ungebärdigkeit der Seele meisternd, die Demut als Waffe und Ziel; beide sahen in der Schwäche das seelisch Edle und in der Macht das seelisch Gemeine. Aber Christus, der den gefühlvollen Johannes liebte, hinterließ als Erben den schlauen Paulus. Und Dostojewski, der ein großes Kind geliebt hat: das russische Volk, wird gleichfalls falsche Erben finden. Jährlich tragen hunderttausend russischer Dostojewskiherzen die dumpfe Inbrunst ihres Glaubens zum heiligen Grabe nach Jerusalem – aber die Popen, die sie anführen, haben russische Paulusgesichter. Es ist die Verwünschung allen Glaubens, den Propheten und Dichter erfühlen, daß er zum Metier von Pfaffen wird, die, keineswegs aus Niedertracht, oft sogar in der besten Meinung, nichts anderes tun können, als ihn schlicht und recht zu einem Stiefel zu verhunzen, der allen passen soll und jeden drückt. Das Schlimmste aber ist, daß jeder seine Fasson für die allein richtige, echte hält, während, um im Bilde zu bleiben, Christus in Sandalen ging.

*

Die Kirche zum Heiligen Grabe in Jerusalem ist gewiß das merkwürdigste Gebäude der Welt, und ich möchte wohl die Geschichte von ihr nach den Quellen studieren. Mein Pietist und Buchhändler aus Altona, dessen wütig fromme Beschreibung Jerusalems sehr lehrreich zu lesen ist, nennt sie einen »italiänischen Raritätenkasten« und den »allerberühmtesten Götzentempel der ganzen Welt«. Er hat noch den richtigen alten furor protestanticus im Leibe und zieht den türkischen Kaiser dem römischen Papst bei weitem vor. So wilde Protestanten gibt es ja wohl heute nicht mehr. Aber über die Grabeskirche sind doch die meisten recht außer sich. Anfangs glaubte ich, es sprach da ein bißchen Ärger mit, weil sie nicht auch ein Käfterchen drin haben neben den älteren Brüdern in Christo. Aber nein: »Da gehören wir nicht hinein, Gott Lob und Dank!« hörte ich einen Pastor zu seiner Frau sagen: »es steigt einem die Scham ins Antlitz bei solcher Schmach, und es ist eine wahre Schande, daß die Katholiken diesen Kehrichthaufen von Aberglauben und Abgötterei nicht den Orientalen überlassen!« »Aber es ist doch das Grab des Herrn drin?!« wagte die Gattin zu entgegnen. »Was Grab des Herrn!« rief wiederum der Herr Pastor, »wir brauchen keinen Stein, um an seinen Tod erinnert zu werden, und am wenigsten einen von zweifelhafter Beglaubigung. Alles dies ist ganz fürchterlich und abscheulich.«

Und doch weiß ich, denn ich habe es mit angesehen, daß die frostigsten protestantischen Christen in eine gewisse, zwar temperierte, aber doch merkliche Aufregung kamen, wie sie vor der zerrissenen Grabplatte standen.

