Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Otto Julius Bierbaum >

Yankeedoodle-Fahrt (1)

Otto Julius Bierbaum: Yankeedoodle-Fahrt (1) - Kapitel 17
Quellenangabe
typereport
booktitleDie Yankeedoodlefahrt und andre Reisegeschichten
authorOtto Julius Bierbaum
firstpub1909
year1910
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleYankeedoodle-Fahrt (1)
pages105-120
created20050519
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

XVII.

Von Damaszener Dingen, als da sind: Wohnungen, Führern, Basaren, Säbeln, Schlafröcken, Süßigkeiten, Halstänzen; vom Propheten Gumppenberg; vom Sultan Saladin; vom Apostel Paulus.

Das Hotel, dem uns das Reisebüro des Yankeedoodle überantwortet hatte, war sehr groß und von merkwürdiger Anlage. Seine Mitte nahm ein langer und breiter überdachter Lichthof ein. Die Zimmer gingen in allen Stockwerken auf den Umgang hinaus, der diesen Lichthof umgab. Ruhig waren sie also nicht. Das unsre war dafür auch noch stockfinster und hatte etwas von einer Kasematte. Ein kleines vergittertes Loch gab vor, ein Fenster zu sein. Was es an Licht zu wenig gewährte, spendete es an üblen Düften (von einen Hof her) zu viel. Die Ausstattung der Kamurke bestand aus zwei Betten und einem Waschtisch. Auf dem Fußboden jedoch lag ein sehr origineller grober Teppich, von dessen Geschwistern ich gerne eins in Damaskus gekauft hätte. Aber alle Leute, die ich frug, wo man das besorgen könnte, waren im Dienste der großen Teppichlager, in denen es nur schöne und teure Teppiche gibt, und so erklärten sie einmütig, solche Teppiche seien in ganz Damaskus nicht zu finden; es sei das gemeinste vom gemeinen, und sie hätten die Ehre, nur das außerordentliche zu kennen.

Als ich das Reisebüro fragte, (mit aller gebotenen Devotion, denn seine Mitglieder waren gar große Herren und traten dementsprechend auf), ob es in Damaskus nicht vielleicht doch noch ein halbwegs angenehmeres Unterkommen gäbe, ward mir trostreiche Antwort in einem historischen Rückblicke auf die früheren Unterkunftsverhältnisse in dieser Stadt, die sich erst seit Einrichtung der großen Vergnügungsfahrten gebessert hätten. Ich war beruhigt. Meine Logik, unterstützt von allen den historischen Kenntnissen, die die Lektüre des Bädecker verleiht, sagte mir: Wohl dir, daß du ein Zeitgenosse von Wilhelm dem Zweiten bist, der gleichfalls auf die Hotelgründungen im Oriente mächtig eingewirkt hat. Wärst du, um nicht weiter in das Dunkel der Geschichte zurückzutauchen, in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nach Damaskus gereist, so hättest du bloß bei den Kapuzinern wohnen können, und dort würdest du vermutlich ermordet worden sein. (Viele tausend Christen wurden damals in Damaskus geschlachtet.) Der Fortschritt ist unverkennbar. Ich hätte aber doch lieber bei den Kapuzinern gewohnt. Die Auswahl an Ansichtspostkarten wäre dort wohl geringer, die Ruhe aber größer gewesen, und ich hätte für ein paar Tage mir einbilden dürfen, kein Karawanse zu sein.

Teilweise habe ich mir diesen Genuß in Damaskus auch wirklich verschafft. Wir verzichteten auf die uns zustehende Teilnahme an den allgemeinen Führungen, indem wir einen eigenen Führer nahmen, der das Yankeedoodleprogramm mit uns in umgekehrter Reihenfolge erledigen mußte.

Dieser Führer war ein hübsches, junges jüdisches Herrchen von den höflichsten, bescheidensten Manieren und großer Sprachbegabung. Außer den orientalischen Sprachen beherrschte er, wenn auch nicht souverän, das Deutsche, Italiänische, Französische, Spanische, Englische, und er war eben dabei, sich auch noch das Russische anzueignen. Wir hatten alle Ursache, mit ihm sehr zufrieden zu sein, obwohl er eigentlich erst ein Lehrling des Führergewerbes war, wie uns ein älterer Kollege von ihm erklärte, der gerne seinen Posten auf unserm Kutschbocke eingenommen hätte.

