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Louis Couperus: Xerxes - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleXerxes
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1926
illustratorMartin Stekker
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VII.

Zwei Tagereisen von Sardes entfernt, wo während des ganzen Winters Xerxes und die Feldherren geweilt und gewartet hatten, bis der Athos durchstochen und die Schiffbrücke über den Hellespont beendet sei, teilt sich die Heerstraße. Ein Weg links führt nach Karien, der andere nach Sardes, der Hauptstadt von Lydien.

Der Weg nach Sardes führt über eine Brücke über den Mäander und an der Stadt Kallatebos vorüber. Dort wird viel süßer Pflanzensaft gewonnen. Die Händler bereiten dort aus Weizenstärke und dem Safte der Myrike oder Tamariske eine sehr feine und duftige Honigmasse.

Eine Karawane von Mauleseln, mit Myrikehonig in großen Töpfen und Pfannen beladen, war auf dem Wege nach Sardes, als sie an einer ungeheuren Platane vorüberkam. Die Platane hatte bereits ihre neuen Blätter entfaltet, die golden-grünlich wie ausgeschnitten sich von dem mattblauen Frühlingshimmel abhoben, und wütenden Schrittes marschierte ein Unsterblicher, ein riesengroßer Mensch, vor der Platane auf dem Wege auf und ab.

Die Unsterblichen bildeten die Kerntruppen der Leibgarde des Königs der Könige. Die Unsterblichen zählten unter Befehl des Hydarnes, Sohnes des Hydarnes, zehntausend ausgesuchte Kriegsknechte. Prachterscheinungen waren es, wunderbar ausgerüstet.

Sie wurden die Unsterblichen genannt, weil sie nie mehr und nie weniger zählten als zehntausend. Wenn einer fiel oder wenn einer erkrankte, so wurde sein Platz sofort von einem neuen Anwärter eingenommen. Wütend marschierte der Unsterbliche vor der ungeheuren Platane auf und ab, als die Honigkarawane langsam über den staubigen Weg heranzog. Da war sandige, felsige Landschaft. Da waren die blauen Berge, die in der Ferne verschwammen. Da war blauer Himmel ringsumher. Da stand an der Heerstraße die ungeheure Platane, und da war der wütend auf und ab schreitende Unsterbliche.

»Hei!« rief der Unsterbliche dem Anführer der Karawane zu. »Wohin?«

»Nach Sardes«, sagte der Anführer. »Zum Heere, zum Hofe, zum König mit Myrikehonig. Steht hier noch immer ein Unsterblicher bei der Platane?«

»Ich weiß nicht, ob hier immer ein Unsterblicher bei der Platane steht«, antwortete wütend der Krieger. »Aber ich weiß wohl, daß ich Unsterblicher hier schon Tag und Nacht und Tag stehe bei dieser Platane und daß man vergessen hat, mich abzulösen. Sind sie wahnsinnig geworden in Sardes? Vergessen sie mich völlig? Ich bin todmüde. Ich habe schon seit drei Tagen nichts gegessen. Ich verschmachte vor Durst. Heute Nacht bin ich vor Erschöpfung an dieser Platane in Schlaf gesunken. Ich pfeife darauf, bei Ahriman und allen Teufeln! Verfluchte Platane, verfluchte Platane!« Er ballte seine Faust gegen die Platane. Die Platane erhob nach wie vor allgewaltig schön und stark ihren silbernen Stamm, breitete ihre schweren Zweige aus und entfaltete ihre neuen Blätter. Als Xerxes auf dem Wege nach Sardes an dieser Platane vorübergegangen war, hatte er sie bewundert, hatte sie die Königin unter den Bäumen genannt und sie wie einen königlichen Bruder umarmt. Denn in Xerxes lebten oftmals seltsame künstlerische Regungen. Die Schönheit der Platane hatte Xerxes gerührt. Darauf hatte er befohlen, daß man der Platane Ehrenketten und Armbänder umhänge, Ehrenketten um den Stamm, Armbänder um die Zweige. Als Schildwache hatte er einen Unsterblichen bei der Platane zurückgelassen. Die Schildwache war während des ganzen Winters täglich von Sardes aus abgelöst worden. Es war noch ein langer Marsch von Sardes bis zur Platane. Dieser Unsterbliche nun schien vergessen worden zu sein. Eine Herberge war nicht in der Nähe. Da war nur der weiße, endlose, staubige Weg, die blaue Bergdünung in der Ferne, der blaue Himmel ringsumher über der felsigen Landschaft. Da war die mit Ehrenketten und Armbändern behängte Platane. Da war der rasende Unsterbliche.

»Ich pfeife darauf!« wiederholte er. »Karawanenführer! Ich gehe mit Euch.«

»Aber die Armbänder und die Ehrenketten?« rief der Anführer.

Der Unsterbliche fluchte.

»Man hat in Sardes die Platane vergessen«, rief er.

»Ich hole die Ehrenketten und Armbänder von dem Baume herunter.«

»Bist du toll geworden, Unsterblicher?« rief der Anführer heftig erschrocken. »Man wird dich ans Kreuz nageln.«

Auch die Mauleseltreiber stießen Rufe des Entsetzens aus. Allein der Unsterbliche war wie besessen. Er zerrte die Ehrenkette von dem Stamm los und schwang sich auf einen niedrigen Zweig, um von ihm das Armband loszureißen.

Der Anführer und die Mauleseltreiber sahen ihm voller Entsetzen zu. Der Unsterbliche war hoch in die Platane geklettert und entfernte die Armbänder von den Zweigen.

»Packt an!« rief er und warf grob die Ehrenzeichen und den Zierrat herunter.

Er kletterte hinab. Er wankte vor Ermattung. Er sammelte die goldenen Dinger.

»Hier!« sagte er, während er dem Anführer ein Armband zusteckte. »Dies ist für dich, und diese beiden sind für deine Mauleseltreiber, und der Rest ist für mich. Nimm mich mit zwischen deinen Töpfen und Pfannen mit Myrikehonig!«

Die Mauleseltreiber halfen dem Prachtkerl einen Karren besteigen. Der Unsterbliche rollte mit seinen Riesengliedern zwischen den großen Eimern sehr unbequem hin und her und fiel beinah in Ohnmacht. Aber bevor sich die Karawane mit viel Peitschenknallen und lauten Erklärungen der Mauleseltreiber und des Karawanenführers schlendernd und baumelnd in Bewegung setzte, ballte der Unsterbliche die Faust gegen die Platane und schrie ihr zu:

»Verfluchte Platane! Verfluchte Platane!«

Die Platane antwortete nicht. Sie schien dessen nicht zu achten, daß sie ihrer Ehrenabzeichen, die der König der Könige ihr geschenkt, entkleidet war, und streckte allgewaltig, schön und stark ihre breite Blätterkrone in den blauen Himmel, unerschüttert.

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