Trotzdem empfand ich gar nichts, als ich mit einer Yankeedoodleschar in die Kapelle hineingeschubst wurde; als ich aber ein zweites Mal mit russischen Bäuerinnen hineinkroch und nun mit lauter beseligten alten Weiblein vor dem unbeglaubigten Steine stand und sah, wie deren Tränen auf die Platte rollten, und wie sie ihre Bündelchen nur für die Dauer eines Atemhauchs daran hielten und diese dann küßten, wie etwas Heiliges, da fühlte ich das Wunder dieses Steines, der beseelt ist durch Millionen Seelen, die an seine Heiligkeit glauben. Im Glauben liegt alle Magie. Der Glaube wirkt Wunder. Der Glaube ist zeugende Sehnsucht, – wie die Poesie. Der Glaube ist die Poesie unpoetischer Seelen, die zwar nicht gestalten, nichts aus sich herausstellen, aber: sich innerst etwas einbilden können. Diese sublime Kraft unterscheidet sich von der poetischen ferner dadurch, daß sie sich selber mitteilen kann, während die Poesie nur Wirkungen austeilt. Der Glauben macht Gläubige; er tritt stets epidemisch auf, und es scheint, daß er immer nur durch einen anderen Glauben überwunden werden kann, nicht etwa durch bloße Beweise seiner Unrichtigkeit. Denn, wer zu glauben geboren ist, will glauben; es ist eine Kraft in ihm, die sich betätigen muß; es handelt sich um einen Trieb. Der hat in seinen primitiven Formen etwas Elementares, das imstande ist, Mächte von viel höherer, edlerer Art niederzuwerfen, gleichsam zu überwalzen. Dem Glauben ist keine Weisheit gewachsen, und wenn er die offenbarste Torheit wäre. Aber er läßt sich von der Klugheit ziemlich leicht für ihre Zwecke einspannen, auch wenn sie garnicht seine Ziele sind. Glaube und Masse sind aufeinander angewiesen. Eine Masse zerfällt, wenn sie keinen Glauben hat, und jeder Glaube verflüchtigt sich, wenn er nicht mehr die Kraft besitzt, eine Masse zu beeinflussen. Der Protestantismus ist längst ein christliches Verflüchtigungssymptom; seinem Glauben war von vornherein zuviel kritisches Denken beigemischt; er verlegte den Glauben ins Gehirn und entzog ihm die Speisung durch die Sinne. Aber ohne sublimierte Sinnlichkeit: ohne Mystik ist gerade der christliche Glaube ein Lehrgebäude, in dem die Masse sich auf die Dauer nicht heimisch fühlen kann. Der Glaube muß selig machen, muß den ganzen Menschen entzünden, – und das läßt sich mit Worten allein auf die Dauer nicht erreichen. Lutherworte haben es offenbar vermocht, aber Pastorenworte sind zu schwach dazu. Es gibt überzeugte Protestanten, und darunter sind sowohl erleuchtete Kopfe wie warme Herzen; es gibt auch noch eine Menge gewohnheitsmäßige protestantische Kirchenbesucher, aber protestantisches Volk gibt es eigentlich gar nicht mehr.

Eine protestantische Abteilung in der Heiliggrabkirche zu Jerusalem wäre in der Tat ein Unding. Die protestantische Kirche steht außerhalb des wirklich lebendigen Christentums; sie ist keine Filiale davon, sondern immer noch ein Protest dagegen: ein Protest gegen das, was das Leben selber aus dem Christentum entwickelt hat. Daran ist gewiß allerhand auszusetzen, aber eins wird man ohne weiteres erkennen und respektieren müssen: es ist eine lebendige Kraft: ist positive Macht: ist Kirche. Die lateinischen, die griechischen, die russischen, selbst die afrikanischen Christen repräsentieren ein natürlich gewordenes Christentum teils von internationaler, teils von nationaler Bedeutung. Der Protestantismus, nur in England zu nationaler Geschlossenheit und zu einem Stile: einer Kirche gelangt, repräsentiert nur die Macht einer Kritik, die längst überholt ist. Was ihn überholt hat, ist Geist von seinem Geiste, aber resolut ins Unchristliche, Ungläubige gewendet. Der Protestantismus wollte das Christentum gleichsam in einem Eiskeller des Geistes konservieren, aber alles eigentlich Lebendige des Glaubens starb in dieser unmenschlichen Temperatur ab, während das Christentum, das sich weiterhin den Mächten der Fäulnis ruhig aussetzte, üppig weiter lebt und gedeiht: da etwas madig, dort ein bißchen verschimmelt, überall, ausgenommen bei den Russen, entschieden nicht mehr ganz intakt, – aber: es hat seine Wurzeln in der Erde und kostet Sonne, Wind und Regen natürlicher Entwickelung und wird erst verdorren, wenn seine Völker, nach anderen Mitteln zur Seligkeit lüstern, ihm selber die Wurzeln abgraben. (In Frankreich und in Italien, so scheints, fangen sie an.)

