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Louis Couperus: Xerxes - Kapitel 57
Quellenangabe
pfad/couperus/xerxes/xerxes.xml
typefiction
authorLouis Couperus
titleXerxes
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1926
illustratorMartin Stekker
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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LVII.

Es war sieben Jahre später. Athen war in diesen Jahren nach dem ruhmvollen Siege eine neue Stadt geworden, die erste von Hellas, eine Stadt, die schon blühender war als alle anderen hellenischen Städte, blühender als Sparta, Megara, Sikyon, eine Stadt, die bereits das Wunder verhieß, das sie einige Jahrzehnte später erfüllen sollte. Das goldene Zeitalter keimte mit beginnender Herrlichkeit, zeigte bereits seine knospenden Blüten in Athen, das in fieberhaftem Eifer wieder aufgebaut ward und voll war von einem jauchzenden Leben, das sich nach allen Seiten Bahn zu brechen versuchte. Athen war erfüllt von einer berauschenden Lebenskraft, die mit neuem, herrlichem Blut alle ihre jugendlichen Kräfte beseelen sollte: ihren wagemutigen, mit Phönikien wetteifernden Handel, ihre geniale Staatskunst der jungen und bereits ruhmreichen Seemacht, ihre genialere Geistesentwicklung, die sie bis zur höchsten Spannung, die menschliche Weisheit je erreicht, emporführen sollte, ihren genialsten Kunstsinn, der Wort und Linie und Form – Poesie, Baukunst und Bildhauerkunst – in einer Apotheose menschlichen Könnens zu allerhöchster Vollkommenheit entwickeln sollte.

Es war sieben Jahre nach Platää. Die großen Feste der athenischen Dionysien fanden statt, Feste, die Peisistratos eingeführt hatte, die aber nach dem persischen Kriege zu Ehren der Hegemonie zur See, die Athen über alle anderen Staaten von Hellas errungen, in jedem Jahre mit gesteigerter Lebenskraft und edlem Glanze gefeiert wurden. Es waren die drei heiligen Tage, die dem Gotte Dionysos geweiht waren, so wie er in Athen verstanden wurde: als Gott des Lebens und der Freude und des Jubels, so verstanden, wie vielleicht sonst nirgendwo in Hellas. Es war der Neunte des Monats Elaphebolion, der in der Zeitrechnung mit dem Monat April der späteren Jahrhunderte übereinstimmt. Es war der Sonnenschein des Südens, der berauschende Sonnenschein von Attika, der blond ist wie der Honig vom Hymettos, und mit dem Summen der Bienen in der fernen, tiefen, durchsichtigen Luft mischte sich das summende Lärmen der frohen Menge, die sich über Straßen und Plätze ergoß, über die Agora und über die Abhänge des Areopags bei der Akropolis, wo der alte Tempel der Pallas Athene, der alsbald der Wunderbau des Parthenon werden sollte, noch seines Entstehens harrte, oder drunten in der Umgebung vom Theater des Dionysos, des Theaters, das dem Gotte dieser frohen Tage geweiht war. Die Veilchen, die Veilchen von Attika, zu Kränzen geflochten und die Rosen, die Blumen der blühenden Schönheit, zu Sträußen gebunden, kaufte sich ein jeder, Mann und Weib, der da ging, der da in sich die unwiderstehliche Trunkenheit fühlte, nicht die Trunkenheit der dionysischen Trauben, deren Reife nach dieser Vollblüte erst noch purpurn erglühen sollte, sondern die Trunkenheit der dionysischen, jubelnden Lebenskraft und Glückesmacht, die in diesen Tagen Luft und Sonnenschein durchzitterte, durchzitterte, durchzitterte, gleich als hingen allüberall im Äther unsichtbare Leiern, die bebend ertönten.

