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Yankeedoodle-Fahrt (1)

Otto Julius Bierbaum: Yankeedoodle-Fahrt (1) - Kapitel 16
Quellenangabe
typereport
booktitleDie Yankeedoodlefahrt und andre Reisegeschichten
authorOtto Julius Bierbaum
firstpub1909
year1910
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleYankeedoodle-Fahrt (1)
pages105-120
created20050519
sendergerd.bouillon
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XVI.

Nochmal von Perikles; nochmal von den kleinen Mädchen; nochmal von Rajak; nochmal von Reisegefährten, die uns nicht gefielen.

Was sind deine Betten so hart und feucht, O Perikles!
Was schmeckt dein Kaffee nach Hammelfett, O Perikles!
Seit wann macht zwölf und sieben – zwanzig, O Perikles!?

Mit diesem Hymnus im Herzen verließen wir das Hotel de Palmyre und begaben uns zu Fuße zum Bahnhof. Vier von unsern kleinen Freundinnen begleiteten uns, darunter das hübsche Gesicht und die schöne Seele. Sie ließen es sich nicht nehmen, unsere Schirme, den Kodak, den Bädeker zu tragen, und außerdem hielten sie unsere Hände fest, während wir wandelten. Und immer guckten sie uns in die Augen, und immer zwitscherten sie miteinander syrisch über uns, und als wir ihnen Bakschisch geben wollten, – o Wunder: da nahmen sie es nicht, sondern die kleine Italiänerin sprach: Signora, ich liebe dich. Und wie der Zug mit uns fortfuhr, da standen sie und winkten und nahmen die Tücher vom Kopf und ließen sie wehen. Und hinter den kleinen, lieben armen Wesen standen die stolzen Säulen des Tempels von Baalbeck hellorangen im Sonnenlichte.

Der unerschütterliche Ratschluß der Vorsehung wollte es, daß wir nochmals mit dem Hammel-Menü von Rajak gezüchtigt werden sollten. Doch war es in Hammelopolis diesmal kurzweiliger, denn es befand sich viel Volks am Bahnhofe, und unsere Görzlinse gierte nach Beute. Wir überließen ihr einen schönen jungen Mann, der sich auf den Rand eines Brunnens setzte, sowie ein dickes Kind in einem bunten Rocke, das ich für ein Mädelchen hielt, während meine Frau diese Meinung für absurd erklärte. Sie hatte recht. Denn es stellte sich heraus, daß dieses Wesen einen Dolch im Gürtel trug, und das ist ein männliches Prärogativ. Meine Frau hatte wieder Glück: sie traf einen italiänischen Tischler mit seiner Frau und interviewte ihn sofort über Land und Leute. Was sie erfuhr, war nicht gerade lieblich. »Denke dir,« berichtete sie mir, »diese Menschen hier sind wirklich so wild wie sie aussehen. Wegen einer Kleinigkeit spießen sie sich mit Messern.« »Wenns weiter nichts ist?« erwiderte ich, »das machen die niederbayrischen Bauernburschen genau eben so.« »Ja, aber gestern hat ein Nachbar unserer Landsmännin einen Mann totgestochen, bloß weil der nicht aufgepaßt hat, wie seine Schafe auf das Feld des anderen liefen. Diese Menschen haben keine Polizei. Sie schlagen und stechen und schießen sich einfach tot, und basta.«

Unter diesen Umständen, war es mir angenehm, daß der Zug bald abging. Ich wünsche überhaupt nicht erstochen zu werden, am wenigsten aber in einer Gegend, wo es so nach Hammelfett riecht.

Rajak, ich lasse dich,
Rajak, ich hasse dich,
Rajak, du stinkst.

Ich gedachte, diese Fluchode zu Ende zu reimen, aber es gab sehr viel zu sehen. Wir fuhren durch das alte Cölesyrien, das auch jetzt noch fruchtbar, wenngleich ungenügend bebaut ist. An den Stationen fanden sich viele Kinder mit Blumen ein. Mich ergriff natürlich sofort die Kodakomanie, aber gerade die hübschesten waren nicht vor die Linse zu kriegen. Auch nicht für Bakschisch. Zumal die Mädchen schienen sich vor dem schwarzen Kasten zu fürchten. (Die Kleine mit dem Blumenstrauß und den nackten Armen, die meine Frau erwischt hat, hält die Hand nicht etwa gegen die Sonne vors Gesicht, sondern gegen den Kodak.) Ob das Dingelchen, dessen Bild ich gleichfalls mit abdrucken lasse (mit meiner daneben hockenden Frau), ein Bub oder Mädel ist, weiß ich nicht; nach der Äußerung einer Yankeedoodledame ist es überhaupt kein Mensch, sondern ein Vieh. Denn, als ihr das kleine Wesen ganz schüchtern die Blumen entgegenhielt, schrie die Vertreterin westlicher Kultur, offenbar überzeugt, daß in Syrien berlinisch auch von kleinen Kindern verstanden wird, gell auf: »Weg, weg! Du bist ja kein Mensch, du bist ja ein Tier!« Ich höre sonst nicht gerne Amerikanisch-Englisch reden, aber diese Worte hätte ich immer noch lieber in diesem Idiom vernommen. Desgleichen war es mir beschämend, konstatieren zu müssen, daß der junge Mann, der mit einer Peitsche auf die Kinder einschlug, um sie seinem Kulturleibe fernzuhalten, gleichfalls kein Amerikaner, sondern ein Deutscher war. Er tat das aus Furcht vor Ungeziefer. Ich konnte meine Frau nur mühsam davon abhalten, ihm zu erklären, er sei selber ein Ungeziefer in Stiefeln. Auch dieser Mensch wird jetzt Friedrich Schiller feiern.

Was rechts und links von der Eisenbahn liegt, steht alles im Bädeker.

Es dauerte gar nicht lange, und wir waren in Damaskus.

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