Er ist mir heute doppelt interessant, weil ich hinterher zu der Überzeugung gekommen bin, es mit einem kleinen Jungtürken zu tun gehabt zu haben. Denn er sagte gerne (aber immer leise). »Bald, und es wird anders. Bald, und es geschieht etwas.« Bald, und er ist Journalist in Konstantinopel.

*

Damaskus, »die Waldoase«, ist ganz anders als Kairo, die Stadt im »fettesten Marschlande des Erdbodens, am Kreuzwege dreier Weltteile gelegen.« (Ich zittiere Fallmereyer, den ich wünschte, vor der Reise gelesen zu haben.) Kairo ist eine Weltstadt, an der auch Europa teilhat, Damaskus ist eine rein orientalische Provinzhauptstadt. Kairo ist das Rom der Mohammedaner, Damaskus ist religiös aufgeregter, aber es fehlt ihm alles klerikal repräsentative. Kairo steigt im Wohlstande, Damaskus sinkt. Kairo ist, Damaskus war einmal.

Vielleicht hat es mir gerade deshalb so gut gefallen. Denn ich liebe die niedergehenden Städte, in denen das Alte eben darum zum Vorschein kommt. (So Venedig.) Sie besinnen sich auf ihre alte Herrlichkeit und machen ein melancholisches Gesicht dazu. Sie wollen nicht mehr, und so sind sie schön.

*

Was ist der Basar von Damaskus? Ein überdachtes, dunkles Gassengewinkel, gleich einer Spinnewebe um die Omajadenmoschee gezogen. Tiefe Löcher hat die Zeit in den gestampften Lehmboden dieses Gässichts gegraben. Will eine der herrenlosen Hündinnen Junge kriegen, so legt sie sich in so ein Loch, und diese fanatischen Allahgläubigen decken Steinplatten darüber und schützen und nähren sie. Ich konnte das Mitleid meiner Frau für diese Tiere hier nicht teilen. In Konstantinopel, wo auch Christen sind, haben sie's schlimmer. Bejammernswert ist nur das Schicksal der alten Hunde, die sich gegen ihre jüngeren Artgenossen nicht wehren können. Aber geht es uns viel anders, wenn wir die Zähne verloren und keine Rente haben? Mensch, denk ans Ende und laß dein Leben versichern! Wir haben nur den Trost, daß wir uns selber umbringen können, wenn es zu grau um uns wird. Doch können wir auch an Gott glauben. Es ist ein schöner Gedanke, auf den Knieen eines Gottes zu liegen. Aber er muß angeboren oder anerzogen sein. Kommt er bloß aus der Angst, so kommt er zu spät. Wenn ich Kinder hätte, so würde ich dafür sorgen, daß sie schon in frühen Tagen an einen lieben Gott glauben lernen.

*

Ich hätte mir gerne einen damaszener Säbel gekauft. Da sie heute aber aus Solingen kommen, so hielt mein ritterlich romantisches Begehren nicht Stich, und ich kaufte mir einen damaszener Schlafrock, der wirklich aus syrischer Seide und von einem syrischen Schneider gemacht ist, – und das nicht für mich, denn dann würde er nicht imponieren, sondern für einen Stutzer der Waldoase. Denn es ist gar kein Schlafrock, sondern eine Dschibbe (ich stehe für die Rechtschreibung nicht en): ein grauseidener, sparsam mit Gold durchwobener Mantel von wurstartigem Ärmelschnitt. Ich meinte, es würden sich in ihm besonders Ghaselen gut dichten lassen, aber diese Meinung hat mich betrogen. Hier der einzige fragmentarische Versuch:

          Ein Weiser sprach: Es fliegen viel
Im Leben Drachen hin und her;
Weich ihnen aus, doch mußt du dir
Draus nicht viel machen hin und her;
Still sein, das ist die beste Kunst;
Und schicke Wachen hin und her
Mit deinen Blicken überall:
Dann laß es krachen hin und her.
Les dies Ghasel ich, schwangt mein Bauch
In grimmigem Lachen hin und her,
Und meine Dschibbe schwankt mit ihm
Nebst anderen Sachen hin und her.
Ich werde seekrank. Schluß! Es fliegt
Der -achen-Nachen hin und her.

