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Yankeedoodle-Fahrt (1)

Otto Julius Bierbaum: Yankeedoodle-Fahrt (1) - Kapitel 15
Quellenangabe
typereport
booktitleDie Yankeedoodlefahrt und andre Reisegeschichten
authorOtto Julius Bierbaum
firstpub1909
year1910
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleYankeedoodle-Fahrt (1)
pages105-120
created20050519
sendergerd.bouillon
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XV.

Vom dilettantischen und vom richtigen Reisen; von einer Amerikanerin, der ich auf dem Schoß saß; von der Libanonfahrt; von einer hammlischen Station; von armen Pferden; von großen Dingen; von kleinen Mädchen.

Partant pour la Syrie . . .! Was für ein wunderliches Gefühl das ist, nach Baalbek zu reisen zwischen Libanon und Antilibanon. Schon im Klang der Worte liegt Suggestion.

Aber ich mußte, während wir nach Beirut dampften, immer wieder daran denken, wie leichtfertig wir reisen: wie dilettantisch. Aus den Papieren, in denen Goethe die Vorbereitungen zu seiner zweiten italiänischen Reise hinterlassen hat, ist in der Weimarer Ausgabe seiner Werke ein dicker Band zusammengestellt worden. Er kannte das Land bereits aus eigener Anschauung und wußte überdies in seiner Geschichte, Kunst, Literatur und Natur Bescheid. Trotzdem umklammerte er es gleichsam mit allen Sinnen seines Erkenntnistriebes nochmals, korrespondierte mit allen möglichen Vertretern der verschiedenen Interessengebiete darüber, vertiefte sich in Spezialstudien, sammelte überall her Materialien. Er warf sein inneres Auge voraus, um mit dem äußeren nicht bloß zu sehen, sondern zu begreifen. Es sollte nichts in Italien zu seinen Sinnen reden, das er nicht innerlichst verstanden hätte. Das Gaffen war ihm verhaßt: sein Blick wollte mit Verständnis umfassen. Er ging nicht auf Zerstreuung aus, sondern auf Sammlung. Die Strapazen, die eine Reise zu seiner Zeit mit sich brachte, wären ihm als Kraftvergeudung erschienen, hätte er sie nicht als Mittel zu einer Bereicherung seiner stärksten Lebenskräfte empfunden. Wir nehmen das Reisen leichter, weil es uns leichter gemacht wird. Das bequeme und schnelle Reisen hat das Reisen entwertet, – fast um seinen Sinn gebracht. Wenn Perlen in allen Gossen lägen, würden wir ihren Schimmer verachten. Die Kartoffelblüte ist eine sehr schöne Blume, aber kein Mensch bindet sie in einen Strauß. Die Wunder des Orients sind keine Wunder mehr, seit sie den Vielzuvielem gemein geworden sind. Wenn im Markusdome zu Venedig ein Café etabliert sein wird, rettet der Glanz aller seiner Mosaiken nicht die Heiligkeit des Ortes. Ich kann in einer tiroler Dorfkirche künstlerische Andacht empfinden vor ein paar alten Ölschwarten, wenn ich allein oder mit Gleichgestimmten zusammen bin; und wenn ich einen halben Tag lang steigen mußte, um dahin zu gelangen, so ist mein Entzücken doppelt groß. Zum rechten Sinn einer Reise gehört, daß sie etwas Mühe erfordert. Wirklich köstlich wird sie erst, wenn sie den Reiz des Abenteuerlichen hat. Die Handwerksburschen reisen immer noch am sinnvollsten.

Einer Reise in ungemäßer Gesellschaft ist der Besuch eines Kinematographentheaters durchaus vorzuziehen. Nur die Menschenkenntnis gewinnt auf solchen Reisen, und sie sind eine vollgültige Belastungsprobe für den Humor.