Alle Freunde von Athen, alle Verbündeten waren in festlichen Aufzügen über die weißbestaubten Wege, über die See daher gekommen und gefahren, und an diesem Morgen wurde das Theater des Dionysos, vor dem sich alle Scharen zu einem einzigen Meer von Menschen vereinten, geöffnet. Denn die Stimmung der Freude und des seligen Lebensgenusses war vermischt und innig verwoben mit jener ethischen Stimmung sehnsüchtigen Kunstverlangens. Die Seligkeit der Dionysien floß im erhabenen Übergange einer sanften Harmonie zusammen mit dem Wunsche nach dem Genuß höchster Schönheit, sogar tragischer Schönheit, weil der Anblick und das Miterleben der Tragödie, wenn sie wirklich ein erhabenes Kunstwerk ist, nicht derart zu sein braucht, daß sie düster stimmen und der Freude des seligen Lebens entfremden müßte. Dieser Morgen war der erste Tag des Dichterwettkampfes. Drei Dichter sollten heute miteinander um den Preis für die beste Tragödie wetteifern. Feine komisch-satirische Spiele eröffneten die Vorstellungen ihrer drei Tragödien, die nacheinander stattfanden, und die satirische Komödie war diesem freudig lebenden, geistreich plaudernden, rasch urteilenden, nicht empfindsamen Volke willkommen. Aber dennoch würden die Tragödien, die neuen Tragödien, die die Dichter an diesem Tage aufführten, den Zuschauern, obwohl sie erfüllt waren von dem Entsetzen über die Allmacht des Schicksals, das sogar über den Göttern thronte und den Hochmut der Menschen zerschmetterte, die höchste, edelste Schönheit vermitteln, die sie ehrfurchtsvoll gleich einem wundersamen Geschenke jener Dichter entgegennahmen, um darauf die Versöhnung mit dem All zu empfinden, weil dies so sein mußte, wie es war.