*

Die Führer (auch unserer) schleppen die Fremden stets in die großen Handlungen, wo alles auf die Fremden berechnet ist (auch die Preise). Was man dort findet, kann man in jedem »Orient-Basar« irgend einer europäischen Stadt zu billigen Preisen auch finden. (Ich nehme das große konstantinopler Geschäft aus, von dem ich noch handeln werde.) Unser kleiner Jungtürke bemühte sich aber vergebens, uns in ein Gewölbe zu locken, wo ihm Prozente winkten. Wir frequentierten das, was man in Dresden ein Büdchen (»Biedchen«) heißt: die kleinen Krämereien; und dort kauften wir Sachen, die für das gewöhnliche Volk gemacht werden. So erstand sich meine Frau einen derben gewirkten Gürtel, ich ein gewaltiges Käsemesser und kleine Bilder damaszenischer Schönheiten: auf Goldpapier applizierte Aquarelle von gar keinem Kunstwerte, aber sehr lustig. Natürlich kauften wir auch ein paar Schachteln der seit Alters berühmten Leckereien von Damaskus. Zu ihrem Genusse bedarf es jedoch der Suggestion auf historischem Wege. Ah, sagt man sich, dies hier ist also der Urahne der italiänischen Mandorlate, dies da sind die Vorahnungen der kandierten Aprikosen von Nizza u. s. f. Aber die westlichen Konditoren haben ihre östlichen Vorbilder im Laufe der Jahrhunderte weit überholt. (Nur das konstantinopler Lokkoum haben sie nicht erreicht.) – Die orientalischen Süßtränke haben wir nie zu kosten gewagt, denn unser Gehirn steht unter dem Drucke der Bakterienangst. Ob wir eine reelle Cholera davon gekriegt hätten, ist nicht sicher; das aber steht fest: choleraähnliche Erscheinungen hätten sich eingestellt. Groß, oh Robert Koch, ist deine Gewalt über europäische Gedärme.

Der Ruf der Getränkehändler: »Trink und erfreue dein Herz!« klang also an und vorüber, ohne daß wir ihm folgten. Dagegen würde ich sicher Trüffeln gekauft haben, wenn mir ein Trüffelmann begegnet wäre mit dem hübschen Rufe: »Braune aus der Wüste! Braune Wüstenmädchen!«

*

In einer der Moscheen von Damaskus soll das Haupt Johannes des Täufers aufbewahrt werden. Ich hätte gerne dieses wilde Haupt gesehen, dessen Nachbildung in getrocknetem Papierteig jetzt zu den Requisiten sämtlicher deutscher Theater gehört, aber ich fürchtete, Yankeedoodlerinnen zu begegnen, die ganz gewiß den Tanz der sieben Schleier davor verübt haben würden, denn diese Drehkrankheit herrscht wie in der alten so in der neuen Welt. »Gib mir deinen Mund, Jochanaan!« O Gott! Wann endlich wird die Tugend wieder Mode! Das Laster ist doch eigentlich zu schön dazu.

*

Wir sahen davon eine interessante Tanzspezialität in einem Theater von Damaskus. Zum Glück läßt sie sich nur schwer nachmachen. Ich kann also mit ruhigem ästhetischen Gewissen davon erzählen.

Am zweiten Abend sagte unser offizieller Führer (also ein Yankeedoodle-Büroangestellter), ein brauner, kleiner, recht witziger und phantasievoller Palästinajude, der nie verlegen um eine Antwort war, auch wenn er über das Gefragte genau so viel wußte, wie der Frager, zu mir: »Geh'mer ins Theater, Herr Doktor. In ä scheenes, richtiges Theater! In ä berühmtes Theater, wo alle kennen zwischen Jerusalem und Damaskus!« »Aber natürlich.« entgegnete ich: »geh'mer! Kann aber auch meine Frau mit gehn?« »Warum soll se nich, wenn se schon will?« Und sie wollte.

»Müssen wir Toilette machen?« fragte ich. »Sie sind ja so schön!« antwortete er.