Aber ich wiederhole es nochmals: das gilt nur für uns Schiefgewickelte, meine Freunde! Und, da wir ja wohl alle etwas Humor haben, dürfen wir uns nicht beschweren. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Der Mensch fängt beim Nein an, hat der alte Björnson gesagt. Aber dieses Nein muß auf ein großes Ja zielen. Wir lachen nein und meinen ja.

*

Wir dampften nach Beirut, immer der Küste nahe. Sie ist öde und baumlos. Selbst die Häuser der Menschen sehen wie große Steine aus. Das Hohe in der Ferne ist der Libanon. Es liegt Schnee auf seinen Höhen. In der Nähe der Ortschaften wird die Erde bunter: rötlich und milchkaffeefarben. Wohl Felder. Gebäude mit leuchtenden Ziegeldächern wurden uns als Hospize bezeichnet. Das Meer ist klar und spiegelglatt. Der Abend kommt, und die Farben werden tiefer. Flammrot geht die Sonne unter. Die meist hellblau bemalten niederen Häuser von Beirut, das nun, sehr malerisch zusammengewürfelt, erscheint, leuchten scharf in das Feuerwerk hinein. Fast alle zeichnen sich durch sehr große Fenster aus; sie müssen also verhältnismäßig hohe Räume haben. Eins von ihnen stand auf dicken Pfählen gleichsam im Meere selbst.

Es wurde schnell dunkel. Yankeedoodle brüllte zur Küste: Wir sind da! Dann blieb er stehen. Eine Dampfbarke im Hafen schrie gell: Ich komme gleich! Machte los und holte unsre Post. (50 Kilo Ansichtskarten.) Ein Herr im Fes redete mit dem Kapitän. Jemand wollte das Wort Cholera gehört haben, und der Schatten der Quarantäne hing einen Augenblick über uns. Aber er verschwand wieder. Die Schiffskapelle bedankte sich dafür mit einem reichhaltigen Programm.

Wir schliefen an Bord. Die ordre de bataille lautete auf: fertig zum Ausbooten früh ½8.

Dies hatte am nächsten Morgen zur Folge, daß ich zwei Eierkuchen bestellte, aber nur einen aß. Als letzter wurde ich hinter meiner Frau her in eine Barke geworfen, die recht neckisch auf den Wellen tanzte. Trotzdem fing mich ein Neger an seiner breiten Brust auf. Seine gefletschten Zähne begrüßten mich mit dem Worte Bakschisch. Ich antwortete darauf sehr höflich: Guten Morgen, mein Freund. Er setzte mich einer Amerikanerin auf den Schoß, die keine Schätzung dafür besaß, einen deutschen Dichter auf ihren Knieen zu schaukeln, weshalb sie ebenso erschreckt wie zornig aoh! rief. Ich sagte der Wahrheit gemäß, daß es nicht gerne geschehen sei und mit meinem Willen gewiß nicht wieder vorkommen solle. Dabei bemerkte ich, daß die Dame einen weißen Schnurrbart hatte, erzeugt durch den Schaum der Zahnpasta, und daß in ihren schweren Augensäcken noch viel Schlaf lag. Auch die übrigen Amerikanerinnen hatten jenen Zug im Gesichte, den Gott Morpheus erzeugt, wenn ihm nicht genügend gehuldigt worden ist. Einige sahen wie empörte Igel aus.

Meine Frau, frisch wie immer, wurde plötzlich auch gelb im Gesichte. Dann wurde sie grün. Und dann sagte sie: mal di mare Ich beeilte mich augenblicklich, das Mittel dagegen anzuwenden, das immer probat ist, wenn man weiß, daß man in zehn Minuten festen Boden unter den Füßen hat: ich lachte sie aus. Sie wurde wütend. Die Krankheit war gehoben.