*

Hätte ich wirklich Zeit gehabt in Jerusalem, so würde ich vor allem versucht haben, mir ganz klar über die Architektur der Heilig-Grab-Kirche zu werden. Der deutsche Franziskaner, der mir die römisch-katholische Kapelle zeigte, hätte mich zwar nicht selber führen, mir aber die Wege weisen können. Ich bin sie auch einmal gegangen, aber einmal genügt längst nicht, und man müßte sie ungestörter gehen können. Denn, verwirrt schon das Labyrinthhafte dieser Galerien, Treppen, Einbauten, Überbauten, unterirdischen Gänge, Höhlen, Kapellen usw., so wird eine wirklich bleibende Orientierung fast zur Unmöglichkeit, wenn man auf Schritt und Tritt Prozessionen und Touristentrupps begegnet, die das dumpfe Dunkel mit Geflüster, Gemurmel, Geplärr erfüllen, während gleichzeitig Bettler und Führer sich herandrängen, so oder so Bakschisch heischend. Und doch kann sich nur Der einen wirklichen Begriff von diesem Kirchicht machen, (denn es ist wie ein Komglomerat von Kirchen unter einem Dache), der sich ein klares Bild von dem Durcheinander dieser Architektur angeeignet hat, die nur im mittleren Teile Plan verrät. Erst wer die Architektur ganz beherrschte, könnte sich auch mit den früher endlos behandelten Fragen über die Wahrscheinlichkeit der verschiedenen heiligen Orte, die hier versammelt sind, beschäftigen. Was alles in dieser Kirche vereinigt ist, möge die Erklärung zu einem alten Plane der Kirche zeigen, den ich besitze. Wenn ich mich recht erinnere, wurde uns aber noch etliches mehr gezeigt. Ich lasse alles profane (wie die Abtritte, die Wasserbehälter, die Speisekammern, die Küchen, die Speisezimmer, die Mönchszellen etc.) weg, sowie auch die vielen Treppen und Zugänge ohne legendare Bedeutung. Die Numerierung geht nach dem alten Plane: 3. Wo ein Mönch verbrannt worden. 4. Wo ein Weibsmensch verbrannt worden. 5. Wo die Griechen Messe lesen. 7. Die Pforte der Abyssinier. 9. Wo die ägyptischen Mönche sich aufhalten. 13. Begräbnisse des Godofredi und Balduini, der Gebrüder. 14. Melchisedechs Grab. 15. Wo die Georgianer sind. 16. Gräber der Königskinder (der Könige, so nach den Kreuzzügen regiert). 17. Der Ort der Schädel-Stätte. 18. Die Sorianer oder Jakobiter. 19. Die Armenier. 20. Die Abyssinier. 21. Die Kopten. 22. Grab Josephs von Arimathia. 27. Wo die Gregorianer Messe lesen. 28. Sakristei der Griechen. 29. Altar der Griechen. 30. Wo der Mittelpunkt der Welt oder des Erdbodens sein soll. 31. Das Chor. 32. Der Sitz der Patriarchen. 33. Der Ort des Evangelii. 34. Der Altar. 36. Kapelle des heiligen Kreuzes. 38. Wo Abraham den Isaak geopfert. 40. Die Säule der Geißelung. 44. Wo Christus seiner Mutter erschien. 48. Das heilige Grab. 49. Das Gefängnis. 50. Des Longini Kapelle. 51. Wo die Kleider geteilt worden. 52. Des Improporii Kapelle. 53. Wo Christus ans Kreuz genagelt worden. 54. Wo er in die Höhe gerichtet worden. 55. Eine Kapelle der Skt. Helenen. 56. Wo das heilige Kreuz gefunden worden. 57. Ein Altar der Armenier. 58. Die Kirche der Franziskaner. 60. Fels der Salbung Christi. 61. Das Grab Nikodemi. 62. Wo die Mutter Gottes und die Jünger Johannes gestanden. 63. Wo Jesus gestanden, da Maria gemeint, es sei der Gärtner. 64. Wo Maria gestanden.