Das Theater war nicht weit vom Hotel gelegen. Wenn ich nicht ganz irre, so sind wir an einem nicht einwandfreien Zwecken dienenden Hause vorbeigekommen, denn die Orientalinnen, die aus ihm herauswinkten, waren keineswegs verschleiert. Aber der Jerusalemite hüllte sich in Schweigen, als ich ihn fragte, sei es aus Rücksicht auf meine Frau (die aber gar nichts bemerkt hat), sei es, weil er in keinem Prozentverhältnis zu dem Etablissement stand. Ich ließ also mit Goethe das Unerforschliche auf sich beruhen.

Ein dunkler Platz, besäumt von schlafenden Hunden. Leute mit Laternen strebten auf ein grelles Licht zu, das uns als Azetylen entgegenstank.

»Das?«

»– Ja.«

Wir schritten durch einen kohlpechrabenschwarzen Hof, in dem kein Licht war, als das Glimmfeuer der Wasserpfeifen. Denn hier saßen Raucher.

Eine dunkle Treppe führte auf einen hölzernen Umgang mit nummerierten Plankentüren. Es fehlten nur die Orientierungstafeln; »Für Herren!« »Für Damen!«

Der Mann aus Jerusalem öffnete einen Verschlag; wir traten in unsere Loge. Nun: es war ein richtiges Theater, wie etwa in Großtschitschewitz, aber in der Mitte des Saales war ein Springbrunnen, und die Leute saßen nicht direkt auf den Bänken, sondern auf ihren untergeschlagenen Beinen. Auch hatte jeder einen Schlauch im Munde, und der hing an einer Wasserpfeife. (Richtig! Ich habe mir auch eine Wasserpfeife gekauft. Aber ich kann sie nicht rauchen. Es lag keine Gebrauchsanweisung dabei. Doch ist sie hübsch und sieht wie ein Minareh aus). Diener gingen herum, probierten für die Neuankommenden, ob der Schlauch auch Luft hatte, legten mit Miniaturfeuerzangen aus Messing glühende Asche auf den Taback und servierten Kaffee. In den Logen saßen, wie bei uns, die feinen Leute und taten blasiert. Damen waren natürlich nicht darunter, aber ganz junge Menschen, wie Kinder noch. – Der Raum füllte sich nun langsam. Die Herrschaften zogen alle ihre Schuhe aus und setzten ihre Laternen daneben. (Feuerpolizei mangelhaft.)

Plötzlich fuhr der Vorhang empor. Die Bühne war leer. Sie hatte keine Tiefe, und ihre Ausstattung bestand aus ein paar Stühlen.

»Aha! kein Theater: ein Tingeltangel!«

Und so war es auch. (Ein richtiges arabisches Theater gibt es gar nicht. Die abgründige Gleichgültigkeit des Islam gegen das Schicksal läßt kein Drama aufkommen. Alles Dramatische beruht auf irgend einer Unvernunft, und Mohammed war ein Vernunftsfanatiker.)

Es erschienen zwei Weiber und drei Männer. Aber die Männer waren bloß zum Musikmachen da. Ein Zug stupiden Leidens lag auf ihren Gesichtern. Es waren Märtyrer der Rhythmenlosigkeit.

Die Weiber, das eine jung, das andere nicht mehr, trugen dem Drange des Menschen nach Fremdartigkeit Rechnung, indem sie in europäischen Kleidern erschienen. Sie sahen aus wie geschminkte Geheimratsköchinnen. Es war ein perverser Anblick.

Die Ältere hub zu näseln an, bald hoch, bald tief; manchmal meckerte sie auch, und dann war das Publikum entzückt. Dazu schlug sie auf ein Tamburin.

So tat sie unermüdlich eine halbe Stunde lang. So oft das Publikum entzückt grunzte oder schrie, sagte ich zu dem Jerusalemiten: »Übersetzen Sie mir das!« Aber er war dermaßen hingerissen, daß er immer nur flüsterte: »Nachher! Nachher!«

Ich war aufs äußerste gespannt. Als die Person also fertig und das Publikum ganz erhitzt von Seligkeit war, eröffnete mir der tückische Dragoman dies: »Ihr Schatz hat se verlassen. Se werd sich trösten.«

»Und das eine halbe Stunde lang? Und deshalb schwitzt das Publikum? Machen Sie das einem palästinareisenden Pastor vor! Glauben Sie, ich sehe nicht, daß Sie ein Gesicht machen wie das leibhaftige Laster im Zustande der Genugtuung? Eine sentimentale Romanze spiegelt sich anders.«

(Ich drückte mich nicht ganz so delikat aus.)

