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Yankeedoodle-Fahrt (1)

Otto Julius Bierbaum: Yankeedoodle-Fahrt (1) - Kapitel 10
Quellenangabe
typereport
booktitleDie Yankeedoodlefahrt und andre Reisegeschichten
authorOtto Julius Bierbaum
firstpub1909
year1910
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleYankeedoodle-Fahrt (1)
pages105-120
created20050519
sendergerd.bouillon
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X.

Da unserer Karawane die Aufgabe gestellt war, Kairo und Umgebung inklusive die Wüste Sakkarah in 175 Stunden kennen zu lernen, galt es, keine Müdigkeit vorzuschützen, sondern das Pensum rastlos zu erledigen. (Ich sagte es schon einmal: wer sich auf eine Gesellschaftsreise begibt, kommt darin um sein vielleicht anständigeres Lebenstempo. Wenn er sich darüber beschwert, so tut er es mit keinem besseren Rechte, als der Nachtwächter, der seine verlorene Nachtruhe beklagt. Er ist kontraktlich verpflichtet, atemlos zu genießen.) Kaum hatten unsere Ohren die weißen Schlummerkissen des Savoy Hotels berührt, da erschien auch schon unser Leib-Sudanese, zeigte uns lachend seine Zähne und deutete auf sinnreiche Manier an, daß wir das Zimmer zu verlassen und hinab zu fahren hätten. Dort erwartete uns der Dragoman, dem wir mit gottlob nur zwanzig anderen Karawansen für die 175 Stunden überantwortet waren.

Dieser Dragoman vereinigte zwei Nachschlagebücher in sich: einen Baedeker für Aegypten und ein polyglottes Lexikon. Er sprach armenisch, arabisch, türkisch, griechisch, deutsch, englisch, französisch, italiänisch, spanisch, russisch und hebräisch. Das Ferment, das alle diese Sprachen in ihm hielt und gleichsam konservierte und imprägnierte, war der Duft des Knoblauchs. Was er auch sprach: alles knofelte. Aber diese kleine Eigenheit hinderte nicht, daß er ein sehr gescheiter und höflicher Führer war. Nur protzte er etwas gerne mit seiner Wissenschaft und schloß seine Erklärungen: »Ich könnte Ihnen noch viel mehr erzählen, aber das geht nur bei Privatführungen, nicht bei Karawanen.« Er hatte ja recht, aber nett war es nicht von ihm, uns immer wieder daran zu erinnern, daß wir Reisende dritter Klasse waren, Karawansen. (Die erste Klasse ist die der Fremden von Distinktion, die offizielle Kawassen als Führer haben; die zweite ist die der Reisenden auf eigene Faust, die sich einen Privatführer mieten; die dritte kennen wir schon (wie kenne ich sie!); die vierte ist die der ganz gescheiten Leute, die ohne Führen herumbummeln; dazu gehören zum Beispiel Archäologen, Künstler, Handwerksburschen. Wenn ich wieder reise, reise ich vierter Klasse, da ich erster nicht reisen kann, mangels der Distinktion.)

Zuerst geleitete er uns nach Heliopolis. Wir fuhren in einem sehr stattlichen Zweispänner, dessen Kutscher mir sofort ganz vertraut vorkam, weil er wie ein älterer Bruder von Felix Salten aussah. Gewiß hätte er auch so schön erzählen und phantasieren können, wie dieser (denn in seinen Augen saß das Glühlicht des Märchens), aber der Unmensch hatte sich eine Sprache angewöhnt, die aus dem Arabischen, Englischen, Französischen und Italiänischen immer nur die Worte bevorzugte, die mir unbekannt sind. Meine Frau sagte zwar immerzu: Si, si, capisco, aber es war gar nicht wahr, denn, wenn sie mir Felixens Mixtum Polyglottosum übersetzt hatte, merkte ich, klug, wie ich nun leider bin, sofort, daß sie orientalisch schwindelte. (Auch sie hat das Glühlicht.)