Die Jakobiten (syrische Christen, eine sehr alte östliche Schattierung) haben, soviel ich weiß, ihren Platz in der Kirche nicht halten können, da sie die Miete nicht mehr zahlen konnten. Wahrscheinlich sind sie von der Konkurrenz überboten worden. Wenn ich recht berichtet bin, muß sogar für den Kirchenschlüssel, der einer türkischen Familie gehört, Zins gezahlt werden, und die türkische Wache, die in der Kirche ihre Wachtstube hat, wird wohl auch nicht gratis aufziehen, Daß die verschiedenen Brüder in Christo sich zuweilen unter dem Dache dieses Heiligtums gegenseitig verhauen, ist bekannt und entpreßt frommen Zeitungsschreibern alljährlich Tränen der Scham, die zu Druckerschwärze werden. Ich wundere mich über den theologischen Holzkomment nicht mehr, seitdem ich diese Brüder (römisch-katholische sind sicherlich nicht darunter) gesehen habe, und ich empfehle jenen Journalisten, ihr Schamgefühl für andere Gelegenheiten christlicher Herkunft zu sparen. Diese koptischen, abessinischen und sonstwie orientalischen Mönche sind eine Art religiöse Hausknechte, die zur Verteidigung ihrer Spezialkäfterchen Hausknechtsmittel brauchen, da andere ihnen nicht zur Verfügung stehen, und es heißt das Christentum beträchtlich überschätzen, wenn man annimmt, es sei geeignet, die Anwendung von Brachialgewalt zu verhindern. Es billigt sie vielmehr immer solange, als die übrige Kultur nichts dagegen hat. Der Kopte verachtet den Abessinier und vice versa. Wenn nun der Abessinier dem Kopten ins Gebetbuch spuckt: warum soll dann der Kopte dem Abessinier nicht eins aufs Dach geben? Man muß sich vielmehr wundern, daß er ihn nicht totschlägt. (Er täte es vermutlich auch, wenn nicht die türkische Wache da wäre, die die Brüder in Christo trennt.) Je fanatischer diese Pfaffen ihrem Glauben angehören, um so wilder müssen sie auf die andern Pfaffen sein, und wenn nun die armen Kopten bloß ein lumpiges Winkelkapellchen haben, während die großen Brüder mit den kostbarsten Heiligtümern protzen, muß da so einem heißblütigen Ägypter nicht einmal die Laus über die Leber laufen? Haben die Kopten nicht vor allen anderen Christen etwas voraus? Wir haben von den Juden das Alte Testament bloß literarisch übernommen: die Kopten aber lassen sich noch beschneiden. Beschnitten und getauft, – wenn das Wort wahr ist: doppelt genäht hält besser, so darf man sich nicht wundern, wenn sich die Kopten für doppelfromm halten. Und so hat jedes dieser Christentümer irgend eine Spezialität für sich und gerade die, die den Ausschlag gibt. Wie sollte da der Glaube nicht manchmal aus der Haut der Liebe fahren und wild werden? »Kindlein, liebet euch untereinander!« gilt bloß für Christen des gleichen Aichstriches. Den andern gegenüber heißt es: »Wenn aber dich sein Glaube ärgert, so reiße ihn aus!«

Ach nein, unsere Christen haben keine Ursache, sich über den Holzkomment in der Heiligen Grabeskirche aufzuhalten. –

Ich sagte schon, daß ich keinen klaren Begriff von der Architektur dieser wunderlichsten aller Kirchen gewonnen habe. Um so stärker war die Stimmung, die ich empfing. Am kürzesten wäre sie auf einen erlauchten Namen getauft: Rembrandt. Daß dieser Hexenmeister des halben Dunkels hier hätte malen: den Zauber dieser Farbentiefe noch zauberhafter hätte im Märchendunkel seiner Kunst aufleuchten lassen dürfen! In diesen Hallen und Kellern, Gängen und Winkeln, Nischen und Höhlen, unter diesen Kuppeln und Kreuzungen, zwischen diesen Säulen und Wänden, Gittern und Vorhängen ist ein ewiger Kampf des Finstern mit dem Hellen, des Schattens mit dem Licht, und überall hier ist dennoch allgegenwärtig die Macht der Farbe: diese trostreiche Macht, die uns beglückt und beseligt, die wir zwar nicht glauben aber sehen können. Aus falschen und echten Edelsteinen wirkt sie in Strahlen; unterm gelben Lichte der Kerzen lebt sie als Schmelz auf; mit verhaltener Glut wohnt sie unter braunen Schatten, tief, beruhigend. Es sind keine großen Kunstwerke in dieser Kirche, aber sie ist voller Gnaden für das Auge, das sich an großer Kunst gebildet hat, mit künstlerischer Inbrunst zu sehen.