»Was ich sage,« erwiderte er, »se hat ihren Schatz verloren, und se werd sich trösten.«

Da fing die Junge an. Erst ganz wie die Ältere, aber bald merkte ich, daß sie irgendeinen Tric haben mußte, der ihrer Kollegin abging, denn von Zeit zu Zeit kreischte das Publikum vor Seligkeit. Und am Schlusse herrschte Frenesie im Saale, obwohl sie garnichts mehr sagte oder sang. Aber Aller Augen hingen an ihr.

»Was ist denn nur los!?« fragte ich meinen Führer.

»Sehn Se denn nich?!« flüsterte er, »der Hals! der Hals! Das macht ihr keine nach!«

Was ich sah, war dies: Sie saß mit verdrehten Augen ganz steif, ganz unbeweglich, ganz wie aus Holz da: aber ihr Hals, nur ihr Hals, bog sich zuckend links aus, rechts aus, bäumte sich kropfig nach oben, schlappte nach unten. Er steifte und erweichte sich: hörte auf, Hals zu sein. Es war zugleich skurril und skandalös – ein in den Hals verlegter Bauchtanz, aber noch unendlich viel libidinoser, eindeutiger: konzentrierteste Symbolik.

Ich begriff, aber es wurde mir unbehaglich zumute. Das Monströse einer Kunst, die sich ganz auf das Sexuelle, nur Sexuelle zurückgezogen hat, trat mir kraß ins Bewußtsein, und ich erkannte mit einer Art Schauder das übermächtige eines Triebes, den keine Prophetenvernunft zu zügeln vermag.

»Was kommt noch?« fragte ich.

»Wieder so!« sagte er strahlend.

Wir empfahlen uns.

Er bat, bleiben zu dürfen.

*

Auf eines der Minarehs der Omajaden-Moschee von Damaskus wird sich, dem Glauben der Mohammedaner nach, Christus am jüngsten Tage herablassen. Warum gerade hier, konnte ich nicht erkunden. Soll das Weltgericht in Damaskus abgehalten werden? Der Ort eignet sich ja nicht schlecht, denn es ist viel Platz, da ringsum Wüste ist. Aber das kann nicht der Grund sein. Denn dann würde sich Leipzig oder Berlin ebenso zu eignen, wo es an Platz zur übersichtlichsten Aufstellung der Menschheit auch nicht fehlt. Vermutlich haben sich die Mohammedaner gar nichts dabei gedacht und nur gewünscht, daß das letzte Wort auf ihrem Gebiete gesprochen werde. Sie halten ihre Religion ja für eine verbesserte Ausgabe der christlichen und jüdischen. Der Koran ist gleichsam nur der Kommentar zur Bibel, und so spielt denn alles im Islam eine Rolle, was im Alten und Neuen Testament vorkommt. Trotzdem springt der jüngste Prophet bekanntlich manchmal recht bös mit seinen Vorgängern um, und so kann sich kaum je eine Dreieinigkeit aus den Religionen Mosis, Christi und Mohammeds ergeben, – ganz abgesehen davon, daß in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts der Baron Hanns von Gumppenberg von einer Bäckersfrau mit Hilfe eines Klopftisches die definitiv letzte Offenbarung Gottes erhalten hat, wonach er erst der ganz richtige Prophet ist. Ich mußte im Orient oft an diesen begabten Parodisten denken, der auch in seiner prophetischen Periode ein glänzender, wenn auch unbewußter Parodist war. Denn er nahm seine Offenbarung Gottes mit der ganzen Inbrunst eines größenwahnsinnigen Gemütes ernst und kam erst dann zum Bewußtsein seiner menschlichen Insuffizienz, als er, weil Propheten nicht honoriert werden, unter die Rezensenten ging. Hier, im Oriente, hätte der Überschwang dieses labilen Gehirns gewiß ein glorreicheres Ende gefunden. Entweder: man hätte diesen tapferen Bekenner geschwollenen Selbstgefühls gesteinigt, oder: man hätte Gefallen an seinem drolligen Weltbilde gehabt und ihn wirklich als würdigen Nachfolger der großen drei anerkannt. Im Westen dagegen wurde er nicht einmal ausgelacht; mehr noch: die Dummheit wurde ihm unter der stillschweigenden Annahme stillschweigend verziehen, sie sei ein maskierter übler Witz gewesen. Will man ermessen, bis zu welchem Grade heute Prophetentum bei uns unmöglich ist, so muß man diesen Fall Gumppenberg betrachten. Er gehört entschieden in die Kulturgeschichte und sollte nicht vergessen werden.

