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Louis Couperus: Xerxes - Kapitel 56
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleXerxes
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1926
illustratorMartin Stekker
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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LVI.

Eben jener Abend ist der Abend von Mykale, an dem der Rest der persischen Flotte in den ionischen Gewässern von der Seemacht der Verbündeten geschlagen ward und Nike aus der geöffneten Hand des Zeus den Hellenen entgegenfliegt hier wie dort, nach Platää wie nach Mykale. Der Gott der Perser, auf den sich Xerxes stets berufen hat, hat Xerxes nicht geholfen.

 

Die Tage in Susa schleppen sich fort. Es sind wiederum die schwülen, schweren Sommertage. Die Tausende von Rosen stehen in reichster Blüte. In den Portiken des Frauenhofes sind die Frauen mit dem Einkochen der süßen Früchte beschäftigt, und Rosenkerne werden in siedendem Zucker gedünstet. Denn zwar wütet der Krieg und herrscht Angst und Niedergeschlagenheit, weil die Stafetten, die Mardonios entsenden wollte, ausbleiben und weil kein Fackelbericht mit raschen Feuerzeichen in der Nacht einen entscheidenden Sieg und die Vernichtung der verbündeten Griechen an und bei Athen oder wo immer es sei in Attika, vielleicht sogar auf dem Isthmos verkündet hat, doch zugleich ist es auch die Zeit der Rosen, und es wäre schade, sie nicht zu pflücken, und es wäre schade, sie nicht einzukochen und die köstlichen Kerne nicht einzuzuckern. Die Königinwitwen Atossa, Artystone, Parmys und Phaidyme sitzen wie stets auf ihren Ruhebetten. Amestris hat soeben der Phaidyme wiederum die Geschichte des falschen Smerdis entlockt, und alle, die der Königin Gunst erhaschen wollen, hören kichernd zu. Artaxixa ist um das Einkochen bemüht, und Artaynte, ihre Tochter, – der Vorfall mit dem Mantel und die kurz nur währende Leidenschaft des Xerxes sind schon längst Dinge, die der Vergangenheit angehören – sieht Artozostra aufmerksam zu. Denn vor Artozostra, der Frau des Mardonios, steht jetzt der große Webstuhl, und um sie her wetteifern die Sklavinnen, um ihr die purpurne Seide und den Goldfaden um die verschiedenen Spulen zu winden. Artozostra wirkt einen Mantel für Mardonios, ihren Gemahl, dessen siegreiche Rückkehr aus dem Kriege sie erwartet, und Artaynte, die jetzt die Gemahlin des Dareios, des jugendlichen Erbprinzen ist – aber er ist noch sehr jung, ein Knabe noch und wohnt noch nicht mit ihr, sondern weilt noch im Lager der Jünglinge, wo er die ritterlichen Übungen erlernt – Artaynte bewundert den Mantel, den Artozostra für Mardonios wirkt, und flüstert ihr zu, dieser Mantel werde viel schöner als der Mantel, den Amestris für Xerxes wirkte und der während einiger Tage ihr, der Artaynte, Eigentum gewesen, und Artozostra, die sich geschmeichelt fühlt und die sich nach Mardonios Rückkehr sehnt, ermahnt sie, leiser zu sprechen, auf daß Amestris nichts höre.

»Es gibt eine Weissagung«, flüstert hinter dem Rücken der Artozostra eine Purpurseide windende Sklavin einer anderen zu, die die Strähnen aus einem Korbe sammelt.

»Was für eine?« fragt die andere beinahe gleichgültig. Denn Weissagungen gibt es zahllose am persischen Hofe, aber niemals deuten sie eine mögliche Niederlage der Truppen des Mardonios auch nur von ferne an.

»Daß der Prinz Dareios nicht König der Könige werden, sondern jung sterben und daß Artaxerxes König sein werde.«

Die Sklavin, die die Strähnen verliest, zuckt gleichgültig die Achseln. Doch plötzlich werfen sich beide zu Boden, und alle anderen Sklavinnen tun gleich ihnen. Denn das Wort Sonne ist erklungen. Artozostra sagt, zufrieden mit ihrer Arbeit, zu Artaynte:

»Die Sonne auf der Rückseite des Mantels wird schön.«

»Heilig!« murmeln sämtliche Sklavinnen, die sich auf die marmornen Fliesen niedergeworfen haben.

Draußen hört man einen anschwellenden Lärm. Sollte das endlich die so gut arbeitende persische Post sein, die Briefe bringt von Mardonios und all den Prinzen, die um ihn blieben, Briefe an die Mütter, Frauen, Töchter?