Unter den Menschen, die dieses Mysterium aus Hell und Dunkel beleben, sind gleichfalls viele Rembrandt-Modelle. Die dunklen Christen würden ihn wohl am meisten gelockt haben: die braunen und schwarzen aus Asien und Afrika, in deren Augen der Fanatismus wie eine zum Sprung geduckte Bestie sitzt. Manche aber haben den Blick eines anderen Tieres: der Dummheit, die sich an Gebetbuchworte klammert. Hell dagegen, blau, kindlich, ganz in Liebe verklärt, begnadet, beseligt sind die Augen der russischen Pilger, dieser armen großen Kinder, die, Männer und Frauen, in schweren Schaftstiefeln weit, weither gewandert sind aus dem heiligen Rußland, monatelang von Pilgerstation zu Pilgerstation, mühselig aber doch wie getragen durch eine innere, hebende Kraft, zu diesem anderen heiligen Lande, wo ihr Jesus ihnen lebte und starb, dieser Jesus in Gold und glitzernden Steinen, streng und gütig, starr und milde, uns nur noch ein Stilgespenst, diesen der lebendige Inbegriff aller Sehnsucht, allen Glaubens, alles Guten, aller Macht und Herrlichkeit Sie fallen, die Arme breit auseinander getan, langsam vor dem Steine nieder, auf dem sein Leichnam nach ihrer Legende gesalbt wurde (er stammt aus dem Jahre 1801) und suchen so viel als möglich von ihm mit ihrem Leibe zu bedecken, und küssen ihn da und küssen ihn dort, und streicheln ihn mit den harten Händen und legen ihre Wangen daran, wie ein Kind die seine an die Wange der Mutter legt. Und es können Tausende um sie herumstehen: sie sind allein, allein mit Ihm. Aber dennoch gehen sie nicht allein; das sich zu erdreisten, wäre schon Frevel und Hochmut; ihr Pope führt sie. Immer wieder sucht ihr Blick den Mann im langen blonden Barte mit dem krempenlosen Zylinder, der immer etwas zu näseln hat und immer wie ein Hirt über Schafen ist. Zuweilen seufzen sie, dann singen sie wieder. Reden hörte ich keinen je. Auch braucht ihnen der Pope nichts zu erklären. Sie haben solange Zeit gehabt, alles zu erfahren über die Wunder dieses Ortes, während sie hierher pilgerten. Nun sind sie ganz Sammlung: ganz Empfangen. Sie haben ein ungeheures Erlebnis, ein ungeheures Glück. Die einen versinken scheinbar darein und bekommen einen stumpfen Ausdruck. Andere werden ekstatisch, wenden die Blicke zur Kuppel, breiten die Arme aus. Das sind meist Weiber. Ich sah eine vor der Kirche, die eben aus ihr herausgekommen war und sich plötzlich, wie von unbewußter Kraft gedreht, nach ihr umwandte und die Arme öffnete, als wollte sie den ganzen Bau an ihr Herz ziehen. Dann aber sahen wir eine, die in einer Nische stand und plötzlich laut zu schreien anhub. Es klang fast wie Verzweiflung und war doch wohl Seligkeit. Mir war, als ob ihre Augen aus dem Dunkel glühten. Das war keine Blonde, Schwere, wie die anderen, sondern eine mit braunen Haaren und schlankem Leibe.

Ich bin aufs gewisseste überzeugt, daß alle diese Seelenkräfte einem Wahne hingegeben werden, und ich hätte dem Yankeedoodler, der die russischen Pilger kurz und kräftig »dumme Luder« nannte, nichts zu entgegnen gewußt (wenn es mir der Mühe wert erschienen wäre), was seine geringe Meinung von der Intelligenz dieser Menschen schlagend widerlegt hätte, – aber: wenn das schon Dummheit ist, so hat sie etwas Sublimes, und das kann man vom kühlen Verstande kaum je behaupten. Und dann: Jerusalem ist der Ort, wo aus Römermunde die Frage kam: Was ist Wahrheit? Zu dieser Frage gehörte nicht viel Verstand, aber sie schwebte mir immer über dieser Stadt, wo so viele Maulgefechte die Wahrheit erspießen wollten und ein erlauchter Wahn triumphierte, weil ein großes Herz sein Blut dafür hingab. Er wurde dadurch nicht Wahrheit, aber Macht. Und auf etwas anderes kommt es unter Menschen nicht an. Die Wahrheit ist immer bloß die Fahne, unter der Macht erstritten werden soll, – bewußt oder unbewußt. Am Christentum geniert mich am meisten, daß in ihm die Demut auf Macht ausging. Es ist eine grundparadoxe Erscheinung, und man darf sich nicht wundern, daß unter seiner Herrschaft alles absurd geworden ist, alles auf dem Kopfe steht. Nur der Humor hat etwas davon gehabt. Und das ist der Humor davon. –