*

Unweit der Omajadenmoschee (über deren Architektur im Bädeker bündiger Aufschluß zu finden ist) befindet sich das Grab Saladins, des ritterlichen Sultans, dem Wilhelm der Zweite einen anscheinend goldenen Lorbeerkranz mit der Kette des schwarzen Adlerordens verliehen hat, – worüber sich die Mohammedaner heute noch wundern. Diese unwissenden Orientalen haben keine Ahnung, welche Begeisterung für Saladin eine Lektüre des Scottschen Romans Ivanhoe im Herzen eines jeden Europäers entzündet, der hochherzig genug ist, zu vergessen, daß Saladin die Christen zu Paaren getrieben und ihnen Jerusalem endgültig abgenommen hat. Wir Deutschen, durch Loyalität abgehalten, uns unpassend zu wundern, sagen uns angesichts dieser kaiserlichen Kranz- und Kettenverleihung: Unerforschlich wie die Ratschlüsse Gottes sind die der Politik und Völkerpsychologie des regierenden Sultans von PreußenSo nennt man fatalerweise den Deutschen Kaiser im Oriente. Das ist gewiß englische Anzettelung. ; lasset uns hoffen und harren, daß, wenn es einmal Licht darüber wird, es kein Feuerschein sein möge. (Übrigens machte in meiner Gegenwart ein deutscher Pastor ganz andere Bemerkungen darüber. Ich beruhigte mich erst, als ich sah, daß er Naumanns »Hilfe« in der Rocktasche trug.) Die Grabkapelle sah merkwürdig gut gehalten und neu aus; das ist vermutlich ein Verdienst Kaiser Wilhelms, dem zu Ehren vieles auf seiner Reiseroute neu aufgefrischt worden ist. Allein für die Wegeverbesserungen bei Damaskus soll der verflossene Sultan Millionen ausgegeben haben. Doch waren die Landstraßen längst wieder in den alten Zustand zurückgesunken, als wir sie sahen. So machten wir genau die Runde um die Stadt, die auch der Kaiser zu machen geruht hat, und unser Wagen blieb ein paarmal in tiefen Löchern hängen. Aber das gehört doch eigentlich zum Orient, und es ist ein Vorzug, den wir gewöhnlichen Reisenden haben, daß man uns nicht alles Eigentliche aus dem Wege räumt. Der Kaiser sah gewiß nicht wie wir den Kadaver eines Pferdes an der Stadtmauer liegen, in dem ein Rudel wilder Hunde sich an den Eingeweiden letzte. Ich sage nicht, daß dieser Anblick schön war, aber er war echt.

Schön und echt gleichzeitig war ein anderer: eine Kamel-Karawane schleppte Balken für einen Bau herbei. Auf dem Leittiere saß ein kleiner Kerl und zog gleichsam das wie mit Holzklammern verbundene lebendige Ganze hinter sich her. Es ging langsam, aber mit einer monumentalen Sicherheit. Der Rhythmus des Kamelschrittes ist der Rhythmus des Orients. Hier wiegt sich das Leben auf breiten, weichen, leisen Ballen langsam in alten Wegen dahin: nicht vorwärts, nicht rückwärts, im Kreise herum. Eine unsichtbare Karussellorgel dreht dazu das eintönige, einschläfernde Lied: Kismet.

