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Yankeedoodle-Fahrt (1)

Otto Julius Bierbaum: Yankeedoodle-Fahrt (1) - Kapitel 11
Quellenangabe
typereport
booktitleDie Yankeedoodlefahrt und andre Reisegeschichten
authorOtto Julius Bierbaum
firstpub1909
year1910
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleYankeedoodle-Fahrt (1)
pages105-120
created20050519
sendergerd.bouillon
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XI.

Vom Reichtum und vom Laster. (Schreckenskammer! Empfindliche Seelen werden gewarnt, einzutreten.)

Das Savoy-Hotel von Kairo werde ich nie vergessen, denn hier sah ich zum ersten Male wirklich und aus der Nähe das, was man »die große Welt« oder »la grande vie« nennt (sofern man nicht augenblicklich einen anderen Ausdruck dafür hat). Ein bischen hineingesehen hatte ich wohl auch früher und anderswo, aber erst hier war das Kraut richtig fett.

Es war eine lehrreiche Woche, die ich als Frack unter Fräcken verlebt habe, – lehrreich genug, um mir für mein ganzes Leben Stoff und Modelle zu Romanen aus der Welt der grandiosen Langeweile zu geben, falls mir das dazu einfallen sollte, was allein dieses Milieu interessant machen kann: die poetische Fabel. Nur als Objekt zum Fabulieren konnte mich diese Welt reizen; auf die Dauer darin leben möchte ich nur im gehirnweichen Zustande.

Damit ist keine Kritik ausgesprochen, auch nicht die, als ob die allerhöchst wohlhabenden Herrschaften, die diese Welt ausmachen, mir blödsinnig vorgekommen wären. Es soll damit lediglich gesagt werden, daß ich mich zu Tode langweilen würde, müßte ich dieses Leben führen. Ich bin zu genußsüchtig dazu und zu sehr auf starke Reize und Kontraste erpicht. Toujours perdrix – jamais de ma vie! Ich begreife es vollkommen, daß der Reichtum gerne pervertiert. Zumal die Prügelsucht ist mir verständlich geworden, sowohl die aktive wie die passive. Vor allem aber ist mir die schauderhaft grausame Gerechtigkeit der Weltordnung aufgegangen, die das bischen Glück überall und immer blos als Kontrastwirkung spüren läßt, – vielleicht die Weisen ausgenommen, die bis zur Verinnerlichung des Glückes gelangt sind; wobei es dann ziemlich gleichgültig ist, wie das Gefängnis von außen aussieht, in dem sich einer wohlfühlt.

Da ich sonst garnicht zu dieser Art Weltbetrachtung angelegt bin, wird es wohl die Atmosphäre des Orients gewesen sein, die mich dahin gebracht hat. Im Orient fiel zweierlei von mir ab, wie die Kruste eines Geschwürs: Neid und Mitleid. Der tollste Reichtum, das greulichste Elend, beides wurde zum Objekte ruhiger Beschaulichkeit. Ich sah Aussätzige auf fußlosen Stümpfen heranhumpeln und mir handlose Stümpfe entgegenstrecken – und photographierte sie, ohne mit dem Apparate auch nur zu wackeln, der mir in Europa aus der Hand gefallen wäre vor Entsetzen, und ich sah Damen in goldenen Kleidern, die Millionen an sich hängen hatten an Perlen und was weiß ich, und hatte hier eher ein Gefühl von Bedauern, als bei jenen. Im Grunde konstatierte ich das eine wie das andere mit einem Gefühle von ergebener Gleichgültigkeit, und mir kam immer die etwas blödsinnige Phrase ins Gedächtnis, die eine zeitlang im Schwange war »Das gibts«. Sie deckt sich dem Sinne nach etwas mit dem chinesischen Ausdrucke ko-ji, für den keine genaue Uebersetzung möglich ist.