»Es wird die königliche Post sein«, sagt die Königin Amestris. »Seit langem schon hörte ich nichts mehr von meinem Vater Otanes.«

Es ist nicht die königliche Post. Doch was es ist, läßt sich nicht sogleich erkennen. Es ist ein unbestimmtes Lärmen, das anschwillt durch den Innenhof von dem Palastflügel her, wo die Gemächer des Xerxes liegen. Die Frauen sind heftig erschrocken. Sie wissen nicht, was es ist. Sie denken an Mord, an Brand, an entsetzliche Katastrophen. An unheilvolle Kunde denken sie nicht, denken sie niemals, da sie allezeit nur Siegesnachrichten aus Hellas empfangen haben. Zweimal ward Athen eingenommen. Von den Thermopylen wissen sie nichts, und Salamis wurde von Xerxes selber mit zwei Worten abgetan. Wohl sind ihre Brüder, Söhne, Neffen dort gefallen, sie aber haben getrauert und gewehklagt und darauf vertraut, daß die siegreichen Perser alle jene rächen werden, die dem Kriege zum Opfer fielen. So denken sie noch immer nicht an unheilvolle Kunde aus Hellas, doch wohl denken sie an Mord, an Brand, an eine Katastrophe, die entsetzlich sein muß. Alle stürzen herbei, neugierig erschauernd: die alten Fürstinnen, Amestris, die jungen Prinzessinnen, sämtliche Nebenfrauen, sämtliche Sklavinnen. Sie stürzen aus dem Innenhofe nach den Gemächern des Königs. Dort stehen die Wachen, die Eunuchen, die Hoftrabanten. Es ist eine unbeschreibliche Verwirrung, bis sie plötzlich in seinem geöffneten Empfangssaal Xerxes gewahren mit wirren Augen, verkrampften Händen und vor ihm Artabazos, den sie in Hellas, in Europa, wie sie zu sagen pflegen, wähnen. Sie hören Xerxes fragen:

»Also Mardonios ...?«

»Mardonios ist gefallen«, antwortet Artabazos.

Aus der Frauen Mund steigt ein einziger ungeheurer Schrei empor. Der Frauen Arme machen eine einzige ungeheure, verzweiflungsvolle Gebärde gen Himmel, und Artozostra schreit:

»Mardonios! Mardonios ist gefallen.«

Sie kann es nicht glauben. Es ist unglaublich. Sie und Artystone, die Großmutter des Mardonios, werfen sich einander in die Arme. Atossa hält die neugierigen Sklavinnen mit einem leichten Peitschenschlag ihrem Wege fern. Sie nähert sich ihrem Sohne. Der junge Prinz Dareios, der Gemahl der Artaynte, ist aus dem Lager der Jünglinge herbeigeeilt. Sogar Artaxerxes, ein Kind noch, ist mit seinem Pädagogen und den Eunuchen aus dem Palastinnern herbeigelaufen.

Artabazos wiederholt es:

»Mardonios ist gefallen.«

Von neuem der Schrei, von neuem die Gebärde. Die Verzweiflung wogt einem Strome gleich durch den Palast. Der geringste Sklave weiß es jetzt, daß Mardonios gefallen ist. Alle eilen herbei, unaufhaltsam. Sie wollen Artabazos verkünden hören, wie die schicksalsschwere Schlacht von Platää verlief und wie Mardonios fiel.

»Feigling! Du bist geflohen«, schreit Xerxes.

Artabazos bejaht es. Er ist geflohen, geflohen mit vierzigtausend Mann. Kampf sei nicht mehr möglich gewesen, sagt er. Da ihm der König seine Flucht zum Vorwurf macht, reut es ihn, daß er nicht kämpfte, daß er nicht fiel. Aber er sei nicht aus Feigheit geflohen. Er sei geflohen, weil er gesehen und gefühlt habe, weil ein Kämpfen nicht mehr möglich gewesen sei und weil er dem König dies melden wolle.

»Wer sonst würde es in Susa gemeldet haben?« ruft Artabazos aus. »Was kann mir am Leben gelegen sein nach der Schande, die sich uns Persern über die Häupter ergoß?«

»Wo ist dein Heer?« schreit Xerxes.

»Wo mein Heer ist? Nach Thessalien habe ich es noch geführt. Ich sagte den Thessaliern, die von Platää noch nichts wußten, Mardonios sei mir mit seinen Heeren auf den Fersen. Ich sagte ihnen, ich müsse weitereilen. Ich floh. Ich floh weiter. Die Thessalier glaubten mir. Hätten sie mir nicht geglaubt, so wären sie aufständisch geworden, so hätten sie mich getötet, König. Niemand hätte es in Susa melden können. Aber so, so konnte ich fliehen, und ich floh durch Thrakien. Die Flüsse waren ausgetrocknet, auf den Feldern keine Spur von Getreide. Überall verlor ich meine Krieger. Sie fielen längs des Weges. Die Pest oder die Thraker rafften sie hinweg. Der ganze Weg von Thessalien bis nach Byzanz ist besät mit den Leichen meiner Krieger, die die Raubvögel fressen.«