*

Wir haben zu Fuße und zu Wagen einen guten Teil von Damaskus durchstreift. Wir sahen die berühmte riesige Platane; sahen sehr geschminkte und meist hübsche Jüdinnen ihre peinlich frisierten Köpfe zu den Fenstern herausstecken, wenn wir vorüber kamen; beteiligten uns an einem Feiertagskorso der Creme von Damaskus und konnten dabei auf Dächern und Mauern eine Menge gaffenden Volkes betrachten; fuhren auch auf die Höhe von Salahje und erblickten nun unter uns die »Waldoase« von ihrer schönsten Seite. Es ist ein erfreulicher Anblick, aber ich fand doch, daß die schönen Städte des Westens auch von ferne schöner sind. Wir fuhren zwischen üppigen Gärten und in lehmigen Straßen; wir sahen den Muzzedin auf den Minarehumgang treten, die Hand zum Trichter an den Mund legen und hörten seinen melancholischen Tremoloruf; würdig vornehme Scheiks sahen wir in reinlichen schönen Gewändern stolz einherschreiten (für mich hatten aber alle etwas Theologenhaftes); und einmal sahen wir auf der Straße einen völlig nackten alten Herrn im Buschwerk seiner haarigen Brust des edlen Waidwerks pflegen auf das kleinste Wild der Welt. Ich sprang aus dem Wagen und richtete mit vollster Geistesgegenwart das Kodakauge auf den weidlichen Jäger, und auch er tat alles, um ein gutes Bild seiner mit sicherer Kunst ausgeübten Handlung herbeizuführen; aber der Geist des schwarzen Kastens war wider mich: Ich photographierte den haarigen Mann auf eine dicke Jüdin und verlor beide.

Auch das Innere eines orientalischen Hauses durften wir betreten. Von außen sah es erbärmlich aus, aber innen war es niedlich. Da Damaskus einen harten Winter hat, beglückwünschte ich (natürlich nur inwendig) die Herrin des Hauses zu ihrem reichen Fettpolster. Sie muß sonst entsetzlich frieren, denn alle Zimmer sind eigentlich offene Zellen nach dem Hof zu. Der aber ist wie ein Garten. (Mit Springbrunnen, versteht sich. Nur in Brescia gibt es soviel springendes Wasser wie hier.) Die ganze Anlage hat etwas von den antiken Häusern Pompejis. Doch fehlt der große Zug in der Dekoration. Und es gibt keine Bildwerke. Mohammed war im Grunde doch ein öder Banause: dieser schreckliche Theologe verbot die Nachbildung allen animalen Lebens. Dachte dieses Ungetüm vielleicht in Ornamenten? Seine Vernunft war ästhetisch borniert wie die van de Veldes, der den Zarathustra verunzieren durfte. (Dieses Buch ist eine wahre Untat und soll als ein Stein auf dem Gewissen derer liegen, die es nicht verhindert haben, obwohl sie wußten, daß sie ein Verbrechen an Nietzsche und am guten Geschmacke begehen ließen. Es gibt keine Entschuldigung dafür: hier war Rücksichtslosigkeit Pflicht. Zarathustra als typographischer Pfefferkuchen: nie haben sich Barbaren so an Heiligtümern versündigt, wie hier einer vom inneren Kreise.)

*

In der Nacht vor unsrer Abreise wachte ich plötzlich schreckhaft auf und sah ein milchiges Licht schräg über mir gleich einem viereckigen Monde. Da ich in Damaskus natürlich auch an den Apostel Paulus gedacht hatte, glaubte ich, noch halb im Traume, an eine Erleuchtung, und ich fürchtete, ein Jünger Hanns von Gumppenbergs zu werden. Es war aber bloß das Korridorlicht, das durch ein Fenster über der Tür zu uns hereinschien. Ich schlief beruhigt wieder ein, träumte aber recht wirres Zeug. Das merkwürdigste, und sehr fürchterlich, an diesem Traume war, daß alle die »Sprüche«, die ich als Kind habe auswendig lernen müssen, mir plötzlich wieder ins Bewußtsein kamen, das sich ihrer doch längst entledigt hat. Unablässig zitierte ich zumal den mir sehr widerwärtigen Apostel Paulus, das Urbild unserer Pastoren.Man lese in seinem ersten Briefe an die Corinther das neunte Kapitel mit seiner dunklen Rechtfertigung jener »Schwester«, die er »zum Weibe mit umher führte« (»wie die anderen Apostel und des Herren Brüder, und Kephas«). Als es aber Tag wurde, war dieser Spuk verschwunden, und mein bewußtes Gedächtnis war paulusrein.

 << Kapitel 16  Kapitel 18 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.