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Yankeedoodle-Fahrt (1)

Otto Julius Bierbaum: Yankeedoodle-Fahrt (1) - Kapitel 12
Quellenangabe
typereport
booktitleDie Yankeedoodlefahrt und andre Reisegeschichten
authorOtto Julius Bierbaum
firstpub1909
year1910
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleYankeedoodle-Fahrt (1)
pages105-120
created20050519
sendergerd.bouillon
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XII.

Ein paar Ansichtskarten.

1.
An Herrn Schwartz in Oldenburg.

                      Ob Sie noch leben, Herr Schwartz, dies weiß ich nicht, aber das weiß ich,
Daß Ihr Genie zuerst eintausendachthundertundsiebzig
Einen Gedanken empfand, der heute Millionen gemein ist
Und viel tausend Maschinen bewegt im rührigen Deutschland.
Nie war ein Menschengehirn phosphorischer hell, als das Ihre,
Wie die erlauchte Idee der Ansichtskarte ihm aufglomm.
Sicherlich ist Ihnen schon ein ragendes Denkmal errichtet
Irgend im Vaterland wo, das seinen führenden Geistern
Gerne marmornen Dank darbietet, oder in Bronze
Die auf die Nachwelt bringt, die Unvergängliches schufen.
Denn zu diesen, Herr Schwartz, gehören Sie. Daran zu zweifeln,
Wäre frivol und verriete erheblichen Mangel an Einblick
In das Genie der Zeit, das Sie als Erster erahnten.
Und so wag ich es denn, mit zitternden Fingern dem Sockel
Ihres Denkmals hier die allzudürftigen Worte
Einzugraben des Danks, den Ihnen die Ewigkeit schuldet:
Dieser erkannte zuerst das Bild als bündigsten Dolmetsch
Nicht gedachter Gedanken und nicht gefühlter Gefühle;
Dieser befreite erst ganz vom Briefe die eilige Menschheit,
Ihn auf die Unterschrift (gepriesen sei er!) beschränkend;
Dieser machte zuerst die Kunst im billigen Abklatsch
Allen gemein und schuf Museen in jeglicher Kammer;
Dieser fügte zuerst dem Sittengesetze der Menschheit
Neu eine Pflicht hinzu und erweiterte damit die Ethik:
Wo du immer auch sei'st, gedenke der Onkel und Tanten!
Dieser ahnte voraus des zwanzigsten Säkulums Seele:
Überall hin und von überall her ein eiliges Bißchen,
Massenkonsum in Klischees: kein Weltbild, aber viel Bilder.

2.
An einen Gläubiger.

Sehr geehrter Herr! Ihre werte Rechnung wurde mir eben überreicht, als ich ausfuhr, den Basar von Kairo zu besuchen. Also zur Unzeit. Es gibt hier unendlich viel zu kaufen; darunter Sachen, an denen man schwer vorüberkommt, zumal wenn man seine Frau bei sich hat. Wie sollte ich da so leichtsinnig sein und meine ohnehin geringe Reisekasse angreifen? Nein, das werden Sie nicht verlangen. Dazu sind Sie ein zu glänzender Psychologe. Ich will Ihnen statt dessen einiges mitteilen, das mir hier aufgefallen ist. Vor Allem dies. die moslemitischen Kaufleute sind sehr fromm, viel frommer als ihre christlichen Kollegen. Sie, mein werter Herr, habe ich noch nie, wenn es zum Gebet läutete, niederknieen und Ihre Angelegenheiten mit Gott ordnen sehen. Dagegen lassen sich Ihre Kollegen hier, wenn zum Gebete gerufen wird, augenblicklich auf ihren Teppich nieder, wenden das Antlitz nach Mekka und beschäftigen sich ausschließlich mit Allah. Manche laufen sogar in die nächste Moschee und waschen sich die Füße. Sie würden dies, wie ich auf Erkunden erfahren habe, auch dann tun, wenn sie eben einen Mahnbrief schrieben. Kredit haben sie mir freilich nicht gegeben. Auch hatte ich die Empfindung, daß wir ihnen ziemlich komisch vorkamen, und manche schienen uns geradezu zu verachten, so hochnäsig sahen sie uns an. Das passiert in Europa nur, wenn die dritte Mahnung erfolglos geblieben ist. – Leben Sie wohl, mein wertester Herr, und haben Sie keine schwarzen Gedanken. Ich habe Ihren Gruß aus der Heimat gut aufgehoben.