Wir defilierten durch eine Zollbaracke, brauchten aber auf Grund eines offiziellen Yankeedoodle-Bakschisch die Interieurs unserer Koffer den Zöllnern und Sündern von Beirut nicht zu enthüllen. Ein paar Schritte, und Beirut war erledigt. Wir bestiegen einen Extrazug und fuhren ab. Erst gings der Küste entlang, dann wandte sich die Fahrt ins Land. Viel Blumen rechts und links: dunkelrote Anemonen und Kornblumen. Dann schöne Orangengärten, Olivenkulturen, riesige Feigenbäume, – alles von äußerster Üppigkeit. Zumal die Orangen waren enorm groß. Als aber das Gebirge begann und mit ihm eine Zahnradbahn, hörte wie mit einem Schlage die Üppigkeit auf, und es wurde öde. Nur die Rebe kroch mit uns mit. Im eigentlichsten Sinne. Die sich in Italien hoch in die Ulmen schlingt, liegt hier am Boden. Zum Teil war sie gegen die Kälte gedeckt. Station auf Station bis zur Höhe des Libanon. Es wurde frisch, kühl. Dann, auf dem Plateau zwischen Libanon und Antilibanon, weite, grandiose Blicke. Hier war ehedem eine der großen Kornkammern der alten Kultur. Auch heute noch weite Äcker. Aber kaum ein Baum. Zuweilen kamen wild aussehende Leute an den Zug und Kinder mit Blumensträußen. Alle etwas scheu. Mein Kodak hat ihnen tief ins dunkle Auge geblickt, aber der schurkische Photograph in Jerusalem fand, daß die Bilder sich sehr zu Ansichtskarten eigneten, und so erzählte er mir, sie seien verdorben. Hätt ich doch die Mädelchen und Jungen selber ordentlich angesehen!

Die Mittagsstation hieß Rajak, zu deutsch: Hammelopolis. Schon die Luft war mit Hammelduft geschwängert. Das Menü aber lautete wie folgt:

Hammelbouillon,
Hammel als Rindfleisch,
Hammelbraten mit Reis, imprägniert von Hammelfett,
Hammel-Pudding,
Verhammelte Datteln, Rosinen und Nüsse.

Wir sammelten diese Gerichte in die Papierservietten, die gleichfalls mit Odeur de mouton parfümiert waren, und brachten sie den wilden Hunden von Rajak und Umgebung, die sich regelmäßig und pünktlich einfinden, wenn hier ein Zug hält. Sie haben den Fahrplan im Magen. Diese Tiere sind zu bedauern, denn in dieser Gegend wohnen nicht bloß Mohammedaner, die gut mit ihnen umgehen, sondern auch Christen, die das nicht für geboten halten, und Drusen, die überhaupt sehr wild sind. Man weiß nicht genau, woran diese glauben; aber viele unter uns wissen das ja von sich selber nicht. »Ich glaube, ich bin Monist«, sagte mir einmal ein Yankeedoodler. »Wieso?« fragte ich. Seine Antwort lautete: »Meine Eltern waren Juden; ich ließ mich protestantisch taufen; da meine Frau katholisch ist, sind es auch meine Kinder; ich aber habe Haeckels Welträtsel gelesen und gehöre zu dem Monistenbunde. Aber das ist eine sehr schwierige Religion, die andern verlangen bloß, daß man glauben; sie will, daß man wissen soll. Nun könnte ich mir ja damit helfen, daß ich glaubte, ich wüßte; aber dazu bin ich noch zu jüdisch: was ich nicht wirklich habe, von dem bilde ich mir auch nicht ein, daß ich es hätte. Denn: was hätte ich davon? Also glaube ich einstweilen bloß, daß ich Monist bin. Dazu bin ich doch einigermaßen berechtigt als Mitglied, nicht wahr?« »Gewiß« antwortete ich, »und dann werden Sie ja auch schließlich mal dahin kommen, das Wissen ruhig den Oberen Ihrer Gemeinschaft zu überlassen und an sie zu glauben. Sind Sie aber da angelangt, so können Sie ruhig von sich behaupten, daß Sie Religion haben. Sie glauben dann an das alleinseligmachende Gehirn, und das ist eine große Sache mit vielen Windungen.« Der Herr meinte, ich verhöhnte ihn, aber das lag mir ganz ferne. Ich selber gäbe wer weiß was drum, wenn ich wenigstens an einen Professor glauben könnte da mich die Propheten enttäuscht haben.

