Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Otto Julius Bierbaum >

Yankeedoodle-Fahrt (1)

Otto Julius Bierbaum: Yankeedoodle-Fahrt (1) - Kapitel 18
Quellenangabe
typereport
booktitleDie Yankeedoodlefahrt und andre Reisegeschichten
authorOtto Julius Bierbaum
firstpub1909
year1910
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleYankeedoodle-Fahrt (1)
pages105-120
created20050519
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

XVII.

Vom unvermeidlichen Rajak; von einem seelenkundigen Neger; von einem beglückten Schläfer; von den Juden; von Yankeesprößlingen; von mißverstandener Milchschokolade; von Kirchensteuern.

Gott will es!« riefen die fränkischen Ritter, und machten sich gen Jerusalem auf. »Gott will es!« sagte ich, da frühstückten wir zum dritten Male in Rajak.

Denn wir mußten nach Beirut zurück, wo Yankeedoodle auf uns wartete, und, ob du mit der Eisenbahn nach Beirut willst, oder von Beirut irgendwohin: du mußt immer in Rajak speisen, o Mensch, und du wirst fortan nie mehr Schöpsernes essen.

Als wir das Meer erblickten, und im Meer unser schönes Schiff, da war uns doch zumute, als ob wir nach Hause kämen, und wir freuten uns sehr auf die Yankeedoodleküche und unsre guten deutschen Stewards; und als wir, natürlich, mit Pauken und Trompeten empfangen wurden, da klang uns zum ersten Male lieblich in die Ohren, was Blech und Kalbfell hergaben.

Nach Jaffa ging die Fahrt, dem Pilgerhafen, wo schon die Kreuzfahrer erfuhren, daß man viele hundert Meilen lang ungefährdet übers Meer fahren und ein paar hundert Schritte von der Küste entfernt ersaufen kann. Denn die klippenreiche Reede von Jaffa ist voller Tücken. Auf der hohen See mag sich kein Wellchen regen, aber das Wasser zwischen den sichtbaren und unsichtbaren Klippen hier geht immer stürzend hoch. Die Sache ist so bös und lebensgefährlich, daß die Hafenpolizei zuweilen das Ausbooten verbietet.

Wir hatten Glück und durften nach genossenem Lunch etwa um 1 Uhr hinüber. Da wir klug waren und warteten, kamen wir ins letzte und größte Boot, einen breiten, ganz flachen Kahn mit sechs Ruderern. Ein Neger hob meine Frau wie eine Hutschachtel hoch, setzte sie aber nicht sanft wie eine Hutschachtel, sondern fest wie einen Ballen Baumwolle auf die Bank. Sie wollte »danke« sagen, es kam aber ein »au!« zutage. Mit mir gedachte er das gleiche zu tun; ich umschlang ihn aber so innig, daß es in meinem Belieben stand, mich niederzusetzen, wie ich wollte. Allerdings hatte ich dafür den Genuß länger, an einer schwarzen Männerbrust zu ruhen, die glitscherig wie Öl und entsprechend mißduftig war. So gleicht sich alles aus auf der Welt.

Wie gerne hätte sich meine Frau des Anblicks dieser Umklammerung erfreut, aber ihre Abneigung gegen heftig bewegtes Wasser ließ es zu keiner ungemischten Freude kommen. Der Seekrankheit allein schon ist kein Humor gewachsen; tritt aber Todesangst hinzu, so vergeht das Lachen auch der souveränsten Frivolität. Selbst ich, den Wellen gegenüber von schlechthin heroischer Gleichmütigkeit, fand diese Kahnpartie etwas bänglich, obwohl unsere sechs Ruderer mit großem Geschick Wellenwoge und Wellental berechneten und herzhaft dazu sangen, und als wir uns gar den Klippen näherten, die wie Raffzähne auf uns zu lauern schienen, da dachte ich in meinem lieben Herzen: absolut ausgeschlossen ist es nicht, daß du hier ersäufst. Und just jetzt legte der ölige Neger seine Ruder bei, erhob sich und fing an, in dem unangenehm schunkelnden Kahne herumzuspazieren und jeden einzelnen Passagier um Bakschisch zu ersuchen. Welch ein Psychologe! Seine Seelenkenntnis machte sich gut bezahlt, und er hatte alle Ursache zu dem befriedigten Grinsen, mit dem er sich wieder an die Ruder setzte.

Unnötig zu sagen, daß wir hinüber kamen; denn sonst würde ich jetzt nicht hier sitzen und von der niederträchtigsten bakschischopsychologischen Spekulation berichten, die mir je vorgekommen ist.