Nun, wir brauchten seine Kommentare gar nicht. Was wir sahen, war auch ohne Randbemerkungen verständlich. Das erste was uns auffiel, war die unglaubliche Menge von schönen Wagen: lauter Zweispänner. Ich glaube, wenn ein Mensch in Kairo in einem Einspänner fahren würde, (ausgenommen einen Eselswagen), so würde er einen Straßenauflauf hervorrufen. Wien hat ja auch viele Wagen und darunter eine Menge schöner Zweispänner, aber neben Kairo wirkt es in dem Punkte, wie München neben Wien wirkt. Die Kutscher in Kairo aber (auch unser Felix nicht ausgenommen), sind genau wie ihre Wiener Kollegen; zwar tragen sie keinen Melonenhut, sondern einen Tarbusch, aber unter diesem Tarbusch wohnt nur der eine Gedanke: Backschisch, zu deutsch Trinkgeld, und dieser Gedanke nimmt noch phantastischere Dimensionen an, als an der Donau, denn Backschisch heißt nicht bloß Trinkgeld schlechthin, sondern Trinkgeld im Quadrat.

Die Mohammedaner teilen sich bekanntlich (einen Augenblick: ich sehe im großen Meyer nach), in Sunniten und Schiiten: alle aber sind Bakschischiten. Es ist ratsam, sich dies fest einzuprägen, wenn man eine Reise in den Orient macht, und man darf in dieser Hinsicht auch die orientalischen Christen und Juden zu den Muselmännern rechnen. Weiß man dies von vornherein, und ist man zu der Erkenntnis durchgedrungen, daß der Bakschischismus ein Bestandteil östlicher Religiosität ist, so wird man, denke ich, so weise sein und sich nicht darüber ärgern, sondern sein Vergnügen daran haben. Was wollen alle diese Hände? –: Sich demütigen und der deinen Gelegenheit schaffen, über ihnen zu schweben. Nehmen ist keine Schande, aber Geben ist Verdienst. Sie wünschen, daß auch du, Giaur, in den Himmel kommst. Das ist doch sehr hübsch von ihnen, und du solltest keineswegs darüber schimpfen. Willst du nichts geben, verzichtest du auf die Wollust der guten Werke und ihren himmlischen Lohn, so schweig, aber gebärde dich nicht zornig und rede wild. Das hat gar keinen Effekt und amüsiert die Bakschischiten bloß. Ja, es kann dir geschehen wie mir, und du wirst zum blamierten Mitteleuropäer. Als ich nämlich noch nicht weise war, ärgerte ich mich manchmal über das, was ich noch nicht als Ausfluß demütiger Herzen erkannt hatte, sondern für Aufdringlichkeit hielt, und ich wurde grob, wenn mich ein fanatischer Bakschischite durchaus nicht in Ruhe lassen wollte. Aber Beschämung hat mich kuriert. Die gelindere Kur war diese: Ein junger Mann wollte mir unter allen Umständen ein kleines lebendiges Krokodil verkaufen, hielt es mir unausgesetzt vor die Nase und lispelte: »Sehr niedlich, Herr Baron! Oh ja, sehr niedlich«! (Diese intelligenten Bürger von Kairo wissen nämlich sofort, ob einer ein Engländer, ein Deutscher oder was er sonst ist, und sie wissen auch, daß ein Deutscher entweder Baron oder Professor anzusprechen ist, und überdies schnappen sie Worte jeder Sprache auf, ihren Sinn meist richtig erratend.) Erst sagte ich bloß: Nein!! (mit zwei Ausrufungszeichen.) Im Echo klangs arabisch süß: Nein??? (mit drei Fragezeichen.) Dann: »Ich will nicht.« Er: »Sehr niedlich, Herr Baron, o ja!« Ich: »Zum Donnerwetter, nein!« Er: »Donnerwetter, Donnerwetter, Donnerwetter, o ja!« Ich: »Fahr ab.« Er, »Nein? will nicht? Donnerwetter? Fahr ab? Sehr niedlich! Sehr niedlich!« Ich: »Himmelkreuzdonnerwetter noch mal!« Er(akzentuierend). »Himmel-Kreuz-Donnerwetter noch mal? Noch mal? Donnerwetter? Will nicht? Nein? Fahr ab? Oh Herr Baron? Sehr niedlich. Niedlich!« – Ich hatte die Empfindung, daß der Mensch mit dem Krokodil mich bewußt verhöhnte, und ich schrie ihn an: Fahr zum Teufel!!! Und er? Was tat er? Er repetierte sämtliche Flüche und Verwünschungen, die er je von Deutschen vernommen hatte, wie eine Maschine, aber alles mit süßestem Tone und dem Fragezeichen dahinter: »Rutsch mir den Buckel lang? Frecher Halunke? Infamer Schweinehund? Pack dich? Pack dich? Pack dich? Weg da, weg da? Aufdringliches Gesindel? Impertinentes Ungeziefer? Marsch, oder ich hau dir eine?« Und es war mir wirklich eine rechtschaffene Beschämung, daß er als Krone dieser deutschen Freundlichkeiten zuletzt mein »Fahr zum Teufel« lispelte. Ich bezahlte sie mit einer kleinen Silbermünze (sie war mehr wert) und er zog mit seinem Krokodil höflich von dannen, indem er nun bloß nochmals »Sehr niedlich, oh ja, Herr Baron« flüsterte. – Die drastischere Kur war diese: Ein älterer Bakschischite, würdigen Auftretens, nicht sehr schmutzig, Silberbart, dem verstorbenen Hermann Levi ähnlich in dem etwas melancholischen und doch lebendig geistvollen Blick, drängte sich nachts an mich, lächelte und sagte: Backschisch. Ich hatte es eilig und ging schnell an ihm vorüber. Er aber, immer sich dicht an mich drängend, hörte nicht auf, mir die Hand vorzuhalten und Backschisch zu säuseln. Als ich zu rennen begann, setzte auch er sich in Trab. Wenn ich aber schimpfte, so bediente er sich nicht der Technik jenes jüngeren, sondern wiederholte immer nur: Backschisch? Endlich war ich des Laufens müde, blieb stehen und schrie ihm ins Gesicht: Nein! Er, nochmals höchst süß: Backschisch? Ich nochmals, höchst grob: Nein! Und da geschah etwas Verblüffendes. Er griff in seinen Busen und drückte mir ein Kupferstück in die Hand, indem er, die Brauen majestätisch hochziehend, die Lippen aber höhnisch nach unten, kurz und gar nicht süß sagte: Backschisch! Drehte sich um und ging würdevoll weg. Erst wollte ich ihm das Kupferstück nachwerfen, aber dann besann ich mich eines besseren und steckte es ein. Ich habe es mir zum Andenken aufgehoben. Es ist ein lehrreiches Stück Kupfer und mehr als Kupfer wert. –