*

Selbst der Lokomotive unseres Extrazuges wurde der Lokalgeruch von Rajak zu viel. Sie prustete und schrie fortwährend und gab schließlich Wasser von sich. Dann lief sie fort. Als sie wieder kam, hatten sich ihr einige Wagen mit Eingeborenen angehängt Da sah ich zum ersten Male einen Harem. Denn so heißen die Frauenkupees. Die Haremsdamen aber waren recht garstige Wesen, und ich bedauerte, daß sie nicht wie ihre ägyptischen Genossinnen das ganze Gesicht verhüllt trugen.

Endlich durften wir diesen hammlischen Ort verlassen. Der Zug kroch wieder in die Höhe. Es wurde immer öder. Bauern sah man wenig, aber manchmal galoppierte neben dem Zuge mit flatternden Ärmeln ein reitendes Waffenarsenal vorüber. Vielleicht ein Druse, der seinen Mangel an Religion durch Schieß- Stich- und Hiebgewehre ersetzt hatte.

Nach einer Stunde: Baalbek. Ein schmutziger, armseliger, trostloser Bahnhof. Dicht aneinandergedrängt wie Ungeziefer standen unglaubliche Karreten mit unseligen Pferden, denen der Hunger die Rippen durch die Flanken spießte, und warteten auf uns. Die Kutscher aber, schreckliche Gesellen mit widerlich wilden Gesichtern, warfen sich über uns her, als wollten sie ein Massaker beginnen. Da es längst nicht soviel Wagen wie Passagiere gab, wünschte ein jeder dieser furiosen Kerle, möglichst oft vom Bahnhof zum Hotel zu machen. Daher ihr kriegerisches Ungestüm. Ich verdankte es nur meiner Korpulenz und dem fechterischen Geschick, mit dem ich meinen Handkoffer gleich einem Morgenstern des Mittelalters handhabte, daß ich nicht zu einer mir gänzlich fremden Amerikanerin in einen Wagen geworfen wurde, dessen eines Hinterrad gefährlich schlingerte, wie die erste Fahrt losraste. Sie verschwand in einer dicken gelbgrauen Staubwolke, die mit Teufeln bevölkert schien: ein solches Brüllen, Knallen, Rattern klang aus ihr her. Nach kurzer Zeit kam die ganze Bande wieder, die Pferde in noch bejammernswerterem Zustande als vorher. Es war sehr scheußlich. Wenn ich an die Seelenwanderung glaubte: ich hätte keinen ruhigen Augenblick mehr; denn ich würde immer fürchten, es könnte mich das Los treffen, nochmals auf die Welt zu kommen als Baalbeker Gaul. Beim großen Baal: ich wünsche definitiv tot zu sein, wenn ich tot bin; unauferstehlich tot. Die Unsterblichkeit ist ein unerträglicher Gedanke, ganz gleich, in welcher Maskerade er auftritt. Alles muß ein Ende haben: das ist der Trost des Lebens und seine wundervolle Wehmut.

Im Tore des Hotels de Palmyre begrüßte uns ein überlebensgroßer Grieche mit einer gestickten Kappe, der auf den Namen Perikles Mimikaki hörte und sehr oft sagte: J'ai l'honneur. Wir hätten ihn gerne genauer in Augenschein genommen, aber unser Stundenplan erlaubte uns nur, den Schwamm gerade einmal über das bestaubte Antlitz zu führen. Dann mußten wir uns wieder an der Pferdeschinderei beteiligen. Diesmal ging es so toll zu, daß wir uns weigerten und lieber auf gut Glück zu Fuße gingen. Die armen Kreaturen waren auch durch die fürchterlichsten Hiebe nicht zu bewegen, von der Stelle zu gehen. Da Baalbek nur aus ein paar elenden Hütten besteht, über denen die Ruinen der Tempel (denn es sind mehrere) emporragen wie Heiligtümer aus einer anderen Welt (und das sind sie auch) so hätten wir den Weg auch ohne die Kohorte von Männern, Weibern und Kindern gefunden, die uns begleiteten.