An einem Abende der Woche, die wir in Kairo zubrachten, war Ball der Elite im Savoy-Hotel. Die eleganten englischen Offiziere in ihren roten Liftboy-Jäckchen über den ausgeschnittenen Westen und Hemdbrüsten mit weißen Stehkragen und schwarzen Binden (halb Uniform, halb Zivil nach unseren Begriffen; einige mit schottisch gemusterten Hosen, alle mit erstaunlich langen Beinen) tanzten mit märchenhaft schön angezogenen Damen, und meine Frau und ich guckten, vom Hoteldirektor dorthin geleitet, weil da der beste Ueberblick war, von einer Balkonestrade zu, in deren Hintergrunde die Stubenmädchen und Diener nach derselben Musik tanzten. So saßen wir zwischen Herrschaft und Gesinde als unbeteiligte Zuschauer, den einen so wenig zugehörig wie den andern, mit dem Gefühle, daß Dienende und Herrschende gleichermaßen ihre Bewegungen zu keinem anderen Zwecke drehten, als um uns zu zeigen, daß alles Vergängliche nur ein Gleichnis ist. Es war recht amüsant.

Sonst pflegte ich abends allein auszugehen, denn die nächtlichen Vergnügen Kairos sind nicht für Damen schicklich. Trat ich aus dem Hotel, so umgaben mich sofort dienstfertige Führer durch das dunkelste Kairo, die mir in allen Sprachen ein ziemlich vollzähliges Lasterprogramm entrollten. Ich machte dabei wiederum die Erfahrung, daß die deutsche Sprache sich am wenigsten dazu eignet, geschlechtliche Divertissements mit einiger Delikatesse auszudrücken. Französisch klangs blos frech, aber doch mit Grazie; italiänisch hatte es etwas antik Schamloses; englisch machte es sich gleichsam blutig, roh; aber deutsch wars die reine Schweinerei. – Ein einäugiger Kerl mit so konfiszierter Visage, daß ich bereit war, ihm seine Photographie für drei Lire abzukaufen, produzierte Zeugnisse mit amtlichen Stempeln, denen zufolge man hätte annehmen dürfen, er sei ein Mitglied der Wohlfahrtspolizei, und unterbot überdies die Preise aller übrigen. Zum Schluß schlug er mir ein Arrangement (englisch ausgesprochen) vor, wonach er mir für 100 Francs vom gewöhnlichsten Bauchtanz bis zu den unerhörtesten Spezialitäten ungefähr alles zeigen wollte, was der »Fischmarkt« von Kairo zu bieten hat. Ich fand das zwar billig, aber nicht nach meinem Geschmack und forderte ihn auf, zum Teufel zu fahren. Das war nun wieder nicht nach seinem Geschmack, und so schwang er sich, als ich einen Wagen genommen hatte, auf den Bock und begleitete mich zum Fischmarkt, fortwährend auf mich einredend und beteuernd, ich würde ohne ihn das Dreifache bezahlen müssen und außerdem nicht lebendig nach Hause kommen. Erst als ich ihm erklärte, ich sei Major der Heilsarmee, verließ er mich mit allen Zeichen der Verachtung. Die Fahrt für ihn mußte ich aber doch bezahlen, denn, so meinte der Kutscher, wenn es nicht mein Wunsch gewesen wäre, mich während der Fahrt mit dem Herrn zu unterhalten, so hätte ich ihn vom Bock werfen müssen. »Das wäre Ihre Pflicht gewesen,« sagte ich. »Oh, Herr,« entgegnete er, »es war mein Bruder.« Ich beglückwünschte ihn zu der Verwandtschaft und begab mich mutig mitten in den Sumpf.