Das Theater des Dionysos strömte voll. Es lag am Fuße der Akropolis und war noch kein Gebäude aus Stein oder Marmor, eher ein Halbkreis, der in die grasigen Abhänge des Hügels eingehauen war unter Aussparung von Umgängen, ansteigenden Zugängen und mit Bänken aus Holz. Regen fürchtete man in diesen Tagen nicht. Die Sonne verhieß einen angenehmen Aufenthalt, da sie in dieser Jahreszeit noch keine brennende Glut spendete. Tausende und Abertausende sollten Platz finden. Für die Archonten und die anderen Amtspersonen waren steinerne Bänke vor die Orchestra gestellt, vor die runde Plattform aus großen, flachen Steinen, auf der sich in der Mitte die Thymele erhob, der einfache Altar des Dionysos, auf dessen Stufen sich der Flötenspieler niederließ, der mit seinen Modulationen die Schritte des schreitenden Chores regelte oder seine Reigen begleitete. Das Theater war noch kein Denkmal der Baukunst, und die Schönheit des Ganzen beruhte einzig und allein auf der dichten, tausendköpfigen Versammlung von Zuschauern, von Zuschauern, die durch die Dionysien fröhlich gestimmt und von nah und fern über Land und See gekommen waren. Die Schönheit lag noch ausschließlich in der schlichten, ursprünglichen Teilnahme der Zuschauer an den tragischen Dichtwerken, welche die drei wetteifernden Dichter nach den satirischen Komödien an diesem Tage vorführen würden. Lang und langanhaltend war der Genuß. Doch groß war die Geduld und die Hingabe des Volkes, das in der Komödie zwar noch die ursprüngliche Ausgelassenheit empfand, für die aber die Tragödie eine religiöse, hochernste Bedeutung besaß genau wie vor einem Jahrhundert zur Zeit des Solon, als Thespis mit seinem Karren umhergezogen war, auf dem er die dionysischen Mysterien dargestellt hatte, er, der als einziger Schauspieler die drei Rollen des Trauerspiels verkörperte und dessen Maske einzig aus einem Behang von Weinreben bestand. In völliger seelischer Hingabe folgte diese aus Athenern und athenischen Verbündeten bestehende Zuhörerschaft den Werken der Dichter, ihrer heiteren, politischen Satire und darauf ihren meist mythischen Trauerspielen, in denen die Menschen hochmütig und schuldig, in denen die Götter oft erbarmungslos, aber gerecht waren, in denen sich das Schicksal als allmächtig erwies. Doch als das letzte Spiel des letzten der drei Dichter auf dem Theater gezeigt werden sollte, ging eine ungeheure Erregung durch die ganze Menge, die da zusammengepfercht saß auf den hölzernen Bänken oder auf den Rasenflächen. Der Name des Dichters, der schon nicht mehr unbekannt war, ging um in ehrfurchtsvollem Flüstern: Äschylus, Sohn des Euphorion. Er hatte mitgekämpft bei Marathon, bei Salamis, bei Platää. Er hatte früher schon sich mitbeworben im Dichterwettkampf mit Pratinas und oftmals einen Preis errungen. Dies neue Spiel des Dichterkriegers hieß »Die Perser«. Er hatte darin den zweiten Schauspieler eingeführt. Den Deuteragonisten hatte er zu dem Protagonisten hinzugefügt. Die verschiedenen Rollen – in dieser neuen Tragödie, den »Persern«, gab es mit dem Chorführer ihrer fünf – wurden diesmal unter die beiden Schauspieler verteilt, und man behauptete in der Zwischenpause von den »Persern«, daß Äschylus selber die Rolle des Protagonisten verkörpern werde. Das war nicht befremdend, da der Dichter oftmals die Hauptrollen übernahm. Eine heilige Neugierde beseelte bis zur äußersten Spannung diese Zuhörerschaft, die aus hingebungsvollen Menschen bestand, die, bis es beginnen, würde, sehnsüchtig auf die noch leere Orchestra starrten, auf das noch leere Proszenion, hinter dem die Szene, der Abschluß des Theaterraumes, sich erhob. Der Atem keuchte hörbar, ward mühsam bezwungen, die Augen starrten, und die Seelen starrten mit den Augen. Geräuschlos hing da die heilige Stille um diese Kunst, die sich offenbaren sollte und die nichts anderes war als Gottesdienst und Schönheit in einem, die zum Schlusse Entsetzen, Rührung und versöhnendes Mitleiden auslösen würde. Auf der Stufe des Altars begann der Flötenspieler sein Vorspiel. Bühnenwände wurden hinter den Paraskenia verschoben und stellten in einfachsten, stilisierten Linien die Eingänge eines persischen Palastes dar. Es war nicht die Pracht der Hunderte von Stiersäulen und der grünlichblauen Kachelfriese mit den schreitenden, weißen und goldenen Löwen, die in des Xerxes Palast prangten. Es war kaum persisch zu nennen. In schlichter Allgemeinheit wurde die Vorstellung einer königlichen Wohnung nur eben angedeutet. Vor der einfachen Säulenreihe erhob sich ein gleichfalls einfaches Grabdenkmal, das das Grab des Dareios, des Vaters des Xerxes, vorstellen sollte. In Wirklichkeit stellte das Grab des Dareios eine Üppigkeit an Säulen dar, ein farbenglühendes Relief der Verherrlichung über einem Felsen vor den Toren von Susa. Hier in Athens Theater war es nicht mehr als eine leise Andeutung. Aber es schien zu genügen.

Da traten zu beiden Seiten aus den Pforten des Palastes je sechs Greise, stiegen die Stufen zu der Orchestra hinab und umschritten den Flötenspieler. Die zwölf Getreuen des Xerxes, die angesehenen Perser, bildeten den Chor, und ihr Chorführer, der zweite Schauspieler, begann zu sprechen und sagte, daß sie, die Wächter dieses stolzen Palastes der persischen Könige, von finsteren Ahnungen bestürmt würden.