In der Nähe der Kirche vom heiligen Grabe wird das Mitleid, mit dem Christus die Wagschale des menschlichen Leides so tief hinabdrückte, daß der Übermensch, wenn er einmal die Gegenschale einnehmen wird, ein unendlich gewichtiges Wesen sein muß, um sie wenigstens in die Balance zu bringen, in hunderterlei Gestalt angerufen. Jerusalem, zu Christi Zeiten eine behende, reiche Stadt,»Es war zugleich große und reiche Handelsstadt, nahrungsprossender Sitz der bürgerlichen Gewerbetätigkeit, Heimat der Luxuskünste und der Üppigkeit, weil der frischrauschende Kanal des indischen Welthandels vom Roten Meer her in die prachtvolle Hauptstadt des jüdischen Volkes rann. Kostbare Gewürze, Edelsteine und Gold in Masse brachten arabische Wüstenkarawanen in die Stadt, während die benachbarten Seehäfen Askalon, Gaza, Joppe und Akke mit dem Überfluß der eigenen Erzeugnisse zugleich die Produkte des Abendlandes sandten.«   (Fallmereyer.) scheint heute in der Hauptsache von Bettlern, Krüppeln und jederlei Elend zur Residenz erkoren zu sein. Schmutz und Armut ist überall im Oriente zu Hause, aber »die reine, die edle Heilige«, »das Haus der Heiligkeit« (wie die Mohammedaner Jerusalem nennen) hat doch das meiste davon. Und es ist, als ob hier die Leichtigkeit fehlte, mit der das sonst im Oriente getragen wird. Selbst die Basare sind trübselig, und mir ist es in der Erinnerung, als ob ich hier nie lachen gehört hätte. Der Fluch, der über der Stadt hängt, hat sich mächtiger erwiesen, als die Liebe die von hier ausging. In den guten Nonnen mag sie leben, gewiß. Aber von ihren Früchten spürt man nichts. – Sind daran nur die Türken schuld? Würden preußische Landräte hier wirklich »Ordnung schaffen«? (Es gab Yankeedoodler, die das mit großer Heftigkeit behaupteten.) Die Millionen der katholischen Mission haben erstaunlich wenig erreicht. Ich glaube, der Genius Loci von Jerusalem ist der Geist des alten Rachegottes. Seine Leibgarde sind die Aussätzigen. In schwarzen Lumpen, aus denen scheußlich weiß die Gliederstümpfe ragen, stehen sie an den Mauern und wuseln wie Fliegenschwärme auf den Fremden ein, der sich ihnen naht. Zumal auf dem Wege nach dem Ölberge sind sie zu finden. Da sie untereinander heiraten dürfen, ist für Nachwuchs der Seuche gesorgt.

Den Ölberg und Gethsemane habe ich meiner christlicheren Hälfte überlassen. Dafür habe ich mich um so länger an der Klagemauer aufgehalten. Dort begibt sich etwas Krasses: die äußerste Erniedrigung großen Leides. Die Klage der Juden um das verlorene Zion als Attraktion für Touristen: das ist ein Rekord auf dem Gebiete menschlicher Gefühllosigkeit, ein unüberbietbarer Beweis für den großen Irrtum dessen, der am Kreuze starb, um die Menschheit zu einer Gemeinde der Liebe zu machen. Doch muß ich sofort hinzufügen, daß sich am widerwärtigsten eine Gesellschaft westlicher Juden (Herren und Damen) benahm, die den Jammer ihrer Blutsgenossen mit ekelhaften Witzen begleitete. Die meisten anderen kühlten nur ihr kritisches Mütchen an den Klagenden, indem sie Weisheiten wie diese zum besten gaben: Damit werden die Juden ihren Tempel nicht wieder aufbauen; oder: Statt so zu jammern, sollte das Gesindel sich waschen; oder: Diese Schweinebande spielt Komödie; oder: Hier sieht man wieder mal deutlich, daß die Juden eine niedere Rasse sind: so würdelos tragen nur Halbwilde ihren Schmerz zur Schau.