Wir fuhren also nach Heliopolis. Durch einen »Wirbel von Volk«, wie meine Frau aufs treffendste sagte. Auch hatte sie recht, wenn sie meinte, daß, gemessen am Lärm Kairos, Neapel eine tote Stadt ist. Ich begriff jetzt, warum den Weisen des Orients Ruhe gleichbedeutend mit Glück ist. Dieser Lärm, dieses Gewusel von gehenden, reitenden, fahrenden Menschen, deren keiner, ein paar Vornehme ausgenommen, schweigt, deren jeder in jedem Augenblicke irgend einen höllenheißen Wunsch zu haben scheint, den er frenetisch hinausbrüllt, ist wie eine Vision des Lebenswahnsinns. Auch ich würde die Wüste und eine im übrigen unkomfortable Säule als Standort dem dauernden Aufenthalte in einer belebten Straße Kairos durchaus vorziehen. Schon dieser erste Blick in das ameisenhafte einer großen orientalischen Stadt läßt es klar werden, warum die Weltflucht im Oriente geboren werden mußte. Es war die Flucht aus der Oeffentlichkeit. Ein kontemplativer Mensch hat hier die Wahl nur zwischen Wahnsinn und Eremitage. Für den Pöbel aber ist es ein Paradies, denn er befindet sich in fortwährender Fühlung mit seinesgleichen, und jeder Augenblick ist eine Sensation. Ich habe in der Tat immer wieder die Empfindung gehabt, daß die Masse im Oriente auf ihre Weise glücklich ist. Das Problem des Tages ist die Magenfrage, aber zu ihrer Lösung bedarf es nicht in dem Maße, wie bei uns der Verdingung unter das Joch eintöniger, streng geregelter Arbeit. Unsere Proletarier sind reich im Vergleich mit den Armen des Orients, und ihre Existenz ist überdies durch allerhand Fürsorgegesetze gesichert, so sehr, daß das bourgeoise Ideal des Rentiers den proletarischen Verhältnissen von Staate wegen gleichsam aufgepfropft erscheint, aber es fehlt ihnen in den Jahren der Kraft an freier Zeit. In dieser Hinsicht führen die Aermsten der Armen im Osten ein Herrenleben, und ich glaube nicht, daß sie es für alle die Sicherheiten unserer Handarbeiter hergeben würden. Sie sind viel ungebundener und daher, äußerlich wie innerlich, elastischer. Dazu das Glück, eine Religion zu haben, deren Maß und Schnitt nach ihren Seelen genommen ist. Ihnen wird der Sozialismus wohl kaum je beikommen können. Aber auch unsere mehr spirituellen Freiheitstendenzen werden keine Bresche in die Mauer des Islam brechen. Die Jungtürken werden das vermutlich erfahren, wenn nicht von den Osmanen, so von den Arabern. Diese östlichen Völker sind zu jeder Art Knechtschaft geeignet, die ihrem Wesen entspricht, das insbesondere äußeren Zeichen der Untertänigkeit leicht Eingang gewährt, aber nicht zur Knechtschaft unter fremde Ideale, die, auch wenn sie Freiheiten ausrufen, doch immer eine andere Freiheit meinen, als die, die der Mensch dieses Ostens braucht und wesentlich hat. Mohammed ist unter den großen Religionsstiftern der ärmste an idealem Gehalt, aber weitaus der reichste an nationalpsychologischer Vernunft. Man darf es Napoleon glauben, daß es ihm nicht schwer gefallen wäre, zum Islam überzutreten. Denn dies ist die Religion der realen Macht. Ich glaube nicht, daß diese Macht ausgespielt hat.