Defiliermarsch durch die Zollbaracke; Wanderung zu den Wagen durch ein paar Straßen Jaffas. Es mußte hier geregnet haben, denn wir schritten durch Moräste. Aber der Schlamm war interessant belebt durch viel Volk. Kramladen an Kramladen; Handwerkerbuden; Schreibertische. Auf einem etwas erhöhten Steine lag ein halbnackter, schöner junger Kerl und schlief. Die entblößte Brust hob und senkte sich ruhig, regelmäßig; ich hatte die Empfindung, dieser junge Mensch müsse den Schlaf bewußt genießen, also einen Genuß haben, der uns leider versagt ist. (Eine verteufelte Einrichtung, wenn man bedenkt, daß der fehlende Schlaf sich aufs unangenehmste bemerkbar macht.)

Unnötigerweise mußten Wagen bestiegen werden, um den nahen Bahnhof in wahnwitziger Galoppade zu erreichen.

Dort wurden die schönen, riesigen, kernlosen Jaffaorangen zu äußerst billigen Preisen feilgeboten. Diese Früchte müssen hier soviel wie gar nichts kosten, wenn man sie schon den Fremden halb verschenkt. Wir begriffen das, als wir an den Orangengärten vorbeifuhren, die in unglaublichster Üppigkeit mit den gelben Bällen behangen waren. Zuweilen lagen die Früchte haufenweise am Boden. Auch gab es riesige alte Ölbäume zu sehen und überhaupt eine Fruchtbarkeit von äußerster Fülle. Dazu viele Blumen von intensivster Färbung.

Es war angenehm, zu denken, daß es auch deutsche Bauern sind, die diesen fruchtbaren Boden in so guter Pflege halten: brave Schwaben. (Ein paar kleine Flachsköpfe hatten mich auf dem Bahnhof gar lieblich angeschwäbelt.) Doch dürfen auch die jüdischen Rothschildkolonisten nicht vergessen werden, die sich besonders als Weinbauern auszeichnen sollen. Sie haben dem neuen Reiche Juda gut vorgearbeitet, das die Zionisten anstreben. Ich mußt in Palästina oft an diesen neujüdisch-praktischen Idealismus denken, der, wenn er sich einmal in Taten umsetzen sollte, eine ungeheure Arbeits- und Opferwilligkeit erfordern würde. Zionist sein heißt einen schrankenlosen Glauben an die Kraft und Hingebung des jüdischen Blutes haben. Schon der Gedanke des Zionismus: die Tatsache der Existenz eines solchen Glaubens beweist, daß dieses Blut von unzerstörlicher Eigenheit ist. Die Römer müssen diese Kraft geahnt haben. Die fürchterliche Grausamkeit, mit der sie bei der Zerstörung des Judenstaates vorgegangen sind, weist darauf hin. Ganz Judäa verfiel dem Kaiserlichen Fiskus und wurde an Fremde versteigert; das Terrain von Jerusalem mußte überdies 90 Jahre unbebaut bleiben; die Stadt selber wurde buchstäblich dem Erdboden gleich gemacht. Und, berichtet Fallmereyer nach Flavius Josephus, »mehr als vier Stunden in der Runde hat das römische Belagerungsheer die Landschaft kahl geschoren, das Baum- und Buschleben bis auf die letzte Spur vertilgt und im letzten Akt des Trauerspiels nicht bloß alle von Juden bewohnten Ortschaften Palästinas, über tausend an der Zahl, zerstört, sondern in seinem Rachegefühl auch noch die Quellen und die Brunnen verschüttet.« Dieser kolossale Antisemitismus deutet nicht auf Verachtung. – Und nun zu denken, daß dieses von der antiken Weltmacht zertretene Volk, über die ganze Erde zerstreut (selbst in China gibt es alte jüdische Gemeinden), von Religions und von Rasse wegen gehaßt, verfolgt, gedemütigt, eingesperrt, dennoch innerlich zusammengehalten und sich in der Diaspora zu einer Macht erhoben hat, die fast auf jedem Gebiete des heutigen Lebens wirksam ist: wer möchte angesichts dieser unerhörten geschichtlichen Wahrheit nicht vorziehen, dieses Volk des Ostens hoch zu achten und seine völlige Einordnung in die westlichen Nationen zu begrüßen, statt ihm mit Hohn und Haß entgegenzutreten? Es gibt nur einen vernünftigen Antisemitismus: das ist der der Juden selber, die, zu guten Europäern im Sinne Nietzsches geworden, alles östlich-allzuöstliche der semitischen Anlage im jüdischen Blute bekämpfen, weil sie sich bewußt sind, daß die kulturellen Tendenzen sich vom Osten wegwenden, daß der Geist des Westens, dem sie sich mit gutem Fuge und Rechte zugeschworen haben, der Geist der Entwickelung ist, und daß er zwar des Judentums nicht entraten kann, dem die Entwickelung Wesentliches verdankt, wohl aber sich gegen die semitischen Atavismen zu wehren hat, die ihm ohnehin, und nicht von jüdischer Seite her, viel zu schaffen machen. Der jüdisch-nationale Zionismus wird ein Intermezzo des jüdischen Geistes bleiben, dessen wesentliche Bedeutung von internationaler Perspektive ist, obwohl der einzelne Jude sich merkwürdig gut insbesondere zum deutschen Patrioten eignet. Es ist dasselbe wie bei der internationalen Hocharistokratie. (Es gibt keine bedeutsamere Erscheinung, als die Verbindungen, die zwischen altadeligen und alttestamentarischen Familien zustandekommen.)