Und so ungeheuer ist die Erhabenheit dieser Reste einer riesenhaften Vergangenheit, daß sie mit einem Male allen Dreck und Quark großer und kleiner Kümmernisse vergessen macht, unter denen wir Toren leiden.

Hier war es, wo ich den stärksten Eindruck auf unsrer Reise erhalten habe.

Möge Meyer der Große meine Leser darüber belehren, was Baalbek archäologisch bedeutet. Ich kannte mir leicht einen Anstrich von Gelehrsamkeit verleihen, indem ich Auszüge aus dem sehr guten Führer machte, den der eingeborene Kustos dieser heiligen Trümmer, ein sehr gebildeter und gescheidter Herr, geschrieben hat. Aber das gäbe ein falsches Bild meiner Stimmung, die mit der Wonne des Archäologen wenig gemein hatte. Mir war pathetisch zumute. Nur hier habe ich das Yankeedoodlegewimmel völlig vergessen, ganz übersehen. Nirgendwo konnte man sich freilich so von ihm fernhalten, wie in diesen riesigen Dimensionen, in denen die Passagiermenge eines modernen Ozeanriesen völlig verschwindet.

Vermutlich haben diese Bauten, als sie noch standen nie so ungeheuer gewirkt, wie jetzt als Trümmer. Denn jetzt wirkt der Himmel hinein, jetzt ist das Licht Herr über den Lichttempel. Man kann sich, hat man es nicht genossen, keinen Begriff von der Klarheit dieser Luft machen, und es ist unmöglich, mit Worten dem Eindruck nahe zu kommen, den diese riesigen Steinmassen, ob sie nun noch gestaltet stehen, oder zerrissen herumliegen, dem Auge bereiten in diesem Lichte, das zugleich jede Einzelheit von einander scheidet und doch das Ganze zu einer Gesamtwirkung von dramatischer Wucht zusammenhält, Es ist eine unsagbare Wollust des Sehens: Pathos des Auges, leidenschaftlicher Genuß. Ich hatte plötzlich die Empfindung: hier lebt der Geist, den R. Dehmel vorgeben möchte und Nietzsche besaß, der einzige Moderne, der der Antike gewachsen war. Hier fallen Binden vom Auge. Wer dies sah, weiß, was groß und was gernegroß ist. Baalbek sehen heißt echtes Pathos erleben, heißt unfähig werden, sich jemals wieder an Aufgeplustertes hinzugeben. Man fühlt, was hier in Resten steht, in Trümmern liegt, ist das Werk inspirierter Konstruktion großer Seelen, in denen rechnen und dichten eins war.

Was war, auf eine Formel gebracht, das architektonische Problem? – Mit Libanon und Antilibanon zu konkurrieren, zwischen zwei kolossalen Naturwerken ein kleineres Menschenwerk zu errichten, das doch nicht gedrückt erschien, sondern gehoben: Kern und Inhalt dieser Natur, die zu seinem Rahmen herabgebändigt wurde. Welch eine Tat! Nicht einmal die Pyramiden von Giseh reichen daran. Denn an ihr hat mehr als eine Kolossalkultur gearbeitet. Wie ein Wunder, nicht wie ein glücklicher Zufall, erscheint es, daß eine der anderen gewachsen war: daß der griechisch-römische Geist, wie in einem letzten Zusammenfassen seiner Kräfte, die Macht besaß, auf den Substruktionen einer gigantischen Vorzeit in denselben Riesenmaßen weiterzubauen.

Und nun zu denken, daß diese Riesenkraft unterminiert werden konnte durch einen Gedanken: den vom Kreuze. Er hat diese Räume nicht ausfüllen können, aber er hat sie ausgehöhlt.

