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Louis Couperus: Xerxes - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleXerxes
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1926
illustratorMartin Stekker
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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IX.

Bei dem ersten Haltepunkt zog Pythios, der reiche Lydier, der zu Kelainai sein gesamtes Vermögen dem König der Könige dargeboten hatte, Xerxes mit großem Gefolge und tausenderlei Zeremonien entgegen.

Xerxes empfing ihn in dem von den Haushofmeistern eiligst tapezierten und möblierten Hause, in dem er die Nacht verbringen wollte, und bat Pythios, während ein liebenswürdiges Lächeln seinen blauschwarzen Bart umspielte, er möge ihm sagen, was er auf dem Herzen habe. Denn er glaubte, der Lydier wolle ihm wiederum bares Geld anbieten. Pythios nahm mit demütigen Arm- und Handbewegungen Platz auf dem Sessel gegenüber Xerxes, der, wo immer er sich aufhielt, allezeit einen Thron zu seiner Verfügung fand. Verschiedene Thronsessel begleiteten Xerxes auf seiner Reise.

Ermutigt durch das liebenswürdige Lächeln sprach Pythios: »Großer Despot! Soll ich es wagen, von Euch eine Gunst zu erflehen, die Ihr leicht mir verleihen könntet, die mir eine Wohltat wäre, so sie mir verliehen würde?«

»Sage deine Bitte!« antwortete Xerxes lächelnd. Er glaubte noch immer, ihm werde wiederum demütig und in blumenreicher Sprache bares Geld angeboten werden, und meinte, in blumenreicher Sprache, aber nicht demütig hinzufügen zu sollen:

»Pythios! Viel habt Ihr mir geschenkt, aber ich will gerecht sein wie mein unvergeßlicher Vater Dareios. Ich will Euch gewähren, um was Ihr mich bittet.«

Xerxes dachte: er wird mich fragen, ob ich sein bares Geld wiederum wünsche, ein paar Silbertalente und vier oder fünf Millionen Goldstatere.

Pythios atmete auf und sprach.

»Basileus! Mir stehen, in meinem Greisenalter fünf Söhne zur Seite. Die Kriegsgesetze zwingen sie alle, Euch in den Feldzug nach Griechenland zu folgen. Erbarmt Euch meiner weißen Haare! Gönnt mir meinen Ältesten! Entbindet ihn, nur ihn allein, vom Waffendienst! Das erflehe Ich von Eurer Hoheit. Gestattet, daß er bei mir bleibe, um meine Güter zu verwalten, und nehmt die vier anderen mit Euch!« Der alte Pythios faltete flehentlich die Hände, während ein Lächeln seinen grauen Bart umspielte. Er glaubte, seine Sache bereits gewonnen zu haben.

Allein Xerxes fuhr auf, rasend vor Wut:

»Wie? Keine silbernen Talente? Keine goldenen Statere?« rief Xerxes rasend aus. »Elender Schuft! Wie? Ich ziehe nach Griechenland mit meinen jungen Söhnen, Brüdern, Schwägern, Neffen, und du, der du mein Sklave bist, wagst es, mir von deinem Sohne zu sprechen? Du hättest mir folgen müssen mit deinem ganzen Hause, mit deinen Frauen und Kindern, mit allen deinen Sklaven, die sämtlich mir gehören! Denn was sollte wohl einem meiner Untertanen insbesondere gehören? So erfahre jetzt, daß der Geist des Menschen hier in seinem Ohre thront!«

Xerxes deutete rasend auf sein Ohr.

»Wenn er etwas Angenehmes erfährt,« fuhr Xerxes fort und zeigte immer noch auf sein Ohr, »freut er sich, und die Freude breitet sich durch seinen ganzen Körper aus. Erfährt er etwas Unangenehmes,« – des Xerxes Zeigefinger drohte noch immer sein Trommelfell zu durchbohren – »so wird er böse und wütend. Obwohl du dich anfangs nach meinem Wohlgefallen betragen hast, warst du doch niemals so milde, wie ich, ein König, es gewesen wäre. Ich bin überzeugt, daß du viele Silbertalente versteckt hast und wer weiß wie viele Millionen Goldstatere. Trotzdem will ich, um dir meine königliche Dankbarkeit zu beweisen, dich nicht mit Strenge behandeln. Einen Sohn erbittest du von mir von den fünfen. Ich gönne dir vier, aber den fünften, und zwar den ältesten, deinen Liebling, werde ich richten nach meinem Wohlgefallen.«

Xerxes befahl, daß man des Pythios ältesten Sohn gefangennehme.

Er wurde den Henkern ausgehändigt und in zwei Stücke gehauen.

Zu jeder Seite des Weges nach Abydos wurde eine Hälfte niedergelegt.

Xerxes zog am nächsten Morgen mit seinen Heeren weiter, und die Feldherren und die Offiziere und die Unteroffiziere und die Krieger blickten verstohlen links und rechts nach den blutigen Rumpfteilen.

Stunden dauerte der Marsch des Fußvolkes, das Hufgetrappel der Reiterei. Weiße Staubwolken wirbelten empor.

Nach der Mittagsstunde kam wehklagend der alte Pythios, mit ihm viele alte auserwählte und bewährte Freunde, sämtlich Millionäre gleich ihm.

Da gab es ein lautes Jammern, und die alten Millionäre nahmen die beiden Rumpfteile, die zu beiden Seiten des Weges niedergelegt waren, und fügten sie zusammen auf einer Bahre, die sie mit einer safrangelben Decke bedeckten. Die reichen Greise schafften die Bahre zurück und flüsterten untereinander: »Hätte doch Pythios nur den pflichtgemäßen Kriegstribut dem Könige gezahlt und nicht all sein bares Geld!«

»All sein bares Geld?«

»Beinah all sein bares Geld. Hätte er nur nicht mehr gegeben, als wir gegeben haben!«

»Er hätte an seinem ältesten Sohn noch lange Zeit Freude erlebt.«

»So wie wir sie vielleicht noch an unseren ältesten Söhnen erleben werden, so sie mit Xerxes als Sieger zurückkehren.«

Die alten Millionäre, die alle ihre Söhne hingegeben hatten, aber nicht all ihr bares Geld, schleppten die Bahre klagend in die Stadt zurück.

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