 

*

Der pietistische Buchhändler Jonas Kortens, der im Jahre 1737 nach Jerusalem reiste, mußte den Franziskanern von Jaffa (das er noch Joppe nennt) für Verpflegung und Begleitung von Jaffa nach Jerusalem und zurück 100 Taler zahlen, wofür er vier Wochen in Jerusalem bleiben durfte. Uns kostete die Reise und ein fünftägiger Aufenthalt im besten Hotel Jerusalems 175 Mark. Man wird also sagen dürfen, daß das Reisen in Palästina sich verbilligt hat. Auch bequemer und sicherer ist es geworden. Der fromme Jonas mußte nach Jerusalem reiten, und der letzte Teil der Reise war so unsicher, daß man ihn bei Tage nicht wagte. »Wir ritten die ganze Nacht nicht anders als Diebe, die sich durchstehlen müssen. Denn niemand redete ein lautes Wort zu dem andern, und wenn sie Feuer schlugen zum Tobakrauchen, so bückten sie sich auf die Erde.« Auch noch die Gräfin Ida Hahn-Hahn ist nicht viel anders gereist; auch nicht viel sicherer. »Nach Nazareth zu gehen hielt man für bedenklich, nach Jerusalem unmöglich, Beduinen sollten bis Akka umherstreifen.« Das war 1843. Und doch pries sich die ahnungsvolle Gräfin glücklich, hier noch »nach einem grandioseren und freieren Zuschnitt« reisen zu können, als in Europa. In einem Buche, das der Kunst des Reisens dienen möchte, dürfen die Worte der klugen Dame (die man gegen Fallmereyers vernichtend höhnische Kritik heute in Schutz nehmen muß) wohl zitiert werden: »Da die Eisenbahnen ganz im Sinne des Jahrhunderts zum Vorteil der Industrie und auf Nützlichkeit berechnet sind, so ist mit ihnen die Seele der Geschäfte: Pünktlichkeit und Zeitersparnis, verbunden; und es gibt Augenblicke, wo man dies über alles schätzt. Kommen aber Momente, in denen man so recht das Vergnügen fühlt, in stolzer Unabhängigkeit und mit tiefer fester Teilnahme selbständig durch die Welt zu ziehen, so waren mir die Eisenbahnen ein Greuel, und das Vergnügen des Reisens ist für mich aus der Welt verschwunden. Stelle dir den Unterschied nur einmal recht lebhaft vor: unter betäubendem Geräusch, ab- und eingesperrt im schweren Wagen, ohne zu hören, zu sehen, zu denken, rutschest du in einem Tage 30 bis 40 Meilen ab und findst dich abends im Gasthof abgeliefert; oder: du reitest in frischer Luft, unter freiem Himmel, auf deinem guten Pferdchen vielleicht nur 4 oder 5 Meilen täglich; aber du darfst sagen: an diesem Bach wollen wir frühstücken; du darfst den Zug aufhalten, um Oleander zu pflücken und auf deinen Hut zu stecken; du darfst vom Pferde steigen um die wunderlichen Bewegungen einer Seespinne in der Nähe zu betrachten; du darfst sagen, daß du ausruhen, essen, trinken oder vorwärts willst; kurz, in jedem Augenblick darfst du genau das tun, was du eben wünschest: du bist frei. Die Eisenbahnen beschränken mein Willensvermögen, indem sie meine Phantasie bedrücken.«

Wenn die Gräfin wirklich Willens vermögen und nicht Willensfreiheit gemeint hat, muß man ihre frühe Erkenntnis bewundern, denn es ist wirklich wahr: das Eisenbahnreisen schwächt die Willenskraft selber; ja es schwächt das Persönlichkeitsgefühl: Die Endstation der Eisenbahn heißt Sozialismus. Der Staat als Vorsehung: dieses Ziel rückt nahe durch die Gewöhnung an einen Glauben, der mit ihm zusammenhängt: den Glauben an den Fahrplan. Aus der Vogelperspektive entwickelungsgeschichtlicher Betrachtung angesehen, gehören zusammen: Eisenbahn und Sozialismus, Automobil und Nietzsche. (Nur sind es nicht gerade ausschließlich freie Geister, die Automobil fahren.)