Die klagenden Juden aber (Männer, Frauen und Kinder) hatten kein Ohr für Witz und Kritik. Sie lehnten ihre Stirnen an das schmierige Mauerwerk, unempfindlich auch gegen die Wolken von Fliegen, die um jeden Kopf herumbrummten, und stöhnten ihre alte schöne Klage, die auf deutsch so lautet:

Wegen des Tempels, der wüste liegt,
Sitzen wir einsam hier und weinen:
Wegen der Mauern, die zerrissen sind,
Sitzen wir einsam hier und weinen:
Wegen unsrer Majestät, die dahin ist,
Sitzen wir einsam hier und weinen:
Wegen unsrer großen Männer, die darnieder liegen,
Sitzen wir einsam hier und weinen:
Wegen der prächtigen Steine, die verbrannt sind,
Sitzen wir einsam hier und weinen:
Wegen der Priester, die gestrauchelt haben,
Sitzen wir einsam hier und weinen:
Wegen unsrer Könige, die IHN verachtet haben,
Sitzen wir einsam hier und weinen.

Es gab alte Frauen, die steif und starr dastanden und die Worte wie kindisch geworden herplapperten, – aber es rannen ihnen die Tränen die knochigen Wangen hinab; andere flüsterten bloß und hielten die Augen geschlossen; ein alter Mann näselte mehr zornig als klagend vor sich hin und starrte wild auf hebräische Schriftzeichen, die über ihm der Mauer aufgemalt waren; ein junger, rotblonder sang den Text in einem lächerlichen und dennoch ergreifenden Diskant; aber erschütternd war ein junges Mädchen, das sich in einen Winkel gedrückt hatte und nur schluchzte: Schultern und Rücken bebten ruckweise wie in einem Krampfe.

Bei keinem dieser Menschen hatte ich den Eindruck einer bloßen konventionellen Kulthandlung. Es waren lauter Ergriffene. Ich denke mir, daß Christus mit seinem Herzen bei ihnen wäre und nicht bei seinen Gläubigen, die sich über sie mokierten. Er würde auch mich mit meinem Kodak davon gejagt haben, wie dazumal die Schacherer aus dem Tempel, aber ich konnte es nicht unterlassen, obwohl ich mich dessen schämte, den ausdrucksvollen Jammer zu photographieren. – Meine Frau war besser als ich: sie weinte mit. Wohl dem, der so aus dem Grunde christlich mit leiden kann. Sie nahm an etwas Großem teil: ward eines großen Gefühls teilhaftig. Wenn Mitleid erhebt, befreit es auch und macht am Ende stark, auch eigenes Leid besser zu tragen: freier, über sich hinausgewachsen. Seine höchste Gnade ist, wenn es heiter und sanft macht. Vor solchem Christentum beuge ich mich bis zur Erde.

*

Als wir die obligate Wagenfahrt nach Bethlehem machten, hatten wir Gelegenheit, uns zu überzeugen, daß das Land um Jerusalem sich noch heute nicht von dem erholt hat, was Römer und Türken ihm angetan haben. Es sieht trostlos und öde aus. Alle die Örtlichkeiten, die aus Gründen des Alten oder Neuen Testaments besucht werden, machten auf mich nicht den mindesten Eindruck. Ich habe mich für biblische Geschichten nie sonderlich interessiert, und fromme Erinnerungen anderer haben keinen Reiz für mich.

Auch Bethlehem hätte mich gleichgültig gelassen, wenn nicht die Marienkirche etwas grandios Kaltes hätte, das in einem sonderbaren Gegensatze zum Marienkultus steht. Aber dieser ist ja rein westliches Gewächs.