Rings um den Chorführer brachte der Chor zugleich mit ihm seine Erregung und seine Ängste durch Gesten zum Ausdruck. Die zwölf Männer mit den Maskenköpfen und mit dem breiten Trichtermund gingen auf den hochsohligen Kothurnen mit weiten Schritten in langen medischen Gewändern, die indes einfacher waren als die, welche des Xerxes geringste Diener getragen, und erschienen mit den weiten Bewegungen ihrer verlängerten Arme wie Riesen. Doch von ferne her, von den fernsten Umgängen und den höchsten Rasenstufen aus gesehen, machten sie an diesem Sonnenmorgen einen seltsamen und beängstigend tiefen Eindruck, so daß Frauen sich angstvoll aufschreiend, zitternd an ihre Männer preßten und Kinder zu weinen begannen. Allein ein Zischen, das Stille gebot, beschwichtigte den Lärm. Die Kinder wurden weggeführt. Die furchtsamen Frauen saßen still, und die Worte des Dichters, denen man andächtig lauschte, hatten Gewalt über die erschütterte Menge. Huh! Dies war Persien, dies waren die persischen Angesehenen, und das Schicksal, das kommen werde, ahnten sie voraus. Die zwölf Getreuen nannten die klangvollen Namen der persischen und der orientalischen Könige, die dem obersten Basileus tributpflichtig waren. Sie priesen die Prinzen und Könige, sie priesen die unvergleichlichen Bogenschützen, die unvergleichlichen Ritter, die ihnen folgten, und rühmten sie auf Griechisch mit den Worten eines griechischen Dichters. In den erhaben getragenen Versen lag keinerlei Satire, mochten auch zuvor in der vorangegangenen Komödie satirische Anspielungen vorgekommen sein, satirische Anspielungen auf die jüngsten Ereignisse des eigenen Landes und auf bekannte Persönlichkeiten. Sogleich bei Beginn dieser Tragödie zitterte in den Versen des Dichters schon ein mitleidvolles Angstempfinden, das mit dem Gefühl jener persischen Großen im Einklang stand, die finster das vorausahnten, was kommen werde:

»Aus ganz Asien folgt ihm das Volk, das Schwert
in der Hand. Es gehorcht
dem harten Befehl seines Königs.
Die Mannesblüte persischen Lands,
die Besten sind fort.
In schmerzlicher Sehnsucht grämt sich um sie
ganz Asien, das ihre Nährmutter ist,
und die Eltern und Frauen zittern um sie.
Bang zählen sie schleichende Tage.«

Es klingt kein Ton der Ironie aus diesen Worten des griechischen Dichterkriegers, der seine besiegten Gegner auf die Szene führt. Es klingt nichts anderes daraus als die höchste, erhabenste Ehrfurcht vor den Besiegten. Nicht einmal der stille, geheime Jubel über den Sieg erklingt daraus. Es ist nichts anderes als das Miterleben der nahenden persischen Schmerzen. Die Zuschauer, lauter Griechen oder Verbündete, die Krieger, die vor sieben Jahren gegen die Perser kämpften, um ihr Vaterland zu verteidigen, sind gerührt, weil es ihnen bewußt ist, daß dies heilige Kunst ist, eine Kunst, die der höchsten Menschlichkeit entsprossen.

»Mit dem Drohblick eines gift'gen Basilisken in den Augen –
ungezählte Kriegerarme, ungezählte schnelle Schiffe
nennt er sein, und auf dem Wagen eines Syrers jagt er selbst hin –
hetzt er auf die lanzenkund'gen Männer Griechenlands der Perser
nur des Bogens kund'gen Kriegsgott.
Wer ist so bewährt im Kampfe, daß er dem gewalt'gen Anprall
einer Meereswoge trotzte? Unbezwinglich ist die Meerflut
und durch keinen Damm zu halten, sei es selbst das stärkste Bollwerk.
Auch der Perser tapfren Kriegern und dem Starkmut unsres Volkes
hat noch niemand widerstanden.«

Die Zuschauer sehen in ihrem Geiste ihr teures Land noch einmal überflutet von der persischen Sturzsee.

»Unsres Königs stadtzerstör'nde, reis'ge Scharen
sind hinüber nach dem Lande,
das als Nachbar zu uns hergrüßt.
Hanfne Taue fügten ihnen schwache Brücken
über Hellas Gewässer.
Festgefügte Stege legten
sie wie Joche dem Meere auf den Nacken.

Und sie lernten, voller Mut auf die heil'gen,
unermeßlichen Meerfluten zu schauen,
wenn ein wildtobender Sturmwind
weiße Wogenkämme hochpeitscht,
und vertrauten sich vermessen
dünngedrehten Tauen an und
einem schwanken Steg zum Übergang.