3.
An Professor Witkowski in Leipzig.

Was würden Sie sagen, lieber Freund, wenn plötzlich, während Sie über Goethes »Faust« vortragen, eine Schar Araber in Ihren Hörsaal käme, Sie anguckte, Ihre Hörer anguckte, Bemerkungen über Ihren Bart machte, den Stoff Ihres Gehrockes betastete und dann in angeregten Gesprächen um Ihren Katheder herumspazierte? Sie würden das für eine Vision halten. Wir haben das heute aber wirklich getan, und es ist mir jetzt noch rätselhaft, daß wir nicht herausgeworfen worden sind aus der Moschee »El Azhar,« wo wir diesen Unfug verübt haben. Diese Moschee umschließt eine der größten Universitäten des Islam. Eine tolerantere Religion, als diese, ist schwer zu denken. Wie könnte sie es sonst ungläubigen Hunden erlauben, in ihren Heiligtümern herumzuschnobern? Das einzige, was von uns verlangt wurde, war, daß wir Pantoffeln anziehen mußten. Gewiß nehmen auch andere Götter mit recht billigen Aeußerlichkeiten fürlieb, aber so bescheiden wie Allah ist doch keiner. Oder tut er blos so? Verstellt er sich, weil er invalide ist? Wird er uns vielleicht mal anders kommen? Einige der Professoren gaben uns Blicke zu kosten (nur ganz kurze, verächtliche), die nicht eben demütig schienen, und der Säbel, der hinter der Moschee-Kanzel steckte, ist zwar blos ein Symbol aus Holz, aber es gibt doch zu denken, daß hier mit dem Säbel in der Faust gepredigt wird. – Ich habe einen großen Eindruck von dem ungeheueren Lehrsaal mit seinen Hunderten von Säulen empfangen, zwischen denen, auf dem Boden kauernd, gewiß ein halbes Tausend junger Moslems von ihren Lehrern unterrichtet wurde. Das Interessanteste war die eisige Gleichgiltigkeit, mit der diese Menschen uns Gaffer an sich vorbeiziehen ließen. Kaum daß uns hie und da einer mit einem Blick streifte. War ein Professor mit seiner Vorlesung zu Ende, so erhoben sich die Schüler und küßten ihm die Hand, oder die linke Schulter, oder den Saum des Kleides. Dann entfernten sie sich leise mit dem schönen Gruße, den meine Frau »sinnlich und herzlich« nannte: die rechte Hand erst zur Stirn, dann zum Herzen und dann zum Munde führend. – Mir war den ganzen Tag andächtig zu Mute.

