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Louis Couperus: Xerxes - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleXerxes
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1926
illustratorMartin Stekker
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VIII.

Von Sardes aus entsandte Xerxes Herolde nach allen Gegenden Griechenlands, ausgenommen Athen und Lazedämon. Um Erde und Wasser zu verlangen – das war das Zeichen der freiwilligen Unterwerfung unter seinen Willen – , entsandte er Herolde in alle Städte, um zu befehlen, daß man Proviant verwahre und ein Mahl bereit halte, wo immer der König der Könige mit seinen Heeren erscheine. Erde und Wasser hatte man seinerzeit dem Dareios, dem unvergeßlichen Vater des Xerxes, verweigert.

Inzwischen arbeiteten tausende von Bauleuten an der Schiffbrücke über den Hellespont zwischen Abydos und Sestos. Die Meerenge war dort sehr schmal, gleich einem breiten Fluß zwischen rauhen, felsigen Ufern, nicht mehr als sieben Stadien breit. Die Ägypter banden die Schiffe mit Tauen aus Byblosbast aneinander fest, aber die Phönikier, die kundigen Arbeiter, gaben Tauen aus Flachs den Vorzug.

Ein heftiger Sturm, der mehrere Tage wütete, raste über Meer und Land, zerriß sowohl die Taue aus Byblosbast wie auch die Taue aus Flachs und ließ die Schiffe aneinander zerschellen. Dann legte sich der Sturm gleichsam befriedigt, und das Meer wurde so ruhig wie ein See. Der Hellespont schien zwischen den Felsen, die in Blau verschwammen unter dem Himmel, der blau leuchtete, nur noch ein unschuldiger Fluß zu sein, eine idyllische Flut unter südlichem Lenzeshimmel.

Die Winde waren ebenso friedlich wie damals, als sie Hero und Leander hier an der gleichen Stelle hatten umkommen lassen, als sie Leander, der zu Heros Turm schwamm, verschlungen hatten und auch Hero, die sich von dem Turm in das Meer hinabstürzte. Sie trieben kaum merklich die leicht sich kräuselnden Wellen weiter.

Trotzdem sollte der Hellespont gestraft werden.

Auch die Winde hätte Xerxes gern gezüchtigt. Allein sie wehten hier und dort und ließen sich nicht leicht geißeln. Der Hellespont aber sollte gegeißelt werden. Die Henker des Xerxes inmitten der herbeiströmenden Krieger und inmitten des herbeiströmenden Volkes, das schauen wollte, geißelten den Hellespont und zählten dem Hellespont dreihundert Geißelhiebe auf. Die Brandmarker brandmarkten die Wasser mit glühenden Eisen. Als die Eisen in den sich leicht kräuselnden Wellen des Hellespont zischten und diese unter den Geißelhieben nur flüchtig aufschäumten, um dann gleichgültig weiterzumurmeln, begann das Volk zu lachen. Des Xerxes Unteroffiziere schauten sich wütend um und riefen barsch:

»Pack!«

Da lachte das Volk nicht mehr. Ein Herold mit wuchtig klingender Stimme las aus einer Rolle, die er entfaltete, vor:

»Süße Wasser, bittere Wasser! Euer Herr straft euch, weil ihr es gewagt habt, euch ihm zu widersetzen und ihn zu beleidigen. Der König der Könige Xerxes wird euch so oder so überschreiten. Niemals wird euch jemand Opfer bringen. Denn ihr seid ein trügerischer salziger Fluß.«

Der Hellespont murmelte weiter sich kräuselnd, daß er kein Fluß sei, sondern eine Meerenge, wenn auch eine sehr schmale. Doch die Henker verstanden den Hellespont nicht. Sie schlugen den Baumeistern der vernichteten Schiffbrücke die Köpfe ab, und andere Baumeister erprobten ihre Kräfte an einer anderen Schiffbrücke.

Sie ließen Triremen aneinander festbinden und Fahrzeuge mit fünfzig Rudern. Da waren dreihundert an der westlichen und dreihundertvierzehn an der östlichen Seite. Die ersten Fahrzeuge wandten ihre Flanken der Propontis zu, die anderen, die dem ägäischen Meer zustrebten, fuhren mit dem Strom, so daß die Taue sich straffer spannten. Anker wurden von den Fahrzeugen ausgeworfen. Doppelte Taue verbanden diesmal an ungeheuren hölzernen Winden, die an den Ufern aufgestellt waren, die Schiffe. Die Taue aus Byblosbast waren je vier zu vieren gespannt, die aus Flachs je zwei zu zweien. Diese waren die stärksten und wogen auf jede Ellenbogenlänge ein Talent.

Als die Schiffe fest aneinandergebunden dalagen, wurden breite Bretter gesägt, gehobelt und auf schweren hölzernen Stützen über die Schiffe nebeneinander gelegt, während die Taue straff angezogen, und die hölzernen Laufbretter mit Sand bedeckt wurden. Zu beiden Seiten wurden Bretterzäune errichtet, auf daß die Pferde und Lasttiere nicht scheu würden beim Anblick des nicht immer nur leicht schäumenden, sondern oft auch heftig stürmenden Hellesponts.

Die Phönizier waren stolz auf ihre Taue. Denn die waren schön und unzerreißbar. Aber die Ägypter behaupteten, die ihren seien es nicht weniger.

Die Brücke über den Hellespont war fertig.

Auch der Berg Athos war durchbohrt.

Es waren zwei grandiose Werke.

Der Erfolg wurde Xerxes gemeldet.

Da verließ er Sardes mit seinem Heere.

Während er auf dem Wege nach Abydos war, verfinsterte sich die Sonne am klaren, wolkenlosen Himmel, und es wurde Nacht mitten am Tage.

Die Perser knieten nieder auf den Feldern zur Seite der Wege, beteten und riefen Ormuzd und Mithra an.

Xerxes bat die ihn begleitenden Magier um eine Deutung der Sonnenfinsternis.

Sie sagten ihm, daß die Sonne, obwohl Persiens Gott – der Gott der Perser – , nicht Persiens Zukunft verheiße, sondern Griechenlands Zukunft und Griechenlands Untergang.

Der Mond verheiße Persiens Zukunft.

Die Sonne leuchtete auf. Das endlose Heer strömte dankbar weiter in dem noch fahlen, unbestimmten Tageslicht.

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