Dem Gedanken hängt mein Sinn
trauernd nach, und voller Angst
krampft zusammen sich mein Herz.
›O weh, allzu kühnes Perserheer!‹
Solche Klage wird vielleicht dir entschall'n,
Susa, männerleere Stadt.«

Das Mitleiden durchzittert die Zuschauer, das Mitleiden
durchzittert die Krieger von Marathon, von
Salamis und Platää, durchzittert sie, für die sie siegten.
Da spricht der Chorführer:

»Aber seht! Gleich dem Glanze aus Götteraug'
tritt herzu die Mutter unseres Herrn,
meine Königin. Sinkt mit mir aufs Knie!
Mit ehrerbiet'gem Begrüßungswort
laßt ihrer Hoheit uns nahen!
Höchste Herrscherin der hehren Frauen in der Perser Reich,
würd'ge Mutter unsres Xerxes, Heil, Dareios, Ehgemahl!
Du bist Gattin unsres Gottes, Mutter unsres Persergotts,
wenn nicht alte Schicksalstücke schon dem Heer verderblich ward.«

Die dichte Menge steht und starrt, empfindet ob dieses nahenden Entsetzens ein bebendes Mitleiden, ob dieser Schönheit ein Erschauern. Denn Atossa, die Mutter, ist aus dem Palast getreten.

Sie wird dargestellt von dem Protagonisten, dem ersten Schauspieler, und man raunt sich zu, dies sei Äschylus, der Dichter selber. Er trägt die tragische Frauenmaske, er ist eingehüllt in den weiten, golddurchwirkten Purpurmantel der Königinnen, und so erscheint seine Gestalt ungeheuer und übermenschlich. Kaum, daß seine Bewegungen oder seine tiefe Stimme einen Hauch der natürlichen Verkörperung eines Weibes erkennen lassen. Diese ungeheure, langsam mit weiten Schritten sich fortbewegende Gestalt ist eher schaudererregend als weiblich. Während Atossa ihre Furcht verkündet und ihre rührenden Verse durch das offene Theater und über die Häupter der dort zusammengepfercht sitzenden Griechen klingen, würde diese Schöpfung des Dichters keinen Augenblick selbst einen Perser vom Hof zu Susa an die hagere, alte, herrschsüchtige, kurzsichtige Frau denken lassen, die in violette Schleier gehüllt geht und in der vor Alter unsicheren Hand erregt die Peitsche schwingt. Doch diese Gestalt der Dichterschöpfung wirkt ungeheuer erhaben auf den Kothurnen, mit den weiten, angstvollen Gebärden, mit der hohlen, tiefen Klagestimme, die die Unruhe ihrer göttergroßen Mutterseele hinaussingt, erhabener als irgendeine andere Darstellung an diesem Tage, zu dieser Stunde gottesfürchtigen Mitempfindens sein könnte, und die Erzählung ihres Traumes, der ihr Schicksal kündet, den sie den Getreuen mitteilt, scheint gleich einem schwellenden Winde der Dichtung aus sehr fernen Orten des Ungewußten und Ungeschauten zu kommen und auf ihren schwankenden Rhythmen die Offenbarung der Unvermeidlichkeit mit sich zu führen. In angstvollen Versen fragt die Mutter des Xerxes. In Versen, die das Unglück bereits ahnen lassen, antwortet der Wortführer der Zwölf, bis der Bote naht, der zweite Schauspieler, der mit bewegten Schreien versichert, das, was die Greise fürchteten und was die Mutter träumte, sei bei Salamis Wahrheit geworden. Der Bote kommt aus Salamis, und die heftig erregten Zuschauer erinnern sich an Salamis, als vor sieben Jahren Athens Flotte über die Tausende asiatischer Schiffe den Sieg davontrug. Es ist nicht anders möglich, als daß ungeachtet des göttlichen Mitgefühls menschlicher Stolz in ihnen aufsteigt.