Natürlich sieht man sich in Bethlehem nach Mariengesichtern um, obwohl man weiß, daß das ein Unsinn ist. Unsre Maria ist keine Orientalin, und diese Orientalinnen haben wohl auch mit dem Typus der echten Mutter Christi nichts zu tun. In Bethlehem, einem Haufen von Hütten, zwischen denen sich allerhand christliche Kirchen, Kloster, Schulen erheben, wohnen meist Christen, auch protestantische. Es waren wohl Zöglinge einer deutschen protestantischen Schule, die sich am Wege aufgestellt hatten und bei unsrer Vorüberfahrt »Stille Nacht, heilige Nacht« sangen. Ich kann nicht sagen, wie gräßlich das auf mich wirkte, obwohl ich nicht einmal annehmen will, daß es eine Bakschischveranstaltung war.

In die Marienkirche teilen sich Lateiner, Griechen und Armenier. Infolgedessen hat auch sie eine türkische Wache.

Die Geburtsgrotte Christi erleuchten zweiunddreißig silberne Ampeln. Der Führer klärte uns über den Kostenpunkt genau auf. Da aber das Silber fortwährend im Preise sinkt, muß angenommen werden, daß ihr Wert stark abgenommen hat. Außerdem (bemerkte der skeptische Jude flüsternd zu mir) sind einige Zweifel daran erlaubt, ob die heilige Krippe wirklich hier gestanden hat, wo nun ein silberner Stern im Gewölbe an den erinnert, der ehemals die Könige aus dem Morgenlande auf den rechten Weg brachte. Ich für meinen Teil, wenn ich mir den Ort von Christi Geburt vorstellen will, denke nach wie vor an den Stall, den Uhde gemalt hat. Kleine sächsische Jungen und Mädel sitzen auf den Sparren seines Daches und singen, mit Hemdchen angetan, aus großen Notenblättern, die von einer Stallaterne erleuchtet werden, deren Wert keiner Preisschwankung des Silbers unterliegt.

Vor der Kirche walteten Anreißer ihres Amtes, die im Dienste der frommen Industrie des Ortes stehen. Sie verarbeitet hauptsächlich Perlmutter, Korallen, Dattelkerne und Stinkstein. Was für die russischen Pilger gemacht wird, ist das Schönste: rohe Holzkreuze mit aufgeklebten Perlmutterplättchen, denen der byzantinische Christus eingeritzt ist.

Lebwohl »Bethlehem Ephrata, die du klein bist unter den Tausenden in Juda«; du hast mich traurig gemacht; denn ich habe dich als Kind in Krippenbildern gesehen, die viel schöner waren, als du bist: gemütlich, innig, bunt: mit Felsen und Wäldern und Bächen; und da waren deutsche Bauern als Hirten mit Schafen, und der Mohrenkönig kam mit seinem Stern gezogen, und es war ein richtiger Stall mit Ochs und Esel, wo Jesus in der Krippe lag.

Welch ein Glück, daß die Künstler, die das Christentum mit ihrer Schönheit verklärten, diese Schönheit aus der klaren Tiefe ihrer Phantasie geschöpft und aus Bildern ihres Lebens zusammengefügt haben, in dem noch ein Abglanz der Antike war. Wohl ihnen (und uns), daß es damals noch keine Yankeedoodle-Fahrten gab.

Im wirklichen Bethlehem mögen sich immer mehr Theologen ansiedeln; das wahre Bethlehem liegt, ein holdes Märchen, im Herzen der Kinder und Poeten.

Die heiligen drei Könige stehn vorm Haus,
Maria guckt zum Fenster heraus.

»Ihr heiligen drei Könige kommt nur herein,
Es wird schon für euch noch ein Plätzel sein.«

Sie gingen gebückt in den kleinen Stall
Und fielen auf ihre Kniee all.

»Wir sind drei Könige, kommen weit her,
Du aber, oh Christkind, bist viel mehr.

Hast gar keine Krone, hast gar keine Zier,
Hast aber ein königlich Herz in dir.

Das wirft den allerhellsten Schein
Und wird die Krone der Menschheit sein.«

Die Könige gingen. Maria sann
Und sah aus Tränen ihr Kindel an.

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