4.
An Anna Croissant-Rust in Pasing.

Du beneidest uns? Laß das bleiben. Wir sind zu beneiden wie die Gänse beim Nudeln. Drei Moscheen an einem Tage, das ist, mit Jesus Sirach zu reden, zum Bauchgrimmenkriegen. Trotzdem haben wir beide das Gefühl, eine Art Gnade zu erleben. Es ist eine Strapaze und ein Unfug, aber es bleibt dennoch eine Menge Köstliches. Nur, eben, daß man die Empfindung von einer Art Unfug nicht los wird. Es ist doch, wie wenn man, statt den »Faust« zu lesen, in dem Buche herumblätterte. Da fängt man wohl auch das Eine und das Andere auf, aber den »Faust« hat man nicht kennen gelernt. So kann ich dir von der Alabastermoschee nur berichten, daß hunderte von Teppichen in ihr liegen und tausende von Silberketten von ihrer Decke herabhängen für die Ampeln, die leider jetzt elektrisch montiert sind. Und von der Hassan-Moschee weiß ich nur zu sagen: sehr blau. Auch beteten dort ein paar Fromme auf höchst melancholische Manier. Es klang, als ob ihnen garnicht wohl wäre. – Ah, aber der Blick von der Zitadelle auf Kairo! Das duftigste Pastell: blau, rot, gelb, aber Alles wie mit grau überstäubt. Gerade unter uns, tief unten, wälzte sich ein Esel auf dem Rücken und strampelte vor Seligkeit, seiner Bürde entladen zu sein, mit den Beinen in der Luft herum. Glückselige Kreatur! (Die Esel von Kairo sind die schönsten Esel der Welt und haben's imgrunde gewiß gut. Du weißt doch, daß ich die Esel liebe? Sie sind klug und eigensinnig, gelenk und stark.)

5.
An Dr. Georg Winckler in Dresden.

Die Pyramiden von Giseh . . . Aber darüber kannst du bei Meyer dem Großen alles »Nötige« erfahren. Ich bestätige, daß sie sehr groß sind, und daß man den Eindruck nicht besser ausdrücken kann, (das klingt fast ekelhaft) als durch banale Interjektionen. Sind sie nicht selber banal? Aber: was für Seelen gehörten dazu, so riesige Banalitäten zu konzipieren, vorher zu sehen, ehe sie da waren! (Garnicht zu reden von dem Geheimnisvollen der gigantischen Maßverhältnisse.) Mir hat übrigens die Sphinx unmittelbarer ins Gemüt gewirkt. Gemma mußte lachen, weil ich sie wohl dreimal umkreiste, immer wieder befeuernd: prachtvoll! wunderbar! – Sollte dir jemand hinterbringen, daß ich ein Kamel bestiegen hätte, so darfst du ihn Lügen strafen. Ich wollte es nur, aber diese Tiere sind zu hoch für mich. Gemma dagegen ritt, begleitet von zwei Beduinen, hoch zu Kamele, bis zu den Pyramiden. Ich beabsichtigte, ihr auf einem Esel zu folgen, aber dieses Tier fand, daß es für mich gesünder sei, zu laufen, und wußte es mit großer Geschicklichkeit so einzurichten, daß ich immer gleich wieder neben ihm stand, wenn ich eben auf ihm gesessen war. – Lebe wohl, mein alter Rodolphe! P. S. Das Licht der Wüste ist so stark und flimmernd, daß es Leute in hellen Kleidern gleichsam transparent scheinen läßt. Ich hatte einmal eine verrückte Empfindung: noch heller. und es wird schwarz.

6.
An Dr. Georg Elb in Dresden.

Verehrtester! Vive l'empereur! Ich meine den, von dem Sie so viele schöne Bilder in Ihrer Wohnung hängen haben. Man muß ihn immer aufs neue bewundern. Wohin er auch kam, er schuf etwas. Deutschland gab er die Pappel-Alleen, in Venedig legte er schnell einen öffentlichen Garten an und schuf dem Markusplatz seinen Abschluß; – in Aegypten baute er Windmühlen. Sie stehen noch da und sehen von weitem wie Bienenkörbe aus. – Von hier wollte er nach Indien, um England auf trockenem Wege zu erreichen. Es kam ihm der Gedanke, Mohamedaner zu werden und die Kraft des Islams zu einer Weltherrschaft zusammenzuballen. Der Wille zur Macht ist nie sublimer lebendig geworden, als in ihm. Es ist eine Wollust, dieses Ungeheuer zu bewundern.