Doch kein roher Schrei aus der Menge, kein einziges mitleidloses Wort des Dichters legt Zeugnis ab von rauh prahlendem Triumph. Erhaben in ihrem Mitgefühl bleibt die tragische Muse, die den Dichter-Schauspieler beseelte, als er dichtete, die ihn beseelt, nun, da er spielt. Die Mutter, Atossa, bittet den Boten über die Schlacht von Salamis zu berichten. Ganz erfüllt von Erinnerungen zittern die Zuschauer Seite an Seite, ihre Augen starren, und mit den Augen starren ihre Seelen. Wie schimmern diese glorreichen Verse durch den Bericht von der Katastrophe Persiens gleich einem Glanz durch eine Wolke! Wie lassen sie in maßvollster Schönheit die Glorie von Athen, den Sieg von Hellas schimmern! Wie lassen sie ihre eigene Freude an dem Mitgefühl mit den anderen aufsteigen und herabsinken wie auf den Wogen eines Weltmeers der Menschlichkeit! Vor den erstarrenden Augen und Seelen jener Zuschauer ist jeder Gedanke an Theater, an Schauspiel und Wettstreit geschwunden. Sie erleben in sich nur das erhabenste Mitleid und hehrste Freude darüber, daß sie das Vaterland für diesen Tag des reinsten Triumphes erhalten haben. Sie weinen ihre Tränen um die Schuld jenes Königs, dessen Mutter vor Schmerz um ihn aufschreit, doch ihrer Münder Keuchen ist ein Lächeln ob ihres eigenen Glücks, das die gerechten Götter ihnen gönnten, und die Spannung ist beinahe unerträglich, weil alle diese überwältigenden Erinnerungen geweckt werden, bis der Schatten des Dareios, den das Wehklagen der Perser heraufgerufen aus dem Grabgewölbe, Atossa und den Zwölfen noch schrecklichere Katastrophen als die von Salamis weissagt, als er weissagt, was nach Salamis geschehen werde, als er verkündet, was, wie den Zuschauern bekannt, bereits vor sieben heiligen Jahren sich ereignet hat, bis der Schatten des Dareios die Ereignisse von Platää weissagt. Dieser Bericht, den der Schatten von Xerxes' Vater bringt, ist wie eine donnernde Ankündigung des Schicksals. Dann erscheint der König selbst, und die Zuschauer vergessen, daß die in Verzweiflung mit zerrissenem Mantel und leerem Köcher daherstürmende, maskierte Riesengestalt wiederum der Dichter selbst, Äschylus, ist, der Protagonist, der beide Hauptrollen spielt. Die Zuschauer aber sehen in dieser verzweifelten Erscheinung nichts anderes als Xerxes selber, die gestrafte Schuld, den zerschmetterten Hochmut. Die Rührung, die man um seinetwillen empfindet, ist kaum zu ertragen, und kein Schimpfwort wird ihm entgegengeschleudert. Nur die Busen heben und senken sich mit dem verzweiflungsvollen Sichheben und Sichsenken der Verse, die Münder keuchen, die stillen Tränen fließen, Tränen, die in den Seelen der Eroberer um der Besiegten willen erweckt wurden durch heilige Kunst. Xerxes schreit seine Verzweiflung hinaus, die zwölf Getreuen antworten ihm, ein Echo:

»Persiens Macht ist gebrochen. Laßt uns unsere Schmerzen vereinen! Schlagt die Brust, ihr Alten! Zerfleischt euer Angesicht! Laßt ertönen das schwermütig-wehe mysische Klagelied! Rauft euch Bart und Haar! Weint um unsere Heere!«

Immer wieder erklingt schmerzlich die Klage des Chores durch die Weite dem unbewegten, blauen Himmel entgegen.

»Weh! Weh! Müssen wir so Persien Zeuge sein lassen unserer Schmerzen?«

Darauf schreit Xerxes gleichsam im eigenen Schmerze wühlend:

»Ja! Persien soll Zeuge sein, Zeuge unserer Verzweiflung!«

Die wilden Stimmen erheben sich zu einem Ozean überwältigend tragischen Klanges, der den ganzen Theaterraum erfüllt.