Doch dies ist vorgegriffen: Einstweilen sahen wir nur den »Wirbel des Volks« und waren froh, aus ihm ins Freie zu gelangen

Schön fand ich diese Seite Kairos gar nicht. Mir kam sie bloß öde vor, und ich möchte wahrhaftig keine dieser Villen im Sande bewohnen, wenngleich sie in hübschen Gärten liegen. Selbst das Landhaus des Khedive würde mich nicht reizen.

Der Obelisk von Heliopolis ist vor allem deshalb merkwürdig, weil er nicht in London oder Berlin oder Paris, sondern noch ebendort steht, wohin ihn nun vor fast viertausend Jahren König SenwosretEs ist unnötig, sich diesen Namen zu merken; in der nächsten Auflage des großen Meyer wird er anders geschrieben sein. [Der große Meyer von 1905 stellte zwei weitere Schreibweisen zur Wahl: Sesonchosis und Sesostris.]  I. als Wächter am Tempel des Sonnengottes Re gestellt hat in der Sonnenstadt Onu, die die Griechen Heliopolis nannten. Von dieser Sonnenstadt ist nichts übrig geblieben, als diese dauerhafte Nadel von rotem Granit. Und doch war diese Stadt einmal das Ziel der Pilgerschaft aller der Geister, die wir heute noch als Nährväter unserer Kultur verehren. Denn ihre Nahrung war die Weisheit Aegyptens. Dreizehn Jahre soll hier Plato studiert haben, und die Gräfin Hahn-Hahn, die offenbar mehr als den Baedeker gelesen hat, als sie nach Aegypten reiste, behauptet sogar, daß schon Orpheus da war und Dädalus und Homer und Lykurg und Solon und Pythagoras und Demokritos, – von Herodot gar nicht zu reden, der bekanntlich überall war. Und nun nichts als diese verwitterte Säule, einsam zwischen Obstgärten, – und wo die Tempelweisheit der ägyptischen Priester geheimnisvoll tönte, macht irgend ein witziger Herr aus Berlin urkomische (denn andere Berliner lachen darüber) Anmerkungen zum Kapitel der ägyptischen Götterlehre, und unser Dragoman knofelt eine Vorlesung über den Sonnengott. Erstaunt aber stehen ein paar ägyptische Frauen und wundern sich offenbar über die Heiterkeit einer deutschen Offiziersdame, die unausgesetzt schmetternd lacht. Ein Glück, daß der Obelisk nicht achttausend Jahre alt ist; in diesem Falle würde sie vermutlich einem Lachkrampfe erlegen sein.

Die Gräfin Ida sagt in ihren »orientalischen Briefen« über diesen Obelisken: »Solche Stätten machen ungeheuren Eindruck. Man wird dermaßen von der Nichtigkeit des Irdischen durchdrungen, daß das menschliche Leben mit seinem Bemühen, dauernd tuen und schaffen zu wollen, ganz kindlich erscheint.«

So verschieden wirken die gleichen Dinge auf verschiedene Menschen. Es gibt eben sehr verschiedene Menschen. Fatal ist nur, daß die plumpen ihrer Anlage gemäß merkbarer in die Erscheinung treten als die feigen.