Immer wieder mußte ich an Nietzsche denken. Seinem Zarathustra wäre diese Trümmerwelt der rechte Tempel und diese Luft die eigentliche Atmosphäre seines Geistes. Hier ihn zu lesen – welch ein Erlebnis!

Verkrieche sich, wer eine letzte Decke hat!
Ins Bett mit euch, ihr Zärtlinge!
Nun rollen Donner über die Gewölbe,
Nun zittert, was Gebälk und Mauer ist,
Nun zucken Blitze und schwefelgelbe Wahrheiten –
Zarathustra flucht . . .

Dann aber ginge man in die Barokschatulle der Aphrodite nahebei, das Venuskapellchen, und brächte sein Honigopfer:

Bringt Honig mir, eis-frischen Wabenhonig!
Mit Honig opf'r ich allem, was da schenkt,
Was gönnt, was gütig ist – erhebt die Herzen!

Amorosissima! Pia! Caritate vole! Ich rufe dich an. Ruf ich ins Leere?

*

Als wir zurückgingen, hatte ich in den armseligen Gassen des heutigen Baalbeck für eines Augenblickes Dauer die Vision der alten Sonnenstadt mit ihrem Völkergewimmel zur römisch-griechischen Zeit, und ich sah zum ersten Male Gelasimus den heiligen Mimen, dem ich dann in meinen Sonderbaren Geschichten ein Denkmal errichtet habe. Als ich damit beschäftigt war, sah ich die alte Heliopolis genauer: abends, wenn mir gegenüber das Schlernmassiv vom Silberlichte des Mondes konturiert wurde. Diese Zauberlaterne, die ihr Licht vom großen Baal borgt, hat eine magische Kraft. Sie leuchtet Leichen lebendig – doch nur den lebendigen Seelen, die von sehenden Augen bedient werden.

Herr, Gott, Baal, ich danke dir! Ich bin zwar nur ein phosphoreszierender Wurm und werde mich nie des Größenwahns erfreuen, daß ich ein feuriger Busch sei, aus dem Gott Gesetze verkündet, aber ich empfinde die Wollust des Lichtes tief und dankbar, und ich bin glücklich, daß alles Dumpfe, Düstere, Glosende mir zum Ekel geworden ist, seit ich dich erkannt habe.

*

Perikles Mimikaki begrüßte uns mit einer sprühenden Suada, indem er uns beglückwünschte, daß uns das Los gefallen sei, in seinem Hotel de Palmyre zu wohnen, und nicht bei jener »Madame«, die sich erdreistet habe, ihren Hühnerstall »Grand Hotel« zu nennen. »Dieses arme Wesen ist gänzlich übergeschnappt,« sagte er, »ich bemitleide sie tief. Noch mehr aber die Unglücklichen, die bei ihr wohnen und, oh, oh, oh, essen müssen. Bei mir werden Sie nachher ein Menu genießen, wie in London, Paris, Berlin, Konstantinopel, Kairo; und wenn Sie gespeist haben, werden Sie bei mir echte Altertümer kaufen können; und wenn sie dafür keine Neigung besitzen, so werden Sie in meiner Empfangshalle die schönsten Arbeiten der hiesigen Kunstfertigkeit zur Auswahl haben; und wenn auch das Sie nicht reizt, so können Sie unter wahren Kunstwerken von Ansichtspostkarten wählen; und wenn . . .« »Pardon, Herr Mimikakiles,« warf ich ein: »wo ist das Closet?« »Oh!« rief er, »ich habe deren fünf, doch funktioniert leider seit gestern das Wasser nicht.« Das war schade, denn dieser Ort hätte der Bewässerung sehr dringend bedurft.

Dafür war das Essen wirklich nicht schlecht, und Perikles hätte sich ruhig dazu bekennen können, daß er, wie er Kellner, Hausmeister und Stubenmädchen seines Hotels war, auch das Amt des Koches bekleidete. Zwar gab es eigentlich auch nur Hammel, aber dieses Nahrungsmittel war wenigstens talentvoll kaschiert.