»Weh über meine Schiffe! Weh über mein Heer!«

»Weh! Weh! Müssen wir so Persien Zeuge sein lassen unserer Schmerzen?«

Die Vorstellung ist plötzlich zu Ende. Die durch Glück und Mitempfinden geweckte Erregung hat die Seelen der Griechen bis zum Bersten angespannt. Dies war die höchste Bewegung, die jemals die Kunst einer versammelten Menge in Athen zu schenken vermochte. Dies ist wie eine Trunkenheit von Dionysos und Apollo in einem. Dies ist so allüberwältigend, daß die Zuschauer beinah zu jubeln vergessen. Man hört Rufe hier, dort, überall nach den Archonten, den Amtspersonen. Der große, weite Theaterraum erscheint zu klein. Diese aufeinander gepferchte Menge glaubt ersticken zu müssen in diesem Halbkreis unter dem blauen, unbewegten Himmel. Alle drängen hinaus. Sie haben das Bedürfnis, ihre Empfindungen ungehemmt zu äußern, und wie aus gemeinsamer Eingebung heraus zerstreuen sie sich nicht, sondern steigen den Areopag hinan. Ein junger Mann, beinah ein Jüngling noch, schön wie die Bildnisse der späteren Bildhauer alsbald sein werden, führt eine Anzahl seiner jugendlichen Genossen an. Vor sieben Jahren haben ihre jugendlichen Herzen in ihren damals noch nicht wehrbaren Ephebenkörpern heftig gepocht bei Salamis und Platää. Daß sie nicht mitkämpfen durften, hat sie verdrossen. Jetzt sind sie Männer, junge Männer, und die Vergangenheit mußte ihrer entraten. Die Zukunft aber wird ihnen gehören, die Zukunft wird Perikles gehören, dem Jünglinge, der jetzt seine Genossen anführt und mit ihnen den Hügel erklimmt. Ihre Rufe donnern durch die Lenzesluft. Die Menge folgt ihrer jugendlichen Begeisterung. Wohin? Nach der Akropolis, nach dem alten Tempel der Pallas Athene. Sieht Perikles hinter jenem alten Heiligtum die unbestimmt leuchtende Erscheinung des einst zu erbauenden Parthenon aufsteigen wie ein leuchtendes Bild des Tempels der Zukunft? Doch ihre Ungeduld hat den alten Tempel erreicht. Sie zeigen einander das Heiligtum, und ihre Begeisterung stößt freudige Rufe aus zugleich mit dem Namen der Götter, zugleich mit den Namen Salamis und Platää.

Seht! Dort, zwischen den dorischen Säulen, die die Cella umringen, hängen die Tausende goldener persischer Schilde, die bei Platää erbeutet wurden. Sie hängen an den Säulen, sie liegen hoch übereinander geschichtet, sie sind wie goldene Sonnen, die die Lenzessonne widerspiegeln. Sie sind gleich tausend eroberten Sonnen, Sonnen, die aus dem Himmel zerbrochenen Hochmutes im Überfluß herabstürzten, und Perikles und seine Genossen greifen nach ihren Dolchen. Wo der Dolch fehlt, ballen sie ihre jugendlichen Fäuste, während von allen Seiten die begeisterte Menge herbeieilt, herzuströmt, um zu sehen, um zu wissen, um mit ihnen begeistert zu sein in ihrer heiligen Trunkenheit. Mit dem Dolchgriff, mit den geballten Fäusten schlagen sie, Korybanten gleich, auf die Schilde, schlagen sie, daß es rasselt und klirrt, auf die Tausende von Schilden, die aufgeschichteten persischen Schilde, die eroberten persischen goldenen Sonnen des Hochmutes, bis ein ungeheuerliches Lärmen sein Echo erklingen läßt längs der Akropolis. Sie rufen mit dem ganzen helltönenden Klange ihrer jungen, mächtigen Stimmen voll Glück und heiliger Erregung:

»Vaterland! Heiliges Vaterland! Heiliges, heiliges Vaterland!«

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