(Ein ungeduldiger Leser: »Wollen Sie nicht endlich von Ihrer Fahrt nach Jerusalem erzählen?« – Gleich, Herr, gleich!)

Wenn Gräfin Ida im Getrubel der Abfahrt gleich uns in ein Kupee gedreht worden wäre, in dem Amerikanerinnen mit ihren Sprößlingen saßen, so würde sie noch hingefügt haben, daß das Eisenbahnfahren unter Umständen zur Nerventortur werden kann. Diese Yankeejungen und -Mädchen, denen eine Fahrt nach Jerusalem nichts war, als eine Eisenbahnfahrt wie jede andere, bewährten den Geist der Freiheit, in dem sie »erzogen« waren, dadurch, daß sie sich in üblen Manieren und Flegeleien überboten. Sie bombardierten sich mit Orangenschalen, übten sich im Zielspucken, ließen um die Wette die Fallfenster knallend auf und ab, spielten im Mittelgang Haschen, prügelten sich, brüllten, heulten, kreischten – alles zum unendlichen Vergnügen ihrer Väter und Mütter, die, als eine unserer dänischen Freundinnen aufs höflichste um etwas Ruhe bat, höchst ungehobelt erklärten, für die Kinder sei bezahlt worden.

Ich verließ diese schlechte Kinderstube und setzte mich draußen auf die Einsteigetreppe der hinteren Plattform. Neben mir, in einem geöffneten Käfterchen, saß der syrische Schaffner. Ich dachte, es sei sein Dienstplatz, es war aber das Kloset. Er verließ es nur, wenn der Zug hielt. Doch veranlaßte ihn lediglich das Bedürfnis nach Ruhe dazu.

Die Landschaft ist öde, aber zuweilen heroisch. Je höher man kommt, um so trostloser wird sie. Baedekers Erinnerungen an die biblische Geschichte helfen darüber nicht hinweg. Die Enkel und Enkelskinder derer, die hier noch ein fröhliches Räuberleben geführt haben, kommen scheu und armselig an den Bahnhof. Ich bot einem Kind ein Stück Milchschokolade an, das etwas weich geworden war. Das kleine Mädchen hielt es daher für Pomade und schmierte es sich in die Haare. Da erkannte ich, daß Schokolade ein verkleidetes Nahrungsmittel ist.

Und kurz und gut: wir kamen nach Jerusalem.

Meine Frau hatte in der Erinnerung an die Storia Sacra offenbar einen Tempel statt eines Bahnhofes erwartet und war daher enttäuscht. Ich war es gar nicht. Der Grund dafür ist einfach: Meine Frau ist eine gute katholische Christin, und das Wort Gerusalemme klingt in ihrem Herzen; ich dagegen bin bloß mal als evangelisch-lutherischer Täufling in ein Taufregister eingetragen gewesen und habe keine andere Beziehung zu »meiner« Kirche als die, daß ich »zu der Kirchensteuer herangezogen« werde, seit ich in Sachsen vorübersiedle. Das Verbum »heranziehen« trifft die Sache vollkommen. Freiwillig würde ich diese mir sehr unsympathische Anstalt gewiß nicht unterstützen, und ich finde es wenig stolz von ihr, daß sie sich von Leuten unterstützen läßt, die nicht das mindeste mit ihr zu tun haben wollen. (Vermutlich ist das auch bloß im Königreich Sachsen so.)

Mir hat auch das übrige Jerusalem ganz den Eindruck gemacht, den ich erwartet habe: den Eindruck eines schmutzigen Tummelplatzes höchst kurioser Glaubensfragmente; Ehrwürdiges und Albernes dicht beieinander; die wurmstichigen Bretter der Wiege eines großen Gedankens kaum noch zu seinem Sargdeckel brauchbar, weil sie die verschiedenen Vertreter dieses Gedankens sich allzu häufig schon um die Ohren geschlagen haben.

 << Kapitel 17  Kapitel 19 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.