Neben uns saß ein Kaufmann aus Tripolis, wohl auch ein Grieche. Es war ein schöner und anscheinend gescheiter Mann mit gemessen höflichen Manieren. Der Beifall, den bei meiner Frau die Zigarette fand, die er ihr nach Tische anbot, veranlaßte ihn, ihr zwei Schachteln davon aufs Zimmer zu schicken. Seitdem stehen bei ihr die tripolitanischen Kaufleute in sehr gutem Geruche. Sie hätte auch sonst Gastgeschenke recht gerne entgegengenommen, zumal sie früher gehört hatte, es sei bei den Orientalen Sitte, ihre Gäste durch kleine Douceurs zu erfreuen. Aber wir kamen leider nur selten mit anderen Orientalen zusammen, als Hotelwirten, und diese waren durchaus mehr fürs Nehmen, als fürs Geben. (Perikles auch.) Übrigens ist der ganze Orient, soweit ihn Seine Majestät Wilhelm der Zweite bereist hat, voll von Mordgeschichten über die enormen Gastgeschenke, die ihm Sultan Abdul Hamid verehrt haben soll, und es heißt allgemein, er hätte sich eigentlich etwas ergiebiger revanchieren müssen. Es scheint also eine Art Komment zu bestehen, wonach es sich bei diesen Gastgeschenken mehr um ein Tauschgeschäft handelt, als um Spenden aus freundschaftlichem Herzen.

Daß ich es nicht vergesse: In einem der überdachten Räume in den Ruinen befindet sich eine in türkischer und deutscher Sprache abgefaßte Gedächtnistafel, die der Freund Wilhelms des Zweiten. als er noch Yildis-Kiosschk bewohnte, zum Andenken daran hat anbringen lassen, daß S. M. eine Nacht in einem Zeltlager zwischen den Säulen des Sonnentempels zugebracht hat. Ich war so unzart, unsern Perikles zu fragen, warum der »preußische Sultan« nicht im Hotel de Palmyre abgestiegen sei. »Intrigen!« war die Antwort, »schmutzige und schmähliche Intrigen. Jene Madame, vous savez . . .« Ich bin fest überzeugt, daß Perikles glaubte, was er sagte.

Nach Tisch bewährte sich der Sohn des Perikles als echter Grieche, indem er Baalbeker Andenken mit viel Talent zum Kaufe anbot. Er machte gute Geschäfte, und sein Papa war selig darüber. Als sein Vorrat ausverkauft war, durften auch die kleinen Christenmädel Geschäfte machen, die sich inzwischen die Nasen an den Fensterscheiben plattgedrückt hatten. Es war entzückend. wie hübsch sie jammerten, um zum Kaufe zu reizen, wie lustig sie lachten, wenn es gelungen war. Sie boten kleine aus Zwirn gestrickte Beutelchen an, die in bunten, sehr gut gewählten Farben das Wort Baalbek, eine Säulenreihe und ein Kamel aufwiesen. Wir machten mit wenig Geld viel vergnügte Gesichter. Als meine Frau mit den Kleinen italiänisch zu reden versuchte (ein Versuch, den sie im ganzen Orient immerzu und meist mit dem Erfolge machte, daß sie Antwort in ihrer Sprache erhielt), rannte eine aufgeregt davon und brachte ein wunderhübsches zwölfjähriges Mädchen mit, das fließend italiänisch sprach: eine kleine Grazie in Lumpen und von holdester Schüchternheit. Dafür war eine andere um so häßlicher, aber das war gerade die, die die Hübsche geholt hatte. Mit Recht erhielt sie einen Doppelbakschisch, aber der kleinen Italiänerin wurde das Doppelte abgekauft. So walteten wir mit Gerechtigkeit jenseits von Schön und Häßlich und konnten um zehn Uhr mit dem Bewußtsein in die perikleischen Betten steigen, ein paar gute Herzchen in Baalbeck froh gemacht zu haben.

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