7.
An Frau von Königsbrun-Schaup in Dresden.

Sie sind erpicht auf Kuriositäten. Sie müssen nach Aegypten. Aegypten ist das Kuriositäten-Kabinett der Erde, Castans Panoptikum im großen. Wir sahen heute das alte Kairo, wo die Kopten wohnen: von allen Christen die jüdischesten, und gleichfalls dort ist eine der ältesten Synagogen der Welt. »Treten Sie ein, meine Herrschaften, hier sind zu sehen die zehn Gebote Mosis, von ihm selbst geschrieben. Der Eintritt ist frei, doch wird man gebeten, nicht blos Kupfer in die Sammelbüchse zu legen. Die Stimme Gottes aus dem feurigen Busche kostet extra.« Ganz so sprach unser Führer ja nicht, aber es fehlte nicht viel, und die Stimme Gottes wird blos deshalb nicht vernommen, weil es damals keinen Phonographen gab. Dafür flogen Spatzen in der Synagoge herum, die über den Gesetzen Mosis ihr Nest hatten. – Die Kopten-Kirche war noch dreckiger, aber sehr stimmungsvoll. (Notieren Sie: Die Stimmung wächst in der Welt mit dem Drecke. Mit dem Dreck wird überall die Stimmung weggeräumt. So in Santa Lucia-Neapel.) Ich hätte unendlich gerne ein paar alte Heiligenbilder gestohlen, aber Gemma wollte nicht Schmiere stehen. – Eine Kirche, die ein Stall ist; ich sage es ernsthaft und wünsche, daß Sie es nicht frivol nehmen: es wurde mir intensiv christlich zumute. Auch waren viele Lahme und Krüppel da, und unweit der Kirche heulten Klageweiber aus einem Hause heraus. Wenn die schmutzige Tugend (dieses Wort von Ihnen ist ausgezeichnet) unserer Frömmlerinnen Konsequenz hätte, müßte sie sich hier ansiedeln. – Hübsch ist auch, daß die koptischen Christen sich ihr Kreuz (sie haben ein extraes) blau auf die Hand tätowieren lassen. Halten sie diese dann bakschischheischend auf, so sieht man gleich, daß man zu einer christlichen Liebesspendung aufgefordert wird. – Uebrigens wurde ich das Gefühl nicht los, daß das koptische Alt-Kairo das christliche Ghetto ist, in dem die arabischen Eroberer die Nachkommen der alten ägyptischen Christen, die ja auch altägyptisches Blut haben sollen, eingesperrt halten. Abends werden die Tore geschlossen. – Das ägyptische Panoptikum ist lehrreich liebe Freundin.

8.
An Frau Agnes Behrends-Süßkind in München.

Liebe Agnes, hier siehst du Gemma mit ihrer neuesten Eroberung: einem ägyptischen Zwerge, der sehr stolz darauf war, sich mit ihr am Eingang zum Grabhause der Mameluken photographieren zu lassen. Der junge Mann ist 26 Jahre alt. Er wohnt in einem der Häuser, die hier für die Toten errichtet werden. D. h. aber doch eigentlich für die Nachlebenden, die an gewissen Feiertagen in diesen Häusern zusammenkommen, um im Gedenken der Toten Kaffee zu trinken und Gutseln zu essen. Pietät mit Komfort. Die Häuser sind zum Teil sehr hübsch eingerichtet. Gibt es keine Nachlebenden mehr zur Abhaltung dieses sinnigen Kaffeekränzchens, so verfallen die Häuser, und die lebendige Armut nimmt von ihnen Besitz. – Die Mamelukengräber sind mehr bunt und prächtig, als schön. Du weißt von den Mameluken vermutlich nur, daß sie Mut zeigen und daß sich auf Mameluk der Schmuck reimt, mit dem der gehorsame Christ bei Schiller so gut abschneidet. Diese Mameluken sind aber noch dadurch interessant, daß sie Mehmed Ali umbringen wollten, aber nicht fix genug waren, und so lud sie Mehmed Ali zum Essen ein und brachte sie um. Von da beginnt die modernste Geschichte Ägyptens, die jetzt bei den Engländern angekommen ist. Auch ihr kann mal ein mamelukisches Intermezzo beschieden sein.

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