Unseligerweise hatte ich meinen Lordshut auf und wirkte daher einesteils kapitalistisch, andernteils komisch. Der Kapitalist wurde mit lockenden Lauten in allen Sprachen (auch berlinisch war darunter) begrüßt; der gefühllos weiterwandelnde und daher sofort als komische Figur bewertete wurde schallend verlacht und überdies teils trocken, teils flüssig beworfen. Ich war nicht blos aus Tugend unempfindlich dagegen, sondern auch aus Mangel an Appetit nach nicht mehr frischen Fleischresten. Alles was recht ist: aber diese Priesterinnen der großen Astaroth scheinen von sämtlichen Sittlichkeitsvereinen beider Hemisphären nur zu dem Zwecke auf einen Haufen zusammengekehrt zu sein, daß sie abschreckend wirken. Doch könnte es auch sein, daß ihre Scheußlichkeit eine Spekulation auf die übersättigten des hypertrophischen Reichtums war. Ich sah (und roch) eine Französin, die durchaus einem jener Boviste ähnelte, die wir Jungen Ochsenfurz nannten, weil sie, wenn man drauftritt, auseinanderplatzen und ein braunes Gestäube von sich geben. Diese Person, ihrer schwammigen Entsetzlichkeit vollkommen bewußt, rief mich mit den Worten an: »Komm zu deiner lieben, dicken Großmama, mein Junge!« Als ich nicht kam, spuckte sie mir auf den Hut. Eine andere flüsterte unablässig: Je suis un cochon, oh, un cochon! Und diese sah genau so aus, wie sich der Maler Thumann ehedem Fausts Gretchen vorzustellen pflegte. Nicht bloß deswegen fiel mir Fausts Wort in die Seele: Der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an. Ich gehöre sonst nicht zu denen, die über die Prostitution weinen, denn ich glaube im allgemeinen nicht an das Elend der Prostituierten, aber hier gab es Dinge und Menschen zu sehen und zu hören von einer so greulichen Widerwärtigkeit, daß ich traurig wurde. – Doch nur im europäischen Viertel des Fischmarktes. Im orientalischen gewann ich die sonderbar kühle Objektivität wieder, von der ich schon sprach. Da waren ungeheuer dicke Negerinnen, die nach ranzigem Fett stanken und ihre Bereitwilligkeit zu zärtlichen Szenen durch ein komisch girrendes Rülpsen kundgaben. Kleine Araberinnen von gertenhaftem Körperbau miauten dagegen ganz allerliebst, indem sie gleichzeitig mit dem Finger in der Nase bohrten, – ein Gestus, der vielleicht »rassetümlich« zu nehmen ist. An einem beleuchteten Fenster saß ein gänzlich nacktes, rosenrot angestrichenes Wesen, das seine Bestimmung in blau tätowierten Zeichnungen auf dem Leibe trug. Bei dem lebhaften Interesse für erotische Kunst, das gegenwärtig in Deutschland herrscht, würde ich betriebsamen Spezialverlegern empfehlen, sich auf diese Haut zu abonnieren. In bibliophiler Aufmachung dürfte sie einen sensationellen Erfolg haben, zumal sie ein Unikum ist.

Der Gesamteindruck war der eines Jahrmarkts, auf dem Monstrositäten zur Schau gestellt werden. Lustig war's garnicht, obwohl aus den meisten der höhlenartigen Häuser Beckenrasseln und Flötenquietschen klang.

Ich habe mich im Verdachte, daß ich keine dieser Liebeshöhlen besucht haben würde, hätte ich nicht gesehen, wie der fromme Prophet Fressaias, von dem ich bereits berichtet habe, daß er das heilige Land zu besuchen gesonnen war, zwischen zwei Hängeteppichen verschwand, die als Portieren vor dem Eingange eines in allen Stockwerken erleuchteten Hauses hingen. Dieses Etablissement ist sicher sehenswert, sagte ich mir, denn dieser ebenso gründliche wie fromme Mann hat sich gewiß vorher genau über den Ort orientiert, wo er sich den Stachel der Lust ins Fleisch stoßen will. Und so verschwand auch ich zwischen den Hängeteppichen.

Oh, daß ich nie verschwunden wäre! Wer war es, der mich empfing, als die Teppiche hinter mir zusammenschlugen? Der Einäugige mit der konfiszierten Visage. Er hatte alle Beleidigungen vergessen, die ihm von mir zuteil geworden waren, und er erklärte sich noch immer bereit, mir zu Vorzugspreisen die Genüsse zu verschaffen, die diese Anstalt spendete. »Geben Sie mir 30 Franken,« sagte er, »und ich mache mit dem Besitzer ein Arrangement« (englisch gesprochen!) »für Sie, über das Sie sich nicht zu beklagen haben werden. Sie können dafür alle drei Stockwerke besuchen und, je nach Wahl, in einem auch etwas konsumieren.« – Konsumieren sagte er, aber er meinte etwas anderes, als etwa Limonade. Denn, wenn seine Worte auch, sozusagen, schamhaft waren, seine Gesten waren es nicht. Da ich mich einmal hinter den Teppichen befand, ging ich auf seinen Vorschlag ein, handelte aber, wie es sich gehört, die Hälfte des Preises herunter. Als er darauf eingegangen war, fragte ich ihn, welchen Beziehungen er es zu verdanken habe, daß er hier mit so billigen Preisen dienen könnte. »Ich bin der Bruder des Besitzers,« antwortete er. »Es ist ein Glück, einer weitverzweigten Familie anzugehören,« entgegnete ich. Und er sagte ganz ernsthaft: »Ein großes Glück.«