Die Schreie, die langgezogenen Klageschreie der Frauen, der Tausende von Frauen, die alle zu weinenden Klageweibern geworden, die tausendfältige Gebärde der gen Himmel gereckten Arme erfüllt den Hof, die Portiken, den ganzen Palast; umringt mit einer dichten Schar voll lärmender Verzweiflung die Großmutter und die Gemahlin des Mardonios, seine jungen Kinder, die herbeigelaufen sind. Die Verzweiflung ergießt sich durch den Palast, die Verzweiflung strömt in die Stadt hinein, und plötzlich wissen es alle in Susa. Sie wissen von den Thermopylen, sie wissen von Salamis und wissen von Platää. Die persischen Frauen, Prinzessinnen und andere wissen es von ihren Männern und Brüdern und Vätern und Neffen. Sie wissen es alle, alle, daß der Gott der Perser nicht geholfen hat, daß die persischen Heere geschlagen, daß die persischen Flotten vernichtet sind, Millionenheere mit allen verbündeten Völkern, über die der König herrscht, Flotten von Tausenden von Schiffen, daß: alles und alle vernichtet sind und geschlagen, wenngleich die See gezüchtigt, die Berge durchstochen, wenngleich Persien die Weltmacht verliehen wurde einst, da Kyros noch lebte.

Xerxes ist vor dem Verzweiflungsgeschrei in sein Gemach entflohen. Er hat sich auf sein Lager geworfen, er starrt durch die geöffneten Fenster in die Gärten. Unbewegt strecken die Palmen die Kronen ihrer fächerförmigen Blätter dem Sommerblau des Himmels entgegen. Alles scheint unberührt: die Stiertorsen, die die Balken der Decke aus Zedernholz tragen, die schreitenden Löwen aus glasierten Kacheln, die das Gemach bedecken, die ungeheuerlichen speertragenden, gewaltig muskelstarken Kämpfer in Emailrelief an der Tür. Xerxes starrt vor sich hin und fragt sich, wie es möglich sei. Seine Brüder Abrokomas und Hyperanthes bei den Thermopylen, sein Bruder Ariabignes und seine Neffen und Schwäger bei Salamis, Tigranes – groß war er und herrlich – und Mardonios bei Platää und Mykale, Artayntes, Ithamithres, alle tot, weh! weh! tot, tot!

Er ist wie wahnsinnig, er kann nicht glauben. Einige wenige ungesittete Dorier können doch nicht die ganze persische Kultur bedrohen! Er erhebt sich, er geht auf und ab, er horcht hinaus. Ihm ist, als ob die schrillen, ungemäßigten Trauer- und Verzweiflungsschreie der Frauen bis in seine Ohren, bis in sein Hirn dringen. Er fällt in die Polster, er stürzt herab von seinem zerschmetterten Hochmut und starrt, starrt wie wahnsinnig.

In der Umrahmung der offengebliebenen Tür, vor einem geöffneten Vorhang im Eingang zwischen den riesigen Speerträgern aus Emaille und glasiertem Stein, sind menschliche Gestalten sichtbar geworden. Es sind sechs Offiziere der königlichen Leibwache. Ihr Befehlshaber – Artabanos heißt er – führt sie an. Sie haben ihre Schwerter gezogen, sie planen einen Königsmord. Sie sind nicht zufrieden gewesen mit diesem Kriege. Artabanos, Sohn des Artabanos, Neffe des Xerxes, strebt selber danach, die Krone Persiens zu tragen. Zu sieben werden sie Xerxes ermorden wie einst Dareios und die sechs Perser den falschen Smerdis. Artabanos wird Xerxes ermorden, den Knaben Dareios, das Kind Artaxerxes. Ist dies nicht der Augenblick, der Augenblick, der genützt werden muß, der Augenblick, den Mord zu begehen, ihn dann noch geheimzuhalten, die Leiche auf den Geierturm zu legen, in der Stadt Haß gegen den König zu schüren nun, da er den Krieg gegen Hellas verlor, da sein Heer geschlagen, seine Flotte vernichtet ward, und dann den Palastaufstand vorzubereiten? Seht! Da liegt Xerxes zusammengestürzt mit seinem Hochmut, dort liegt er und starrt wie wahnsinnig. Ist dies nicht der Augenblick?

Einen Augenblick lang bleiben die Ehrsüchtigen in einem Zaudern befangen. Einen Augenblick lang wird überlegt, geschwankt.

Man hört die Frauen ihre Trauer hinausschreien, und der ehrsüchtige Mut der Männer fühlt sich entnervt.

»Nein, nein!« flüstert Artabanos, der Sohn des Artabanos. »Später, später.«

Die Offiziere weichen zurück. Artabanos weicht zurück. Der Vorhang schließt sich. Alles bleibt regungslos: die gewaltigen Kachelbilder, die Löwen auf dem Fries, die Palmen im Garten und Xerxes, der wie wahnsinnig starrt.

»Mardonios!« ruft er klagend. »Mardonios! Ithamithres! Ariabignes! Abrokomas! Hyperanthes!«

»Mardonios!« widerhallt der Schrei der Trauer fern, fern aus den Frauengemächern, und es erklingt wie ein Echo hier und dort:

»Mardonios!«

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