Nicht weit von diesem Obelisken, in dem Dorfe Matariye, steht eine alte schöne Sykomore, der die orientalischen Christen eine hübsche Legende angedichtet haben. Die meisten Mitglieder unserer Karawane fanden das Märchen freilich kindisch, und sie waren allem Anscheine nach sehr mit ihrer Intelligenz zufrieden, weil sie die Unmöglichkeit der Geschichte sofort eingesehen hatten, aber ich meine, daß die Phantasie, die die Marienlegende um die Sykomore von Matariye gewoben hat, immerhin mehr Spiritus verrät, als das bißchen Kritikvermögen, das aus reiner Geistlosigkeit Nebensächliches bemängelt, weil es blind für das Wesentliche einer so schönen poetischen Vorstellung ist. Es wäre törichte Zeitvergeudung, davon Notiz zu nehmen, wenn die ruchlose Vordringlichkeit einer pseudokritischen, dummnüchternen Sinnesart nicht leider typisch wäre für eine gewisse mächtige Mittelschicht unserer deutschen Bildung, die immer noch dem braven Nikolai näher steht, als Goethen. Die unmögliche Legende lautet so: Maria rastete unter diesem Baume; als sie ihre Verfolger nahen sah, da kroch sie in den hohlen Stamm, und eine Spinne wob eilig ein so dichtes Netz vor die Oeffnung, daß die heilige Jungfrau ihren Verfolgern unsichtbar blieb. – Das ist ganz echte Poesie: rein aus dem Gemüt durch die Anschauung geborene. Nicht alle Legenden der orientalischen Christen sind so rein und darum so schön, denn die meisten haben einen pfäffischen Beigeschmack von Absichtlichkeit; sie sind oft konstruiert und gewaltsam wunderhaft. So, wenn die Heiligkeit einer Kapelle nahe bei Bethlehem dadurch gestützt werden soll, daß erzählt wird, hier habe Maria ihrem Kinde zum ersten Male die Brust gereicht, und es sei ein Tropfen Milch auf den steinernen Boden gefallen, der dadurch Schwammstein geworden sei. Man erkennt ohne weiteres, daß diese Legende nicht aus dem Gemüte gekommen ist, sondern aus dem Gehirn und zwar aus einem grundunpoetischen, wahrscheinlich theologischen. Denn dieses Wunder der Zersetzung des Steines durch einen Tropfen Milch der Gottesmutter ermangelt jeder eigentlichen Vorstellung, und, versucht man sie sich zu machen, so ist sie häßlich.

Was mich vor der Sykomore von Matariye mit ihrem Marienmärchen am wunderlichsten berührte, war aber dies, daß sie so nahe der Sonnentempelnadel von Onu steht, gleichsam als eine lebendige Erinnerung daran, daß Christus als Kind in Aegypten war, und es ist etwas in mir, das gerne glauben will, es hätten die Kinderaugen Jesu diese rote Granitspitze aus der Frühzeit ägyptischer Weisheit gesehen, auf der auch Platos Augen geruht haben. Wenn der kindliche Jesus die Augen gehabt hat, die ihm Raffael auf seiner Sixtina sah und gab, so wird dieser Anblick ihm mehr vermittelt haben, als eine Impression von rötlich und spitz. Vielleicht aber hat er auch nur nach Kinderart gerufen: »Haben! Haben!« Und dieser Wunsch wäre dann wirklich in Erfüllung gegangen.

Von der Marien-Sykomore zur Straußenzucht, Dort werden achthundert dieser barbarisch häßlichen Vögel gehalten, um zum Schmucke unserer Damen bei lebendigem Leibe gerupft zu werden. Ihren ausdruckslosen, kugeligen, riesigen Augen nach zu schließen, sind sie wirklich so dumm, wie die Erzählung behauptet, nach der sie glauben, alle Gefahr sei vorüber, wenn sie ihren Anblick vermeiden, indem sie ihren Kopf in den Sand stecken. Es kann dies aber auch als Resignation ausgelegt werden, und dann wäre es eher weise. Jedenfalls wird an Menschen die Dummheit nicht so grausam bestraft, wie an Straußen, sonst würden wir weit mehr glatzköpfige als behaarte Vertreter unserer Gattung sehen. Gourmets scheinen die Strauße nicht zu sein, aber ihr Magensaft muß außerordentliche Qualitäten haben. Wer weiß: vielleicht haben sie auch den Geschmack im Magen. Im Gaumen oder auf der Zunge haben sie ihn kaum, denn sie schlucken alles unverkleinert tel quel hinunter: ganze Mandarinen und Orangen. Ein witziger Karawanse bot ihnen auch ein paar große Nägel an, die er sich offenbar zu diesem Zwecke mitgebracht hatte. Aber er sollte nicht das Vergnügen haben über ihre Dummheit zu triumphieren: sie würdigten das Gastgeschenk des Europäers keines Blickes.