Dann führte er mich in die Parterrelokalitäten. »Der Tanz der Henne,« flüsterte er mir zu. Ich sah eine melancholische Jüdin, die mit untergeschlagenen Beinen auf einem Teppiche saß und sofort mit dem Bauche zu wippen begann, wie ich eingetreten war. Dazu gluckste sie. Ich verstand den Titel ihrer Produktion und verließ die Parterrelokalitäten.

Wir krochen eine enge Treppe zwischen glitscherigen Wänden hinauf zum ersten Stockwerke. Dort lagen in einem europäisch möblierten Salon von märchenhafter Schmierigkeit eine Anzahl türkisch behoster Mädchen auf niederen Divans herum und rauchten Zigaretten. »Harem!« flüsterte der Einäugige. »Das habe ich mir gleich gedacht,« sagte ich und verlangte weiter. »Nichts konsumieren?« fragte der Vielverbrüderte. »Merci,« sagte ich.

Während wir wieder eine Art Hühnerleiter emporkrochen, bemerkte mein Führer: »Wir kommen jetzt zu den beglaubigten Jungfrauen. Um diese zu sehen, müssen Sie aber noch fünf Francs zahlen.« »Und mein Errentschment!?« rief ich. »Das gilt nicht für die Extrakabinetts« entgegnete er. Ich verzichtete auf die beglaubigten Jungfrauen und warf nur einen Blick durch die Portieren. Er war mehr als fünf Franken wert, denn er enthüllte mir den Propheten Fressaias, der zwischen lauter kleinen nackten Mädchen saß. Ich war boshaft genug, ihn anzurufen: »Wie geht's, Herr . . . .?« Der Prophet erschrak sichtlich.

Wir kletterten nochmals. »Wissen Sie was?« sagte ich zu der konfiszierten Visage. »Nun?« fragte die entgegen. »Das Etablissement Ihres Bruders steht nicht auf der Höhe.« »Seine Stärke liegt in den Extrakabinetts,« war die Antwort, »im dritten Stock haben Sie die Wahl zwischen . . .« und er repetierte sein großes Programm, das ich schon einmal vernommen hatte. Ich weiß nicht, wie es kam, aber ich empfand plötzlich einen heftigen Widerwillen gegen diese in einen Preiskurant katalogisierten Laster und äußerte das Verlangen nach frischer Luft. Aber nun wurde der Kerl auf einmal vertragsehrlich und erklärte, ich müßte unbedingt wenigstens in eins der Kabinette einen Blick werfen. Schwachheit, dein Name ist Mann! Ich tats – und prallte entsetzt zurück. Ich sah ein Weib, das zweimal Weib war, ein Monstrum schauderhaftester Art, von dem ich hoffen will, daß es eine Wachsfratze gewesen ist, kein lebendes Wesen.

Aber die einäugige Bestie, die ich jetzt hätte prügeln mögen, beteuerte mir, daß diese Person viel Zulauf habe von den vornehmsten Fremden. Selbst die stinkende Luft der Fischmarktsgassen erschien mir wie ein Schwall von Ozon nach der Stickatmosphäre dieses Hauses, die mir jetzt auf die Nerven ging.

Aber ich weiß nun eins (und das ist wohl 15 Franken wert): auch die wüsteste Phantasie ist nicht imstande, das Leben zu überstinken. Oder, was auf das Gleiche herauskommt: Wir Phantasiemenschen sind der Wirklichkeit nicht gewachsen.

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