Das schönste an der Straußenzucht ist der Blick von ihrer hohen Terrasse auf die Wüste Sahara. Es ist schwer zu sagen, warum dieser Anblick so ergreifend schön ist. Er ist das nämlich auch dann, wenn man sich keiner sentimentalen Nebengeräusche bewußt ist und als »moderner Mensch« nur darauf ausgeht eine »Impression« aufzufangen. Wahrscheinlich ist der Mensch als Aufnahmeapparat eben doch nicht exakt geistlos genug, und er fühlt, ob er nun will oder nicht, ob er sich darüber klar ist oder nicht, doch immer Sensationen mitschwirren, die aus ihm selber kommen. Die Linse meines Kodak hat, obwohl sie doch eine Görz-Linse ist, eigentlich nichts gesehen, und mich hat der Anblick überwältigt. Aber nicht so, daß ich das Gefühl der Kleinheit, Machtlosigkeit, Vergeblichkeit alles Menschlichen gegenüber dieser ungeheuren Weite, Oede, Dürre gehabt hätte, sondern ich fühlte mich frei, gehoben, gleichsam ausgedehnt. Es war wie ein Einatmen der Unendlichkeit. Dieses aber nur so lange, als nichts Menschliches auf dieser gelbgrauen hügeligen Fläche sichtbar war. Als einzelne Reiter durch mein Gesichtsfeld sprengten, kam Romantik in das Bild, obwohl es sicherlich keine Wüstenräuber waren, die dort ritten, sondern hygienisch bedachte Engländer, die sich und ihren Pferden die nötige Bewegung machten. Aber: sie ritten am Rande der Wüste, die Unendlichkeit im Hintergrunde, und so war es, als ob sie aus der Leere zu Menschen flohen, gerettet aus unerhörten Abenteuern.

Wir fuhren langsam nach Hause, mit Fleiß hinter der Karawane zurückbleibend. Ich hatte das Gefühl einer glücklichen Geborgenheit an der Seite des besten und reinsten Menschen, der mir in der großen Einsamkeit des Lebens (jedes Menschenlebens, das kein Pöbeldasein ist) begegnete: meiner Frau. Daß ich es gestehe: ich sah nicht viel. Meine Augen hatten ihr Pensum getan. Aber da hörten wir plötzlich einen gräßlichen Schrei. Uns umwendend gewahrten wir eine Negerin, die ihr Kind, das auf die Trambahngeleise gelaufen war, an den Haaren gepackt hielt und herumschwenkte wie ein Handtuch. Dann schmiß sie es auf die Erde und sich mit voller Leibeswucht darauf, drei, vier, fünfmal sich erhebend und wieder niederwuchtend. Es war entsetzlich anzusehen, und meine Frau wurde totenbleich. Ich mußte sie halten, sonst wäre sie aus dem Wagen gesprungen und hinübergelaufen. Aber jetzt stand die Megäre auf und schritt trotz der rührend erhobenen Händchen ihres Kindes zum zweiten Teile der Züchtigung: Hieben und Stößen überallhin, rücksichtslos, rasend, bis das kleine schwarze Wesen wie tot am Boden lag. – Ich hätte es meiner Frau fast übelgenommen, als sie meinte: im Grunde habe gewiß auch diese Mutter ihr Kind lieb. Aber sie hatte doch wohl recht. Nur ist die Wahrheit nicht sehr tröstlich, daß auch die Liebe schinden kann.

In der Halle des Hotels wunderbar gekleidete Damen mit leuchtenden Schultern und Busen, behängt mit Perlen und Diamanten, lächelnd, plaudernd, Fächer regend, und die schönsten Fräcke, die ich in meinem Leben je gesehen habe. Ein Mitglied der Dynastie Rothschild unterhält sich mit einem englischen Herzog; Herr Jakob Schiff aus Amerika tritt zu den beiden. Der Direktor des Hotels flüstert mir in die Ohren wieviel hundert (oder tausend, es kommt nicht drauf an) Millionen da beieinander stehen.

»Du hast doch hoffentlich meinen Frack nicht vergessen,« fragte ich von entsetzlicher Furcht ergriffen, meine Frau.

»Ich vergesse bekanntlich nie etwas,« antwortete sie.

Wohl dem der eine Vorsehung hat, auf die er sich verlassen kann.

Ohne Frack hätte ich in diesem hochherrlichen Hotel Savoy Hungers sterben müssen.

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